Die Zocoli, Leser, gehörte zur niederen, aber sehr nützlichen Rasse der Spitzel, derer sich Richelieu wie kein anderer Minister vor ihm bediente, denn er legte höchsten Wert darauf, Tag für Tag, ja Stunde für Stunde, würde ich sagen, über die laufenden Kabalen am Hofe sowie über die Umtriebe des Auslands informiert zu sein.
Auf die Rekrutierung dieser Spitzel verwandte der Kardinal größte Sorgfalt. Er verstand es vortrefflich, sie zu instruieren, zu überwachen, zu belohnen und notfalls auszuschalten. Denn sobald die Spione erst einmal Experten darin waren, die Geheimnisse unserer Feinde zu erlauschen, konnten sie natürlich auch versucht sein, ihnen die unseren zu verkaufen.
Was die Zocoli anging, ein besonders gewitztes Ding, war es Richelieu über Mittelsleute geglückt, sie als Kammerfrau in der Entourage der Königinmutter unterzubringen. Und sie machte ihre Sache großartig, besaß sie doch feine Ohren und unerschrockenen Mut. Um ihrer Sicherheit willen und um den guten Ruf des Kardinals nicht zu gefährden – der selbstverständlich von solchen Niederungen gar nichts wußte –, durfte sie niemals in seine Nähe kommen, sondern mußte sich an Monsieur de Guron oder mich halten, die wir ihre Berichte an Seine Eminenz weitergaben. Derweise war ich der Zocoli schon ein erstes Mal begegnet, und nicht ohne Gefahr für meine Tugend, denn der Himmel hatte ihr ein Engelsgesicht verliehen und der Teufel ein Körperchen, es hätte einen Klosterbruder in Verdammnis gestürzt. Der Kardinal hatte sie deshalb zunächst nicht verwenden wollen. Die Schöne war, wie zu hören, derart auf Mannsbilder versessen, daß ihr jede Gelegenheit recht kam, außerhalb des Ehebettes zu vögeln, das allerdings auch den Signor Zocoli selten sah, der ein Schwuler war, wie es hieß.
Trotzdem ließ Richelieu die Kleine beobachten, und es stellte sich heraus, daß sie, so mannstoll sie war, dabei doch einen kühlen Kopf bewahrte und säuberlich abwägte, mit wem |137|sie es trieb, indem sie sich nur an Freunde und Kreaturen des Kardinals hielt, nie aber an seine Feinde oder solche, die ihr als solche erschienen. So überließ der Kardinal denn dem Herrgott die Sorge, die irdischen Verfehlungen der Zocoli im gegebenen Moment zu vergeben oder zu strafen, und nahm sie in Dienst, woran er weise tat, denn sie war findig und listig wie keiner guten Mutter Tochter in Frankreich.
Monsieur de Guron, der bereits wußte, wer mich bei ihm aufsuchen würde, empfing mich, ich sage nicht, mit offenen Armen, denn just in diese schloß er mich, klopfte mir mehrfach auf den Rücken, daß es weh tat, und erdrückte mich fast mit seinem Furor.
»Verdammt!« rief er, »mir fehlen die Worte, zu sagen, wie ich mich freue, Euch hier zu haben! Das wollen wir uns doch zunutze machen und einmal in aller Ausführlichkeit schwätzen!« Ich aber dachte, daß der Schwätzer von uns beiden doch wohl er sein würde.
»Ich weiß nicht«, sagte ich, »ob die Zocoli uns soviel Zeit lassen wird. Doch sagt, um einer Störung vorzubeugen: Wird Euer Quartier bewacht?«
»Von vier Schweizern, die frisch aus den helvetischen Bergen kommen und die Französisch sprechen wie ich Deutsch.«
»Und wie sprecht Ihr Deutsch?«
»Der, die, das!« sagte er und lachte schallend.
Natürlich enthob das Warten auf die Spionin uns nicht, »das arme Tier« zu füttern. Der Leser wird sich erinnern, daß Monsieur de Guron einer der »Freßsäcke« vom Hofe war, weshalb eine Mahlzeit bei ihm vier von meinen aufwog, ungeachtet des Weins, der dabei in Strömen floß – jedenfalls in seine Kehle. Und wie zu erwarten, hinderten ihn die größten Bissen nicht, nach Herzenslust zu schwatzen, und immer von sich.
Sein Redeschwall hätte mich umgebracht, hätte es, kaum daß die Mahlzeit beendet war, nicht geklopft. Monsieur de Guron und ich gingen ins Vorzimmer und zur Tür, gefolgt von den vier Schweizer Riesen mit gesenkter Pike. Ich trug eine Pistole in der linken Hand und eine zweite im Gürtel. Monsieur de Guron zog die drei schweren Riegel auf, ich öffnete einen Spalt, und als ich das hübsche Mäulchen der Zocoli erspähte, öffnete ich den Flügel so weit, daß ihre schmucke kleine Gestalt hereinschlüpfen konnte.
|138|»Da seid Ihr ja wieder, gnädiger Herr!« rief die Zocoli. »Kennt Ihr mich noch? Aber nennt mich bitte nicht Zocoli. Für Euch bin ich Clairette, sehr zu Diensten!«
Hiermit schlang sie mir einen Arm um die Taille, daß ich einige Mühe hatte, mich von der kleinen Schlange zu befreien. Alle Wetter! dachte ich, wenn sie mir schon beim zweitenmal so kommt, wie dann erst beim drittenmal?
»Clairette«, fragte ich, »bist du ungehindert hierhergekommen?«
»Ungehindert, ja! Ich bin doch da!« sagte die Zocoli, die als Pariser Kind einen gutgewetzten Schnabel hatte und wie alle ihrer Art frisch, frei, frech war und sich vor nichts auf der Welt fürchtete. »Was sind denn das für Soldaten?« setzte sie hinzu, als sie die Männer bemerkte, die im matten Licht in Habtachtstellung standen.
»Schweizer von Monsieur de Guron sind es. Sie sollen dich beschützen.«
»Sind die schön! Richtige Riesen!« sagte die Zocoli und betrachtete sie mit leuchtenden Augen und offenem Mund.
»Kindchen, anstatt dich im Anblick dieser Prachtkerle zu verlieren, solltest du mir besser deinen Vers vortragen.«
»Gnädiger Herr«, wandte sie sich an Monsieur de Guron, indem sie ungeniert in einem Lehnstuhl Platz nahm, den ihr das Protokoll nicht gestattet hätte, »Ihr würdet ein gutes Werk tun, wenn Ihr mir vorher einen kleinen Schluck Wein vorsetztet, meine Kehle ist ganz trocken, und ein Häppchen zu essen, mir knurrt der Magen nach dem langen Weg durch die düsteren Flure von Fontainebleau.«
Monsieur de Guron, von Mitleid ergriffen – aber war es Mitleid? –, ließ ihr auftragen, was uns hienieden zu unserem Leibeswohl frommt. Die Zocoli leerte einen ganzen Krug Wein, verputzte einen Schinken und hinterdrein Sahnespeise und Zuckerzeug, damit das Ganze gut rutsche. Monsieur de Guron, der sie mit einer Bewunderung betrachtete, die von Minute zu Minute wuchs, raunte mir sotto voce ins Ohr, diese Art Weib hungere es jeden Tag, den Gott werden läßt, aus allen Leibesöffnungen.
Hierbei sah er sie selbst mit so hungrigen Augen an, daß ich beschloß, sie ihm zu überlassen, sobald sie mir berichtet hätte. Und als Monsieur de Guron sich diskret entfernte, begann sie |139|mit ihrer Geschichte, nach der ich die beste Meinung von ihrem Urteil gewann.
»Gnädiger Herr«, sagte sie, »ich weiß die Stunde nicht, als heute Madame (die sie klugerweise nie anders nannte) ein Sendschreiben erhielt. Kaum hatte sie es gelesen, da geriet sie in Wut. Und wer Madame nicht in Wut gesehen hat, hat nichts gesehen! Nicht, daß ich sie dabei in Ruhe hätte beobachten können, denn wie der Sturm losbrach, warf ich mich flach auf den Bauch hinter eine Truhe, die ich gerade mit dem Flederwisch abstauben wollte. In solchem Fall darf man sich nämlich um keinen Preis vor Madame blicken lassen, sie zerschlägt dann nicht nur alles, was ihr unter die Finger kommt, sie ohrfeigt auch jedes menschliche Wesen in ihrer Reichweite. Aber die Neugier war größer als die Angst, ab und zu riskierte ich ein Auge um eine Truhenecke, das Spektakel zu sehen. Meiner Treu, gnädiger Herr, das schafft kein Pariser Schiffersknecht! Die Dame erbleicht, stampft mit den Füßen, wird puterrot, Schweiß strömt ihr übers Gesicht. Sie schnappt nach Luft, ohne Scham reißt sie das Mieder auf, zerrauft sich die Haare. Und bei alledem speit sie eine Flut schmutziger und ungezogener Wörter. Wahrhaftig, ein Fischweib von den Hallen würde vor Neid erblassen! Endlich erschöpft von ihrem Toben, verstummt Madame, und wie ich um die Truhenecke linse, plumpst sie auf den einzigen Lehnstuhl im Salon. Sie ringt um Atem, schnauft wie ein Blasebalg. Da höre ich den Majordomus fragen, ob Ihre Majestät Monsieur de Marillac empfangen wolle. Mit erloschener Stimme sagt sie ›Ja‹, und ich sehe, wie sie ihr Mieder zuknöpft, aber nicht bis oben, weil ihr die Luft noch immer knapp ist, und ihre dicken Brüste liegen halb bloß, es war zu komisch!«
»Was war daran komisch, Clairette?«
»Monsieur de Marillac, müßt Ihr wissen, ist ein großer Busenverächter, und kriegt er einen auch nur ein bißchen zu Gesicht, zieht er rasch den Kopf ein wie eine Schildkröte. Doch Madame liebt Monsieur de Marillac, und kaum tritt er herein, befiehlt sie ihm, Platz zu nehmen.«
»Sie befiehlt?«
»Oh, gebeten wird bei Madame nicht! Bei ihrem Rang! Höchstenfalls der Herrgott. Und weil Monsieur de Marillac keinen zweiten Stuhl sieht, setzt er sich auf meine Truhe, was mir einen Schreck einjagt, denn er bräuchte sich nur umzudrehen, |140|und ich wäre entdeckt. Ich beruhige mich aber, weil ja laut Protokoll niemand Madame den Rücken kehren darf, und freue mich in dem Gedanken, gleich das ganze schöne Zwiegespräch mit anzuhören, denn einen vollen Monat konnte ich nichts Rechtes sammeln. Diesmal, dachte ich, kann ich wenigstens gute Ernte halten für den Herrn Kardinal.«
Womit die Zocoli eine Pause einlegte, sei es, um Atem zu schöpfen, denn als Pariserin sprach sie sehr geschwind, sei es, um ihrer Rede neues Gewicht zu geben.
»Kaum also sitzt Monsieur de Marillac auf meiner Truhe, fängt Madame wieder zu schreien an.
›Monsieur de Marillac, Ihr werdet es nicht glauben! Dieser Hanswurst von Kardinal hat mir geschrieben! Mir! Er hat mir geschrieben, nachdem ich ihn mit meiner wütenden Verachtung in aller Öffentlichkeit zerschmettert habe! Er wagt es, mir zu schreiben! Mir, die ich diesen Bettler vom Hof, aus meinem Haus, aus dem Reich verjagt habe! Und er treibt die Schamlosigkeit so weit, mir zu schreiben und sich auch noch meinen Diener zu nennen!‹
›Madame‹, sagt darauf ernst Marillac, ›der Kardinal ist keinesfalls zerschmettert, ganz im Gegenteil, und es besteht kein Anlaß zu triumphieren. Als er den großen Saal verließ, wo Ihr ihn mit Eurer Verachtung straftet, rannen ihm Tränen wie dicke Erbsen über die Wangen – Ihr wißt ja‹, setzt er boshaft hinzu, ›wie nahe unser großer Mann am Wasser gebaut hat! Aber als der König von der Jagd kam, schloß er sich mit dem Kardinal in ein Kabinett ein, und als der Kardinal Seiner Majestät dann die Tür öffnete, faßte der Hof Richelieu scharf ins Auge und erkannte von Tränen keine Spur, sondern nur ein strahlendes Gesicht. Woraufhin Richelieu sich längere Zeit mit dem Herzog von Orbieu zurückzog. Der ganze Hof wartete unter den Fenstern auf den Herzog, und als der endlich erschien, bestürmte man ihn mit Fragen, und seine Antwort war schlicht: ›Der König hat den Herrn Kardinal getröstet.‹ Was der Hof mit Freude und Frohlocken begrüßte.‹
›Frohlocken?‹ fragt Madame. ›E che cosa significa questa parola?‹1
›Große Freude, Madame.‹
|141|›Große Freude? Santa Maria! C’è da impazzire!1 Was für Erznarren diese Franzosen doch sind! Ich, Königin von Frankreich, zertrete diesen kleinen Auswurf mit meiner wütenden Verachtung! Und der König, mein Sohn, umarmt ihn! Der Hof klatscht Beifall! E tutta la nazione è contro di mi!‹2
›Narren oder nicht, Madame‹, sagt Marillac, ›der Hof hat für den Kardinal Partei ergriffen und, leider, gegen Eure Majestät. Auch ich wurde geschmäht, beschimpft. Man beschuldigte mich, Euch diesen Skandal eingeflüstert zu haben. Und mehr als einer prophezeite mir mit falschem Mitgefühl, der König würde mich vom Hof verjagen. Und Bérulle ebenso.‹
›Bérulle, Bérulle!‹ sagt auf einmal Madame, fahrig, wie sie ist. ›Wo ist überhaupt Bérulle? Wieso, zum Teufel, ist er nicht hier? Ist das nicht der Gipfel, daß er nicht bei mir ist, um aiutarmi come l’ho aiutato io di tasca mia. Che persona ingrata!‹3
›Madame, der Kardinal ist nicht undankbar. Er liegt zu Bett. Es wird wohl sein Sterbelager sein, laut den Ärzten macht er es nicht mehr lange.‹
›Aber er soll nicht sterben!‹ schreit Madame entrüstet. ›Sagt ihm von mir, daß er nicht sterben darf! Ich brauche ihn doch so sehr!‹
›Aber wozu, Madame? Damit er Euch wieder zu einem schrecklichen Fehler verleitet?‹ sagt Marillac mit falscher Sanftmut. ›Ich hatte Euch gewarnt, Madame, und habe vergebens auch Bérulle gewarnt! Man kann doch Richelieu nicht öffentlich zertreten, wenn er ruhmbedeckt aus dem Languedoc heimkehrt!‹
›Und trotzdem‹, sagt Madame, ihren großen Zorn wiederkäuend, ›hat der Schurke mir zu schreiben gewagt!‹
›Geschrieben hat er Euch?‹ fragt Marillac verdutzt. ›Madame, wollt Ihr gnädigst erlauben, daß ich den Brief lese?‹
›Che puzzo!‹4 sagt Madame.
Nun war eine ganze Weile Schweigen, während Monsieur de Marillac den Brief las und vielleicht zweimal las.
›Dieser Brief, Madame‹, sagt er dann, ›gibt sich demütig, |142|unterwürfig und ehrerbietig. Doch in der Tat, Madame, wenn man zwischen den Zeilen liest, schraubt Euch der Kardinal.‹
›Er schraubt mich? E che cosa signifia questa parola?‹1
›Er macht sich über Euch lustig, Madame.‹
›Über mich? Er macht sich lustig über mich, MICH!‹ brüllt Madame. ›Und … und … und wie?‹
Ich denke, jetzt geht das Toben wieder los. Es kommt aber nichts. Die Neugier ist zu groß.
›Und wie?‹ fragt sie wieder.
›Indem er Euch bittet, beim König dafür einzutreten, daß er seine Demission annimmt.‹
›Und wieso macht er sich damit über mich lustig?‹
›Diese Demission, Madame, wurde offensichtlich vom König bereits abgelehnt, und wenn Ihr bei Ludwig dafür eintretet, erhaltet Ihr nur eine strenge Abfuhr.‹
›Aber, das ist ja ein Satan, dieser Hanswurst von Kardinal!‹ schrie Madame.
So, gnädiger Herr«, schloß die Zocoli, »das ist alles, was ich Euch berichten kann, außer daß Madame nach dem Besuch von Monsieur de Marillac gleich zu Bett ging und ich mein Versteck endlich verlassen konnte.«
Ich dankte der Zocoli und wollte ihr für die schöne Geschichte einen Taler geben, den sie aber mit Würde ablehnte, sie habe einen Herrn, sagte sie, der sie gut bezahle. Gern hätte ich sie, weil ich so zufrieden mit ihr war, zum Abschied freundschaftlich umarmt, sagte mir aber, daß es bei ihr nicht bei der Freundschaft bleiben würde, überließ sie also Monsieur de Guron und eilte frohen Herzens in mein Zimmer. Doch anstatt mich schlafen zu legen, brachte ich erst alles zu Papier, was die Königinmutter gesagt hatte, um es wortwörtlich für den Kardinal festzuhalten.
Ich war sehr müde nach diesem langen Tag, an dem sich soviel ereignet hatte. Rasch entkleidete ich mich – es war spät, ich wollte meinen Diener nicht mehr wecken –, zog um mein Bett die Vorhänge zu und wartete auf den Schlummer, der aber nicht kam. Statt dessen geriet ich ins Grübeln über Marillac.
Mir scheint, Leser, daß ich Ihnen schon andeutete, wie ich über ihn dachte. Doch was ich auch gesagt haben mag, hier braucht es ausführlichere, gründlichere Worte, denke ich, als |143|eine Bemerkung nebenher. Marillac war gewiß nicht dumm und einfältig wie der arme Bérulle, der, weil er so oft zu Gott sprach, sich schließlich einbildete, Gott vergelte ihm dies mit Vertraulichkeiten und Prophezeiungen. Wie der Leser sich erinnern wird, hatte er sich befugt geglaubt, Richelieu zu schreiben, er müsse den Deich vor La Rochelle gar nicht bauen, die Mauern der Feste würden von selber fallen: Er habe diesbezüglich eine Erleuchtung gehabt.
Nein, Monsieur de Marillac war ein Mann von großem Verstand, sehr arbeitsam und erfüllte sein Amt als Siegelbewahrer aufs beste.
Gut, man konnte verstehen, daß er in seiner fanatischen Frömmelei nichts so sehr wünschte wie die Ausrottung der hugenottischen Ketzer und daß er daher eine spanische Allianz für erstrebenswert hielt, trotz aller Gefahren, die das für Frankreich bedeutete. Man konnte notfalls sogar verstehen, daß er glaubte, er selbst sei der rechte Mann, um diese Politik durchzusetzen, und Richelieu müsse verschwinden, damit er an dessen Stelle treten könne. Doch genau an diesem Punkt meiner Rede drückt mich der Schuh.
Auf wen oder was konnte Monsieur de Marillac sich zur Durchsetzung dieses Ziels denn stützen? Auf den König? Aber Ludwig, der seinen Vater verehrte, war unwiderruflich anti-spanisch. Er wußte genau, daß dieser über alles geliebte Vater durchaus nicht zufällig zu einem Zeitpunkt ermordet worden war, als er zum entscheidenden Krieg gegen Spanien rüstete. Ludwig wußte auch, daß dieser Vater den Plan einer spanischen Heirat für seinen Dauphin abgelehnt hatte, jenen Plan, den zu seinem großen Kummer die Witwe gewordene Mutter dann verwirklichte. Und gab es auch andere Gründe dafür, daß er die Ehe mit Anna von Österreich zunächst nicht vollziehen konnte, wurde seine Glut durch die Tatsache, daß sie Spanierin war, nicht eben entfacht. Ein Beweis dafür ist, daß er die turbulenten Gesellschafterinnen, die mit Anna von Österreich nach Frankreich gekommen waren, nicht ohne Schroffheit zurückschickte über die Bidassoa. Und ich glaubte, er hätte auch Anna zurückgeschickt, wenn er gekonnt hätte.
Rechnete Monsieur de Marillac also darauf, daß die Königinmutter Ludwig dahin bringen würde, die spanische Allianz zu akzeptieren? Sollte er das wirklich geglaubt haben, wäre es der |144|schwerste Fehler, der diesem geistvollen Mann je unterlaufen wäre. Längst war zwischen dem König und der Königinmutter jede Gefühlsbindung den protokollarisch befohlenen Respektsbezeigungen gewichen. Hundertmal habe ich gesagt und sage es, verzeih, Leser, noch einmal: Ungeliebt, gedemütigt als Kind, hatte er für Maria von Medici nicht nur keine Liebe, er konnte sie nicht einmal achten, weil er von ihrer Vernunft und ihrem Charakter die allergeringste Meinung hatte. Ihn graute vor ihren starren Voreingenommenheiten, ihren wütenden Verbohrtheiten, ihren tobenden Zornausbrüchen und am allermeisten vor ihrer vulgären Sprache.
Wahrhaftig, wenn es auf der Welt etwas gab, was Ludwig von ganzem Herzen haßte, dann daß man in seiner Gegenwart sich zu Zänkereien hinreißen ließ, die Stimme hob, gemeine und anstößige Ausdrücke gebrauchte. Er empfand dies als den schlimmsten Verstoß gegen seine königliche Würde. Als er von seinem Schlafgemach einmal hörte, wie der Graf von Guiche einen Türhüter mit schriller Stimme und groben Worten beschimpfte, weil der ihm den Zutritt zum König verwehrte, schickte er auf der Stelle ein Dutzend Garden, ließ ihn festnehmen und für eine Woche in die Bastille sperren.
Die Königinmutter, guter Gott! dachte ich in meinem nächtlichen Sinnen, wie konnte ein Mann von Geist wie Marillac sich zur Erreichung seiner Ziele nur ein so unzuverlässiges Instrument wählen, das seinen Händen jeden Augenblick entgleiten und alles durchkreuzen konnte, wobei die Verantwortung für ihre Fehler ihm zufiel, denn er war als ihr Ratgeber bekannt. Eine sehr gefährliche Position, die ihn von einem Tag auf den anderen in eine Ungnade stürzen konnte, die voraussichtlich kein Zuckerschlecken sein würde.
Am fünfzehnten September gelang es dem König, zwischen Richelieu und seiner Mutter eine Art Burgfrieden herzustellen. Und was meines Erachtens die sonst ewig Grollende zu so schnellem Einlenken brachte, war die Mißbilligung, die ihr in diesem Fall vom gesamten Hof widerfuhr. Der Kardinal, der sich unendlich erleichtert fühlte, lud mich ein, am selben Abend mit ihm zu speisen, was Monsieur de Guron ein wenig grätzte, obwohl er sich eine Woche zuvor desselben Privilegs hatte rühmen dürfen. »Bah!« sagte er und zog ein abfälliges Maul, indem er mir auf die Schulter klopfte, »Ihr werdet sehen, mein lieber Herzog, |145|große Ehre, zweifellos, aber verdammt kleine Schüsseln!« Da sprach natürlich der Fresser und Schlemmer vom Hofe, denn was mich anlangt, so trinke ich wenig und esse noch weniger. Und das, Leser, nicht etwa aus Askese oder Tugend, vielmehr ist es schlichte Eitelkeit, denn »Schmerbauch« ist für mich gleichbedeutend mit »Graubart«; ich will mir doch die schlanke Linie, solange ich kann, erhalten, für die meine Catherine mich lobt.
Der Leser errät sicherlich, daß ein Souper mit dem Kardinal nicht heißt, Allerweltsgespräche zu führen. Man arbeitet mehr, als man ißt. Und kaum hatten wir vor unseren goldenen Gedecken Platz genommen, begann Seine Eminenz in drängendem Ton zu fragen.
»Nun, mein Cousin, was hat die Zocoli gesagt?«
»Eminenz«, entgegnete ich, »ich habe alles, was sie mir berichtete, zu Papier gebracht. Wünscht Ihr den Rapport zu lesen, oder soll ich die Dinge mündlich vortragen?«
»Die schriftliche Form genügt mir«, sagte Richelieu. »Ich weiß, daß Eure Rapporte ausgezeichnet sind.«
So überreichte ich ihm denn die Blätter und beobachtete ihn insgeheim, während er las. Sein Gesicht war blaß und abgezehrt und von grenzenloser Erschöpfung gezeichnet. Mein Gott, dachte ich, welch eherner Mut, welch unnachgiebige Beharrlichkeit, welche Ergebenheit! Und, außer vom König, wie wenig belohnt! Je mehr Gutes er dem Reich erweist, desto übler spielt man ihm mit!
Nachdem der Kardinal seine Lektüre beendet hatte, faltete er die Bogen und steckte sie in die Innentasche seiner Soutane, wobei er wie im Selbstgespräch sagte: »Das muß der König lesen.« Dann senkte er die Augen auf seinen Teller und verharrte so eine Weile.
Was nun geschah, Leser, erregte mein größtes Erstaunen. Denn es geschah selten, daß der stets verschwiegene und mit Worten sparsame Kardinal sich vor einem wenngleich voll vertrauenswürdigen Diener herbeiließ, eine Gemütsbewegung zu äußern oder eine seiner Erinnerungen zu berufen. Und beides tat er an diesem Abend.
»Mein Cousin«, sagte er, »glaubt Ihr, daß die Königinmutter mir gegenüber eines Tages Reue zeigen wird?«
»Mir scheint, Eminenz, nach der schmerzhaften Schlappe, die sie einstecken mußte, wäre es nur vernünftig, wenn sie es täte.«
|146|»Vernünftig!« sagte Richelieu, indem er große Augen machte. »Wann wäre sie jemals vernünftig gewesen?«
Mehr sagte er nicht, und für eine Weile wahrte er Schweigen. Auch ich schwieg. Bekanntlich stellt man, wie dem König, auch dem Kardinal keine Fragen. Diese Regel zu übertreten wäre die schlimmste Ungehörigkeit. Ich blieb also still wie ein Maulwurf im Bau, gleichzeitig aber auf der Lauer, denn für mein Gefühl hatte Richelieu schon zuviel gesagt, um nicht noch mehr zu sagen. Und wirklich kam er, wenn auch auf einigen Umwegen, zu seinem Thema zurück.
»Mein Cousin«, fuhr er fort, »man muß Euch, der Ihr so mutig daran beteiligt wart, nicht an den Staatsstreich vom vierundzwanzigsten April 1617 erinnern. Der infame Concini auf königlichen Befehl exekutiert, seine Megäre im Kerker, die Königsmacht den unwürdigen Händen entrissen und die Königinmutter festgehalten in ihren Gemächern. Ihr entsinnt Euch dieser überraschenden Tatsachen, nicht wahr? Um ihr jeden Fluchtweg zu nehmen, scheute Ludwig keine Mittel: Kurzerhand ersetzte er ihre Leibgarde durch seine, schickte Maurer, die beiden Geheimtüren ihrer Wohnung zuzumauern, und drei starke Erdarbeiter mußten die kleine Holzbrücke abreißen, mittels deren seine Mutter den Graben hatte überschreiten und in den Gärten an der Seine lustwandeln können: eine weitere Möglichkeit, den Louvre zu verlassen. So kam es, daß die Königinmutter sich noch vor ihrer Verbannung nach Schloß Blois gefangen fühlte und es unstreitig auch war. Worauf sie in einen ihrer Wutausbrüche verfiel, wie sie die Gewölbe des Louvre lange erschüttert hatten und von denen die Zocoli uns ja ein Beispiel geschildert hat. Brüllend, heulend, sich die Haare raufend und die Hände ringend, verwünschte sie die Concinis, die sie so lange angebetet hatte, und bezeugte durch die Initiativen, die sie gleichzeitig ergriff, ihren herrischen Charakter.
Sie schickte ihren Rittmeister, Monsieur de Bressieux, dem König zu sagen, daß sie ihn sprechen wolle. Wäre ich zu dem Zeitpunkt bei ihr gewesen«, fuhr Richelieu fort, »ich hätte ihr von einem so unangebrachten Schritt abgeraten. Die Königinmutter hatte Ludwig sogar noch, als er schon großjährig war, so abscheulich seiner königlichen Vorrechte beraubt, daß eine Einigung im Moment völlig ausgeschlossen war.
Mehr noch, daß Ludwig den Günstling Concini ermorden und |147|die Galigaï hinrichten ließ, zeigte einen Grad von Entschlossenheit und Unerbittlichkeit, der der Königinmutter nicht die mindeste Hoffnung ließ, daß er seine Entscheidungen ändern werde. So überraschte es mich nicht, daß Monsieur de Bressieux, als er dem König das Anliegen der Königinmutter vortrug, die dürre Antwort erhielt: ›Ich werde sie zu gegebener Zeit sprechen.‹ Jeder andere als die Königinmutter hätte sich das gesagt sein lassen. Sie mitnichten. Sie schickte den Mann zum zweitenmal mit derselben Forderung und erfuhr dieselbe Ablehnung. Hierauf mußte Monsieur de Bressieux ein drittes Mal zum König gehen. Diesmal war es keine Ablehnung, es war eine drohende Abfuhr, der König entgegnete dem armen Bressieux, wenn er ihm noch einmal mit derselben Botschaft komme, werde er ihn in die Bastille sperren.
Denkt Ihr, die Königinmutter hätte ihre Drängeleien jetzt eingestellt? Aber nein! Sie schickte die Prinzessin Conti, die, klüger als Monsieur de Bressieux, Ludwig um eine Audienz bat. Einer Prinzessin und Angehörigen des mächtigen Hauses Guise konnte man nicht mit der Bastille drohen. Der König antwortete ihr galant, er wolle sie gern empfangen, vorausgesetzt, sie spreche nicht von der Königinmutter. Wer hätte gedacht, daß Maria von Medici nach dieser völlig unnützen Demarche einen fünften Versuch machen würde? Ihren Instruktionen gehorsam, warf sich ihre Ehrendame, Madame de Guercheville, als sie in einem Flur des Louvre dem König begegnete, ihm dramatisch zu Füßen: ›Sire!‹ schrie sie, ›könnt Ihr Eure Mutter verjagen?!‹ – ›Sie ist meine Mutter, ja‹, sagte Ludwig. ›Aber bis jetzt hat sie mich nicht als Sohn behandelt.‹«
Diese Worte waren für mich von besonderem Interesse, denn als ich in einem früheren Band meiner Memoiren von jenen unzeitgemäßen Ersuchen der Königinmutter sprach, hatte ich sie in drei Zeilen abgehandelt, und weil ich nicht so gut informiert war wie Richelieu, hatte ich die fünf Demarchen der Königinmutter Gott weiß warum auf sechs beziffert.
»Die Lehre aus dieser Geschichte ist«, schloß Richelieu, »daß man über den Unterschied zwischen Unnachgiebigkeit und Hartnäckigkeit nachdenkt.«
»Ich gestehe, Eminenz, daß ich einen Unterschied empfinde, aber nicht definieren kann.«
»Ich habe mich darin versucht«, sagte Richelieu mit einer |148|Bescheidenheit, auf die ich nicht hereinfiel (denn er liebte die Dichter und die Feinheiten der Sprache). »Ich für mein Teil würde sagen, daß Unnachgiebigkeit der von der Vernunft erleuchtete Wille ist. Und daß Hartnäckigkeit der Verbohrtheit nahe kommt, der Sturheit, einem Willen ohne Vernunft. Ich vergleiche Hartnäckigkeit mit einer dicken Wespe, die hundertmal gegen dieselbe Scheibe stößt, ohne das offene Fenster zu suchen und zu finden, durch das sie davonfliegen könnte. Deshalb«, setzte er nach kurzem Schweigen hinzu, »mache ich mir keine Illusionen über den prekären Frieden, den Ludwig zwischen seiner Mutter und mir hergestellt hat. Ich mag es gut oder schlecht machen, die Königinmutter hat sich ein für allemal gegen mich verbohrt, und immer wird ihr Stachel mich verfolgen.«
Hier überflog leichte Röte das blasse und abgezehrte Gesicht des Kardinals. Und er schien mir ein wenig verlegen, weil er sich von seiner Metapher hatte verleiten lassen, hinsichtlich der Königinmutter von »Stachel« zu sprechen, so als setze er sie mit jener dicken Wespe gleich, deren zielloses Anrennen gegen die Scheibe er vorher geschildert hatte.
Doch da ich mir nichts anmerken ließ, etwa daß ich irgendeine Verbindung zwischen der dicken Wespe und dem Stachel zöge, gewann Richelieu seine Ruhe zurück.
»Mein Cousin«, sagte er in dem knappen und bestimmenden Ton, den er pflegte, »es ist spät und, wie Henri Quatre sagte, mich schläfert, und Euch wird es auch schläfern. Morgen früh um acht Uhr tritt der Große Königliche Rat zusammen. Seid pünktlich. Zur Debatte stehen wird unsere verschlechterte Situation in Italien. Und die Abwesenheit von Monsieur! Monsieur, der einem wahrlich einen sehr harten Knochen zu knacken gibt.«
Meine Güte! dachte ich, als ich ging, zuerst eine dicke Wespe! Dann ein harter Knochen! Che famiglia! wie der Venezianer Zorzi sagte.
***
»Monsieur, auf ein Wort, bitte.«
»Schöne Leserin, ich höre.«
»Darf ich fragen, warum Sie in Ihren Memoiren bis jetzt so wenig von Monsieur, dem Bruder des Königs, gesprochen haben?«
|149|»Oh, doch! Ich habe von ihm gesprochen, Madame, hier und dort in den verschiedenen Bänden meiner Memoiren, die Sie vielleicht nur nicht alle gelesen haben. Daher mag es ganz angebracht sein, wenn ich in Anbetracht der Rolle, die er im folgenden spielen wird, all die Einzelheiten einmal versammle und ein vollständigeres Bild von ihm gebe.
Auch wenn ich das Gegenteil wünschte, muß ich leider sagen, daß Gaston von Anfang bis Ende der Regentschaft seines Bruders eine schädliche und unerquickliche Rolle gespielt hat. Haben Sie auf Schloß Blois einmal die Statue von Gaston d’Orléans gesehen? Was daran am meisten auffällt, wenn man aufmerksam hinsieht, sind seine weichlichen und schwächlichen Züge. Das allein wirft ein erhellendes Licht auf ihn.«
»Monsieur, könnten Sie das näher erläutern?«
»Nun, in erster Linie, Madame, war Gaston sehr ausschweifend.«
»Ach, Monsieur, nur weil Sie durch Ihre Ehe – wenn auch unfreiwillig – tugendhaft geworden sind, müssen Sie jetzt nicht über menschliche Schwächen die Nase rümpfen. Wenn ich mich recht entsinne, gab es in Ihren Jugendtagen einen ganzen Reigen bereitwilliger Persönchen.«
»Ach, Madame! Sie werden die armen Weiber, die Edelmännern ihren Unterleib für eine Nacht verkaufen, doch nicht mit meinen reizenden Kammerjungfern vergleichen wollen! Sie arbeiteten für ihre Herrschaft. Sie waren ihrer Herrschaft ergeben, und sie liebten mich, und ich liebte sie auch, und das Band dauerte, solange ich konnte. Und jedesmal wenn ich eine verlassen mußte, standen Tränen nicht nur in ihren Augen.«
»Verzeihen Sie, Monsieur, daß ich es gewagt habe, Sie zu kritisieren. Verschlimmere ich mein Unrecht, wenn ich sage, daß ich Sie jetzt, in Ihrer Tugendrolle, nicht mehr so verführerisch finde?«
»Besten Dank, Madame, für den Trost, den Sie meiner Bescheidenheit spenden. Natürlich wird ein verheirateter Mann selten verführerisch sein, er hat seine Wahl ja getroffen.«
»Und eine ausgezeichnete Wahl, Monsieur, nach allem, was ich höre.«
»Dank, schöne Leserin, für die großmütige Antwort. Sie macht alles wett. Ich hätte es bedauert, wenn unser freundliches Gegenüber ein Gegeneinander geworden wäre.«
|150|»Zurück denn, Monsieur, zu unseren weißen Schafen.«
»Leider, Madame, ist Gaston gar nicht so weiß. Allerdings rührt ein Teil seiner Fehler aus seiner Situation her. Als jüngerer Bruder eines Königs, der keinen Sohn hat, und somit potentieller Thronerbe hegte Gaston, dieser lustige Kumpan, dem nichts über Spiel, Spaß und Hanswurstiaden ging, trotzdem große Ambitionen. Und da, Madame, zeigt sich das Manko unseres Systems: Das Geblüt verleiht den Rang, aber der Rang besitzt in keiner Weise den Geist, die Übung, die Erfahrung, den Eifer, deren es bedarf, um die großen Geschäfte zu führen. Und genau das bewies Gaston, als er lauthals danach schrie, die Belagerung von La Rochelle zu befehligen. Darf ich Ihnen, Madame, diese beinahe komische Episode ins Gedächtnis rufen? Des Geschreis müde, schickte man ihn nach La Rochelle, unter die diskrete Überwachung durch die Marschälle. Gaston brachte nichts zuwege. Beim ersten Ausfall der Rochelaiser wollte er seine Tapferkeit beweisen und stellte sich in die vorderste Angriffslinie, womit seine Männer ohne Kommando waren. Am selben Abend warf Marschall Schomberg Gaston in etwas scharfem Ton, doch mit allem seinem Rang geschuldeten Respekt vor, er habe sich betragen wie ein Soldat, aber nicht wie ein Chef. Doch Gaston zeigte überhaupt keine Berufung zu den Waffen. Nach ein paar kurzen Wochen hatte er das windige und stürmische Klima an der Küste und vor allem die erdrückende Monotonie des Militärlebens vollkommen satt. Also ließ er, ohne Obacht zu rufen und ohne die geringste Scham, seine Armee sitzen und kehrte eigenmächtig zurück nach Paris, wo er, um sich der Kontrolle der Königinmutter zu entziehen, nicht im Louvre wohnte, sondern in einem verschwiegenen kleinen Hôtel. Und dort ergab er sich in andauerndem Dolcefarniente seinen Ausschweifungen, seinen Gastmählern und den Bubenstreichen, die er über alles liebte.
Nicht daß er dumm war, Madame, er hatte sogar viel Witz. Aber es war ein müßiggängerischer Witz. Obwohl im Oberstübchen besser ausgestattet als die meisten seiner Zeitgenossen, war er zu faul, dies zu nutzen. Soll ich ein Beispiel nennen? Als der König in seinen frühen Jahren hörte, daß der Hofmeister seines Bruders, Marschall von Ornano, Gaston ermutigte, sich dem königlichen Willen zu widersetzen, schickte er den Marschall ins Gefängnis. Sofort war Gaston, ohne den Anschein eines Beweises |151|zu haben, überzeugt, daß Richelieu diese Maßnahme veranlaßt habe, und beschloß, ihn zu ermorden. Diese Geschichte habe ich Ihnen, Madame, schon geboten, ich raffe sie also in wenigen Zeilen zusammen. Gaston knobelte den Plan aus, sich mit etwa dreißig Freunden vom Kardinal auf dessen Schloß zu Fleury-en-Bière einladen zu lassen. Im Verlauf des Mahls sollten seine Freunde sich in die Haare geraten, die Degen ziehen, und in dem hieraus entstehenden Tumult sollte ein Degen wie zufällig das Herz des Kardinals durchbohren.«
»Und was geschah?«
»Der Kardinal erfuhr von dem Plan, noch bevor er ausgereift war, und ging zu Gastons Lever. Dabei schüchterte er ihn durch seine Eskorte ein und erbot sich gleichzeitig sehr liebenswürdig, Schloß Fleury-en-Bière gegen das Schloß von Gaston zu tauschen, das weniger bequem war. Gaston fand den Kardinal ›höchst charmant‹, nahm das Angebot an, und von einem Gastmahl nach italienischer Manier war nie mehr die Rede. Was Italien angeht, bedenken Sie, schöne Leserin, daß Gaston vom Vater her Bourbone war, aber von der Mutter ein Medici.«
»Wie ich hörte, Monsieur, soll Gaston auch schlechte Ratgeber gehabt haben.«
»Schlecht, Madame, ist gar kein Ausdruck! Ich würde mit einem lateinischen Zitat behaupten, sie waren abominandi atque execrabiles! Die Namen dieser traurigen Herren: Le Coigneux, Bellegarde, Puylaurens. Der arme Gaston war eine Kasperpuppe in ihren Händen, eine Marionette. Sie werden sich erinnern, daß Marillac und Bérulle, unsere guten Apostel, der Königinmutter schließlich einzureden wußten, daß Richelieu sie im Lauf der Jahre zu seiner ›Marionette‹ gemacht habe, weshalb sie ihn fortan mit unsäglichem Haß verfolgte.
Doch um auf Gaston zurückzukommen, als der erste italienische Feldzug bevorstand …«
»Monsieur, warum der erste? Gab es noch einen zweiten?«
»Ich fürchte, es wird einen zweiten geben, Madame. Aber das wird sich morgen im Königlichen Rat herausstellen, wo es um die ungute Wendung unserer Affären in Italien gehen soll. Um also beim ersten italienischen Feldzug zu bleiben, forderte Gaston, kaum daß er beschlossen war, den Oberbefehl.«
»Und das nach allem, was er sich in La Rochelle geleistet hatte?«
|152|»Was wollen Sie, Madame, Ungenügen ist oft die Mutter des Dünkels. Man konnte ihm das Kommando natürlich unmöglich bewilligen, konnte aber dem Bruder des Königs auch schwer eine demütigende Ablehnung erteilen. Es gab nur ein Mittel, das Schlimmste zu verhüten, und dafür entschied sich der König: Er übernahm selbst das Kommando.«
»Dann war ja alles gut.«
»Leider nein, Madame, es war schlecht! Kaum war der eine Familienzwist beigelegt, brach ein neuer los. Darf ich Sie daran erinnern: Gastons Gemahlin, Madame de Montpensier, stirbt am vierten Juni im Wochenbett. Der untröstliche Witwer Gaston trocknet vier Tage später seine Tränen, denkt nur mehr an Neuvermählung und verliebt sich in Maria von Gonzaga, die Tochter des Herzogs von Nevers, heute Herzog von Mantua. Neu ist an dieser Geschichte, daß die Königinmutter und der König dieses eine Mal übereinstimmen, beide sind gegen die Verbindung. Die Königinmutter aus dem wenig vernünftigen Grund, daß der Herzog von Nevers vor zwanzig Jahren die Waffen gegen sie erhob. Das Nein des Königs hat politische Gründe: Wenn Gaston der Schwiegersohn des Herzogs von Mantua wird, steht ihm Italien offen. Gaston hat nämlich eine Schwäche für die Feinde seines Bruders. Er ist ein sehr naher Freund des Herzogs von Lothringen, der uns haßt. Und wer könnte ihn hindern, sich in Italien mit den Spaniern zu verbünden?
Wie Sie sehen, schöne Leserin, hat Gaston den Sinn des Wortes Vaterland noch nicht entdeckt, worin er den meisten Großen sehr ähnlich ist, die sich unter der schwachen Regentschaft der Königinmutter nicht scheuten, mit den Waffen in der Hand gegen ihre Macht zu revoltieren, um ihr Land oder Gelder abzupressen.
Als Ludwig siegreich von seinem Italienfeldzug heimkehrt, geht Gaston, um seinen Groll zu bekunden, nach Lothringen, und der Herzog, unser Feind, ist entzückt. Für ihn und seine guten Freunde, die Habsburger, ist das ein immenser Vorteil. Wenn sie Ludwig angreifen wollten, könnten sie es damit tarnen, daß sie die Interessen seines Bruders verteidigen müßten, was ihrem Angriff eine gewisse Legitimität verleihen würde. Andererseits begreifen Gaston und das traurige Trio, dessen Marionette er ist, daß es für Ludwig in den Kriegen, die ihm |153|drohen, darauf ankommt, seinen jüngeren Bruder an seiner Seite zu haben. Sie ließen ihn also wissen, daß Gaston nicht abgeneigt wäre, nach Frankreich zurückzukehren, jedoch zu seinem Preis. Und an Ländereien, Apanagen, Festungen, Titeln und Geldern für sich und sein trauriges Trio forderte Gaston den Mond. Die königliche Antwort ließ nicht auf sich warten. Ludwig verlegte eine Armee in die Champagne, um einen möglichen Angriff Lothringens abzuwehren, und Richelieu trat mit Gaston in Verhandlung. Und Sie können sich vorstellen, meine Freundin, was für ein hartes Geschäft das war!«
»Und was kam dabei heraus?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich werde es morgen um halb neun im Königlichen Rat erfahren. Nur wissen Sie ja, Madame, nach geschlossenem Rat sind die Königlichen Räte stumm wie die Karpfen.«
***
Ludwig hing sehr an Schloß Saint-Germain-en-Laye, dem Aufenthalt seiner Kinderjahre. Er liebte den Park, die schöne Aussicht auf die Seine und den Wald von Vésinet, die gewiß viel reinere Luft als in Paris, das Wildgehege Le Pecq, das ihn schon damals von der Hirschjagd träumen ließ. Am schönsten aber war es für ihn, wenn sein geliebter Vater ihn besuchen kam, und er kam oft, und, Gipfel des Glücks, er kam allein, so daß das Königskind nichts vom Gekreisch, von Rüffeln und Androhungen der Peitsche seitens der Mutter zu fürchten hatte.
Was mich angeht, so muß ich, trotz der wundersamen Begegnung, die ich als Zehnjähriger dort mit dem ein wenig jüngeren königlichen Knaben hatte, gestehen, daß das Schloß selbst – besonders wenn man es mit Fontainebleau vergleicht – nicht sonderlich anziehend ist. Was eine Residenz liebenswert macht, das ist doch, wie sehr sie von jenen geliebt wurde, die sie erbaut und die dort gelebt haben. Und das war bei Fontainebleau der Fall, das Franz I. auf den Ruinen eines Schlosses und eines Klosters hatte errichten und von italienischen Künstlern, die er bewunderte, ausschmücken lassen. Von Henri Quatre war es noch weiter verschönert worden, der, so knauserig er sonst war, zweieinhalb Millionen Livres dafür aufwandte. Leider gab Ludwig XIII., der dort geboren wurde, viel weniger Geld für Fontainebleau aus, denn obwohl er die prachtvolle |154|Residenz sehr liebte, zog er sich Versailles vor, weil Versailles nur fünf Meilen von Paris entfernt lag, was keinen so großen Umzug erforderte wie Fontainebleau, das, wie meine Alizon sagte, »beim Teufel« lag.
Um Viertel nach acht, pünktlich wie ein preußischer Offizier, stieg ich verdrossen die Treppe Heinrichs II. hinan und schimpfte lauthals über deren jämmerlichen Zustand, denn die Gefahr war groß, auf den bröckelnden Stufen auszugleiten und zu stürzen. Endlich erblickte ich Beringhen, der mich, übers ganze Gesicht lachend, an der Schwelle der offenen Flügeltür erwartete. Daß Sie sich nicht täuschen, Leser: Wenn mein Kammerdiener ein braver Bauernsohn ist, so ist Beringhen von Adel (wer dürfte den König an- und auskleiden, wenn nicht ein Edelmann?), und übrigens nennt er sich auch nicht Diener, sondern Offizier des Königlichen Hauses. Deren gibt es mehrere, aber Beringhen ist unter ihnen der Erste, weshalb man ihn, nicht ohne Respekt »Monsieur le Premier« nennt, ein Titel, dessen er sich gerne rühmt, und zu Recht. Beringhen ist flämischen Ursprungs, hat blaue Augen, rosige Haut, blonde Haare, die nun langsam weiß werden, ein gutes Mundwerk und einen wackeren Schmerbauch, und weil er das Protokoll samt allen Subtilitäten genauestens kennt, konsultiert ihn gelegentlich sogar der König.
»Meine Hochachtung, Monseigneur«, sagte Beringhen mit tiefer Verbeugung, wobei er aber im Ton schönster Vertrautheit sprach, weil mein Vater den seinen kannte und stets auf freundschaftlichem Fuße mit ihm stand. »Ich meinte zu hören«, setzte er hinzu, »daß Euch die Treppe Heinrichs II. nicht gefällt. Sie gefällt wirklich niemandem, und alle fürchten dort zu stürzen. Von Zeit zu Zeit erlaube ich mir, es Seiner Majestät zu sagen.«
»Und was ist Ihre Antwort?«
»›Später, Beringhen! Später! Im Augenblick habe ich keinen blanken Heller. Meine Kriege verschlingen alles.‹«
Am Ende der Galerie Franz’ I., die ich nie ohne einige Gemütserhebung durchschreite, so prachtvoll finde ich sie, zog mich Berlinghen nach der linken Seite, nicht nach der rechten, wie ich erwartete, denn für gewöhnlich trat der Große Rat im Ballsaal zusammen. Ich erriet den Grund der Änderung, sagte aber keinen Ton.
Der monumentale Kamin im Ballsaal wird zu beiden Seiten |155|von Satyrn aus schwarzer Bronze flankiert. Sie haben stark behaarte Schenkel, Symbole der Fleischeslust. Daß sie der Feuerstätte so nahe stehen, deutet an, daß ihr zügelloses Leben im Jenseits in den Höllenflammen endet.
Wenn Henri Quatre Rat hielt, setzte er sich mit dem Rücken zum Kamin und war derweise eingerahmt von den zwei Satyrn, was ihn so wenig genierte, daß er ab und zu lose Witze darüber machte.
Aus Respekt vor dem geliebten Vater hielt Ludwig, wenn er in Fontainebleau weilte, seinen Rat in diesem Saal, auch er mit dem Rücken zum Feuer. Doch bin ich überzeugt, daß die zwei Satyrn ihn störten, denn sobald das Wetter ungnädig wurde, sagte er, der Ballsaal sei wegen seiner riesigen Glasfenster zu groß und zu kalt, und versammelte den Rat in einem erheblich kleineren Raum, genannt der Salon des Königs, denn es war das Gemach, wo er das Licht der Welt erblickt hatte.
Beringhen, der noch die anderen Herzöge und Pairs sowie die beiden Marschälle von Frankreich empfangen mußte, verließ mich in der Galerie Franz’ I. und kehrte zur Treppe Heinrichs II. zurück. Was mich anging, so begab ich mich zum Salon Ludwigs XIII., wo ich aber nicht lange allein blieb. Denn wen traf ich davor, wenn nicht den Ehrwürdigen Doktor der Medizin Fogacer, der mich herzlich umarmte und mich lange mit sichtlichem Wohlgefallen betrachtete:
»Meiner Treu!« sagte ich, »was macht Ihr hier, Ehrwürdiger Doktor? Soweit ich weiß, gehört Ihr dem Großen Rat nicht an.«
»Das nicht, nein! Aber als Auge und Ohr des apostolischen Nuntius werde ich aus Respekt vor Seiner Heiligkeit dem Papst im Flur des Salons geduldet.«
»Aber was bringt es Euch, wenn Ihr draußen seid anstatt drinnen?«
»Ich warte, bis die Räte aus dem Rat kommen, mustere die Gesichter der Parteigänger des Königs und Richelieus, mustere auch die Gesichter der Frömmler und ziehe nach den Mienen der einen und der anderen meine Schlüsse.«
»Dazu müßtet Ihr doch aber mehr wissen!«
»Vieles weiß ich schon«, sagte Fogacer mit seinem gewundenen Lächeln. »Unterschätzt Ihr die Diplomatie des Heiligen Stuhls?«
»Zum Beispiel, daß es um Frankreichs Dinge in Italien nicht zum besten steht und daß es in der Sitzung, der Ihr gleich beiwohnen werdet, mein lieber Herzog, hoch hergehen wird, ich würde sogar sagen, stürmisch.«