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Adam und die Affen

Aufmerksame Eltern wissen, dass man heutzutage die Bildung des Nachwuchses nicht blind der Schule überlassen darf. Deswegen lassen wir keine Frage unserer Kinder unbeantwortet. Als unsere Tochter wissen wollte, woher die Menschen kommen, erzählte ihr ihre Mutter die Geschichte von Adam und Eva, wie sie sich im Paradies kennen lernten, die Frucht vom Baum der Erkenntnis aßen und dafür Paradiesverbot bekamen.

Ich ergänzte, dass natürlich nicht alle Menschen von Adam und Eva abstammen, einige andere wurden von Außerirdischen als Pilzsporen durch einen Aal geschleust. Dann gab es noch die Mikroorganismen, die auf Meteoriten unter extrem hohen Temperaturen auf die Erde prallten und sich später zu Menschen entwickelten. Außerdem gibt es noch die, die von Störchen gebracht werden und die, die man im Kohlfeld findet. Nicht zu vergessen eine ganz neue Sorte, die Klone – wie unser Hausmeister, der wahrscheinlich aus Schaf Dolly geklont wurde.

»Im Grunde hat jeder Mensch einen individuellen Ursprung, du kannst dir einen auswählen«, erklärte ich meiner Tochter.

Von allen Ursprüngen gefiel Nicole am besten der mit dem Paradies. Sie erzählte also die Geschichte von Adam und Eva in der Schule und wurde daraufhin von den anderen Mädchen in der Klasse ausgelacht. Das sei doch alles Quatsch, behaupteten sie. Wir Menschen stammen alle von Affen ab, so wurde es ihnen im Fach Lebenskunde erklärt. Um ihrer These mehr Autorität zu verleihen, fragten die Mädchen die Klassenlehrerin, die dann auch ihre Affenherkunft sofort bestätigte. Zum Glück wusste unsere Tochter von den unterschiedlichen Möglichkeiten menschlicher Herkunft und gab nicht klein bei.

»Vielleicht stammt ihr von Affen ab«, sagte sie selbstbewusst, »ich aber von Adam und Eva.«

Als sie uns zu Hause diese Geschichte erzählte, wunderte ich mich, dass ausgerechnet die verstaubte Affentheorie Eingang in die Bildungsstätte gefunden hatte, obwohl sie die dümmste von allen ist. Mit einem einzigen Besuch im Zoo kann man sie widerlegen. Dort sitzen etliche Affen hinter Gittern, die nicht einmal ansatzweise bereit sind, sich in irgendetwas zu verwandeln. Selbst in meiner unaufgeklärten sowjetischen Heimat glaubte niemand an diesen Unsinn. Doch die Affentheorie, mit der ein gleicher Ursprung für alle postuliert wird, passt wie angegossen zum neuen Europa, diesem Superstaat der Großkonzerne, der den alten Nationalstaat immer stärker bedrängt und alle Völker austauschbar und so tatsächlich zu Affen macht. Es ist ganz gleich, ob ein Deutscher oder ein Chinese am Fließband steht, wichtig sind allein die niedrigen Produktionskosten und die hohen Gewinne. Eine neue kosmopolitische Identität wird bereits seit Jahren von den dafür zuständigen Soziologen ausgearbeitet. Die Menschen wehren sich dagegen, in dem sie ganz affig immer neue miese Nationalismen entwickeln: Den Nachbarn treten, um die eigene Einzigartigkeit zu behaupten, lautet die Parole.

Neulich verbrachte ich zwei Tage an der Nordsee, am trostlosesten Strand Deutschlands, wo es außer Matsch und fünf Strandkörben nichts gab. Sogar das Wasser haute bei Ebbe regelmäßig ab. Dort im Regen verkauften die Einheimischen auf dem Flohmarkt ihre handgemachten Lammfelle. Ich machte den Fehler, an einem Fell zu riechen.

»Ich weiß, was Sie denken«, reagierte die Verkäuferin sofort. »Die polnischen, die stinken! Aber das hier ist deutsche Qualität, richtige Verarbeitung! Das können die Polen nicht! Oder? Sind Sie etwa aus Polen?«

Die Frau testete mich, um meine Herkunft herauszufinden.

»Nein, nein ich bin nicht aus Polen«, sagte ich und misstraute mir dabei selbst.

Zwei Tage später in Berlin suchte ich eine günstige Flugverbindung nach Moskau. Die Angestellte von der teuren Lufthansa sagte leise zu mir: »Sie können natürlich auch mit Aeroflot reisen, aber deren Piloten fliegen alle auf Heroin.« Ich grunzte laut und vermasselte so die Fortsetzung dieses vertraulichen Gesprächs.

Am schlimmsten ist es jedoch, Zahnärzte in den verschiedenen Ländern zu besuchen. Die russischen sind immer entsetzt, wenn sie einem Patienten aus Deutschland in den Mund schauen und ziehen sofort alles, was der deutsche Kollege dort aufgebaut hat. Die deutschen Ärzte kratzen im Gegenzug voller Angst die russischen Füllungen heraus. Wenn es so weitergeht, haben wir bald überhaupt keine Zähne mehr.

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Der Tag danach

Jeder Erziehungsberechtigte weiß, wie wichtig es für Kinder ist, dass sie nicht nur mit ihren Altersgenossen, sondern auch mit älteren Menschen Kontakt haben. Mit ihren Eltern und Großeltern zum Beispiel. Auf diese Weise werden sie auf die Erwachsenenwelt vorbereitet, damit sie wissen, dass es auch ein Leben nach der Kindheit gibt – kein einfaches Leben, aber eins, das durchaus auch Spaß machen kann. Deswegen luden wir zum diesjährigen Kindergeburtstag viele Eltern ein. Damit sie nicht verstockt herumstanden, sondern hemmungslos zur Kindermusik tanzten, hatten wir viel Alkohol eingekauft und gutes Essen vorbereitet.

Es wurde ein lustiger Abend, der sich dann in eine wilde Nacht und schließlich in einen nachdenklichen Morgen verwandelte, den ich damit zubrachte, zu versuchen, die Ereignisse des Kindergeburtstages zu rekonstruieren. Trotz aller Anstrengungen blieben viele Fragen offen. So konnte man zum Beispiel das Fenster im Gästezimmer bis dahin immer wahlweise horizontal oder vertikal öffnen. Jetzt ging nur noch beides auf einmal, egal, wie man es anstellte. Nicht weniger geheimnisvoll waren die Spuren von Katzenfutter, die sich durch die ganze Wohnung zogen. Vermutlich war ein Elternteil in den Teller mit Katzenfutter getreten und hatte später versucht, seine Schuhe sauber zu bekommen, indem er oder sie das Zeug an der Tapete des Gästezimmers abstreifte. Von dort aus zogen sich die Spuren bis zum Balkon, wo sie zunächst endeten, sich dann aber im Korridor fortsetzten. War etwa der Ins-Katzenfutter-Treter vom Balkon gesprungen und durch die Wohnungstür wieder hereingekommen?

Die Kartoffelklöße in der Schreibtischschublade hatte ich vermutlich selbst dort hineingelegt, weil die Katzen mit ihnen spielen wollten. An die Lebensmittel unter meinem Schreibtisch konnte ich mich jedoch nicht erinnern. Ziemlich eklig sah auch die Kinderdisko-CD aus: Sie war vollständig mit Wachs übergossen, so als hätte sie jemand mit einer veralteten Technologie raubkopieren wollen. Mit etwas Mühe ließ sich auch dieses Phänomen erklären. Der umgekippte Kerzenständer auf dem CD-Player war schuld: Das Wachs war durch das Gerät getropft und hatte sich gleichmäßig auf der Scheibe verteilt.

Was sich aber überhaupt nicht erklären ließ, war die Kiste Becks-Bier auf dem Balkon. Ich war mir absolut sicher, sie niemals gekauft zu haben. Ich hatte zwei Kisten tschechisches Bier für die Party besorgt, die plötzlich verschwunden waren. Die einzige plausible Erklärung dafür war, dass die Becks-Kiste vom Balkon über uns heruntergefallen war, weil unsere Nachbarn ebenfalls einen Kindergeburtstag gefeiert hatten. Nach dieser Theorie müssten aber unsere beiden Kisten von unten nach oben gesprungen sein, was den Gesetzen der Schwerkraft deutlich widerspricht. Dafür sprach jedoch, dass sie oben Bier tranken, obwohl ihre Becks-Kiste bei uns stand.

Die große Tüte in der Badewanne, die mich anfangs irritiert hatte, erwies sich als unsere Tischdecke, in die jede Menge Geschirr und Speisereste eingewickelt waren. Ein Hinweis darauf, dass ich bereits in der Nacht mit der Reinigung der Wohnung hatte beginnen wollen. Die Blutspritzer an der Fensterscheibe brachten mich ebenfalls ins Grübeln. Sie konnten unmöglich von einem Menschen stammen.

Ich tippte auf einen unglücklichen Vogel, der gegen das Fenster geflogen war, und das sogar zweimal, weil auf beiden Seiten des Glases Spuren zu sehen waren. Vielleicht wollte der Vogel zuerst unbedingt rein, dann aber schnell wieder raus. Und das hat beide Male nicht geklappt.

Hoffentlich haben alle Eltern die Party gut überstanden und den Weg nach Hause gefunden. Was ich allerdings gar nicht verstehe, ist: Wo haben die Kinder die ganze Zeit gesteckt, und wo sind sie jetzt? Ich habe sie weder kommen noch gehen sehen, dabei halte ich es, wie gesagt, für sehr wichtig, dass Kinder mit älteren Menschen Kontakt haben. Mit ihren Eltern und Großeltern zum Beispiel. Nur so erfahren sie nämlich, dass auch ein Leben nach der Kindheit durchaus Spaß machen kann, wenn man es nicht übertreibt. Hat es euch gefallen, Kinder? Gut! Dann zünden wir jetzt die Reste der Bude an und gehen frühstücken – irgendwo.