Nachdem die Königinmutter sich selbst aus Frankreich verbannt hatte und die von ihr angestiftete Kabale zerstreut und zerschlagen war, wollte Ludwig urbi et orbi zeigen, in wie hoher Wertschätzung er den Minister hielt, der ihm inmitten so vieler Prüfungen so trefflich gedient hatte: Er erhob das Erbland des Kardinals von Richelieu zum Herzogtum und zur Pairie.
Der Kardinal-Herzog schwor am fünften Dezember 1631 den Treueid vor den Pairs, zu denen ja auch ich gehörte. Es versteht sich, daß die Erhebung des Kardinals in diesen hohen Adelsrang bei nicht wenigen Anwesenden grimmiges Zähneknirschen auslöste. Für den Augenblick hatte der König die Kabale besiegt, doch der Haß gegen Richelieu flammte immer aufs neue auf. Weder die Königinmutter noch Gaston enthielten sich weiterer Versuche, den Minister zu stürzen. Mit unseren Feinden im Ausland verbündet, die Königinmutter mit den niederländischen Spaniern, Gaston mit dem Herzog von Lothringen, wirkten sie für einen Bürgerkrieg in ihrem eigenen Land, gegen ihr eigenes Blut.
Doch war Ludwig dank Richelieu und seinen Spionen bestens über ihre Unternehmungen unterrichtet. So erfuhr er, daß die Königinmutter sich bemühte, die Festungen längs unserer Nordgrenze für ihre Sache zu gewinnen, so wie sie es schon mit La Capelle versucht hatte. Darum verlegte er eine Armee in die Champagne, und als er hörte, daß der Gouverneur von Calais bereit war, seine Stadt der Königinmutter auszuliefern, jagte er an der Spitze einer anderen Armee mit verhängten Zügeln dorthin, entließ den Gouverneur und ersetzte ihn durch Monsieur de Chaumont. Hierauf stieß er, wie mir berichtet wurde, einen großen Seufzer der Erleichterung aus, denn der Hafen von Calais in Händen der Königinmutter hätte bedeutet, daß die niederländischen Spanier in Frankreich hätten eindringen können, wann immer sie wollten.
|277|Dann wandte sich Ludwig gegen seinen erklärten Feind, den Herzog von Lothringen, Gastons Freund und Bundesgenosse in allem, was Gaston bisher gegen seinen Bruder unternommen hatte.
Wie der Herzog von Savoyen in Italien, so gehörte der Herzog von Lothringen zu jener Gattung von Möchtegern-Königen, die immer versuchen, sich auf Kosten ihrer Nachbarn ein Königreich zusammenzukratzen. So wollte Karl IV. von Lothringen zu gern die Stadt Bar und das Land Barrois annektieren, das einer zweifelhaften Erblinie nach seiner Gemahlin Nicole zustand. Das Barrois war aber leider ein Lehen der französischen Krone, und besagte Krone gab ihre Lehen nicht so leicht ihren Nachbarn ab.
Hinter diesem Beschwerdegrund Karls IV. verbarg sich noch ein anderer. Er fand es skandalös, daß die Franzosen noch immer die drei Bistümer Metz, Toul und Verdun beanspruchten. Diese Okkupation ging auf Heinrich II. zurück, ohne daß er diese Städte nachweislich erobert hatte. Die Wirklichkeit sah anders aus. Die lutherischen deutschen Fürsten hatten ihn damals gerufen, sie zu besetzen, um zu verhindern, daß der Herzog von Lothringen sie sich aneigne, was ihn sehr gestärkt hätte, denn die drei Städte waren reich, hielten große Messen ab und prosperierten durch fruchtbaren Handel mit dem Osten. Und Heinrich II. besetzte die drei Bistümer, weil dies unsere Ostgrenze gegenüber Lothringen und dem Kaiser festigte.
Henri Quatre, klug wie stets, verstärkte die Handhabe auf die drei Bistümer, und Ludwig XIII. übertrug Richelieu die Befestigung Verduns, um seine Ostgrenze noch unangreifbarer zu machen. Was den Haß des Herzogs von Lothringen auf Frankreich nur steigerte. Weil er es aber nicht offen angreifen konnte, bereitete er ihm, wie man sah, einen versteckten und hinterhältigen kleinen Krieg, indem er Gastons Extratouren gegen seinen Bruder unterstützte.
Nachdem die Kabale niedergeworfen war, mußte darum auch Lothringen zur Räson gebracht werden, und ohne einen Schuß Pulver marschierte der König dort ein.
Ich nahm an diesem Feldzug teil, weil der Herzog zwar Französisch sprach wie Sie und ich, in Ludwigs Gegenwart aber vorgab, nur Deutsch zu können. Die kindische Komödie dauerte nicht. Der Herzog sah ein, daß meine Übersetzungen |278|vom Deutschen ins Französische und vom Französischen ins Deutsche die Verhandlung viel zu sehr in die Länge zogen, wo er uns doch lieber heute als morgen aus seinem Land abziehen sah.
Allerdings blieben wir länger als gewollt. Und zwar aus folgendem Grund. Bevor Ludwig Paris verließ, hatte er auf Richelieus Anregung ein außerordentliches Gericht geschaffen, das für Staatsverbrechen zuständig war. Gegen dieses Chambre de l’Arsenal genannte Gericht liefen unsere Gerichtsherren Sturm, weil es ihr Monopol schmälerte. Obwohl sie durchaus begriffen, daß die Länge und die Aufschübe im Prozeß des Marschalls von Marillac ihnen diesen Rüffel eingetragen hatten, denn der König wollte schnelle und exemplarische Verfahren für Staatsverbrecher.
Nach Ludwigs Aufbruch nach Lothringen nun, durch die Abwesenheit des Herrschers erkühnt und stets bestrebt, die eigenen Rechte zu verteidigen und sogar zu mehren, verbot der Gerichtshof der Chambre de l’Arsenal zusammenzutreten. Als Ludwig von diesem Autoritätsmißbrauch hörte, geriet er über die Anmaßung in jenen kalten Zorn, den seine Entourage fürchtete. »Was soll das?« sagte er zähneknirschend. »Mein Gerichtshof wagt es, mir zu trotzen?«
Der Entschluß war wie immer schnell gefaßt. Er schickte unter starker Eskorte einen Marschall und den Siegelbewahrer nach Paris und forderte die Gerichtsherren auf, in ihren eigenen Karossen zu ihm nach Metz zu kommen.
Schöne Leserin, täuschen Sie sich hierüber nicht. Diese Reise war schon an sich eine Strafe. Zum ersten, weil sie im kalten Dezember über vereiste Straßen führte und weil alles zu Lasten der Reisenden ging: Nachtlager an den Etappen, Verköstigung, Heu und Ställe für die Pferde. Nun, der König wußte gut, daß unsere habsüchtigen Richter die Hände lieber über den Talern der Kläger schlossen, als sie für eigene Ausgaben zu öffnen.
Etwas weniger reich und völlig zerschlagen in Metz angelangt, quartierten sich die Gerichtsherren ein, wie sie konnten, und der König ließ sie noch zwanzig Tage warten, ehe er ihnen Audienz gewährte. Endlich empfing er sie, und das, um ihnen auf eine Weise die Flügel zu stutzen, die in jedem Punkt an die Saftigkeiten seines Vaters erinnerte.
|279|»Meine Herren«, sagte er, »ich will Eure Vorhaltungen nicht mehr hören, und ich dulde nicht, daß Ihr Euch in Dinge einmischt, die meine Sache sind. Dieser Staat ist monarchisch. Alle Dinge hängen vom Willen des Fürsten ab, der Richter einsetzt, wie es ihm gefällt. Ich dulde nicht, daß Ihr gegen die königliche Autorität streitet. Ihr seid nur befugt, über Meister Pierre und Meister Jean zu urteilen. Wenn Ihr in Euren Machenschaften fortfahrt, beschneide ich Euch die Nägel, daß es weh tut.«
Nachdem er dem Gerichtshof derweise die Flötentöne beigebracht hatte, kehrte Ludwig am neunten Februar 1632 mit seiner Armee nach Frankreich zurück, und diesmal, dank ganz spezieller Gnade Seiner Majestät, machten die Herren vom Gerichtshof die Reise auf Staatskosten, was ihnen, wie Henri Quatre gesagt hätte, »ein kleiner Löffel Honig war nach all dem Essig, den sie hatten schlucken müssen«. Bei unserem letzten Souper zitierte ich Nicolas zu seinem hellen Vergnügen den originalen Ausspruch: »Fliegen fängt man besser mit einem Löffel Honig als mit einem Faß Essig.«
***
Endlich wieder daheim, mußte ich Catherine bei Tisch alles des langen und breiten berichten, was sie mit Genugtuung anhörte. Dann rückte sie mit ihren Hintergedanken heraus.
»Und bei wem wohntet Ihr in Metz?«
»Bei einer älteren Dame.«
»Macht Ihr sie nicht mit Absicht älter?« fragte sie mißtrauisch.
»Mit Absicht nicht«, sagte ich, »allerdings kenne ich mich im Alter von Damen nicht besonders aus. Vielleicht«, setzte ich mit einer Spur Bosheit hinzu, »fragt Ihr hiernach den guten Schomberg.«
»Wieso Schomberg?«
»Weil ich das Zimmer mit ihm teilte.«
»Ach! Ein Marschall von Frankreich und ein Herzog und Pair in einem Zimmer? Warum mußtet Ihr Euch denn ein Zimmer teilen?«
»Der Platzmangel zwang dazu. Metz ist eine schöne und gute Stadt, aber nicht sehr groß, und wir waren viele.«
|280|»Und wie«, kam sie vom Hahn auf den Esel, »fandet Ihr die Lothringerinnen?«
»Was soll ich Euch dazu sagen, meine Liebe?«
»Die Wahrheit.«
»Ich steckte bis zum Hals in Verhandlungen und habe sie nicht gesehen.«
»Es kann doch nicht sein, daß Ihr sie nicht gesehen habt. Zum Teufel! Ihr seid doch nicht blind, schon gar nicht auf dem Gebiet.«
»Gut, dann würde ich sagen, daß sie eher groß sind.«
»Wie groß?«
»Manche, nach flüchtigem Blick, fast so groß wie ich.«
»Ihr habt sie wohl sehr von nahem gemessen?«
»Madame, ich sagte: auf flüchtigen Blick.«
»Nun, einerlei!« Und die Batterie wechselnd, setzte sie mit unendlicher Verachtung hinzu: »Große Frauen, große Füße.«
»Kann sein. Die habe ich nicht gesehen. Ihr wißt ja, die Füße bleiben unterm Reifrock versteckt.«
»Dann habt Ihr also auf die Reifröcke gestarrt und ihr Schaukeln verfolgt, wenn Lothringerinnen vor Euch auf der Straße gingen.«
»Diese reizende Wellenbewegung, Madame, die dem weiblichen Becken zu danken ist, gibt es nicht nur in Metz zu sehen. Ich habe sie auch bei Euch bewundert.«
»Wann?«
»Zum erstenmal in Eurem Haus in Saint-Jean-des-Sables, als Ihr nach unserer ersten Unterhaltung davongingt. Um durch die Tür zu kommen, bewegtet Ihr Euch graziös zur Seite, damit Euer Reifrock durch die schmale Öffnung paßte. Und das machtet Ihr mit einem allerliebsten Schwung Eures Oberkörpers und Eures Reifrocks, und ich war total entzückt.«
»Wie, mein Herz! An dieses Detail erinnert Ihr Euch? Und ich fürchtete so sehr, Ihr würdet mich linkisch finden.«
»Linkisch, meine Liebste! Ganz im Gegenteil, ich fand Euch anbetungswürdig.«
»Ach, Monsieur, welch goldene Sprache Ihr zu führen wißt! Und wie hübsch Ihr die Dinge sagt!«
Damit schlang sie mir beide Hände um den Hals, erstickte mich mit ihren Küssen wie auch ich sie mit meinen. Und willst du den Grund meiner Seele kennen, Leser, dann wisse, was ich |281|oft gedacht habe: nämlich daß ich nur darum glücklich bin, ein Mann zu sein, weil es auf der Welt Frauen gibt. Und daß ich alle Tage glühende Gebete zum Himmel sende und Dank sage, Dank, mein Gott, daß du Eva erschaffen hast.
Am Tag nach unserem Wiedersehen klopfte in der Frühe der bewußte kleine Geistliche bei mir an und fragte, ob ich wohl heute oder morgen den Herrn Doktor der Medizin und Domherrn Fogacer empfangen könne. Durch Nicolas ließ ich Henriette, die Catherine als einzige bei ihrem morgendlichen Putz stören durfte, fragen, ob wir zum Mittagessen Fogacer empfangen könnten? Die Antwort war ja, und ich freute mich, denn so wie ich Fogacer von den Verhandlungen zu Metz berichten konnte, würde ich nun von ihm hören, was sich inzwischen in Paris zugetragen hatte.
»Mein lieber Herzog«, sagte Fogacer, als wir uns nach dem Essen zum Gespräch zurückzogen, »der König hat in Metz den Spruch getan: ›Dieser Staat ist monarchisch.‹ Wie erklärt Ihr dann aber, daß in einem monarchischen Staat die Ausschreier vom Pont-Neuf Gastons Angriffe auf Richelieu und indirekt auf den König verlesen oder vielmehr ausschreien dürfen, die voller Lügen, Bosheiten und Beleidigungen stecken? Vor allem, wieso antwortet der König darauf durch die Feder eines Jean Sirmond oder anderer Skribenten?«
»Wahrscheinlich«, sagte ich, »weil es dem König lieber ist, daß Gastons Bosheiten auf dem Pont-Neuf ausgeschrien werden, statt insgeheim von Hand zu Hand zu gehen.«
»So wird es sein«, sagte Fogacer. »Aber wißt Ihr denn auch, mein lieber Herzog, daß die Ausschreier auf dem Pont-Neuf immer mehr am Verschwinden sind? Ja, am Verschwinden! Und ohne daß man sie etwa verbietet oder verhaftet hätte. Und das ist dem Ehrwürdigen Doktor der Medizin Théophraste Renaudot zu verdanken.«
»Wer ist das?«
»Ein sonderbarer und seltener Vogel: ein Philantrop, der die Armen umsonst behandelte und die Reichen seinen Kollegen überließ, denn sonst hätten sie ihm das Handwerk gelegt. Natürlich war Renaudot kein armer Mann, der von seinen Patienten leben mußte. Und davon hatte er offenbar viele, und weil er ihnen zuhörte – eine seltene Tugend –, lernte er viel über Menschen und Dinge. So kam er auf die Idee, eine Agentur zu gründen, |282|auch kostenlos, die denen Arbeit schaffte, die keine hatten, und denen Arbeiter vermittelte, die welche suchten. Und wieder lernte er viel, so daß er auf die neue Idee kam, alles, was er erfahren hatte, in einer ›Gazette‹ zu veröffentlichen, die er auf seine Kosten drucken läßt, die einmal in der Woche erscheint und einen enormen Erfolg hat.«
Ja, Leser, und niemand in Frankreich war daran mehr interessiert – und zwar vom ersten Tag an – als Richelieu und der König, die sich nichts zu vergeben meinten, wenn sie in besagter »Gazette« Artikel drucken ließen. Der König berichtet mit seiner gewohnten Genauigkeit und seinem etwas schroffen Stil über die von ihm geleiteten militärischen Operationen, und der Kardinal schreibt in seinem eleganten lateinischen Stil über Politik und Diplomatie. Das aber bedeutet das Aus für jene Pamphlete, die man auf dem Pont-Neuf ausgeschrien hat. Die »Gazette« sagt alles, oder zumindest alles, was der König und sein Minister wollen, daß man es wisse. Ah, Leser! Sie merken wohl, daß der Staat jetzt wirklich »monarchisch« wird, indem er mit einem Schlag die wachsende Macht vereinnahmt, die sich ihm entgegenstellen konnte: die Presse.
»Leider«, sagte Fogacer, »gibt es noch eine andere große Macht: die Großen. In der Vergangenheit erwies sich ihre Stärke höchst erfolgreich gegen Heinrich III.«
»Die Dinge haben sich geändert. Heinrich III., so geistvoll er war, hatte zuviel Gelder an seine Entourage und seine Favoriten verschleudert, um eine starke Armee aufzubauen. Glaubt Ihr, daß eine bewaffnete Liga großer Herren heutzutage auch nur den Schatten einer Chance hätte gegen den Soldatenkönig, gegen seine exzellenten Marschälle, seine starken Armeen und gegen Richelieus bewundernswerte Verwaltung?«
»Sicherlich nicht«, sagte Fogacer. »Allerdings sind einige dieser Großen auch große Tollköpfe, und ich fürchte, daß sie in ihrem bißchen Grips die Sache immer noch für möglich halten.«
Hierin täuschte er sich nicht. Und tatsächlich glaubte Gaston die Herren zu starkem Widerstand organisieren zu können. Nach der raschen Niederlage Lothringens in die spanischen Niederlande geflüchtet – eine Erfahrung, die ihn nichts lehrte – , faßte er den Plan zu einer Rebellion der Großen Frankreichs gegen seinen Bruder. Denn er wußte, wie sehr diese Großen Richelieu |283|und den König haßten: Schon seit sechs Jahren war der Kardinal mit Zustimmung des Königs dabei, die Türme ihrer Schlösser bloßzulegen, ihre Gräben zuzuschütten, ihre Zugbrücken zu zerstören, ihre Mauern zu schleifen, zu dem Zweck, daß aufsässige Feudalherren auch nicht eine Stunde mehr einer königlichen Armee widerstehen konnten.
Einige unter ihnen erlitten noch schwerere Verluste. Wie man sah, verlor der große Montmorency, Nachkomme zweier Konnetabeln, deren jeder der bewaffnete Arm seines Königs gewesen war, durch Richelieu seinen Titel eines Admirals von Frankreich nebst den dazugehörigen Funktionen. Schlimmer noch, man entzog ihm das Prisenrecht, das ihm pro Jahr ein Vermögen eingebracht hatte, das Richelieu lieber in die Staatskasse lenkte. Dabei wollte Richelieu selbst, als er Großmeister der Marine wurde, die enormen Bezüge, die ihm dafür zustanden, nicht annehmen. Er fügte diese Aufgabe also gratis pro Deo seinem gewaltigen Tagewerk hinzu und baute dem Staat eine Kriegsmarine auf, die eines großen Königreiches würdig war. Eine solche Denkweise war Montmorency wie den anderen Großen fremd: In den Augen eines hohen Feudalherrn ging das persönliche Interesse immer über das Reichsinteresse.
Sie können sich vorstellen, Leser, wie Montmorency hiernach den Kardinal liebte. Außerdem war seine Gemahlin, übrigens eine charmante kleine Person, die für Dichtkunst und Dichter schwärmte, eine Verwandte der Medici. Demzufolge, auch wenn es eine dumme Folge war, haßte sie Richelieu und trieb ihren Mann, den sie liebte, aus allen Kräften auf einen Weg, der ihm zum Verhängnis werden sollte.
Durch die Geographie ebenso wie durch Gefühle und Ressentiments stand der Herzog von Guise, Gouverneur der Provence, dem Herzog von Montmorency sehr nahe, der zugleich Gouverneur des Languedoc war. Und das wußte Gaston, also nahm er über den Abbé d’Elbène Rücksprache mit dem einen und dem anderen auf, vertraute ihnen an, daß er von neuem mit einer Armee in Frankreich einfallen werde, und bat sie, gleichzeitig ihre jeweiligen Provinzen gegen die königliche Macht zum Aufstand zu führen.
Gaston hatte Witz und ein Dutzend Ideen am Tag, aber weil er nicht gründlich dachte, taugten sie alle nichts. War aber nun schon der Plan schlecht, war die Ausführung noch viel schlechter. |284|Schwankend und wechselhaft, wie er war, hatte Gaston eine Sache kaum angefangen, als er sie auch schon satt wurde und sich eilends wieder in sein lothringisches Nest verkroch.
Auf das Beispiel La Rochelle muß ich nicht zurückkommen. Und was die Soldaten anlangte, die er rekrutiert hatte, um seinem Bruder in Orléans die Stirn zu bieten, so erwiesen sie sich als so kläglich, daß sogar ein ganzes Regiment von ihnen einer königlichen Korporalschaft nicht standhalten konnte. Von den dreien, Gaston, Guise und Montmorency, hatte nur letzterer militärische Erfahrung. Er hatte in Italien gedient und dem Herzog von Savoyen Veillane genommen. So scharte er gegen den König einige wackere Edelmänner des Languedoc um sich, ja, aber deren Zahl reichte nicht aus, und es war abzusehen, daß seine kleine Armee beim ersten Scharmützel schmelzen würde wie Butter an der Sonne.
***
Auf meinem Gut Orbieu war ein Streit zwischen dem Verwalter und dem Pfarrer entbrannt, und mit königlicher Erlaubnis begab ich mich dorthin, aber allein. Catherine glaubte schwanger zu sein und wollte nicht in der stuckernden Karosse reisen.
Der Streitfall, der mir vorgetragen wurde, verwunderte mich. Monsieur de Saint-Clair wollte in meiner Abwesenheit die Messe im Chor hören, auf dem vergoldeten Gestühl, das mir vorbehalten war. Und der Pfarrer wollte es nicht. Ich entschied, daß Monsieur de Saint-Clair, wenn ich nicht zugegen war, je einmal von zweien im Chor auf meinem Platz sitzen solle und das nächstemal in der ersten Reihe der Kirche. Obwohl die Lösung genauso absurd war wie der Streit, stellte er wieder Ruhe her.
Am folgenden Tag inspizierte ich die Gebäude, besichtigte das Schloß, die Kirche, die Ställe, immer in Begleitung von Monsieur de Saint-Clair und Arnold, dem Mann, der sich in Orbieu auf alles verstand: Maurern, Tischlern, Schlossern, Malern und was weiß ich noch. Er war einer von meinen Schweizern, bei dem ich diese wunderbare Vielfalt von Talenten entdeckt und den ich darauf von seiner Soldatenpflicht entbunden hatte. Ich ließ ihn unter meinen Fronbauern die aufgewecktesten jungen Burschen auswählen, damit sie ihm bei seinen Arbeiten halfen. Und er erwies sich wahrhaftig als so kostbar, daß ich ihn auf meinem Land ansiedelte. Ich stellte ihm alles zur Verfügung, |285|damit er sich zwischen Schloß und Kirche ein Haus bauen konnte, und damit er nicht immer nach den Weibern der anderen starrte, wählte ich ihm in Montfort-l’Amaury eine schmucke Jungfer, der ich eine kleine Mitgift gab, so daß er eine Familie gründen konnte. Seit er verheiratet und in sein schönes Haus eingezogen war, nannten ihn die Bauern »Monsieur Arnold« und, was mich erstaunte, auch die anderen Schweizer, die nie den mindesten Neid oder Verdruß erkennen ließen, daß Arnold so weit über sie aufgestiegen war.
Am Tag vor meiner Rückkehr nach Paris lud ich den Pfarrer zu Tisch, und hätte ich nur auf mein gutes Herz gehört, hätte ich auch Léontine, seine Schaffnerin, eingeladen, die sich seiner treulich annahm, sogar etwas mehr als nötig, wie es hieß. Doch wer vermöchte eine liebende Frau in ihrer Ergebenheit aufzuhalten? Trotzdem verzichtete ich auf meine Idee, damit hätte ich sie als Paar behandelt. Und ich begnügte mich, Léontine eine Flasche meines besten Weins zu schicken, als ihr geliebter Pfarrer mit mir Mahlzeit hielt. Der Pfarrer, Miremont mit Namen, aß und trank tüchtig, und als er sich endlich in allen Stücken gestärkt fühlte, rückte er nicht ohne Zögern mit dem heraus, was er auf dem Herzen hatte: Sein Bischof hatte ihm seit einem Vierteljahr keinen Lohn bezahlt.
»Habt Ihr Euch beschwert?«
»Nein, nein! Das hätte mich im Bistum in schlechtes Licht gerückt. Wer gegen solche Vergeßlichkeiten protestiert, bekommt gar nichts mehr.«
»Vergeßlichkeiten!« sagte ich, »es ist doch schlichtes Unrecht! Zumal der Bischof nie zu spät dran ist, wenn seine Kommissare seinen Teil der Ernte einziehen kommen. Ich werde ihm sofort schreiben.«
»Um Gottes willen, Monseigneur, tut es nicht! Dann hat er mich mein Leben lang gefressen.«
Ich beruhigte seine Befürchtungen, und sobald er fort war, schrieb ich besagtem Bischof einen halb scharfen, halb milden Brief, um ihm in Erinnerung zu rufen, daß ich das Kirchendach auf meine Kosten habe reparieren lassen, weil das Bistum die Reparatur Jahr um Jahr verschoben hatte. Indessen sei ich nicht gesinnt, meinem Pfarrer auch noch an seiner Statt den Lohn zu zahlen. Ich hoffte, daß die Kleinigkeit sich leicht zwischen ihm und mir regeln lasse, ohne daß ich ein Wort mit dem König |286|reden müsse, der, wie er wohl wisse, sehr kitzlig sei für die Art, wie die Bischöfe mit ihren armen Pfarrern umgingen.
***
»Monsieur, auf ein Wort, bitte!«
»Sie hier, schöne Leserin? Was gibt es?«
»Kann der König einen Bischof absetzen?«
»Nein. Aber er kann entscheiden, daß nach dem Tod besagten Bischofs das Bistum nicht in seiner Familie bleibt.«
»Wie? Dann ist ein Bistum also eine Art erbliches Privileg?«
»Allerdings. Der König ernennt den Titular jeder Abtei und jedes Bistums, und das ist eine sehr schöne Belohnung für eine treue Familie, der Seine Majestät ihre Dankbarkeit bezeigen will, denn sie ist mit beträchtlichen Einnahmen verbunden. Mehr noch, wenn der König es will, wird die Bischofswürde in einer Familie erblich. Sie ist im Prinzip dem zweitgeborenen Sohn vorbehalten, der von Geburt an benachteiligt ist, weil Titel und Grundbesitz dem ältesten zufallen. Das Bistum ist für den jüngeren Sohn einer Familie nicht nur ein ehrenwerter und geachteter Titel, es bringt ihm auch, wie gesagt, gute, manchmal sogar sehr gute Einnahmen.«
»Anders ausgedrückt, man braucht keine Berufung, um Bischof zu werden, nicht einmal unbedingt eine Ausbildung dazu. Aber ist das nicht ein verwerfliche Einrichtung, Monsieur?«
»Schöne Leserin, ich würde sie sogar gottlos nennen. Ein Bistum ist heutzutage weit eher eine Einnahmequelle denn ein Priesteramt. Der Bischof kümmert sich wenig um seine Kirchen, seine Pfarrer und seine Gemeinden. Daher der traurige Zustand der Dorfkirchen, das Elend der Landpfarrer, der Abfall der Gläubigen. Der Bischof ist ein großer Herr. Und so lebt er auch, Bankett folgt auf Bankett und Liebschaft auf Liebschaft. Mein Halbbruder, der selige Kardinal von Guise, hatte keine Scheu, sich in seinem Bischofspalast eine Konkubine zu halten und ihr Kinder zu machen. Aber um Vergebung, schöne Leserin, wenn ich unser Gespräch abkürze: ich sehe Monsieur de Saint-Clair mit eiligen Schritten und aufgeregter Miene kommen.«
***
|287|»Monseigneur«, sagte Saint-Clair, »der Herzog von Guise steht vorm Tor und verlangt Einlaß. Er wünscht Euch zu sprechen.«
Verdattert erhob ich mich.
»Guise! Woher weißt du, ob es wirklich der Herzog von Guise ist?«
»Vom Wappen an seiner Karosse.«
»Ist er in Begleitung?«
»Wenig für einen Herzog, etwa zehn Reiter alles in allem.«
»Und welchen Eindruck machen sie?«
»Hübsche Herrchen, blond und rosig. Für Eure Schweizer wären sie, wenn es drauf ankäme, nur ein Happs.«
»Du vergißt, daß ich die Hälfte meiner Männer in Paris gelassen habe, um mein Haus und meine Familie zu schützen.«
»Auch die Hälfte wäre ausreichend, die Gecken in die Flucht zu schlagen, wenn sie Streit mit uns suchten. Aber so sehen sie nicht aus.«
»Trotzdem, gib Hörner Bescheid, unsere Schweizer sollen sich waffnen und vor der Freitreppe ein Ehrenspalier bilden, das sich notfalls in einen Kampftrupp verwandeln kann.«
Hierauf gürtete ich meinen Degen, stülpte meinen schönsten Federhut auf und erwartete den Gast, ziemlich verwundert über diesen unerwarteten Besuch, auf der Freitreppe. Ich habe das Gedächtnis des Lesers über meine Geburt so oft aufgefrischt, daß er schon sehr vergeßlich sein müßte, um nicht mehr zu wissen, daß ich die Frucht einer heimlichen Liebe war, und zwar der verwitweten Herzogin von Guise und meines Vaters, des Marquis de Siorac. Der gegenwärtige Herzog von Guise war also mein Halbbruder, so wie die Prinzessin Conti meine Halbschwester war. Während meine Beziehungen zu der Prinzessin durch all die Komplimente, die ich ihrer Schönheit machte, nicht ganz unfreundlich waren, blieben die Beziehungen zu meinen Brüdern Guise kalt und distanziert. Außerdem waren sie mit Leib und Seele der Kabale verhaftet und sahen in mir eine Marionette des Kardinals, der in ihren Augen der leibhaftige Satan war.
Ich hatte die Freitreppe kaum erreicht, als die Karosse des Herzogs von Guise, von seinen Herren gefolgt, in Sicht kam. Der Diener öffnete den Schlag, klappte den Tritt auf, und der Herzog setzte den Fuß auf den Boden. Nun begann zwischen |288|ihm und mir eine stumme und für mein Gefühl etwas komische Szene. Sowie der Herzog seiner Karosse entstieg, zog ich meinen Hut und grüßte ihn mit weitem Hutschwenk. Er zog seinerseits den Hut und grüßte mich mit etwas weniger weitem Schwenk. Womit er bekundete, daß der Herzog von Guise, Gouverneur der Provence, über dem Herzog von Orbieu rangierte, weil er von seiner Familie, indem er sich die Mühe machte, als erstes männliches Kind geboren zu werden, den Titel Herzog und Pair geerbt hatte, während es mich große Anstrengungen und mancherlei Missionen und Gefahren gekostet hatte, bis der König mir diesen Titel verlieh.
Daß er auf dem kleinen Unterschied bestand, fand ich dumm und geckenhaft. Daher rührte ich mich keinen Deut vom Fleck, anstatt dem Herzog von Guise auf den Stufen entgegenzugehen, und sagte von der Treppe herab mit einladender Geste: »Mein lieber Herzog, seid mir herzlich willkommen.«
»Ich danke Euch, mein Cousin«, sagte der Herzog von Guise, ohne sich seinerseits einen Deut zu rühren, offenbar wartete er, anstatt zu mir heraufzusteigen, daß ich die Treppe zu ihm hinunterkäme.
Alles geschah nun, als hätte eine böse Fee mit ihrem Zauberstab uns in Steine verwandelt. Verflucht, dachte ich, wenn dieser alberne Kerl hierherkommt, so doch, weil er etwas will! Kann er sich in dem Fall nicht die Mühe machen, ein paar Stufen hochzusteigen, ohne daß ich ihn abholen muß?
»Mein lieber Herzog«, sagte ich schließlich, »es ist kalt. Ich werde stehenden Fußes einen Diener anweisen, in meinem Salon ein großes Feuer zu machen, und wenn Ihr Monsieur de Saint-Clair folgen wollt, führt er Euch hin. Bei dieser Kälte sind wir dort zu einer kleinen Plauderei besser aufgehoben.«
Hierauf grüßte ich ihn mit allem Respekt und ging. Ich hatte das Problem nicht gelöst, aber wenigstens in einer Weise umschifft, daß es in dieser dummen Bataille des Protokolls weder Sieger noch Besiegten gab. Und wirklich, wenige Minuten später, als im kleinen Salon ein hohes und helles Feuer flammte, erschien der Herzog von Guise, gönnte mir zum erstenmal im Leben eine Umarmung, und auf meine Bitte setzte er sich und schlürfte durstig einen Becher heißen Wein, der ihn augenblicklich erquickte.
Hier will ich einen kleinen Einschub in Klammern machen. |289|Schöne Leserin, daß ich den Herzog von Guise nicht liebte, soll Sie nicht um das Vergnügen einer Beschreibung bringen. Von seinem berühmten Vater hatte er den hohen Wuchs, die Stattlichkeit und Eleganz wie auch ein männlich schönes Gesicht geerbt. Trotzdem besaß er weder die Kühnheit noch den Ehrgeiz seines Vaters, sosehr er sich auch bemühte, sich entsprechend zu geben. Wie seinem Vater, der ja bekanntlich in Blois unter den Klingen der »Fünfundvierzig« starb, weil er sich an die Stelle seines Königs hatte setzen wollen, war auch ihm in seinen Unternehmungen ein Gran Narretei eigen.
»Mein lieber Herzog«, sagte er, »ich habe zwei Bitten an Euch. Die erste ist, daß Ihr mir und meinen Edelleuten ein Nachtlager gewährt. Die zweite ist, daß Ihr mir einen Rat gebt in der gefährlichen Lage, in der ich mich befinde.«
»Was das Nachtlager angeht, mein lieber Herzog«, sagte ich nach kurzer Überlegung, »so versteht sich das von selbst, ebenso Speise und Trank für Euch und Eure Herren, ohne Eure Tiere zu vergessen. Aber auf meinen Rat dürft Ihr nicht rechnen.«
»Verweigert Ihr ihn mir?« fragte er mit unruhiger Miene, »Ihr, den man überall für sein gutes Urteil und seine Großmut rühmt?«
»Wißt Ihr, mein lieber Herzog, ich halte von der Rolle des Ratgebers nichts, sie ist die undankbarste der Welt. Entweder wird der Rat verworfen, und man fühlt sich mit zurückgesetzt, oder er wird angenommen, und wehe einem, wenn er in ein Unheil mündet. Der Beratene hält es einem bis an sein Lebensende vor!«
»Ich werde Euch nichts vorhalten«, sagte Guise. »Das schwöre ich Euch.«
»Nun, was ist es mit der gefährlichen Lage, in die Ihr nach Euren Worten geraten seid?«
»Der König hat mir befohlen, unverzüglich nach Paris zu kommen, und ich weiß nicht, ob es klug ist, diesem Befehl zu folgen.«
»So«, sagte ich, »und warum?«
»Der königliche Ruf versetzt mich in unsägliche Unruhen und Ängste.«
»Ängste? Ihr, den man so tapfer kennt! Und was fürchtet Ihr?«
»Nur Ungutes: Verbannung, Bastille oder das Henkersbeil.«
|290|»Teufel!« sagte ich verdutzt. »Das ist ernst. Mein lieber Herzog«, fuhr ich nach kurzem fort, »ich bin weder Richter noch Prokurator, ich werde Euch keine Fragen stellen, aber demnach müßt Ihr doch meinen, daß Ihr Euch in Eurer Schuldigkeit gegenüber dem König schwer vergangen habt, wenn Ihr so grausame Strafen fürchtet.«
»In Wirklichkeit«, sagte der Herzog von Guise, »ist alles nur Richelieus Schuld.«
»Ah, das dachte ich mir«, sagte ich mit einer Ironie, die ihm entging.
»Ich nehme Euch zum Zeugen. Wozu mußte er den Einzug der Taille1 verändern? Bisher wurde sie von den Steueragenten jeder Provinz eingezogen, und der Gouverneur überwies die eingegangene Steuersumme an den König. Aber auf einmal setzt Richelieu königliche Kommissare ein, die die Taille direkt an der Quelle eintreiben, ohne daß sie erst über die Provinzstände geht.«
»Warum mag er das wohl gemacht haben?« fragte ich und stellte mich dumm.
»Aus niedrigem und schäbigem Sparsamkeitssinn. Nach dem alten System konnten die Steuereintreiber gewisse Beträge davon einbehalten, ehe sie die eingezogenen Gelder an den König übersandten.«
Und, dachte ich, der Provinzgouverneur wird sicherlich nicht den kleinsten Anteil davon eingestrichen haben.
»Diese neuen königlichen Kommissare, die jetzt die Taille einziehen«, fuhr Guise fort, »kaufen ihr Amt beim König, das heißt, auch daran verdient der Schatz. Aber nun stellt Euch vor, in welche Aufregung all jene in meiner Provinz geraten sind, die durch diese infame Neuerung betroffen und geschädigt wurden. Es gab Aufruhr im Volk, Aufstände beinahe. Und die hat der König mir verübelt.«
»Warum Euch?«
»Weil ich besagte Unruhen nicht niederschlug. Aber wie sollte ich? Traf der Schaden nicht mich in erster Linie?«
Genauso aber dachten die Feudalen: Das Interesse des Reiches zählte nicht, legitim war nur ihres.
|291|»Man kann verstehen«, sagte ich, »daß Ludwig unzufrieden ist, daß Ihr diese Unruhen nicht niedergeschlagen habt. Aber deshalb wird er doch Euren Hals nicht dem Henker überantworten?«
»Es gibt noch etwas anderes, das schwerer wiegt«, sagte Guise mit einem Seufzer.
»Das schwerer wiegt? Was denn?«
»Entschuldigt, mein Cousin, ich bin zum Schweigen verpflichtet, darüber darf ich nichts weiter sagen.«
»Es wäre auch überflüssig«, sagte ich. »Ich weiß, was Ihr mir verschweigt. Ihr habt Euch unüberlegt auf eine Allianz mit Gaston und Montmorency eingelassen. Sobald Gaston mit einer Armee in Frankreich einrückt, soll Montmorency das Languedoc gegen den König aufbringen und Ihr die Provence.«
»Kennt etwa Richelieu diese Pläne?« fragte Guise erbleichend und preßte seine Hände gegeneinander, damit sie nicht zitterten.
»Woher wüßte ich davon, wenn er sie nicht kennte?«
»Dann bin ich verloren!«
»Mein lieber Guise, das wart Ihr schon, als Ihr Euren unsinnigen Plan gefaßt habt. Wo fändet denn Ihr Soldaten, die der Infanterie des Königs und erst recht seiner glanzvollen Kavallerie standhalten könnten? Woher wolltet Ihr Kanonen, Munition und Sold nehmen? Und wo hättet Ihr das Gold aufgetrieben, das man braucht, um einen Krieg zu unterhalten?«
»Sagt, Orbieu«, rief Guise aus, der meine Bemerkungen gar nicht mehr hörte, »was ratet Ihr mir, da Ihr doch alles wißt?«
Ich sah ihn zugleich staunend und verdutzt an.
»Aber«, sagte ich, »bitte begreift doch, daß ich Euch nicht raten kann, zumal Ihr jetzt aus eigenem Mund dieses Komplott bestätigt habt.«
»Und warum?«
»Aber, mein lieber Guise, aufgrund Eurer Pläne wird Euch der König des Majestätsverbrechens anklagen, sofern das nicht schon geschehen ist, und mit dem Moment, da ich Euch einen Rat gebe, kann ich als Euer Komplize betrachtet werden.«
»Bin ich denn jetzt so etwas wie ein Aussätziger«, sagte Guise, »in dessen Nähe sich niemand mehr wagt?«
»Ich nehme Euch heute und für die Nacht bei mir auf, mehr kann ich nicht tun. Ihr habt tausendmal recht, Euch in großer |292|Gefahr zu wähnen, aber es ist an Euch, und allein an Euch, zu entscheiden, was Ihr tun wollt.«
Guise verließ mich in der eisigen Frühe des nächsten Morgens ohne jeden Dank für meine Gastfreundschaft. Ich bat Monsieur de Saint-Clair, ihn zu unserem Eingangstor zu begleiten unter dem Vorwand der Ehrerweisung, in Wahrheit aber, um zu beobachten, welche Richtung er nähme: nach Norden oder nach Süden. Und als der Herzog von Guise samt seinen Begleitern davonzog, folgte ihnen der verächtliche Blick meiner Schweizer, die die Pferde unserer Gäste versorgt, gestriegelt und zum Teil neu beschlagen hatten, ohne daß sie zum Abschied das kleinste Geldstück erhalten hatten.
Ich war so begierig zu wissen, welchen Weg Guise einschlagen würde, den nach Paris oder den in die Provence, daß ich Saint-Clair, als er vom Eingangstor zurückkam, entgegenlief, und zwar so schnell, daß der gute Nicolas mir kaum folgen konnte.
»Nun?« rief ich ihm schon von weitem zu, »welche Richtung hat er genommen?«
»Nach Süden.«
»Gott sei Dank!« rief ich. »Dann kehrt er zurück in die Provence.«
Und mit großen Schritten eilte ich zu meinem Haus, Nicolas immer dicht auf den Fersen.
»Monseigneur«, sagte Nicolas, als wir die Freitreppe erreichten, »darf ich etwas fragen?«
»Frage!«
»Warum seid Ihr so froh, daß Herr von Guise den Weg nach Süden nimmt?«
»Weil das heißt, daß er in seine Provence heimkehrt, anstatt nach Paris zu gehen.«
»Und warum ist es wichtig, daß er in die Provence heimkehrt?«
»Weil er sie verlassen wird.«
»Um Vergebung, Monseigneur, das verstehe ich nicht. Es ist gut, daß er in die Provence heimkehrt, weil er sie verlassen wird?«
»Aber, ja! Kaum angelangt, wird er all seine Taler zusammenkratzen, seine Kisten und Kasten packen und, nicht ohne einen wehmütigen Blick auf seinen Gouverneurspalast, sein Schloß, |293|wo er so glänzende Feste gab, ins Ausland gehen, wahrscheinlich nach Italien.«
»Warum gerade Italien, Monseigneur?«
»Weil es am nächsten liegt und ihn an seine Provence erinnern wird. Und wenn er fort ist, sind nur noch Gaston und Montmorency im Komplott, und die Provence bleibt dem König treu.«