|263|VIERZEHNTES KAPITEL

Ich hatte vorgehabt, zu meinem Besuch beim Marquis de Vardes in Gournay die eine Hälfte meiner Schweizer mitzunehmen, aber Richelieu, bei dem ich nach Seiner Majestät vorsprach, erklärte, meine Eskorte werde aus zwanzig königlichen Musketieren unterm Befehl von Monsieur de Clérac bestehen, um mir beim Marquis de Vardes größere Autorität zu verschaffen. Auch würde ich in einer Karosse mit dem königlichen Wappen reisen, zusammen mit meinem Junker und Graf von Sault.

Wenn die vielen Unkosten auch nicht meinetwegen gemacht wurden, schmeichelte mir dies doch im stillen, obwohl ich mich auch mit einer gewissen Unruhe fragte, ob ich all diese Menschen auf der langen Reise etwa aus meiner Tasche verköstigen und beherbergen solle. Kaum aber hatte ich vom Kardinal Urlaub genommen, als Charpentier in seinem Vorzimmer mich dieser Sorge enthob, indem er mir mit breitem Lächeln eine hübsch gerundete Börse überreichte. Und als ich fragte, ob ich dafür Rechenschaft geben müsse, sagte er: »Nein, nein! Die Mühsal will der Kardinal Euch nicht aufhalsen. Solltet Ihr etwas erübrigen, verfahrt damit nach Eurem Belieben.«

Dieses »nach Eurem Belieben« dünkte mich taktvoll, und ich gratulierte mir, es bei dieser Mission mit Richelieu zu tun zu haben und nicht mit dem König, denn der König, der unnötige Ausgaben und Luxus verabscheute, war für sich selbst und alle anderen knauserig wie keiner guten Mutter Sohn in Frankreich, während der Kardinal, der auf Repräsentation hielt, diese auch für seine Diener wollte und sie deshalb für die Arbeiten oder Aufträge, die sie für ihn erfüllten, gut entschädigte.

Als ich Catherine ankündigte, daß ich wieder auf Reisen gehen müsse, erntete ich, wie vorauszusehen, Tränen und Vorwürfe, denn Catherine fand, ich liebte allein den König und Richelieu; sie sei für mich doch »das fünfte Rad am Wagen«; ich hätte sie nur geheiratet, um es in meinen Nächten bequem zu haben, und anderes der Art.

|264|Doch ich schloß sie einfach in die Arme, küßte sie tausendmal und flüsterte ihr ins Ohr, daß ich ja nur auf drei, vier Tage fortginge, daß meine Mission in keiner Weise Gefahr bedeute und daß sie mein süßes Herz und mein Goldengel sei. Und während ich sie so liebkoste, sagte ich mir, daß jeder unserer Fehler sich auch mit einer Tugend paare und daß Catherine zwar gewiß eine äußerst besitzergreifende, aber auch überaus liebevolle Gattin war.

Meine Catherine hatte ihre Tränen kaum getrocknet, als plötzlich mit großem Lärmen unser Tor aufging, die zwanzig Musketiere unter Monsieur de Clérac in unseren Hof einritten und Graf von Sault der königlichen Karosse entstieg.

Catherine hieß sogleich Madame de Bazimont die Herren von Sault und von Clérac in unserem Salon mit Wein und Leckereien bewirten und ebenso die Musketiere im Hof. Sie selbst aber führte als stolze Mama all den fremden Männern unseren kleinen Emmanuel vor.

Da Richelieu mir Eile befohlen hatte, mußte ich zum Aufbruch drängen. Höflich lud ich Monsieur de Clérac zu Graf von Sault und mir in die königliche Karosse ein, doch Clérac lehnte ab, er wollte an der Spitze seiner Musketiere reiten. Und vor Freude, mit seinem Bruder zusammen zu sein, tat Nicolas das gleiche. Womit er unrecht hatte, denn er war so lange Ritte nicht mehr gewöhnt, und als wir in Gournay anlangten, konnte er nur noch mit steifen Beinen gehen, zum großen Vergnügen der Musketiere.

Das Schloß des Marquis de Vardes im normannischen Gournay verdiente diesen Namen eigentlich nicht, denn es hatte nur einen einzigen Turm, der freilich sehr alt und sehr stattlich war. Und weil Monsieur de Vardes für reich galt, sagte ich mir, daß er wohl ein Knicker sein müsse, wenn er seiner Wohnstatt nicht die Türme hinzufügte, auf die sein alter Adel ihm ein Anrecht gab. Meine Vermutung bestätigte sich, denn so vollkommen höflich er Graf von Sault und mich auch willkommen hieß, zeigte er sich doch erschrocken bei der Vorstellung, all die Musketiere versorgen zu sollen, worüber ich ihn dank meiner gutgefüllten Börse zum Glück schnell beruhigen konnte.

Man muß zugeben, daß Mutter Natur den Marquis aber auch nicht großzügig ausgestattet hatte, denn er war klein und hohlbrüstig von Gestalt, und seltsam, sogar seine Gesichtsöffnungen, |265|Augen, Mund, Nasenlöcher, waren auffallend klein. Dafür sprach Monsieur de Vardes aber mit einer so volltönenden und starken Stimme, daß man sie eine Meile weit im Umkreis hören konnte. Auch fehlte es ihm weder an Geist noch an Entschlußkraft, wie sich in unserem Gespräch bald zeigte.

»Marquis«, begann ich ohne Umschweife, »Ihr seid Gouverneur der Feste La Capelle, die in Euer Abwesenheit von Eurem Sohn befehligt wird. Leider ist er in seinem jugendlichen Ungestüm im Begriff, einen Fehler zu begehen, der ihm und womöglich auch Euch als Majestätsverbrechen angerechnet werden wird, wenn wir ihn nicht schleunigst vor dem schlimmsten Verrat bewahren.«

»Was hat er getan? Was hat er getan?« fragte leichenblaß Monsieur de Vardes.

»Im Augenblick noch nichts. Doch müssen wir verhindern, daß er es morgen tut. Marquis, es handelt sich um ein Staatsgeheimnis, über das Ihr absolut schweigen müßt. Die Sache ist die: Morgen abend wird die Königinmutter aus Schloß Compiègne entweichen und in nördlicher Richtung bis La Capelle fliehen. Euer Sohn hat versprochen, ihr die Tore zu öffnen und ihr Asyl zu geben, solange sie will.«

»Was soll das?« rief Monsieur de Vardes, und seine starke Stimme blieb ihm in der Kehle stecken. »Ich vertraue ihm das Kommando über La Capelle an, und dann macht er so etwas! Ohne mich, seinen Vater, zu fragen! Wie kommt der Tollkopf dazu, dem König einen solchen Tort anzutun? Das ist schimpflicher Verrat, unverzeihliche Dummheit! Doch nun erklärt mir, Herzog, welches Interesse die Königinmutter haben kann, bei uns Zuflucht zu suchen?«

»La Capelle ist eine Festung«, sagte ich. »Die Königinmutter wird glauben, sich hinter Euren Mauerzinnen in besserer Verhandlungsposition gegenüber dem König zu befinden. Und wahrscheinlich hofft sie, wenn er sie in La Capelle belagern kommt, daß dann die Spanier aus dem nahen Avesnes ihr zu Hilfe eilen.«

»Und mein Sohn will meinen Namen und mein Geschlecht mit dieser Rebellion verbinden!« rief der Marquis. »Die Pest über diesen Grünschnabel! Gleich morgen früh«, setzte er hinzu, indem er mit der Behendigkeit eines Jungen aus seinem Lehnstuhl emporsprang, »gleich morgen früh reite ich hin und |266|drehe dem Rotzbengel die Nase um! Taugenichts der! Galgenvogel! Laßt mich nur hinkommen, dann soll er seine Dummheit und seine Sünden beweinen!«

»Marquis«, sagte ich, »Ihr werdet Euren Sohn nicht in La Capelle finden. Als der König über die Pläne der Königinmutter unterrichtet wurde, hat er ihn in den Louvre befohlen und hält ihn dort zurück, ohne der Dinge irgend Erwähnung zu tun.«

»Was!« schrie Monsieur de Vardes zornbebend, »und inzwischen ist La Capelle ohne jedes Kommando, da können ja die Spanier von Avesnes die Feste überrumpeln, ohne daß Vater oder Sohn zur Stelle sind. Diese Desertion ist eine Niedertracht!«

»Marquis«, sagte ich, »da Ihr so schnell eine Eskorte nicht beisammen haben werdet, erlaubt Ihr, Euch meine anzubieten? Die Kosten dafür begleiche ich aus königlichen Mitteln.«

Dieses Argument rührte an den schwachen Punkt des Marquis, und selbstverständlich durfte ich mich von meiner Eskorte nicht trennen und ungeschützt nach Paris zurückkehren.

Nach dem Souper, das von mehr als mönchischer Dürftigkeit war, bat ich Graf von Sault in mein Zimmer, der sich auf meine Bitte jeden Eingriffs in das vorangegangene Gespräch enthalten hatte, und ich fragte ihn, welchen Eindruck er von unserem Gastgeber gewonnen habe.

»Zunächst fragte ich mich, ob Vater und Sohn nicht unter einer Decke steckten«, sagte er, »denn es erschien doch sehr unverständlich, daß ein so junger Mann es sich in den Kopf gesetzt hätte, sich gegen den König aufzulehnen zu einem Zeitpunkt, da alle Aufrührer mit Verbannung oder Bastille bestraft werden. Doch der Zorn des Alten beseitigte meinen Verdacht. Jetzt frage ich mich nur, was geschieht, wenn der Sohn von Monsieur de Vardes inzwischen nach La Capelle zurückgekehrt ist und sich weigert, seinem Vater die Tore zu öffnen?«

»Ein schöner Salat, denke ich!«

»Und angenommen, die Königinmutter kommt noch hinzu, was macht Ihr dann, Monseigneur? Wollt Ihr sie festnehmen?«

»Gott sei Dank, habe ich dazu nicht den Befehl. Und ich würde mein Hemd verwetten, daß der König auch niemanden auf die Spur der Königinmutter setzen wird, was ihm ja leichtfiele, da er die Stunde ihrer Flucht ebenso kennt wie ihren Weg.«

|267|»Und warum?«

»Weil er seine Mutter lieber außerhalb des Reiches weiß als drinnen.«

»Und Ihr meint, daß sie diesen heillosen Fehler begehen wird, sich zu den Spaniern zu flüchten, wenn sie La Capelle verschlossen findet?«

»Der König denkt, daß sie es tun wird. Er kennt ihren Charakter: grenzenloser Trotz und geringes Urteilsvermögen. Der König hat die Truppen aus Compiègne abgezogen und weiß, daß sie keinen Augenblick zögern wird, dem eben geöffneten Käfig zu entfliehen, weil sie glaubt, ihrem Sohn einen bösen Streich zu spielen, den sie aber in Wahrheit sich selber spielt.«

***

Gegen zehn Uhr abends standen wir unter den Mauern von La Capelle. Eine Wolke, schwarz wie Tinte, verbarg uns jäh den glänzenden Mond, der unsere Wege bisher erhellt hatte. Auf einmal war es stockfinstere Nacht, und wir mußten Fackeln anzünden, um uns zurechtzufinden. Das Tor von La Capelle war, wie erwartet, hoch, eisenbeschlagen und sicherlich dreifach verriegelt. Monsieur de Clérac ließ zwei seiner Musketiere klopfen, was sie mit Vergnügen und viel Spektakel taten. Nach einer Weile erschien über den Torzinnen ein zerstrubbelter Kopf.

»Meine Herren«, rief der Wächter, »seid Ihr Männer der Königinmutter?«

In dem Moment kam Monsieur de Vardes aus der Karosse gesprungen wie ein Springteufel aus dem Kasten.

»Holla!« schrie er mit Stentorstimme, »eine Fackel her, damit der Galgenstrick mich erkennt! Nein, nein, Sergeant, wir sind nicht von der Königinmutter, wir sind treue Untertanen des Königs von Frankreich und gehorchen ihm allein. Und jetzt öffne, Kerl!«

»Es ist nur, Herr Marquis, weil wir Befehl haben, nur der Königinmutter zu öffnen.«

»Und Befehl von wem, Höllenbraten? Von meinem Sohn! Wer befiehlt in La Capelle? Mein Sohn oder ich? Wer hat den königlichen Auftrag zu diesem Befehl? Öffne, Sergeant, und zwar schnell, oder ich lasse das Tor in die Luft jagen und euch alle mit!«

|268|Die Drohung wirkte, Die Zinnen besetzten sich im Nu mit schreienden und fuchtelnden Gestalten, die Flüche gegen den Sergeanten ausstießen, und in Kürze tat sich das Tor auf, so daß der Marquis, ich, Graf von Sault, Clérac und unsere Musketiere einziehen konnten.

Wir hatten kaum in einem zugigen Saal um einen Tisch aus rohem Holz Platz genommen, als überraschend ein schmucker junger Mann hereintrat. Seine hübschen Züge und seine langen, gelockten Haare wurden aber nicht eben durch einen lebhaften Blick ergänzt, und ich sagte mir, daß der Sohn des Marquis de Vardes wohl mehr durch sein Aussehen als durch Geistesgaben glänzte.

»Herr Vater«, sagte er, indem er sich verneigte, »ich entbiete Euch meinen Respekt.«

Der Marquis bedeutete ihm mit einer Geste, sich zu setzen und den Mund zu halten. Schweigen trat ein. Der Marquis maß seinen Sohn eine Weile mit funkelnden Augen, und um einer Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn zuvorzukommen, stellte ich dem jungen Mann einige Fragen.

»François«, sagte ich, »wie kamt Ihr dazu, der Königinmutter in La Capelle Gastrecht anzubieten?«

»Ich habe es ihr nicht angeboten«, erwiderte der Sohn. »Ich wurde in ihrem Namen inständig darum ersucht.«

»Von wem?«

»Dem Comte de Moret.«

»Ach, Comte de Moret!« rief der Marquis voller Verachtung.

»Der Comte de Moret«, erklärte François, »kam von Compiègne eigens nach La Capelle, um mich zu bitten, ja anzuflehen, ich möge der Königinmutter in La Capelle Aufnahme gewähren.«

»Und Ihr habt zugesagt?«

»Ja, Monseigneur.«

»Ohne zu bedenken, daß die Königinmutter dem Befehl des Königs zuwiderhandelt, wenn sie Compiègne aus eigenen Stücken verläßt, und daß Ihr Euch zu ihrem Komplizen macht, wenn Ihr sie in La Capelle aufnehmt?«

»Sie tat mir so leid, Monseigneur. Und das Ersuchen erschien mir so bedeutend, da ein Prinz von Geblüt es mir antrug.«

»Der Comte de Moret ist kein Prinz von Geblüt«, sagte Monsieur de Vardes. »Er ist ein königlicher Bastard.«

|269|»Und wie kommt es«, fragte ich, »daß Ihr dem Comte de Moret die Zusage gabt, ohne zuvor den Marquis de Vardes zu fragen, der nicht nur Euer Vater, sondern auch der Gouverneur von La Capelle ist?«

»Ich dachte, daß er nicht einverstanden sein würde.«

»Warum?«

»Weil mein Herr Vater den Kardinal und seine Politik bewundert.«

»Ihr glaubtet also, Ihr könntet die Dinge besser beurteilen als Euer Vater?«

»In diesem Fall, ja.«

»Aber der König hält Kardinal Richelieu in hoher Wertschätzung, seit Jahren verteidigt er ihn gegen die verschiedenen Kabalen. Meint Ihr, Ihr versteht besser als Seine Majestät, was dem Reich frommt?«

Hierauf blieb François stumm, und der Marquis de Vardes sagte, diesmal ohne jede Schärfe, nur mit Resignation: »Mein Herr Sohn, Ihr seid der größte Schafskopf der Schöpfung.«

»François«, fragte ich, »seid Ihr von selbst an den Hof gegangen?«

»Nein, Monsieur! Der König forderte mich dazu auf.«

»Und was hat er Euch gesagt?«

»Kein Wort.«

»Da er Euch rief, kam Euch dennoch nicht der Verdacht, daß er über Euer Vorhaben, die Königinmutter in La Capelle aufzunehmen, Bescheid weiß?«

»Nein, Monseigneur. Und weil das Schweigen des Königs anhielt, bat ich um meinen Urlaub, den Seine Majestät mir verweigerte.«

»Ihr seid doch aber hier?«

»Weil ich geflohen bin.«

»Geflohen!« schrie der Marquis auf. »Himmelsakra! Soll das heißen, Ihr habt den Louvre ohne königliche Erlaubnis verlassen?«

»So ist es«, sagte François und senkte den Kopf.

Sprachlos sahen wir einander an.

»François«, schrie der Marquis de Vardes, »wißt Ihr, was Ihr da getan habt? Einen solchen Ungehorsam kann Seine Majestät Euch niemals verzeihen! Euch bleibt nur dreierlei: lebenslängliche Verbannung, die Bastille oder sogar das Henkersbeil.«

|270|»Marquis«, sagte ich, als Monsieur de Vardes mir hiernach mein Zimmer zeigte, »für mein Gefühl muß Euer Sohn unverzüglich das Land verlassen.«

»Das denke ich auch. Aber wohin kann er gehen? In die Niederlande? Nach Lothringen? Nach Deutschland? Die Länder sind unsere Feinde, und ein Aufenthalt dort würde den Vorwurf des Verrats nur bekräftigen.«

»Es bleibt England«, sagte ich. »In London habe ich eine Freundin, Lady Markby. Sie ist eine hohe und reiche Dame, die Euren Sohn in ihr Gesinde aufnehmen und ihn auf einen guten Weg bringen könnte.«

***

»Monsieur, auf ein Wort, bitte.«

»Haben Sie eine Frage, schöne Leserin?«

»Mehrere, wenn Sie erlauben. Zuerst die: Warum ist es ein solches Vergehen, wenn die Königinmutter nach Avesnes zu den Spaniern flüchtet?«

»Weil die Spanier unsere schlimmsten Feinde sind. Ihre Gastfreundschaft zu erbitten heißt, das Vaterland und den König zu verraten.«

»Aber Gaston hat soundso oft das gleiche getan. Nach allem, was ich nun schon gelesen habe, ist er doch schon mehrmals zum Herzog von Lothringen gegangen, der ebenfalls unser schlimmster Feind ist.«

»Das ist nicht dasselbe. Gaston ist, wie ich mehrmals betonte, der präsumtive Thronfolger, weil sein älterer Bruder keinen Dauphin hat. Wohin er auch geht, Gaston verliert weder sein Geblüt noch seinen Rang, noch sein Erbrecht. Hingegen ist die Königinmutter außerhalb des Reiches nicht mehr Königinmutter. Sie ist nichts mehr, und anders als Gaston hat sie keine Zukunft. Dieses ›nichts‹ bedeutet immense sowohl materielle wie moralische Verluste. Sie verliert Paris, sie verliert den Louvre, sie verliert ihre schönen Residenzen in den Provinzen, sie verliert vor allem ihr prächtiges Palais du Luxembourg, das sie so sehr liebt. Sie läßt ihren Besitz hinter sich, Einkünfte von über einer Million, ungeachtet der großzügigen jährlichen Gratifikationen des Königs. Sie ist nicht mehr die höchste Fürstin Frankreichs. Sie kann nicht mehr am Königlichen Rat teilnehmen oder aber sich weigern, daran teilzunehmen, eine andere |271|Art, ihre Macht zu zeigen. Sie hat nicht mehr den geringsten Einfluß auf die Reichsgeschäfte.«

»Meinen Sie, daß Ludwig sie eines Tages nach Frankreich zurückrufen wird?«

»Ich bin überzeugt, daß er es nicht tut. Darf ich zur Abwechslung jetzt Sie etwas fragen? Nur müßte ich Sie bitten, sich dazu an die Stelle der Königinmutter zu versetzen.«

»Gut, ich versuche es.«

»Die Königinmutter ist also aus Compiègne geflohen. In Sains erfährt sie, daß die Feste La Capelle sich ihr nicht öffnen wird. Hierauf ergeht sie sich in Beschuldigungen: Sie habe Frankreich ja nicht verlassen wollen, da La Capelle ihr aber verschlossen blieb, habe sie das Reich verlassen müssen, und genau das hätten ihre Feinde gewollt. Was halten Sie von dieser Anklage?«

»Daß daraus ein kindisches schlechtes Gewissen spricht. Die Königinmutter war keinesfalls gezwungen zu tun, was ihre ›Feinde‹ wollten. Sie konnte nach Compiègne zurückkehren oder in eine andere französische Stadt gehen, zum Beispiel nach Saint-Quentin, um erneut mit dem König zu verhandeln.«

»Ausgezeichnet! Statt dessen, schöne Leserin, trifft sie am 30. Juli 1631 um vier Uhr nachmittags in Avesnes ein und steigt in Abwesenheit des Gouverneurs in einem bescheidenen Gasthof ab, zu bescheiden für die Prunkgewohnte, und so ist sie zehn Tage später in Brüssel, wo sie von den Spaniern nicht mit allen Ehren, sondern nur mit einigen empfangen wird.«

»Warum nur mit einigen?«

»In Paris, im Königlichen Rat, im Kampf gegen Ludwigs antispanische Politik war die Königin der spanischen Regierung überaus nützlich. In Brüssel ist ihr die herrische alte Dame nicht mehr viel wert. Schon leicht enttäuscht, schreibt sie Ludwig einen Brief. Was hätten Sie ihm an ihrer Stelle geschrieben?«

»Himmel, Monsieur! Was Sie von mir verlangen!«

»Nur mutig! Folgen Sie einfach Ihrem Instinkt!«

»Nun, ich hätte gesagt, daß ich den Kopf verloren hätte und mich deshalb aber sehr unglücklich fühle. Ich hätte den König um Verzeihung gebeten, daß ich mich im Kapitel Richelieu so uneinsichtig gezeigt habe, und meinen Sohn gebeten, mir meine unselige Flucht zu vergeben und die Rückkehr an den Hof zu |272|erlauben, ich würde mich künftighin jeglicher Reden und Taten gegen den Kardinal enthalten.«

»Schöne Leserin, Sie sind vier Jahrhunderte zu spät geboren. Sie hätten eine geradezu vollkommene Königinmutter abgegeben, und der König hätte nach Erhalt Ihres Briefes nicht anders gekonnt als Ihr Los zu bessern, zunächst sicherlich nicht ohne Mißtrauen und ohne einige Prüfungen. Aber ach! die wirkliche Königinmutter schrieb dem König, ohne ihm einen Olivenzweig zu reichen. Im Gegenteil! Ihr Schreiben ist voller Haß und Rachsucht, und vor allem strotzt es von schamlosen Lügen. Erlauben Sie, daß ich es zusammenfasse: Wenn ich heute außerhalb Frankreichs bin, so ist das einzig die Schuld des Kardinals. Er hat mich in die Flucht getrieben. (Es war jedoch der König, und allein der König, der die Truppen, die sie bewachten, auf ihre Bitte hin abgezogen hat.) Es war der Kardinal, der mir die Falle La Capelle gestellt hat. (In Wahrheit war es der Comte de Moret, der den jungen François de Vardes dazu bewog, seiner Herrin das Stadttor von La Capelle zu öffnen.) Doch weiter: Indem Richelieu La Capelle einnahm (Richelieu hat La Capelle niemals eingenommen, die Feste ergab sich von selbst ihrem Gouverneur), hat er mich gezwungen, die Grenze zu überschreiten, was ich immer am meisten gefürchtet habe. (Warum hat sie es dann getan?) Ferner erklärt sie, daß sie die Grenze überschritten habe, weil sie von der Kavallerie des Königs verfolgt worden sei. (Pure Erfindung. Es gab weit und breit keine königlichen Soldaten außer den Musketieren, die, als sie an La Capelle vorüberzog, friedlich schliefen.) Der Brief der Königinmutter gipfelt in dem Vorwurf, der Kardinal wolle Mutter und Sohn aus Frankreich verjagen. Was eine weitere Lüge ist. War es Richelieu, der Gaston wiederholt gezwungen hat, nach Lothringen zu gehen, und der die Königinmutter zwang, nach Brüssel zu gehen?«

»Und was schließen Sie aus alledem, Monsieur?«

»Daß die Königinmutter, nachdem sie den Krieg auf dem einen Feld verloren hat, ihn kindisch durch einen Brief zu gewinnen versucht, den sie auch noch veröffentlicht, womit sie ihre Chancen nun erst recht verschlechtert hat. Und sollten es ihre Räte gewesen sein, die ihr diese Kampfschrift diktierten, hätten sie nicht mehr Urteil als sie selbst bewiesen, und wir dürfen uns auf weitere ebenso ungeschickte Initiativen gefaßt machen.

|273|Denn daß die Königinmutter den Brief veröffentlicht, der ihren Sohn anklagt, heißt doch, daß sie die ihrem Sohn feindlichen Reiche auffordern will, sich ihrer Sache anzunehmen und sie zu unterstützen. Und weil der König sich gegen diese falschen öffentlichen Anklagen verteidigen muß, wird nun auch seine Antwort veröffentlicht. Sie hält sich in maßvollen Worten. Sie schont die Königinmutter. Sie klagt sie nicht der Lügen an, sondern staunt nur, daß ›jene, die sie diesen Brief schreiben ließen, sich nicht geschämt haben, unwahre Tatsachen vorzubringen‹.

Bedauerlicherweise, schöne Leserin, leidet die Königinmutter, wie Sie wissen, an heillosem Starrsinn. Montaigne sagt zu diesem Thema: ›Starrsinn ist der sicherste Beweis von Dummheit.‹ Meines Erachtens hätte er seiner Definition noch Hochmut und schlechtes Gewissen hinzufügen können, denn der Starrsinnige versucht immer, sich selbst wie den anderen die Schwäche seiner Gründe zu verhehlen, indem er ungefähre Angaben, Ausflüchte oder Ungenauigkeiten benutzt.

Zum Starrsinn der Königinmutter kommt noch ein Element hinzu: das Gefühl ihrer Straflosigkeit. In Frankreich hatte sie tatsächlich keinerlei Sanktionen zu befürchten, sie war die zweite Person im Staat. Aber seit sie willentlich die Grenze überschritten hat, liegen die Dinge anders. Damit ist sie unendlich verletzbar geworden, und weil sie sich dies nicht im mindesten bewußt macht, fährt sie in ihren Attacken fort. Unbesonnen und kindisch in Haß und Rachsucht, verfällt sie darauf, ein Schreiben gleichen Wassers wie jenen Brief an ihren Sohn nun auch an den Pariser Obersten Gerichtshof zu senden. Sie geht noch weiter, sie erhebt beim Gerichtshof Klage gegen Richelieu!

Was, zum Teufel, hat sie sich dabei gedacht? Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre, auch um sie. Denn dieses schamloses Vorgehen erbittert den König in solchem Maße, daß er persönlich vors Oberste Gericht geht, den verleumderischen Charakter des mütterlichen Antrags klarstellt, ihn zu unterdrücken befiehlt und die Räte der Königinmutter als des höchsten Majestätsverbrechens schuldig verklagt. Nicht nur das, er zieht sämtliche Einkünfte seiner Mutter in Frankreich ein und beschlagnahmt sie, und sie macht zum erstenmal in ihrem Leben die demütigende Erfahrung, bestraft zu werden.

|274|Und das, schöne Leserin, ist eine weit schwerere Sanktion, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn Ludwig weiß, wie schrankenlos seine Mutter Geld vergeudet und von jeher vergeudet hat. Denken Sie nur daran, daß es der erste Akt ihrer Regentschaft war, den von Henri Quatre so emsig angehäuften Staatsschatz der Bastille zu plündern, und wie schnell ihr all dieses Geld zwischen den Fingern zerrann. Von da an machte sie Schulden, für die der Staat aufkommen mußte. Trotzdem, sparen Sie sich Ihre Tränen, schöne Leserin. Als die Königinmutter vom Louvre nach Compiègne ging und von Compiègne nach Brüssel, nahm sie wie stets all ihr Geschmeide mit, und das waren so viele und so schwere Stücke, daß sie in einer speziellen Kutsche transportiert werden mußten. Hätte sie in ihrem Exil ein bißchen hausgehalten und ab und zu ein Schmuckstück verkauft, hätte sie bis ans Ende ihrer Erdentage behaglich leben können.

Was den König angeht, der sich als Kind immer wünschte, einmal ›Ludwig der Gerechte‹ zu heißen, so hat er lange überlegt, bevor er seiner Mutter Güter und Einkünfte entzog. Was ihn schließlich zu dieser Maßnahme bewog, muß die Erinnerung an jene Goldmillion gewesen sein, die die Königinmutter ihrem jüngsten Sohn gegeben hatte, damit er eine Armee gegen ihn sammle. Damit stand sein Entschluß fest. Er wollte verhindern, daß französische Steuergelder ins feindliche Ausland flossen und der Königinmutter halfen, einen neuen Bürgerkrieg im Vaterland anzuzetteln, dem sie den Rücken gekehrt hatte.«

»Eine letzte Frage, Monsieur: Was wird nun aus ihr?«

»Die Antwort auf Ihre Frage, schöne Leserin, ist nicht ganz einfach, denn sie umfaßt etliche Jahre, in denen die Königinmutter von Flandern nach England, von England nach Holland, von Holland nach Deutschland zog. Überall wurde sie zunächst freundlich aufgenommen, doch machte sie sich so rasch unbeliebt, daß man sie bald verabschiedete. Und weil sie bedenkenlos ausgab, hatte sie bald keinen Schmuck mehr zu versetzen und geriet in solche Bedrängnis, daß sie in Köln von einem unbezahlten Hotelier hinausgeworfen worden wäre, hätte Rubens ihr nicht geholfen. Zu klug übrigens, sie zu sich einzuladen, bot er ihr eins seiner Häuser zu freier Nutzung. Er kannte die Königinmutter seit langem, bekanntlich hat er ihr |275|Leben auf vierundzwanzig Leinwänden festgehalten, die einen Flügel des Palais du Luxembourg zieren.

In Frankreich wurde zweimal die Frage erhoben, ob man ihrer Verbannung nicht ein Ende setzen und ihr die Heimkehr erlauben solle. Das erstemal 1637 durch Pater Gaussin, der diese Frage dem König vortrug, doch der König lehnte ab. ›Sie ist vollends spanisch geworden‹, sagte er, ›und weil sie zu starrsinnig ist, um ihre Meinung zu ändern, würde sie nur wieder Unruhen stiften.‹

Als der König 1639 von seinem Beichtvater erneut bedrängt wurde, befragte er seine Minister in schriftlicher Form über die Rückkehr der Königinmutter. Sie befanden einstimmig, daß diese nicht wünschenswert sei. Die Königinmutter starb am dritten Juli 1642 in dem Haus von Rubens. Sie lebte sehr einsam dort, Rubens war vor ihr gestorben, und ihre Räte hatten sich längst davongemacht wie Ratten von einem sinkenden Schiff.«