Kaum war ich im königlichen Feldlager zu Oulx abgesessen, kam schon ein Musketier gelaufen und sagte, daß Seine Majestät mich umgehend erwarte. Das bedeutete, ich durfte mir nicht einmal Zeit lassen, die Stiefel auszuziehen, mich zu waschen, zu rasieren, frische Kleider anzulegen noch einen Happen zu essen.
Der Verdruß, den ich hierüber empfand, stieß mich wieder einmal mit dem Finger darauf, weshalb das Waffenhandwerk mich nie verlockt hatte: Mir widerstrebte es, sinnlos strenge und darum ärgerliche Befehle zu empfangen. Daß Ludwig und der Kardinal mir dann und wann Instruktionen erteilten, mochte hingehen, doch täglich Instruktionen des arroganten Bassompierre, des zornmütigen Toiras, des pingeligen Schomberg oder selbst des zeremoniösen Créqui hinzunehmen, das hätte ich nie und nimmer ertragen.
Ausgerechnet aber unsere vier Marschälle, die der Leser schon kennt und denen ich Toiras vorzeitig hinzuzähle, waren beim König versammelt, ausgeruht, frisch, satt und wohl in ihrer Haut, mit Ausnahme des armen Créqui freilich, der hustete, schniefte und vor allem lamentierte, was für einen Soldaten schmählich ist.
Ludwig kürzte meine Begrüßung nicht ab, wie Richelieu das zu tun pflegte, dafür hatte er aber die Freundlichkeit, die der Kardinal nicht gehabt hätte, seiner Frage eine familiäre Note zu geben, indem er mich Sioac nannte, der Leser weiß, warum.
»Nun, Sioac«, sagte er, »wie steht es mit den Befestigungen von Susa?«
Ich berichtete über die drei Barrikaden, ihre Schwachstellen, die unnützen Gräben, den fehlenden Torturm, und ich betonte vor allem die Tatsache, daß der Steilhang rechter Hand über den Barrikaden nicht befestigt, ja nicht einmal bewacht war, weil der Signor Bellone es von vornherein ausschloß, daß ein Feind von dort kommen könnte, weil er hinter Chiomonte die |75|Straße verlassen und über Berge und Täler mit zugeschneiten Maultierpfaden ziehen müßte.
»Sioac, wie heißt das Gebiet dort?« fragte Ludwig.
»Das Gravere, Sire, obwohl keines der Dörfer diesen Namen trägt.«
»Wie hoch sind die Berge?«
»Selten über vierhundert Klafter.«
»Es wäre aber nicht leicht«, sagte Bassompierre, »sich in einem Labyrinth aus Bergen und Tälern zu orientieren, wenn die Pfade zugeschneit sind. Man kann sich verirren und im Kreis laufen.«
»Der Kompaß«, sagte Toiras in wenig liebenswürdigem Ton, »ist in der königlichen Armee nicht unbekannt.«
Bassompierre tat, als habe er die Bemerkung nicht gehört.
»Es gibt aber nicht nur den Kompaß«, sagte ich, »man kann auch Dorfbewohner des Gravere zum Führer nehmen.«
»Kommen die Leute Eindringlingen so bereitwillig entgegen?« fragte Bassompierre ironisch.
»Allerdings«, schaltete sich mit sanfter Stimme der Kardinal ein. »Die Franzosen haben in Savoyen einen guten Ruf. Und den verdanken sie Eurem Herrn Vater, Sire. Als er das Herzogtum 1601 besetzte, hatten die Soldaten Befehl, Tiere, Vorräte, Häuser und Frauen nicht anzurühren.«
Dieser wenigstens hinsichtlich des gentil sesso erstaunliche Befehl aus dem Munde des galanten Königs veranlaßte die Marschälle zu einem Lächeln, Ludwig hingegen nahm ein so frivoles Detail nicht einmal wahr. Wie stets war er quasi zu Tränen gerührt, wenn er seinen Vater rühmen hörte. Und Richelieu hatte zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Er hatte sich gleich eingangs der Debatte die Sympathie des Königs gesichert und die Marschälle durch seine Kenntnis des früheren Kriegszuges verblüfft.
»Außerdem«, fuhr Richelieu fort, »erhielten die Truppen Befehl, alles, was sie kauften, mit dem doppelten Preis zu bezahlen. Man kann sich vorstellen, welch gutes Ansehen sie sich damit erwarben.«
»Aber was machen wir nun?« fragte Bassompierre in so ungeduldigem und herrischem Ton, als wären die von Richelieu erwähnten Dinge nichtiges Geplapper.
»Die Frage müßt Ihr Euch selber stellen, meine Herren«, |76|sagte Ludwig, den die Worte des Kardinals erfreut hatten und der nicht wollte, daß Bassompierre sie so wegwischte.
»Die Frage«, wiederholte Ludwig, »müßt Ihr Euch schon selbst stellen, meine Herren.«
Wie immer in einem solchen Fall trat langes Schweigen ein, keiner wollte als erster sprechen.
»Schomberg?« fragte der König.
»Die Alternative ist folgende, Sire«, sagte Schomberg, methodisch und genau wie immer, »entweder wir führen gegen die Barrikaden einen Frontalangriff, oder wir begleiten diesen durch einen Angriff an der Südflanke der Barrikaden, indem wir über das Gravere gehen. Für meine Begriffe wäre dieser Angriff entscheidend, wenn besagte Flanke tatsächlich von jeder Verteidigung und Bewachung frei ist.«
»Derzeit ist sie es«, sagte ich, sogleich erschrocken, daß ich, ohne zu fragen, das Wort ergriffen hatte, »doch kann ich für die Zukunft nicht garantieren. Aber Signor Bellone war so fest überzeugt, daß die Franzosen nicht von dort angreifen würden, daß ich annehme, die Südflanke wird bleiben, wie sie war, das heißt ungeschützt.«
»Ich kann den Sinn dieser umkreisenden Bewegung nicht einsehen«, sagte Créqui. »Wenn die Barrikaden aus Holz sind, genügen ein paar Kanonenkugeln, und die Sache ist erledigt.«
Vielleicht fürchtete er bei seinem schlechten Zustand, daß man die Expedition in das Gravere ihm anvertrauen würde, weil er Italien und die Italiener kannte und daher am besten geeignet war, Führer über die verschneiten Pfade zu finden.
Ich hob die Hand, das Wort zu erbitten.
»Mein Cousin«, sagte Ludwig, »Ihr könnt in die Debatte genauso eingreifen wie unsere vier Marschälle, denn Ihr habt uns diese Auskünfte gebracht.«
Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie verdattert und beglückt Toiras war, vom König zu den »vier Marschällen« gezählt zu werden, obwohl er den Titel noch gar nicht hatte; ob das nun ein Versehen war oder ein Versprechen, es wärmte ihm jedenfalls das Herz.
»Sire, was ich sagen wollte«, wandte ich mich an den König: »Bei dem Dorf Exilles, auf halbem Weg zwischen Oulx und Chiomonte, war die Straße so zugeschneit, daß unser Karren tief einsank und den Pferden der Schnee bis zum Bauch reichte. |77|Es hat Stunden gedauert, um sie freizuschaufeln. Wenn nicht Tauwetter eintritt, was unwahrscheinlich ist, kann Eure Artillerie diesen Weg nicht nehmen, und es gibt auch keinen anderen, denn zur Linken ist der Fluß und rechts ein Steilhang.«
Hierauf trat langes, bedrücktes Schweigen ein, denn welcher Kriegsmann will ins Feld ziehen ohne seine Artillerie?
»Nun ja, Sire«, sagte Toiras, der nach seiner unausgesprochenen Beförderung sich weniger scheute, unter »seinesgleichen« das Wort zu ergreifen, »das ändert alles. Ohne Artillerie kann ein Frontalangriff auf die Barrikaden nur ein Kampf Muskete gegen Muskete sein, und das ist sehr verlustreich. Folglich sind wir wohl zu einem Angriff von der ungeschützten Flanke her gezwungen.«
»Das denke ich auch«, sagte Schomberg.
Créqui und Bassompierre schwiegen. Der erste aus dem genannten Grund, Bassompierre, weil er gern den Schwierigen spielte und sich in der Feste seiner unendlichen Überlegenheit verschloß. Der König, der dies sattsam kannte, ignorierte sein Schweigen und fragte den Kardinal nach seiner Meinung.
»Sire«, sagte Richelieu, »Eure Majestät erlaube mir einen Rückblick in die Vergangenheit, um die Gegenwart zu erhellen. Als der Konnetabel von Montmorency 1537 vor Susa stand, griff er gleichzeitig frontal und an der Südflanke an, die die Savoyarden auch damals nicht befestigt hatten, und die Stadt wurde im Handumdrehen genommen. Ich schlage Eurer Majestät dieselbe Strategie vor.«
Ob die Marschälle von dieser fast ein Jahrhundert zurückliegenden Belagerung nun wußten oder nicht, sie staunten nicht schlecht, mancher wohl auch mit Unbehagen, daß Richelieu wieder einmal alles über alles und alle wußte, in Krieg und Frieden, in Vergangenheit und Gegenwart.
»Dies scheint mir die beste Methode«, sagte Ludwig in entschiedenem Ton. »Meine Herren Marschälle, unser Gespräch ist beendet. Wir wollen jedoch, daß Marschall von Créqui und der Herzog von Orbieu noch hierbleiben.«
Die drei Marschälle zogen sich zurück, jeder auf andere Weise. Schomberg als disziplinierter Soldat, für den ein Befehl Befehl ist und keinen Widerspruch, nicht einmal das Nachdenken darüber, duldet. Toiras, der seinen inneren Jubel, schon zu den Marschällen gerechnet zu werden, kaum verbergen konnte, |78|und Bassompierre, der an der königlichen Entscheidung nicht hatte teilnehmen wollen und sich nun vorbehielt, diese im Prinzip wie in der Ausführung endlos zu bekritteln, wie er es bereits vor La Rochelle getan hatte, vom ersten bis zum letzten Tag der Belagerung.
Der arme Créqui, der sich mit Mühe aufrecht hielt, gab mit seinen tränenden Augen und seiner laufenden Nase eine traurige Figur ab, die es mehr nach dem Bett und heißem Kräutertee als nach einem langwierigen und beschwerlichen Marsch verlangte.
»Mein Cousin«, sagte Ludwig zu ihm, »Euer Sohn, Graf von Sault, hat sich an der Spitze seines Schweizerregiments bewährt. Da diese Schweizer die Berge kennen und ich über Graf von Sault viel Gutes höre, möchte ich ihm die Aufgabe anvertrauen, sich über die Südflanke den Barrikaden von Susa zu nähern und sie anzugreifen, bevor mein Frontalangriff beginnt.«
»Sire«, sagte Créqui, zugleich erleichtert, daß der Kelch an ihm vorüberging, und betrübt, eine Expedition nicht befehligen zu können, die seinen Ruhm vergrößert hätte, »diese Aufgabe hätte ich mit Freuden übernommen, wenn ich durch meinen Katarrh nicht reichlich geschwächt wäre, und ich bin Euch unendlich dankbar, daß Ihr sie meinem Sohn übergebt.«
»Ich danke Euch, mein Cousin«, sagte Ludwig. »Doktor Bouvard wird Euch zu Eurem Logis begleiten und Euch alle Fürsorge angedeihen lassen, die Euer Zustand erfordert.«
Nachdem der Marschall gegangen war, wandte sich Ludwig an mich.
»Mein Cousin, seid Ihr einverstanden, dem jungen Grafen von Sault Eure diplomatischen Talente und Eure Italienischkenntnisse zur Verfügung zu stellen, und wäre es nur, um den Bauern des Gravere Zutrauen einzuflößen und unter ihnen geeignete Führer zu finden?«
Einverstanden, dachte ich, du lieber Gott! Als ob ich nicht einverstanden sein dürfte!
»Mit Vergnügen, Sire«, sagte ich und machte eine tiefe Verbeugung.
Und nicht ohne Ironie sagte ich mir, sosehr ich dem Waffenhandwerk auszuweichen versuchte, schnappte es, den Teufel noch eins, doch immer wieder nach mir, zuletzt auf der Insel Ré bei Toiras und jetzt im Gravere mit Graf von Sault. Und Catherine hatte sehr recht gehabt, als sie fragte, ob Karl Emmanuels |79|Soldaten zwischen dem Kriegsmann und seinem Dolmetscher würden unterscheiden können.
***
Ludwig legte großen Wert auf die Gesundheit seiner Soldaten und hatte deshalb den Sanitätsdienst in den Armeen bedeutend verstärkt; der wurde nicht mehr nur von Feldscheren versehen, sondern auch von Doktoren der Medizin, dazu gab es Fußpfleger, die zugleich Entlauser waren, denn Läuse waren die große Plage der Feldlager. Auch fanden regelmäßige Kontrollen statt, die Haupthaare wurden kurz geschoren und die Körperhaare rasiert, damit sich kein Ungeziefer einniste.
Wegen solcher prosaischen Notwendigkeiten blieben wir nach dem geschilderten Kriegsrat noch zwei Tage länger in Oulx.
Marschall von Créqui nützte diesen Aufschub, mich mit seinem Sohn, Graf von Sault, zum Diner einzuladen. Ich mochte den Marschall, auch wenn er ein wenig hochmütig war, und bewunderte, mit welcher Üppigkeit er seine Gäste bewirtete. Nie zog er ins Feld, ohne sich mit allem Zubehör seines Behagens zu umgeben, einem Teil seines Weinkellers und seines in der Farbe seiner Augen fein bemalten chinesischen Porzellans; dazu führte er einen vorzüglichen Koch mit und, wie man munkelte, sogar zwei Kammerkätzchen, die als Pagen verkleidet waren, um dem König kein Ärgernis zu geben. Ich habe sie nicht gesehen, doch wurde geraunt, daß sie dem Marschall auf den Etappen das Bett wärmten. Welche Witzeleien über das ausreichende Maß dieser Erwärmung daher in Umlauf waren, als Créqui von seinem fiebrigen Katarrh befallen wurde, kann man sich denken.
Die Speisen bei Créquis Diner waren wirklich sehr gut, doch aß Créqui selbst nur wie ein Spatz und verließ die Tafel alsbald, um wieder in sein Bett zu kriechen, so daß ich in aller Muße mit Graf von Sault plaudern konnte.
Ein Créqui vom Vater her, von der Mutter her ein Lesdiguières, brauchte er sich um seine Zukunft nicht zu sorgen. Doch war er nicht nur, wie die Engländer sagen, mit einem silbernen Löffel im Mund geboren, sondern auch groß und gut gewachsen, hatte ein schönes Gesicht mit prächtigen schwarzen Lockenhaaren, hellbraune Augen und blendendweiße Zähne. |80|Er hätte also allen Grund gehabt, auf die Dauer ebenso eingebildet und überheblich zu werden wie Bassompierre. Doch fand sich bei ihm keine Spur von Hochmut, weder in seinem Auftreten noch in seiner Sprache. Woher er dieses gute Naturell nun haben mochte, doch von Vater und Mutter gewiß nicht, die nicht gerade Vorbilder an Bescheidenheit waren, er jedenfalls begegnete allen, auch dem Gesinde, seinem Reitknecht und den Soldaten mit so geduldiger Höflichkeit, daß man ihn womöglich verachtet hätte, wäre er dabei nicht so schön, so tapfer und so reich gewesen. Obwohl er nie brüllte und selten strafte, herrschte in seinem Regiment eine mustergültige Disziplin. Freilich waren es Schweizer, die er befehligte, und wenn ich meinem guten Hörner glaubte, waren die Schweizer »Soldaten vom Mutterleib an«.
Da ich mich erinnerte, wie ich bei meiner Ankunft in der Zitadelle von Ré Ärger mit Toiras bekam, der mich vom König beauftragt glaubte, seine Befehlsgewalt zu teilen, beeilte ich mich, Graf von Sault in dieser Hinsicht von vornherein zu beruhigen. Ich sagte ihm daher, daß ich vom Kriegführen nichts verstehe und mein Auftrag sich darauf begrenze, ihm bei den Bauern des Gravere als Dolmetscher zu dienen. Und freimütig antwortete er, genauso verstehe auch er die Sache, doch wisse er wohl, daß ich im Lauf meiner Missionen große Erfahrung gesammelt habe und daß er nicht verfehlen werde, in einem schwierigen Fall auch darauf zurückzugreifen. Diese Worte, die auf charmante Weise sein Vertrauen ausdrückten, erfreuten mich, und es begann an jenem Tag eine Freundschaft zwischen ihm und mir, die bis zum heutigen Tag dauert.
Am dritten März 1629 verließ unsere Armee auf Befehl Ludwigs XIII. Oulx und nahm den Weg längs der Dora Riparia. Und da ich besagten Weg schon zweimal zurückgelegt hatte, von Oulx nach Susa und von Susa nach Oulx, jeweils über Exilles und Chiomonte, schickte Seine Majestät mich als Avantgarde voraus, um den Einwohnern unsere Ankunft anzukündigen, damit sie vor einer so großen Armee nicht in Furcht und Schrecken gerieten.
Ich bat Seine Majestät, mir die Quartiermacher, die Zelte und Zeltbauer mitzugeben, vor allem aber den prachtvollen Herold, der mich bei meiner Gesandtschaft nach Susa begleitet hatte, weil die Bauern von Exilles und Chiomonte ihn so groß |81|und schön und samt seinem Pferd so wunderbar geschmückt fanden, daß sie ihn wie einen heiligen Georg verehrten. Sowie ein Streit zwischen einem Soldaten und einem Bauern sich anbahnte, brauchte der Herold nur zu erscheinen, und es war Frieden. Allerdings hatte er auch Anweisung von mir, dem Bauern, wenn möglich, recht zu geben.
Bald hatte ich großen Vorsprung vor dem Gros der Armee, meine ganze Truppe saß zu Pferde wie ich (und wie Nicolas, der mir wie mein Schatten folgte). Meine wappengezierte Karosse war schnöde dazu verdammt, mit den Gepäckkarren hinter uns her zu zuckeln.
Meine Accla, die mit mir schmollte, wenn ich sie zuwenig ritt, die hinwiederum auch nicht zuviel geritten sein wollte, war noch in ihrer reizenden Morgenlaune, was ich an ihren vergnügt zuckenden Ohren sah, und in leichtem Trab zog ich die alte Römerstraße an der Dora Riparia, schaute bald auf den klaren, reißenden Fluß, bald nach den hohen, nebelumwallten Gipfeln dahinter und bald auf die rundlichen Kuppen des Gravere zu meiner Rechten. Mehr und mehr verliebte ich mich in dieses Bergland, und mein Hochgefühl wuchs, als auch noch helle Sonne durch die Wolken brach. Leider war uns die Sonne nicht treu. Manchmal wärmte sie schon ein wenig und wiegte uns in der trügerischen Hoffnung, der Winter sei vorbei, dann verschwand sie wieder hinter einer dicken Wolkendecke und überließ uns der um so rauher empfundenen Kälte.
Wieder brachen bei Exilles, wo wir Rast hielten, unsere Gefährte im Schnee ein, die Karren bis über die Räder und die Pferde bis zum Bauch. Die guten Leute des Ortes, nachdem sie uns freudig begrüßt und dem duca d’Orbiou die Hand geküßt hatten (damit, mußt du wissen, Leser, war natürlich ich gemeint), erboten sich sogleich, uns auszugraben, und unverweilt krempelten auch die Musketiere, ihres Adels ungeachtet, die Ärmel auf. An Schaufeln fehlte es nicht, Richelieu hatte uns gut damit versorgt. Doch schloß ich aus diesem wiederholten Mißgeschick, daß der König seine Artillerie nicht über Exilles würde hinausführen können, was ich ihm auch unverzüglich melden ließ. Er konnte sie nur über eine solide Steinbrücke auf das andere Ufer der Dora Riparia und in die Feste transportieren, um sie dort bis zur Schneeschmelze zu verwahren.
Die Dinge vollzogen sich denn auch, wie von mir vorgesehen, |82|und obwohl es dem König bitter leid war, seine Artillerie gerade in dem Moment zurückzulassen, da er Susa angreifen wollte, ließ er sich dies nicht anmerken, als ich ihn wiedersah. Sobald er eingetroffen war und ich ihm alles am Ort gezeigt hatte, setzte ich meinen Weg nach Chiomonte fort, das Seine Majestät zur Ausgangsbasis seines Angriffs auf Susa erkoren hatte, welcher laut seinem Befehl am sechsten März statthaben sollte. Ich erreichte Chiomonte am vierten März, Seine Majestät am fünften.
War der Empfang in Exilles freudig gewesen, war der in Chiomonte an jenem hellen Morgen ganz und gar überschwenglich. Der Grund dafür war, daß die Dorfbewohner mir über alle Maßen dankbar waren, daß ihr einziger Karren durch meine Mithilfe instand gesetzt worden war.
Auf einmal erblickte ich in der Menge, die sich um mein Pferd drängte, in einem Wust von Haupt- und Barthaaren zwei blinkende jettschwarze Augen, und an der Haardichte erkannte ich Filiberto.
»Filiberto«, rief ich, »vieni qui!«
Er spaltete die Menge mit der neuen Autorität, die mein Ruf ihm verlieh, der ihn in seinem Empfinden weit über seinesgleichen erhob. Zumal er ja schon die unvergeßliche Gunst genossen hatte, einer Familienangelegenheit wegen auf meinem Kutschbock mit nach Susa zu fahren. Filiberto hatte folglich das Gefühl, fortan zu meinem Gesinde zu gehören und mich gewissermaßen als seinen Herrn zu betrachten.
»Vostra Altezza si ricorda di me e del mio nome!« rief er, überglücklich vor Stolz.
»Si, certamente, Filiberto. Vieni nella mia tenda a mezzogiorno in punto. Vorrei parlarti.«
»Agli ordini, Vostra Altezza«1, sagte er und verneigte sich bis zur Erde.
Und er zog sich wieder in die Menge zurück, wie es seiner neuen Würde gebührte, mit einer Art Feierlichkeit, die in keiner Weise lächerlich wirkte, so gut war sie gespielt. Gott, wie dieses Volk mir gefällt! dachte ich. Es hat im höchsten Maße den Sinn für Spiel und Komödie.
Ich beendete mein Mittagsmahl, als Filiberto in ehrerbietigem |83|Schritt in mein Zelt trat, und es kostete mich einige Mühe, bis er bereit war, sich zu setzen und aus den Händen meines Dieners ein Glas Wein entgegenzunehmen. Wenn er sich aus Respekt auch nur mit einer Hinterbacke auf den Schemel niederließ, ehrte er doch meinen Weinkeller, indem er sein Glas auf einen Zug leerte. Von diesem Wein, dachte ich, wird in Chiomonte noch in Jahrhunderten die Rede sein.
»Filiberto«, sagte ich, »ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, das du auf immer verschweigen wirst, und dich um einen Dienst bitten, der, wenn du ihn annimmst, ebenfalls für alle Zeit in der Tiefe deines Gedächtnisses ruhen muß.«
»Vostra Altezza«, sagte er feierlich, »wenn dieser Dienst nicht gegen mein Gewissen geht, werde ich ihn mit Freude leisten, ich bin Eurer Hoheit ergeben mit anima e corpo1.«
»Filiberto«, sagte ich, »er geht nicht gegen dein Gewissen. Ich will mich morgen nach Susa begeben, aber nicht auf dem Weg entlang der Dora Riparia, sondern über das Gravere.«
»Una marcia lunghissima e difficoltosa«2, meinte Filiberto.
»Darf ich Eure Hoheit fragen, ob Ihr allein gehen werdet oder in Begleitung?«
»Ich gehe mit einem Regiment.«
»Dann ist es also eine militärische Aktion«, sagte ernst Filiberto.
»Nein. Der König von Frankreich will Seine Hoheit Herzog Karl Emmanuel um den freien und freundschaftlichen Durchzug durch sein Gebiet nach Casale bitten.«
»Seiner Erlauchten Hoheit dem Herzog wird also kein Leid geschehen?«
»Keines. Sein Sohn ist, wie du weißt, der Schwager des Königs von Frankreich.«
»Lo so«, sagte Filiberto, »e sono ora interamente rassicurato.«3
Für mein Gefühl beruhigte er sich mit einer Leichtigkeit, die wenig Liebe zu seinem Landesherrn bewies. Wahrscheinlich hatte er, wie die Leute von Exilles und Chiomonte, dafür seine Gründe. Ich liebte den Herzog auch nicht, sein langes Gesicht, die lange weiße Feder darüber, und seine törichte Arroganz.
|84|»Der König«, fuhr ich fort, »wird natürlich den Weg entlang der Dora Riparia nach Susa nehmen. Aber wo muß ich diesen Weg verlassen, um in das Gravere in Richtung Susa abzubiegen?«
»Das werde ich Euch sagen, Vostra Altezza, ein Stückchen vor der Stelle, wo der Rio Clarea sich in die Dora Riparia stürzt. Von da muß Eure Hoheit geradeaus nach Osten gehen.«
»Und dann gelange ich ins Gravere?«
»Eure Hoheit, das Gravere besteht aus mehreren Dörfern, das wichtigste davon ist Refornetto.«
»Und warum ist es so wichtig?«
»Weil es eine Kirche hat und in der Kirche einen Pfarrer.«
»Und was geht mich der Pfarrer an?«
»Tutto.«1
Dieses tutto verwunderte mich.
»Steck mir ein Licht auf, Filiberto«, sagte ich. »Muß ich den Pfarrer besuchen?«
»Ja. Und ihm die Räder schmieren.«
»Warum muß ich ihm die Räder schmieren?«
»Damit sie in Eurem Sinn rollen, Hoheit, und nicht entgegengesetzt. Wenn ich ihm sage, daß Ihr Vincenzo Tallarico zum Führer nehmen wollt, muß er mit der Wahl einverstanden sein.«
»Und wenn er nicht einverstanden ist?«
»Hoheit, was kann man von einem Karren erwarten, wenn seine Räder schlecht geschmiert sind? Sie quietschen! Und es kann sein, daß dieses Quietschen bis zu den Ohren Seiner Erlauchten Hoheit, des Herzogs von Savoyen, dringt. E allora che disgrazia per il povero Vincenzo Tallarico!«2
»Wer ist dieser Vincenzo? Wo wohnt er, und was macht er?«
»Das habe ich doch gesagt: Er wohnt in Refornetto, er ist mein Cousin. Und sein Gewerbe ist, daß er Möbel baut.«
»Also ist er Tischler.«
»No, certamente, Vostra Altezza!« protestierte Filiberto mit einiger Entrüstung. »Vincenzo e un grande artista!3 Er entwirft Möbel. Und er baut sie. Und außerdem ist er ein großer Wanderer und kennt alle Pfade des Gravere auswendig.«
|85|»Willst du damit sagen, daß er mich gegebenenfalls von Refornetto nach Susa führen würde?«
»Si, certamente. Wenn ich ihn darum bitte und wenn sein Pfarrer einverstanden ist.«
»Und wie willst du ihn danach fragen?«
»Wenn Eure Hoheit vom Weg an der Dora Riparia abbiegt nach dem Gravere und Eure Hoheit einverstanden ist, dann rechne ich es mir zur großen Ehre an, Euch nach Refornetto zu führen.«
»Ma sei un tesoro, Filiberto!«1 rief ich. »Damit erweist du mir einen großen Dienst, und ich nehme ihn an, wie du ihn mir anbietest, aus ganzem Herzen.«
Am sechsten März, noch vor Morgengrauen, setzte sich il grandissimo esercito francese2, wie die Chimonteser sagten, auf der Straße entlang der Dora Riparia in Bewegung nach Susa. Der König wollte, daß das Schweizerregiment, Graf von Sault, ich und mein Führer seinem Heer eine halbe Meile vorauszögen, damit wir die Straße an der Mündung des Rio Clarea verlassen und in das Gravere vordringen konnten, ohne die nach uns kommenden Marschkolonnen aufzuhalten.
Es ging auch alles sehr gut, nur daß es keine reine Freude war, in Kälte und grauer Frühe einen verschneiten Pfad nach dem anderen über Berg und Tal zurückzulegen, auch wenn besagte Höhen vierhundert Klafter nicht überstiegen. »Aber das ist noch gar nichts«, sagte Filiberto, mir zum Trost, »schlimmer wird es von Refornetto nach Susa.«
Wir erreichten Refornetto, als der Pfarrer eben die Frühmesse beendete. So konnte ich die Gläubigen, die aus der chiesa parrochiale kamen, ansprechen und versichern, daß wir ihnen kein Leid antun würden, keine Gewalt, Beschimpfung, Plünderung oder Vergewaltigung, daß wir lediglich in aller Freundschaft durch den Ort ziehen wollten, nachdem wir ihrem guten Pfarrer unsere Ehrerbietung bezeigt hätten.
In dem Moment trat besagter Pfarrer majestätisch auf die Schwelle seiner Kirche, ich zog sogleich graziös meinen Hut, Graf von Sault desgleichen, und Filiberto machte ihm eine tiefe Verbeugung, während unsere Schweizer strammstanden und |86|die Hacken zusammenschlugen, welches Schlagen übrigens wenig Lärm machte, weil besagte Stiefel in dickem Schnee steckten.
Der Pfarrer neigte mit schönstem Wohlwollen den Kopf und bat uns in die Sakristei, wo ein tüchtiges Feuer brannte und von wo er rasch die drei chierichetti1 vertrieb, die sich dort noch herumdrückten, sicherlich wollte er bei unserem Gespräch keine Zeugen.
Ich habe vergessen, wie der Pfarrer hieß, und das ist schade, denn oft charakterisiert der Name den Mann, der ihn trägt. Nehmen wir zum Beispiel Filiberto. Welcher Name hätte besser zu seinem herzlichen und wortgewandten Wesen gepaßt? Ohne einen Namen jedenfalls scheint es mir schwierig, den Pfarrer von Refornetto zu beschreiben, denn soweit ich mich erinnere, war es ein Mann von mittlerem Alter, mittlerem Wuchs, mittlerer Korpulenz und, so würde ich sagen, auch mittlerer Seele.
Auf jeden Fall sah er nichts Unschickliches darin, daß ich ihm »die Räder schmierte«, zum ersten mit fünf Flaschen Wein, die Nicolas ihm übergab und die er auf einen langen Tisch stellen mußte, wo bis auf den Faden durchgewetzte priesterliche Gewandstücke ausgebreitet lagen. Zum zweiten bot ich ihm eine kleine Börse, die zwei Louisdor enthielt. Er zog sie einen nach dem anderen hervor, wog sie in der Hand, betrachtete lange das Profil Ludwigs XIII., und daß er nicht hineinbiß, um sich der Reinheit der Münzen zu versichern, lag wohl nur daran, daß er im letzten Moment Scham empfand.
Schöne Leserin, ich möchte nicht, daß Sie denken, ich machte mich hier über den armen Pfarrer lustig. Denn arm war er wirklich, so wie alle Landpfarrer, ob in Italien oder Frankreich, weil sie von ihren schwerreichen Bischöfen nur den erbärmlichsten Lohn erhielten. Weshalb ihr Leben oft von der Gebefreudigkeit ihrer Schäflein abhing, die aber genauso arme Teufel waren. Obwohl ich noch gut weiß, wie Ludwig sich einmal über diese Armut der Landpfarrer entrüstete und dem Episkopat deshalb schwere Vorhaltungen machte, kann ich nicht sagen, ob diese irgendeine Wirkung hatten.
Nachdem ich ihm also »die Räder geschmiert« hatte, ohne mit der Schmiere zu knausern, fragte ich den Pfarrer, ob er etwas |87|dagegen habe, wenn ich Vincenzo Tallarico, sein Pfarrkind, bäte, mir als Führer von Refornetto nach Susa zu dienen.
Er beteuerte sogleich, durchaus nicht, und ich könne Vincenzo Tallarico sagen, er sehe nichts Unrechtes dabei, und sofern er, Vincenzo, einverstanden sei, sei er es auch.
Bevor wir aufbrachen, fragte er mich jedoch, warum ich den langen und schwierigen Umweg über das Gravere nähme, wo es doch viel leichter für mich wäre, die Straße an der Dora Riparia entlang nach Susa zu nehmen. Die Frage dünkte mich nicht ungefährlich, und ich täuschte Unkenntnis vor: Ich wisse nicht, was der Umweg solle, ich gehorchte nur dem Befehl meines Königs. Ob der Pfarrer mir glaubte oder nicht, weiß ich nicht, doch hielt er es offenbar für klüger, die Befragung seinerseits nicht fortzusetzen, und ließ mich ohne weitere Erklärungen ziehen.
Als wir die Kirche verließen, lobte mich Graf von Sault.
»Mein Herr Bruder (so nannten wir einander, um uns nicht bei jedem Wort mit den Titeln aufzuhalten), ich bewundere, wie Ihr die Dinge mit dem guten Pfarrer von Refornetto geregelt habt.«
»Mein Herr Bruder«, sagte ich, »das ist die Wirkung der gentilezza. Wenn ich in Italien bin, fühle ich mich ganz wie ein Italiener.«
Für einen »großen Künstler« wohnte Vincenzo Tallarico ziemlich beengt, aber mit viel Geschmack. Gleich auf Filibertos erste Worte hin war er, fast ohne den Mund aufzutun, bereit, uns als Führer zu dienen, und ging sich unverweilt in einem Nebenraum ankleiden, so daß wir mit seiner Frau allein blieben, die es nicht ganz leicht hatte, einerseits Wolle mit ihrem Rocken zu spinnen und andererseits zwei kleine Mädchen zu überwachen, die um sie herum stoben und tausend Schelmereien trieben. Die Mama hieß Francesca und war sehr schön, Sault und ich betrachteten sie voll stiller Bewunderung, doch so diskret wie möglich. Die Mädelchen nun, da sie uns schließlich bemerkten, hörten mit ihrem Unfug auf, stellten sich vor uns und musterten uns mit dem größten Ernst von unten bis oben. Nach beendeter Musterung streckten sie ihre kleinen Zeigefinger nach uns und sangen: »Sono belli! Sono belli! Sono belli!«1, mit welchem Gesang sie erst aufhörten, als ihr Vater wieder eintrat.
|88|Die reizende Szene entzückte und betrübte mich zugleich. So allerliebst sie war, rief sie mir doch Catherine und mein Söhnchen in Erinnerung, von denen ich so weit getrennt war. Und was mich am traurigsten machte, war, daß ich nicht einmal wußte, wann ich sie wiedersehen würde, dieser Feldzug fing ja gerade erst an.
Filiberto gab ich zum Abschied zwei Ecus, und er war erstaunt und geschmeichelt, daß er genausoviel bekam wie der Pfarrer von Refornetto. Er protestierte zuerst, das sei »troppo, Vostra Altezza, troppo!«1. Anstatt sich aber bei seinem Vetter eine Weile auszuruhen, beschloß er zu meiner großen Überraschung, sofort den Rückweg anzutreten, sei es, daß ihn in Chiomonte eine dringliche Arbeit erwartete oder daß er darauf brannte, seiner Frau zu zeigen, wie seine Mühe belohnt worden war.
Vincenzo Tallarico hatte sich für den langen Marsch durch Schnee und Kälte trefflich gerüstet. Er war ein großer, kräftig gebauter Mann mit starker Brust und wettergegerbtem Gesicht, seine regelmäßigen, männlichen Züge ließen mich an einen römischen Legionär denken. Wie er so an der Spitze unserer Kolonne marschierte, schien es mir zuerst, daß er recht langsam gehe, bald aber merkte ich, daß dies der Schritt des Gebirglers war, der lange Strecken zu meistern vermag, ohne das Tempo zu ändern, ob es bergauf ging oder bergab. Die ganze Zeit, die Vincenzo bei uns war, blieb er außerordentlich schweigsam, sei es, daß er es von Natur aus war, sei es, daß er seinen Atem sparen wollte.
Leser, dieser lange, lange Marsch von Refornetto nach Susa war so hart, daß es mir eine Pein wäre, ihn auch noch zu erzählen. Zumal außer ein paar Stürzen nichts Bemerkenswertes passierte, nur daß gegen Ende ein paar Schweizer, die im Gehen eingeschlafen waren, sich verirrten, doch fanden sie sich tags darauf wieder ein. Mein Herz begann zu klopfen, als Vincenzo mich rufen ließ und sagte, vom Gipfel des Berges, den wir gerade erstiegen, würde ich Susa und seine Barrikaden sehen. Ich schickte Nicolas, es Graf von Sault zu melden, der sogleich eine Rast einzulegen befahl. Dann fragte er mich, ob ich die Lage nicht selbst erkunden wolle, in welchem Fall er mir zwei Schweizer zur Begleitung mitgäbe.
|89|Ich machte mich also auf mit den beiden Schweizern, obwohl ich nicht recht wußte, was sie für mich tun könnten, es sei denn, meine Leiche zu Graf von Sault zu tragen, sollten wir hinter dem Gipfel auf einen Vorposten stoßen. Doch nicht dies bereitete mir die meiste Sorge, so unerfreulich es auch war. Vielmehr zitterte ich davor, daß die Lage sich seit meinem Besuch bei Karl Emmanuel verändert haben könnte. Angenommen, Bellones Gewißheit, daß die Franzosen nicht von der Südflanke her angreifen würden, war ins Wanken geraten, und er hatte sich nach meinem Besuch im letzten Moment entschieden, besagte Flanke zu sichern, eine Befestigung zu bauen und Soldaten hineinzustellen, dann verlor die Strategie, die meine Auskünfte dem Kardinal und dem König eingegeben hatten, vollständig ihren Überraschungsvorteil.
Obwohl der Himmel bewölkt war, gab es nicht einen Anflug von Nebel, der uns verbergen konnte, und wir erklommen die letzten Klafter bis zum Gipfel auf dem Bauch im Schnee. Oben angelangt, hob ich vorsichtig den Kopf, riskierte ein Auge, und mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Gott sei Dank! Keine Befestigungen, keine Vorposten, keine Soldaten. Die Südflanke der Barrikaden lag kahl und bloß. Ohne einen Schuß Pulver verschossen zu haben, waren wir die Herren der Höhe und sahen alles, ohne gesehen zu werden.
Mir schien sogar, daß die Soldaten innerhalb der drei gestaffelten Barrikaden gar nicht wirklich in Alarmbereitschaft waren, obwohl doch auf der Straße an der Dora Riparia, natürlich außerhalb der savoyardischen Schußweite, reglos und Muskete bei Fuß, unsere Armee in exakten Vierergruppen bereitstand.
»Die Unseren warten auf unseren Angriff, um ihrerseits anzugreifen«, sagte Graf von Sault, der sich, bäuchlings im Schnee wie ich, zu meiner Rechten einstellte. »Also lassen wir sie nicht länger schmachten!«
Als ich den Kopf wandte, sah ich eine Kompanie Arkebusiere in zwei Reihen herankriechen, eine, um den Hügelkamm zu besetzen, und die zweite, einen Klafter dahinter, um an die Stelle der ersten aufzurücken, sobald deren Ladung verschossen war.
»Unser Stand ist fast zu gut«, raunte Graf von Sault, »beinahe schäme ich mich, auf die armen Leute dort unten zu schießen.«
|90|Trotzdem zog er seine Pistole, hob sie über den Kopf und schoß in die Luft, Hauptmann, Leutnant und Feldwebel des Regiments taten es ihm nach. Die vier aufeinanderfolgenden Schüsse gaben den Arkebusieren das Signal, alle zugleich auf die Barrikaden anzulegen. Das Musketenfeuer brach los wie der Donner, kurz und ohrenbetäubend, und als der Pulverdampf verflog, sah man, wie die Savoyarden von ihren Barrikaden fort und durch das große Stadttor stürzten, um sich in Sicherheit zu bringen. Im selben Augenblick strömte auf der Straße die königliche Armee heran, besetzte, ohne auf Widerstand zu stoßen, die Barrikaden und rannte durch das Tor, das die flüchtenden Feinde offengelassen hatten.
***
»Schöne Leserin, wollten Sie etwas sagen?«
»Monsieur, ich bin baß erstaunt. So wird der Kampf am Susa-Paß doch sonst nirgends erzählt!«
»Richtig, Madame. Und ich habe die beiden bekanntesten Versionen des Ereignisses, die französische und die savoyardische, noch mit keinem Wort erwähnt, weil ich weder der einen noch der anderen beistimmen kann.«
»Aber wenn Sie erlauben, Monsieur, würde ich sie trotzdem gern hören.«
»Bitte sehr. Ich mache Sie, Madame, zum Schiedsrichter meiner Zurückhaltung. Die verbreitete französische Version verdanken wir Marschall von Bassompierre. Nach beendetem Italien-Feldzug wieder in Paris, erzählte er diese seine Version im Kreis der Prinzessin Conti, der Herzogin von Chevreuse, kurz, der diabolischen Reifröcke und ihrer Anhänger am Hof, die für den König und den Kardinal nur Haß und Verachtung übrig hatten.
Gehen Sie mit mir bitte ein Stück in der Zeit zurück, Madame, bis zu jenem Moment nämlich, bevor die Schweizer von Graf Sault mit ihren Musketen auf dem Hügelkamm erscheinen, der die Südflanke der Barrikaden beherrscht. Wie gesagt, steht hundert Klafter vor besagten Barrikaden die königliche Armee Gewehr bei Fuß. Noch einmal hat Ludwig durch seinen Herold den Herzog von Savoyen um freie und freundschaftliche Passage ersucht, und abermals hat der Herzog von Savoyen |91|diese abgelehnt. Und wem reißt nun der Geduldsfaden, wenn nicht unserem großen Bassompierre, unserem wunderbaren Bassompierre? Und das sagt er dem König denn auch in jenem geschwollenen, metaphorischen Stil, für den unsere höfischen Zierpuppen schwärmen, den aber der König verabscheut, der wie sein Vater eine knappe, soldatische Sprache schätzt.
›Sire‹, sagt Bassompierre, ›die Gesellschaft ist versammelt, die Violinen haben die Plätze eingenommen, und die Masken stehen an der Tür. Wenn es Eurer Majestät beliebt, kann der Tanz beginnen.‹
Worauf der König entgegnet, er habe keine fünf Pfund Blei im Magazin seiner Artillerie. Was für Worte legt Bassompierre ihm da in den Mund! Madame, mutet es Sie nicht sonderbar an, daß der König klagt, keine Munition zu haben, die er, wenn er sie hätte, gar nicht benutzen könnte, weil seine Artillerie, wie Sie wissen, im Fort von Exilles, gute zwei Tagesmärsche vor Susa, zurückgeblieben ist? Ist der König nicht bei ganz Trost? Hat er sein Gedächtnis verloren und weiß nicht mehr, was er redet?
Natürlich fegt Bassompierre den dummen Einwand im Nu beiseite. Er schilt und tadelt den König sogar, als wäre der ein Grünschnabel, und führt mit seinem Furor die Entscheidung herbei.
›Sire‹, sagt er, ›daran zu denken, ist es auch jetzt gerade Zeit! Soll der Tanz nicht beginnen, nur weil eine Maske fehlt?‹
Sehen Sie nicht, Madame, was für eine schöne Rolle Bassompierre sich hier zuschreibt! Mit welch prächtigem Gewand er sich drapiert! Und wie er neben dem armen Ludwig, der unter seiner Sudelfeder schwach, töricht und unfähig zur Tat erscheint, sich selbst als den strahlenden Heros darstellt, voll jener von den Italienern so bewunderten furia francese, indem er diesen schönen kriegerischen Tugenden auch noch die sehr französischen und von den Damen so bewunderten Attribute hinzufügt: Draufgängertum und Esprit. Madame, ich nehme Sie zum Zeugen, muß man angesichts einer derart galanten Sprache nicht die Sinne verlieren: ›Soll der Tanz nicht beginnen, nur weil eine Maske fehlt?‹ Die vierundsechzig Kanonen der französischen Artillerie mit einer ›fehlenden Maske‹ zu vergleichen! Hört, gute Leute, hört! Hier spricht ein Marschall von Frankreich!«
|92|»Sie schenken diesem Bericht also keinerlei Glauben, Monsieur?«
»Nicht den geringsten. Weder dem Bericht noch der Rolle, die Bassompierre sich zuschreibt, noch seinen Reden, zumal er sie dem König von Angesicht zu Angesicht gehalten haben will. Denn dabei zugegen war erstlich der Favorit des Königs, Saint-Simon, der zwar den Mund hielt, aber die Ohren aufsperrte. Und es war vor allem zugegen, und wie merkwürdig, daß Bassompierre ihn, eine im Staat so bedeutende Persönlichkeit, nicht an seiner Seite bemerkt haben will…«
»Richelieu?«
»Ja, Richelieu. Der, vom König um seine Meinung befragt, dabei blieb, die Barrikaden nicht eher anzugreifen, als bis Graf Sault auf der ungeschützten Südflanke erscheinen und ebenjene Überraschung und Furcht auslösen würde, die man sich davon versprach. Und selbstverständlich war es diese Meinung, die beim König den Ausschlag gab. Das Umgehungsmanöver war mit großer Sorgfalt und Mühe vorbereitet worden, und da hätte man im letzten Moment darauf verzichten sollen, wie Bassompierre es wollte, um einen Frontalangriff zu führen, der stets viele Leben kostet?«
»Und nach allem, was Sie andeuteten, Monsieur, sind die savoyardischen Berichte der Wahrheit auch nicht viel näher?«
»Vermutlich, Madame. Nur sind sie in meinen Augen besser entschuldigt. Die Savoyarden waren die Besiegten und mußten sich hierüber trösten, indem sie ihr Heldentum in der Niederlage herausstrichen.
So wurde erzählt, Karl Emmanuel, so gichtlahm er auch war, habe sich samt seinem Lehnstuhl mitten in die Barrikaden tragen lassen, was ja geheißen hätte, er und seine Träger hätten im Fall des Rückzugs leicht gefangen werden können. Ebenso soll er, als der königliche Herold ihn um freie und freundschaftliche Passage der königlichen Armee ersuchte, mit einem jener prächtigen Sprüche geantwortet haben, aus denen man später historische Worte macht. Er sagte nein, klar, aber indem er sich mit der savoyardischen Ehre drapierte: ›Noi‹, soll er gesagt haben, ›non siamo inglesi e sapremo difendere i nostri passagi.‹1 Eine deutliche |93|Anspielung, Madame, auf die Belagerung von La Rochelle, nur daß diese Anspielung ein bißchen hinkt, denn in La Rochelle waren es nicht die Engländer, die ihre Passagen verteidigten, sondern die Franzosen waren es, die ihnen die Passage dank dem berühmten Deich verwehrten, der in ganz Europa Bewunderung erregt hat.
Und nun zu der zweiten heroischen Episode im Bericht der savoyardischen Historiographen. Als die Franzosen in die Barrikaden einbrachen, habe der Sohn des Herzogs von Savoyen, Fürst von Piemont, seinen Vater vor der Gefangennahme durch una brillante carica1 gerettet. Wie muß man sich die vorstellen? Zu Pferde, über Gräben und Barrikaden? Oder zu Fuß, als die Barrikaden bereits von der königlichen Armee und von den Schweizern unter Graf Sault überflutet sind, als die Verteidiger durch das weit offene Stadttor von Susa fliehen und die Angreifer ihnen nachsetzen? Wieso aber soll man überhaupt glauben, Madame, daß der Herzog und sein Sohn in die Barrikaden gekommen waren? Auf die Gefahr hin, daß beide im Kampf getötet würden und das Haus Savoyen auf immer erloschen wäre? Ich weiß nicht, wie es die italienischen Fürsten halten, aber in Frankreich und in ganz Europa ist es Brauch, daß die Herrscher sich nicht ›gefährlichen Orten‹ aussetzen, wie Richelieu es ausdrückte, wo sie getötet werden konnten, weil ihr Tod fast immer die prompte Niederlage ihres Heeres nach sich zog.«
»Sie meinen also, Monsieur, der Herzog von Savoyen hat sich gar nicht auf seinem Stuhl in die Barrikaden tragen lassen?«
»So unhöflich will ich gegen das Haus Savoyen nicht sein. Ich meine nur, daß der Herzog, nachdem er die Verteidigung der Stadt inspiziert und die Verteidiger ermutigt hat, in sein Schloß zurückgekehrt ist, um den Ausgang der Schlacht abzuwarten. Woran ja nichts Ehrenrühriges ist und was jeder europäische Monarch genauso gemacht hätte.«
»Aber, Monsieur, wenn man nur eine Handvoll Männer hat, ist es dann nicht eine Torheit, sich mit einer so mächtigen Armee wie der Ludwigs zu messen?«
»Torheit? Nein! Ich würde es eher Berechnung nennen.«
|94|»Berechnung? Wenn eine so schwache Garnison mit einem so gut wie gelähmten Feldherrn an der Spitze sich fünfunddreißigtausend Soldaten entgegenstellt?«
»Wenn Ihnen Berechnung nicht gefällt, nennen wir es Täuschung.«
»Täuschung?«
»Gewiß, Madame! Bedenken Sie doch, in welcher schwierigen Lage sich Karl Emmanuel zwischen seinen zwei mächtigen Nachbarn befindet, dem ständigen Nachbarn Spanien und dem immer nur zeitweilig in Italien aufkreuzenden Frankreich. Wenn er mit letzterem zu sehr fraternisiert, wird ihm Spanien nach dessen Abzug die Leviten lesen, vielleicht Schlimmeres. Vergessen Sie nicht, daß Karl Emmanuel von Savoyen mit dem König von Spanien verbündet ist und daß sie als Verbündete sich die Städte Monferratos aufgeteilt haben: für Spanien Casale, für Savoyen Tino. Den Franzosen den Schlüssel zu Italien zu übergeben hätte für Gonzalo de Córdoba Verrat am spanischen Verbündeten bedeutet. Wurde der einem aber mit Gewalt entrissen, sah die Sache ganz anders aus. Dann stand Karl Emmanuel weiß da wie Schnee.«
»Und hatte das Täuschungsmanöver den erwünschten Effekt?«
»Es ist der Fehler jeder machiavellistischen Politik, Madame, daß sie nur eine Zeitlang verfängt. Lange ließ der Spanier sich nicht narren, höchstens bis er hörte, welche sehr milden Friedensbedingungen Karl Emmanuel von Ludwig gestellt wurden: Der Herzog durfte Tino behalten und erhielt eine Jahresrente von fünfzehntausend Ecus zugesprochen. Als Gonzalo dann noch vom Wiedersehen unter Freudentränen und Herzensergüssen des Königs von Frankreich mit seiner kleinen Schwester hörte, der Prinzessin von Piemont, war ihm wohl klar, daß man ihn hinters Licht geführt hatte. Zumal die königliche Armee ihre freie Passage durch Susa erhielt, Casale von der Belagerung befreit wurde und Toiras sich mit starker Garnison dort festsetzen konnte.
Die Folgen ließen nicht auf sich warten. Kaum war Ludwig in sein liebliches Frankreich heimgekehrt, zeigte der Spanier dem Herzog die Zähne und forderte, daß er eine Klausel des Vertrags mit Ludwig nicht erfülle: Toiras in Casale zu ernähren. Was dem geizigen Karl Emmanuel aber sehr recht war |95|und Toiras nicht allzusehr störte, weil er, in Belagerungen erfahren, große Vorräte angelegt hatte. Alles in allem, meine ich, sind Karl Emmanuel wenig Vorwürfe zu machen. Seine unglückliche geographische Lage nötigte ihn, bald Spanien und bald Frankreich zu verraten. Und was uns angeht, schöne Leserin, war es nicht unvermeidlich, daß wir, um Casale, Mantua, Savoyen und die Republik Venedig zu unterstützen, immer wieder mal nach Italien kommen mußten, denn unsere Erfolge dort waren doch nie von Dauer.«