Im Gegensatz zu allem, was die bösen Mäuler am Hof zu schwatzen wußten – und was seitdem zur Genüge wiedergekäut wurde –, war es nicht »der rote Mann«, wie sie den Kardinal einfallslos und gehässig nannten, der die unnachgiebige Unterdrückung der Kabale vornahm und ausführte. Es war der König, und der König allein. Obwohl Richelieu die Strafmaßnahmen billigte, inspirierte er sie in keiner Weise und legte nicht Hand mit an. Womit er große Mäßigung und Zurückhaltung bewies, denn das Ziel des Komplotts war immerhin seine Verbannung gewesen und sehr wahrscheinlich sein Tod.
Der erste, den es traf, war der Siegelbewahrer Marillac, denn Ludwig hielt ihn für den Hauptschuldigen an den Hetzkampagnen; lange genug hatte er gegen die antispanische Politik des Königs und Richelieus seinen zugleich offenen und versteckten Krieg geführt.
Leser, um dir Marillacs Schicksal zu erzählen, laß mich einige Stunden zurückgreifen. Nach seinem warmherzigen Gespräch mit Richelieu schickte der König Reiter an seine Staatssekretäre mit der Aufforderung, nach Versailles zur Beratung zu kommen: was bis dahin bekanntlich nie vorgekommen war.
Um es kurz zu machen, hier die Staatssekretäre, die nach Versailles befohlen wurden: La Ville-aux-Clercs, Bullion, Bouthillier und Marillac. Leser, Sie lesen richtig: Marillac! Nun, Marillac wußte in diesem Moment noch ebensowenig wie die Königinmutter, daß Richelieu inzwischen nach Versailles gerufen worden war. Sie wußten nur von der extremen Kälte, die der König Richelieu bei seinem Aufbruch vom Luxembourg bezeigt hatte. Und sie schlossen daraus, daß der König die Staatssekretäre nur nach Versailles bestellte, um Richelieu zu entlassen und statt seiner Marillac zu ernennen.
Hoffnung hat das Verführerische und Gefährliche, daß sie eine bloße Wunschvorstellung zu einer gesicherten Wahrheit machen kann. Vor seinem Aufbruch nach Versailles ging Marillac und |229|holte von zu Hause die Siegel. Tränen in den Augen, erzählte sein Kaplan mir später, wie er den Kasten mit den Siegeln geöffnet und sie lange betrachtet habe, so als nehme er, da er nun zum Ersten Minister berufen würde, von ihnen Abschied. Alle vier lagen sie da: das große königliche Siegel samt seinem Kontersiegel, das Siegel des Dauphins und dessen Kontersiegel. Freilich war der Dauphin noch nicht geboren, doch seine beiden Siegel erwarteten ihn schon, untrennbar von denen seines Vaters.
Von diesem Kasten verwahrte allein der Siegelbewahrer den einzigen Schlüssel, den er brauchgemäß, ohne ihn jemals abzulegen, an einer goldenen Kette um den Hals trug. Dieser Schlüssel war für den Siegelbewahrer, was Stab und Mitra für einen Bischof sind. Er bezeichnete zugleich sein Amt und seine Würde.
Und wenn das Wort Würde auf einen Offizier des Königs zutraf, dann unbedingt auf Monsieur de Marillac. Groß, hager, schwarz gewandet, mit tiefliegenden, blitzenden Augen und Adlernase, mit dünnen Lippen, langem Kinn, sparsamen Gesten bot er bei jeder Gelegenheit eine geradezu olympische Erscheinung und sprach mit gebieterischer Stimme, als kenne er keinen Irrtum, war er durch seine lebenslange, tiefe Frömmigkeit doch der göttlichen Erleuchtung teilhaftig.
Er wohnte in Paris in der Rue de Tournon, wo ich zwei- oder dreimal war zu der Zeit, als Marillac und Richelieu sich – ohne viel Erfolg – um eine Annäherung bemühten. Sein Haus war weder geräumig noch warm, noch gut möbliert. Auch schien sein Gesinde sich auf ein Minimum zu begrenzen: ein Kaplan, ein Kutscher, ein Koch und zwei Diener. Keine Spur von einer Kammerjungfer, und man weiß, warum … Dennoch, auch wenn für Monsieur de Marillac das Fleisch nur Sünde hieß und der Leib eine Hülle war, die ein guter Christ abzuwerfen sich bestreben mußte, um endlich als reine, unsterbliche Seele zu erstehen, war er weiblichen Reizen nicht so abhold, daß er sich nicht verheiratet und, Witwer geworden, aufs neue geheiratet hätte.
Sein karg bestelltes Hauswesen hatte die bösen Mäuler am Hof zu behaupten veranlaßt, Marillac sei ein Knicker und Knauser. Gerechterweise muß man aber sagen, daß Marillacs Börse karg gefüllt war. Der integre Minister hatte sich durch seine Ämter nicht bereichert. Und zweimal mit Frauen ohne Vermögen verheiratet, blieben ihm zum Leben nur seine Bezüge als Staatssekretär und als Königlicher Rat. Auch zusammengenommen, |230|ergab das keinen Reichtum. Was für die anderen Staatssekretäre nur ein Zubrot war, war für Marillac die einzige Einnahmequelle. Kein Grundbesitz, keine Weinberge, kein Landhaus. Sein ganzer Besitz war das Haus in der Rue de Tournon.
Bitterkalt war es an jenem Novemberabend 1630. Auf der Straße draußen warteten Kutsche, Kutscher und Pferde zu langer Fahrt auf den gefrorenen Wegen nach Versailles. Ehe er das Haus verließ, streifte Marillac seine dicken Pelzhandschuhe über, da klopfte es, was ihn angesichts der späten Stunde verwunderte. Herein trat sein Kollege, der Staatssekretär Monsieur de La Ville-aux-Clercs, der mir später erzählte, anstatt zu tun, was ihm befohlen war, habe er sich tausend Meilen weit weg gewünscht.
»Monsieur«, sagte er, bemüht, seine Stimme zu festigen, »der König hat mich beauftragt, Euch diesen Brief persönlich zu überbringen.«
Er überreichte Marillac besagtes Sendschreiben, als verbrenne es ihm die Finger. Von Vorgefühlen erfaßt, öffnete Marillac das Schreiben mit zitternden Händen. Und er las:
Monsieur,
mit Erhalt dieses Briefes, habt Ihr Euch nach Gratigny zu begeben, in Begleitung von Monsieur de La Ville-aux-Clercs, der Euch den Ort, der Euch erwartet, weisen und Euch in den Morgenstunden neue Instruktionen davon geben wird.
Ludwig
»Monsieur«, sagte Marillac, sobald seine Stimme wieder vernehmlich wurde, »bitte, nehmt Platz!«
La Ville-aux-Clercs setzte sich, nicht weil er das Bedürfnis hatte, sondern weil Marillacs Blässe ihm sagte, daß dessen Beine ihn nicht mehr trügen. Auch verlangte er nach einem Glas Wasser, nicht weil ihn dürstete, vielmehr schien ihm, daß Marillac die Stärkung nötig habe.
Und tatsächlich, als der Diener eine Karaffe und zwei Gläser brachte, leerte Marillac das seine auf einen Zug.
»Monsieur«, sagte er dann, »ich nehme an, daß Ihr mir, wenn Ihr mir morgen weitere Instruktionen geben sollt, heute abend nichts sagen könnt.«
»In der Tat, Monsieur, ich darf es nicht«, sagte La Ville-aux-Clercs.
|231|»Darf ich trotzdem eine Frage stellen?«
»Gern, sofern es nicht eine ist, die ich nicht beantworten darf.«
»Und wenn es eine solche ist?«
»Dann würde ich Euch bitten, Monsieur, mir mein Schweigen verzeihen zu wollen.«
»Monsieur«, fuhr Marillac mit schwacher Stimme fort, »ist der Herr Kardinal von Richelieu in Versailles beim König?«
»Er ist dort«, sagte La Ville-aux-Clercs.
Hierauf folgte ein langes Schweigen.
»Monsieur«, sagte endlich Marillac, »erlaubt Ihr, daß ich mich einige Augenblicke zurückziehe?«
La Ville-aux-Clercs bejahte es, und Marillac verließ wankenden Schrittes den Raum. Er holte aus seiner Schlafkammer einen Beutel mit Talern und ging in seine kleine Kapelle.
»Mein Vater«, sagte er zu seinem Kaplan, »wollt Ihr an meiner Statt den Koch und den Zweiten Diener entlassen? Der Erste Diener soll bleiben und das Haus hüten, bis ich es verkaufe. Wollt Ihr bitte den Leuten auch ihren Lohn auszahlen?« setzte er hinzu, indem er ihm den Beutel übergab.
»Ich tue alles, was Ihr verlangt, Monsieur«, sagte der Kaplan, »aber was ist denn, Monsieur? Seid Ihr krank?«
»Der König verbannt mich.«
»Gütiger Gott!« sagte der Kaplan und setzte hinzu: »Monsieur, darf ich Euch in die Verbannung begleiten, um Euch weiter die Tröstungen unseres heiligen Glaubens zu spenden?«
»Von Herzen gern«, sagte Marillac, »ich wäre glücklich darüber, wenn nur der König es erlaubt. Wollt Ihr erst einmal tun, um was ich Euch bat? Unser Aufbruch ist nahe.«
Der Kaplan ging, schwach und wankend schleppte sich Marillac zu seinem Betpult, kniete nieder und betete, das Gesicht in den Händen.
Er war siebenundsechzig Jahre alt und gebrechlich. Leere war um ihn. Er hatte seine zweite Frau verloren. Sein ältester Sohn war bei der Belagerung von Montauban am Fieber gestorben. Seinen jüngsten, der Franziskaner war, sah er selten und seine Tochter nie, denn sie war im Carmel. Er fühlte sich grausam allein in der Welt.
Die Kutsche von Monsieur de Marillac folgte auf dem Weg nach Glatigny derjenigen von La Ville-aux-Clercs und wurde |232|selbst von zehn Bogenschützen zu Pferde begleitet, die ihn zugleich schützten und bewachten.
Um ein Uhr in der Nacht erreichte Marillac Glatigny und das angewiesene Quartier. Auf der Schwelle seines Gemachs fragte Marillac, ob er La Ville-aux-Clercs den Kasten mit den Siegeln und den Schlüssel an seinem Hals jetzt gleich übergeben solle. La Ville-aux-Clercs, der verstand, welche Gefühle sich hinter dieser Frage verbargen, antwortete, die Übergabe könne ohne weiteres bis zum Morgen warten.
So verbrachte Marillac denn die letzte Nacht in Gesellschaft der königlichen Siegel, und nachdem er vermutlich wenig und schlecht geschlafen hatte, weckte er seinen Kaplan, damit er ihm in der Hauskapelle die Messe lese.
Durch einen merkwürdigen Zufall begann der Meßtext mit den Worten: »Jene, die um der göttlichen Wahrheit willen leiden, empfehlen ihre Seele dem Schöpfer.« Kaum hatte Marillac die tröstliche Botschaft des Herrn vernommen, als eine Hand sich auf seine Schulter legte, nur leicht in Wahrheit, und doch dünkte sie ihn schwer.
»Mein Freund«, sagte La Ville-aux-Clercs, »es ist Zeit, zu unserem Bestimmungsort aufzubrechen.«
»Monsieur«, sagte Marillac, »wollt Ihr erlauben, daß wir die Messe zu Ende hören?«
»Selbstverständlich«, sagte La Ville-aux-Clercs, etwas beschämt wegen seiner Ungeduld.
In Wahrheit aber ging ihm der Auftrag, den er da erfüllte, so zu Herzen, daß er ihn baldmöglichst hinter sich bringen wollte.
Nach beendeter Messe und in Gegenwart des Kaplans und des Leutnants, der die Wachen befehligte, übergab Marillac den Kasten mit den Siegeln und den einzigen Schlüssel dazu an La Ville-aux-Clercs.
Nun begann eine lange Reise, die Marillac nach Châteaudun führte, wo er im Schloß eingesperrt und Tag und Nacht von Bewaffneten bewacht wurde, sogar – was ihn sehr demütigte – wenn er seine Notdurft verrichtete. Für alles hatte er selbst aufzukommen, auch für die Ernährung seiner Bewacher. Weil er aber weder Siegelbewahrer noch Königlicher Rat mehr war, erhielt er keine Bezüge mehr. Seine magere Barschaft war in kurzem erschöpft, und er sah sich gezwungen, auf sein Pariser Haus zu borgen, bis er es verkaufen konnte. Um seinem Leben |233|einen Sinn zu geben, beschäftigte sich Monsieur de Marillac mit einer Übersetzung der Psalmen. Es half ihm wenig. Nach knapp zwei Jahren, 1632, starb er, und mehr an seiner Ungnade, sagt sein Kaplan, als an einer Krankheit.
***
Erlaube mir, Leser, nach Versailles zurückzukehren: Der Große Königliche Rat ernannte auf Vorschlag des Königs Monsieur de Châteauneuf zum Siegelbewahrer und Monsieur Le Jay zum Ersten Präsidenten des Pariser Gerichtshofes. Beide waren Freunde Richelieus, so daß er nun ruhiger schlafen konnte. Sobald die Sitzung geschlossen war, eilte ich nach Paris und fand Catherine in Unruhe über mein langes Ausbleiben. Sie stellte mir Frage um Frage nach Monsieur de Marillac, die ich ihr freilich erst Tage später beantworten konnte, nachdem ich La Ville-aux-Clercs gesprochen hatte, der von dem ihm befohlenen Auftrag noch ganz bewegt war.
»Armer Marillac!« sagte Catherine, »so hoch gestiegen und so tief gefallen!«
»Meine Liebe, vergeßt nur bitte nicht, wieviel Übles Marillac gegen Richelieu ins Werk gesetzt hat, er war nun einmal der denkende Kopf des ganzen Klüngels, und im Fall seines Sieges hätte er Frankreich zum Vasallen Spaniens gemacht.«
»Ihr habt recht, trotzdem tut er mir leid. Und gleichzeitig verwünsche ich diese Erzfrömmler, die wie er nur darauf aus sind, die Protestanten, die unter uns leben, mit Feuer und Schwert zu bedrohen. Und was ich bei Marillac überhaupt nicht verstehe, ist, wie ein Mann seines Formats den Einfluß der Königinmutter auf den König dermaßen überschätzen konnte? Und wie er den König so unterschätzen konnte, daß er sich einbildete, Ludwig werde einen großen Staatsdiener einer Mutter opfern, für die er doch von Kind auf weder Liebe noch Achtung hatte?«
»Ja, das bleibt ein Rätsel, meine Liebe, und es hat zwei Väter: Fanatismus und Ehrgeiz. Beide sind von Natur aus blind.«
»Wißt Ihr«, sagte Catherine, »mir tut aber auch La Villeaux-Clercs sehr leid, daß er einen so traurigen Auftrag erfüllen mußte, zumal er mir den Eindruck machte, als ich ihm bei Marschall Schomberg begegnete, daß er um eine tote Lerche weinen würde.«
|234|»Wenn er Euch so leid tut, meine Liebe, könnt Ihr ihn gleich doppelt beklagen. Denn kaum nach Versailles zurückgekehrt, erhielt er von Ludwig Befehl, unverzüglich wieder nach Paris zu eilen und nun der Königinmutter die Ungnade ihres Favoriten zu verkünden. Und nach allem, was ich hörte, gingen ihm die Worte nur darum flüssig von den Lippen, weil sie vom König im voraus festgelegt worden waren.«
»Harte Worte?«
»Urteilt selbst. Bei der hohen und hochmütigen Dame vorgelassen, grüßte La Ville-aux-Clercs ehrerbietig die Königinmutter, die noch immer halb auf ihrem Bett hingegossen lag inmitten der Menge ihrer Speichellecker, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußten, was sich in Versailles zugetragen hatte.
›Madame‹, sagte La Ville-aux-Clercs, ›ich habe Euch eine Botschaft vom König, Eurem Sohn, zu übermitteln.‹
›Ich höre‹, sagte die Königinmutter in herablassendem und unwirschem Ton, so als flöße ihr alles von jener Seite Kommende nichts als Mißtrauen und Verachtung ein.
›Seine Majestät‹, sagte La Ville-aux-Clercs, ›hält dafür, daß der Siegelbewahrer die Grenzen überschritten hat, indem er Eurer Majestät seinem Dienst widersprechende Meinungen einflößte.‹
›Monsieur, was soll dieses Kauderwelsch heißen?‹ fragte die Königinmutter.
›Es soll heißen, Madame, der König ist der Ansicht, daß der Siegelbewahrer sehr übel daran tat, Euch so feindliche Gefühle gegen den Kardinal einzuflüstern, daß Eure Majestät schließlich den König um seine Entlassung ersucht hat.‹
›Und das war wohlgetan!‹ schrie die Königinmutter, der die Höflinge sogleich murmelnd beistimmten.
›Es sieht aber doch nicht so aus, Madame‹, sagte La Villeaux-Clercs mit engelhafter Sanftmut, ›denn soeben hat der König Monsieur de Marillac abberufen und in ein scharf bewachtes Schloß eingesperrt.‹
›Was soll das? Was soll das?‹ stieß die Königin in einer Mischung aus Zorn und Furcht hervor. ›Ist das wieder eine bugia1?‹
›Nein, Madame! Das ist gesicherte Wahrheit.‹
›Maggiordomo!‹ rief die Königinmutter voller Wut. ›La mia |235|carrozza! Subito! Diener, Kutscher, spannt meine Pferde an! Subito! Subito! Ich muß nach Versailles.‹
›Fahren wir alle nach Versailles!‹ rief da ein Höfling, ›und holen wir Richelieu mit Gewalt heraus!‹
›Monsieur‹, entgegnete ihm La Ville-aux-Clercs in festem Ton, ›erlaubt, Euch zu sagen, daß Eure Worte zumindest unbesonnen sind. Außer daß sie nach Rebellion klingen, sind sie auch ganz unvernünftig. Der König wird in Versailles von seinen Musketieren und zwei Eliteregimentern bewacht. Glaubt Ihr, diese Herren lassen es zu, daß Ihr gegen den Ersten Minister des Königs Gewalt anwendet?‹
›Aber ich!‹ schrie die Königinmutter, fester denn je entschlossen, ›ihre Pferde anzuspannen‹, ein Wort, das am Hof berühmt wurde, als die Dame all ihre Macht verloren hatte. ›Aber ich fahre! Ich fahre nach Versailles! Und ich fahre allein. Ich will mit dem König sola a solo sprechen! Dann werden wir ja sehen, ob er mir nicht Rechenschaft schuldet!‹
›Madame‹, sagte La Ville-aux-Clercs, ›es wäre sehr ärgerlich für den Respekt, den man Euch in diesem Reich schuldet, wenn Ihr nach Versailles führet, ohne eingeladen zu sein, und der König Euch gar nicht empfänge. Übrigens wird er wahrscheinlich bereits abgefahren sein, wenn Ihr dort eintrefft.‹
Dies war nun, wie die Königin gesagt hätte, eine bugia pietosa1, wie Monsieur de La Ville-aux-Clercs mir nachher gestand, deren augenblickliche Wirkung aber durchaus wohltuend war.
›Dann fahre ich nicht!‹ sagte die Königin genauso entschlossen, wie sie eine Minute früher trompetet hatte, sie fahre. ›Dann warte ich hier, daß der König kommt und sich dafür entschuldigt, meine Worte in den Wind geschlagen zu haben!‹
›Diese Szene‹, sagte La Ville-aux-Clercs, als er mir das Ganze erzählte, ›erschien mir um so peinlicher, als ich bemerken konnte, wie das Heer der Schmeichler, das die Bettstatt der Königin umgab, in dem Maße, wie die Wahrheit über Marillacs Ungnade bekannt wurde, sich nach und nach verkrümelte, so daß am Ende nur noch ein Dutzend übrig war – die getreuesten, oder einfach die dümmsten.‹«
***
Ich meine den Bruder des Siegelbewahrers, Marschall Louis de Marillac, Generalissimus der Italienarmee, der sich derzeit im Feldlager von Foglizzo befand und Auftrag hatte, Casale zu entsetzen.
Es ist wahr, daß Louis de Marillac die Antipathie, um nicht zu sagen den Haß, teilte, den sein Halbbruder, der Siegelbewahrer, für den Kardinal hegte. Und weil er ein unbesonnener, streitlustiger und großmäuliger Mensch war, der zuwenig dachte und zuviel sprach, verstieg er sich eines Tages in Gesellschaft des Herzogs von Guise und Bassompierres zu der Äußerung, wenn er den Befehl erhielte, würde er, wie es Vitry im Jahr 1617 mit Concini gemachte habe, dem Kardinal mit einem Schuß den Schädel zertrümmern.
Weil diese Worte in den Gemächern der Königinmutter fielen, die sie mit Wonne vernahm, entgingen sie auch den hübschen Ohren der Zocoli nicht. Sie gelangten auf den gebräuchlichen Wegen über Fogacer zu mir, der ich sie dem König weitersagte, der diese unbedacht dahingeredeten, aber doch bedrohlichen Worte in einem Winkel seines Gedächtnisses verwahrte, um sich ihrer bei gegebenem Anlaß zu erinnern.
Dieser Anlaß ergab sich, als der König, nachdem er in dem denkwürdigen Rat zu Versailles beschlossen hatte, Michel de Marillac zu verbannen, sich besann, daß diese Maßnahme seinen Halbbruder erbittern könnte, der als Generalissimus der Italienarmee über dreißigtausend Mann gebot. Es stand also zu fürchten, daß der Marschall aus Entrüstung über das Los seines Bruders an Rache denken und in seinem geringen Verstand zur offenen Rebellion gegen den König übergehen werde. Zwar hatte er in Italien die Marschälle Schomberg und La Force zur Seite, beide ehern königstreu, doch konnte er sich ihrem Einfluß entziehen und die ihm direkt unterstellten sechstausend Mann nach Paris zurückführen, Schaden anrichten und damit der Kabale zu neuer Hoffnung verhelfen.
So wurde denn beschlossen, den Kabinettsboten Lépine zu Marschall Schomberg ins Feldlager Foglizzo mit einem Brief des Königs zu entsenden, der ihm befahl, Marschall Louis de |237|Marillac auf der Stelle zu verhaften und unter angemessener Eskorte nach Paris zu bringen.
Dieser Lépine muß ein verdammt guter Reiter gewesen sein, galt es doch, Foglizzo um jeden Preis noch vor der Post zu erreichen. Ein einziger Brief, der vorher von Paris bei Louis de Marillac einträfe, konnte Feuer ans Pulverfaß legen. Lépine dürfte mehrere Pferde zuschanden geritten haben, denn er traf am einundzwanzigsten November vor Mittag in Foglizzo ein. Und was nun geschah und was, wie man ahnen wird, höchst dramatisch war, erfuhr ich von meinem guten und unwandelbaren Freund, Marschall Schomberg, der mir alles genau erzählte, indem er hinzufügte, dies sei der schmerzlichste Tag seines ganzen Soldatenlebens gewesen.
Meine schöne Leserin hat sicherlich nicht vergessen, daß Schomberg als der treueste Ehemann Frankreichs galt, und die Damen des Reiches, auch meine, hielten ihn ihren Männern als leuchtendes Beispiel vor. Dazu besaß er sämtliche Vorzüge, welche die heiligen Bücher uns anempfehlen, ohne daß er darum, was ja das Ganze verdorben hätte, auch nur einmal der Sünde des Stolzes verfiel. Kurzum, er wäre uns allen in Hof und Stadt ein Vorbild gewesen, wenn seine Vollkommenheit uns nicht von vornherein entmutigt hätte.
Bei so vielen beneidenswerten Tugenden besaß Schomberg selbstredend auch die allerseltenste, nämlich Dankbarkeit. Und wie man sich vielleicht entsinnen wird, hatte er mich vor Jahren in sein dankbares Herz geschlossen, weil ich beim König für ihn eingetreten war – was immer gefährlich sein konnte –, auf daß Seine Majestät ihn von den böswilligen Verleumdungen reinwasche, die ihn in Ungnade zu stürzen trachteten.
Im zweiten Kapitel dieses Bandes beschrieb ich die Marschälle Bassompierre, d’Estrées und Créqui, doch wäre dieses farbenreiche Tableau unvollständig, wenn ich ihm nicht den Marschall de La Force hinzufügte, der in unserem Fall sich mit Schomberg und Marillac im Feldlager Foglizzo befand.
La Force war sein Name als Herzog. Eigentlich hieß er Nompar de Caumont, Herr der Schlösser Castelnau und Milandes im Périgord, dem ich durch die teuersten Erinnerungen meiner jungen Jahre verbunden bin. Der Vater dieses Nompar de Caumont, François, hatte eine schöne Cousine namens Isabelle, die mein Großvater, der Baron von Mespech, geheiratet |238|hat: eine Ehe, die sowohl glücklich wie unglücklich war, glücklich durch die Liebe, die sie füreinander empfanden, unglücklich aber, weil sie glühende Katholikin war, er hingegen strenger Protestant und beide ziemlich unnachgiebig in ihrem Glauben. Im Jahr 1630 in Foglizzo war der Marschall de La Force bereits einundsiebzig Jahre alt, dabei aber rüstig und lebenslustig. Seine ganze Familie wie auch meine waren für ihre erstaunliche Langlebigkeit berühmt, und ich habe begründete Hoffnung, daß mein Großvater, der Baron von Mespech, ebenso wie François de Caumont, Herzog de La Force, so spät wie möglich in die ewige Seligkeit eingehen werden.
Marschall de La Force hätte als Herzog und Dienstältester den Vortritt vor Schomberg und Marillac gehabt, und so war er etwas pikiert, als er am Tag zuvor – ich betone, am Tag bevor der Kabinettsbote Lépine eintraf – einen Brief des Königs erhalten hatte, der ihn über die Ernennung des Marschalls von Marillac zum Generalissimus informierte. Dieser Brief war tatsächlich am zehnten November verfaßt und abgesandt worden, das heißt vor dem wütenden Angriff der Königinmutter auf Richelieu, als ein letztes Zugeständnis des Königs an seine Mutter. Er hatte sie gegen den Kardinal duldsamer stimmen wollen, indem er den Bruder ihres Günstlings beförderte. Es war nun grausame Ironie des Schicksals, daß der Brief, den Lépine überbrachte und der Marillacs Festnahme befahl, einen Tag nach dieser Beförderung in Foglizzo eintraf. Ich wette, daß noch nie in der Geschichte Frankreichs der Tarpejische Felsen dem Capitol so nahe gelegen hat.
Die Stunde indes war freundlich. Trotz der Kälte strahlte die Sonne, der Schnee glitzerte. Und die drei Marschälle, alle drei große Esser, schickten sich fröhlich an zu speisen. In dem Moment erschien der Kabinettsbote Lépine und übergab Schomberg wortlos (wie es ihm befohlen war) den Brief, den Schomberg, beiseite tretend, öffnete und zu lesen begann. Da trat La Force, immer eingedenk, daß er Herzog und Dienstältester war, hinzu, warf über Schombergs Schulter einen Blick auf das Schreiben und sagte leise: »Monsieur, lest Euren Brief woanders.« Schomberg stimmte zu, steckte das Schreiben in seinen Ärmelaufschlag und sagte: »Meine Herren, bitte speist ohne mich. Nach dem Diner befassen wir uns mit dem Brief des Königs.«
|239|Erschüttert durch das soeben Gelesene, rief Schomberg seinen Adjutanten, Feldmeister Puységur, und befahl ihm, die Hauptleute der Garden in seinem Kabinett zu versammeln.
»Meine Herren«, sagte Schomberg ernst, als sie erschienen waren, »ich erhalte soeben einen Brief des Königs, der mich betrübt und der Euch sehr seltsam anmuten wird. Ich soll zur Stunde den Herrn Marschall von Marillac verhaften. Ich muß Euch nicht in Erinnerung rufen, daß ein Befehl ein Befehl ist. Es steht uns nicht zu, ihn zu bewerten, sondern nur, ihn auszuführen. Meine Herren, kann ich mich auf Eure Tatkraft und Euren Gehorsam verlassen?«
Hierauf trat der dienstälteste Gardehauptmann einen Schritt vor.
»Herr Marschall«, sagte er mit der lauten und klar artikulierten Stimme, die man im Heeresdienst lernt, »Ihr könnt Euch darauf verlassen.«
Dann wiederholten die anderen Hauptleute, indem auch sie vortraten, mit derselben Stimme denselben Satz.
»Puységur«, sagte nach einer Zeit Schomberg, »seht einmal diskret nach, ob das Mahl der Herren Marschälle Marillac und La Force beendet ist, und wenn dem so ist, dann bittet sie zu mir.«
Zehn Minuten später treten die beiden Marschälle ein. Vom Anblick der Gardehauptleute überrascht, fragt in gereiztem Ton Marillac: »Was sollen die Offiziere hier? Wir werden doch nicht in ihrer Gegenwart den Brief des Königs bereden!«
»Leider«, sagt Schomberg, »sind die Herren eben wegen des königlichen Briefes hier.«
Damit überreichte er Marillac den Brief des Königs.
Marillac las, erbleichte, wankte, dann straffte er sich, indem er Schrecken und Entrüstung mit Not beherrschte.
»Was soll das? Gestern zum Generalissimus erhoben und heute festgenommen! Was soll das heißen?«
»Monsieur«, sagte Schomberg, der Marillacs streitbaren Charakter kannte und einen Ausbruch befürchtete, »Ihr kennt mich, ich bin Euer Freund. Und ich bitte Euch, Geduld zu bewahren. Es kann sein, daß es sich um ein Mißverständnis handelt und die Sache weiter nichts auf sich hat.«
»Monsieur«, sagte Marillac, der sich gefaßt hatte, »es ist dem Untertan in der Tat nicht erlaubt, gegen seinen Herrn aufzubegehren. |240|Ich werde mich an den Ort und in das Gefängnis begeben, das der König mir befiehlt.«
***
»Mein Lieber«, sagte Catherine, als ich ihr dies zwei Jahre später erzählte, »warum hört Ihr hier auf? Die Geschichte war doch damit nicht zu Ende? Sagt mir alles.«
»Es fällt mir sehr schwer, Euch die Fortsetzung zu erzählen, ja auch nur daran zu denken, denn Marillac wurde verurteilt, und leider verurteilt dieses Urteil jene, die es sprachen.«
»Warum?«
»Weil es ungerecht war.«
»Monsieur, ich bin sprachlos: Ihr kritisiert den König!«
»Leider, ja! Aber ich tue es voll Trauer, nur mit halbem Wort, nur vor Euren lieblichen Ohren und hinter wohlverschlossener Tür.«
»Mein Freund, Ihr habt zuviel gesagt, um nicht noch mehr zu sagen.«
»Nun ja, man hätte Marillac in die Bastille sperren können wie Bassompierre, und ein paar Jahre dort, das wäre schon ziemlich hart gewesen. Aber nein! Ihm wurde ein Prozeß gemacht! Und man hat ihn zum Tode verurteilt!«
»Und warum?«
»Aus Staatsräson. Der König wollte ein Exempel statuieren, das die Kabale abschrecken und ihr jegliche Lust auf neue Komplotte nehmen sollte.«
»Aber auf welcher Basis konnte man ihm denn den Prozeß machen? Doch nicht, weil er gesagt hatte, er würde, wenn man ihm den Befehl gäbe, Richelieu erschießen?«
»Nein, kein Richter hätte ihn für diese soldatische Prahlerei verurteilt, der ja übrigens auch keine Tat gefolgt war. Die Anklage wurde ganz anders erstellt. Der König ließ Marillacs Vergangenheit durchforschen, und so entdeckte man, daß beim Bau der Zitadelle von Verdun, der seiner Verantwortung unterstanden hatte, zahlreiche Unterschlagungen passiert waren.«
»Ist das wahr?«
»Wer weiß es? Ich wette, daß, wenn man die militärischen Bauten untersuchte, die anderen Marschällen anvertraut waren, |241|man zu keinem besseren Ergebnis kommen würde, ohne daß deshalb besagte Marschälle in die eigenen Taschen gewirtschaftet haben müssen. Denn um solche Bauten wimmeln zahlreiche Ingenieure, Handwerker, Lieferanten und Intendanten, die immer günstige Gelegenheiten finden können, ihre Barschaft aufzubessern. Übrigens hat Marillac das auch gesagt, der sich wacker verteidigte, so daß der Prozeß sich zwei Jahre hinzog. Zum Schluß entschieden nach sorgfältiger Auswahl dreiundzwanzig Richter, und selbst unter diesen so sorgfältig ausgewählten fanden sich nur dreizehn, die ihn schuldig sprachen, und zehn nicht schuldig.«
»Er wurde also zum Tode verurteilt?«
»Ja, zur größten Befriedigung des Königs und zum größten Mißfallen Richelieus, der die Schlachtung eines Sündenbocks politisch sinnlos und moralisch ärgerlich fand.«
»Hat er interveniert?«
»Oh, ja! Und das wird oft vergessen. Richelieu erwirkte beim König einen Gnadenerlaß.«
»Was heißt das?«
»Eine Amnestie.«
»Und warum wurde Marillac trotzdem hingerichtet?«
»Weil er den Gnadenerlaß ablehnte.«
»Gott im Himmel!« rief Catherine. »Er hat die Begnadigung abgelehnt, die ihn vorm Tod gerettet hätte? Was für ein Wahnsinn! Das hieß ja seinen Kopf selbst auf den Block legen!«
»Dieser Wahnsinn, meine Liebe, nennt sich Ehrenpunkt. Wenn der schon bei einem Edelmann starr ist, um wieviel starrer erst bei einem Soldaten: Marillac erklärte, da er unschuldig sei, bedürfe er keiner Gnade.«
»Er hätte sich doch auch denken können, daß der König ihn begnadigen würde, weil er ihn im Grund seines Herzens für unschuldig an den Verbrechen hielt, die ihm vorgeworfen wurden.«
»Meine Liebe, Ihr seid nicht auf den Kopf gefallen!«
»Aber Marillac war es! Er hätte sich auch sagen können, daß er den König, wenn er seine Begnadigung ablehnte, tödlich beleidigte.«
»Ihr habt tausendmal recht. Eine königliche Gnade abzulehnen kommt einer Majestätsbeleidigung gleich. Und genau das muß Ludwig empfunden haben, denn er ließ den Dingen nun |242|ihren Lauf, und am zehnten Mai 1632, um halb fünf Uhr nachmittags, wurde Marschall von Marillac auf der Place de Grève enthauptet.«
***
Wenn du erlaubst, Leser, kehren wir zum »Tag der Geprellten« zurück, vielmehr zu dem Tag danach, dem zwölften November 1630. Die Königinmutter ist noch ganz echauffiert, aber ihre Standpunkte und Ansprüche haben sich keinen Deut bewegt. Ich würde sogar sagen, daß sie nichts von dem, was passiert war, begriffen hat, so daß sie für ihre Versöhnung mit Richelieu die Rückkehr Marillacs in sein Amt zur Bedingung machte. Mein Gott! dachte ich, was ist das für ein seltsam träges Hirn, das nie die Wirklichkeit wahrnehmen und sich den neuen Gegebenheiten anbequemen kann? Für sie bleibt Richelieu immer der Bösewicht, der alles Schlimme verursacht hat. Ludwig ist ein schlechter Sohn, weil er ihr nicht gehorcht, und seine antispanische Politik eine Kränkung des Herrgotts.
In dem Versuch, diese felsenharte und verstockte Gegnerin zu erweichen, schickt der König ihr den Staatssekretär Claude de Bullion. Einen gewiefteren Gevatter als diesen Bullion fand man im ganzen lieblichen Frankreich nicht. Er ist ein Mann zweier Jahrhunderte, denn 1600 war er schon zwanzig, und aus dem vergangenen Jahrhundert trägt er um den Hals noch immer eine große gefältelte Krause à la Medici, die ihm eine Aura von Ehrwürde und alter Zeit verleiht, zumal auf seinem runden Schädel auch noch etwas wie ein geistliches Käppchen sitzt und seine Brust ein großes Kreuz des Heilig-Geist-Ordens ziert. Trotzdem ist er kein Frömmler, sondern ein Finanzier, ich meine, ein Mann, der das Talent hat, Geld mit Geld zu machen.
Er hat eine hohe Stirn, eine starke Nase, ein volles Gesicht, das ihm eine gutmütige Miene verleiht, die korrigiert, aber nicht bestritten wird durch einen prüfenden Blick und ein schlaues Lächeln. Als Mitglied des Königlichen Rats, Meister der Einnahmen und Staatssekretär hat er hohen Persönlichkeiten und sogar dem König bedeutende Summen geliehen, und wie der Leser weiß, ist der Profit um so größer, je länger man sich manchmal in Geduld fassen muß, um sein Eigentum zurückzubekommen. Selbstverständlich konnte ein so durchtriebener Mann nur das »Pfarrkind dessen sein, der Pfarrherr« |243|ist, und weil sein Pfarrherr Richelieu war, diente er ihm mit aller Ergebenheit, die natürlich gut belohnt wurde.
So bittet unser Bullion denn um Audienz bei der Königinmutter. Die erhält er. Und natürlich ist das erste Wort der Dame ein Sarkasmus.
»Wie, Monsieur, Ihr kommt mich besuchen! Man wird Euch für einen Verbrecher halten! Wird Euch exkommunizieren!«
»Madame«, sagt er, »mich schickt der König, Euer Sohn, um eine Einigung zu finden.«
»Habe ich recht gehört?« sagt die Königinmutter in hochfahrendem Ton. »Eine Einigung? Und mit wem?«
»Ihr könnt es nicht umgehen, im Königlichen Rat dem Kardinal zu begegnen.«
»Nein, nein!« sagt sie, »kommt nicht in Frage! Eher erwürgt man mich, als mich dahin zu bringen, daß ich irgend etwas gegen meinen Willen tue.«
»Madame«, sagt Bullion, »die Position, die Ihr einnehmt, ist vom Zorn diktiert. Und das ist die gefährlichste von allen.«
»Was schert das mich!«
»Aber, Madame, es ist der König, der Euch durch meinen Mund drängt, besagte Einigung anzunehmen.«
»Aber ich sehe überhaupt nicht ein, warum es notwendig ist, daß ich zum Rat komme, und erst recht nicht, daß ich dort Richelieu begegne. Ich warte, bis dem König über diesen Hanswurst die Augen und Ohren aufgehen!«
»Sind sie denn verschlossen, Madame?«
Hierauf gibt sie keine Antwort, doch an ihrem Zorn erstickend, fährt sie fort: »Gott zahlt nicht alle Tage, aber am Ende zahlt er! Ich habe Zeit, dieser Hanswurst wird schon sehen! Eher verschreibe ich mich dem Teufel, als daß ich mich nicht räche!«
Als Bullion mir diese Audienz erzählte, fragte er mich schließlich: »Was mag sie damit gemeint haben: ›Gott zahlt nicht alle Tage, aber am Ende zahlt er‹?«
»Vielleicht ist es ein Kirchenwort, vielleicht von Kardinal de Bérulle, und soll wohl bedeuten, daß Gott früher oder später die Übeltäter straft.«
»Nun«, sagte Bullion, »dann muß die Königinmutter kein allzu großes Vertrauen in die göttliche Strafe setzen, denn sie fügte ja hinzu: ›Ich habe Zeit, dieser Hanswurst wird schon |244|sehen!‹ Und dann, was wirklich der Gipfel ist: ›Eher verschreibe ich mich dem Teufel, als daß ich mich nicht räche.‹ Erst Gott, dann der Teufel! Die Königinmutter scheint sich nicht sehr sicher in der Wahl ihrer Verbündeten, um Richelieu zu erledigen.«
Und nun, Leser, folgte Demarche auf Demarche bei der Königinmutter, damit sie sich bereitfinden möge, den Kardinal zu empfangen. Pater Suffren, der Nuntius Bagni sprachen bei ihr vor, ohne daß man Madame beruhigen konnte. Man beschimpfe sie, sagte sie, man trete sie mit Füßen, man schleife sie durch den Kot, man stelle sie an den Pranger. Die Situation war ausweglos.
»Und nun, Monsieur, wird eine Person die Szene betreten, die mir wenig schmeckt, nicht wahr?«
»Na nun, schöne Leserin, sind Sie es?«
»Ja, ich bin’s, wenn Sie gestatten.«
»Nichts könnte mir lieber sein. Ich hatte längst das Gefühl, Sie verübelten es mir ein wenig, daß ich Sie nicht mehr so oft anrede wie früher.«
»Richtig. Die Frau Herzogin von Orbieu hat mich voll und ganz ersetzt. Aber was hilft es? Und was können Sie dafür? Auch Ehefrauen haben Rechte.«
»Was soll das heißen, ›auch Ehefrauen‹?«
»Der Ausdruck kam mir nur so. Ich kann ihn nicht erklären. Aber wenn Sie erlauben, mische ich mich einfach hier und da wieder ein, wie einst.«
»Sagen Sie mir zuerst, wen Sie mit der Person meinen, die Ihnen wenig schmeckt?«
»Den Narr Gaston.«
»Ja, allerdings. Jedesmal wenn sein großer Bruder in einer tödlichen Klemme steckt, kommt Gaston und macht die Lage noch schwieriger und verworrener. Kaum sieht er den König in großer Verlegenheit, weil die Königinmutter sich weigert, in seinem Rat zu sitzen, fordert er auf Teufel komm raus Gelder und Stellen für seine Gierschlünde, indem er droht, das Reich zu verlassen, wenn er nicht bekommt, was er will. Und wirklich, die Folgen wären höchst gefährlich, könnten sie doch einen Bürgerkrieg gegen den König heraufbeschwören, den Lothringen und die niederländischen Spanier mit Sicherheit unterstützen würden. Unser Gaston ist nicht bescheiden. Für Le Coigneux verlangt |245|er das Präsidentenamt des Pariser Gerichtshofes und für Puylaurens hundertfünfzigtausend Livres und das Versprechen eines Herzogtums.
Nicht ohne Widerwillen sagt der König zu, sein Verlangen im Prinzip zu erfüllen. Drei Wochen vergehen, und der Preis steigt: Nun verlangt Gaston für Le Coigneux, der Geistlicher ist, auch noch den Kardinalshut. Der König und sein Großer Rat sehen keinen Ausweg. Soeben haben sie erfahren, daß Le Coigneux trotz seiner Soutane auf das gentil sesso versessen ist, und zwar nicht diskret, wie es sich gehörte. Er hat einer Frau Kinder gemacht, die ihm in Paris einen öffentlichen Prozeß androht.
Nun, beim Papst um den Kardinalshut für einen ausschweifenden Priester nachzukommen ist ausgeschlossen. Doch ohne klare Absage läßt man die Dinge schleifen. Aber die Gierschlünde werden ungeduldig. Und am dreißigsten Januar 1631, um neun Uhr morgens, fällt Gaston an der Spitze einer bedeutenden und recht bedrohlichen Suite in Richelieus Haus ein und schreit, da der Kardinal seine Zusagen nicht eingehalten habe, betrachte er ihn nicht mehr als seinen Freund. Nach dieser Drohung geht er und besucht die Königinmutter. Am selben Abend hört man durch die Zocoli, daß die Königinmutter Gaston Edelsteine im Wert einer Goldmillion übergeben habe, die anscheinend zur Aushebung von Truppen dienen und zur Finanzierung einer Revolte dienen sollen. Der Fall ist klar. Mutter und Sohn verbünden sich gegen den König.«
»Und was macht nun der König?«
»Raten Sie, schöne Leserin! Wenn Sie aber nicht raten wollen, blättern Sie einfach die Seite um.«