Es war einige Monate nach den schwerwiegenden Entscheidungen, die zu Compiègne hinsichtlich der Königinmutter gefaßt wurden, als ich mit Fogacer ein sehr interessantes Gespräch hatte, nicht über das Geschehen selbst – das war ohnehin jedermann so ziemlich bekannt –, sondern über die Hintergründe und verborgenen Antriebe dieses Geschehens, das den Verlauf der Regierung Ludwigs XIII. von Grund auf ändern sollte.
Das Gespräch hatte in meinem Pariser Hôtel des Bourbons bei einer Flasche Burgunderwein statt, dem Fogacer alle Ehre erwies, den ich aber nicht anrührte.
Zunächst schilderte ich ihm, auf Ludwigs ausdrückliche Empfehlung hin, alles bis in jede Einzelheit. Ludwig hatte seine Mutter verbannt, und weil er fürchtete, an den Höfen Europas als »schlechter Sohn« zu gelten, war er höchst interessiert, daß Fogacer dem Nuntius Bagni und dem Gesandten Contarini die wahren Tatsachen unterbreite. Der Papst und Venedig waren mittlerweile unsere sichersten Freunde, weil auch sie die Spanier und ihren unersättlichen Eroberungswillen fürchteten.
»Mein lieber Herzog«, sagte Fogacer, »was meint Ihr, hat Ludwig Schloß Compiègne wirklich ohne jeden Hintergedanken gewählt, nur um dort Landluft zu atmen? Nicht nur, daß seine Liebe Versailles und Saint-Germain gehört, ist Schloß Compiègne doch auch in Stadtmauern eingezwängt und überdies unbequem und leicht verfallen. Es hat sogar so wenige angemessene Gemächer, daß der Hof sehr beengt gelebt haben muß und die königlichen Personen, die ausländischen Gesandten und die Staatssekretäre kaum standesgemäß untergebracht werden konnten.«
»Ja, warum Compiègne, mein lieber Fogacer, da es doch schönere und näher gelegene Residenzen gibt? Diese Frage stellte sich, denke ich, mehr als einem der dort Anwesenden. Doch leider war die Königin so starrsinnig, daß selbst diese ungewöhnliche |247|Wahl sie nicht hellhörig machte. Und das ist bedauerlich, denn hätte sie bedacht, daß ihre Verbannung so nahe bevorstünde, hätte sie vielleicht ein wenig Wasser in ihren sauren Wein gegossen. Doch wer weiß? Die arme Königin war tatsächlich so kindisch zu glauben, wenn sie in ihrem Trotz beharrte, könnte sie nur gewinnen. Und kaum in Compiègne angelangt, zeigte sie sich widerspenstiger denn je. Sie verkündete allseits, daß sie in Compiègne ebensowenig wie in Paris im Großen Rat des Königs sitzen werde, wenn sie dort auf Richelieu treffe. Beachtet, Fogacer, mit welchem Fleiß der König die Emissäre vervielfacht, die er zur Königinmutter sendet, um sie zur Teilnahme am Großen Rat zu bestimmen. Zuerst ist es Châteauneuf, der neue Siegelbewahrer. Kaum jedoch öffnet der Unglückliche den Mund, als die Königinmutter schreit: ›La mia risposta è no!‹1 Dann schickt Ludwig ihr ihren Favoriten, Doktor Vautier, auch wenn dieser Mittler ihm wenig gefällt. Doch auch ihm antwortet sie: ›Certamente no!‹ Nun schickt Ludwig Marschall Schomberg, aber das Geschrei wird noch entschiedener: ›No, no! No! Poi no!‹2 Endlich schickt ihr der König seinen Beichtvater, und sie antwortet ihm hochmütig: ›Il mio no è molto categorico!‹3 Schließlich wird der Comte de Guiche zu ihr gesandt, und rasend vor Zorn schreit sie, diesmal auf französisch: ›Man soll mich mit all diesen Gesandten verschonen! Um mich in den Rat zu holen, müßte man mich an den Haaren hinschleifen!‹«
»Offensichtlich, mein lieber Herzog, seid auch Ihr der Meinung«, sagte Fogacer, »daß Ludwig alle diese Emissäre einen nach dem anderen zu ihr schickte, nicht weil er hoffte, die Königin von ihrer Weigerung abzubringen – dazu kannte er sie viel zu gut –, sondern weil er den Gesandten und den Ministern zeigen wollte, daß die Königin unversöhnlich war und blieb. Meinem Eindruck nach wollte er, daß es allen in die Augen springt: Die Königin lähmt den Staatsapparat, darum ist die Maßnahme, die er ergreifen wird, nämlich sie in Compiègne einzusperren, eine Notwendigkeit.
Heißt das«, fragte Fogacer weiter, »daß die Sitzung des Königlichen |248|Rats, der in Compiègne besagte Einsperrung der Königinmutter beschloß, nur abgehalten wurde, um einer bereits gefaßten Entscheidung mehr Gewicht und Legitimität zu geben?«
»Davon bin ich insgeheim überzeugt, mein lieber Fogacer.«
Vor Zufriedenheit mit seinem eigenen Scharfsinn sprach Fogacer darauf meinem Burgunder so tüchtig zu, daß die Flasche bald leer war.
»Und jetzt, mein Sohn«, sagte er dann, »fühle ich mich ermutigt, Euch um einen Bericht von dieser berühmten und wenig geheimen Ratssitzung zu bitten, auf der Richelieu, wie man hört, ja ganz exzellent gewesen sein soll.«
»Daß diese Sitzung wenig geheim war, ist richtig, denn bevor sie stattfand, erhielten die Räte den Auftrag, ihr Stattfinden in ihrer Umgebung bekanntzumachen. Und Ihr habt auch recht, zu vermuten, daß Richelieu exzellent war. Eine Versammlung hat immer etwas von einer Theateraufführung, und darin brilliert der Kardinal nun einmal, so nüchtern und zurückhaltend er sonst wirkt. Bedenkt aber auch, daß es vor einer Theateraufführung eine Probe gibt, und es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß der König dem Exposé seines Ministers nichts hinzugefügt oder nichts darin gestrichen hätte.«
***
Abgesehen von dem genauen Tag im Februar 1631, an dem die hochwichtige Sitzung des Königlichen Rats in Compiègne abgehalten wurde, erinnere ich mich an alles, und vor allem, daß es kalt war zum Steinespalten, so daß die Ratsmitglieder trotz eines großen Feuers im riesigen Kamin des großen Saals fast mit den Zähnen klapperten. Und es mag sein, daß ihnen sogar fast die Zunge gefror, denn sie hielten den Mund, als der König sie um ihre Meinung fragte, nachdem er die Debatte über das Los der Königinmutter eröffnet hatte. Als der König sah, daß sie sich scheuten, über das Schicksal eine königliche Person zu befinden, die ihrem Rang nach die zweite Person im Staate war, erteilte er, ohne lange zu fackeln, Richelieu das Wort, der nun, als er zu diesem letzten Kampf antrat, alles andere war als ein wackerer Recke mit geschlossenem Visier und gesenkter Lanze. Ganz im Gegenteil. Er stand zur Rechten des Königs |249|und ein wenig hinter ihm, um ihm die Vorderbühne zu überlassen, aber sehr aufrecht in seiner makellosen Soutane und das Kinn erhoben. So machte er den Eindruck von Energie, der selbst durch seine vor Müdigkeit hohlen Augen, seine mageren Wangen und sein schon ergrauendes Haar nicht bestritten wurde. Er sprach wie gewohnt ohne Notizen, mit angenehmer, wohlartikulierter Stimme, doch ohne jede Spur klerikaler Salbung. So heftig die Angriffe auch sein mochten, blieb er auf diesen Sitzungen stets ruhig, gleichmütig und heiter, er vertraute auf die Richtigkeit seiner Sichten und auf sein Vermögen, sie zur Geltung zu bringen.
Die Tatsache, daß der König ihm als letztem das Wort erteilte, gab ihm übrigens einen unerhörten Vorteil, wußte doch jeder, daß der König und sein Minister in allen Reichsdingen mano nella mano1 marschierten, wie die Königin gesagt hätte. Bekanntlich erblickte sie darin die Wirkung diabolischer Zaubermittel. Doch die weniger abergläubischen königlichen Räte urteilten anders darüber: Richelieus politisches Talent machte sie einfach staunen.
»Meine Herren«, sagte der Kardinal, »da Seine Majestät mir befiehlt, meine Meinung zu sagen, kann ich Ihr nur gehorchen, so schwierig, ja so heikel die Entscheidung auch ist, die wir zu treffen haben. Um diese Entscheidung recht zu verstehen, muß man sie zunächst in den historischen Kontext stellen, in dem wir uns befinden und der weit entfernt ist, uns günstig zu sein. Frankreich ist nun einmal von Staaten umringt, die seinen Untergang wollen. Im Norden die spanischen Niederlande. Im Osten Lothringen. Im Westen und Südwesten die Kaiserlichen, in Italien das spanische Mailand. Im Süden schließlich die Iberische Halbinsel. Weil es ihnen nie gelang, die unbesieglichen Armeen des Königs im Felde zu schlagen, versuchen diese Feinde Frankreich zu schwächen, indem sie Wirren und Aufruhr stiften durch Personen, die mehr wie Spanier fühlen denn wie Franzosen.
Meine Herren«, fuhr er nach einer Pause fort, »es würde uns nichts nützen, die Augen davor zu verschließen, daß königliche Personen an diesen Wirren beteiligt sind. Und wenn wir ihnen ein Ende setzen wollen, dürfen wir nicht vergessen, welchen |250|Respekt und welche Ehrerbietung wir diesen Personen entgegenbringen. Was mich angeht, sehe ich vier Lösungen, um die unerträglichen Umtriebe zu beenden, die jetzt die Fundamente des Staates bedrohen.
Die erste wäre, sich mit Monsieur zu einigen. Seine Majestät hat es Gott weiß wie oft versucht und ihm gegeben, was er wollte. Doch kaum hatte Monsieur diese Gaben erhalten, verlangte er mehr. Daher die neue, höchst kostspielige Einigung, die aufs neue gebrochen wurde: ein Bruch, dem sofort neue Forderungen folgten. Meine Herren, Ihr werdet einräumen, daß eine Fortsetzung dieses Weges hieße, den Schatz der Bastille zu ruinieren.
Die zweite Lösung wäre, sich mit der Königinmutter zu einigen. Da ich ihr früher mit Eifer diente und ihr überaus dankbar bin für die Wohltaten, mit denen sie mich überhäufte, wünschte ich diese Lösung von ganzem Herzen. Nur leider ist sie völlig unmöglich. Die Königinmutter möchte, daß ich ihr gehöre und nicht dem König, daß ich ihre Politik mache und nicht die des Königs. Mit einem Wort, sie möchte regieren und alles bestimmen. Die einzige Möglichkeit, sie zu befriedigen, wäre, ihr wieder das Ruder des Staates in die Hände zu geben. Natürlich hieße das Abdankung, und genauso natürlich könnte der König dem nicht einmal im Traum zustimmen.
Die dritte Lösung wäre, daß ich mich von den Geschäften zurückziehe. Ich bevorzuge diese Lösung und schlage sie vor. Da ich indessen sehr wohl weiß, daß man mich angreift, weil man den König nicht anzugreifen wagt, sehe ich voraus, daß man nach meinem Weggang noch heimtückischere und noch häufigere Angriffe auf seine Autorität und seine Politik unternehmen wird. Wenn Ihr mir eine ländliche Metapher gestatten wollt, stelle ich folgende Frage: Nähme man einer Schäferei die Hunde, würde dann nicht die Herde angegriffen und schließlich der Schäfer?
Die vierte Möglichkeit ist, die Kabale gänzlich zu zerschlagen. Weil sie aber ihre Quelle, ihre Stärke und ihre Stütze allein in der Königinmutter hat, sehe ich keinen anderen Weg, als die Königinmutter vom Hof zu entfernen. Jedoch ist dies eine so delikate Maßnahme, daß ich mich enthalte, sie vorzuschlagen. Aber wenn der König und der Königliche Rat sich dazu durchringen, werde ich nicht abstehen, mich dieser Entscheidung zu |251|beugen, obwohl ich in meinem Wunsch, mich zurückzuziehen, beharre.«
Richelieu verneigte sich gegen den Rat, verbeugte sich tief vor dem König und trat drei Schritte zurück, als wollte er bescheiden im Bühnengrund verschwinden.
Dies war das viertemal, daß Richelieu seine Demission anbot, da sie aber jedesmal vom König kategorisch abgelehnt worden war, schlossen auch die Räte sie umgehend aus. Und mit unendlicher Vorsicht, als gingen sie auf Eiern, stimmten sie für eine Entfernung der Königinmutter, indem sie zugleich unaufhörlich ihre tiefe Bindung an ihre königliche Person beteuerten und zu bemerken gaben, daß es, da es sich um die Mutter des Herrschers handelte, dem König und einzig und allein dem König gebühre, hierüber zu entscheiden.
Dann nahm der König das Wort, stellte fest, daß die Räte die vom Kardinal vorgeschlagene Maßnahme hinsichtlich der Königinmutter einstimmig gebilligt hatten. »Was mich angeht«, setzte Ludwig nüchtern hinzu, »so halte ich sie für gut und gedenke sie ungesäumt in die Tat umzusetzen.«
***
Das »ungesäumt« war im Mund des Königs kein leeres Wort. Auf der Stelle befahl er acht Kompanien französischer Garden, fünfzig Chevaulegers und fünfzig Gensdarmes nach Compiègne, und am dreiundzwanzigsten Februar 1631 in der Morgenfrühe forderte er den Hof, die Minister, die Gesandten auf, sich unverzüglich zum Aufbruch bereitzumachen. Und all diese Menschen verließen mit großem Lärmen und Holterdipolter den Ort, ohne daß man, auf königlichen Befehl, die Maria von Medici hiervon unterrichtete.
Dies geschah trotzdem im letzten Moment, und zwar durch die Königin, die sich damit wieder einmal ungehorsam gegen die Anweisung des Königs zeigte. Doch zu spät. Die Königinmutter war eine große Langschläferin. Es dauerte seine Zeit, sie zu wecken. Trotz allem Tohuwabohu des Aufbruchs hatte sie, mit umnebeltem Kopf, kaum erst die Augen geöffnet, als Marschall d’Estrées und La Ville-aux-Clercs sie zu sprechen verlangten. Ohne die geringste Sorge um das Dekorum, noch zu Bett, ungekämmt, ungeschminkt, empfing sie die Herren. |252|Der Leser wird sich erinnern, daß sie so unbekümmert, aufgeknöpft wegen der Hitze und lang auf den Teppich im Louvre hingestreckt, auch ihren Gardehauptmann empfing, um ihre Befehle zu erteilen. Doch möge der Leser dies nicht falsch verstehen. Die Königinmutter hatte niemals Liebhaber. Ihr unbekümmertes Gebaren war Geringschätzung und Hochmut, nichts weiter.
»Mein Freund«, fragte Catherine, als ich ihr diese Dinge erzählte, »warum mußten es zwei sein, die der Königinmutter verkündigten, daß sie in Compiègne, fern von Paris und vom Hof, bleiben müsse?«
»Ich nehme an, weil La Ville-aux-Clercs die Regierung des Königs repräsentierte und Marschall d’Estrées die Garnison der tausendsechshundert Mann, die die Königinmutter bewachen sollten.«
»Mein Gott, warum so viele Soldaten?« fragte Catherine.
»Weil zu befürchten stand, daß Gaston, der die Waffen gegen seinen Bruder erhoben hatte, versuchen würde, die Königinmutter zu befreien: Der präsumtive Thronfolger Frankreichs befreit seine Mutter aus den Klauen des bösen Sohnes und greift ihn dann mit der Hilfe und dem Segen der Spanier und der Kaiserlichen an.«
»Wäre das denn möglich gewesen?«
»Möglich war es, aber sicherlich nicht mit Gaston … Was immer Gaston anfing, er brachte es nie zum Ende. Denkt an La Rochelle. Er wollte Generalissimus der Belagerung sein, und nach wenigen Wochen ließ er sein Kommando sausen, um sich wieder den Pariser Lustbarkeiten zu ergeben.«
Wenn auch etwas überrascht, die Königinmutter in einem solchen Zustand anzutreffen, beugte La Ville-aux-Clercs brav das Knie und übergab ihr den Brief des Königs. Sie öffnete ihn, las, faltete ihn und sagte, ohne Erregung zu zeigen: »Der König will mich in Moulins einsperren.« – »Madame«, sagte Marschall d’Estrées, »Moulins gehört Euch. Es ist Euer Haus. Ihr seid dort immer gern gewesen. Und Ihr werdet dort alle Freiheit und Autorität genießen.«
»Und was antwortete sie auf diese beschwichtigenden Worte?« fragte Catherine. »Hat sie geschrien?«
»Nein, sie schrie nicht, sie weinte.«
»Mein Gott!« sagte Catherine, »endlich eine weibliche Reaktion! |253|Ihr werdet sehen, am Ende tut sie mir doch noch leid. Und was machen die beiden Abgesandten? Die Königinmutter weinen zu sehen ist selbst für einen Marschall peinlich.«
»Nun, sie warten, daß sie entlassen werden. Und plötzlich, noch mit dicken Tränen auf den Wangen, schreit sie: ›Ich habe nichts getan, was eine solche Behandlung verdiente!‹«
»Und geht sie denn nun nach Moulins, wie der König es ihr befiehlt?« wollte Catherine wissen.
»Ph! Dem König gehorchen! Wo denkt Ihr hin! Sie schützt alle möglichen Gründe vor, um die Reise aufzuschieben: In Moulins sei die Pest – was nicht stimmt. Das Schloß sei verfallen – was falsch ist. Sie gehe nur nach Moulins, wenn man ihr Doktor Vautier wiedergebe – was ausgeschlossen ist, der König hat ihn in die Bastille gesteckt. Und endlich eine letzte Ausrede: Man wolle sie nur nach Moulins bringen, um sie an die Rhône zu schaffen, damit man sie auf einer Galeere einschiffen könne nach Marseille und von dort zurück nach Florenz, wo sie ohne Ehren, ohne Besitz, ohne Rückhalt bei entfernten Verwandten leben solle, die sie nie gesehen habe.«
»Und was ist sie als Gefangene in Compiègne?«
»Was wohl, wenn man so wenige Möglichkeiten hat? Wenn es schön ist, geht sie auf der Schloßterrasse mit Marschall d’Estrées spazieren, der die Höflichkeit in Person ist. Und entweder jammert sie, ergeht sich in endlosen Klagen, die d’Estrées mit teilnahmsvoller Miene anhört, oder sie liest mit lauter Stimme aufrührerische Pamphlete gegen den König und Richelieu vor, die d’Estrées nicht zu hören vorgibt. Übrigens steht es ihr frei, sich in der Stadt Compiègne frei zu bewegen, aber aus Hochmut lehnt sie es ab. Ihr fehlt ihr Luxembourg, und es fehlen ihr vor allem ihre Hofschranzen und Speichellecker. Ihre Tage verrinnen in trübem Grau, das von Zeit zu Zeit ein Hoffnungsschimmer erhellt. Eines Tages verkündet ihr Madame de Fargis in einem Brief, daß laut Horoskop ihr königlicher Sohn vor Jahresende sterben werde … Das würde alles ändern! Und was für schöne Träume: im Triumph nach Paris heimzukehren und grenzenlose Autorität über Gaston zu haben, den neuen König.«
»Mein Freund! Malt Ihr sie nicht in zu schwarzen Farben?«
»Mir scheint, die Farben können gar nicht schwarz genug sein. Die Königinmutter hat ihre Töchter nie geliebt und ihren |254|ältesten Sohn schon gar nicht. Und was Gaston angeht, macht sie sich wahrscheinlich Illusionen darüber, was er täte, wenn er an die Macht käme. Er ist viel zu eitel, glaube ich, um sie ihr zu überlassen, und seine Räte werden ihn bestimmt nicht dazu drängen. Aber lassen wir diese schäbigen Träume vom Tod. Allen Horoskopen zum Trotz geht es Ludwig bestens.«
***
Die Mutter ist in Compiègne eingesperrt, trotzdem ist Ludwig mit seiner schrecklichen Familie nicht fertig. Denn unter dem tugendsamen Vorwand, seine Mutter zu befreien, hat Gaston von der Goldmillion, die sie ihm gab, Truppen ausgehoben und sich in Orléans festgesetzt, das er zu befestigen beginnt. Und was das schlimmste ist, er hat Edelleute aus großem Haus zu sich gerufen, und vier sind seinem Ruf bereits gefolgt: der Herzog von Elbeuf, der Herzog von Bellegarde, der Herzog von Roannez und der Comte de Moret, ein legitimierter Sohn von Henri Quatre. Leser, daß Sie sich nicht täuschen: Es sind nicht Ritter mit liebreichem Herzen, die untröstlich sind über die Gefangenschaft der Königinmutter, sondern schlaue und verschlagene Herrschaften, die auf Ludwigs nahen Tod und auf den aufgehenden Stern Gaston setzen, den präsumtiven Thronfolger Frankreichs, denn die Königin hat immer noch keinen Dauphin.
Was Gaston betrifft, ist seine Unternehmung nichts als leeres Gefuchtel. Wenn er seine Mutter wirklich aus Compiègne befreien wollte, hätte er im Norden von Paris Position bezogen und nicht im Süden. Ludwig gibt sich keiner Täuschung hin, und sowie er Compiègne verlassen hat, marschiert er an der Spitze seiner Armee geradewegs nach Orléans. Gastons Reaktion läßt nicht auf sich warten. An der Spitze seiner Gold-Soldaten – sie sind zu kostbar zum Vergeuden – und seine wenig interessierten Herzöge an seiner Seite, flüchtet er und erreicht in Gewaltmärschen Besançon, das derzeit Spanien gehört. Aber auch dort fühlt er sich weder recht sicher noch so recht gewürdigt, die Spanier – die besten Infanteristen der Welt – sehen auf diesen Königssohn herab, der eine Armee aushebt, um sich dann nicht zu schlagen. Darum geht Gaston nach Lothringen, wo der Herzog, für den er der beste Trumpf gegen Frankreich ist, ihn freundschaftlich aufnimmt. Für ihn ist seine kindische Epopöe zu |255|Ende. Aber sie ist es nicht in Ludwigs Augen. Gastons Hanswurstiaden kennt er schon zu lange, als daß sie ihm jetzt zu schaffen machten, wohl aber, daß er vier große Herren mit sich genommen hat. Dies war der gefährliche Anfang einer Koalition der großen Feudalherren, die sich an allen Ecken Frankreichs gegen die königliche Macht erheben konnten. Sofort reagiert Ludwig und verfaßt gegen die vier Abtrünnigen eine Erklärung, worin er sie des höchsten Majestätsverbrechens anklagt.
»Wieso des ›höchsten‹, Monsieur? Gibt es ein Majestätsverbrechen minderen Grades?«
»Ah, Sie sind es, schöne Leserin?«
»Hatten Sie mir nicht erlaubt, Sie zu unterbrechen, wenn ich eine Frage habe, Monsieur, oder soll ich ganz hinter der Herzogin von Orbieu zurücktreten?«
»Auf keinen Fall. Das höchste Majestätsverbrechen betrifft allein die Person des Königs. Das Majestätsverbrechen zweiten Grades gilt für Komplotte gegen Minister, Marschälle und Provinzgouverneure.«
»Schön und gut, Monsieur. Aber warum werden Gastons Komparsen angeklagt und nicht Gaston selbst?«
»Madame, wie könnte man den Thronfolger anklagen? Kann der regierende König seinen Nachfolger unter Anklage stellen? Was würde aus der Dynastie?«
»Noch eine Frage, Monsieur. Bedeutet die Anklage auf das höchste Majestätsverbrechen den Tod?«
»Mehr noch, Madame! Sie kann einschließen, daß nach dem Tod der Name und das Wappen gelöscht, sämtliche Besitztümer eingezogen, Häuser und Schlösser niedergerissen, Wälder verbrannt werden und vor allem, daß der Leichnam kein christliches Grab erhält und eingeäschert wird.«
***
Ludwig zwang seinen jüngeren Bruder zur kampflosen Aufgabe, und auf seiner Rückkehr nach Paris, wohin der Kardinal ihm vorausgeeilt war, nahm der König mich in seiner Karosse mit. Viel Vergnügen hatte ich daran nicht, denn ich mußte ihm als Sekretär dienen, und er diktierte mir die ganze Fahrt über Namen, worauf ich im folgenden noch zu sprechen komme.
Ludwig war ein in jeder Hinsicht gestrenger Fürst, der die |256|Vorschriften, die er erlassen hatte, auch selbst gewissenhaft einhielt und darauf achtete, daß sie von seinen Untertanen befolgt wurden. Und nachdem er die Erklärung, daß die abtrünnigen Herzöge des höchsten Majestätsverbrechens schuldig seien, beim Burgunder Gerichtshof hatte bestätigen lassen, wollte er, daß auch der Pariser Gerichtshof als der oberste Frankreichs sie registriere, und stellte ihm gleich nach seiner Ankunft durch La Ville-aux-Clercs besagte Erklärung zu.
Zu seiner großen Überraschung und seinem Zorn aber verweigerte der die Registrierung. Ludwigs Zorn, Leser, glich in nichts dem seiner Mutter, da war kein Geschrei, kein echauffiertes Gefuchtel. Sein Zorn war kalt, beherrscht und äußerte sich in knappen Worten. Er befahl dem Gerichtshof, sich in gesamter Körperschaft und zu Fuß im Louvre einzufinden und ihm den Bescheid über die Verweigerung der königlichen Erklärung zu übergeben.
Dies nun wurde zur großen Gaudi fürs Pariser Volk, das die würdigen Herren in ihren Roben in langer Prozession und bei feinem Nieselregen fürbaß durch die Straßen ziehen sah. Mindestens an jeder Straßenecke fragte sie ein Witzbold, ob sie so von Armut geschlagen seien, daß sie ihre Kutschen verkaufen mußten … Schließlich wurden die Gerichtsherren im Louvre in den großen Saal geführt, wo nun die Höflinge sich am Anblick der durchnäßten Kater mit den hängenden Nasen weideten, sie ihrerseits auf den Arm nahmen und mit tausend Spitzen bedachten.
Eine volle Stunde ließ man sie warten, dann erschien der König, und ohne jedes Wort zu ihrem Empfang rief er ihnen ins Gedächtnis, daß der Pariser Gerichtshof zwei Aufgaben habe: über Zivilsachen in Berufung zu befinden und die königlichen Erlasse zu registrieren. Jedoch überschreite der Gerichtshof mißbräuchlich seine Rechte, wenn er sich ein Urteil über den Inhalt besagter königlichen Erlasse anmaße. Nicht ohne Schärfe forderte er den Gerichtspräsidenten auf, ihm die »Verweigerung«, wie sie im Louvre kurz genannt wurde, auszuhändigen. Der König warf einen Blick drauf, zerriß sie in vier Teile und gab sie Beringhen mit der Weisung, sie zu verbrennen. Hierauf schickte er die Gerichtsherren zurück an ihre Arbeit.
Nun beobachtete ich aber, daß die Herren gar nicht so bußfertige Miene machten, wie ich erwartet hatte, und befragte deshalb Fogacer.
|257|»Warum sollten sie?« sagte er. »Dazu bestand gar kein Anlaß. Unsere dicken Kater haben, im Gegenteil, einen schlauen Schachzug getan. Sie haben sich das Wohlwollen des künftigen französischen Königs gesichert, indem sie sich der Erklärung des Majestätsverbrechens gegen seine Anhänger verweigerten. Worauf sie sich wieder beim regierenden König in Gunst gesetzt haben, indem sie seine Erklärung ohne Murren und Knurren schließlich doch registrierten. Somit stehen sie vor beiden Seiten gut da.«
»Und was haltet Ihr von den sich häufenden Horoskopen, die alle den Tod des Königs prophezeien, die einen für Ende August, die anderen für Ende Oktober?«
»Zunächst einmal, mein lieber Herzog, wird die Astrologie von unserer Heiligen Kirche als ketzerisch verdammt, denn niemand kennt die Zukunft als der Herrgott. Und dann ist die Idee, den Tod eines Menschen aus der Konstellation der Gestirne zum Zeitpunkt seiner Geburt ablesen zu wollen, eine unsägliche Dummheit. Wenn Ihr wollt, daß ein Astrologe den nahen Tod Eures geschworenen Feindes prophezeit, braucht Ihr ihm doch nur einen hübsch prallen Beutel in die Hand zu drücken und das erwünschte Todesdatum zu nennen.«
Wie gesagt, war ich mit dem König nach Compiègne gegangen, dann nach Orléans und kehrte nun endlich zurück nach Paris, und während Seine Majestät den Gerichtshof zur Räson brachte, eilte ich in die Rue des Bourbons. Um ein Haar wäre ich gestolpert und gestürzt, als ich die Freitreppe hinauflief, so klopfte mir das Herz, doch klopfte es noch ganz anders, als ich meine Catherine in die Arme nahm.
»Mein Lieber«, sagte Catherine, »Ihr kommt gerade recht. Das Essen steht auf dem Tisch. Ich sehe Euch an, daß Ihr einen Bärenhunger habt.«
»Hunger, mein Lieb, habe ich auf Euch.«
»Nein, nein!« rief sie, »keinen Tumult auf leeren Magen, bitte! Ihr selbst habt mich das périgordinische Sprichwort gelehrt: Nach dem Pansen das Tanzen. Nach – habt Ihr gehört? Nicht vorher! Kommt, lieber Herr, Euer Teller wartet.«
Nach dem Essen brachte die Amme unseren kleinen Emmanuel herein, der nun in sein drittes Jahr ging und schon auf festen kleinen Beinen umherstapfte. Sowie er mich sah, warf er seine Ärmchen empor und stürzte auf mich zu mit den Worten: |258|»Ah, mein kleiner Papa!« Denn klein nannte er alles, was er liebte, seinen Bär, seine Puppe, seinen Hund, seinen Kasper.
Ich war mein Leben lang so sehr in Kinder vernarrt, daß ich die galligen Menschen nicht begreifen kann, die andere, ob groß, ob klein, nicht um sich ertragen und auch Hunde, Katzen oder Pferde nicht, die einem doch so liebenswerte Gesellschaft sind, wenn man sie selbst großgezogen hat.
Mir scheint, daß solche Menschen das Schönste unseres Daseins versäumen, nämlich zu lieben und geliebt zu werden. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie sie in solch öder Verschlossenheit sich selber lieben können.
»Daß Ihr von Orléans in der Karosse des Königs heimgekommen seid, ist doch eine große Ehre, nicht wahr?« fragte Catherine.
»Eine große Ehre schon«, sagte ich, »aber keine große Freude, denn der König hat mir die Liste derjenigen diktiert, die in Verbannung gehen müssen.«
»Könnt Ihr mir sagen, wer es ist?«
»Das kann ich, denn zur Stunde sind sie bereits alle verhaftet. Die Liste ist lang: die Prinzessin Conti, die Herzogin d’Elbeuf, die Herzogin von Ornano, Madame de Lesdiguières, Madame du Fargis …«
»Mein Gott! Lauter Damen! Und sie werden alle verbannt?«
»Liebchen, bedenkt, daß die Kabale der Reifröcke die allerschlimmste war. Doch keine Bange, auf der Liste fehlt es auch an Männern nicht. Ich nenne Euch nur den Pater Suffren …«
»Den Beichtvater des Königs?«
»Ja, ja! Er hat intrigiert. Dann Doktor Vautier, den Leibarzt der Königinmutter, der bereits eingekerkert wurde. Und Bassompierre, der in der Bastille sitzt.«
»Bassompierre in der Bastille!«
»Er war, wie Ihr wißt, einer der Treuesten unter den Getreuen Henri Quatres, nur leider hat er sich inzwischen mit der Prinzessin Conti vermählt.«
»Eurer Halbschwester, mein Lieber!«
»Ja, leider! … Schade für Bassompierre, denn nach und nach übernahm er die gefährliche Feindseligkeit seiner Gemahlin gegen den Kardinal. Im übrigen wähnte er sich, weil er eine Prinzessin geheiratet hatte, auch als Prinz und wurde immer hochnäsiger und bissiger.«
|259|»Und warum wird er jetzt härter gestraft als die Herzöge?«
»Weil er ein sehr guter General ist und großen Schaden anrichten könnte, wenn ein Bürgerkrieg ausbräche. Eine von Gaston befehligte Armee zerstreut sich beim kleinsten Hauch wie eine Pusteblume. Aber eine von Bassompierre befehligte Armee könnte sogar einer Armee des Königs zu knacken geben.«
»Und was sagt das Pariser Volk dazu, daß die Königinmutter eingesperrt ist und so viele große Herrschaften verbannt werden?«
»Das Volk kümmert es wenig. Es kennt von den hohen Damen und Herren doch höchstens die Karossen, die mit Trara und Gepolter durch die engen Pariser Gassen brausen. Und wehe dem armen Schelm, der nicht rasch genug zur Seite springt! Er wird zerquetscht, ohne daß der glänzende Zug wegen solcher Kleinigkeit auch nur anhalten würde.«
***
Nun, Leser, was die Königinmutter anging, bewegten sich die Dinge keinen Deut. Nach Moulins wollte sie nicht. Ihr wurde Nevers vorgeschlagen. Sie lehnte ab. Dann Blois, aber sie wollte nicht.
Sie schrieb, sie habe »eine solche Behandlung von ihrem Sohn nicht verdient, und diese werde weder von Menschen noch von Gott gutgeheißen«. Da man sie einmal nach Compiègne verbannt habe, bleibe sie dort, man werde sie dort nur fortbringen können, wenn man sie »an den Haaren wegschleife«. (Sie hatte eine Vorliebe für dieses Bild, wie der Leser bemerkt haben wird.) Sie setzte hinzu, sie habe nur einen Wunsch, nämlich daß man sie von diesen Tausenden von Soldaten befreie, die sie gefangenhielten.
Da Richelieu in diesen Dingen nicht einen Finger hatte rühren wollen, weder was das Los der anderen Verbannten, noch was die Königinmutter betraf, bin ich fest überzeugt, daß Ludwig ihn auch in keiner Weise darüber konsultierte, wie dieses seltsame Ersuchen und das nicht minder seltsame Beharren der Königinmutter, in Compiègne zu bleiben, zu beantworten sei.
***
|260|Das Verlangen der Königinmutter kam mir durch Monsieur de Guron zu Ohren, der mich bat, sein »bescheidenes« Mittagsmahl mit ihm zu teilen, von dem ich im voraus wußte, daß ich höchstens den fünften Teil davon essen würde, so pantagruelisch würde es sein.
Wie staunte ich, als seine Tür mir von der Zocoli geöffnet wurde, die Haare aufgesteckt wie eine Dame, kunstreich geschminkt und in einem Kleid, das zwischen dem adeligen Reifrock und dem bürgerlichen Kotillon die Mitte hielt. Beinahe hätte ich ihr, da ich sie so geputzt sah, die Hand geküßt. Doch kaum erblickte sie mich, als sie mir auch schon in die Arme flog und sagte, ich gefiele ihr von allen Edelmännern des Reiches am besten, und es sei ein Jammer, daß ich meiner Herzogin ein so treuer Gatte sei, sonst würde sie sich mir mit Haut und Haar ergeben.
»Aber was, zum Teufel, hast du hier zu suchen, Kleine?« fragte ich sie.
»Die Königinmutter hat mich nach dem ›Tag der Geprellten‹ vor die Tür gesetzt, weil sie den Verdacht hatte, daß ich es war, die den Riegel der kleinen Kapellentür geöffnet hat, durch die der Herr Kardinal hereinkam. Und als Monsieur de Guron mich auf der Straße und quasi im Rinnstein sah, hatte er ein christliches Erbarmen und nahm mich in sein Gesinde auf.«
»Und fühlst du dich wohl, meine Gute, in deiner neuen Anstellung?«
»Weiß Gott«, rief die Zocoli, »ich bin entzückt. Tagsüber ist wenig zu tun. Dafür viel in der Nacht.«
Schon erschien auch Monsieur de Guron, mit blitzenden Augen, rot im Gesicht, mehr breit als hoch, und ich hatte einen neuen Begrüßungssturm zu überstehen.
Erst nach der Hälfte des Mahls, als Guron halb gesättigt war (ich war es längst gänzlich), eröffnete er mir: »Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen – da Ihr in dieser Sache eine Mission erhalten werdet –, daß die Königinmutter jetzt in Compiègne bleiben will und daß sie verlangt, man solle die Soldaten abziehen, die sie bewachen. Was meint Ihr, mein lieber Herzog, was das bedeutet?«
»Daß sie so nahe wie möglich an den spanischen Niederlanden bleiben will; daß sie, sobald ihre Bewacher verschwinden, fliehen und sich dem Zugriff des Königs entziehen wird. Wenn |261|sie nicht in die spanischen Niederlande geht, dann zumindest in einen französischen Ort nahe der Grenze.«
»Gut gedacht. Und wie kann der König, obwohl es an Lauschern um sie wimmelt, nicht wissen, daß sie sich mit dieser Absicht trägt?«
»Natürlich weiß er es. Kennt man schon den Namen der von ihr begehrten französischen Zuflucht?«
»Selbstverständlich. Es handelt sich um die Feste La Capelle, die in unmittelbarer Nähe des spanisch besetzten Avesnes liegt. Sie wird vom Marquis de Vardes befehligt und in seiner derzeitigen Abwesenheit von seinem Sohn, einem kleinen Heißsporn, der insgeheim zugesagt hat, die Königinmutter in seinen Mauern aufzunehmen. Und da nun sollt Ihr Euch einschalten, mein lieber Herzog. Während der König den jungen Vardes an den Hof ruft und ihn so lange wie nötig festhält, begebt Ihr, mein lieber Herzog, Euch mit verhängten Zügeln nach Gournay in der Normandie, wo sich der Marquis de Vardes derzeit aufhält, überredet ihn, nach La Capelle zurückzugehen und der Königinmutter seine Tore zu verschließen.«
»Und warum wurde ich zum missus dominicus erwählt?« fragte ich.
»Der Marquis de Vardes steht im Rang sehr hoch, und der König meint, daß er ihm seine Befehle wenigstens durch einen Herzog übermitteln muß.«
»Und was, meint Ihr, wird die Königinmutter tun, wenn sie die Tore von La Capelle verschlossen findet?«
»Das überlegt Euch selbst, mein lieber Herzog: eine Dummheit natürlich. Sie wird die Spanier von Avesnes um Gastrecht ersuchen, ohne irgend zu bedenken, daß sie dann als ›Abtrünnige gegen König und Vaterland‹ nie mehr den Fuß nach Frankreich setzen kann.«
Hier trat Schweigen ein.
»Ich möchte Euch, mein lieber Herzog, eine delikate Frage stellen«, sagte schließlich Guron. »Glaubt Ihr, daß der König, als er den Hof und die Königinmutter nach Compiègne einlud, schon daran dachte, was sich daraus ergeben würde?«
»Um aufrichtig zu sein, ich bin davon überzeugt. Warum wäre er sonst dem Verlangen der Königinmutter gefolgt, die bewachenden Truppen abzuziehen? Er kennt sie zu gut, um nicht zu wissen, was sie mit ihrer Freiheit anfangen wird.«
|262|»Demnach hätte der König«, sagte Guron, »die Königinmutter Schritt für Schritt zu ihrem Fehler gedrängt.«
»Ganz sicher!«
»Mein Gott!« rief Guron. »Zeigt Ludwig damit nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von Machiavelli geschilderten Fürsten? Wer hätte ihm das angesehen? Wie der Schein doch täuscht!«
»Aber das muß er, mein lieber Guron. Das Wesentliche des Fürsten, den Machiavelli beschreibt, ist ja gerade, daß er nicht machiavellistisch wirkt. Wo bliebe die finezza, wenn man sich nicht über ihn täuschte?«