Akkumulator II (Nacht im Park)
„Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die ewige Wiederkehr.“
(Friedrich Nietzsche)
Stocksteif saß Denise in ihrer Hängematte. Die linke Hand um einen Ast gepresst, um ein Schaukeln und damit ein Geräusch, zu verhindern.
Sie nutzte gern in warmen Sommernächten die im letzten Jahr von den Parkschützern angelegten Schlafstellen in den Bäumen. Seit sich die Querelen um ›Stuttgart 21‹ gelegt hatten, besetzten die Umweltaktivisten diese nicht mehr. In der luftigen Höhe ließ es sich hervorragend schlafen. Außer turtelnden Liebespaaren störte niemand die Ruhe.
Ihr Unterarm begann zu schmerzen, sie lockerte ihren Griff und schüttelte die Finger aus. Ihr Puls beruhigte sich, die Gedanken fanden zu ihrer üblichen Klarheit zurück. Sie hatte gerade einen Mord beobachtet.
*
War es vorstellbar, dass …? Sie versuchte sich zu verbieten, den Gedankengang weiterzudenken, doch dieser krallte sich hartnäckig an ihren Gehirnwindungen fest. Der Mann hatte das Opfer nicht durchsucht oder bestohlen – einen Raubmord konnte sie ausschließen. So friedlich, wie die beiden nebeneinander hergegangen waren, schloss sie eine Tötung im Streit oder eine Beziehungstat ebenfalls aus.
Blieb die Option eines Sexualmordes. Absurd! Der Mörder hatte die junge Frau nicht angefasst, wenn man den Griff um den Hals, mit dem er sie erwürgt hatte, außen vor ließ. Der ursprüngliche Gedanke meldete sich mit einem leisen Kichern. Er ist wie du!
»Nein, ist er nicht!«
Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Niemand durfte sie jetzt bemerken, hier in der direkten Nachbarschaft eines Tatortes. Der Blick des Mannes, als er dem Opfer die großen Hände um den Hals gelegt hatte. Das gierige Glitzern in den Augen. Wie er während ihres Sterbens förmlich gewachsen war, seine Gestalt sich aufrichtete – ließ das einen anderen Schluss zu, als den, dass er die Lebensenergie in sich aufgesaugt hatte?
Sie musste Gewissheit bekommen! Sorgfältig auf jedes entstehende Geräusch achtend, öffnete sie den Reißverschluss des Sommerschlafsacks, schob sich aus der Hängematte und kletterte geschmeidig nach unten. Die letzten zwei Meter ließ sie sich fallen, rollte sich auf dem Rasen ab und rannte los. Der Kerl war in Richtung der Mineralbäder gegangen. So schnell sie konnte, sprintete Denise durch die Dunkelheit.
Ihr Denken kreiste um den großen, massigen Mann. Wenn er tatsächlich wie sie war? Sie wusste seit ihrem vierzehnten Lebensjahr, was sie war. Im September würde sie ihren neunundsechzigsten Geburtstag feiern und in der ganzen Zeit, in der sie sich von der Lebensenergie ihrer Mitmenschen ernährte, hatte sie niemanden getroffen, der ihr ähnelte.
Schwer atmend erreichte sie die U-Bahn-Station an den Mineralbädern und sah sich um. An einen Fahrkartenautomat gelehnt stand jemand. Der Körper verschmolz mit dem Schlagschatten der Überdachung. Mit leisen Schritten bewegte sich Denise auf ihn zu. Unter der Leuchtanzeige, die verkündete, dass die nächste Bahn in zwei Minuten einfahren würde, blieb sie stehen. Alles in ihr schrie danach, sich umzudrehen und sich zu vergewissern, dass der Schatten der Gesuchte war.
Ratternd fuhr die Bahn ein. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete sie, wie der Fremde einstieg. Schnell trat sie einen Schritt vor, drückte den Türöffner und betrat ebenfalls den Waggon. Sie sah sich um, als würde sie nach einem Platz Ausschau halten, und musterte dabei den Mann. Das lange blonde Haar war unverkennbar und diesen Trenchcoat hätte sie überall wiedererkannt. Er setzte sich nicht. Hoch aufgerichtet blieb er bei den Türen stehen. Denise ließ sich auf einen freien Platz fallen und tat so, als würde sie aus dem Fenster sehen. In der Scheibe konnte sie sein Spiegelbild mustern. Er stand ruhig da, in sich gekehrt, als meditiere er. Kurz vor der Haltestelle Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt hob er die Hand, streifte sich die langen Strähnen aus dem Gesicht und sah zu ihr hin. Seine Augen waren tiefschwarz und schienen vor Energie zu glitzern. Denise ließ sich nicht beirren und täuschte weiter Interesse an den vorbeiziehenden Lichtern der Stadt vor. Die Bahn verlangsamte ihre Fahrt, der Mann drehte sich zum Ausgang. Sie schlüpfte von ihrem Sitz und schlenderte zum hinteren Teil des Fahrzeugs.
Zischend öffneten sich die Türen. Sie trat auf den Bahnsteig, warf einen schnellen Blick zu ihm hinüber. Er hatte sich nach rechts gewandt. Ein leichter Wind war aufgekommen und bauschte seinen Mantel. Denise entfernte sich in Gegenrichtung, blieb hinter einem Stahlträger stehen und wartete ab. Der Mann überquerte die Fahrbahn, ging ohne Eile den Bürgersteig entlang. Nachdem er um eine Ecke gebogen war, kam Bewegung in Denise. Sie gab sich Mühe, ihr Tempo zu drosseln, um nicht aufzufallen. An der Seitenstraße stoppte sie und spähte hinein. Sie musste sich zu ihrem Glück gratulieren. Er war im Begriff in einer Hofeinfahrt zu verschwinden, der Saum seines Mantels schien einen letzten Gruß zu winken. Wohnte er dort? Oder hatte er sie bemerkt und stellte ihr eine Falle? Er hatte nicht gewirkt, als würde er sich Gedanken um mögliche Verfolger machen. Und der Blick in der U-Bahn? Zufall? Wenn er war wie sie, konnte er so unbekümmert agieren? Immerhin tötete er Menschen!
*
Er ist wie du! Die leise Stimme in ihrem Unterbewusstsein war nicht zu überhören. Es hätte dieser Aufforderung nicht bedurft. Denise erreichte die Hausecke und versuchte das Dunkel der Einfahrt mit ihren Blicken zu durchdringen. Aus einem Fenster drang ein sanfter Lichtschein. Sie schlich näher. Es war gekippt, die Vorhänge zugezogen. Sie schob sich an den Rahmen heran und lauschte.
»Hast du mir etwas mitgebracht?«
Es war die Stimme einer älteren Frau. Sie klang müde.
»Natürlich Mutter.«
In Denises Nacken stellten sich die Härchen auf. Diese Stimme hatte denselben Unterton, den sie benutzte, wenn sie ihre Opfer arglos machen wollte! Schritte waren zu hören, Stille folgte.
»Ah, danke Patrick!«
Die Frau hörte sich erfrischt an, wie von einer Last befreit. Denise hatte genug gehört, sie zog sich zurück. Er war wie sie! Zumindest so ähnlich. Er tötete mit Gewalt, das war der erste Unterschied, und er benutzte die gewonnene Energie nicht für sich, das war der zweite.
Wie dumm von ihm. Stärke, Schnelligkeit, gewaltige Selbstheilungskräfte und nicht zuletzt Unsterblichkeit – das alles hätte er bekommen können. Was tat er? Er verschenkte es. Törichter Patrick!
*
Die Nacht war ihr endlos erschienen, ruhelos war sie durch die Wohngebiete der schlafenden Stadt gelaufen und hatte nachgedacht. Sie wollte diesen Patrick kennenlernen, das war ihr klar geworden. Gegen acht Uhr war sie in einem Café unweit seiner Wohnung gestrandet. Sie nippte an ihrem Tee. Wie sollte sie an ihn herankommen? Ich kann doch nicht zu ihm gehen und an der Tür klingeln? Oder doch?
Der Metallstuhl schepperte, als sie ihn zurückschob. Ein Zwei-Euro-Stück landete neben der Teetasse und sie verließ das Lokal.
Das Haus machte bei Tageslicht einen warmen, heimeligen Eindruck. Denise stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und betrachtete es.
Wie mein eigenes Spiegelbild, dachte sie. Von außen scheint es harmlos zu sein, und im Inneren wohnt ein Monster.
Mit einem Kribbeln im Bauch und einem leisen Kichern im Hinterkopf überquerte sie die Straße. ›P. und M. Maurer‹ war mit Kugelschreiber auf das Klingelschild, das zur Erdgeschosswohnung gehörte, gekritzelt. Sie klingelte. Eine halbe Minute lang passierte nichts. Denise schwankte zwischen gehen und abermals klingeln, als der Türöffner summte. Sie drückte die Tür auf und betrat das Treppenhaus.
»Ach, du bist das.« Patrick stand in der geöffneten Wohnungstür. »Ich habe mich schon gefragt, wann du auftauchen würdest.«
Er deutete eine einladende Geste an und gab den Eingang frei.
»Ja, ich bin das.« Sie trat ein und sah sich um. »Ich dachte mir, dass ich dir aufgefallen bin.«
Er führte sie in die gemütlich eingerichtete Küche, zeigte auf einen Stuhl und setzte sich auf den gegenüberliegenden. Er erschien ihr geradezu riesig in dem kleinen Raum.
»Ich heiße Patrick«, sagte er und sie hörte deutlich den hypnotischen Unterton.
»Mein Name ist Denise.« Sie überlegte, wie viel sie ihm sagen sollte. »Und ich bin wie du.«
Patrick zog eine Augenbraue hoch. »Das vermutete ich schon, deine Augen haben dich verraten.«
Ihre Blicke trafen sich. Der eine Moment reichte ihr, sie streckte ihre Fühler nach seinem Energiezentrum aus und fing an, ihn auszusaugen. Wie durch einen unsichtbaren Schlauch rann langsam das Leben aus ihm heraus, ohne dass er es bemerkte.
»Und was willst du von mir?«
»Ich will dich kennenlernen. Herausfinden, inwieweit wir uns gleichen.«
Sie musste sich anstrengen, ihre Erregung nicht zu zeigen. Was da unaufhaltsam in sie hineinfloss, war unvergleichlich – eine Kraft, so mächtig wie die von Patrick, hatte sie noch nie erlebt.
»Wie bist du geworden, was du bist? Wie hast du es entdeckt?«
»Alles begann, als …«
Bereitwillig erzählte er ihr alles. Von der Krankheit seiner Mutter, dem angefahrenen Hasen, den Mäusen, bis hin zu dem Punkt, an dem er feststellen musste, dass nur menschliche Energie ausreichend war. Während er sprach, stillte Denise weiter ihren Hunger.
»Du bist ganz schön dumm, weißt du das?«, fragte sie, als er geendet hatte.
Sein Kopf sank vornüber. Er stützte sich mit beiden Händen am Tisch ab und starrte sie mit einer Mischung aus Unglauben und Entsetzen an.
»Was tust du?«, krächzte er.
Sie überging seine Frage.
»Du könntest grenzenlose Macht besitzen, Unsterblichkeit erlangen. Und was tust du stattdessen? Du verschleuderst alles an eine Todgeweihte, eine Sterbliche!«, spuckte sie ihm entgegen.
»Du darfst mich nicht töten!« Seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern. »Was wird aus meiner Mutter, wenn ich nicht mehr da bin, um ihr zu helfen?«
Seine Arme wurden kraftlos, er sank mit dem Oberkörper auf die Tischplatte. Patrick versuchte den Kopf zu heben und sie anzusehen, es gelang ihm nicht mehr. Gleich würde es vorbei sein.
»Keine Sorge.« Denise erhob sich und sah auf ihn hinunter. »Sie wird nicht leiden.«