Blueville (Vermont)
Ich habe überlebt, das ist wenigstens etwas. Die Zukunft erscheint mir dennoch ungewiß. Ich gehöre bis auf Widerruf zu jener Handvoll Amerikaner, die von den Zeitungen als PMs (protected men) bezeichnet werden. So nennt man die auf ökonomischem oder wissenschaftlichem Gebiet wichtigen Persönlichkeiten, für die eine PZ (protected zone) geschaffen wurde, um sie vor der Ansteckung zu bewahren.
Wie ich schon in meinem Bericht betonte, wird die Enzephalitis 16 nicht durch einen Zwischenwirt – wie die Mücke oder die Zecke – übertragen, sondern ausschließlich durch direkten Kontakt von einem Kranken in der Inkubationsphase auf den gesunden Menschen. Daraus folgt, daß die gegenüber der Krankheit biologisch immunen Personen, die Frauen und die Knaben im vorpubertären Alter, sich den PMs nähern können, ohne sie anzustecken. Dagegen kann ein männlicher Erwachsener erst nach einer Quarantäne, die der Dauer der Inkubationszeit entspricht, als gesund gelten und ohne Risiko in die Einfriedung einer Schutzzone aufgenommen werden. Und eben das geschah mit mir bei meiner Ankunft in Blueville.
Der Bundesstaat Vermont, der dem Franzosen Champlain (Kanada ist nicht weit) den so treffenden Namen verdankt, hat mit seinem Nachbarstaat Maine eine bestimmte Anzahl von Orts- oder Flurnamen gemeinsam, die auf -ville enden. Ich habe Spaß daran, mir auszumalen, wie der auf den Franzosen folgende englische Kolonisator im Falle von Blueville – es ist keine größere Siedlung, sondern eine Ranch – aus dem französischen bleu das englische blue machte und es dabei bewenden ließ, weil er zu müde war, »ville« durch city oder town zu übersetzen. Das Klima ist in Blueville ziemlich frisch, vor allem für jemanden, der zehn Jahre in Washington gelebt hat. Aber wenigstens sind die Ebenen grün, außer wenn Schnee liegt. Und die Berge, deren Grün dunkler ist, sind von wunderbaren Nadelbäumen bedeckt.
|34|Blueville ist ein recht zusammengewürfeltes Gebilde. Das Haus selbst hat nichts von dem, was man sich gewöhnlich unter einer Ranch vorstellt. Es ist ein Landsitz im pseudogotischen Stil, der in diesem Land für viele Universitätseinrichtungen verwendet wird. Es hat den Nachteil, den Gebäude solcher Art immer haben: Es ist nicht authentisch. Ich zweifle daran, daß man es selbst in dreihundert Jahren fertigbringen wird, das Gebäude schön zu finden. Wegen seiner riesigen Ausmaße und seines gequälten Stils nennen wir es ein bißchen ironisch »das Schloß«. Es hat wenigstens den Vorteil, geräumig zu sein und alle Einrichtungen unseres Gemeinschaftslebens unter einem Dach zu vereinen: Cafeteria, eine mit wissenschaftlichen Werken sehr gut ausgestattete Bibliothek, Vortragssaal, Salons und im Souterrain einen geheizten Swimmingpool.
Im Schloß selbst leben nur sehr wenige Menschen. Der Verwalter, Mr. Barrow, und seine Frau; der Arzt Dr. Rilke; die Privatsekretärin von Mrs. Helsingforth, Emma Stevenson. Mike, der Koch, seine beiden Gehilfen und die drei Aufwartefrauen wohnen im Souterrain. Es sind alles Weiße. Auf der ganzen Ranch sieht man keine Schwarzen. Es heißt, daß Mrs. Helsingforth, die absolute Herrscherin dieser Stätte, ihren Anblick nicht erträgt. Das ist um so erstaunlicher, als man sie selbst nie sieht.
Die Laboratorien und die Unterkünfte der Wissenschaftler befinden sich in Holzbaracken, die rund um das Schloß errichtet wurden, wo eigentlich der Park sein müßte. Um aber den Holzbauten Platz zu machen, wurden viele Bäume gefällt, und das Ganze ist von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben, der die Landschaft nicht gerade verschönt.
Der einzige Zugang zu diesem Gelände wird von Milizionärinnen bewacht. Ihre Baracke unterscheidet sich von unseren in zweierlei Hinsicht: sie ist länger und an einem Ende von einem hölzernen Wachtturm flankiert, der alle Gebäude überragt. Auf der von einem Schindeldach bedeckten, aber nach allen vier Seiten offenen Turmspitze befindet sich ein Beobachtungsposten mit einem schweren Maschinengewehr, das sich voll um seine eigene Achse drehen kann. Im Winter habe ich oft die wachhabende Milizionärin bedauert, die bei sibirischer Kälte zwei oder drei Stunden hintereinander auf dieser Hühnerstange ausharren muß, in einen Pelz eingemummt, die Pelzmütze |35|bis in die Augen gezogen, das Fernglas an einer Kette. In der Nacht folgt ein starker Scheinwerfer der Drehbewegung des Maschinengewehrs, mit dem er irgendwie gekoppelt ist.
Die Ranch ist ebenfalls von einem kilometerlangen Stacheldrahtzaun umgeben, hat mir Stienemeier versichert. Ich habe von alledem nichts gesehen, ich bin nachts im Auto angekommen und schlief, Daves Kopf an meiner Schulter. Ich habe die Umzäunung der Ranch nie gesehen, obwohl ich mit Jespersen und Stienemeier lange Ausritte zu Pferd über hektargroße Wiesen und Gebirgszonen mache.
Jespersen leitet ein »Projekt«, das sich von meinem unterscheidet. Stienemeier ebenfalls. Was sie machen, ist mir unbekannt. Wir haben die Auflage, einander nichts über unsere Arbeit zu sagen. Ich weiß nicht, warum Mrs. Helsingforth diese Geheimhaltung von uns verlangt, aber obwohl wir es absurd finden, haben wir uns bisher daran gehalten. Jespersen, der Chemiker ist, hat kaum die Dreißig überschritten: er ist groß, sein Haar ist von skandinavischem Blond, er hat einen hellen Teint und Augen von eisigem Blau, aber im Widerspruch zu diesem Äußeren ist sein Auftreten fröhlich und ungezwungen.
Stienemeier nennen wir »Stien«, weil er seinen Vornamen Otto verabscheut, und seine Frau »Mutsch«, weil er sie so nennt. Jespersen sagt über Stien, daß er »eine Last an Jahren, weißen Haaren und Schuppen zu tragen hat«, aber in Wirklichkeit kann er höchstens sechzig sein. Sein Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen, und er hat unter den Augen Tränensäcke. Seine graublauen Augen, die zwischen den Tränensäcken und Falten wie gefangen sind, scheinen sich nur mühsam einen Weg zu seinen Mitmenschen bahnen zu können. Aber der Blick ist lebhaft, jung und kämpferisch. Über sein Spezialgebiet hinaus besitzt Stien eine erstaunliche Allgemeinbildung. Seine äußere Erscheinung wirkt nicht gerade strahlend. Er ist klein, kleiner noch als ich, gebeugt, hat schmale Schultern, eine eingefallene Brust. Dennoch reitet er mit Jespersen und mir am Sonntag nachmittag aus, und wenn es ihm gelungen ist, auf der kleinen Stute aufzusitzen, die ihm vorbehalten ist, gibt er eine gute Figur ab. Er hat eine ausgesprochene Vorliebe für den Galopp, vielleicht deshalb, weil er nicht gerne zu Fuß geht. Sein Gang ist ziemlich ungewöhnlich. Er macht sehr kurze, vom Knie ausgehende Schritte, wobei die Hüften steif zu bleiben |36|scheinen. Er setzt seine sehr kleinen Füße von rechts und von links so, daß sich die Schuhspitzen leicht nach innen kehren.
Obwohl Stien ebenso wie Mutsch ein weiches Herz hat, ist er am Anfang unzugänglich. Immer aufgebracht, mit kampflustigen Brauen und verächtlich herabgezogenen Mundwinkeln wettert, schimpft, flucht, murrt er, und das in verschiedenen Sprachen. Seine Ausbrüche erfolgen auf jiddisch. Es zuckt überall in seinem Gesicht, und er hat eine Menge kleiner Manien, von denen die unangenehmste ist, daß er dich ständig daran erinnert, daß er Jude ist oder, was auf das gleiche hinausläuft, daß du keiner bist. Das tut er mit einem Blick, der gleichzeitig durchdringend, herausfordernd und mißtrauisch ist, als ob er versuchte, beim anderen den kleinsten Schimmer von Antisemitismus aufzudecken, der ihm bis dahin entgangen sein könnte.
Stien ist ein bedeutender Biologe, der viel veröffentlicht hat, doch gebe ich zu, daß ich seine Arbeiten nicht gelesen habe, während seine Neugier so weit ging, die Nase in die Bücher und Publikationen zu stecken, die ich von der Bibliothek des Schlosses ankaufen ließ. Er ist also recht gut über das »Projekt« informiert, das ich leite, obgleich er vorgibt, nichts davon zu wissen, um die von uns verlangte Geheimhaltung zu wahren.
Ich spreche von Jespersen und Stien, weil sie meine Freunde geworden sind, doch gibt es noch zahlreiche andere Wissenschaftler, die an den drei »Projekten« beteiligt sind. Ihre Frauen und ihre Kinder leben mit ihnen, jede Kleinfamilie in einer gesonderten Baracke. Doch nehmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam im Schloß ein. Und abends veranstalten wir in den Salons intime Familienzusammenkünfte, die wir mit Leben zu erfüllen versuchen. Manchmal singen und tanzen wir und spielen sogar Theater. Doch alle diese Zerstreuungen wirken, vermutlich wie bei Gefangenen, gequält und ein bißchen irreal.
Ich bin natürlich kein Gefangener. Ich bin ein protected man, ein PM. Aber mir entgeht nicht, daß jedermann in Blueville, mit Ausnahme der Betroffenen und ihrer Frauen, diese Anfangsbuchstaben PM mit einem gewissen Hohn ausspricht. Das ist nicht Mangel an Höflichkeit. Wenn es nur daran läge, wäre es leicht, dem abzuhelfen. Nein, das alles ist viel subtiler. Man |37|läßt uns spüren, daß wir unserer Arbeit wegen geduldet werden, aber keinerlei Anspruch auf Achtung und noch weniger auf Sympathie haben.
Im übrigen ist der Schutz, den wir genießen, widerruflich. Mrs. Helsingforth hat sich in dem Vertrag, den wir mit ihr abschließen mußten – ohne sie zu Gesicht zu bekommen, keiner von uns hat sie je gesehen –, mit dem Recht des Stärkeren die Klausel vorbehalten, diesen Vertrag zu jedem Zeitpunkt zu kündigen und uns nach Belieben wieder in die Hölle der Außenwelt zu verstoßen.
Was mich betrifft, fühle ich mich noch mehr auf Bewährung als meine Gefährten. Die Wichtigkeit meiner Forschung müßte eigentlich meine Angst vor einer Entlassung zerstreuen. Nichts von alledem. Ich fühle mich keineswegs gegen eine solche Entscheidung gefeit. Ich sage »fühlen«, weil sich meine Vermutung lediglich auf kaum wahrnehmbare Anzeichen stützt. Dennoch hat sie sich immer mehr verstärkt. Ich überlebe, aber in der Angst vor dem morgigen Tag.
Trotz Dave fühle ich mich ziemlich einsam, besser gesagt: verlassen. Anita, die jetzt ganz oben zur Rechten der Präsidentin Bedford ihren Sitz hat, besucht mich einmal im Monat. Mir ist jedesmal wie einem Häftling zumute: die Abstände zwischen den Besuchen sind lang, und der Besuch ist kurz. Deshalb empfange ich Anita mit einem Gefühl der Trauer – und fast widerstrebend. Kaum ist sie angekommen, scheint es mir, daß sie schon wieder fort ist.
Blueville hat etwas Militärisches an sich, und nicht nur wegen der bewaffneten Milizionärinnen, die uns bewachen: Der Tagesablauf ist streng geregelt, und es gibt viele Verbote.
Um sieben wird man von einer Sirene geweckt. Um acht tut jeder gut daran, in seinem Laboratorium zu sein. Mittagessen ist Punkt dreizehn Uhr. Abendbrot um sieben. Nachtruhe um zehn.
Das bedeutet, um zehn im Bett liegen zu müssen. Im übrigen ist man selbst daran interessiert, denn fünf Minuten vor zehn kündigt das zweimalige Aufheulen der Sirenen an, daß das elektrische Licht in den einzelnen Baracken ausgehen wird. Angeschaltet bleiben nur die Lampen auf dem Gelände und der mächtige Scheinwerfer des Wachtturms, der unablässig über die Wege zwischen den Baracken streicht. Wenn du nach der |38|festgesetzten Stunde außerhalb der eigenen Unterkunft überrascht wirst, kommt über Lautsprecher die Aufforderung stehenzubleiben, bis zwei berittene Milizionärinnen deinen Namen notieren und dich bis zur Unterkunft begleiten. Die Milizionärinnen sind höflich, aber voller Verachtung. Es hat keinen Zweck, mit ihnen ein Gespräch anknüpfen zu wollen. Wenn sie dich eskortieren, wirst du in die Mitte genommen und gehst im Schnee zwischen den Pferden. Dein Kopf befindet sich in Höhe ihrer Stiefel, und du kommst dir plötzlich vor wie ein Schwarzer, der in den Südstaaten von berittener Polizei verhaftet worden ist.
Tags darauf findest du auf deinem Schreibtisch eine Mitteilung von Mr. Barrow, dem Verwalter. Er bedauert, zehn Dollar Strafe vom Gehalt abziehen zu müssen, weil du gegen die Regeln von Blueville verstoßen hast.
Wenn du rückfällig wirst, erhältst du eine zweite Mitteilung von Mr. Barrow und eine zweite Strafe, die zwanzig Dollar beträgt. Aber diesmal wir die Maßnahme durch folgenden kurzen Brief verschärft.
Dr. Martinelli,
eine Sache beunruhigt mich in Ihrem Fall: Ihre Unfähigkeit, sich der Disziplin von Blueville unterzuordnen. Wollen Sie in Zukunft den ernsthaften Versuch machen, diese Nachlässigkeit abzustellen?
Hilda Helsingforth
Wenn man einen solchen Liebesbrief von jemand erhält, den man nie zu Gesicht bekommen hat, der aber zu jeder Minute über Tod und Leben entscheiden kann, bleibt es jedem überlassen, sich die Wirkung selbst auszumalen.
Mir leuchtet ein, daß die Milizionärinnen dazu da sind – wie die offizielle Version in Blueville lautet –, uns vor Banden zu schützen, die sich das allgemeine Chaos zunutze machen könnten, um gewaltsam in die Ranch einzudringen und sich unserer Vorräte zu bemächtigen. Diese sind in der Tat in einer Baracke neben dem Wachtturm gelagert. Ich begreife auch, daß wir Energie sparen müssen. Sie wird in Blueville mit Hilfe eines Wasserfalls erzeugt, der sich auf dem dortigen Gelände befindet. Die Nachtruhe ist also gerechtfertigt, und in gewissem Sinne auch das Verbot, sich nachts zwischen den Baracken zu |39|bewegen. Ab zehn Uhr will die Verwaltung die Gewißheit haben, daß kein Wissenschaftler Gefahr läuft, von den Milizionärinnen für einen Plünderer gehalten zu werden.
Bedeutend weniger verständlich ist die Schärfe, mit der diese Anweisungen ausgeführt werden, und die geringe Achtung, die wir genießen. Letzten Endes sind wir keine Parasiten. Wir sind mit Aufgaben betraut, die eine sehr hohe wissenschaftliche Spezialisierung erfordern. Wovon lebt die große Firma, bei der wir angestellt sind? Hat sie ihre Macht und ihren Besitz nicht Wissenschaftlern wie uns zu verdanken? Wenn es mir gelingt, ein Serum gegen die Enzephalitis 16 zu entwickeln, wird diese Entdeckung Mrs. Helsingforth bei kommerzieller Nutzung ein riesiges Vermögen einbringen. Und dennoch werde ich beim geringsten »Fehler« wie ein Schüler abgekanzelt, der sich schlecht aufführt, und man droht mir ziemlich unverblümt, mich vor die Tür zu setzen, wenn ich mich nicht bessere.
Wir sind außerdem kleinlichen, sinnlosen Schikanen ausgeliefert. Es ist verboten, ein Transistorgerät zu besitzen, und im Schloß gibt es weder Rundfunk- noch Fernsehgeräte, zumindest nicht in den uns vorbehaltenen Räumen. Wenn wir aber an der Baracke der Milizionärinnen vorübergehen, können wir durch das geöffnete Fenster den Bildschirm flimmern sehen. Johnny, der achtjährige Sohn von Mrs. Pierce, blieb eines Tages gebannt vor dem Fenster stehen, und Mrs. Pierce dachte sich nichts dabei. Augenblicklich ist eine Milizionärin aufgestanden und hat, ohne Johnny eines Blickes zu würdigen, ihm das Fenster vor der Nase zugemacht und die Vorhänge zugezogen.
Indessen bekommen wir die Presse, aber drei bis vier Tage verspätet und nur in wenigen Exemplaren. Außerdem fehlen aus unerklärlichen Gründen bestimmte Nummern, woraus man schließen muß, daß sie zensiert worden sind. Übrigens fragt man sich verständlicherweise nach dem Grund, denn in dem Maße, wie die Zeitungen an Umfang abnahmen, verloren sie an Qualität. Es ist erschreckend, wie seicht sie sind. Die Informationen sind verkümmert, und die einst so kraftvolle Auseinandersetzung mit der Regierungspolitik hat einem offiziellen Schnurren Platz gemacht.
Mir fällt auf, daß in den Publikationen, die wir erhalten, immer seltener von der Enzephalitis 16 die Rede ist und daß |40|niemals Statistiken aufgeführt werden. Präsidentin Bedford hat es in diesem Punkt besser als ihre Vorgänger verstanden, das Ganze zu vertuschen. Nicht weniger erstaunt nimmt man das geringe Interesse zur Kenntnis, das die Massenmedien der Epidemie entgegenbringen. Ich fürchte, und Stien ist auch meiner Meinung, daß letzten Endes eine gewisse Gewöhnung eingetreten ist. Sicher, man gewöhnt sich an alles, daran, daß jahrelang Tonnen von Müll in die Flüsse und in die Weltmeere geschüttet werden und daß die Leute um einen herum wie die Fliegen sterben. Dennoch, diese Männer, die da sterben, haben Verlobte, Mütter, Frauen. Wie kommt es, daß die öffentliche Meinung an solchem Massensterben keinen Anteil zu nehmen scheint?
Denn es ist ein Massensterben, daran ist nicht zu zweifeln. Man hat uns zwar die ausschlaggebenden Informationsmittel genommen, aber das Telefon ist verfügbar, vorausgesetzt, daß man über die Zentrale von Blueville geht und das Abhören in Kauf nimmt (man hört sogar das leise Klicken des Tonbandgerätes, das angeschaltet wird). Anfangs habe ich davon Gebrauch gemacht, doch die Stimmen meiner Freunde verstummen eine nach der anderen. Ich wage es nicht mehr, die Verbliebenen anzurufen. Ich ziehe das Nichtwissen vor.
Laut Anita sind allein hier in den Vereinigten Staaten Millionen gestorben. Doch nennt Anita selbst keine Zahlen, obwohl sie diese kennen müßte. Woraus ich schließe, daß sie weiter ansteigen. Ich bin also durch zwei dicke Ketten an Blueville gefesselt: einmal ist es die Dringlichkeit einer Aufgabe, die die Epidemie eindämmen kann, wenn ich ans Ziel gelange; und dann ist es die Vorstellung, daß ich nach einer Ausweisung aus Blueville meine ärztliche Praxis wieder aufnehmen müßte und dabei wie Morley und so viele meiner Kollegen den Tod finden würde. In Wahrheit stoßen mich die moralischen Bedingungen, unter denen wir in Blueville leben, derartig ab, daß ich bereit wäre, dieses furchtbare Risiko auf mich zu nehmen. Doch da ist Dave. Ich bin fast sicher, daß Anita sich im Falle meines Todes trotz des Versprechens, das ich ihr entriß, nicht um ihn kümmern würde. Sie würde es gar nicht können, selbst wenn sie wollte. Und Dave fiele in die Hände meiner ehemaligen Schwiegermutter Mildred Miller.
Bevor ich nach Blueville kam, wußte ich nicht, wieviel ich |41|auf meine Manneswürde hielt. Sicher paßte es mir nicht immer, wie die Männer auf meine äußere Erscheinung reagierten. Aber ich fühlte mich durch das Bewußtsein entschädigt, gerade deshalb den Frauen zu gefallen. Und vor allem im Krankenhaus, meiner eigentlichen Wirkungsstätte, war ich von allgemeiner Achtung umgeben. In Blueville sind meine materiellen Bedingungen zufriedenstellend, zahllose Anzeichen lassen mich jedoch spüren, daß ich als menschliches Wesen nur noch einen untergeordneten Status besitze.
Wenn ich mich in meiner sozialen Existenz reduziert fühle, was soll ich dann erst von Anitas Siegerpose halten? Bei ihren Besuchen erscheint sie mir strahlend, selbstsicher, stolz auf ihre hohen Funktionen, stolz auch auf die Bemühungen der Frauen, die Aktivitäten der Männer zu übernehmen.
Sie erläutert mir, daß die Lage in ökonomischer Hinsicht schwierig, aber nicht so katastrophal ist, wie man befürchten könnte. In den großen Firmen hat der Tod eines großen Teils der Verwaltungsangestellten keine fühlbaren Auswirkungen gehabt. Er hat im Gegenteil zu einer Vereinfachung der Bürokratie geführt. Die Produktion geriet am Anfang infolge der Dezimierung der Arbeiter ins Stocken. Man hat es so gut wie möglich verschleiert: in erster Linie mit Frauen, aber auch mit massiven Importen männlicher Arbeitskräfte, »die in dem Maße erneuert werden, wie sie dahinsterben« (sic).
Trotzdem ist die Produktion zurückgegangen. Aber weil durch den Tod einer großen Anzahl Männer viele Witwen ohne Hilfsquellen zurückgeblieben sind, ist auch der Konsum steil gesunken; alles in allem ist das Gleichgewicht wiederhergestellt.
Ich habe Anita gefragt, welche Auswirkungen der massive Eintritt der Frauen ins Wirtschaftsleben des Landes hatte. Sie sah es von verschiedenen Seiten. Zuerst wies sie darauf hin, daß es vor der Epidemie in den Vereinigten Staaten auf allen Gebieten weitaus mehr Arbeiterinnen gegeben hatte, als sie annahm. Und vor allem hatten viele von ihnen Aufgaben zu erfüllen, die weit unter ihren tatsächlichen Fähigkeiten lagen. Ihr schneller Aufstieg hat sie also nicht unvorbereitet getroffen. Und sie haben sich insgesamt erstaunlich angepaßt.
Ohne Beschönigung nennt mir Anita jedoch einige Unzulänglichkeiten. In der Produktion sind die Frauen wesentlich |42|schneller als die Männer, doch ergreifen sie weniger Initiativen, und auf anspruchsvolleren Ebenen sind sie weniger perfektioniert. Sie neigen auch dazu, weniger auf Pünktlichkeit zu achten und häufiger zu fehlen.
Aber nach Meinung Anitas sind diese Schwächen – ich zitiere – »auf die historische Sabotage des Lebens der Frauen durch die familiäre Versklavung« zurückzuführen. Sobald sie von dieser Bürde befreit sein werden, wird dieser Mißstand verschwinden.
Wenn die Frauen hingegen leitende Posten einnehmen oder große Unternehmen erben, sind sie weniger empfindsam und neigen weniger als die Männer dazu, sich entmutigen zu lassen, sagt sie. Die schweren finanziellen Verluste, die so viele Männer bei Ausbruch der Epidemie zum Selbstmord trieben, hatten auf sie eine bei weitem nicht so verheerende Wirkung. Da sie nicht so prestigebesessen wie ihre Männer sind, leiden sie weniger unter Mißerfolgen, insbesondere finanziellen, und sie werden des Lebens nicht so schnell überdrüssig.
Das Massensterben der Männer wirkt sich auf wissenschaftlichem Gebiet am nachhaltigsten aus. Nicht ohne Erfolg hat man hier an die emeritierten Kapazitäten appelliert, denen die neue Verantwortung, die sie aus der Melancholie und dem Ruhestand reißt, Schwung und Kraft wiederzugeben scheint. Und vor allem ist eine neue Kaste auf der Bildfläche erschienen, die von Tag zu Tag größere Bedeutung im Wirtschaftsleben erlangt.
In wenigen Worten erzählte mir Anita diese Geschichte.
Fast zum gleichen Zeitpunkt, als ich in Blueville in Quarantäne und von jeder Information abgeschnitten war, hatte ein Laien- und Wanderprediger in den Vereinigten Staaten von Stadt zu Stadt einen überwältigenden Erfolg davongetragen. Er hieß Jonathan Bladderstir. Das Thema, das fast alle seine Predigten beherrschte und bei dem ihm sein eindrucksvolles Äußere und seine schauspielerische Begabung zugute kamen, war eingängig: Da der (wenn auch unerklärte) Zusammenhang zwischen Spermatogenese und Enzephalitis 16 erwiesen war, bot sich jedem Christen die Offenbarung in strahlendstem Lichte dar. Indem der Herr die Männer züchtigte, wollte er sie für den Mißbrauch ihrer sexuellen Potenz strafen. Diese hätte bestenfalls |43|zum Zwecke der Fortpflanzung genutzt werden dürfen. Leider war alles ganz anders gewesen. Getrieben von dem egoistischen Drang nach Lustbefriedigung, hatten die Männer ihre Frauen häufig zu Liebesdiensten gezwungen, bisweilen – und er bedauerte, das aussprechen zu müssen – sogar täglich.
Bladderstir war ein auffallend schöner Mann in den Vierzigern, und wenn er diese Exzesse beschrieb – was er, um sie hassenswert zu machen, in allen Einzelheiten tat –, wurden die Zuhörer von seinen wunderbaren, schwarzen Augen und seiner warmen Stimme mitgerissen. Kurzum, so schlußfolgerte Bladderstir, die Enzephalitis 16, die eine Strafe insbesondere für die Sünde des Fleisches war, zeigte den Männern gleichzeitig den Weg, den sie befolgen müßten, um Vergebung zu erlangen. Er selbst hatte aus den Tatsachen die alles überstrahlende Lehre gezogen und forderte seine Brüder in Christo auf, es ihm gleichzutun. In Übereinkunft mit einer weiterhin zärtlich geliebten Gattin (hier trat Mrs. Bladderstir, eine rundliche, sexy Blondine, auf die Bühne und faßte ihren Mann mit einem hinreißenden Lächeln bei der Hand) hatte er beschlossen, sich in Zukunft jeglicher fleischlicher Beziehungen zu enthalten und mit ihr in reiner Zuneigung wie Bruder und Schwester zu leben. (Frenetischer Beifall, gefolgt von religiösen Liedern.)
Bladderstir verkündete lautstark, daß die Enthaltsamkeit, abgesehen von ihrem religiösen Wert, letztendlich die beste Prophylaxe gegen die Enzephalitis 16 darstelle. Obwohl diese Sicht der Dinge nichts Wissenschaftliches an sich hatte, denn die Spermatogenese hört auch bei Enthaltsamkeit nicht auf (und es ist nicht einmal erwiesen, daß sie sich im Laufe der Jahre bei den keuschen Priestern verlangsamt, auch wenn das damit einhergehende Begehren schließlich erlischt), enthielt die vorgeschlagene Askese einen Ruf zur Bekehrung, der seinen Eindruck auf eine christlich geschulte Zuhörerschaft nicht verfehlte. In der Tat, eine große Anzahl Männer, die sich ungeachtet der erhöhten Ansteckungsgefahr unter riesige Menschenmassen mischten, um den Prediger zu hören, bekannten sich sehr schnell zum Bladderstirismus als Glaubenslehre.
Zwei Ereignisse jedoch waren angetan, den Bladderstirismus zu erschüttern und sogar zu vernichten.
Mrs. Bladderstir leitete gegen ihren Mann einen Scheidungsprozeß ein. Sie warf ihm vor, bei seinen Predigten unter einem |44|Namen und Rang, die nur ihr zustanden, eine falsche Mrs. Bladderstir vorzuführen, die Mr. Bladderstir irgendwo aufgelesen hatte. Außerdem beschuldigte sie ihren Mann, zu dieser Person sündige Beziehungen zu unterhalten. Mrs. Bladderstir veröffentlichte in den Zeitungen ihr eigenes Foto, um wenigstens die unrechtmäßige Aneignung der Identität zu beweisen. Ich habe das Foto nicht gesehen, weil ich, wie schon gesagt, in Blueville in Quarantäne war, doch Anita versicherte mir, der Heroismus von Bladderstirs Enthaltsamkeit hätte in den Augen seiner Zuhörer großen Schaden erlitten, wenn er seine wirkliche Ehefrau zur Schau gestellt hätte.
Bladderstir protestierte gegen diese »Verleumdungen« heftig, doch es blieb ihm keine Muße, lange zu protestieren. Es trat ein Ereignis ein, das niemand vorausgesehen hatte, nicht einmal Bladderstir selbst, der doch Gott so nahe war: Bladderstir erlag der Enzephalitis 16.
Wie man die Fakten auch bewerten mochte, mit diesem Tod hätte eigentlich dem Bladderstirismus die Stunde schlagen müssen. Entweder hatte Bladderstir, entsprechend den Beschuldigungen seiner Frau, außereheliche Beziehungen zu der Blonden unterhalten, die er für seine Frau ausgab, und war in diesem Falle weiter nichts als ein Scharlatan; oder er hatte tatsächlich die Enthaltsamkeit geübt, die er den anderen nahelegte, und in diesem Falle hatte die Enthaltsamkeit nicht die prophylaktische Wirkung, die er ihr zuschrieb.
Doch Logik und Wahrheit haben nichts mit der Gunst des Volkes zu tun. Nicht ohne Enttäuschung hatte man in den Vereinigten Staaten oft die Erfahrung machen können: je verlogener, verschlagener und durchtriebener ein Politiker war, je weniger er die während einer früheren Wahlkampagne abgegebenen Versprechen hielt, um so größer waren seine Aussichten, haushoch über seinen ehrlichsten Konkurrenten zu siegen.
So geschah es auch mit dem neuen Propheten. Der tote Bladderstir verhalf dem Bladderstirismus zu neuem Leben.
Aber die Nachfolge des Meisters verlief nicht ohne Reibereien. Seine Schüler machten sich sowohl sein geistiges Erbe wie auch die riesigen Einkünfte streitig, die ihm aus seinen Predigten zugeflossen waren. Schließlich zerfiel der Bladderstirismus in zwei deutlich voneinander getrennte Flügel: die Enthaltsamen und die Ablationisten.
|45|Als Anhänger von Bladderstirs mutmaßlicher Praxis priesen erstere die Enthaltsamkeit gleichzeitig als prophylaktische Maßnahme auf dieser Erde und als Askese, für die sie im Jenseits vom Herrgott belohnt würden. Die viel radikaleren Ablationisten, die anfangs nur eine kleine Minderheit darstellten, ließen sich die Hoden entfernen und empfahlen die Ablation auch ihren Anhängern.
Vom religiösen Standpunkt aus konnte sich die These letzterer schwerlich auf die Tradition berufen. Im allgemeinen lehnen die Kirchen die Kastration ab. Sie ziehen es vor, das Werkzeug zu bewahren und seine Benutzung einzuschränken oder ihren Priestern gar völlig zu verbieten, wie es die katholische Kirche tut. Die jungen männlichen Sänger der römischen Kurie sahen sich einst nur deshalb ihrer Männlichkeit beraubt, um das Hohelied der Schöpfung singen zu können – was für die Betroffenen nicht einer peinlichen Ironie entbehrte.
Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus hatte die Kastration aber wenigstens den Effekt, der Spermatogenese ein für allemal ein Ende zu setzen und den Kastraten die Immunität gegenüber der Enzephalitis 16 zu verleihen, die die Knaben im vorpubertären Alter zeitlich bemessen und die Greise im fortgeschrittenen Alter endgültig besaßen. Gleichwohl lehnten die Ärzte die Kastration wegen ihrer traumatisierenden, erniedrigenden und nicht rückgängig zu machenden Wirkung strikt ab.
Nichts zählt in der Leistungsgesellschaft so wie der Erfolg. Sosehr die Ablationisten am Anfang in der Minderzahl waren, sie gingen aus den inneren Kämpfen des Bladderstirismus schon aus dem Grund gestärkt hervor, weil sie nicht starben. Vergeblich bemühten sich die Enthaltsamen, das Massensterben, das ihre Reihen lichtete, zu ihren Gunsten auszulegen, indem sie schlußfolgerten, der Herr habe die Seinen erkannt und zu sich gerufen, um ihre Enthaltsamkeit zu belohnen. Die Ablationisten wiesen darauf hin, daß er auch die Wollüstigen und Ausschweifenden zu sich rief. Was sie selbst betreffe, hätten sie, ohne im geringsten die Enthaltsamen verachten zu wollen, augenscheinlich einen Schritt über das Opfer hinaus getan. Wie einst Abraham, und in gewissem Sinne besser als er, hätten sie mehr als Fleisch von ihrem Fleische geopfert: die Möglichkeit der Vaterschaft.
Die Ablationisten hätten sich diesen Vergleich sparen können: auf dem gesamten Territorium der Vereinigten Staaten |46|wurde die Liste der Beitritte von Tag zu Tag länger, und mangels Chirurgen mußten viele Anwärter zurückstehen. Der Tod hatte auch die Ärzte nicht verschont, und da die Zahl der Chirurgen klein war, erhöhten sich die Operationskosten ständig. Schließlich wurden für die Ablation unerschwingliche und kaum geringere Preise für einen einfachen Eingriff gefordert. Das Wochenblatt der Ablationisten protestierte gegen diese Ausbeutung und fragte in einer seiner Nummern aufgebracht, ob die Kastration zu einem Luxus der Reichen werden solle. In bestimmten Staaten wurden Maßnahmen getroffen, um die Preise stabil zu halten. Einziger Erfolg war: einerseits ein Schwarzmarkt erster Klasse für Kastration, anderseits billige Hinterzimmer, wo die von unqualifizierten Pfuschern ausgeführte Operation ziemlich oft tödlich verlief.
Hier muß vermerkt werden, daß die von religiösem Geist durchdrungenen Ablationisten zumindest anfangs die chemische Kastration verabscheuten, weil sie ihnen nicht weihevoll genug erschien. Doch der Ärztemangel machte schließlich die Verwendung sterilisierender Medikamente unumgänglich. Zuerst verwendeten die Anwärter ein Antiandrogen, das Kyproteroazetat, aber die Nachfrage war so groß, daß das in Form von 50-Milligramm-Tabletten verkaufte Medikament, welches einen Monat lang morgens und abends einzunehmen war, vom Markt verschwand. Danach entdeckte, besser gesagt, wiederentdeckte man ein Präparat, das ebenfalls oral verabreicht wurde und genauso wie das Kyproteroazetat wirkte, nur wesentlich schneller.
Darüber brauchte Anita mir nichts zu sagen. Ich kannte dieses Medikament, obwohl es damals in den Vereinigten Staaten nicht gehandelt wurde. Ich hatte darüber ausführlich in einem Buch über die Naziärzte in den Konzentrationslagern des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hatten diese Ärzte, wenn man diese Ungeheuer so nennen kann, erwogen, das Präparat zu importieren und in großem Umfang einzusetzen, um die Männer jüdischer Rasse unfruchtbar zu machen, die Hitler aus ganz Europa zusammengetrieben hatte und in seinen Lagern gefangenhielt. Sie hatten dann von diesem Vorhaben Abstand genommen, weil der Rohstoff in beträchtlichen Mengen aus Lateinamerika hätte eingeführt werden müssen; die Frachtschiffe der Deutschen hätten |47|damals (1941) den Atlantik nicht ohne enormes Risiko überqueren können.
Dieser Rohstoff, das Caladium seguinum, ist eine grasartige Pflanze mit Knollenwurzeln aus der Familie der Arazeen. Sie kommt in Brasilien wild vor und wächst an feuchten und morastigen Stellen oder in sehr schattigen Wäldern. Aber man hätte sie selbstverständlich intensiv anbauen müssen, um sie in dem von den Nazis geplanten Ausmaß verwenden zu können, denn sie hatten weder an der Wurzel noch an der Frucht der Pflanze Interesse, sondern an einem aus dem Saft gezogenen Extrakt.
Sicher kannten die Ureinwohner Lateinamerikas die Wirkung dieses anfangs mit primitiven Mitteln gewonnenen Extraktes seit undenklichen Zeiten. Nach einer mündlichen Überlieferung der Indianer Äquatorialamerikas bedienten sich ihre Vorfahren dieses Extraktes, um die gefangenen Feinde impotent zu machen und sie in fügsame Sklaven zu verwandeln. Diesen Unglücklichen wurde das Caladium seguinum jedoch nicht gewaltlos verabreicht; der Extrakt, zumindest der von den Ablationisten in den Vereinigten Staaten gehandelte, ist nämlich eine schleimige, grünliche Flüssigkeit, deren Geruch und Geschmack wenig verlockend sind. Aber die Wirkung ist sicher und schnell, ohne daß sich das Äußere der Organe im geringsten verändert. Das Caladium seguinum wirkt innerlich. Die Hoden, die Nebenhoden und die Prostata sterben ab, eine Erscheinung, die in der ersten Phase das völlige Aufhören der Spermatogenese und in der zweiten Phase die endgültige Zerstörung des spermatogenen Gewebes zur Folge hat.
Der Ablationist F. M. Hammersmith gründete in Boston die United Caladium Seguinum Company (UCASEC), um in Brasilien geeignete Ländereien für den Anbau, die Ernte und die Verarbeitung dieser Pflanze zu erwerben. Er überlebte den kolossalen Erfolg seines Unternehmens nur um drei Monate. Er starb mit fünfzig Jahren in seinem Büro an einem Herzanfall, ein Opfer seiner Arbeitswut und vor allem seiner verzehrenden Manie, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Es stellte sich heraus, daß Hammersmith im Augenblick seines Todes ein Glas Whisky trank, eine Zigarre rauchte, seiner jungen Sekretärin kubanischer Herkunft die Post diktierte und dabei ihre Brüste streichelte. Die Sekretärin selbst bestätigte ihren aktiven |48|und passiven Anteil an dieser kurzen Tragödie. Als die Journalisten sie mit Fragen bedrängten, warum sie ihrem Chef solche Vertraulichkeiten erlaubte, gab sie zur Antwort, daß sie harmlos waren: Hammersmith sei Ablationist gewesen, und außerdem habe sie ihm gegenüber trotz des Altersunterschiedes fast mütterliche Gefühle empfunden. »Warum sollte ich den Ärmsten nicht spielen lassen?« sagte sie, während ihr Tränen die Wangen hinunterliefen und langsam auf ihre üppige Brust fielen.
Kaum war der Verstorbene unter der Erde, sah sich seine Witwe, Dora Magnus Hammersmith, vor eine Situation gestellt, die ihr Imperium zu ruinieren drohte: Unter Ausnutzung der augenblicklichen Schwäche von Armee und Polizei ergriff eine linke Regierung in Brasilien die Macht und forderte von der UCASEC, ihr 51 Prozent des Aktienkapitals zu überlassen, während eine noch weiter links orientierte Fraktion deren sofortige Nationalisierung forderte. Für Dora war die Lage um so unangenehmer, als die infolge der Epidemie auf ein Fünfttel ihres Bestandes reduzierte CIA außerstande war, mit ihrer gewohnten Diskretion auf die lateinamerikanischen Angelegenheiten Einfluß zu nehmen.
Dora reagierte außerordentlich energisch. Sie suchte Präsidentin Sarah Bedford auf, legte ihr mit Nachdruck dar, welchen Gefahren die Volksgesundheit und der Außenhandel der Vereinigten Staaten durch die Konfiszierung der UCASEC in Brasilien ausgesetzt würden, und erwirkte bei ihr ein entschiedenes Eingreifen. Auf Brasilia wurde gewaltiger Druck ausgeübt, der, wie mir Anita bestätigte, bis zur Androhung atomarer Repressalien ging.
Brasilia gab nach. Etwas später wurde bekannt, daß die extremistische Fraktion der brasilianischen Regierung, deren Nationalisierungsabsichten die Präsidentin zum Eingreifen bewogen hatten, in Wirklichkeit von brasilianischen Agenten der UCASEC gekauft und gesteuert war. Die Präsidentin war weit davon entfernt, Dora Hammersmith dieses taktische Geschick zu verübeln; im Gegenteil, es erhöhte sogar ihr Ansehen, und als der Außenminister starb, wurde sie als Nachfolgerin in dieses hohe Amt berufen. Dora trat sofort von der UCASEC zurück und wurde von dem Ablationisten P. J. Barry abgelöst, dem sie ihre Befehle täglich über Telefon erteilte.
Aus dem Munde Anitas erinnerte diese Geschichte an die |49|»success story«, mit der uns so viele Romane und Filme anwiderten. Ich glaube, Anita erzählte sie mir, um mich zu überzeugen, daß die Frauen an der Spitze großer geschäftlicher Unternehmungen ebenso fähig wie die Männer sind. Sie brauchte sich da keine große Mühe zu geben: ich war durchaus überzeugt davon.
Wenn es der UCASEC einerseits gelungen war, in den europäischen Industrieländern Fuß zu fassen und ihren Export ständig zu erhöhen, stieß sie dagegen in Lateinamerika und in allen übrigen benachteiligten Ländern der Welt, in Afrika und in Asien, beim Absatz ihrer Waren auf viele Schwierigkeiten. Je weiter man der Sonne, der Unterentwicklung und der Armut entgegenging, um so mehr hielten die Männer an ihrer Männlichkeit fest und zogen es vor, lieber zu sterben, als auf sie zu verzichten. Durch Anita kannte ich die abstoßenden und grotesken Aktivitäten von Dora Magnus Hammersmith, die sie in ihrer offiziellen und offiziösen Doppelrolle entfaltete, um diesen bedauernswerten Menschen mit allen Mitteln, einschließlich unzulässigen Drucks auf Regierungsebene, ein Medikament aufzuzwingen, das sie als entwürdigend empfanden.
Entwürdigend, das ist vielleicht zuviel gesagt, aber wenn man mich aus Blueville auswiese, ich würde es bestimmt nicht nehmen. Dabei geht es nicht um den Stolz des Phallokraten, dessen mein Geschlecht so oft beschuldigt wurde. Ich bestreite nicht die Existenz der Phallus-Vergötterung, doch tritt sie vor allem bei neurotisierten Menschen auf, deren Supermännlichkeit zwangsläufig Verdacht erweckt, weil sie narzißtisch ist. Andererseits ist aber bei einem Mann die Selbstverstümmelung einer Funktion, die, ganz abgesehen von den biologischen Notwendigkeiten, für seine Lebensfreude und seinen schöpferischen Elan unerläßlich ist, durch nichts zu entschuldigen.
Ich spreche hier lediglich von Tatsachen, doch wurden gerade sie von denen verkannt, die zu Tausenden, bald zu Zehntausenden die Reihen der Ablationisten füllten und nach einer dem Taufakt gleichenden Zeremonie in der Gemeinschaft Gleichgesinnter das Caladium seguinum tranken. Sie hätten sich diese Riten ersparen können, da das Caladium seguinum in allen Drugstores frei verkäuflich ist. Aber nur sehr wenige Männer nahmen es alleine zu sich. Die neuen Anhänger fanden in der stark religiösen Färbung der Kastrationsweihe eine Art |50|Rechtfertigung, desgleichen in dem tröstlichen Gefühl, einer mächtigen Gruppe anzugehören, die in der Wirtschaft des Landes eine immer größere Rolle spielte.
Eine von Harriett Steinfeld geleitete Psychologengruppe der Columbia-Universität wies übrigens in einer Studie nach, daß in den Motivationen der neuen Anhänger des Ablationismus – die alle aus den Mittelschichten hervorgingen – das wirtschaftliche Überleben und der soziale Aufstieg eine größere Rolle als die Todesangst spielten. Auf dem Arbeitsmarkt waren die kurzerhand »A.s« Genannten (die von schlechten Witzemachern unter den Intakten als »A minus« bezeichnet wurden) bald immer mehr gefragt. Die A.s boten dem Unternehmer alle erdenklichen Vorteile, angefangen von der Stabilität der Belegschaft bis zur Fügsamkeit in der Arbeit. Ihre technologischen Kenntnisse, die die Frauen in ihrer Gesamtheit noch nicht besaßen, machten sie darüber hinaus zeitweilig unentbehrlich, um die von der Epidemie gerissenen Lücken zu schließen. Auf einen Schlag erhielten die A.s Posten und Löhne, von denen sie bis dahin nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
Von den zahlreichen Interviews, die Harriett Steinfeld in ihrer Studie veröffentlichte, ist das mit dem Ingenieur C. B. Mills, Cleveland (Ohio), vielleicht das aufschlußreichste. Mills empfing Harriett Steinfeld in einem kurz zuvor neu eingerichteten Salon. Wohlbeleibt in einen funkelnagelneuen Sessel zurückgelehnt, sah Mills zufrieden und selbstsicher aus.
»Glauben Sie mir, ich bedaure gar nichts«, sagte er mit kurzem Auflachen. »Erstens, weil die A.s etwas anderes als der Rotary Club sind. Die A.s lassen einander niemals im Stich. Es herrscht bedingungslose Solidarität! Besser als unter den Juden! Wenn ich aber vor allem daran denke, was mein Leben vorher war, kann ich mich zu meiner Entscheidung nur beglückwünschen.«
»Waren denn Ihre Lebensbedingungen so schlecht, Mr. Mills?«
»Nein. Sie waren sogar recht gut. Doch um sie zu haben, wurde mein Leben zur Hölle. Ich war überlastet, ich hatte nur noch Wechsel und Rechnungen zu begleichen. Die Wohnung mußte bezahlt werden, die drei Autos: meins, das meiner Frau und das meiner ältesten Tochter, der unerschwingliche Beitrag für meine Lebensversicherung, die zwei auf Abzahlung gekauften |51|Farbfernseher, die neue Tiefkühltruhe, ich machte nichts anderes als zahlen, zahlen und nochmals zahlen. Und natürlich arbeiten, um das alles bezahlen zu können! Ich arbeitete buchstäblich wie ein Irrer! Kurzum, mit fünfundvierzig: Herzinfarkt. Und die Behandlung kostete mich ein Vermögen, was mich noch weiter hineinriß.«
»Sie sind also jetzt glücklicher?«
»Das ist gar kein Vergleich: Ich habe einen phantastischen Sprung nach vorn gemacht. Ich werde unendlich besser bezahlt, und ich arbeite weniger. Wie Sie sehen, habe ich gerade meine Wohnung renoviert, ich habe die Absicht, einen vierten Wagen und einen dritten Fernseher zu kaufen.«
»Ihr Glück ist also ungetrübt?«
»Ja, völlig.«
»Mr. Mills, ich möchte einen etwas delikaten Punkt berühren. Sie sind achtundvierzig, das ist also kein Alter, und Sie sind mit einer sehr verführerischen Frau verheiratet …«
»Aber ich bitte Sie, das macht mir überhaupt nichts aus«, sagte Mr. Mills, wieder kurz auflachend.
»Darf ich Sie fragen, weshalb nicht?«
»Hören Sie, ich will Ihnen ein Geständnis machen: Vor meiner Weihe bei den A.s war ich dermaßen überarbeitet und hatte solche Geldsorgen, war auch durch meinen Infarkt so herunter, daß ich meine Frau schon wer weiß wie lange nicht mehr angerührt hatte, zwei Jahre vielleicht. Sie sehen also, es hat sich für mich nicht viel geändert.«
Harriett Steinfeld ergänzte dieses Interview durch einen Kommentar, den ich zuerst ziemlich unverschämt fand. Sie stellte fest, Mills habe ebenso wie viele seiner Landsleute schon vor der Weihe seine Männlichkeit gegen Autos, Fernseher und Tiefkühltruhen eingetauscht, weil die mit diesen Ausgaben verbundenen Belastungen dazu führten, daß er sich bei der Arbeit leer pumpte und nicht mehr fähig war zu lieben. Sie schlußfolgerte, daß Mills im Endeffekt nicht zögerte, sich kastrieren zu lassen, weil er es schon war.
Mir erschienen diese Bemerkungen ziemlich beleidigend. Als ich aber im Anhang las, daß Mills und die anderen Befragten das Interview und den Kommentar vor der Veröffentlichung gelesen und gebilligt, daß sie den Interviewerinnen außerdem ihre Fotos zur Verfügung gestellt hatten, ohne Anonymität zu |52|verlangen, begriff ich, daß sie ihren Zustand nicht als Schande empfanden, sondern darin im Gegenteil einen Wendepunkt ihrer Karriere sahen.
Mir fiel im übrigen auf, daß die A.s in Blueville, wo sie weitaus zahlreicher vertreten waren als die PMs, ausnahmslos ein von weitem gut sichtbares grünes Abzeichen im Knopfloch trugen, von dem sich in gotischer Schrift ein vergoldetes A abhob. Als ich dieses Abzeichen zum erstenmal sah, erinnerte ich mich mutatis mutandis an die untreue Frau aus dem Scharlachroten Buchstaben, die im Gefängnis verurteilt wurde, das E ihres Ehebruchs auf ihr Kleid zu sticken, und die absichtlich so viele Arabesken und Schnörkel hineinstickte, daß sich das Schandmal in ein Ehrenwappen verwandelte. Der Unterschied besteht natürlich darin, daß das Abzeichen der Ablationisten überall sehr angesehen ist, den Ehrgeizigen alle Türen öffnet und sogar zum Sinnbild einer gewissen moralischen Überlegenheit geworden ist.