|191|ZEHNTES KAPITEL

Am achtzehnten Juli 1630 – Ludwig haßte diesen Tag – kam im Italienfeldzug die Wende. Bis dahin hatten die Waffen des Königs Sieg um Sieg erfochten. Sie hatten Pignerol genommen, Savoyen erobert, das herzogliche Heer bei Veillane geschlagen und das von Toiras verteidigte Casale gehalten.

Aber der Feldzug hatte noch einen zweiten Strang, der nicht weniger gewichtig war. Während die Spanier Casale belagerten, rückten aus dem verheerten Deutschland die Kaiserlichen durchs Veltlin heran und umzingelten Mantua, das bekanntlich durch Erbfolge einem französischen Fürsten, dem Herzog von Nevers, zugefallen war. Der Kaiser bestritt dieses Erbe und forderte das Herzogtum für einen seiner Verwandten.

Tatsächlich ging es dem Kaiser aber um mehr. Da die spanischen Habsburger das Mailändische besetzt hatten, wollten die österreichischen Habsburger, wenn sie erst Mantua hätten, sich aus nächster Nähe den ganzen italienischen Norden einverleiben: ein frommes, von den spanischen Theologen empfohlenes und abgesegnetes Geschäft und die erste Etappe des Weltreichs, das dem Haus Habsburg in der Bibel vom Propheten Daniel verheißen worden war.

Der Herzog von Nevers war gewiß ein Herr von hohem Rang, doch was hilft der Rang, wo es an Wollen und Können fehlt? Seine Verteidigung Mantuas war verschlafen und schwach, und diese mangelnde Wachsamkeit nützten die Kaiserlichen, die Stadt durch Überrumpelung zu nehmen. Am achtzehnten Juli 1630 blieb dem Herzog von Nevers gerade noch die Zeit, sich nach Ferrara zu flüchten, wo er vermutlich sofort wieder in tiefen Schlummer fiel. Die Stadt aber wurde entsetzlich geplündert.

Nichts reist so schnell wie eine böse Nachricht, und seltsam, ein Unglück kommt nie allein. Kaum hatten wir untröstlich den Fall Mantuas vernommen, da trafen Eilboten unserer Marschälle ein und meldeten, daß in mehreren Feldlagern die Pest |192|ausgebrochen war, eines unserer Regimenter sei bereits dezimiert.

Der König berief unverzüglich einen Kriegsrat ein, denn im Umkreis befanden sich mehrere Marschälle mit ihren Truppen. In aller Herrgottsfrühe wurde ich dazubestellt und fand außer dem König und dem Kardinal auch den Pater Joseph, Monsieur Brulard de Léon (den ich nur flüchtig kannte), den Rat Bouthillier, aber von den Marschällen nur Schomberg und Créqui, alle unausgeschlafen und mit traurigen, langen Gesichtern. Der König, blaß, doch entschlossen, fragte die Marschälle als erstes, ob sie es für möglich hielten, Mantua zurückzuerobern.

»Sire«, sagte Créqui, »das hieße für uns: durchs Mailändische ziehen und die Spanier schlagen, dann ins mantuanische Land und die Kaiserlichen schlagen, falls die beiden Armeen unser Nahen nicht schon erfahren und sich zusammengeschlossen haben, um uns mit Übermacht zu zermalmen.«

»Schomberg, was ist Eure Meinung?«

»Die Unternehmung wäre zu gefährlich, Sire, weil wir uns viel zu weit von unseren Basen entfernen würden.«

»Mein Cousin?« wandte sich Ludwig an den Kardinal.

»Sire, auch ich denke, daß man sich der Geographie beugen muß: Mantua liegt unseren Grenzen zu fern, als daß wir uns auf so zweifelhafte Kämpfe einlassen dürften. Meines Erachtens muß verhandelt werden, damit man wenigstens Zeit gewinnt. Und es müßten eigentlich zwei Verhandlungen geführt werden: eine mit Spanien über Casale, für die wir um die Vermittlung des Papstes und Mazarinis ersuchen könnten, und die andere, ohne Vermittler, um unsere Differenz mit dem Kaiser beizulegen.«

Hier wurde mir angst, fürchtete ich doch, wegen meiner Deutschkenntnisse zum österreichischen Gesandten bestimmt zu werden, aber der Kardinal hatte offenbar anderes mit mir vor, denn er fragte den Pater Joseph und Monsieur Brulard de Léon, ob sie gewillt seien, Rücksprache mit den Kaiserlichen aufzunehmen. Das Wort »gewillt« im Munde des Königs oder des Kardinals ergötzte mich immer wieder, und der Leser weiß, warum. Diesmal tat es mehr als mich ergötzen. Es erleichterte mich.

Hierauf beurlaubte der König seine Räte, nur den Kardinal und mich bat er zu bleiben, was mir doch eher als gutes Vorzeichen für meine neue Mission erschien.

|193|Kaum hatte die Tür sich hinter den Scheidenden geschlossen, wandte sich Richelieu an den König.

»Obwohl ich weiß, Sire, daß Grenoble nicht weit von Lyon liegt, bin ich doch baß erstaunt, daß Monsieur de Marillac den Fall von Mantua fast ebenso schnell erfahren hat wie wir, denn das beweist das Sendschreiben, das ich heute von ihm erhielt.«

»Und was sagt er über den Fall von Mantua?« fragte der König.

»Ich will nicht behaupten, daß er triumphiert oder Schadenfreude empfindet, aber offensichtlich bereitet ihm dieser schwere Rückschlag für unsere Armeen keinen Kummer. ›Wir werden uns‹, schreibt er, ›mit jedem neuen Tag wohl auf noch viele solcher schlechten Nachrichten gefaßt machen müssen.‹«

»Wer anderen Unglück prophezeit, der wünscht es im stillen«, sagte Ludwig. »Diesem Narren geht sein Spanien so über alles, daß er es immer siegreich sehen will, sogar über sein eigenes Vaterland.«

»Ich fürchte auch«, sagte Richelieu, »daß die Kabale sich diesen Sieg des Feindes entschieden zunutze machen wird, und weil man sich an Euch nicht heranwagt, Sire, wird man auf mich einschlagen. Vielleicht wäre es das beste, Sire, wenn Ihr nach Lyon ginget und damit der Gegenpartei ein wenig den Wind aus den Segeln nähmt, sonst verklagt man mich womöglich noch, ich wolle Euren Tod, indem ich Euch an pestverseuchten Orten festhalte.«

»Ich überlege es mir«, sagte Ludwig in der verschlossenen Art, die er immer annahm, wenn er dem Eindruck begegnen wollte, er gebe Richelieu in allem nach.

»Sire«, sagte der Kardinal, »der Wille Eurer Majestät geschehe. Und sollte Eure Majestät sich zur Abreise entschließen, wünschte ich, daß der Herzog von Orbieu mit Euch geht, und sei es nur, um sich mit dem Domherrn Fogacer und seinen ›Beichtkindern‹ in Verbindung zu setzen. Gott weiß, wie nötig es ist, uns in diesen schwierigen Tagen über alles Gehetze und alle Umtriebe auf dem laufenden zu halten.«

Wie vorauszusehen, reiste der König, und ich durfte mit. Von Grenoble nach Lyon ist es auf der Landkarte eine kurze Entfernung, aber der Weg war lang, und das bei drückender Hitze. Hinzu kam, daß wir an den Etappen auf ziemlich miserable Quartiere trafen, und überall war die Rede nur von der |194|Pest, die anscheinend fast genauso schnell wie wir gen Norden reiste.

Einen Großteil der Reise legte ich in meiner Karosse zurück, zweimal wurde ich von Ludwig in seine eingeladen: das erstemal zusammen mit Monsieur de Guron und dem königlichen Leibarzt Bouvard, das zweitemal allein. Da Bouvard sehr redegewandt und Guron ein großer Schwätzer war, holte Ludwig mich wahrscheinlich, weil er wußte, daß ich schweigen konnte, wenigstens in seiner Gegenwart.

Als ich nun sah, wie Seine Majestät sich ins Polster lehnte und die Augen schloß, dachte ich, daß er schlafen wolle oder doch so tat, um sich meines Schweigens zu versichern, also ließ auch ich die Lider sinken. Zuerst dachte ich an meinen Vater, wie sein Alter doch so schön von Margots blondem Haar vergoldet wurde, wie der liebenswerte Miroul ihm nach wie vor Gesellschaft leistete, die tüchtige Mariette seine Wirtschaft führte und für Töpfe und Braten sorgte, dann wanderten meine Gedanken von der einen Familie zur anderen, zu meiner Catherine, meine ich, und meinem kleinen Emmanuel, die ich nun in wenigen Tagen wiedersehen sollte, wodurch meine Ungeduld, nach Paris zu kommen, noch mehr wuchs. Und wie meine beiden, Mutter und Sohn, mir so vor die Augen traten, war ich dermaßen gerührt, daß ich von meinen Wachträumen allgemach in Schlafträume hinüberglitt.

»Nun, nun, Sioac!« sagte auf einmal Ludwig mit halb ernster, halb amüsierter Stimme, »Ihr schlaft! Schlaft in Gegenwart Eures Königs! Was für ein unerlaubter Verstoß gegen die Etikette!«

»Ach, Sire«, sagte ich auffahrend, »ich bitte tausendmal um Vergebung! Aber weil ich Euch, Sire, mit geschlossenen Augen sah, dachte ich, Ihr wäret eingeschlummert, und so sank auch ich ganz sacht in Schlummer.«

»Seid froh, Sioac«, sagte Ludwig mit großem Seufzer. »Wie wünschte ich, an Eurer Stelle zu sein! Aber wie sehr ich mich auch mühe, ich finde keinen Schlaf.«

»Eure Majestät macht sich vielleicht großen Kummer um Mantua?«

»Nein. Mantua ist ein Rückschlag in einem Krieg, in dem es immer auf beiden Seiten Niederlagen und Erfolge gibt. Nein, nein! Nicht Mantua bekümmert mich, sondern meine leibliche |195|Hülle. Oft leide ich an Kopfschmerzen, aber heute ist es nicht einmal das, und trotzdem fühle ich mich matt und sonderbar.«

»Sonderbar, Sire?«

»Als Bouvard heute morgen meinen Puls maß, versicherte er, daß ich kein Fieber habe. Ich bin also nicht krank. Ich habe auch keine Schmerzen, weder im Kopf noch im Magen oder im Gedärm. Aber gut geht es mir auch nicht, ich bin, wie man so sagt, nicht auf dem Posten.«

»Sire, das wird am Stuckern des Wagens liegen und an den schlechten Nachtquartieren. Sobald Ihr wieder zu Lyon in Eurem schönen Schlafgemach seid, Sire, wird das Unbehagen Euch verlassen, und Ihr schlaft wie ein Engel.«

»Möge der Himmel dich erhören, Sioac!«

Ludwig beurlaubte mich an der nächsten Etappe, vermutlich wollte er sich von Doktor Bouvard untersuchen lassen. Ich kehrte in meine Karosse zurück, wo Fogacer mit gerührter Miene über den Schlaf des kleinen Saint-Martin wachte. Der Domherr legte den Finger an den Mund zum Zeichen, daß ich schweigen solle, was ich gern tat, denn mein Gespräch mit Ludwig hatte mich nachdenklich und traurig gestimmt. Das Schweigen dauerte indes nicht, denn Saint-Martin erwachte, und Fogacer, immer um seine Belehrung bemüht, schilderte ihm den erzbischöflichen Palast zu Lyon, für dessen Ausbau Richelieu viel Mühe und Geld aufgewendet hatte, ohne das Bauwerk am Ufer der Saône doch vollenden zu können.

»Dann spiegelt sich der Palast also in der Saône?« fragte Saint-Martin.

»Ja«, sagte Fogacer, »und das macht einen Teil seiner Schönheit aus. Außerdem ist er reich beleuchtet und im Winter gut geheizt.«

Ein Stück vor dem Palast stiegen Fogacer und Saint-Martin aus, um im Hause eines befreundeten Priesters einzukehren. Ich setzte meinen Weg durch eine Gasse fort, die zu dieser Morgenstunde noch nicht von Karren, Fußgängern und Reitern verstopft war, so daß ich die Karosse des Königs einholen konnte. Ich sah ihn aus dem Wagen steigen und die Stufen zum Palast hinaufgehen. In respektvollem Abstand folgte ich, hielt jedoch inne, als ich oben auf der Treppe die Königinmutter auftauchen sah. In statuarischer Massigkeit stand sie dort, die Unterlippe hochmütig vorgeschoben, mit gespitzten Brauen, flammenden |196|Augen, nicht unähnlich einem Drachen von Weib, das mit der Rute in der Hand sich anschickt, einen kleinen Schulschwänzer Mores zu lehren.

»Nun, mein Herr Sohn«, begann sie mit lauter Stimme, »jetzt steht Ihr schön da! Ihr habt den Krieg verloren, und warum? Weil Ihr auf die guten Ratschläge hörtet, die Euch Richelieu gab! Fallen Euch endlich die Schuppen von den Augen? Worauf wartet Ihr noch, ihn zu entlassen?«

»Madame«, sagte der König, sich tief verneigend, doch mit funkelnden Augen und eisiger Stimme, »ich habe Mantua nicht verlieren können, weil Mantua nicht mir gehörte, und also habe ich den Krieg nicht verloren. Dafür habe ich Susa, Pignerol und ganz Savoyen erobert. Ich halte Casale nach wie vor. Und was den Herrn Kardinal angeht, mögen die Unbelehrbaren sagen, was sie wollen, so ist er doch der beste Diener, den Frankreich jemals hatte.«

Hiermit machte der König seiner Mutter eine neuerliche tiefe Verneigung, umrundete das Monument aus Starrsinn und Stolz, betrat straffen Schrittes den erzbischöflichen Palast und eilte zu seinem Gemach, wohin ich ihm auf sein Zeichen folgte.

»Sioac!« sagte er, indem er sich auf sein Bett warf, »habt Ihr diese herabsetzenden Reden gehört? Meine Mutter hat mich ein Vierteljahr nicht gesehen, und alles, was sie mir zu sagen weiß, ist: Ihr habt den Krieg verloren! Entlaßt den Kardinal! Was, zum Teufel, habe ich den Göttern getan, daß ich eine solche Mutter habe? Sioac, schreibt unverzüglich an den Kardinal, er soll zu mir nach Lyon kommen. Bei dieser sich überall verbreitenden Pest muß mit dem Feind auf jeden Fall ein Waffenstillstand geschlossen werden, und dazu brauchen wir den Kardinal. Sollen die Marschälle sich in Grenoble um die Truppen kümmern, damit sie nicht desertieren. Beeilt Euch, Sioac, schreibt den Brief und bringt ihn mir. Ihr werdet sehen«, setzte er wütend hinzu, »die Königinmutter wird jetzt jeden Tag, jede Stunde, jede Minute fordern, daß ich den Kardinal entlassen soll. Hat man je einen solchen Starrsinn gesehen?«

Am nächsten Tag wirkte der König, nach einer guten Nacht in einem guten Bett, besser erholt, nicht mehr so matt und »sonderbar«, wie er mir beim Erwachen zu sagen geruhte, nachdem Bouvard seinen Puls gemessen hatte. Und mit der Ankunft Richelieus zwei Tage darauf war er wieder ganz »auf |197|dem Posten«. Der Kardinal brachte eine nicht gerade gute, aber doch willkommene Nachricht. Dank der Schläue und Beharrlichkeit Giulio Mazarinis hatten die Spanier sich für Casale auf eine Notlösung eingelassen: Toiras und die Franzosen sollten die Zitadelle behalten und die Spanier Stadt und Schloß besetzen. Der Waffenstillstand sollte bis zum fünfzehnten Oktober dauern. Wenn die französische Armee bis dahin nicht vor den Mauern von Casale erschienen sei, müsse Toiras mit seinen Truppen die Zitadelle räumen.

Dieser Waffenstillstand dünkte mich nun so seltsam, daß ich mich hierüber Fogacer eröffnete, denn zweifellos hatte Mazarini den Pakt doch nach päpstlicher Anregung ausgeknobelt und den kriegführenden Parteien aufgedrückt.

»Mein Freund«, meinte Fogacer, »seit die Kaiserlichen Mantua besitzen, haben sie die Hände frei. Aber die Spanier wollen keinesfalls, daß sie ihnen in Casale beispringen, und der Papst schon gar nicht. Denn sind Spanier und Kaiserliche auch derselben Habsburger Brut entsprungen, heißt das noch lange nicht, daß sie einander innig lieben, dazu finden die Iberer die Kaiserlichen viel zu besitzergreifend und der Papst erst recht.«

Seltsam, wieviel ich auch in meinem Gedächtnis forsche, kann ich mich doch nicht entsinnen, an welchem Tag genau der König zu Lyon von der Krankheit ergriffen wurde, die ihn ums Haar hinweggerafft hätte. War es am Samstag, dem einundzwanzigsten September 1630, oder am Sonntag, dem zweiundzwanzigsten? Natürlich weiß ich, daß das Datum nebensächlich ist, wenn es sich um ein Ereignis von solcher Tragweite handelt, daß es beinahe die Geschicke des Reiches verändert, und zum Schlimmsten verändert, hätte. Gleichwohl finde ich es ein wenig beunruhigend, daß die Geschichte ein so denkwürdiges Datum nicht zu präzisieren vermag.

Bis zu Ludwigs Rückkehr nach Lyon hatte die Königinmutter im erzbischöflichen Palast gewohnt, nun aber, weil sie entweder Lyon noch im September zu erstickend fand oder aber es vorzog, dem König fern genug zu sein, um unbehelligt den Klüngel zu empfangen, der sich gegen seine Politik verschworen hatte, zog sie auf die andere Seite der Saône, in die Abtei Ainay, einen eher ländlichen Ort, wo sie ihren Sohn zu einer Sitzung des Großen Rats empfing, und zwar an ebenjenem Tag, dessen Datum ich nicht genau weiß.

|198|Auf dieser Ratstagung geschah nichts, was man nicht hätte vorhersagen können. Vehement plädierten die Königinmutter und Marillac für einen Frieden um jeden Preis. Die übrigen Ratsmitglieder fanden es ehrlos, alles aufzugeben, und wollten den Kampf fortsetzen. Und weil der König sich, wie erwartet, in demselben Sinn aussprach, gingen Marillac und die Königinmutter aus dieser Konfrontation aufs neue geschlagen hervor.

Nun, wir hatten die Abtei Ainay kaum verlassen, als die Krankheit des Königs begann: Er wankte, legte, um sein Gleichgewicht zu halten, die Hand auf Richelieus Schulter, klagte mit erstickter Stimme über einen jähen Schmerz im Kopf und daß ihn Schauer durchliefen. Richelieu führte ihn in seine Karosse und ließ diese, um mit dem Umweg über die Brücke keine Zeit zu verlieren, mit der Fähre über den Fluß setzen, so daß sie vor dem erzbischöflichen Palast an Land kam. Wir stützten den König rechts und links, um ihm die Stufen hinaufzuhelfen, und sobald er in seinem Gemach war, rief man die Ärzte.

Schon säten aber die Klatschmäuler vom Hof Panik im Palast, indem sie in alle Winde schrien, der König habe die Pest, und die Pest verbreite sich jetzt über den ganzen Palast und werde uns alle töten.

Doktor Bouvard, der Ludwig mit Beringhens Hilfe entkleidete, sah sofort, daß es nicht an dem war, und trat auf Richelieus inständige Bitte vor die Tür, um die Höflinge zu beruhigen, denn schon verkündigten etliche, sie würden, um der Ansteckung auszuweichen, sofort ihre Koffer packen und den Ort schleunigst verlassen. Ich begleitete Bouvard, um dem Klagen, Schluchzen und Heulen der kopfscheuen Gesellschaft Einhalt zu gebieten. Bei unserem Anblick wich alles mit einem Entsetzen zurück, als wären wir selbst von der Pest ergriffen. Mit Stentorstimme gab ich also bekannt, daß der König nicht die Pest habe, und erbat Ruhe, um dem Doktor Bouvard Gehör zu verschaffen.

»Es ist absolut sicher«, sprach Bouvard, »daß der König nicht die Pest hat, denn er weist keines der Anzeichen dieser Seuche auf, er hat keine Geschwülste, keine Beulen und keine Purpurröte.«

Trotzdem war die Menge durch diese Worte nur halb beruhigt, und ich riet Bouvard, seine Worte näher zu erläutern, wozu |199|er sich nur widerwillig herbeiließ, denn unsere Ärzte hüllen sich zu gerne in die Geheimnisse ihres erworbenen Wissens.

»Die Anzeichen«, sagte Bouvard also, »an denen man erkennt, ob ein Mensch von der Pest befallen ist, sind zum ersten eine dicke Schwellung unter der rechten Achsel, welche man Pestgeschwulst nennt. Zum zweiten schwarze Pusteln am Bauch, die sogenannten Pestbeulen, und zum dritten kleine Eiterpunkte auf der Brust, die sogenannte Purpurröte. Seine Majestät weist keines dieser Symptome auf. Sie hat also nicht die Pest.«

Hierauf nahm ich wieder das Wort, empfahl den Anwesenden in entschlossenem Ton, sich still zurückzuziehen und keinen Lärm zu machen, um den König nicht zu stören. Dann zogen unterm Befehl des Comte de Guiche zwölf Gardisten auf, die Tür zu bewachen, und bei ihrem Anblick zogen sich die Höflinge, wenn auch zögernd und unwillig, aus dem königlichen Vorzimmer zurück. Und weil sie nun nicht mehr von der Pest lamentieren konnten, entschädigten sie sich damit, wie ich nachher hörte, die königliche Krankheit dem Kardinal anzulasten, der Seine Majestät an verpestete Orte verschleppt habe. Diese These wurde von Königin Anna aufgegriffen und offen unterstützt, und als sie Richelieu auf einem Flur begegnete, sagte sie wütend zu ihm: »Da haben wir es nun, was diese schöne Reise gebracht hat!«

Bouvard rief alle Ärzte des Hofes zur Konsultation, und sie stellten fest, daß der Bauch des Königs hart und geschwollen war und er überdies »durch die hintere Pforte« einen ständigen blutigen Durchfall absonderte. Worauf sie einen Aderlaß vornahmen, was mich in größte Sorge versetzte in Anbetracht all des Blutes, das der König bereits verloren hatte. Als ich dies später meinem Vater berichtete, schrie er auf vor Zorn. Denn, Leser, es wäre sehr irrig, wenn du glauben solltest, daß alle unsere Ärzte den Aderlaß guthießen, eine aus Italien gekommene Behandlungsmethode, die auf einem unzulässigen Vergleich beruhte: Wenn das Wasser eines Brunnens faulig ist, braucht man nur eine bestimmte Menge abzuziehen, damit der Brunnen wieder klares Wasser spendet. Ebenso müsse man einem kranken Körper das schlechte Blut abziehen, damit er wieder reines und gesundes Blut produziert. Aber woher weiß man, sagte mein Vater, ob das abgezogene Blut schlecht ist oder nicht?

|200|Zwei Tage lang stieg Ludwigs Fieber unaufhaltsam, während der blutige Durchfall weiterging. Sein Atem wurde kurz und fiel zeitweilig ab bis zum Ersticken.

»Wenn Ihr seht, daß ich in Gefahr bin«, sagte der König mit schwacher Stimme zu Pater Suffren, der ihm Trost zuzusprechen versuchte, »laßt es mich rechtzeitig wissen. Ich habe keine Angst vorm Tod.«

Am siebenundzwanzigsten September gaben die Ärzte ihn verloren, Pater Suffren jedoch, der ihm dies nicht mitzuteilen wagte, sagte, es wäre gut, an diesem seinem Geburtstag zu beichten und zu kommunizieren.

»Gut«, sagte Ludwig, »zumal ich fürchte, daß mein Geburtstag mein Todestag wird.«

Dann fuhr er fort, ohne daß sein Gesicht irgendwelche Traurigkeit oder Furcht zeigte: »Ich werde heute neunundzwanzig Jahre alt.«

Wer weiß, warum vor einem Tod oft ein Moment eintritt, in dem der Kranke wieder zu Kräften zu kommen scheint, so als täusche die Krankheit vor, ihn zu verschonen, nur um desto stärker wiederzukehren und ihn dahinzuraffen.

Dieser Nachlaß trat auch bei Ludwig ein. In der Nacht vom Achtundzwanzigsten zum Neunundzwanzigsten schien es ihm besser zu gehen, am Vormittag des Neunundzwanzigsten begann jedoch ein schwerer Rückfall. Von elf Uhr an verlor er solche Mengen Blut, daß man ihn endgültig aufgab, und wiederum beichtete und kommunizierte er. Armer König, was konnte er dem Pater Suffren anderes sagen, als was er nicht zwei Tage zuvor schon gesagt hatte? Sündigt man auf dem Sterbebett?

Nachdem er kommuniziert hatte, befahl Ludwig, weil ein König von Frankreich nun mal öffentlich geboren werden und sterben muß, die beiden Flügel seines Schlafgemachs zu öffnen. Die Höflinge traten herein und fielen beim Anblick des abgezehrten Ludwig schweigend auf die Knie.

»Ich bitte all jene um Vergebung«, sagte der König, »die ich gekränkt habe, und werde nur zufrieden sterben, wenn ich weiß, daß Ihr mir verzeiht.«

Nun geschah etwas Bemerkenswertes, das angesichts der Tragik der Stunde aber nahezu unbeachtet blieb. Ludwig machte seiner Frau ein Zeichen, sich zu nähern, und küßte sie |201|schweigend auf beide Wangen. Er machte Richelieu das Zeichen und küßte auch ihn.

Aber nicht einmal rief er seine Mutter zu sich. Auf seinem Sterbebett bat er alle um Verzeihung, ihr aber verzieh er nicht, so tief waren noch die Wunden, die die mütterliche Lieblosigkeit und Verachtung ihm in seinem kurzen Leben geschlagen hatte. Und weil er eine so gewissenhafte Seele war, dachte er wahrscheinlich, daß es nicht recht wäre, ihr gegenüber eine Geste zu machen oder eine Empfindung vorzutäuschen, die ihm nicht von Herzen kam.

Doktor Bouvard bat den Großkämmerer, er möge die Höflinge auffordern, sich in die Galerie vor dem Gemach zu verfügen, während die Flügel der Tür geöffnet blieben, damit durch die vielen Menschen im königlichen Gemach nicht die Atemluft knapp werde. Was ohne unnötigen Lärm geschah, die meisten spürten, daß die Wache lang sein werde, und ließen sich auf den Teppichen nieder. Um das Bett saßen auf Lehnstühlen nur die Königinmutter, die Königin, Gaston, Marillac und Richelieu. Die Ärzte, die Edelleute der königlichen Kammer und ich hielten uns meist stehend im Hintergrund. Doktor Bouvard, der mich seit langem kannte, ließ mir von einem Diener einen Schemel bringen, was mich sehr erleichterte, denn nach einer Stunde taten mir vom langen Stehen die Beine weh.

Auf Verlangen des Königs war das Gemach reichlich durch Kandelaber mit duftenden Kerzen erhellt, und so konnte ich die Gesichter der das Sterbebett umgebenden Familie gut beobachten, die ihren König so wenig liebte.

Anna von Österreich war wohl noch am meisten ergriffen, freilich aus Gründen, die sehr viel mehr ihr Schicksal als das Ludwigs betrafen. Obwohl mehrmals schwanger, hatte sie die Frucht nie ausgetragen, sie hatte Frankreich noch keinen Dauphin geboren, und wenn sie Witwe würde, wäre sie nichts mehr am Hof. Ihre einzige, schon früher genährte Hoffnung war, dann Gaston zu heiraten. Sie hatte von jeher eine Neigung für ihn gehabt, ihr bißchen Verstand paßte auch gut zu Gastons Leichtsinn und seinen Clownerien. Was aber wäre, wenn Gaston König würde? Welche Gelüste, diese oder jene zu heiraten, kämen ihm dann in den Sinn? Er entschwirrte ebenso leicht, wie er sich fangen ließ. Er war die Marionette seiner Räte und sein Kopf eine Mühle, die sich nach dem Wind ihrer Phantasien |202|drehte. Artig auf ihrem Lehnstuhl sitzend, hielt Anna ein Spitzentuch in Händen, das sie im gegebenen Moment wohl für einige Tränen zücken konnte. Indessen warf sie aber verstohlene Blicke nach Gaston, der sie nicht einmal bemerkte, weil er wie geblendet und der Erde entrückt war durch die Vorstellung, König zu werden. Nach meinem Dafürhalten würde der erste Akt seiner Herrschaft auf traurige Weise dem der Mutter gleichen, nachdem Henri Quatre ermordet worden war: Er würde unverzüglich, zu seinem eigenen Gebrauch, die Schatztruhen leeren, und wenn er sich alle Taler angeeignet hätte, mit denen das Reich eine machtvolle Armee unterhalten konnte, würde er um jeden Preis Frieden mit Spanien schließen.

Massig, daß die Hüften über den Sitz ihres Lehnstuhls hinausquollen, den Rumpf gerade, den Kopf arrogant erhoben, sah die Königinmutter mit einem Gesicht, das eine wohlfeile Betrübnis zeigte, Ludwig in den Fängen des Todes. In Wahrheit hatte sie von ihren sechs Kindern nur das am wenigsten liebenswürdige geliebt: Gaston.

Obwohl sie es sich nicht anmerken ließ und es niemals eingestanden hätte, war diese Agonie für die Königinmutter ein Tag der Glorie und Vergeltung. Im Jahr 1617 hatte der inzwischen großjährige Sohn ihr mit Gewalt die Macht entrissen, die sie ihm unrechtmäßig vorenthalten hatte. Mehr noch, er hatte sie verbannt, und obwohl er sie schließlich zurückgerufen hatte, konnte sie nie mehr auch nur ein Fitzelchen Macht erlangen. Und genauso, wie sie immer vermeinte, daß sie als Königinmutter alle Rechte habe, während alle Pflichten ihm oblagen, mußte die politische Macht nun wieder ihr zufallen: diese Macht, die sie so sehr liebte und die sie so schlecht ausgeübt hatte. Jetzt waren, Gott sei Dank, die Jahre der Ohnmacht und der Demütigung vorbei. Sie setzte voll auf Gaston, sobald er König wäre. Er hatte wenig Interesse für die großen Geschäfte und lebte ganz seinem Vergnügen. Sofern er nur gut mit Geld versehen war, scherte alles andere ihn wenig. Also würde sie unumschränkt herrschen können. Was Richelieu anbetraf, so wäre er, wenn der König die Welt verließe, nur mehr ein Vogelfreier, allseits von Haß und Hellebarden bedroht. Falls das für ihn nicht noch ein zu sanfter Tod wäre.

Monsieur de Marillac, der neben ihr saß, betete. Er hatte sich verziehen, daß er wegen seines Alters und seiner Gebrechen |203|nicht auf Knien beten konnte. Ich sah seine Lippen murmeln, aber wenn ich die Gebete auch auswendig wußte, die er sprach, wie sollte ich wissen, welche Gedanken sie begleiteten? Und doch versuchte ich mich daran. Denn endlich kam unser Fanatiker ja ans Ziel. Bis hierhin hatte er den König oder Richelieu nie zu überzeugen vermocht, daß die einzige eines katholischen Königs würdige Politik die des Tridentiner Konzils sei, daß man nach dem Krieg im Languedoc, anstatt den Protestanten jenen »verhaßten« Gnadenfrieden zu gewähren, die Ketzerei und alle, die ihr anhingen, innerhalb des Reichs und in ganz Europa ein für allemal hätte ausrotten müssen. Diese gewaltige Aufgabe erforderte, daß Frankreich sich in tiefer Einigkeit mit den Kaiserlichen und den Spaniern zusammenschloß. Um ihre Freunde zu werden, waren gewiß einige kleine Konzessionen unerläßlich: auf Pignerol verzichten, auf Susa, auf Casale; es mußten unsere italienischen Freunde aufgegeben und diese ewigen, für das Reich so ruinösen Kriege beendet werden, die beim Volk überall in Frankreich Unzufriedenheit und Unruhen auslösten.

Ich möchte, daß der Leser sich hier vergegenwärtige, daß Monsieur de Marillac ein überaus respektabler Mann war. Ein aufrichtiger Katholik, treuer Gemahl, ein strenger, doch liebevoller Vater, mildtätig gegen die Armen und ein untadeliger, fähiger und arbeitsamer Minister, der ein sittenreines Leben führte, das nur aus Pflichten und Tugenden bestand. An diesem glänzenden Küraß gab es indes zwei Makel. Der erste war, daß er, wenn er allsonntäglich der Messe lauschte und dem christlichen Gebot, seinen Nächsten zu lieben, gleichzeitig mit all seiner Glut ein Massaker an einer Million Protestanten herbeiwünschen konnte.

Und der zweite Makel, der die schöne Rüstung verunzierte, bestand darin, daß der Glaubenskampf des Monsieur de Marillac nicht frei war von persönlichem Interesse. Er wußte sehr wohl, daß der Triumph seiner Politik zugleich sein eigener sein würde, denn wenn Richelieu vom Erdboden verschwände, beriefe die Königinmutter an dessen Stelle selbstverständlich ihn.

Was nun den Kardinal anging, der da inmitten der königlichen Familie saß, die so leidenschaftlich den Tod des Königs und den seinen herbeisehnte, so blickte er niemanden an, und niemand gönnte ihm einen Blick. Er machte den Eindruck, als |204|werde mit dem letzten Seufzer des Sterbenden auch er die Welt verlassen. Und wie er da mit unendlichem Kummer den Herrn aus seinem Leben scheiden sah, dem er mit soviel Hingabe und Liebe gedient hatte, fragte es sich, ob Richelieu nicht schon mehr tot als lebendig war.

***

Was dann geschah, wurde von allen, die dort zugegen waren, als ein Wunder betrachtet. Gegen elf Uhr abends setzt erneut der blutige Durchfall ein, und stärker als je zuvor. Man gibt den Patienten verloren, dessen Körper so radikal an Säften verliert, doch gerade das rettet ihn. Ludwig hatte nämlich nicht an Dysenterie gelitten, wie die Ärzte glaubten, sondern an einem inneren Geschwür, das zum Glück aufbrach und sich jetzt mit dem Blut ausleerte.

Die Genesung trat ebenso schnell ein, wie die Krankheit ausgebrochen war. Das Fieber sank, der Schmerz verschwand, der Kranke fiel in friedlichen Schlummer. Am nächsten Morgen wollte er aufstehen und Suppe essen.

Ach, wie viele verlorene Hoffnungen für Marillac und die königliche Familie! Wieviel enttäuschter Ehrgeiz! Und soviel wieder und wieder geschürter und nun ungestillter Haß!

Doch noch ist die Partie nicht verloren: Die beiden Königinnen besprechen sich im geheimen. Der König ist noch schwach und bedarf der Schonung. Kann man aus seiner Schwäche nicht Vorteil ziehen und ihm auf sanftestem Wege die Entlassung Richelieus abringen?

Königin Anna tupft sich mit ihrem Spitzentuch die nicht geweinten Tränen ab, setzt sich liebreich ans Kopfende zu ihrem Gemahl, und mit reizender Verlegenheit, indem sie auf ihren Zustand verweist (wieder einmal erwartet sie einen Dauphin), spricht sie von ihrer grenzenlosen Erleichterung, ihn gerettet zu sehen, nachdem sie tödlich gelitten habe in dem Gedanken, ihn zu verlieren … Hierauf bittet sie ihn, fleht ihn an, Richelieu zu entlassen, »den Urheber all unserer Leiden und namentlich des Euren, Sire«.

Auch Ludwig ist sehr weich gestimmt. Er drückt der Königin seine Hoffnung und seine herzlichen Wünsche aus, auf daß ihre Schwangerschaft diesmal gelinge, und bittet sie »vielmals um Entschuldigung, daß er bis dahin nicht gut mit ihr gelebt habe«.

|205|Ist das Großmut oder Ironie? Denn wer sich hätte entschuldigen müssen, wäre doch eher diese törichte Frau gewesen, sowohl für ihren Leichtsinn in der Affäre Buckingham wie für ihre trübe Rolle in der Affäre Chalais, vor allem aber für die verräterischen Informationen, die sie so lange über die französische Politik nach Spanien gemeldet hat.

Aber Ludwig fühlt sich zu schwach, um sich und mithin sie nicht zu schonen. Zwar insgeheim stark beunruhigt, in diesem Moment einer so taktlosen Zumutung zu begegnen, will er mit Anna keinen Streit anfangen, der sich Tag für Tag fortsetzen würde. »Meine Liebe«, sagt er, »Ihr habt tausendmal recht, aber Ihr werdet verstehen, daß ich Euren Wünschen nicht willfahren kann, solange der Frieden mit Spanien nicht unterzeichnet ist.«

Die kleine Königin nimmt die ausweichende Antwort für bare Münze. Triumphierend eilt sie zur Königinmutter, der aber dieser Triumph nun durchaus nicht gefällt, denn wenn es auf der Welt jemanden gibt, dem der König nachgeben darf, dann seiner Mutter und niemandem sonst. Sie beschließt also, mit all ihrer Gewichtigkeit den Sieg davonzutragen.

Diese zweite Demarche entsetzt den König. Wenn er Königin Anna auch nicht eben hochschätzt, empfindet er für sie doch eine gewisse Zuneigung. Seine anfänglichen Schwierigkeiten, die »Ehe zu vollziehen«, hatte er schließlich überwunden. Und Doktor Bouvard, dem die Kammerfrau, die den Nachtdienst versieht, jeden Morgen berichtet, was sich zwischen den Gatten abgespielt hat, führt peinlich genau Buch über die Liebesbeziehungen des königlichen Paares. Einsichtig vermerkt er, wenn der König mit seiner Gemahlin nur einmal Liebe gemacht hat, er habe seine monarchische Pflicht erfüllt, weil er einen Dauphin wolle. Wenn es aber zwei- oder dreimal war, so bedeute das offensichtlich, daß er daran Vergnügen fand. Damit dreht Doktor Bouvard im voraus allem Geschwätz den Hals um, das über Ludwigs Frigidität umläuft, allerdings haben Bosheit und Verleumdung seit je ein zäheres Leben als die schlichte Wahrheit.

Noch bevor die Königinmutter majestätisch auf einem Lehnstuhl vor seinem Bett Platz nimmt, weiß Ludwig, was sie von ihm fordern wird und mit welchen Worten und, wenn er nein sagt, mit welchem Geschrei sie die Ablehnung quittieren wird. Sogleich kommt Ludwig dem mit der Ergebung zuvor, die einem guten Sohn gegenüber der verehrten Mutter ziemt. Er |206|wisse, was sie will, sagt er, und er sei ihrem Verlangen gern zugänglich. Sein Entschluß stehe fest. Aber die Ausführung müsse ein wenig warten, denn selbstverständlich könne er nichts machen, bevor er nicht wieder in Paris sei.

Die zweite ausweichende Antwort, und allein die Tatsache, daß es nun deren zwei sind, eine für Anna und die andere für sie, hätte die Königinmutter hellhörig machen sollen. Aber die finezza ist nicht ihre Stärke. Sie frohlockt: Sie kam, sah und siegte. Nur mußte sie dem König Geheimhaltung versprechen, sie darf ihren Sieg nicht hinausposaunen, wie sie es so sehr wünschte, solange er nicht in den Louvre zurückgekehrt ist.

Tatsächlich war Ludwigs Ungeduld groß, nach Paris heimzukehren – er hoffte sich in der guten Luft von Versailles völlig zu erholen –, und so brach er auf ohne den Hof, ohne die Königinnen, ohne Richelieu. In Roanne jedoch wurde ihm der Friedensvertrag vorgelegt, den der Pater Joseph und Brulard de Léon mit dem Kaiser zu Regensburg unterzeichnet hatten, er war darüber höchst entrüstet und schickte ihn per Eilboten an Richelieu mit der Order, sowie er in Roanne einträfe, einen Großen Rat unter Vorsitz der Königinmutter abzuhalten zu dem einzigen Zweck, den Vertrag zu diskutieren und zu verwerfen.

Als Richelieu seinerseits besagten Vertrag las, spie er Feuer und Flammen. Das war kein Vertrag, das war eine Kapitulation! Wir sollten alles preisgeben: Pignerol, Susa, Casale, während der Kaiser nichts hergäbe, schon gar nicht das jüngst eroberte Mantua. Wir würden unsere italienischen Verbündeten im Stich lassen müssen, und dieser Verrat würde Frankreich de facto zum Verbündeten des Kaisers, wenn nicht zu seinem Vasallen machen.

Erst später erfuhr Richelieu, was in den Köpfen unserer Abgesandten vorgegangen war. Als sie zu Regensburg hörten, daß Ludwig im Sterben liege, schlossen sie daraus, daß auch der Kardinal vernichtet sei, und in dem daraus entstehenden Chaos, weil Gaston und die Königin wenig Sinn für die großen Geschäfte hatten, sei es das beste, mit dem Kaiser Frieden zu schließen, gleichviel zu welchem Preis.

Als ich hörte, daß man in Roanne in Abwesenheit des Königs und unter Vorsitz der Königinmutter beraten würde, ahnte ich das Schlimmste. Weil aber die Königinmutter in ihrem bißchen Grips glaubte, daß Richelieu, sowie er nach Paris käme, von |207|Ludwig entlassen werden würde, hielt sie es für unnütz, den König auf diesem Feld zu bekämpfen, zumal der Rat einstimmig besagten Vertrag als infam und entehrend ablehnte. Marillac war also der einzige, der sich dafür aussprach. Seit der Genesung des Königs erlebte er düstere Tage und sah, wie ihm die beiden großen Ziele seines Lebens davonschwammen: die Eroberung der Macht und die Ausrottung der Ketzerei. Bitter und wütend griff er Richelieu wegen eines unbedeutenden Details im Vertrag an, indem er unterstellte, Richelieu habe über dieses Detail gelogen. Der kleine Heckenkrieg führte zu nichts. Der Vertrag wurde verworfen, und die Marschälle erhielten Befehl, den Krieg in Italien fortzusetzen.

Richelieu reiste Ende Oktober nach Paris, und ich folgte ihm, doch anstatt das Schiff auf der Loire zu nehmen wie die Königinmutter und Richelieu, die beide im scheinbar besten Einvernehmen standen, fuhr ich in meiner Karosse und erreichte am fünften November Paris, genauer gesagt, betrat ich Schlag Mittag in meinem Hôtel des Bourbons festen Boden.

Meine Einfahrt in den Hof verursachte natürlich einigen Lärm, doch wurde ich auf der Treppe nicht von Catherine empfangen, wie ich es erwartete, sondern von Henriette, die aber zu mir sprach, indem sie Augen nur für Nicolas hatte.

»Monseigneur«, sagte sie, »habt keine Sorge. Die Frau Herzogin ist zu Bett.«

»Ist sie krank?« fragte ich beunruhigt.

»Nein, nein! Und der Beweis ist, daß sie sich gebadet und geschminkt hat. Seit Eurem Brief aus Roanne erwartete sie Euch jeden Tag, jede Stunde, aber wenn sie nicht mit Emmanuel beschäftigt ist, flüchtet sie sich in ihr Himmelbett und zieht die Vorhänge zu. Und nicht etwa, weil sie krank wäre«, fuhr Henriette lächelnd fort. »Oder wenn das eine Krankheit ist, dann habe ich sie auch.«

Hierauf fiel Henriette stürmisch Nicolas in die Arme, während ich im Laufschritt die Treppen hinaufeilte.

»Monsieur«, sagte Catherine, als sie bei meinem Eintritt zwischen den Vorhängen hervorsah, »wie abscheulich von Euch, mich so lange allein zu lassen! Redet mir bloß nicht von Euren Pflichten. Eure erste Pflicht bin ich! All diese Kriege und Intrigen sind Unsinn. Euer Platz ist hier, bei mir, bitte, werft die Kleider ab, so schnell Ihr könnt.«

|208|»Liebste, ich bin nicht gewaschen, nicht rasiert«, sagte ich.

»Desto besser, dann habe ich Euch im Naturzustand, als der

Wilde, der Ihr, Gott sei Dank, im Herzen seid. Sagt, habt Ihr mich betrogen?«

»Madame, ich war Euch von Anfang bis Ende meiner Reise ehern treu.«

»Schwört Ihr das?«

»Ich schwöre es bei allen Heiligen, bei Eurem Haupt, bei meinem, bei dem von Emmanuel, Nicolas, Henriette und dem ganzen Gesinde.«

»Was für Umstände, Monsieur, und wie Ihr mit Eurem Entkleiden trödelt. Müßt Ihr denn jedes Band einzeln aufknüpfen? Ehrlich, wart Ihr mir treu?«

»Ich sagte es schon, Madame, und wiederhole es: ehern.«

»Und Ihr schwört es?«

»Ja, ich schwöre es.«

»Wißt Ihr, daß ich Euch meine Krallen ins Herz schlage, wenn Ihr lügt?«

»Madame, solltet Ihr Euch in meiner Abwesenheit in eine Tigerin verwandelt haben? Dann setze ich ja mein Leben aufs Spiel, wenn ich mich in Eure Nähe getraue.«

»Solltet Ihr, Monsieur, so feige geworden sein, daß Ihr Euch nicht in meine Nähe traut?«

»Das sei ferne!« rief ich, »eine Minute, und ich werde es Euch beweisen!«

Worauf ich zu ihr hinter die Vorhänge schlüpfte, und wahrhaftig, die folgenden Minuten waren für jede ernstliche Unterhaltung verloren.

Dann wollte ich Emmanuel sehen, der im Kabinett neben unserem Zimmer schlief. Honorée war bei ihm und machte mir bei meinem Eintreten eine tiefe Reverenz, halb aus Ehrerbietung und halb, denke ich, um mir zu versichern, daß ihre wunderreichen Quellhügel unvermindert sprudelten. Was ich auch sah und weshalb Catherine mich in die Hand kniff und mir mit zischender Stimme zuraunte: »Ihr laßt Euch doch durch diese Abnormitäten nicht beeindrucken?«

»Aber nein!« sagte ich heuchlerisch und nahm Emmanuel in meine Arme. Doch schien mein Gesicht, das er in der langen Zwischenzeit wohl vergessen hatte, ihm nicht zu gefallen, denn sofort streckte er seine Patschhand aus und zog mich am |209|Schnurrbart. »Was habe ich für eine Familie!« rief ich lachend, »der eine kneift mich, der andere zieht mich am Bart!«

Damit sollte aber die lange Siesta nicht zu Ende sein, ich legte Emmanuel wieder schlafen, dankte Honorée, ohne sie diesmal eingehender zu betrachten, und kehrte mit Catherine zurück in unser Bett, als wäre es ein Zauberschiff, das uns vor allen Stürmen außer unseren eigenen beschützte.

»Was sehe ich?« sagte Catherine, als ich erschöpft und schnaufend die Augen schloß. »Ihr wollt schlafen? An meiner Seite schlafen? Wo ich so viele Fragen an Euch habe!«

»Fragt, Liebste, fragt«, sagte ich seufzend, »ich werde antworten, so gut ich kann.«

»Ist es wahr, daß Ludwig in Lyon zwei Handbreit vom Tode war?«

»Es ist wahr.«

»Und daß ein Wunder ihn rettete?«

»Kein Wunder, sondern ein Abszeß, der aufgebrochen ist.«

»Ist es wahr, wie man vom Hof hört, daß man den Kardinal, wenn Ludwig gestorben wäre, exekutiert hätte?«

»Das ist leider sehr wahrscheinlich. Viele hatten seinen Tod geschworen: Epernon, La Rochefoucauld, Marillac.«

»Der Minister?«

»Nein, sein Bruder, der Marschall von Frankreich. Manch einer, wie Monsieur de Troisville, Leutnant der Musketiere, verkündete sogar, wenn er den Befehl erhielte, würde er es wie 1617 Monsieur de Vitry mit Concini machen und den Kardinal aus nächster Nähe niederschießen.«

»Wärt Ihr als einer seiner treuesten Diener etwa auch erschossen worden?« fragte Catherine mit bebender Stimme.

»Kaum. Wenn ein Großer verurteilt wird, tötet man nicht seine Diener. Schließlich war es ihre Pflicht, ihrem Herrn treu zu dienen.«

»Es wäre Euch also nichts geschehen?«

»Das ist nicht gewiß. Vielleicht hätte man mich vom Hof verbannt oder sogar aus Paris. Dann hätten wir in Orbieu leben müssen, und mir wären keine Missionen mehr anvertraut worden. Was mich wenig geschert hätte. Der spanischen Politik der Königinmutter und Gastons hätte ich sowieso nicht dienen wollen.«

Das Schweigen, das hierauf eintrat, deutete ich mir so, daß |210|es Catherine ziemlich grämen würde, aus Paris verbannt zu sein, daß sie dafür aber sehr erleichtert wäre hinsichtlich meiner häufigen Abwesenheiten. Andererseits wäre sie, auch wenn ich nicht viel zu Hofe ging, entzückt, wenn ich verbannt würde, weil der Hof für sie aus einem Heer hungriger Reifröcke bestand, die nichts anderes als die Hosen der Edelmänner im Sinn hatten.

»Seid Ihr sicher, daß man Euch nicht töten würde?« fragte sie.

»Doch, doch! Nicht nur, daß ich ja immer gut bewacht bin, würde man es auch nicht wagen, Hand an den Patensohn der Herzogin von Guise zu legen.«

»Noch eine Frage.«

»Die letzte?«

»Ich schwöre es bei meiner heiligen Namenspatronin! Wird die Kabale gegen den Kardinal weitergehen, wenn der Frieden in greifbare Nähe rückt?«

»Mehr denn je, meine Liebe, so widersinnig es ist! Denn diesen Köpfen geht jegliche Vernunft ab.«