Was erwarte ich von der Literatur
Ich hatte schon immer übertrieben große Erwartungen die Literatur betreffend. Ein richtiges Buch muss seine Leser wie ein Blitz treffen. Es muss ihnen die Augen öffnen oder meinetwegen auch schließen, die grimmigen zum Lachen bringen und die klugen dumm aussehen lassen. Ein richtiges Buch kann man nicht einfach so zur Seite schieben. Seine Lektüre hinterlässt Spuren, Kratzer an der Seele.
In meiner Familie wurde lange Zeit verschwiegen, dass ich bereits im dritten Lebensjahr dicke Wälzer las. Erst vor Kurzem haben mich meine Eltern darüber aufgeklärt. Ich erinnere mich natürlich an gar nichts, an keine einzige Zeile aus dieser Zeit. Damals war ich nur ein Pups, der nicht einmal sprechen konnte. Meine taube Oma sah sich oft und gerne Fernsehfilme für Taubstumme mit Untertiteln an, ich guckte mit. Ich denke, durch das ständige Anschauen dieser Untertitel hatte ich in Kürze autodidaktisch das russische Alphabet gelernt und alle Bücher vom unteren Buchregal durchgelesen. Laut Auskunft meiner Mutter interessierte ich mich damals hauptsächlich für Kochbücher und Telefonbücher, je dicker, desto besser. Anscheinend hatte ich darin eine ganz besondere Wahrheit entdeckt, die Wahrheit der Koch- und Telefonbücher, die mir den Sinn des menschlichen Lebens nahebrachten.
Die Suche nach diesem Sinn hat meine Kindheit am allerstärksten geprägt. Während andere Kinder am Nuckel lutschten, kletterte ich schon mal auf den Bücherschrank, um an noch mehr und noch dickere Bücher zu gelangen. Einmal endete mein Drang nach neuem Wissen in einer Katastrophe. Der Bücherschrank kippte um und begrub mich unter vielen dicken Wälzern. Es waren zu viele, ich konnte mich nicht von ihnen befreien, lag auf dem Boden und schrie. Meine Oma guckte sich währenddessen ungerührt weiter Filme für Taubstumme mit Untertiteln an – sie konnte mich aus gesundheitlichen Gründen nicht hören.
Nach diesem Vorfall löste sich meine Hochintelligenz in Luft auf. Ich wurde zu einem ganz normalen Durchschnittskind, kletterte nicht mehr auf den Bücherschrank und hörte überhaupt auf, Bücher zu lesen. Aus meiner frühkindlichen Geniephase sind nur einige seltsame Krakel geblieben, die ich in den Kochbüchern meiner Mutter hinterlassen habe. Anscheinend ahnte ich schon damals die Zukunft voraus und wollte mich selbst vor irgendetwas warnen oder mir etwas Wichtiges mitteilen, was sich mir in meinem damaligen genialen Zustand offenbart hatte. Ich machte mir zu diesem Zweck viele Notizen in Koch- und Telefonbüchern, die aber dermaßen kryptisch sind, dass ich sie bis heute nicht entziffern kann.
Nach dem Fall mit dem Schrank ging, wie gesagt, mein Interesse an Literatur stark zurück und entflammte erst wieder zu Beginn der Pubertät. Ich las damals allerdings fast ausschließlich erotische Literatur, später entdeckte ich Fantasy und Sciencefiction, Kriegs- und Liebesromane. Ich hatte eine philosophische Phase, in der ich mich nur für anspruchsvolle theoretische Literatur interessierte, danach folgte eine romantische Periode, als ich überhaupt keine Prosa mehr sehen wollte und nur Gedichte las. Heute mag ich am liebsten Publizistik, Memoiren längst verstorbener Künstler und wissenschaftliche Studien über Tierhaltung. Meine Erwartung an die Literatur hat sich aber überhaupt nicht verändert. Es muss immer eine spannende Geschichte sein oder zumindest eine interessante. Sie muss vernünftig erzählt werden, einen Anfang und ein Ende haben und echt sein. Nicht verspielt und nicht offenbar, bloß echt. Das war’s eigentlich schon. Na gut, dazu kommen natürlich noch die sogenannten literarischen Qualitäten – die Sprache, der Satzbau, die Grammatik, Sie werden jedoch im Allgemeinen überschätzt. Egal, wie gut die Sprache ist, die »literarischen Qualitäten« allein können kein Buch retten, wenn die Geschichte nicht stimmt.