Dreizehntes Kapitel

 

Hercule Poirot fuhr im Taxi bei der Hickory Road 26 vor. Geronimo öffnete ihm die Tür und begrüßte ihn wie einen alten Freund. Ein Polizist stand im Flur; Geronimo zog Poirot in den Essraum und schloss die Tür.

»Es ist schrecklich«, flüsterte er, während er Poirot aus dem Mantel half. »Die ganze Zeit Polizei hier! Die stellen Fragen, gehen hierhin, gehen dahin, gucken in Schränke, gucken in Schubladen, kommen sogar in Marias Küche. Maria sehr böse. Sie sagt, sie will Polizisten das Nudelholz auf den Kopf hauen, aber ich sage, besser nicht. Ich sage, Polizist mag sicher nicht mit dem Nudelholz gehauen werden, und es gibt noch mehr Ärger, wenn Maria das tut.«

»Aus Ihnen spricht der gesunde Menschenverstand«, sagte Poirot anerkennend. »Ist Mrs Hubbard da?«

»Ich Sie führe zu ihr nach oben.«

»Einen Augenblick bitte«, bremste Poirot ihn. »Erinnern Sie sich noch an den Tag, als hier die Glühbirnen verschwunden sind?«

»O ja, ich mich erinnere. Aber das schon lange her. Ein – zwei – drei Monate.«

»Und welche Glühbirnen sind verschwunden?«

»Die von Flur und von Aufenthaltsraum, glaube ich. Jemand sich einen Scherz erlaubt. Alle Birnen herausgeschraubt.«

»Sie erinnern sich nicht vielleicht an das genaue Datum?«

Geronimo nahm Haltung an, während er nachdachte.

»Ich mich erinnere nicht genau«, sagte er. »Aber ich glaube, es war Tag, als Polizist da war, irgendwann im Februar …«

»Ein Polizist? Warum ist ein Polizist hier gewesen?«

»Er hier, um mit Mrs Nicoletis über einen Studenten zu reden. Ein sehr schlechter Student, kam aus Afrika. Hat nicht gearbeitet. Ist zum Sozialamt gegangen, hat Sozialhilfe genommen, dann hat er Frau gehabt, hat sie mit anderen Männern weggeschickt. Sehr üble Geschichte das. Hat Polizei nicht gefallen. Aber das alles war in Manchester, glaube ich, oder in Sheffield. Und dann er da weggelaufen und hierher gekommen, aber Polizei hat ihn gefunden. Hat Mrs Hubbard über ihn gefragt. Ja. Aber sie hat gesagt, er nicht hier geblieben, weil sie ihn nicht gemocht hat und wieder weggeschickt hat.«

»Aha. Und die Polizei war ihm auf die Spur gekommen.«

»Scusi?«

»Sie hat versucht, ihn zu finden?«

»Ja, ja, das ist richtig. Sie ihn haben gefunden und ins Gefängnis gesteckt. Weil er von Frau gelebt hat, und das darf man nicht. Hier ist ein anständiges Haus. Hier so was gibt es nicht.«

»Und das war der Tag, als die Glühbirnen verschwunden sind?«

»Ja. Das war so: Ich drehe den Schalter, und nichts passiert. Und dann gehe ich in Aufenthaltsraum, und da auch keine Glühbirne mehr. Ich schaue in Schublade nach Ersatzbirnen, die auch weg. Also gehe ich in Küche zu Maria und frage, ob sie weiß, wo Ersatzbirnen sind – aber sie ist böse, weil Polizei im Haus, und sie sagt, Ersatzbirnen nicht ihre Aufgabe. Also bringe ich Kerzen.«

Poirot verdaute diese Geschichte, während er Geronimo durch das Treppenhaus zu Mrs Hubbards Zimmer folgte.

 

Poirot wurde von Mrs Hubbard herzlich begrüßt. Sie sah müde und gequält aus. Sie hielt ihm sofort ein Blatt Papier hin.

»Ich habe mein Bestes getan, Monsieur Poirot, um die Dinge in die richtige Reihenfolge zu bringen, aber ich würde nicht sagen, dass die Liste jetzt hundert Prozent stimmt. Sie können sich vorstellen, wie schwierig es ist, mehrere Monate zurückzudenken und sich zu erinnern, was sich wann abgespielt hat.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Madame. Und wie geht es Mrs Nicoletis?«

»Ich habe ihr ein Beruhigungsmittel gegeben, und ich hoffe, dass sie jetzt schläft. Sie hat sich über den Durchsuchungsbefehl furchtbar aufgeregt. Sie hat sich geweigert, den Schrank in ihrem Zimmer aufzumachen, und der Inspektor hat ihn aufgebrochen, und dann sind lauter leere Branntweinflaschen herausgerollt.«

»Oh!«, sagte Poirot und machte dabei ein taktvolles Geräusch.

»Was natürlich eine ganze Menge erklärt«, sagte Mrs Hubbard. »Ich weiß nicht, wieso ich da nicht vorher drauf gekommen bin, ich habe ja schließlich in Singapur eine ganze Menge Alkoholismus gesehen. Aber das ist natürlich nicht, was Sie interessiert.«

»Mich interessiert alles«, sagte Poirot. Er setzte sich und studierte das Blatt Papier, das Mrs Hubbard ihm gegeben hatte. »Aha!«, sagte er nach einer Weile. »Der Rucksack ist jetzt also Nummer eins auf der Liste.«

»Ja. Damals schien mir das nicht besonders wichtig, aber ich erinnere mich jetzt genau, dass es passiert ist, bevor der Schmuck und die anderen Sachen verschwunden sind. Es war irgendwie gleichzeitig mit dem Ärger, den wir mit einem der farbigen Studenten hatten. Er war verschwunden, ein oder zwei Tage, bevor diese Sache passiert ist, und ich hatte gedacht, dass es vielleicht irgendeine Art Racheakt gewesen sein könnte. Es hatte nämlich, nun ja – etwas Ärger gegeben.«

»Ach ja! Geronimo hat mir davon erzählt. Sie hatten, glaube ich, sogar die Polizei hier? Ist das richtig?«

»Ja. Da lief irgendeine Ermittlung in Sheffield oder Birmingham oder so. Es war ein ziemlicher Skandal. Unmoralische Einkünfte und solche Dinge. Sie haben ihn deshalb später vor Gericht gestellt. Er war überhaupt nur etwa drei oder vier Tage hier gewesen. Sein Benehmen hat mir nämlich nicht gefallen, und da habe ich ihm gesagt, sein Zimmer sei anderweitig vergeben, und er müsse gehen. Ich war nicht sonderlich überrascht, als dann die Polizei kam. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wohin er gegangen war, aber sie haben ihn auch so geschnappt.«

»Und danach haben Sie den Rucksack gefunden?«

»Ja, ich glaube schon – ich kann mich aber nicht genau erinnern. Fest steht, dass Len Bateson trampen wollte und seinen Rucksack nicht finden konnte. Er hat einen ziemlichen Wirbel darum gemacht, und alle haben herumgesucht, und schließlich hat Geronimo den Rucksack gefunden, er steckte hinter dem Boiler in der Heizung und war ganz zerschnitten. Eine seltsame Geschichte. So merkwürdig und sinnlos, Monsieur Poirot.«

»Ja«, stimmte Poirot zu. »Merkwürdig und sinnlos.« Er dachte einen Augenblick nach. »Und an demselben Tag, als die Polizei gekommen ist, um sich nach diesem afrikanischen Studenten zu erkundigen, da sind auch die Glühbirnen verschwunden? Jedenfalls hat Geronimo mir das so erzählt. War das an dem Tag?«

»Ich kann mich nicht genau erinnern. – Ja, ja, ich glaube, Sie haben Recht, denn jetzt fällt mir wieder ein, dass ich mit dem Polizisten nach unten in den Gemeinschaftsraum gegangen bin und dass Kerzen brannten. Wir wollten Akibombo fragen, ob der junge Mann mit ihm gesprochen hatte und ob er gesagt hatte, wo er hingehen wollte.«

»Wer war noch im Aufenthaltsraum?«

»Oh, ich denke, die meisten Studenten waren zu dieser Zeit schon zurück. Es war abends, wissen Sie, etwa um sechs. Ich habe Geronimo nach den Glühbirnen gefragt, und er hat gesagt, dass sie jemand herausgeschraubt hat. Ich habe ihn gefragt, warum er sie nicht ersetzt habe, und er hat gesagt, dass wir keine Ersatzbirnen hätten. Ich war sehr ärgerlich damals, denn das schien mir ein ziemlich dummer Witz. Ich habe nämlich gedacht, es sei irgendein Scherz, kein Diebstahl, aber ich war ziemlich überrascht, dass keine Ersatzbirnen da waren, denn wir haben gewöhnlich einen recht großen Vorrat. Jedenfalls habe ich es nicht ernst genommen, Monsieur Poirot, damals nicht.«

»Die Glühbirnen und der Rucksack«, sagte Poirot nachdenklich.

»Aber es scheint mir durchaus möglich«, sagte Mrs Hubbard, »dass diese beiden Dinge nichts mit den Sünden der armen kleinen Celia zu tun haben. Sie erinnern sich sicher, dass sie sehr nachdrücklich betont hat, den Rucksack nie angefasst zu haben.«

»Ja, ja, das stimmt. Wie bald nach diesen Ereignissen begannen die Diebstähle?«

»O je, Monsieur Poirot, Sie haben ja keine Ahnung, wie schwierig es ist, sich an all die Einzelheiten zu erinnern. Lassen Sie mich nachdenken – das war im März, nein – Februar – Ende Februar. Ja, ja, ich glaube, Genevieve hat eine Woche vorher gesagt, dass sie ihr Armband vermisst. Ja, so zwischen dem 20. und 25. Februar.«

»Und danach sind die Diebstähle kontinuierlich weitergegangen?«

»Ja.«

»Und dieser Rucksack hat Len Bateson gehört?«

»Ja.«

»Und er war sehr ärgerlich darüber?«

»Nun ja, das müssen Sie nicht zu ernst nehmen, Monsieur Poirot«, sagte Mrs Hubbard mit leichtem Lächeln. »Len Bateson ist so ein Typ, wissen Sie. Warmherzig, großzügig, riesig nett, aber er hat auch eine sehr ungestüme, direkte Art.«

»Was war das für ein Rucksack – irgendetwas Besonderes?«

»Nein, nein, ein ganz gewöhnlicher Rucksack.«

»Könnten Sie mir einen ähnlichen zeigen?«

»Ja, natürlich. Colin hat so einen, glaube ich. Dieselbe Sorte. Und auch Nigel – und Len hat inzwischen auch wieder einen, er musste sich ja einen neuen kaufen. Die Studenten kaufen sie meistens in dem Laden unten am Ende der Straße. Es ist ein sehr guter Laden für alle Arten von Campingausrüstung und Wanderkleidung. Shorts, Schlafsäcke, all solche Sachen. Und sehr günstig – viel günstiger als die Warenhäuser.«

»Ob ich wohl einen dieser Rucksäcke sehen könnte, Madame?«

Mrs Hubbard führte ihn zu Colin McNabbs Zimmer.

Colin war nicht da, aber Mrs Hubbard öffnete den Kleiderschrank, bückte sich und nahm einen Rucksack heraus, den sie Poirot hinhielt.

»Das ist er, Monsieur Poirot. Der ist genau wie der, der verschwunden war, und den wir zerschnitten wiedergefunden haben.«

»Da muss man schon kräftig zuschneiden«, murmelte Poirot, als er den Rucksack prüfend befingert hatte. »Das könnte man nicht mit einer Nagelschere machen.«

»O nein, das ist nichts, was man – nun ja, zum Beispiel einem Mädchen zutrauen würde. Dazu gehört einiges an Kraft, würde ich sagen, Kraft und – nun ja, Bosheit.«

»Ich weiß, ich weiß. Keine schöne Vorstellung, unangenehm daran zu denken.«

»Und als dann später der Seidenschal von Valerie gefunden wurde, auch in Stücke geschnitten, nun ja, da sah es so aus – wie soll ich sagen – als sei das irgendwie nicht normal.«

»Ja«, sagte Poirot. »Aber ich denke, dass Sie sich in diesem Punkt irren, Madame. Ich glaube nicht, dass bei dieser Angelegenheit irgendetwas unnormal ist. Ich denke, dass das alles einen Sinn und ein Ziel hat und, wenn man so will, Methode.«

»Nun, ich muss zugeben, dass Sie mehr von diesen Dingen verstehen als ich, Monsieur Poirot«, sagte Mrs Hubbard. »Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass es mir nicht gefällt. Und so weit ich das beurteilen kann, haben wir hier eine sehr nette Gruppe von Studenten, und es würde mich sehr belasten, wenn ich mir vorstellen sollte, dass einer von ihnen – nun ja, nicht normal ist.«

Poirot war zur Fenstertür hinübergegangen. Er öffnete sie und trat hinaus auf den altmodischen Balkon. Das Zimmer war auf der Rückseite des Hauses. Unter ihm lag ein kleiner, ruhiger Garten.

»Ich nehme an, es ist hier ruhiger als auf der Vorderseite?«, sagte Poirot.

»In gewisser Weise schon. Aber Hickory Road ist keine sehr laute Straße. Und hier auf der Rückseite hat man nachts die Katzen. Die jaulen hier herum und stoßen die Deckel von den Mülleimern.«

Poirot blickte nach unten auf vier große, zerbeulte Ascheneimer und anderes Hinterhofgerümpel. »Wo ist die Heizung?«

»Das da ist die Eingangstür, da unten, neben dem Kohlenschuppen.«

»Aha.« Er blickte nach unten und überlegte. »Wessen Zimmer liegt noch auf dieser Seite?«

»Nigel Chapman und Len Bateson haben das Nachbarzimmer.«

»Und dahinter?«

»Das ist schon das Nachbarhaus mit den Räumen der Mädchen. Das erste Zimmer hatte Celia, und dahinter kommt Elizabeth Johnstons Zimmer und dann das von Patricia Lane. Valerie und Jean Tomlinson schlafen auf der Vorderseite.«

Poirot nickte und kam zurück ins Zimmer.

»Er ist ordentlich, dieser junge Mann«, murmelte er. Er sah sich anerkennend im Zimmer um.

»Ja, Colins Raum ist immer sehr gut aufgeräumt. Einige der Jungen leben in einer ziemlichen Unordnung«, sagte Mrs Hubbard. »Sie sollten Len Batesons Raum sehen.« Nachsichtig fügte sie hinzu: »Aber er ist ein sehr netter Junge, Monsieur Poirot.«

»Und Sie sagen, dass diese Rucksäcke in dem Laden am Ende der Straße gekauft worden sind?«

»Ja.«

»Wie heißt der Laden?«

»Wirklich, Monsieur Poirot, wenn Sie mich so direkt fragen, daran kann ich mich nicht erinnern. ›Mabberley‹, glaube ich. Oder ›Kelso‹. Ja, ich weiß, das klingt nicht sehr ähnlich, aber in meinem Kopf sind diese Namen eng verwandt. Das liegt daran, dass ich mal Leute gekannt habe, die ›Mabberley‹ hießen, und andere, die ›Kelso‹ hießen, und die waren sich völlig ähnlich.«

»Ja«, sagte Poirot. »Das ist etwas, was mich immer fasziniert. Der unsichtbare Zusammenhang.«

Er sah noch einmal aus dem Fenster in den Garten hinunter; dann verabschiedete er sich von Mrs Hubbard und verließ das Haus.

Er ging die Hickory Road hinunter, bis er ans Ende kam und in die Hauptstraße einbog. Er hatte keine Schwierigkeit, den Laden nach Mrs Hubbards Beschreibung zu finden. Das Schaufenster enthielt eine große Auswahl an Picknickkörben, Rucksäcken, Thermosflaschen, Sportausrüstungen jeder Art, Shorts, Buschhemden, Tropenhelmen, Zelten, Badeanzügen, Fahrradlampen und Taschenlampen, kurz alles, was ein junger, sportlicher Mensch brauchen konnte. Der Name des Ladens war, wie er feststellte, weder ›Mabberley‹ noch ›Kelso‹, sondern ›Hicks‹. Nachdem er die Auslagen im Fenster sorgfältig studiert hatte, betrat Poirot das Geschäft und gab vor, einen Rucksack für einen Neffen kaufen zu wollen.

»Er macht le camping, verstehen Sie«, sagte Poirot mit seinem ausländischsten Akzent. »Er geht mit anderen Studenten los, zu Fuß, und alles, was er braucht, das trägt er auf dem Rücken. Und die Autos und Lastwagen, die vorbeikommen, die nehmen ihn mit.«

»Ja, als Anhalter«, sagte der Mann hinter dem Tresen. »Das machen sie alle heutzutage. Lässt die Busse und die Eisenbahnen eine hübsche Stange Geld verlieren. Trampen per Anhalter durch ganz Europa, einige dieser jungen Leute. Also einen Rucksack suchen Sie, Sir. Einen ganz gewöhnlichen Rucksack?«

»Ich denke ja. Was haben Sie denn so?«

»Nun ja, wir haben ein oder zwei besonders leichte Modelle für Damen, aber dies hier ist unser Standardartikel. Gut, solide, hält eine Menge aus und ist dabei noch sehr günstig im Preis, das muss ich ehrlich sagen.«

Er legte Poirot einen stabilen Rucksack aus Segeltuch vor, der, soweit Poirot das beurteilen konnte, das exakte Abbild des Rucksacks war, den er in Colins Zimmer gesehen hatte. Poirot untersuchte ihn, stellte ein paar weitere ungewöhnliche und unnötige Fragen und bezahlte ihn schließlich.

»Ja, der wird viel gekauft«, sagte der Mann, als er den Rucksack einpackte.

»Es wohnen ja auch ziemlich viele Studenten hier in der Gegend, nicht wahr?«

»Ja. Hier in der Gegend gibt es eine Menge Studenten.«

»Da gibt es auch ein Studentenwohnheim in der Hickory Road, soweit ich weiß?«

»O ja. Ich habe schon so manchen von diesen Rucksäcken an die jungen Herren dort verkauft. Und an die jungen Damen. Sie kommen gewöhnlich hierher, um sich für ihre Touren auszurüsten. Meine Preise sind niedriger als in den Warenhäusern, und das sage ich ihnen auch. So, das ist Ihr Rucksack, mein Herr, und ich bin sicher, Ihr Neffe wird entzückt sein, wie praktisch er ist.«

Poirot bedankte sich und ging mit seinem Paket nach draußen. Er war erst einen oder zwei Schritte gegangen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. Es war die Hand von Inspektor Sharpe.

»Genau der Mann, den ich jetzt brauche«, sagte Sharpe.

»Haben Sie Ihre Durchsuchung beendet?«

»Ja, wir haben das Haus durchsucht, aber ich weiß nicht, ob wir viel erreicht haben. – Ein Stück weiter von hier kann man ein anständiges Sandwich und eine Tasse Kaffee bekommen. Kommen Sie doch mit, wenn es Ihre Zeit erlaubt. Ich würde gern mit Ihnen sprechen.«

Der Imbiss war fast leer. Die beiden Männer trugen ihre Teller und Tassen zu einem kleinen Tisch in der Ecke. Hier fasste Sharpe die Ergebnisse seiner Befragung der Studenten zusammen.

»Der Einzige, gegen den wir irgendwelche belastenden Tatsachen herausgefunden haben, ist Nigel Chapman«, sagte er. »Und auch das ist nicht allzu viel. Drei Sorten Gift sind durch seine Hände gegangen! Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er irgendwelche Animositäten gegen Celia Austin gehegt hat, und ich bezweifle, dass er sich so freimütig über seine Aktivitäten geäußert hätte, wenn er wirklich schuldig wäre.«

»Allerdings ergeben sich dadurch neue Möglichkeiten.«

»Ja – das ganze Zeug einfach in die Schublade zu packen. Dieser Kindskopf!«

Er fuhr fort mit seinem Bericht über Elizabeth Johnston und wiederholte ihre Darstellung dessen, was Celia ihr gesagt hatte. »Wenn das wahr ist, ist es natürlich sehr wichtig.«

»Sehr wichtig«, stimmte Poirot zu.

Der Inspektor zitierte: »Morgen werde ich mehr darüber wissen.«

»Und das Ergebnis war, dass es für das arme Mädchen kein Morgen mehr gegeben hat. – Ihre Haussuchung – ist dabei irgendetwas herausgekommen?«

»Nun ja, es gab ein oder zwei Dinge, die – wie soll ich sagen – uns etwas überrascht haben.«

»Und was war das?«

»Elizabeth Johnston ist Mitglied der Kommunistischen Partei. Wir haben ihre Mitgliedskarte gefunden.«

»Ja«, sagte Poirot nachdenklich. »Das ist interessant.«

»Das hätte ich nicht erwartet«, sagte Inspektor Sharpe. »Jedenfalls nicht, bevor ich sie gestern vernommen habe. Sie ist eine starke Persönlichkeit, dieses Mädchen.«

»Ich würde meinen, sie ist sicher eine wertvolle Errungenschaft für die Partei«, sagte Hercule Poirot. »Sie ist eine junge Frau von ganz ungewöhnlicher Intelligenz.«

»Ich fand das sehr interessant«, sagte Inspektor Sharpe, »weil sie diese Sympathien offenbar nie gezeigt hat. Sie hat in der Hickory Road mit niemandem darüber gesprochen. Ich sehe allerdings nicht, dass das irgendeine Bedeutung hat im Zusammenhang mit dem Mord an Celia Austin – aber es ist ein Punkt, den man natürlich im Auge behalten muss.«

»Was haben Sie noch gefunden?«

Inspektor Sharpe zuckte mit den Schultern. »Miss Patricia Lane, in ihrer Schublade haben wir ein Taschentuch gefunden, das ziemlich stark mit grüner Tinte befleckt war.«

Poirot hob die Augenbrauen. »Grüne Tinte? Patricia Lane! Also könnte sie es gewesen sein, die die Tinte genommen und über Elizabeth Johnstons Aufzeichnungen gegossen hat, und hinterher hat sie ihre Hände abgewischt. Allerdings …«

»Allerdings würde sie wohl kaum gewollt haben, dass ihr lieber Nigel in Verdacht gerät«, beendete Sharpe den Satz für ihn.

»Das sollte man denken. Natürlich könnte auch jemand anders das Taschentuch in ihre Schublade getan haben.«

»Das ist gut möglich.«

»Noch irgendetwas?«

»Nun ja«, Sharpe überlegte einen Augenblick. »Es scheint, Leonard Batesons Vater ist in der Psychiatrischen Anstalt in Longwith Vale als Patient. Ich nehme nicht an, dass das irgendeine besondere Bedeutung hat …«

»… aber Len Batesons Vater ist geisteskrank. Wahrscheinlich ohne Bedeutung, wie Sie sagen, aber auch das ist etwas, was man im Gedächtnis behalten sollte. Es wäre sogar von Interesse, herauszufinden, welche Art von Geisteskrankheit er hat.«

»Bateson ist ein netter junger Bursche«, sagte Sharpe. »Aber seine Wutanfälle sind natürlich schon, nun ja, ein wenig unkontrolliert.«

Poirot nickte. Plötzlich erinnerte er sich lebhaft daran, wie Celia Austin gesagt hatte: »Den hab ich nicht zerschnitten. Da hatte wohl jemand so eine Art Wutanfall.« Woher wusste sie, dass es ein Wutanfall gewesen war? Hatte sie gesehen, wie Len Bateson auf den Rucksack einhackte? Er kehrte in dem Moment in die Gegenwart zurück, als Sharpe mit einem Grinsen sagte:

»… und Mr Achmed Ali besitzt einige extrem pornographische Postkarten, was wohl erklärt, warum er über die Durchsuchung so aufgebracht war.«

»Es gab viele Proteste, nehme ich an?«

»Das kann man sagen. Ein französisches Mädchen wurde praktisch hysterisch, und ein Inder, Mr Chandra Lal, drohte damit, das Ganze zu einem internationalen Zwischenfall aufzubauschen. Es gab auch zwischen seinen Sachen einige subversive Schriften – das übliche halbgare Zeug –, und einer der Westafrikaner hatte einige ziemlich Furcht erregende Souvenirs und Fetische. Ja, so eine Durchsuchung zeigt einem die besonderen Seiten der menschlichen Natur. Sie haben vermutlich schon von Mrs Nicoletis und ihrem privaten Schrank gehört?«

»Ja, davon habe ich gehört.«

Inspektor Sharpe grinste. »Ich habe noch nie in meinem Leben so viele leere Branntweinflaschen gesehen! Und sie war wahnsinnig böse auf uns!« Er lachte, aber dann wurde er schlagartig wieder ernst. »Aber wir haben nicht gefunden, was wir gesucht haben«, sagte er. »Keine falschen Pässe, nur ganz normale, gültige.«

»Sie können aber auch kaum erwarten, dass jemand Dinge wie einen falschen Pass so offen herumliegen lässt, dass Sie sie finden können, mon ami. – Haben Sie eigentlich schon früher einmal der Hickory Road 26 wegen einer Passgeschichte einen offiziellen Besuch abgestattet? Sagen wir, in den letzten sechs Monaten?«

»Nein. Ich kann Ihnen die Male aufzählen, die wir hier gewesen sind – in dem Zeitraum, den Sie genannt haben.«

Er tat das in aller Ausführlichkeit.

Poirot hörte zu und runzelte die Stirn. »Das macht alles keinen Sinn«, sagte er. Er schüttelte den Kopf. »Den Sinn können wir nur herausfinden, wenn wir ganz am Anfang anfangen.«

»Und was würden Sie als den Anfang bezeichnen, Poirot?«

»Den Rucksack, mein Freund«, sagte Poirot sanft. »Den Rucksack. Alles fing an mit einem Rucksack.«