Zürich im Regen
„Ist es nicht in Wahrheit so, dass nicht die Menschen sich begegnen, sondern die Schatten, die ihre Vorstellungen werfen?“
(Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon)
Claudia öffnet die Tür des Cafés und macht zwei Schritte in die angenehme Wärme. Sie schüttelt ihre braune Lockenmähne, um die Reste des lästigen Nieselregens daraus zu entfernen. Ihr Blick schweift durch den L-förmigen Raum und gleitet über die lange Bar mit einem Tresen aus glänzendem schwarzen Holz. Dort lümmelt sich ein Pärchen auf den Barhockern, das ungeniert mit sich beschäftigt ist. Der Anblick weckt erneut ihren Ärger und ihre Wut – den Ärger über sich und die Wut auf Albert, dieses Riesenarschloch. Warum sagen Männer die falschen Dinge zur falschen Zeit? Ihr ist klar, dass sie dieses Geheimnis niemals ergründen wird.
Sie tritt weiter in den Raum hinein. Niemand beachtet sie. Im vorderen Teil sind alle Tische besetzt. Sie umrundet die ausladende Bar, um in den hinteren Teil zu sehen. Dort stehen drei Tische, von denen lediglich einer besetzt ist. Ein blonder Mann sitzt dort, in eine Zeitung vertieft. Claudia erkennt ihn sofort! Er trägt einen hellbraunen Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt über einem Hemd in gedecktem Weiß und eine farblich passende Cargohose. Wie kommt Martin Luger nach Zürich? Was macht er hier? Oh Gott, wie hatte sie diesen Mann begehrt! Ihre schlechte Stimmung verfliegt.
Er war nicht wie die anderen Kerle, die nur ihr Äußeres sahen und ihren makellosen Körper wollten. Sie hatte ihn geliebt, damals in Kiel.
Es hatten sich damals nur interessierte Blicke oder kurze, belanglose Gespräche ergeben. Er war einer von den wenigen, die sich ihren Verführungskünsten entzogen hatten. Man sieht sich immer zweimal im Leben, denkt sie bei sich.
Zügig durchquert sie das Lokal und betritt die Toiletten. Sorgfältig überprüft sie vor dem Spiegel ihr Make-up, bessert es geschickt nach und vergewissert sich, dass alle Spuren der zurückliegenden Aktivitäten beseitigt sind. Als alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt ist, kramt sie ein Handy aus der Handtasche, bucht ein Zimmer im ›Marriott Hotel‹ und bezahlt es mit Kreditkartennummer. Es ist Alberts Handy. Und es ist Alberts Kreditkarte.
Claudia schlendert zurück in den Gastraum und bleibt neben dem Tisch stehen, an dem Martin Luger noch immer in die ›Neue Zürcher Zeitung‹ vertieft ist. Drei Sekunden vergehen, in denen sie sich deplatziert fühlt wie Heidi in Frankfurt, bis er endlich fragend zu ihr aufsieht. Sie setzt ihr schönstes Lächeln auf.
»Claudia Behrends.« Sie deutet mit dem Finger auf ihre Brust. »Sag mal, erinnerst du dich etwa nicht an mich?«
Erkennen blitzt in seinen Augen auf.
»Claudia …« Er steht von seinem Stuhl auf und breitet die Arme aus. »Claudia Behrends, ich fasse es nicht. Was treibt dich nach Zürich?«
Sie umarmt ihn sanft, Küsschen rechts, Küsschen links.
»Ich bin gewissermaßen geschäftlich hier«, antwortet sie ihm, während sie den Blick seiner tiefblauen Augen genießt. Eine kleine Gänsehaut wandert über ihren Rücken. ›Diese Augen …‹, wispert es in ihrem Kopf, ›… diese Augen!‹
»Und du, Martin, was machst du in der schönen Schweiz?«, will sie wissen, während sie ihm beim Zurechtrücken ihres Stuhls zusieht. Bevor er ihr helfen kann, schält sie sich aus ihrem dunkelblauen Blazer und wirft ihn locker über die Lehne, ehe sie sich setzt.
»Ich bin auch gewissermaßen geschäftlich hier«, klärt er sie lächelnd auf und nimmt ihr gegenüber Platz.
Diese Augen …
Ein Kellner, stilecht in schwarzer Hose, weißem Hemd und schwarzer Weste gekleidet, unterbricht ihre wirbelnden Gedanken. Sie hat ihn nicht kommen sehen.
»Was darf ich Ihnen bringen?«, fragt er mit unverkennbar schweizerdeutschem Akzent.
»Einen Cappuccino«, bestellt Martin für sie, »bitte ohne Schokostreusel!«
Der Kellner wartet kurz ihr zustimmendes Nicken ab und entschwindet in Richtung Bar.
»Daran kannst du dich noch erinnern?«, fragt Claudia überrascht.
Seine Augen suchen die ihren. »Ich kann mich an ziemlich viel von dir erinnern.«
Der leicht zweideutige Ausdruck in seinem Lächeln lässt eine Gänsehaut auf ihrem Rücken entstehen. Sie bemerkt, dass sie ihn will, wie sie Albert wollte.
»Du hast also an mich gedacht?« Sie stellt diese Frage, obwohl sie die Antwort zu kennen glaubt. Wie sie jeden Satz, jede Bewegung, jeden Gedanken kennt, den es in diesem Spiel gibt. Sie hat es so oft gespielt, dass sie vorausahnen kann, was als Nächstes gesagt wird. Es ist ihr Spiel. Sie kennt es und sie führt es. Sie ist diejenige, welche die Regeln bestimmt! Bis es – jenseits eines gewissen Punktes – keine Regeln mehr gibt.
*
Ein Klappern holt sie in die Gegenwart zurück. Der Kellner stellt eine große Tasse mit dampfendem Cappuccino vor ihr ab und Martin gibt ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er bezahlen wird.
»Ja«, sagt er langsam, »ich habe oft an dich gedacht und mir überlegt, was sich aus uns entwickelt hätte, wenn Klaus Brückmann nicht aufgetaucht wäre.«
Sie sieht ihn an. Ihrer Meinung nach genügt dieser Blick als Antwort.
»Was ist aus Klaus eigentlich geworden?«, will er wissen. Sie sieht ihn noch immer an, hat das Gefühl in seinen Augen zu versinken.
»Sag schon Claudia«, bohrt er nach.
»Ach den Klaus … den hab ich irgendwann aus den Augen verloren.«
Was für eine schöne Frau sie ist. Aus der schlaksigen 20-jährigen ist eine reife 33-jährige geworden, deren Aussehen die Jahre nicht geschadet haben – im Gegenteil.
Martin bemerkt, dass er sie anstarrt, und sie bemerkt es ebenfalls. Ein sanftes Lächeln umspielt ihre Lippen. Claudia hebt die Tasse an den Mund, trinkt einen Schluck. Mit der Zungenspitze leckt sie sich den Milchschaum von der Oberlippe und registriert, dass Martins Augen ihrer Bewegung folgen.
Diese Augen … diese wunderbaren blauen Augen.
»Erzähl«, zwingt sie sich zu fragen. »Wie ist es dir ergangen, in den letzten …«
Sie grübelt und er unterbricht sie: »Dreizehn Jahre sind es.« Und er fährt fort: »Ich musste zur Bundeswehr, und als ich wiederkam, warst du verschwunden. Später hab ich den Beruf gewechselt und bin nach Wiesbaden gezogen.«
»Ich finde es wunderbar, dass wir uns jetzt hier treffen.« Ihre braunen Augen leuchten und er kann sich nur schwer von diesem Blick losreißen.
»Ja, das finde ich auch«, antwortet er mit leicht brüchiger Stimme, die seine Gefühle verrät. Er ist fasziniert von dieser Frau, obwohl ihm sein Kopf sagt, dass es nicht sein darf.
Der Kellner tritt an den Tisch: »Darf ich Ihnen noch ein ›Züri‹ bringen?«
Wie Kinder, die bei einem verbotenen Spiel ertappt wurden, fahren sie auseinander. Sie waren sich sehr nahe gekommen und um ein Haar hätten sich ihre Hände berührt.
»Ja bitte!« Martin nickt dem Kellner zu und reicht ihm sein leeres Glas.
Claudias Hände liegen auf dem Tisch, er legt seine daneben und streicht mit dem Daumen leicht über ihren Handrücken. Verdammt, was tust du da, weist er sich zurecht, kann aber nicht aufhören. Ihre warme, weiche Haut ist zu verführerisch. Dass der Kellner zurückkommt und das bestellte ›Züri Hell‹ auf den Tisch stellt, bemerken beide nur am Rande.
*
Obwohl Claudia auf eine Berührung vorbereitet war, überraschte sie ihre heftige Reaktion. Von ihrem Handrücken zuckt ein Impuls los, der den Arm hochschießt, sich über ihre Seiten zum Bauch fortsetzt und zwischen ihren Beinen ein heftiges Kribbeln hinterlässt. Ihre Blicke fressen sich so stark ineinander, dass dort, wo sie sich treffen, eigentlich ein Punkt glühender, plasmatisierter Luft entstehen müsste. Sie streift sich den linken Schuh vom Fuß und berührt mit der Sohle Martins Knöchel. Langsam lässt sie ihre Zehen unter den Saum seiner beigefarbenen Hose wandern und streichelt mit den Fußballen zärtlich seine Wade.
In Martins Kopf explodieren Bilder von nackten, verschwitzten Körpern. Es sind ihre Körper. Mit einem leichten Kopfschütteln versucht er, die Visionen von hemmungslosem Sex zu verscheuchen. Es gelingt ihm nur unzureichend. Er hat begonnen, mit Claudias Fingern zu spielen. Er weiß, dass er zu weit geht, dass das, was hier gerade abläuft, nicht sein darf.
Martin hatte sich erst gesträubt, als ihm sein Vorgesetzter eröffnete, dass er nach Zürich fliegen sollte. Da er für diesen Auftrag prädestiniert war, hatte er schließlich zugestimmt. Und jetzt sitzt er hier in diesem gemütlichen Café; und ihm gegenüber die aufregendste Frau, die er sich vorstellen kann.
Claudia hebt ihre Hand und legt sie an seine Wange. Sanft streichelt sie mit dem Daumen unter seinem Auge entlang. »Ich liebe deine Augen«, sagt sie leise.
Martin zuckt innerlich zusammen. Wie oft sie das schon zu einem Mann gesagt hat? Er verkneift sich die Erwiderung und murmelt stattdessen: »Ich habe ein Zimmer im ›Comfort Inn Royal‹.«
»Warum sitzen wir noch hier?« Es ist weniger eine Frage, mehr eine Feststellung.
Martin winkt dem Kellner. Er spendiert ein großzügiges Trinkgeld und bittet darum, ein Taxi zu rufen. Im Aufstehen schlüpft Claudia geschickt in ihren linken Schuh. Martin schnappt sich seine Lederjacke vom Garderobenhaken und zieht sie sich über die breiten Schultern. Während Claudia noch in die sinnliche Betrachtung seiner geschmeidigen Bewegungen vertieft ist, nimmt er ihren Blazer von der Stuhllehne und hilft ihr hinein. Sie greift, wie selbstverständlich, nach seiner Hand und zusammen treten sie auf den im Licht der Straßenlaternen nass glänzenden Bürgersteig.
Es regnet noch immer leicht. Schnell gleiten beide auf die Rückbank des bereitstehenden Taxis.
»Zum ›Comfort Inn Royal‹ an der Leonhardstraße, bitte«, weist Martin den Fahrer an.
Dieser nickt und fädelt das Taxi in den Verkehr ein. Bis der Wagen vor dem Hotel ausrollt, sprechen beide kein Wort. Sie empfinden das Schweigen nicht als unangenehm. Martin bezahlt den Taxifahrer. Es regnet stärker. Sie laufen mit über den Kopf gezogenen Jacken zum Eingang des Hotels. Während Claudia in der Eingangshalle wartet, lässt Martin sich an der Rezeption den Schlüssel aushändigen.
*
»Geh du schon mal hinauf.« Er drückt ihr den Schlüssel in die Hand. »Ich muss noch ein Fax abschicken. Termine, du verstehst?«
Sie nimmt seinen Hemdkragen zwischen Daumen und Zeigefinger und zieht sein Gesicht zu sich heran. Zärtlich küsst sie ihn auf den Mund.
Diese herrlichen blauen Augen …, echot es in ihrem Gehirn.
»Lass mich nicht zu lange warten!«, erwidert sie und entschwindet mit elegantem Hüftschwung in Richtung Fahrstuhl.
*
Er ist wie alle Anderen, schießt es durch Claudias Kopf. Er will nur meinen Körper! Sie sind alle gleich, diese Kerle!
»Zweiter Stock!«, ruft ihr Martin hinterher, bevor er sein Handy aus der Jackentasche fischt und eine Nummer wählt. Noch während er spricht, überprüft er den kleinen, metallischen Gegenstand unter der Knopfleiste seines Hemdes.
Mit der Aufforderung: »Beeilt euch bitte!«, beendet er das Gespräch und lässt das Telefon in die Jackentasche gleiten.
*
Claudia öffnet die Tür von Zimmer 207 und begutachtet die Einrichtung. Es ist ein mittelgroßes Zimmer, mit einem breiten Bett unter dem Fenster, einem Schreibtisch, der unvermeidlichen Minibar, einem Fernsehschränkchen und einem dreitürigen Kleiderschrank. In der Raummitte stehen zwei Ledersessel und ein kleiner Glastisch.
Sie schaltet den Fernseher an und öffnet die Minibar. Nach einem kurzen Blick über die angebotenen Getränke nimmt sie eine Flasche Wodka, zwei Dosen ›Red Bull‹ sowie zwei Gläser heraus und bereitet die Drinks zu. Aus ihrer Handtasche kramt sie ein Fläschchen und zählt daraus zehn Tropfen in eines der Gläser. Aus dem anderen Glas trinkt sie einen kleinen Schluck und achtet penibel darauf, dass sie eine kleine Lippenstiftspur am Rand zurücklässt.
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Martin wartet fünfzehn Minuten, bis er sich zum Lift begibt und in den zweiten Stock hinauffährt. Als er das Zimmer betritt, vernimmt er das Plätschern der Dusche. Sie singt. Es ist ein Kinderlied.
»Meine Augen sind verschwunden, ich habe keine Augen mehr …, da sind ja meine Augen wieder, trallalallala …«
Martin hört, wie das Plätschern verstummt und Sekunden später tritt Claudia in einem Hotelbademantel aus dem Bad. Sie hat den Mantel offen gelassen und trägt nichts als blanke, weiche Haut darunter. Der Anblick ihrer schlanken, weiblichen Formen gefällt Martin. Interessiert sieht er zu, wie sie die beiden Gläser von der Minibar nimmt, sie auf das Tischchen stellt und sich dekorativ in einen der Sessel drapiert. Sie angelt sich ihr Täschchen vom Boden. Den Taschenspiegel in der einen und den Lipliner in der anderen Hand zieht sie ihren vollen Mund nach.
Martin schlendert zum zweiten Sessel und lässt sich hineinfallen.
»Du bist wunderschön, Claudia.« Seine Stimme hat einen eigenartigen Klang, als er das sagt.
In ihrem Gesicht zuckt es kaum merklich, als sie eines der Gläser nimmt und es ihm hinhält.
»Lass uns einen Schluck trinken«.
»Nein danke!«, antwortet er. »Ich würde jetzt viel lieber hören, was mit Klaus Brückmann passiert ist …« Das Zucken in ihrem Gesicht wiederholt sich, diesmal stärker. »… und mit deinen anderen Liebhabern!«, ergänzt er.
Mit einer schnellen Bewegung zieht Claudia eine kleine Pistole aus ihrer Handtasche. »Trink das verdammte Glas aus, du schwanzgesteuertes Stück Dreck!« Ihre Stimme ist schneidend wie Glas und ihre Augen glühen dunkel.
In Martins Blick schimmert ein Funken Bedauern, als er laut und deutlich »Zugriff!« ruft.
*
Mit einem Knall, der in der Enge des Zimmers ohrenbetäubend wirkt, entlädt sich die Pistole in Claudias Hand. Martin lässt sich seitlich aus dem Sessel fallen und rollt sich ab. Die Zimmertür wird so heftig aufgestoßen, dass das Holz beim Aufprall auf den Türstopper krachend zersplittert. Vier Männer in Kampfanzügen des Sondereinsatzkommandos stürmen in den Raum. Claudia dreht sich zu ihnen um, die Pistole im beidhändigen Anschlag. Ein zweiter Schuss zerreißt die Luft. Die Kugel stößt sie aus dem Sessel, sie stürzt zu Boden. Sofort ist einer der Polizisten bei ihr und fesselt ihre Hände mit Handschellen auf den Rücken. Ein zweiter Mann tritt mit dem Fuß die Waffe aus ihrer Reichweite.
»Sicher!«, ruft er laut.
*
Zwei Tage später sitzt Martin an seinem Schreibtisch im BKA in Wiesbaden. Die Wunde an seinem Oberarm zwickt zwar noch, aber er will diesen Fall schnell abschließen.
In einem Schließfach, das zu einem Schlüssel aus Claudias Handtasche gehörte, hatten seine Schweizer Kollegen vierzehn, in Formaldehyd konservierte Augenpaare gefunden. Die Präparate wurden gerade untersucht, um sie den Opfern zuordnen zu können. Die als ›Die Augensammlerin‹ bekannte Serienmörderin Claudia Behrends war noch in der Nacht ihren Verletzungen erlegen.
Martin seufzt leise. Er hatte sie wirklich geliebt, vor dreizehn Jahren in Kiel.