|53|DRITTES KAPITEL

Der König, der Kardinal, besagte vier Marschälle und die Italienarmee, bestehend aus dreißigtausend Fußsoldaten und fünftausend Reitern, verließen am fünfzehnten Januar Paris und erreichten am fünfzehnten Februar Grenoble. Leser, vielleicht willst du mir jetzt sagen, in einunddreißig Tagen hundertzweiundvierzig Meilen1, also knappe fünf Meilen pro Tag, zurückzulegen, das sei kein Kunststück. Ha, für Kavallerie und Karossen, ja! Aber für die marschierenden Soldaten war es heroisch! Vor allem in der Frühe, wenn es mit geschwollenen Füßen wieder in die Stiefel fahren hieß und die schwere Muskete schultern und weiter die endlose Straße marschieren, wo einem der eisige Wind mit tausend Nadelstichen ins Gesicht schlug.

Zelte und Piken waren, Gott sei Dank, samt dem Proviant auf den Karren verstaut, doch welch mühseliges Vorwärtskommen war das für die Karren, auch für die Karossen übrigens, auf den schlecht gepflasterten Straßen des Königreichs! Wie oft brachen Räder oder Achsen, und dann hieß es mit steifgefrorenen Fingern reparieren. In den Städten fehlte es an Raum, so viele Menschen unterzubringen, so mußten am Abend die Zelte aufgeschlagen und im Morgengrauen wieder abgebrochen werden, was viel Zeit kostete, ganz zu schweigen von den notwendigen Rasten, damit die Truppen Atem holen und etwas zu sich nehmen konnten. Mehrfach auf dem langen Marsch hörte ich, wie alte Soldaten, gebürtig aus den Schweizer Bergen, gewissermaßen zum Trost zu den Rekruten sagten: »Herrgott, Junge! Was jammerst du, bis jetzt geht es immer noch so gut wie auf ebener Erde! Warte nur, wenn es hinter Grenoble über die Pässe geht! Über den Lautaret! Durch Schnee bis zu den Knien!«

Da mir kein Kommando oblag, konnte ich der Armee im Wagen nachfolgen. Gleichwohl ritt ich dann und wann meine Accla, um mich in Bewegung und sie in Fühlung mit mir zu |54|halten, so gut sie sich in Nicolas’ Obhut auch befand. Die Kälte schien sie in ihrem dichten Winterfell besser als ich zu ertragen, nicht aber den Wind, vor dem mich mein Kapuzenmantel schützte.

Einige Meilen vor Grenoble kam ein Musketier des Kardinals zu meiner Karosse geprescht und meldete, daß Seine Eminenz mich beim nächstbevorstehenden Halt sprechen wolle. Wenn ich mein Pferd bestiege, sagte er, könne er mich leichter als im Wagen durch die endlose Truppenschlange geleiten, die über eine reichliche Meile die ganze Breite der Chaussee einnahm, weshalb denn auch Aufklärer weit vorauseilten und den zu Roß oder zu Fuß uns entgegenkommenden Leuten geboten, unseren Durchzug abzuwarten.

In der Karosse des Kardinals umfing mich wohlige und tröstliche Wärme. Sie ging von etlichen Glutbecken aus, die am Kutschboden verteilt waren und ohne die die drei Sekretäre Eisfüße und infolgedessen zu starre Finger gehabt hätten, um abwechselnd nach Richelieus Diktat zu schreiben. Charpentier, den ich gut kannte, rückte beiseite, um mir seinen Platz neben dem Kardinal einzuräumen, und ich war heilfroh, daß ich meine Stiefel auf sein Wärmebecken stellen konnte.

Diese Karosse war ersichtlich das Arbeitskabinett des Kardinals, von hier gingen seine Botschaften mit präzisen Instruktionen an alle Posten der Armee. Wenn ihn nicht Geholper hier und da daran erinnerte, konnte der Kardinal für mein Gefühl völlig vergessen, daß dieses Kabinett auf Rädern über Frankreichs Straßen rollte. Wer ihn nicht kannte, hätte ihn nach seinem hageren, dreieckigen Gesicht, seiner scharf gebogenen Nase und seinen tiefliegenden Augen für leidend gehalten. Doch dem war nicht so. Hinter seiner scheinbaren Zartheit steckten ungeahnte Kräfte. Und ebenso trog die ernste und angestrengte Miene, die ihm seine unablässige Arbeit verlieh. Daß er froh war, seit er Paris verlassen hatte, war gar kein Ausdruck: Er strahlte innerlich vor Befriedigung. Das kam daher, daß er nach dem großen Abenteuer, der Belagerung von La Rochelle, deren Erfolg ja wesentlich sein Werk gewesen war, sich nun zu einem weiteren anschickte, entsprechend jener entschlossenen und unternehmenden Politik, in der er sich mit Ludwig einig wußte: die Interessen Frankreichs und seiner Verbündeten überall, wo es nützlich war, mit Klauen und Zähnen zu verteidigen und keinen |55|einzigen Augenblick Spaniens heimtückische Vorherrschaft zu dulden, wie es unsere Erzfrömmler blindlings wünschten.

Außerdem hatte dieser neue Feldzug trotz aller Wintershärten das Berauschende, daß unsere dem Herzog von Savoyen wie auch den Mailänder und den Kaiserlichen Spaniern überlegene Truppenstärke uns diesmal einen raschen Sieg verhieß.

Für Richelieu bestand zwischen seiner Prälatenrobe und dem Kriegführen kein Widerspruch, sofern es ein gerechter und defensiver Krieg war. Im übrigen hielt er große Stücke auf seinen Adel, und ich bin fest überzeugt, daß er die Waffenlaufbahn erwählt hätte, wenn er nicht hätte Bischof werden müssen, um seiner Familie das ererbte Bistum zu erhalten. Wie jeder weiß, widmete er sich seinen Amtspflichten jedoch mit so unablässigem Fleiß und Eifer, daß sein kleines Bistum, nach seinen Worten »das lausigste von ganz Frankreich«, zum bestgeführten wurde. Sein Geist aber dürstete nach einem größeren Handlungskreis, und stufenweise näherte er sich den großen Reichsgeschäften, die ihn nicht aus Großmannssucht oder Begehrlichkeit anzogen, sondern weil er wußte, daß er, zu höchster Macht gelangt, seine Sache trefflich machen würde, und zwar nicht nur zum Wohle eines kleinen Bistums, sondern eines großen Königreichs.

In seinen Wagen eingestiegen, öffnete ich kaum den Mund, als der Kardinal mit leichter Geste die Grußzeremonie unterbrach.

»Mein Cousin«, sagte er, »Ludwig möchte Euch mit einer delikaten Angelegenheit betrauen. Dazu müßt Ihr wissen: In Grenoble wird Toiras mit den Resten der La-Rochelle-Armee, circa fünftausend Mann, zu uns stoßen. Der Fourier hat Befehl, in besagter Stadt für die Dauer des Aufenthalts ein Logis zu finden, das Ihr mit Toiras teilen sollt. Seid Ihr damit einverstanden?«

»Sehr, Eminenz.«

»Also mögt Ihr Toiras?«

»Ich mag ihn, und ich schätze ihn, wenngleich mit Nuancen.«

»Wie meint Ihr das?«

»Toiras, Eminenz, ist ein aufrechter Mann, lauter wie ein unbenagter Taler, tapfer, beharrlich, klug. Und er versteht sich auf den Krieg.«

»Und die Nuancen?«

»Nun, Eminenz, sagen wir, daß Toiras sich seiner Heldentaten gern ein bißchen reichlich rühmt und leider, wie jeder |56|Prahlhans, übermäßig empfindlich ist. Fühlt er sich nicht hinreichend geehrt, gerät er in stürmischen Zorn, der nichts und niemanden verschont. Seine Majestät kennt sich aus, Toiras war einst des Königs Favorit.«

Eigentlich wußte Richelieu dies alles so gut wie ich, und es kam ihm bei seiner Befragung auch nicht so sehr auf diese Fakten als auf die Gefühle an, die Toiras mir einflößte.

»Wißt Ihr für diese Zornesausbrüche ein Beispiel?«

»Ein berühmtes, Eminenz, aber das kennt der ganze Hof.«

»Erzählt es trotzdem. Ich möchte Eure Version hören.«

»Nun, als Toiras von seinem Favoritensockel stürzte und Ludwig ihn durch Saint-Simon ersetzte, brach Toiras urbi et orbi in heftigste abschätzige Worte gegen seinen armen Nachfolger aus, indem er lauthals sagte, das ganze Genie dieses ›Scheißers‹ bestehe darin, daß er dem König auf der Jagd, als sein Pferd todmüde war, das Ersatzpferd genau parallel gestellt habe, so daß Seine Majestät vom einen Sattel in den anderen steigen konnte, ohne den Boden zu berühren. Wie Eure Eminenz weiß, wollte der entrüstete Saint-Simon Toiras seine Zeugen schicken, doch der König verbot es ihm und sagte: ›Toiras tötet dich, Saint-Simon, dann muß ich ihm den Kopf abschlagen und verliere derweise zwei gute Diener. Das will ich nicht.‹«

»Und wie kamt Ihr, mein Freund, mit seinem aufbrausenden Charakter zurecht«, fragte der Kardinal, »als Ihr in der Festung auf der Insel Ré monatelang von Buckingham belagert wurdet?«

»Zu Anfang schlecht, Eminenz. Dann aber sehr gut. Es erforderte meinerseits nur einige Löffel Honig und einige Demutsbekundungen.«

»Demut«, sagte Richelieu, der in diesem Moment an sein Verhältnis zu Ludwig denken mochte, »ist nicht nur eine löbliche Tugend, sie kann manchmal auch äußerst nützlich sein. Es freut mich, daß Ihr sie einzusetzen wißt. Toiras ist trotz seiner stacheligen Seiten ein sehr guter Soldat. Und der König, der ihn in Italien für eine ebenso schwierige wie gefährliche Aufgabe einsetzen will, zählt auf Eure Hilfe dabei, ihm diese schmackhaft zu machen.«

»Meine, Eminenz?«

»Ja, Eure, mein Cousin. Dazu folgendes: Sobald wir – mit oder ohne Zustimmung Karl Emmanuels von Savoyen – den Susa-Paß überschritten haben, steht uns der Weg nach Casale |57|offen, das der Spanier Don Gonzalo de Córdoba bekanntlich seit Monaten belagert. Das Heer Don Gonzalos umfaßt zehntausend Mann; voraussichtlich wird er mit unserem dreimal so starken nicht zusammentreffen wollen und sich von Casale zurückziehen, ohne einen Schuß Pulver abzugeben. Damit ist die Stadt unser, doch auf wie lange? Noch am selben Tag, an dem wir Italien verlassen, werden die Spanier sie erneut belagern. Und wen werden Olivares und Philipp IV. von Spanien mit dieser zweiten Belagerung betrauen, wenn nicht den berühmten Sieger von Breda, General Spinola. In dieser gefährlichen Lage, meint der König, können wir dem Primus der Belagerer nur den Primus der Belagerten gegenüberstellen: Toiras.«

Hier warf Richelieu mir einen durchdringenden Blick zu und verstummte.

»Demnach, Eminenz, soll ich Toiras überreden, daß er sich abermals auf ein Jahr oder noch länger in einer belagerten Stadt einschließen läßt. Das wird nicht ganz einfach sein.«

Bei diesen Worten blickte ich Richelieu mit dem inständigen Wunsch an, er möge mittels seiner feinen Antennen erspüren, was sich in diesem Moment in meinem Geist abspielte. Ich wurde nicht enttäuscht, denn der Kardinal setzte ein vielsagendes kleines Lächeln auf.

»Mein Cousin«, sagte er, als wisse er von nichts, »der König erwartet jedoch nicht, daß Ihr Toiras abermals Hilfe leistet; Ihr müßt bei dieser Belagerung nicht zwingend mitwirken. Toiras spricht Italienisch, nicht so gut wie Marschall Créqui und Ihr, aber doch genug, um sich verständlich zu machen.«

Ich fühlte mich so unendlich erleichtert, daß mir ums Haar Flügel gewachsen wären. Ach, Catherine, mein lieber Engel! dachte ich, die ich verlassen mußte, kaum daß wir verheiratet waren! Du weißt gar nicht und wirst auch nie wissen, welch unerträglich langer Trennung wir soeben entgangen sind!

»Dennoch, Eminenz«, versetzte ich, »es wird nicht einfach sein. Toiras steckt voller Groll und Bitterkeit, denn er meint, sein glanzvoller Widerstand auf der Insel Ré hätte ihm den Marschallstab einbringen müssen.«

»Ja, leider!« sagte seufzend der Kardinal. »Er hätte ihn auch bekommen, wäre er nicht so prahlerisch und ruhmredig gewesen und hätte sein Eigenlob in alle Winde geschrien. Was Ludwig aber vor allem gegen ihn einnahm, war diese tollköpfige |58|Treibjagd, die er mitten in der Belagerung zwischen den Rochelaiser und unseren Linien abhielt, ohne zu beachten, daß er von beiden Seiten hätte abgeschossen werden können. Und das wegen zwei Hasen! An jenem Tag hat Monsieur de Toiras sich selbst jede Aussicht auf das Marschallamt verbaut.«

»Ich begreife, Eminenz, wie sehr dieses Wagestück des Königs Sinn für Anstand und Disziplin verletzt hat. Gleichwohl schiene es mir eher erfolgversprechend, Ludwig würde mich autorisieren, Monsieur de Toiras zu sagen, wenn er wenigstens ein Jahr in dem von Spinola belagerten Casale durchhält, ist ihm für solche Heldentat die ersehnte Würde sicher.«

»Ich werde den König gleich nachher um diese Autorisierung für Euch bitten«, sagte Richelieu, »und lasse Euch durch Charpentier dann mündlich seine Antwort wissen.«

Mit anderen Worten, ich würde über diese Zusicherung nichts Schriftliches in Händen haben, und sollte Ludwig sein Versprechen nicht einhalten, geriete ich gegenüber Toiras in eine üble Position.

In Grenoble bezog ich ein gutes, ja sehr gutes Quartier, sehr bequem und, Gott sei Dank, schön geheizt, und wurde obendrein quasi mit offenen Armen von einer reizenden Witwe empfangen, die mich für die ausgestandenen Härten der langen Reise durch die Annehmlichkeiten ihres Hauses aufs beste zu entschädigen versprach. Oh, mein Gott! dachte ich, schon die erste Versuchung! Hilf, lieber Gott! Wie soll ich widerstehen? Ich habe es doch nie geübt!

»Monseigneur«, sagte Nicolas, der mir beim Entkleiden half, als ich mich vorm Abendessen säubern und umziehen wollte, »mir scheint, unsere Wirtin macht Euch schöne Augen?«

»Und was kümmert das dich, Chevalier?«

»Um Vergebung, Monseigneur, es kümmert mich insofern, als die Jungfer, die mir meine Kammer zeigte, es nicht anders machte, ja mich auch noch wie eine Katze leise streifte. Und nun frage ich, was ist Euer Rat und Beispiel in dieser Lage?«

»Nicolas!« rief ich, »unterstehe dich! Was zum Teufel geht mich dein Gewissen an, habe ich an meinem nicht genug?«

»Es ist nur, weil Ihr älter und erfahrener seid als ich, Monseigneur.«

»Woher wäre ich erfahrener als du in der Kunst, dem schönen Geschlecht zu widerstehen! Es ist jetzt einen Monat her, |59|seit du deine Gemahlin verlassen hast so wie ich meine. Und wenn du schon nach einem Monat schwankst, ist das nicht ein schlechtes Zeichen für die Zukunft? Zum Teufel, drückt’s dich denn so?«

»Was mich drückt, Monseigneur«, sagte Nicolas errötend (wie schön er aussah mit diesen geröteten Wangen! Und wie gut man die Kammerjungfer verstand, die ihn so gern streicheln würde!), »was mich drückt, Monseigneur, ist nur die Furcht, daß meine Klinge rostet.«

Ich lachte hellauf.

»Nicolas, so schnell rostet eine gute Klinge nicht. Ich frage mich sogar, ob sie jemals rostet, wenn ich höre, daß ein gewisser Marschall von Frankreich mit fast achtzig Jahren zum zweitenmal Nachwuchs gezeugt hat. Außerdem ist dieses Darben nicht das gleiche, wie wenn der Magen hungert. Es quält, macht aber nicht kraftlos. Also kann man sich’s auch versagen – nur vielleicht nicht zu lange.«

»Heißt das, Monseigneur, Ihr wollt der Versuchung widerstehen?«

»Das weiß ich noch nicht! Bitte, Nicolas, hör auf, mich auf diesem Gebiet zum Vorbild zu nehmen! Tugend ist schon für einen schwer genug, geschweige denn für zwei.«

Wir waren im Begriff, zu Tisch zu gehen, als auch Monsieur de Toiras eintraf. Weil es sein kann, daß der Leser vergessen hat, wie Toiras aussah, will ich ihn hier noch einmal beschreiben. Er war nicht groß, aber stämmig, hatte volle kastanienfarbene Lockenhaare und schwarze Augen, die bald lustig blitzten, bald Flammen schleuderten; sein Gesicht war wettergebräunt, die Nase groß, das Kinn breit, der Knochenbau kräftig. Wenn Sie, liebe Leserin, mir erlauben wollten, mich an Ihre Stelle zu versetzen, würde ich sagen, er war nicht schön, aber sehr männlich. Das schien jedenfalls unsere Wirtin zu denken, als ich ihr Toiras vorstellte, denn bei Tisch teilten sich ihre huldreichen Blicke nun zu gleichen Teilen zwischen Nicolas, Toiras und mir. Und ich leugne nicht, daß es mir nach all der Kälte und den äußersten Strapazen sehr wohltat, in dieser warmen Häuslichkeit so warmäugig betrachtet zu werden. Eine schöne Leserin wies mich in ihrem schönen Brief einmal mit einem Anflug von Ironie darauf hin, daß die Wirtinnen in meinen Memoiren oft äußerst zugänglich für die Wünsche ihrer Gäste seien. Ich |60|muß mich deswegen nicht entschuldigen, denke ich, denn dafür gibt es einen Grund.

Wenn der Quartiermeister an einer Etappe ein Nachtquartier für einen hochrangigen Edelmann sucht, wendet er sich klüglich an eine Witwe, um gar nicht erst Ärger mit einem Eheherrn zu riskieren. Und obwohl diese Witwe sein Ersuchen auch abweisen kann, nimmt sie es meistens doch an, entweder um in ihr einsames und gleichförmiges Leben Abwechslung zu bringen oder aber weil sie für das andere Geschlecht etwas übrig hat.

Als Madame de Chamont – so der Name unserer Witwe – beobachtete, daß Toiras und ich in Andeutungen sprachen, bewies sie eine mustergültige Diskretion und zog sich nach dem letzten Bissen graziös in ihre Gemächer zurück. Und als Nicolas ihrem Beispiel folgte und ich mit Toiras allein blieb, eröffnete ich ihm, was der König mit ihm vorhatte.

Er wurde steif und starr, wie erwartet, und war, glaube ich, sehr versucht aufzubrausen, doch besann er sich im letzten Moment auf kalten Hohn.

»Besten Dank«, sagte er, »ich habe mehr getan, als es meine Pflicht war. Die Belagerung auf der Insel Ré hat mir gereicht. Aber wer weiß, wenn ich annähme«, setzte er bitter hinzu, »würde ich zum Dank vielleicht zum Sergeanten ernannt?«

»Die Haltung Seiner Majestät Euch gegenüber hat sich geändert!« entgegnete ich. »Der König bedauert, daß er Euch nach Eurer glänzenden Heldentat auf Ré nicht nach Eurem Verdienst belohnt hat. Und ich bin überzeugt, daß er es diesmal nicht versäumen wird, Euren Wert durch ein Eurer würdiges Avancement anzuerkennen.«

»Wer soll dem werten Herrn denn glauben?« versetzte Toiras nicht eben respektvoll. »Ihr werdet sehen, er wartet, bis ich tot bin, um mich postum zum Marschall zu ernennen. Ich kenne ihn besser als Ihr! Er verträgt meine Art nicht«, sagte er. »Die grätzt ihn. Und wenn er grätzig ist, obwohl er im Grunde ein gutes Herz hat, wird er mißtrauisch, boshaft und rachsüchtig. Ich glaube, er ist als Kind von seiner Mutter sehr schäbig behandelt worden. Und wenn er jetzt glaubt, man lasse es an etwas gegen ihn fehlen, fühlt er sich gekränkt und trägt es einem ewig nach. So ist er eben! Wahrhaftig, nicht daß ich Richelieu sonderlich liebte, aber es gibt Tage, an denen er mir leid tut, |61|daß er Ludwig von früh bis spät ertragen muß! Und glaubt mir, es war kein Zuckerschlecken, sein Favorit zu sein. Er wollte mich unbedingt bessern. Von morgens bis abends nichts wie Gemecker und Vorhaltungen. Aber was ist an meiner Art denn so Verwerfliches? Was meint Ihr, Herzog? Sprecht ganz offen.«

Teufel auch! Offen zu Toiras? Wie sollte man ihm auch nur den Anfang vom Anfang der Wahrheit sagen?

»Mein Freund«, sagte ich schließlich, »Ich sehe nichts Verwerfliches an Euch. Ihr seid lauter wie Gold. Nur, wer in dem Maße lauter ist, ist schwerlich zugleich auch diplomatisch.«

Herr im Himmel! Was hatte ich gesagt?

»Ich und nicht diplomatisch?« brüllte er. »Das ist der Gipfel!«

Zum Glück meldete just in dem Moment der Majordomus von Madame de Chamont, ein gewisser Charpentier, angeblich Sekretär des Kardinals von Richelieu, wolle mich trotz der späten Stunde sprechen.

»Laßt eintreten!« sagte ich rasch.

Und als Toiras sich zurückziehen wollte, bat ich ihn zu bleiben. Die Botschaft betreffe ihn.

Charpentier trat also herein, grüßte tief ergeben und verkündete, indem er mich anblickte, mit einer gewissen Feierlichkeit, die Antwort Seiner Majestät, Monsieur de Toiras betreffend, laute »ja«.

»Und was heißt dieses ›Ja‹?« fragte Toiras kämpferisch.

»Davon, mein Freund«, sagte ich, »weiß Monsieur Charpentier nichts, das muß ich Euch schon erklären.«

Und während Charpentier seine Kratzfüße machte, um wieder fortzukommen, kochte Toiras vor Ungeduld.

»Mein Freund«, sagte ich, »faßt Euch bitte in Geduld, und hört mir zu. Der König denkt Casale zu nehmen, denn Don Gonzalo wird sich mit einer so großen Armee nicht anlegen wollen. Er denkt aber auch, daß der Spanier, sobald die königliche Armee Italien verlassen hat, die Belagerung erneuern wird, und diesmal unter General Spinola, dessen außerordentlicher Ruhm seit der Übergabe von Breda Euch bekannt sein wird. Und deswegen will der König vor dem Rückmarsch Euch als Verteidiger der Stadt in ihren Mauern wissen, um dem Primus der Belagerer voll Siegeszuversicht den Primus der Belagerten entgegenzustellen.«

|62|»Hat das der König gesagt?« fragte Toiras, plötzlich in Tränen.

»Ja«, sagte ich, »das hat er gesagt.«

Lieber Gott! dachte ich, verzeih die Lüge.

»Und was bedeutet das ›Ja‹ von Charpentier?« fragte Toiras.

»Wenn Ihr ein Jahr, Tag um Tag, durchhaltet in Casale, will der König in der Euch bekannten Weise Euch seine Dankbarkeit bekunden.«

Da ging mit Toiras eine wundersame Verwandlung vor, man könnte sagen, er wurde ein anderer Mensch. Er stand auf, reckte Schultern und Rückgrat und hob das Haupt.

»Mein lieber Herzog«, sagte er in seinem schneidigsten Ton, »beliebt Seiner Majestät zu sagen: Sowie Sie Casale einnimmt, bin ich zur Stelle. Und dort bin ich auch noch nach einem Jahr. Nicht eine Zehenspitze wird Spinola in die Stadt setzen! Und wo er glauben sollte, mich mit Vorteil anzugreifen, kriegt er einen Arschtritt.«

***

Von Grenoble nach Briançon sind es neunundzwanzig Meilen, die uns, bei unserem Tagespensum von fünf Meilen, in guter Jahreszeit nicht allzu schwergefallen wären, doch der Winter war sehr kalt an diesem Februarende, und der Schnee gefror immer aufs neue. Wenn er stellenweise taute, sank man knietief ein, was den Pferden so zu schaffen machte, daß die Reiter absteigen und sie am Zügel führen mußten, damit sie überhaupt vorwärts gingen. Außerdem stieg unsere Straße immer steiler an (der Lautaret-Paß, den wir zwischen Le Grave und Le Monetier überschritten, liegt eintausendneunundvierzig Klafter1 hoch), und alle Flachländer unter uns hatten große Mühe, in dieser Höhe zu atmen; ständig mußten Ruhepausen für die Fußsoldaten eingelegt werden. Doch am schwersten hatten es wohl die Artilleristen. Immerfort mußten die Unglücklichen ihre Kanonen freischaufeln, und völlig zerschlagen erreichten sie die Etappen, zwei bis drei Stunden nach dem Gros der Armee. Der mitleidige Kardinal ließ ihnen für die harte Arbeit doppelte Rationen Fleisch und Wein austeilen.

Zwischen Grenoble und Briançon rastete die Armee in den |63|Flecken Vizille, Bourg-d’Oisans, Le Grave, dann Monetier und Chantemerle. Auf der drübigen Seite, in den italienischen Alpen, die den unseren so gleich sehen, gibt es ein Dorf Cantamerlo, in welchem ich viel später mit Graf Sault und dem Schweizerregiment, das er befehligte, eine halbe Stunde nach einem erschöpfenden Marsch verweilen sollte, von dem noch die Rede sein wird, weil ihm beim Angriff auf Susa große Bedeutung zukam.

Doch zurück nach Briançon, der letzten Etappe vor dem Montgenèvre-Paß, bevor wir die italienische Grenze überschritten. Dort richtete der König ein Sendschreiben an Herzog Karl Emmanuel I. von Savoyen mit der Bitte, uns freien Marsch durch Susa zu gewähren, um Casale zu befreien. Dieser Brief, den ich die Ehre hatte ins Italienische zu übersetzen, war selbstverständlich höflich und sogar liebevoll abgefaßt, war doch des Herzogs Sohn, der Fürst von Piemont, mit Chrétienne1, der Schwester des Königs, vermählt. Hierauf erschien der Fürst von Piemont persönlich, der wie sein Vater sich übermäßig viel auf den strategischen Wert von Susa zugute hielt, das er als den »Schlüssel zu Italien« bezeichnete, und stellte dementsprechend überhöhte finanzielle wie territoriale Forderungen, um den Franzosen il passo di Susa zu öffnen, welcher aus drei dem großen Stadttor vorgelagerten Barrikaden bestand. Und was Richelieu auch unternahm, den Fürsten zur Mäßigung seiner Forderungen zu bewegen, wich dieser doch keinen Deut davon ab. Worauf der Kardinal denn vermutete, daß diese Gespräche einzig zum Zeitgewinn dienten. Und wirklich erfuhr man später, daß der Fürst von seinem Vater die geheime Instruktion erhalten hatte, di trattare, ma di concludere nulla.2

***

Bevor nun der Schwager nach Susa zurückkehrte, nahm Ludwig ihn beiseite und sagte, wenn er mit dem Herzog von Savoyen zur Einigung gelangen würde, wolle er, wenn der Fürst es erlaube, gern seine jüngste Schwester Chrétienne wiedersehen, und der Fürst versicherte ihm sogleich, daß dies geschehen solle.

Ludwig hatte bekanntlich drei jüngere Schwestern: Elisabeth, |64|die Gemahlin Philipps IV. von Spanien, Henriette, Gemahlin Karls I. von England, und Chrétienne, die man dem Fürsten von Piemont zur Frau gegeben hatte, der nun im Vergleich mit besagten mächtigen Monarchen ein sehr kleiner Herr war, aber wenigstens seine Frau glücklich machte. Denn wer mußte die armen Prinzessinnen nicht bedauern, die durch ihren Rang dazu verdammt waren, ihr ganzes Leben wie Verbannte in fremden Ländern zu verbringen, ohne jede Verbindung mit ihren Nächsten, und die im Namen zeitweiliger Allianzen mit Unbekannten verheiratet wurden, die ihrerseits keinen Grund zur Freude an ihnen hatten. Schlimmer noch! Die Ironie dieser traurigen politischen Ehen war doch, daß sie letztendlich zu gar nichts nützten, denn daß Elisabeth in Spanien, Henriette in England und Chrétienne in Savoyen lebten, verhinderte keinesfalls, daß von Zeit zu Zeit Kriege zwischen den drei Ländern und Frankreich ausbrachen.

Kein Zweifel, daß Elisabeth sich in Spanien nicht allzu glücklich fühlte, wo sie einer erstickend strengen Etikette unterlag und den Fürsten von der traurigen Gestalt selten zu Gesicht bekam, weil er ihr die Jagd vorzog. Am unglücklichsten aber war Henriette dran. Vom englischen Volk als Französin und Katholikin verabscheut, hatte die Ärmste einen Fürsten zum Gemahl, der zwar kein Bösewicht war, sich aus dem weiblichen Geschlecht aber nichts machte und ein Diamantarmband eher seinem Geliebten als seiner Gemahlin schenkte.

Nachdem Ludwig als Knabe seinen angebeteten Vater verloren hatte, übertrug er seine große Liebe natürlich nicht auf die lieblose Mutter, sondern auf seine drei kleinen Schwestern, von denen er sich »Papachen« nennen ließ und bei denen er den väterlichen großen Bruder auch tatsächlich perfekt spielte, sie bald schalt, bald liebkoste, Omelettes für sie buk und ihnen zu bestimmten Gelegenheiten mit größter Sorgfalt ausgewählte Geschenke machte. »Kleine Sachen« nannte Ludwig seine Gaben, und es waren wohl auch keine Kostbarkeiten, war es um seinen Beutel doch höchst kärglich bestellt, während seine Mutter zur selben Zeit ihre Günstlinge mit Gold überschüttete.

Wenn der Leser mir noch eine Abschweifung erlaubt, will ich ihm in Erinnerung rufen, welch furchtbaren Schmerz Ludwig mit fünfzehn Jahren erlebte, als er auf einer Insel in der Bidassoa, dem Grenzfluß zwischen Frankreich und Spanien, von |65|Elisabeth scheiden mußte – die mit dreizehn Jahren den Prinzen von Asturien heiraten sollte – und zum Tausch von den Spaniern seine künftige Gemahlin Anna von Österreich erhielt. Mein Gott, wie unwillkommen diese dem Herzen des Königs war, als sie neben ihm den Platz der geliebten Schwester einnahm! Wie verzweifelt hatte er sie beim Abschied umschlungen, hatte, schluchzend, schreiend, in Tränen zerflossen, ihr Gesicht mit Küssen bedeckt, schmerzvoller, als wenn sie gestorben wäre, denn die Ärmste lebte ja, doch ohne daß die Geschwister sich jemals wiedersehen konnten, außer er wäre an der Spitze eines siegreichen Heeres in Spanien einmarschiert.

Nun, Leser, und auf ebenden Punkt wollte ich kommen. Bestimmt war Ludwig zu gewissenhaft und sich seiner königlichen Pflichten zu stark bewußt, um die machtvolle Italienarmee mit dem einzigen Ziel zu versammeln, eine familiäre Sehnsucht zu befriedigen. Und dennoch übersah er nicht, daß der siegreiche Einmarsch in Susa für ihn persönlich eine ganz besondere Freude bedeuten würde: das Wiedersehen mit seiner jüngsten Schwester.

***

Nach dem Besuch des Fürsten von Piemont zu Briançon beschlossen Ludwig und der Kardinal, die sich durch ebenso langwierige wie leere Verhandlungen nicht an der Nase herumführen lassen wollten, die Grenze zwischen Frankreich und Savoyen zu überschreiten. Doch obwohl es nur zehn Meilen bis Susa waren, eine Entfernung, die man in zwei, drei Tagen bewältigt hätte, wollten sie vorerst in dem Dorf Oulx abwarten, ob ihr Vordringen auf savoyardisches Gebiet den Herzog Karl Emmanuel nicht zum Einlenken bringen würde. Und wirklich, kaum war die königliche Armee in Oulx einquartiert, als ein Reiter erschien und Seiner Majestät den Grafen meldete, den Gesandten des Herzogs von Savoyen. Der Graf von Verrua machte zuerst auch den besten Eindruck, war er doch ein schöner Edelmann mit sehr gewandter Zunge und besten Manieren, ein Musterbild jener gentilezza, die dem italienischen Volk in ganz Europa einen so guten Ruf einträgt.

Bald aber zeigte sich, daß il bel conte1 auch nur dieselben |66|unannehmbaren Bedingungen zu bieten hatte wie bereits der Fürst von Piemont und daß auch er die Anweisung hatte, di trattare, ma di concludere nulla. So verabschiedete man ihn denn mit höflichen Worten und Geschenken.

Hierauf erhielten wir durch einen Spion, den der Kardinal noch vor Beginn des Feldzugs nach Susa geschickt hatte, eine aufschlußreiche Nachricht: Don Gonzalo de Córdoba, der Casale belagerte, hatte dem Herzog von Savoyen eine Armee von achttausend Mann zur Verstärkung gegen die Franzosen versprochen. So trügerisch dieses Versprechen auch war – denn in dem Fall hätte Don Gonzalo für die Belagerung Casales ja nur noch zweitausend Soldaten übriggehabt –, schmeichelte es dem Herzog von Savoyen doch mit falschen Hoffnungen, weshalb er uns gegenüber auf Zeit spielte.

Il bel conte hatte unser Lager kaum verlassen (nicht ohne die Größe unserer Armee mit wachem Auge ausgespäht zu haben), als der Kardinal mich quasi bei Morgengrauen durch einen Musketier in das höchst bescheidene Logis bitten ließ, das er in Oulx bewohnte.

So mißvergnügt ich auch war, bei solcher Kälte so früh aufstehen zu müssen, beeilte ich mich doch und fand Richelieu bereits beim Studium einer italienischen Grammatik, der er sich trotz seiner gewaltigen täglichen Arbeit allmorgendlich ein wenig widmete, um seine Kenntnisse aufzufrischen.

»Mein Cousin«, sagte der Kardinal, »der König möchte Euch eine Gesandtschaft nach Susa anvertrauen. Ludwig ist die Hinhaltetaktik des Herzogs von Savoyen leid. Er will«, und hier wechselte der Kardinal kokett ins Italienische, »contrapporre astucia ad astucia1 und dem Herzog ebenso zum Schein Verhandlungen anbieten, während Ihr an Ort und Stelle beobachten sollt, wie es mit den Barrikaden vor Susa steht, ob die Flanken besagter Barrikaden befestigt sind, über wie viele Soldaten und vor allem wie viele Kanonen die Verteidiger verfügen.«

Sobald die dazu nötigen Leute beisammen waren, ein königlicher Herold, ein Trompeter, ein Halbdutzend Musketiere und mein Nicolas – Zelte und Proviant auf einem Karren nicht zu vergessen –, brach ich auf.

|67|Richelieu hatte mir eine sehr gute kleine Landkarte mitgegeben, die ich vor dem Aufbruch studierte. Um nach Susa zu gelangen, brauchte ich nur der einstigen Römerstraße zu folgen, die Norditalien mit dem Südwesten Galliens verband und die durch eine Schlucht an einem Fluß entlangführt, den die Savoyarden Dora Riparia nennen.

Es war ein sehr beeindruckender Kontrast zwischen dem linken, von hohen Bergen beherrschten Ufer, wo der Cimo Vallone tausendzweihundertachtzehn Klafter erreicht, und dem so fröhlichen rechten Ufer, dessen runde Hügelkuppen vierhundert Klafter nicht übersteigen.

Auf dem Weg mußte ich durch zwei Dörfer, Exilles und Chiomonte. Ersteres bereitete mir zuerst einige Furcht, denn auf meiner Karte sah ich, daß Exilles, am Zusammenfluß von Dora Riparia und Rio Salambra gelegen, rechts wie links von einem forte della guardia und einer fortezza bewacht wurde, und fragte mich, ob das Fort und die Feste nicht etwa von Garnisonen besetzt waren, die meiner schwachen Eskorte übelwollten. Darum schickte ich den Herold und den Trompeter voraus, damit sie meldeten, wer ich sei. Schnell kamen sie wieder, sie waren nur auf verängstigte Bauern getroffen. Die Garnisonen waren auf die Nachricht, daß Ludwigs Armee in Oulx einmarschiert sei, nach Susa verlegt worden. Sieh an, dachte ich, das mutet nicht sehr kriegerisch an. Doch wollte ich Klarheit, und nachdem ich die Dörfler durch kleine Geschenke unserer friedlichen Gesinnung versichert hatte, besuchte ich die beiden Befestigungswerke und fand, daß sie ihren italienischen Erbauern große Ehre machten und die königliche Armee leicht mehrere Tage hätten aufhalten können, hätte der Herzog von Savoyen mehr vom Krieg verstanden.

Ich beschloß, mein Lager in Exilles aufzuschlagen, doch außerhalb des Dorfes, um vor Überraschungen sicher zu sein, und nicht, ohne Feuer anzuzünden und Wachen aufstellen zu lassen.

In ihrer italienischen gentilezza führten uns die Bauern auf ein Feld, wo wir die Zelte aufschlagen konnten, und zeigten uns in ihrer Großmut sogar ihre Brunnen, was manche mir bekannte Dörfler in Frankreich nicht getan hätten, so eifersüchtig wachten sie über ihr Wasser. Allerdings hatten diese Bauern mit der Dora Riparia vor ihrer Tür auch mehr Wasser, als sie brauchten.

|68|Das ganze Dorf war bei unserer Ankunft versammelt und betrachtete uns im Fackelschein; die Männer bewunderten unsere Waffen und Pferde, mehrere Weibsbilder äugten nach meinen Musketieren, die sich denn auch gleich in die Brust warfen und den Schnurrbart strichen.

Ich rief ihren Sergeanten und sagte ihm leise, Ort und Zeit wären für Liebeshändel schlecht gewählt, und sollten einige seiner Leute über die Stränge schlagen und damit unsere Sicherheit gefährden, träfe sie bei der Rückkehr der Bannstrahl des Kardinals.

Das genügte, daß unsere Weiberhelden auf süße Träume in eisiger Nacht verzichteten. Was mich anging, hätte ich meinem Zelt bestimmt das bescheidenste Bauernhaus vorgezogen, hätte es nur ein Dach, vier Wände und ein schönes Herdfeuer gehabt, doch ich wollte mich nicht über meine Leute erheben, indem ich besser wohnte als sie.

Meine nächste Etappe war Chiomonte, ein Dorf ohne Fort, ohne Feste am rechten Ufer der Dora Riparia, doch ein wenig abseits vom Fluß und etwas höher gelegen, sicherlich zum Schutz vor Hochwasser, das sehr gewalttätig sein mußte, weil aller Regen und Schnee aus dem Hochgebirge des linken Ufers in die Dora Riparia floß.

In Chiomonte wurden wir genauso gut aufgenommen wie in Exilles, sowie die Dorfbewohner sich unserer Absichten versichert hatten. Weil aber auch sie wußten, daß eine sehr starke französische Armee in Oulx lag, fragte ich mich, ob sie ihren Herzog so sehr liebten, wenn sie so freundlich zu uns waren.

Auch ihnen machte ich Geschenke, und diese Aufmerksamkeiten trugen mir ihre große Dankbarkeit ein. Außerdem ließ ich meinen Wagner den einzigen Karren des ganzen Dorfes reparieren, denn seit Monaten war dessen eine Achse zerbrochen, und keiner hatte sie ersetzen können.

Ungeduldig, mein Ziel zu erreichen, hob ich früh am nächsten Morgen das Lager auf, um zur hellsten Tageszeit in Susa anzulangen. Während Nicolas unser Gepäck reisefertig machte, kam ein Dörfler aus Chiomonte, stellte sich mir als Filiberto vor und bat unter wer weiß wie vielem Hutschwenken, ich möge ihn nach Susa mitnehmen, wo ein Verwandter von ihm wohne; es ging um eine Angelegenheit, die er mir haarklein auseinandersetzte, ohne daß ich ein Wort verstand.

|69|Filiberto war klein, knotig, wettergegerbt, und sein Gesicht schien nur aus schwarzen Haaren zu bestehen, sie wuchsen ihm dicht in die niedrige Stirn, überwucherten als Bart seine Wangen, seine Augen als buschige Brauen und sprossen ihm aus Nase und Ohren, so daß man kaum eine unbehaarte Stelle sah. Indes blickten seine Äuglein pfiffig, auch war er vollendet höflich und bedankte sich tausendmal, als ich ihm einen Platz auf dem Kutschbock meiner Karosse anbot.

Und er war uns nützlich im Laufe der Fahrt. Als ich ihn fragte, wo auf der Strecke nach Susa wir Rast halten könnten, um einen Imbiß einzunehmen, antwortete Filiberto, ohne zu überlegen: »Am schönsten ist die Stelle, wo der Rio Clarea in die Dora Riparia stürzt.« Und das Wort »stürzt« erwies sich als treffend, denn der kleinere Fluß mündet in den größeren tatsächlich mit wildem Getöse, mit Wirbeln und weißem Schaum.

Trotz der für mich fast unerträglichen Kälte fand ich, der ich in der Ebene aufgewachsen war, diese hohen Berge, diesen ewigen Schnee, diese schwarzen Tannenwälder und diese so raschen, klaren Alpenflüsse wunderbar schön. Oh, wie gern hätte ich all dies meiner Catherine gezeigt! Ja, schöne Leserin, nur daran dachte ich – nicht an meine Mission –, nur davon träumte ich, während ich in die brausende Dora Riparia schaute.

Diese nun biegt, wo der Rio Clarea sich in sie »stürzt«, von ihrer nordöstlichen Richtung nach Osten, und die hohen Berge an ihrem linken Ufer senken sich auf die Höhe des rechten Ufers ab, das heißt nach meiner Schätzung auf ungefähr vierhundert Klafter, worauf die Dora Riparia bald die Stadt Susa erreicht, in welche sie durch ein steinernes Gewölbe in der Mauer fließ, das inwendig sicherlich durch ein starkes Gitter versperrt ist, um Eindringlinge abzuwehren. Doch wer hätte sich im Winter schon in die Stadt einschleichen wollen, indem er durch eisiges Wasser schwamm? Und schließlich erblickte ich mit diesen meinen Augen die berühmten Barrikaden. Sie waren auf der Straße zwischen dem Fluß zur Linken und einem Hügel errichtet, der schroff zu ihr abfiel.

Würde man diesen Hügel rechter Hand erklettern, sähe man von seinem Gipfel, auf dem nach Süden liegenden Hang, ein Gebiet aus nicht sehr hohen Bergkuppen und Tälern mit Dörfern hier und da. Dieses Gebiet heißt das Gravere, ich erinnere |70|mich seiner mit einigem Grund, und du, Leser, tätest gut daran, dir das Gravere ins Gedächtnis einzuprägen, es wird in dieser Erzählung noch eine Rolle spielen.

Dreißig Klafter vor den drei Barrikaden, die den Zugang nach Susa versperrten, ließ ich meine Karosse halten und bestieg meine Accla, um ein ritterliches Bild abzugeben, wenn auch vorerst nur für die Soldaten, die über die erste Barrikade nach uns spähten, doch ohne daß sich auch nur ein Musketenlauf zeigte. Allerdings nahten wir uns auch so langsam und majestätisch, daß an einen Angriff wohl kaum zu denken war.

An der Spitze ritt auf großem Schimmel der Herold, sehr prächtig angetan, wie es sich für den Repräsentanten eines großen Königs gehörte, und mit einem schönen, männlichen Gesicht auf den breiten Schultern. Jeder Zoll an ihm sprach von Würde, auch seine Stimme, die den Klang und Umfang einer großen Orgel erreichte. Neben ihm, auch auf einem makellosen, aber viel kleineren Schimmel, kam der Trompeter, nicht ganz so stattlich, aber ebenso schön gebaut, mit hübschem Gesicht und einem kleinen Mund, dessen Kleinheit man aber nicht glauben durfte, denn sowie der Mann seine Trompete ansetzte, entlockte er ihr bald melancholische, bald schmetternd machtvolle Töne.

Dahinter ich in tadelloser Haltung auf meiner Accla und in meinem schönsten Gewand, ganz der Herzog und Pair von Frankreich, dem auf dieser Bühne die Hauptrolle zukam, zugleich aber alles mit wachem, flinken Blick erfassend, wie es meinem Auftrag entsprach. Nach mir dann Nicolas, der mich wahrscheinlich vollkommen nachahmte und sich im Kopf schon die Wörter zurechtlegte, um diese unsere Gesandtschaft seiner Liebsten daheim zu erzählen.

Von den sechs Musketieren, die ihm folgten, konnte ich nichts sehen, doch bin ich mir sicher, daß sie vollendet die tapfere und höfliche Männlichkeit zur Schau stellten, als deren Muster sie, wie sie wohl wußten, in Frankreich galten, und zwar in den Bettgassen der Damen ebenso wie auf den Schlachtfeldern des Königs.

Nach dem Solo des Trompeters und der Ankündigung des Herolds, eins so beeindruckend wie das andere, erschien hinter der Barrikade eine neue Person, der Feldmeister Signor Bellone nämlich, der mich mit allem gebührenden Respekt wissen |71|ließ, daß er einen Sergeanten ausschicke, meine Ankunft und Mission Seiner Erlauchten Hoheit, Karl Emmanuel I., Herzog von Savoyen, zu melden.

Die Pforte der Barrikaden wurde mir aufgetan, kurzerhand saß ich ab, und während ich, mit dem rundum runden Signor Bellone plaudernd, auf und ab ging, sah ich alles, was ich von diesen Verteidigungsanlagen sehen wollte.

Was ich beobachtete, machte mir keinen großen Eindruck. Die Befestigung bestand aus drei hintereinander liegenden hölzernen Barrikaden, je mit einem Graben davor, doch waren diese Gräben völlig unnütz, denn damit Karossen und Karren stadtaus und -ein fahren konnten, war ein Überweg gebaut, den ein eventueller Feind genausogut passieren konnte, ohne sich durch besagte Gräben aufhalten zu lassen. Außerdem war die Pforte in der äußeren Barrikade, die man mir geöffnet hatte, für meine Begriffe viel zu schwach; sie konnte allein mit Manneskraft gesprengt werden, ohne eine Kanone zu benutzen. Des weiteren war der Zwischenraum zwischen dem monumentalen Stadttor und der ersten Barrikade viel zu schmal, um mehr als zweihundert Verteidiger aufzunehmen, und was vermochten die gegen unsere fünfunddreißigtausend Soldaten?

Was nun das monumentale Stadttor anging, von dem ich sprach, so sprang mir dessen Schwäche geradezu ins Auge: Es war weder durch eine Zugbrücke geschützt noch durch einen Wassergraben und ebensowenig durch einen Torturm mit Wachgang und Pechnasen, von denen aus ein Angreifer mit Musketenfeuer zurückgeschlagen werden konnte. Ohne Aufschneiderei möchte ich behaupten, daß die Burg Mespech im Périgord, die Wiege meiner Ahnen, denn doch anders bewehrt war, und sei es nur durch die umgebenden Gräben, für die hier die Dora Riparia Wasser im Überfluß geliefert hätte.

Ich solle ein wenig innerhalb der Barrikaden warten, sagte Bellone, bis ein Edelmann komme und mich zum Herzogsschloß von Susa führe. Als buon diavolo, der sich nichts Böses dachte, gestand mir Bellone, er sei am Vortag erst aus dem Mailändischen eingetroffen, um die Barrikaden zu verstärken, und hoffe sehr, daß es keinen Krieg geben werde, der sein Werk zerstören könnte. Als ich hieraus sah, wie wenig er seiner Aufgabe genügte, fragte ich, den Harmlosen spielend, ob er den steilen Hügel zu befestigen gedenke, der die Barrikaden |72|zur Rechten überragte. »Ma no! Ma no!« rief er lachend, »wer sollte denn durch das Gravere gehen, wo nichts als Berge und Täler sind und Maultierpfade, die im Winter unterm Schnee verschwinden, wenn er doch, ohne sich zu verirren und ohne Hindernisse, auf so guter Straße zu uns gelangen kann wie entlang der Dora Riparia?« Wie man weiß, bin ich selbst kein Mann des Krieges, doch in dem Moment lernte ich, daß es für einen General nichts Fataleres gibt als Voreingenommenheit.

Wer anders erschien nun, um mich zum Schloß zu führen, wenn nicht der bel Conte di Verrua? Da wir uns zu Briançon zwei-, dreimal begegnet waren, dachte er wohl, wir seien große Freunde, und umarmte mich herzlich, was ich, von seinem offenen Wesen sofort eingenommen, gern erwiderte. Er befahl, die großen Torflügel zu öffnen, um mich und meine Eskorte in die Stadt einzulassen, worauf an allen Fenstern im Handumdrehen sich viele Neugierige, Männer wie Frauen, einfanden, die uns ohne jede Feindseligkeit, ja sogar mit einer Gunst betrachteten, als wäre unser Einzug für sie ein ebenso erfreuliches wie glänzendes Schauspiel.

Ich konnte es kaum erwarten, den Herzog von Savoyen, von dem schon soviel die Rede gewesen war, endlich von Angesicht zu sehen. Wie man sich erinnern wird, hatte dieser Zaunkönig gar zu gern König werden wollen und nacheinander erfolglos seine Nachbarn angegriffen, um sich auf ihre Kosten zu vergrößern: die Schweiz, Frankreich und das Monferrato, weshalb er am französischen Hof nicht eben als Heiliger galt. »In den fünfzig Jahren, die er regiert«, sagte Richelieu verächtlich über ihn, »hatte er ständig zu tun, sich durch List und Tücke aus den üblen Lagen zu retten, in die ihn sein ungerechter Ehrgeiz gebracht hatte.«

Was ich fand, war ein gichtlahmer alter Mann auf einem spärlich vergoldeten Lehnstuhl, der sich Karl Emmanuel der Große nennen ließ, ohne daß das Großwerden ihm recht hatte glücken wollen. Sein langes Gesicht wirkte noch länger durch eine sehr hohe samtene Mütze, auf der eine abermals verlängernde weiße Feder steckte, was alles mich wie das Symbol einer kindischen Selbstüberhöhung anmutete.

Da er wie schon der Gesandte, den er uns geschickt hatte, offenbar selbst der Devise folgte, di trattare, ma di concludere nulla, und da ich von Richelieu im gleichen Sinne beauftragt |73|worden war, konnte unser Gespräch nur eine Art Spiel sein, und wenn schon Spiel, dachte ich, will ich mir auch einen Spaß daraus machen. Maliziös unterbreitete ich dem Herzog also die gleichen Friedensangebote, die der Graf von Verrua in seinem Namen Ludwig gemacht hatte, und der Herzog lehnte sie, wie erwartet, prompt ab.

Wahrscheinlich, sagte ich mir, war Karl Emmanuels Gehirn genauso lahm geworden wie seine Füße. Weil ich andererseits für den alten Mann aber eine kuriose Mischung aus Antipathie und Mitleid empfand, die mir dieses Gegenüber peinlich machte, beschloß ich, den Spaß zu beenden und lieber meinen Urlaub zu erbitten.

Der Herzog schien überrascht und beunruhigt, daß unser nutzloser Austausch nicht so lange dauerte, wie er sich vorgenommen hatte, und beurlaubte mich mit betont hochmütiger Miene, was ich, so von Herzog zu Herzog, ziemlich verwunderlich fand. Ich kassierte es jedoch ohne jedes Wimpernzucken und machte Seiner Durchlaucht zum Abschied meine tiefe Verbeugung samt großem Hutschwenk.

Die Würfel waren gefallen! Und der arme Tor hatte keine guten Zahlen! Doch was verlor er letztlich? Sein Sohn war Ludwigs Schwager, nichts würde ihm genommen, eher wohl noch Geld bezahlt werden für den »Schlüssel zu Italien«.