|77|VIERTES KAPITEL

Großes Durcheinander in der Sanitätsstelle des Schlosses. Dr. Rilke, den die PM wegen seiner Affenähnlichkeit Dr. Hyde nennen, ist nicht da, der Pfleger ebenfalls nicht. Beide sind A.s und irgendwo in den Vereinigten Staaten zu Besuch bei ihren Familien. Die Ankunft Pussys, die von Jespersen und mir getragen wird, stürzt den Verwalter, Dr. Barrow, in Verlegenheit, ich möchte sogar sagen: in Angst.

Er ist ein stattlicher, breitschultriger Mann, dessen Größe und Schulterbreite jedoch kraftlos wirken. Er ist schlaff, dickbäuchig. Sein Teint ist fettig, er hat Knopfaugen und schwammige Hände. Sein knieweicher Gang erweckt den Anschein, als ob er wie ein Ball vom Boden zurückprallt. Auf seinem völlig kahlen Schädel glänzt der Schweiß. Und ich bin sicher, seine äußere Erscheinung hat nichts mit der Kastrationsweihe zu tun, der er sich unterzogen hat; ich habe an der Wand seines Büros ein Jugendfoto von ihm gesehen, auf dem er ein zusammengerolltes Universitätsdiplom an seine Brust preßt: er war schon immer so.

Übrigens sollte man sich in Mr. Barrow nicht täuschen: Er steckt voll undankbarer Eigenschaften. Er ist ein guter Verwalter, ein eifriger Bürokrat. Seine Unterwürfigkeit gegenüber Hilda Helsingforth setzt mich in Erstaunen. Wenn er mit ihr telefoniert, habe ich immer den Eindruck, er wird sich wie ein Bettvorleger zu ihren Füßen ausbreiten. Doch unter diesem schmierigen Äußeren verbirgt sich eine inhumane, besser gesagt: antihumane Härte. Ein molluskenhafter Roboter. Aber der Kern ist aus Metall.

Für mich ist die Situation klar. Da Dr. Rilke nicht da ist und die nächstgelegene Stadt zweihundert Kilometer entfernt, der Arm aber so schnell wie möglich eingerenkt werden muß, will ich das selbst mit Hilfe von Mrs. Barrow übernehmen, die vorher Röntgenaufnahmen vom Ellbogen machen soll. Ich weiß, sie ist die Röntgenassistentin von Dr. Rilke.

|78|Aber was sage ich da! Es ist nicht einmal die Rede davon, Pussy auf den Operationstisch zu legen. Sie muß sich mit einem Stuhl begnügen! Ohne jegliche Betreuung! Und indessen führen Mr. und Mrs. Barrow a parte mit leiser Stimme eine heftige Diskussion. Mr. Barrow unterbricht sie lediglich, um Jespersen völlig unverhohlen zu sagen, daß seine Anwesenheit überflüssig sei. Jespersen wird vor Zorn blaß, verläßt wortlos den Raum und schlägt die Tür hinter sich zu.

Auch ich bin verärgert und sage kurz angebunden: »Ich kann auch gehen und die Kranke mit ihrem ausgerenkten Arm sich selbst überlassen. Dafür werden Sie die volle Verantwortung tragen.«

»Dr. Martinelli, Sie sollten verstehen, daß Ihr Eingreifen uns vor ein heikles Verwaltungsproblem stellt, da Sie in Blueville einen Sonderstatus haben«, sagt Mr. Barrow, während er mir seinen schwabbligen Bauch zuwendet und seine Knopfaugen auf mich heftet.

Selbst die Stimme von Mr. Barrow ist eigenartig, ölig, obwohl eine leise Drohung in ihr mitschwingt: Stahlkugeln, die in einem Ölbad rollen.

»Wollen Sie sagen, daß ich als PM nicht befugt bin, die Leute zu behandeln?«

»Genau!« sagt Mr. Barrow. »Genau das will ich sagen.«

»Ich gestehe, daß ich das nicht begreife.«

»Trotzdem ist es sehr einfach«, sagt Mr. Barrow. »In dem zwischen Ihnen und uns abgeschlossenen Vertrag gelten Sie als Wissenschaftler und nicht als Arzt.«

»Aber es ist ein dringender Fall! Und als Arzt ist es meine Pflicht, einem Kranken zu helfen. Vertrag hin, Vertrag her, es erscheint mir ganz und gar unzulässig, dieses junge Mädchen auf dem Stuhl sitzen zu lassen, ohne daß sich jemand ihrer annimmt.«

»Dr. Martinelli, es geht nicht um Ihren Vertrag. Es geht auch, wie ich schon sagte, um Ihren Sonderstatus … Würden Sie sich bitte einige Minuten gedulden und mir die Zeit lassen, ein Problem zu lösen, das mich allein betrifft.«

Das kommt sehr von oben herab, mit vernichtender Höflichkeit. Mr. Barrow wiederholte den Ausdruck »Sonderstatus« mit einer so verächtlichen Miene, als ob es ein unauslöschlicher Makel für einen Mann wäre, funktionstüchtige Geschlechtsorgane |79|zu besitzen. Darauf kehrt er mir den Rücken zu und setzt sein Gespräch mit Mrs. Barrow fort.

Es ist völlig klar: ich bin abgeblitzt. Und bei wem! Ich sehe Pussy an, sie ist sehr blaß, ihr Gesicht ist verzerrt, aber als mein Blick auf sie fällt, schließt sie die Augen. Ich danke. Ich danke auch für Mrs. Barrow, die mich keines Blickes gewürdigt hat, seit ich mit Pussy die Sanitätsstelle betreten habe, nicht einmal während des Zusammenstoßes mit ihrem Mann. Ich ziehe mich von den drei Verrückten zurück, ich will allein sein und stelle mich ans Fenster. Mich überkommt ein Anfall stummer Wut, die völlig sinnlos ist.

Gleichzeitig spitze ich die Ohren. Die im Flüsterton geführte Diskussion des Ehepaars Barrow geht weiter. Wenn ich recht verstehe, neigt Mr. Barrow dazu, Pussy in die Stadt zu bringen, während Mrs. Barrow für ein sofortiges Eingreifen ist, sei es durch unreine Hände. Ich bin so gut wie sicher, daß sie sich durchsetzen wird. Ein Beweis, daß der Einfluß der Ehefrau sogar auf einen A beträchtlich bleibt. Mr. Barrow nimmt den Hörer ab, und allein seiner ehrfurchtsvollen Stimme kann ich entnehmen, daß er mit Hilda Helsingforth spricht. Ich kann mir vorstellen, wie er auf seinem Schmerbauch zu Füßen seiner Herrin liegt und ihr die Zehen leckt.

»Sie können operieren, Dr. Martinelli«, sagt Mr. Barrow mit gewichtiger Miene, während er den Hörer auflegt.

Dieser Schleimer setzt mich immer wieder in Erstaunen. Ich frage mich, wie er es anstellt, so schnell von seiner Kriecherei auf Hochnäsigkeit umzuschalten.

Ich drehe mich um und sage kurz angebunden: »Unter der Bedingung, daß Mrs. Barrow mir assistiert.«

»Aber selbstverständlich, Doktor«, sagt Mrs. Barrow. Sie greift der Entscheidung ihres Mannes vor, würdigt mich jedoch weiterhin keines Blickes.

Ich bitte sie, Pussy auszuziehen. Inzwischen streife ich ihr die Stiefel ab. Beim rechten Fuß schreit sie auf. Ich untersuche ihn: eine leichte Verstauchung. Ich unternehme weiter nichts, wasche mir die Hände, während Mrs. Barrow den rechten Uniformärmel auftrennt. Das dauert einige Zeit. Während ich mir die Hände abtrockne und zur Pritsche zurückkehre, registriere ich, daß Mrs. Barrow ihr Metier versteht. Sie gefällt mir überhaupt sehr. Sie ist eine Frau, die sich mit Anstand der Blüte ihrer |80|vierzig Jahre nähert. Eher klein, doch wohlproportioniert und kräftig, steht sie mit beiden Beinen fest auf der Erde, und ihr runder Kopf ruht sicher auf ihren derben Schultern. Sie hat kurzes, braunes Haar, ein gesundes Gebiß und lebhafte, blitzende Augen. Ihre Gesundheit, ihre Ausgeglichenheit und ihr Realismus wirken überaus beruhigend. Schon auf den ersten Blick bin ich mir sicher, daß ihr Herz es auf hundert Jahre bringen kann, daß sie eine gute Verdauung und regelmäßigen Stuhlgang hat, daß sie keine Schlafmittel nimmt und die Eierstöcke ihr nicht zu schaffen machen. Ich kann mich dafür verbürgen, daß sie Komplexe, Neurosen und Ängste nicht kennt und daß sie fröhlich, aktiv und selbstlos ihren geradlinigen Weg durchs Leben geht, an der Seite dieses schmierigen und bürokratischen Scheusals, das sie womöglich sogar liebt, wer weiß?

Pussy trug unter der Uniform ein Wollhemd ohne Kragen, dessen Ärmel sich nicht hochkrempeln lassen. Ich helfe Mrs. Barrow, es ihr auszuziehen. Eine Brust wird sichtbar, die keinen BH braucht; und während Mrs. Barrow den Röntgenapparat heranrollt, vertiefe ich mich in den Anblick, ohne eine Regung zu zeigen, die Augen beharrlich gesenkt.

Ich spüre jemand hinter meinem Rücken. Ich drehe mich um. Es ist Mr. Barrow, und ich fühle eine absurde Reaktion: Ich bin eifersüchtig.

»Mr. Barrow, ich darf Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie keinerlei Befugnis haben, bei einer ärztlichen Untersuchung anwesend zu sein«, sage ich, nicht gerade freundlich.

»Ich bin hier in Befolgung meiner Instruktionen«, sagt Mr. Barrow, der aus meinen Worten nur den Hinweis auf die Vorschriften herausgehört hat und sie unter dem gleichen Blickwinkel zurückweist.

Ich zucke die Achseln und sage barsch: »Das ist ziemlich belanglos.«

Es sollte giftig klingen, doch so etwas kommt bei Mr. Barrow nicht an, denn er antwortet plump: »Aber im Gegenteil, es ist sehr wichtig«, während ich auf Mrs. Barrows Lippen ein flüchtiges Lächeln zu sehen glaube.

Die Röntgenaufnahmen beruhigen mich. Der Knochen ist weder gebrochen noch gesplittert. Eine einfache Verrenkung: der Oberarmknochen ist nicht einmal völlig aus der Gelenkpfanne |81|herausgesprungen. Ich renke ihn wieder ein. Da ereignen sich kurz nacheinander drei Dinge. Pussy schreit auf und fällt fast in Ohnmacht. Mr. Barrow verläßt die Sanitätsstelle, weil er ans Telefon gerufen wird und Mrs. Barrow, die mir gegenübersitzt, hebt den Kopf, sieht mir ins Gesicht und lächelt mir zu.

Was diesen Blick und dieses Lächeln betrifft, möchte ich Mißverständnisse vermeiden. Sie sind nicht herausfordernd, wenn sie auch jenen beachtlichen Grad erotischer Spannung enthalten, der auf fast unschuldige Art und Weise in den gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau mitschwingt, ohne Hintergedanken, oder besser gesagt: ohne daß die verborgenen Gedanken sich zeigen und sich in eine bestimmte Absicht verwandeln. Mrs. Barrow sieht mich an und lächelt mit Sympathie und Wärme, wie eine Mitverschworene. Überwältigt von einem so völlig unerwarteten Geschenk, gebe ich ihr Lächeln und Blick mit aufwallender Zärtlichkeit zurück, wofür sie mir mit einem fast unmerklichen Blinzeln und einer Bewegung des Kopfes dankt.

Das alles hat kaum den Bruchteil einer Sekunde gedauert. Als Pussy zu sich kommt, ist es vorbei. Mrs. Barrow ist wieder wie aus Stein und Pussy aus Beton, denn sie hat weder eine Antwort noch Dank noch einen Blick für mich, nachdem ich ihren Knöchel massiert und verbunden und ihr baldige Genesung gewünscht habe. Möglicherweise ist Pussy klargeworden, daß ich schuld an ihrem Sturz bin.

Als ich die Schloßtreppe hinuntergehe und an Mrs. Barrows Lächeln zurückdenke, möchte ich am liebsten »drei kleine Sprünge machen, um meine Freude auszudrücken«, wie Chrétien in der Pilgerreise.

Innerhalb des PM-Milieus in Blueville hatte ich bis dahin zwar durchaus normale Beziehungen zu den Frauen meiner Kollegen, dennoch spürte ich, wie niedrig mein sozialer Status im Gegensatz zum beruflichen war. Heute bin ich aus meinem Ghetto herausgetreten. Gewiß, es wird sich dadurch nichts ändern, das ist nur ein kurzer Lichtblick. Ich habe nicht die geringste Absicht und nicht die geringste Chance, zwischen Mrs. Barrow und mir eine Brücke zu schlagen. Ihre heimliche Botschaft ist für mich jedoch von unschätzbarem Wert, ich werde daran stets mit Rührung zurückdenken. Ich habe für die Dauer |82|eines Augenblicks die alte Komplizenschaft zwischen beiden Geschlechtern wiedergefunden, die für mich eine der Glücksempfindungen des täglichen Lebens war.

Und vor allem begreife ich die Situation in Blueville jetzt besser. Was die PMs betrifft, gibt es eine »Linie«. Sie ist gewaltsam von außen aufgezwungen worden, sie hat sich nicht verinnerlicht. Es stimmt nicht, daß alle Frauen uns hassen, im Gegenteil.

 

Meine Hochstimmung ist von kurzer Dauer. Wenige Minuten später stellt mich Dave vor ein ernstes Problem.

Als ich zu später Stunde meine Baracke erreiche, ist es dort dunkel, auch in Daves Zimmer. Ich mache Licht und finde auf seinem kleinen Schreibtisch nicht den Zettel, den er gewöhnlich zurückläßt, um mir mitzuteilen, wo er ist. Ich bin beunruhigt, auch wenn ich genau weiß, daß es absurd ist. Flucht ist in diesem von Stacheldraht umzäunten Gelände, an dessen einzigem Zugang sich ein Wachtturm befindet, ausgeschlossen. Ich rufe im Swimmingpool an und erfahre, daß er dort vor einer Stunde weggegangen ist. Zu den Baracken der anderen PMs habe ich keine telefonische Verbindung; so entschließe ich mich, Dave von Haus zu Haus zu suchen.

Endlich finde ich ihn: in der Küche von Mutsch, die gar nicht zu Hause ist, denn ich hatte sie eben bei den Pierces getroffen. Er sitzt auf einem roten Plastikstuhl und liest; als ich den Raum betrete, hebt er nicht einmal den Kopf.

»Was machst du hier?« frage ich. »Ich suche dich überall.« Er würdigt mich nicht eines Blickes. Sein schmales, dreieckiges Gesicht ist über das Buch gebeugt, und seine Augen mit den langen schwarzen Wimpern sind gesenkt.

»Mir gefällt es hier«, sagt er frostig und tonlos.

»Mutsch ist doch gar nicht da.«

»Was macht das schon? Mutsch ist das egal. Mir auch.«

Ich mag diesen Ton nicht. Das ist nicht Dave, der so spricht, sondern ein anderer. Ich setze mich zu ihm.

»Sicher ist die Zeit lang geworden«, sage ich. »Eine der Milizionärinnen ist vom Pferd gefallen, sie hat sich den Ellbogen ausgerenkt, und weil Dr. Rilke nicht da war, mußte ich sie behandeln.«

Er rührt sich nicht. Erst war er blind, jetzt ist er taub.

|83|»Hörst du mich, Dave?«

»Ich höre«, sagt er mit zur Schau gestelltem Trotz und blättert betont eifrig eine Seite seines Buches um.

Ich bin in dem Moment sicher, daß er keine einzige Zeile gelesen hat.

»Ich bin dabei, dir zu erzählen, daß ich an meiner Verspätung nicht schuld bin.«

»Ich habe verstanden«, sagt er im gleichen Tonfall.

Ich halte es für angebracht, meine Erklärung zu erklären.

»Es war keine Zeit zu verlieren. Die Verrenkung des Ellbogens erforderte ein sofortiges Eingreifen. Als wir von unserem Ausflug zurückkehrten, sind Jespersen und ich gleich in die Sanitätsstelle gegangen.«

»Ich weiß«, sagt er. »Stien ist zum Swimmingpool gekommen, um es mir zu sagen.«

»Wenn du es schon weißt, dann hör auf zu schmollen.«

»Ich schmolle nicht«, sagt er mit eisiger Würde.

»Doch. Du siehst mich nicht einmal an. Glaubst du vielleicht, es macht mir Spaß, gegen eine Wand zu reden?«

»Ich bin eine Wand«, sagt er, ohne aufzublicken.

Er betont das »bin« herausfordernd und blättert geräuschvoll eine andere Seite um. Schweigen. Ich bin ziemlich ratlos. Dave hatte mir gegenüber schon öfter kleine Anfälle von Feindseligkeit, doch nie in solchem Maße. Man könnte meinen, die nahende Pubertät verstärkt alle seine Reaktionen. Hinzu kommt, daß ich Mühe habe, meine Kaltblütigkeit zu bewahren. Mir ist die Kehle wie zugeschnürt, und meine Gedanken kreisen endlos um unlösbare, ständig wiederkehrende Erziehungsprobleme. Bin ich vielleicht ein zu zärtlicher Vater? Müßte ich für Dave nicht eine autoritäre »Vaterfigur« sein, die ihm mehr Sicherheit gewährt? Ich weiß es nicht. Ich mißtraue den Psychologen mit ihrem Ausschließlichkeitsanspruch.

Ich stehe auf und versuche, Haltung zu bewahren.

»Komm, Dave, wir gehen nach Hause.«

»Ich fühle mich hier sehr wohl!« sagt Dave, ohne sich zu rühren, die Augen noch immer auf das Buch geheftet.

Was soll ich machen? Soll ich laut werden? Ihm eine Ohrfeige geben? Ihn wie ein Paket auf der Schulter nach Hause tragen? Ich suche Ausflüchte.

»Was liest du?«

|84|Er markiert die Seite und hält mir das zugeschlagene Buch hin, wobei er meinen Blick weiterhin meidet.

»Ach ja, Huckleberry Finn. Das ist ein guter Bekannter«, sage ich.

Ich bewundere Dave wegen seiner Lektüre. Und gleichzeitig bin ich beunruhigt, denn schließlich ist dieses Buch die Geschichte eines ungeliebten Jungen, der von zu Hause wegläuft.

Doch aus Blueville flieht man nicht.

Ich gebe ihm das Buch zurück und frage: »Wie weit bist du?«

Dave aber läßt sich nicht in die Falle einer literarischen Diskussion locken. »Ich habe erst angefangen«, antwortet er widerstrebend. Und sogleich vertieft er sich wieder in seine Scheinlektüre, bleich, abweisend, unnachgiebig.

»Los, Dave, laß mich nicht warten.«

Schweigen.

»Was ist nun, Dave?« Ich habe die Stimme erhoben.

Dave zuckt die Achseln und antwortet zurückhaltend: »Ich habe dir doch gesagt, ich fühle mich hier sehr wohl.«

Schweigen.

»Ich warte auf dich in der Cafeteria«, sage ich.

Keine Antwort. Ich schließe die Tür hinter mir, doch bevor ich die Wohnung verlasse, gehe ich heimlich ins Bad und öffne das kleine Apothekenschränkchen. Nach Prüfung seines Inhalts – verzeih mir, Mutsch – nehme ich hastig ein Röhrchen Schlafmittel an mich.

Ich gehe zu den Pierces, weil ich sicher bin, Mutsch dort zu finden. Pierce arbeitet mit mir im Labor. Er ist ein guter Wissenschaftler, nicht mehr, aber Mrs. Pierce ist ein ungewöhnlicher Mensch. Obwohl sie keine höhere Schulbildung hat, besitzt sie einen messerscharfen Verstand. Sie ist groß und mager, ihre spitze Nase und ihr spitzes Kinn haben die Tendenz, sich einander zu nähern, was ihr ein falkenähnliches Profil verleiht. Der Schein trügt: sie ist gütig, und ihre Beute sind nicht die Menschen, sondern die Ereignisse. Sie ist ständig auf der Lauer, stöbert und schnüffelt mit dem Schnabel in allen Ecken herum; an einem Tage sieht, hört und begreift sie zehnmal mehr als ein gewöhnlicher Mensch. Anfangs neigten wir dazu, die Schlußfolgerungen oder Eingebungen von Joan Pierce anzufechten, doch sie erwiesen sich Tag für Tag als so zutreffend, daß sich unser Skeptizismus legte.

|85|Mrs. Pierce trägt überall eine große Ledertasche mit sich herum, die komischerweise kleine, von ihr selbst hergestellte Puppen enthält und unter diesen Puppen ein großes Fernglas. Oft schleicht sie während der schönsten Unterhaltung ans Fenster und beobachtet durch das Glas die Umgebung, um sich nicht die geringste Kleinigkeit entgehen zu lassen.

Aber Mrs. Pierce braucht kein Fernglas, um in die Zukunft oder durch die Wände zu sehen. Sie besitzt eine prophetische Gabe neben ihrer Scharfsicht. Zu Beginn meines Aufenthalts in Blueville hat sie mich darauf vorbereitet, daß Anita mich immer seltener besuchen würde, und diese Voraussage hat sich leider als wahr erwiesen. Deshalb bin ich geneigt, ihr Glauben zu schenken, wenn sie Hilda Helsingforth, die hier niemand je zu Gesicht bekommen hat, als – ich zitiere – »sehr groß und schön« beschreibt. Ihre Züge sollen klassisch sein, sie gleiche einer Statue aus Stein. »Und dennoch ist daran etwas faul, ich weiß nicht, wieso.«

Jespersen hat Mrs. Pierce den Spitznamen »die Hexe« gegeben, Mrs. Pierce nennt es bescheidener ihre Intuition. »Hexerei« und »Intuition« sind aber nur Wörter. Ich würde eher sagen, daß es sich im Falle von Mrs. Pierce um so minutiöse Beobachtungen handelt und – davon abgeleitet – um so schnelle, scharfsinnige Überlegungen, daß Mrs. Pierce selbst sich lediglich der daraus gewonnenen Ergebnisse bewußt wird. Die enorme Arbeit – das Zusammentragen der Fakten, deren Analyse und Synthese – übersieht sie meist, weil das wahrscheinlich die einzige Wollust ihres Lebens ist.

Als sie mir die Tür öffnet, schaut sie mir mit ihrem spitzen Vogelgesicht prüfend in die Augen und sagt lachend: »Armer Ralph, ich sehe, daß Sie sich noch Sorgen um Dave machen. Aber so schlimm ist das nicht. Sie wollen Mutsch sprechen?« fährt sie fort, umkrallt meine Arme – selbst ihre Finger sind sehr spitz – und zerrt mich in das Zimmer, wo ihr Sohn Johnny schläft und wo sie sich, tagsüber, wenn das Bett hochgeklappt ist, aufhält.

Mutsch sitzt an einem Tisch und hat ein Schulbuch vor sich. Ihr rundes, faltiges Gesicht strahlt unter dem weißen Haar wohltuende Ausgeglichenheit aus. Mutsch ist in ihrer Haltung und in ihren Worten ebenso friedlich wie Stien aufbrausend. Ich setze mich zu ihr und berichte von meinem Gespräch mit |86|Dave. Mrs. Pierce interessiert dieser Bericht anscheinend nicht, denn bald steht sie auf, stellt sich an ein Fenster, das sich gegenüber der Baracke der Milizionärinnen befindet, und verfolgt lange mit dem Fernglas, was sich dort abspielt.

Mutsch besitzt eine seltene Gabe: Sie kann zuhören. Sie folgt dem, was man ihr sagt, Schritt für Schritt. Und wenn sie etwas nicht versteht, fragt sie. Als ich fertig bin, lächelt sie und sagt mit deutschem Akzent, der mich irgendwie beruhigt:

»Hören Sie auf, sich zu beschuldigen, Ralph. Es ist nicht Ihre Schuld, wenn Ihre Frau tot ist. (Wieder einmal stelle ich fest, daß weder Mutsch noch Joan Anita als meine wirkliche Frau betrachten.) Für Dave tun Sie Ihr Möglichstes.«

Halb ironisch, halb liebevoll sagt Mrs. Pierce: »Ralph hat ein zu weiches Herz, das ist alles.« Sie sagt es, ohne sich umzudrehen und ohne die Baracke der Milizionärinnen aus den Augen zu lassen. Ein Beweis, daß ihre Ohren und ihre Augen zur gleichen Zeit mit zwei verschiedenen Dingen beschäftigt sein können.

»Nein, nein, sagen Sie das nicht, Joan«, wirft Mutsch ein. »Man ist niemals zu weich! Ein Kind ist für Liebe unbegrenzt empfänglich. Es dürstet nach Liebe! Es kann niemals genug bekommen!«

Ich erinnere sie an mein Problem.

»Wie erklären Sie es, daß Dave mich abweist, so wie heute abend?«

»Aber das ist völlig normal.«

»Normal?«

»Ja, Ralph, Sie müssen sich nur in das Kind hineinversetzen. Dave hat seine Mutter verloren. Er hat schreckliche Angst, auch Sie zu verlieren. Deshalb klammert er sich an Sie. Glauben Sie, daß er sich beim Schwimmen vergnügt, wenn Sie Ihre Ausflüge zu Pferd machen? Im Gegenteil: er wartet auf Sie. Und wenn Sie zu spät kommen, verliert er den Kopf. Deshalb habe ich Stien hingeschickt (sie sagt wie wir alle »Stien«), ihm Bescheid zu geben, als ich hörte, daß Sie Pussy behandeln müssen.«

»Danke, Mutsch. Dave hat es mir gesagt.«

»Leider hat es nichts mehr genützt.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Er war nicht mehr fähig, aus dem Angstzustand herauszukommen, in den Ihre Abwesenheit ihn gestürzt hatte.«

|87|»In diesem Falle hätte er erleichtert sein müssen, mich wiederzusehen.«

Sie schüttelt den Kopf.

»Das ist Ihre Erwachsenenlogik. Die bei einem Kind einmal ausgelöste Angst läßt sich nicht so schnell zurücknehmen. Die verstandesmäßige Bremse ist zu schwach. Und dann geschieht folgendes: Dave bricht den Kontakt ab. Und das um so heftiger, je mehr er an Ihnen hängt. Er zerreißt die Bande.«

Ich sehe sie an.

»Wollen Sie sagen, daß er mit mir bricht, um mich nicht zu verlieren?«

»Genau. Ein Akt der Verzweiflung.«

»Schrecklich«, sage ich vor mich hin.

»Aber nein«, erwidert Mrs. Pierce, ohne sich umzudrehen, das Fernglas immer noch vor den Augen. »Sie machen sich viel zuviel Sorgen, Ralph. Das ist nicht so schlimm. Es ist auch Spiel dabei. Dave weiß genau, daß dieser Bruch nicht ernst ist. Er will Sie vor allem bestrafen.«

»Und Ihre Liebe auf die Probe stellen«, sagt Mutsch.

Ich denke nach, und je länger ich nachdenke, um so mehr scheint mir, daß sie recht haben. Ich blicke sie an. Genauer gesagt, ich blicke in Mutschs Gesicht und auf Mrs. Pierces Rücken. Ich bin voll Dankbarkeit und gleichzeitig etwas betäubt von der überstarken Dosis weiblicher Klugheit, die ich schlucke.

»Und jetzt?« frage ich ein wenig ratlos.

»Jetzt hole ich Dave ab, bringe ihn zur Cafeteria, und wir setzen uns an Ihren Tisch«, sagt Mutsch.

Ich stehe auf.

»Vielen Dank, Mutsch. Vielen Dank für alles. Und entschuldigen Sie, daß ich das hier aus Ihrem Apothekenschränkchen genommen habe.«

Weil ich nicht sage, was es ist, verläßt Mrs. Pierce aus Neugierde ihren Beobachtungsposten und trippelt zu uns heran. Als sie das Röhrchen zu Gesicht bekommt, fängt sie an zu lachen.

»Nicht nur Dave ist nervös?«

»Glauben Sie, daß ich übertrieben ängstlich bin?«

»Aber sicher!« sagt sie.

Mutsch schaltet sich ein.

»Sie haben die Krankheit von Blueville, Ralph. Sie sind ängstlich. Dave auch. Was soll ein Kind wie Dave denken, |88|wenn weder die A.s noch die alleinstehenden Frauen ihm auch nur die geringste Beachtung schenken? Aber sich das Leben nehmen, nein. Dave beschäftigt sich wohl mit dem Tod – mit Ihrem und mit seinem –, aber er wird sich nicht das Leben nehmen. Auf keinen Fall. Beruhigen Sie sich! Verscheuchen Sie solche Gedanken!«

»Denken Sie lieber an angenehme Dinge«, sagt Mrs. Pierce. »Zum Beispiel an die hübschen Milizionärinnen.«

Sie lacht zweideutig. Mutsch ebenfalls. Sie sehen erst sich und dann mich belustigt und voller Sympathie an. Und unter ihrem Lachen und ihren Blicken komme ich mir vor wie Charlie in Goldrausch, komisch und rührend.

Undankbar, wie ich bin, verlasse ich die beiden ziemlich unvermittelt. Vielleicht hat mich meine geringe Körpergröße empfindlich gemacht, aber ich vertrage es nicht, wenn man sich über mich lustig macht, nicht einmal in aller Freundschaft. Ich schätze die beiden sehr, doch gehen sie mir etwas auf die Nerven. Sie sind immer so selbstsicher. Die eine mit ihren schlagartigen Eingebungen, die sie nicht erklärt, und die andere, weil sie immer zuviel erklärt. Vor allem weiß ich, über was oder vielmehr über wen sie jetzt sprechen und wie sie mich wegen meiner Verlassenheit bedauern werden. Ich weiß, was ich von Anitas langem Ausbleiben und von ihren seltenen Briefen zu halten habe, aber ich mag es nicht, daß sie kritisiert wird und man mich bedauert.

 

Jackie und Pussy müssen die von Stien vorgeschlagene stillschweigende Abmachung akzeptiert und den Zwischenfall verheimlicht oder bagatellisiert haben, denn keiner von uns, nicht einmal Jespersen, hat von Mr. Barrow eine Mitteilung über die sonst üblichen Abzüge vom Monatsgehalt bekommen. Pussy wurde gegen ein großes, braunes, unbeholfenes, vierschrötiges und ebenso kaltes Mädchen ausgetauscht, ansonsten hat sich an unseren Sonntagnachmittagsausflügen nichts geändert. Es ist seltsam, aber Pussy, die mir nicht den geringsten Blick, nicht das leiseste Lächeln gewährte, fehlt mir. Wie sie sich auch verhalten haben mochte, sie hatte mir wenigstens etwas gegeben: das Vergnügen, sie anzusehen.

Als wir die Berge erreicht haben, drehe ich mich um, bringe Schuschka zum Stehen, warte auf die Kosakengarde und frage |89|Jackie völlig ungezwungen, wie es Pussy geht. Sie ist von meiner Kühnheit so überrascht, außerdem wegen der stillschweigenden Übereinkunft mit uns so verlegen und von der erstaunlichen Tatsache, daß ich Pussy behandelt habe, so verwirrt, daß sie eine Antwort gibt.

»Pussy wird ihren Dienst nächste Woche wiederaufnehmen.«

Als ich Jess und Stien einhole, fängt Jess an zu singen. Wir sind auf diese Methode verfallen, um die Abhörgeräte der Kosakengarde zu stören. Bei meinem Bericht über das Gespräch mit Jackie zuckt Stien die Achseln, schüttelt seinen ergrauten Kopf und brummt: »Was schert Sie dieses Mädchen?« Worauf ich entgegne: »Schließlich ist sie meine Patientin.« Was mir einen hämischen Seitenblick einbringt. Dennoch ist Stien zufrieden. »Jetzt werden sie nicht umhinkönnen, mit uns zu reden«, sagt er.

Und als wir am nächsten Sonntag im Wald sind, lassen wir uns absichtlich von der Kosakengarde einholen. Stien pflanzt sich vor Pussy auf, sieht ihr ins Gesicht und fragt anklagend: »Hatten Sie die Absicht, Dr. Jespersen zu erschießen, als Sie auf ihn anlegten?«

Pussy wird puterrot und antwortet mit zitternder Stimme: »Ich habe nicht auf ihn angelegt! Ich wollte in die Luft schießen. An allem, was passierte, ist Dr. Martinelli schuld. Er hat Schuschka gegen mein Pferd gedrängt.«

»Woher sollte ich wissen, daß Sie Jespersen nicht töten würden?« erwidere ich knapp. »Sie sind uns gegenüber immer so voller Haß.«

Ihr Blick wird unsicher, aber sie weicht mir nicht aus.

»Wir sind nicht voller Haß«, sagt sie abwehrend. »Wir richten uns nach den Anweisungen.«

»Genug gesprochen!« sagt Jackie laut.

Ich sehe sie wütend an und frage: »Verbieten Ihnen die Anweisungen auch, mit uns zu sprechen? Was sind wir denn in Ihren Augen? Ungeheuer? Parias? Verbrecher?«

Dieser unerwartete Angriff bringt sie aus der Fassung, und ich nutze die Gelegenheit.

»Sie haben die Stirn zu behaupten, daß Sie uns nicht hassen«, sage ich zu Pussy, »aber Sie haben mir nicht einmal für die Behandlung gedankt.«

|90|»Vielleicht sollte ich mich noch dafür bedanken, daß Sie mich vom Pferd gestoßen haben!«

»Sie wissen genau, daß das nicht meine Absicht war. Und Sie vergessen, daß Mr. Barrow Sie hätte in die Stadt bringen müssen, wäre ich nicht zur Stelle gewesen. Zweihundert Kilometer im Auto! Drei Stunden unterwegs! Sie hätten die Entfernung gespürt!«

»Also dann, danke schön«, sagt Pussy wütend, ohne jedoch die Augen zu senken. Eine volle Sekunde begegnen sich unsere Blicke.

»Jetzt aber genug!« brüllt Jackie. »Ich bitte Sie, dieses Gespräch zu beenden!«

Wir wenden die Pferde und reiten wieder voraus. Ich bin in Hochstimmung, weil ich glaube, einen Sieg davongetragen zu haben, aber sie hält nicht vor, Stien erstickt sie im Keim. Er macht Jess ein Zeichen, daß er singen soll, und ich muß eine Flut von Vorwürfen über mich ergehen lassen, die leise, zischend, in einem zunehmend deutsch gefärbten Englisch artikuliert werden.

»Ralph, ich will kein Blatt vor den Mund nehmen. Du bist genauso verrückt, leichtsinnig und verantwortungslos wie Jess, und das ist noch geschmeichelt. Was geht zwischen dir und diesem Mädchen vor? Unter dem Vorwand, sie abzukanzeln, scharwenzelst du um sie herum! Und dieses dumme Ding steigt darauf ein! Ihr könnt euch unterhalten, soviel ihr wollt. Aber laß diesen Zirkus! Was bringt das ein? Nur Ärger, für uns alle. Denk an Dave, wenn du schon nicht an uns denkst! Für mich ist klar: Wenn du das nicht läßt, wenn ich noch einmal sehe, daß du diesem Mädchen einen Blick zuwirfst, ist es für mich vorbei mit den Ausflügen, die müßt ihr dann alleine machen!«

»Du mißbrauchst dein Alter, Stien«, sage ich wütend. »Es gibt dir kein Recht über mich. Ich brauche keinen Papa, der mir sagt, was ich zu tun habe.«

Stien schweigt, Jess hört auf zu singen. Und mich setzt mein eigener Wutausbruch in Erstaunen, und er beunruhigt mich auch. Diese Reaktion hat meiner Ansicht nach etwas Unnormales, Anzeichen einer Neurose oder des Beginns einer Neurose. Oh, ich weiß, die Spannungen mit Dave, mein sozialer Abstieg, meine unfreiwillige Enthaltsamkeit, Anitas Schweigen. Gut. Ich glaube nicht, wenigstens in meinem Falle nicht, |91|an die Wirksamkeit der Psychoanalyse. Dagegen glaube ich an die Verhaltenstherapie. Ich glaube, daß ich durch Korrektur meiner Lebensweise in gewissem Maße die Frustrationen mildern kann, unter denen ich leide.

Durch eine Geste bedeute ich Jess, unser Gespräch erneut zu übertönen. Diesmal singt er nicht, sondern rezitiert The Road Not Taken von Robert Frost, was in den Augen oder vielmehr Ohren der Kosakengarde als perfide Ironie ausgelegt werden kann.

Ich wende mich an Stien und habe meine Stimme völlig in der Gewalt.

»Es war mir nicht so recht bewußt, daß ich um dieses Mädchen herumscharwenzelte. Aber du hast recht. Das ist idiotisch. Ich will damit aufhören.«

Stien zieht die Brauen hoch, und aus seinen faltigen Lidern schießt ein durchdringender Blick zu mir herüber. Er sagt nichts, kein einziges Wort, doch ich weiß genau, was er denkt: netter Junge, den seine Frau verlassen hat und so weiter. Ich verberge meine Verwirrung, beuge mich vor, klopfe Schuschka auf die Schulter, ergreife dann die Zügel und sage: »Los, Schuschka, Galopp!« Meine Stiefel streifen ihre Flanken, sie löst sich vom Boden und ich mit ihr, miteinander streben wir einem unendlich fernen Horizont entgegen. Solange ich ihre Bewegungen spüre und mir der Wind um die Ohren pfeift, fühle ich mich frei.

Einen Tag später erhalte ich von Anita einen sehr kurzen Brief. Sie wird nächsten Sonnabend kommen, und diesmal ist es sicher. Ich glaube kein Wort. Wütend knülle ich den Zettel zusammen und stopfe ihn in meine Tasche. Dann fällt mir meine Therapie ein; ich ziehe den Brief sehr langsam wieder hervor, glätte ihn, falte ihn und lege ihn bedächtig in meine Brieftasche. Aber es hilft absolut nicht. Mir ist die Kehle wie zugeschnürt, ich habe feuchte Hände, meine Knie zittern: ich weiß, Anita wird nicht kommen. Und vor mir liegt eine unendlich lange Woche, in der ich auf die Absage warte.

 

Seit sechs Monaten trete ich mit meinen Forschungen auf der Stelle, und ich möchte zurückblenden, um den Grund zu erklären. Ausgangsmaterial haben wir wohl in Hülle und Fülle, wir bekommen Gehirnzellen nach Bedarf, es fehlt uns im Laboratorium |92|nicht an Versuchstieren, die Ausrüstung ist perfekt. Der wunde Punkt ist das Personal. Nicht daß es ihm an Kompetenz oder Gewissenhaftigkeit fehlte, auch zahlenmäßig ist es ausreichend. Doch wir sind voneinander isoliert, und das Personal selbst ist durch Kastenprobleme gespalten. In meinem Labor arbeiten drei PMs: Pierce, Smith und ich, ferner ein Dutzend A.s und fünf Frauen. Im Arbeitsprozeß nehmen die Frauen die unterste Stelle in. Sozial gesehen, haben sie aber in Blueville ihren Platz ganz oben – vor den A.s und auch vor mir.

Das ist in beiden Fällen ungerecht. Wenigstens zwei der Frauen hätten mehr als die geringen Kenntnisse verdient, auf die sie sich in unserer frauenfeindlichen Zivilisation beschränken mußten. Andererseits kann ich nicht den männerfeindlichen Rassismus billigen, dem ich unterworfen bin. Daraus erwächst eine unerträgliche Situation. Ich komme mir wie ein farbiger Leutnant vor, der eine Abteilung weißer Soldaten befehligt. Man gehorcht mir und verachtet mich.

Ein Labor ist vor allem ein Team, und damit das Team vorankommt und alles wie am Schnürchen läuft, bedarf es unter seinen Mitgliedern eines Minimums an menschlicher Wärme. Das ist nicht gegeben. Unter diesen Bedingungen bin ich selbst kein guter Chef und kann es gar nicht sein. Der Grund dafür liegt auf der Hand.

Unter meinen Mitarbeitern ist Grabel der brillanteste, ideenreichste und schöpferischste. Er ist ein kräftiger Mann, der auf die Sechzig zugeht. Er ist groß, schlank, hält sich sehr gerade und ist doch beweglich, er hat einen kahlen, länglichen Mathematikerschädel, stechende, schwarze, kleine Augen, die ständig auf der Lauer liegen, eine lange, spitze und gerade Nase, schmale Lippen und ein vorspringendes Kinn. Das ganze Gesicht ist lang und schmal wie die Klinge eines Messers.

Unter normalen Bedingungen müßte Dr. Grabel auf Grund seiner Erfahrung, seiner Intelligenz und seiner Fähigkeiten mein engster Mitarbeiter sein und seinen Platz weit vor Pierce und Smith haben, die wohl gute Wissenschaftler sind, aber nicht gerade – um es freundlich auszudrücken – vor Ideen strotzen. Nach meiner Ankunft in Blueville hatte ich in der Tat die Absicht, Grabel aus diesen Gründen zu befördern, doch habe ich mich dazu nicht sofort entschließen können und tat gut daran.

|93|Grabel ist ein A. Nebenbei gesagt, die Legende, ein Kastrat setze zwangsläufig Fett an, trifft für Menschen ebensowenig zu wie für Pferde. Auch eine zweite Legende möchte ich zerstören: die Passivität des Kastraten. Grabel bleibt eine aggressive Person, obwohl bei ihm die Spermatogenese für immer aufgehört hat. Außerdem ist er als A von seinen Kastenprivilegien ganz und gar erfüllt. Er heftet sein Abzeichen mit dem vergoldeten Buchstaben sogar an seinen weißen Kittel und läßt mich durch zahllose Kleinigkeiten die Unterlegenheit meines Status spüren. Ich habe auch die Gewißheit erlangt, daß er mir nachspioniert. Ich habe ihm deshalb ein abgegrenztes, subalternes Spezialgebiet zugewiesen und versuche, eine undurchlässige Wand zwischen ihm und dem wirklichen Stand meiner Forschungen aufzurichten. Von Pierce und Smith verlange ich die gleiche Geheimhaltung. Wenn ich mein Arbeitszimmer verlasse, drehe ich den Schlüssel zweimal herum und ziehe ihn ab. Seit kurzem nehme ich abends sogar das kleine Heft mit nach Hause, in das ich tagtäglich in Geheimschrift die Fortschritte unserer Arbeit – falls es welche gibt – eintrage.

Solches Mißtrauen, solche Spannungen und solche Heimlichtuerei sind der Arbeit eines Labors verständlicherweise sehr abträglich. Es ist schade, daß ich eine so hervorstechende Intelligenz, wie Grabel sie besitzt, nicht für eine schöpferische Aufgabe verwenden kann. Noch betrüblicher ist, daß ich mit meinen Mitarbeitern nicht offen über die Probleme diskutieren kann, vor die wir gestellt sind. Die Teilung des Personals in drei Kasten und die skandalöse Inferiorität meines Status haben mich zu einem schlechten Chef gemacht: hart, ungerecht, autoritär, verschlossen. Genau das Gegenteil von dem, was ich sonst bin und was ich bislang auch in den Projekten, die ich leitete, war.

Innerhalb des Labors erscheint auf den ersten Blick alles normal. Wir sprechen höflich miteinander, meine Anweisungen werden ausgeführt, die Arbeit wird gemacht, zumindest hat es den Anschein, daß sie gemacht wird. Auf beiden Seiten aber zerfrißt ein dumpfer, böser Wille wie ein Wurm die Aufgabe, die wir zu erfüllen haben.

Grabel, der dank seiner Begabung und seiner starken Persönlichkeit großen Einfluß auf die A.s ausübt und sogar auf die Frauen, die darüber ihre Privilegien vergessen und ihn wie einen |94|Gleichgestellten behandeln, haßt mich. Infolgedessen sind wir beide in das üble Räderwerk der Feindseligkeit hineingeraten. Erste Phase: Er verachtet mich und bespitzelt mich. Zweite Phase: Ich mißtraue ihm und halte ihn in einer untergeordneten Stellung. Dritte Phase: Ich erlange Gewißheit, daß er Berichte über mich schreibt. Vierte Phase: Ich ertrage kaum seine Gegenwart im gleichen Raum, und wenn ich ihm etwas zu sagen habe, schalte ich Pierce ein. Fünfte Phase: Grabel fängt an, die A.s, die Frauen aus dem Labor und den Verwalter aufzuhetzen, um meine Entlassung herbeizuführen.

Pierce und Smith beklagen sich schon, daß ihnen die Kulturen sabotiert werden. Ich bin sicher, daß sie sich irren. Doch ihr Verdacht kennzeichnet die Atmosphäre im Labor. Meinerseits achte ich auf alle Irrtümer und Fehler, die den A.s und den Frauen aus meinem Labor unterlaufen, und führe darüber in allen Einzelheiten Buch.

Diese Handlungsweise entspricht nicht meinem Wesen. Man hat mich gewissermaßen dahin getrieben.

Drei Monate nach meiner Ankunft in Blueville, am 26. Januar, um genau zu sein, spitzt sich die Krise zu. Ich bekomme aus dem Schloß folgendes Schreiben:

 

Dr. Martinelli,

Ihr Verhalten gegenüber den weiblichen Mitarbeitern und den A.s Ihres Labors stellt mich nicht zufrieden. Ich bitte Sie, das zu ändern.

Hilda Helsingforth

 

Dieser bestürzende Brief gibt mit keine Möglichkeit der Rechtfertigung. Wie ich seit Hilda Helsingforths erstem Brief weiß, ist es uns verboten, ihr zu schreiben oder sie um eine Unterredung zu bitten. Also muß ich mich an Mr. Barrow wenden. Er empfängt mich mit verächtlicher Höflichkeit. Man hat ihm in der Tat eine schriftliche Beschwerde über mich zukommen lassen. Er hat sie gelesen und weitergeleitet. Er lehnt es ab, mir zu sagen, von wem die Beschwerde kommt, und über ihren Inhalt verweigert er jegliche Auskunft. Ich mache ihn darauf aufmerksam, daß ich außerstande bin, mich zu verteidigen, und nicht einmal weiß, was man mir vorwirft, da ich darüber weder mit Mrs. Helsingforth noch mit ihm diskutieren darf. Er hebt die Arme zum Himmel. Er kann nichts machen, |95|die inneren Probleme der Labors gehen ihn nichts an. Während dieses Gesprächs ist Mr. Barrow genauso schwammig, genauso schwabbelig und genauso hart wie eine Krake.

Von diesem Tage an bin ich im Labor doppelt vorsichtig; ich behandle die Frauen und die A.s mit untadeliger Höflichkeit und lasse Grabel links liegen, ohne mich jedoch ins Unrecht zu setzen. Außerdem beginne ich mit der Buchführung, von der ich sprach.

Am 15. März, als ich fast schon glaube, daß Grabel dank meinen Bemühungen neutralisiert wäre, bekomme ich einen zweiten Brief aus dem Schloß.

 

Dr. Martinelli,

Sie haben meine Empfehlungen vom 26. Januar nicht beachtet, Ihr Verhalten gegenüber den weiblichen Mitarbeitern und den A.s Ihres Labors ist bis auf Äußerlichkeiten unverändert geblieben. Ich bitte Sie ein zweites Mal, Ihre Einstellung zu ändern.

Hilda Helsingforth

 

Ich bin niedergeschmettert, doch als ich den ersten Schock überwunden habe, begreife ich, daß ich nicht mehr passiv bleiben kann. Ich schreibe für Mr. Barrow einen Bericht über das Personal meines Labors. Ich schäme mich, es auszusprechen: dieser Bericht ist eine einzige Ungerechtigkeit. Ich lüge zwar nicht, alle Fakten, auf die ich mich stütze, sind authentisch. Doch so, wie ich sie interpretiere und wahllos aus dem Zusammenhang reiße, ist die Synthese eine schreiende Ungerechtigkeit. Sie belastet Grabel – meinen weitaus besten Wissenschaftler. Im Grunde habe ich gegen Grabel nur einen Vorwurf zu erheben, und ausgerechnet den kann ich nicht zur Sprache bringen. Grabel will an meine Stelle, er ist durchaus fähig, sie einzunehmen, und auf die A.s und die Frauen gestützt, versucht er mit allen Mitteln, mich aus dem Weg zu räumen.

Ich will meinen Bericht dem Verwalter persönlich übergeben. Als der ölige und schwabbelige Mr. Barrow begreift, worum es geht, zuckt er zusammen und sieht mich mit einem Widerwillen an, in dem sich gleichzeitig so etwas wie Bestürzung zeigt. Er wisse nicht, sagt er, ob er das Recht habe, von mir solch eine Mitteilung entgegenzunehmen, und schon gar nicht, ob er sie weiterleiten dürfe. Darauf erwidere ich, daß dieses Dilemma |96|seine Sache sei, und lasse den über meine »Arroganz« verblüfften Mr. Barrow einfach stehen. So jedenfalls stellt er später mein Verhalten dar.

Nichtsdestoweniger erhielt Hilda Helsingforth meinen Bericht, denn acht Tage später händigte mir Mr. Barrow folgenden Brief von ihr aus:

 

Dr. Martinelli,

Sie beklagen sich über Ihre Mitarbeiter, und Ihre Mitarbeiter beklagen sich über Sie. Ganz offensichtlich erklärt sich aus dieser äußerst schlechten Situation, daß Ihren Forschungen bislang nur ein sehr geringer Erfolg beschieden war.

Hilda Helsingforth

 

Dieser Brief wurde mir beim Abendbrot in der Cafeteria übergeben; ich öffnete ihn erst, als Dave im Bett war. Ich hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Ich mußte mich setzen. Meine Beine zitterten, und ich schämte mich dessen. Einen Augenblick später gelang es mir, aufzustehen, ich ging in die Küche und spülte ein volles Glas Whisky hinunter. Da ich seit meiner Ankunft in Blueville nur sehr wenig trank, gab mir dieser viele Alkohol den Rest, anstatt mich zu beleben. Ich blieb in düsterer Erstarrung sitzen und versuchte vergeblich, meine Gedanken zu sammeln. Da überkam mich wieder das Gefühl, überhaupt nichts mehr zu verstehen und gnadenlos ausgeliefert zu sein, ein Gefühl, das Blueville mir immer eingeflößt hatte. Diesmal aber bemächtigte sich meiner nicht nur vage Angst, mich packte wirkliche Panik. Der Brief von Hilda Helsingforth konnte nur bedeuten, daß ich in den kommenden Wochen auf meine Entlassung gefaßt sein mußte. Ich war also zum Tode verurteilt. Dave ebenfalls, nur zu einem etwas späteren Zeitpunkt.

Plötzlich fühlte ich Übelkeit in mir aufsteigen, die mir einen Vorgeschmack der Agonie vermittelte. Ich hatte gerade noch Zeit, zum WC zu rennen. Ich gab alles von mir, den Whisky und das Essen. Als das vorbei war, sah ich im Spiegel mein Gesicht. Es war nicht einmal Blässe. Meine Haut war von einem Blau, das ins Grünliche ging. In diesem Augenblick begriff ich, was »leichenblaß werden« heißt, und ich begann seltsamerweise zu lachen.

|97|Von diesem Moment an fühlte ich mich besser.

Bevor ich mich hinlegte, nahm ich eine starke Dosis von einem Beruhigungsmittel und schlief danach wie tot. Als ich morgens aufwachte, wurde mir klar, daß ich in den kommenden Tagen nicht mit dem Entsetzen leben könnte, das mich am Abend überfallen hatte. Diese Situation war irrsinnig, und wenn ich mich darein schickte, würde ich mein seelisches Gleichgewicht verlieren. Ich beschloß zu kündigen. Es war eine Sache von Sekunden.

Gewiß lieferte ich mich selbst dem Tode aus, aber lieber wollte ich ihm aus eigenem Antrieb entgegengehen, anstatt ihm unmerklich in die Arme getrieben zu werden. Erst als mein Entschluß feststand und ich alle Hoffnung in mir getötet hatte, kehrte mein Mut zurück.

Ich setzte sofort mein Kündigungsschreiben auf und übergab es Mr. Barrow nach dem Frühstück. Leider öffnete er es nicht in meiner Gegenwart. Ich hätte gerne seine Reaktion gesehen. Was mir dann in den Sinn kam, konnte ich kaum schnell genug ausführen. Ich lief in mein Labor, bestellte Dr. Grabel zu mir, schloß mich mit ihm in meinem Büro ein und ließ rückhaltlos dem herrlichsten Zorn meines Lebens freien Lauf. Eine halbe Stunde lang bombardierte ich Grabel mit meinen Vorwürfen, die fast in Beschimpfung ausarteten. Er versuchte wohl, zu Wort zu kommen, und gab mir zu verstehen, daß diese Szene mich meine Stellung kosten werde. Aber ich unterbrach ihn kurzerhand, teilte ihm triumphierend meine Kündigung mit und überschüttete ihn erneut mit meinen Vorhaltungen, ohne ihm Gelegenheit zu geben, ein Wort einzuwerfen. Er sah mich blaß und stumm an, und ich konnte in seinen Augen eine Art Sympathie und sogar Achtung für mich lesen. Das setzte mich wirklich in Erstaunen, weil ich derlei nicht im Traum erwartet hätte.