Mein Gespräch mit Joan Pierce hatte Mittwoch abend stattgefunden. Am nächsten Tag entschloß ich mich zu dem Versuch, mit meinen Mitarbeiterinnen aus dem Labor ins reine zu kommen. Kein Zweifel, eine allgemeine Aussprache war fällig, wenn ich das Geschwür aufstechen wollte, doch sie mit dem gesamten Personal zu führen hätte mich vor zu viele Probleme gestellt. Also teilte ich die Schwierigkeiten auf: zuerst die Frauen, dann Dr. Grabel, schließlich die übrigen A.s – drei Belastungsproben, von denen die erste die schwerste sein würde. Aber wenn ich die Frauen für mich gewinnen könnte, würde Dr. Grabel seine einflußreichsten Anhänger verlieren, rechnete ich mir aus.
Ich wählte nicht den kleinen Saal des Labors, wo wir gewöhnlich Filme vorführen und kleine Versammlungen abhalten. Ich wollte dem Gespräch einen intimeren Rahmen geben. Ich ließ sechs Stühle in mein Büro bringen und ordnete sie kreisförmig an. Ich wollte auf meine beherrschende Position hinter dem Schreibtisch verzichten und als Gleicher unter Gleichen neben meinen Mitarbeiterinnen Platz nehmen, die ich einzeln über die Sprechanlage zu mir rief.
Sie schienen mir ziemlich verwirrt und tauschten untereinander fragende, sogar beunruhigte Blicke, obwohl sie in Wirklichkeit von meiner Seite nichts zu befürchten hatten, da sie sozial höhergestellt waren als ich. Während ich diese leicht gespannte Atmosphäre wahrnehme, geht mir durch den Sinn, daß es sich dabei um Überbleibsel »eingewurzelter Gewohnheiten« handelt, wie sie Deborah Grimm in ihrem Artikel beklagt. Trotz der ständigen ideologischen Beeinflussung sehen sie in mir weiterhin einen Chef, und zwar einen männlichen Chef, der sie in doppelter Weise unterdrückt.
Obwohl ich mir fest vorgenommen habe, sie zu gewinnen, unternehme ich fürs erste nichts in diesem Sinne. Ganz im Gegenteil, ich empfange sie mit undruchdringlicher Miene und jener kühlen, korrekten Höflichkeit, die mich selbst abstößt, |124|wenn man sie mir entgegenbringt, weil man dahinter alles mögliche vermuten kann. Seit Hilda Helsingforths erstem Brief, in dem sie meine Beziehungen zu den Frauen kritisierte, habe ich sie stets auf diese Weise behandelt. Ich bleibe dabei. Ich habe vor, ihnen zunächst eine recht unangenehme Viertelstunde zu bereiten: hinterher werden sie meine Freundlichkeit um so mehr zu schätzen wissen.
Meine Laborantinnen nehmen in dem Kreis Platz, und ich quetsche mich dazwischen. Überraschung. Dann eine gewisse Verlegenheit und Verwirrung. Wir sind nicht durch den Wall meines Schreibtisches getrennt. Ich habe mit ihnen Kontakt. Und was für ein Kontakt das für sie ist! Kontakt mit dem Sexualfeind Nummer eins. Mit dem Sexisten! Dem Phallokraten! Mit der minderwertigen, dämonischen Kreatur! Die aber gleichzeitig, vermute ich, etwas Faszinierendes für Frauen hat, die dazu verurteilt sind, gesellschaftliche Kontakte nur mit A.s zu pflegen.
Gleich zu Beginn des Spiels greife ich an. Ich ziehe aus meiner Tasche den Gegenbericht, den ich nach der Beschwerde über mich an Mr. Barrow gerichtet hatte, und lese ihnen die sie betreffenden kritischen Passagen vor. Wie ich schon sagte, bin ich darin schonend mit ihnen umgegangen, da ich mein Feuer auf Dr. Grabel konzentrieren wollte. Ich habe ein paar Mängel in der Arbeit der Frauen aufgezählt, recht belanglos zwar, aber unter genauer Angabe von Name und Hausnummer.
Als ich fertig bin – und mir scheint, ich habe ihnen nichts Neues gesagt –, lasse ich eine Weile vergehen, bevor ich frage: »Will jemand diese Fakten in Abrede stellen?«
Nach einer Pause sagt Lia Burage ruhig: »Was mich betrifft, streite ich sie nicht ab.«
Ihrem Tonfall läßt sich entnehmen, daß sie etwas anderes durchaus bestreitet. Doch bevor ich ihr das Wort erteile, will ich mein Hinterland absichern.
»Hat sonst jemand etwas zu bemerken?«
Und ich sehe die Frauen der Reihe nach an, ohne ein Wort zu sagen. Sie schütteln den Kopf. Ich lasse mir Zeit. Ich möchte in den verschlossenen Gesichtern lesen.
Das Durchschnittsalter dieser fünf Frauen liegt zwischen dreißig und vierzig Jahren. Keine ist häßlich, keine ist dumm. Keine ist faul. Die beiden intelligentesten sind auch – ein Gipfel |125|der Ungerechtigkeit gegenüber den anderen – die attraktivsten: Mrs. Lia Burage und Mrs. Elizabeth Crawford. Da ich ein unverbesserlicher Phallokrat bin, verwende ich manchmal diese alten Bezeichnungen. Sie sind heute auf Grund eines ungeschriebenen Gesetzes, das die Anreden Mister, Miss und Mistress als unzulässig sexualisiert verwirft, außer Gebrauch und verboten. Seit Beginn des modernen Zeitalters muß es demzufolge heißen: Crawford, Burage, Martinelli.
Allerdings verwende ich nicht immer die Anrede Miss oder Mistress. Ich mache bestimmte feine Unterschiede. Crawford spreche ich mit Crawford an. Sie ist Witwe und trägt keinen Ehering mehr. Aber Lia Burage, die sich weniger an die neuen Konventionen hält oder sich vielleicht eine stärkere Erinnerung an ihren Mann bewahren will, hat ihren Ring behalten. Deshalb nenne ich sie unter wissentlicher Verletzung des ungeschriebenen Gesetzes Mrs. Burage. Sie hat darüber nie eine Bemerkung gemacht, während Mr. Barrow das als »Taktlosigkeit« auslegte. Aber warum zum Teufel soll ich dann Barrow Mr. Barrow nennen? Was bedeutet dieses unangebrachte Festhalten an Geschlechtsmerkmalen, die im vorliegenden Falle doppelt liquidiert wurden?
»Mrs. Burage, Sie wollten etwas sagen?« frage ich.
»Ja, Doktor.«
Blick und Ton sind korrekt und kalt. Ich fühle, daß sie mir meine eisige Höflichkeit mit Zinseszins zurückzahlen wird. Ich warte ab. Ich empfinde eine heimliche Sympathie für Lia Burage, einmal wegen dieses Ringes, den zu behalten sie den Mut hatte, und weil ihr mahagonifarbenes Haar mich an Anita erinnert. Sie hat den gleichen hellen Teint, die gleiche unverkennbar weibliche Figur. Ihre Augen sind aber nicht grün, sondern blau. Es ist ein klares Blau, das sie weder bewußt hervorkehrt noch hinter koketten Wimpern verbirgt. Ganz im Gegenteil. Ihr Blick sucht kampflustig die Augen des Gegners, zückt das Schwert und stößt zu.
»Ich streite nicht die Fehler ab«, sagt sie kurz angebunden, »aber das Gewicht, das Sie ihnen geben.«
Gut. Auch für mich ist der Augenblick gekommen, die Karten auf den Tisch zu legen. In der Nacht hatte ich beschlossen, nicht noch einmal so unehrlich zu sein wie in meinem schriftlichen Bericht.
|126|»Sie haben recht, die Fehler sind unerheblich«, sage ich gleichmütig. »Unter anderen Bedingungen hätte ich kein Wort darüber verloren.«
Die Augen weiten sich vor Staunen, die größten Augen macht Lia Burage. Während sie sich auf ein verbissenes Gefecht mit mir eingestellt hatte, sieht sie mich mit gesenkter Klinge und entblößter Brust auf sich zukommen. Ihre Haltung ehrt sie: sie zögert zuzuschlagen.
»Jetzt verstehe ich gar nichts mehr«, wirft Crawford ein.
»Was verstehen Sie nicht?« frage ich ruhig.
»Daß Sie das Bedürfnis hatten, über diese Lappalien eine Meldung zu machen.«
Elizabeth Crawford ist eine witzige, spritzige kleine Brünette, weniger besonnen als Lia Burage. Aber ihre berufliche Qualifikation ist über jeden Zweifel erhaben. Sie hat völlig recht, wenn sie in ihrem Fall von Lappalien spricht. Ich will mich über den Begriff nicht streiten.
Ruhig und gelassen berichte ich, daß ich von Hilda Helsingforth kurz hintereinander zwei Briefe bekommen habe, die meine Haltung zu den Frauen und den A.s aus dem Labor kritisieren; daß ich von Mr. Barrow erfahren habe, daß ihm eine schriftliche Beschwerde über mich zugeleitet worden ist; daß ich aber weder weiß, wer die Beschwerde verfaßt hat, noch was mir zur Last gelegt wird.
Mein Tonfall ist nicht bitter. Ich beschuldige niemand. Ich stelle fest. Fakten. Nur Fakten: ohne Zweifel befindet sich in meinem Büro eine Abhöranlage.
Daraufhin schweige ich und lasse meinen Blick in die Runde schweifen. Mein Schweigen zwingt Lia Burage, aufs neue das Wort zu ergreifen. Aber sie tut es schweren Herzens, das sehe ich ihren Augen an.
»Dann haben Sie Ihren Bericht aus Rache geschrieben?«
»Dieses Wort scheint mir dem Sachverhalt nicht zu entsprechen. Jeder weiß, daß ich hier besonders verwundbar bin. Ich würde deshalb sagen, daß ich meinen Bericht aus der Verteidigung heraus geschrieben habe.«
Schweigen.
»Doktor, wäre es nicht einfacher gewesen, uns selbst zu sagen, was Sie uns vorzuwerfen haben, anstatt an Mr. Barrow zu schreiben?« fährt Mrs. Burage fort.
|127|»Sie haben recht, Mrs. Burage, das wäre einfacher, normaler, kameradschaftlicher und anständiger gewesen. Aber ich kann mit gleichem Recht fragen, warum der Verfasser des Berichts über mich seine Beschwerde an Mr. Barrow übergeben hat, anstatt sie mir persönlich vorzutragen.«
Lia Burage wird puterrot. Da kommt ihr Crawford zu Hilfe. Sie spricht ohne Härte, sogar mit einer gewissen Zurückhaltung, um nicht zu sagen: mit Sympathie.
»Doktor, ich muß gestehen, Sie machten nicht gerade den Eindruck, sehr zugänglich zu sein.«
»Sie machten nicht«: dieses Imperfekt bereitet mir große Freude. Jetzt ist vielleicht der Augenblick gekommen, den berühmten italienischen Charme ins Spiel zu bringen. Ich mag das nicht, nach meiner Meinung wirkt es irgendwie nuttig, doch ist das nicht letzten Endes die Waffe des Schwachen?
Ich lächle Crawford so sanft wie möglich an.
»Sie wollen sagen, daß ich schroff, arrogant und autoritär bin?«
»So ungefähr«, sagt Crawford.
Ich lache, und Crawford lacht mit. Außer Lia Burage lachen alle in der Runde. Die Atmosphäre entspannt sich: das Denkmal steigt vom Sockel, der Vater wird massakriert … Selbstverständlich in bildlichem Sinne.
Aber nichts erfreut die Seele mehr als ein Bild.
Nur Lia Burage bleibt frostig. Ihre blauen Augen lassen nicht so schnell von mir ab. Sie sagt, ohne mit der Wimper zu zucken: »Gestatten Sie mir den Hinweis, Doktor, daß Sie außerdem eine schreiende Ungerechtigkeit begangen haben.«
Sofort werden die Gesichter wieder ernst, und ich begreife drei Dinge: erstens, daß Lia Burage auf die Position anspielt, in der ich Dr. Grabel belassen habe. Zweitens, daß Lia Burage ein überaus ehrliches und mutiges Mädchen ist. Drittens, daß sie wegen dieser Eigenschaften für die Frauen aus dem Labor das »Leittier« darstellt. Wenn ich Lia Burage für mich gewinne, wird sie mir mit der gleichen Ehrlichkeit und dem gleichen Mut zur Seite stehen.
Moralische Integrität ist etwas Schönes. Sie ist selten. Und wohltuend.
»Sie wollen sagen, daß ich Dr. Grabel gegenüber nicht gerecht bin?«
|128|»Ich glaube, Sie wollen seine Verdienste nicht anerkennen.« Schweigen.
»Sie irren sich, ich weiß seine Verdienste sehr wohl zu schätzen. Dr. Grabel ist ein sehr intelligenter Mensch und ein ausgezeichneter Wissenschaftler. Nach meinem Weggang kann er ohne weiteres meinen Platz einnehmen.«
Staunen. Schweigen. Fragende Blicke.
»In diesem Falle …« Lia Burage bricht mitten im Satz ab. Sie braucht den Satz nicht zu vollenden.
»Versetzen Sie sich an meine Stelle, Mrs. Burage«, sage ich einlenkend. »Ich bin nicht Christus. Wie kann ich einen Mitarbeiter, der mich denunziert, befördern, selbst wenn er es verdiente?«
»Dr. Grabel hat den Bericht doch gar nicht geschrieben!« schreit Lia Burage. Ihre Schultern beben, sie atmet heftig, sie hat sich die Haare nach hinten zurückgestrichen. Welch ein Anblick! Ich sehe sie an, und die Erinnerung an dieses Bild wird mich lange begleiten. Aber im Augenblick sage ich kalt:
»Woher wissen Sie das?«
»Weil ich es war!«
Ich bin sprachlos. Ich schweige. Und schlagartig wird mir meine absurde Verblendung bewußt. Wie konnte ich glauben, daß ein einfacher A wie Dr. Grabel sich hätte erlauben dürfen, einen für Hilda Helsingforth bestimmten Bericht an Mr. Barrow zu schreiben! Nur eine ihrer kastenmäßigen Überlegenheit sichere Frau, die sich über den Kopf eines Kastraten hinweg an eine Frau wandte, konnte diese Kühnheit besitzen! Nur sie allein durfte der übergeordneten Instanz von den Fehlleistungen eines Vorgesetzten Bericht erstatten, der zwar sein Fach beherrscht, aber nichts weiter als ein PM ist.
Soll ich mich darüber entrüsten? Ich schweige. Und stelle mir einige bescheidene Fragen. Hängt der offensichtliche Einfluß Lia Burages auf ihre Kolleginnen, den ich eben noch durch ihren »Charismus« und ihre moralische Vorzüge erklärt habe, nicht auch mit offiziösen Funktionen zusammen, die sie ausübt? Ist Lia Burage in meinem Labor vielleicht Auge und Ohr von Hilda Helsingforth? Oder zumindest die zuverlässigste Sachverwalterin der Wachsamkeit und Orthodoxie?
Ich sehe sie an und sage unbefangen: »Gestatten Sie mir, Ihnen eine Frage zu stellen? Waren Sie über den Gegenbericht, den ich an Mr. Barrow schickte, informiert?«
|129|»Aber sicher«, sagte Lia Burage, als verstünde sich das von selbst.
»Sie allein oder Sie alle?«
»Wir alle.«
»Und die A.s ebenfalls?«
Diese naive Frage löst ringsum Heiterkeit aus.
»Wo denken Sie hin!« sagt Burage.
Gut. Ich nehme es zur Kenntnis. Ich bekomme allmählich Einblick in die geheimen Machenschaften der neuen Ära. Die A.s stehen in der Hierarchie den Frauen nicht so nahe, wie ich dachte.
»Sie waren besser dran als ich, Mrs. Burage«, sage ich kurz. »Ich kannte den Bericht nicht, den Sie an Mr. Barrow geschickt hatten.«
»Das ist völlig natürlich«, sagt sie ganz ruhig.
Ich bin nahe daran, aus der Rolle zu fallen, doch denke ich an die Abhöranlage und reiße mich zusammen.
»So natürlich ist es auch wieder nicht«, sage ich trotzdem mit einer gewissen Schärfe in der Stimme. »Wenn ich nicht weiß, was Sie mir vorwerfen, wie kann ich da mein Verhalten ändern?«
»Sie hätten uns nur zu fragen brauchen«, sagt Lia Burage.
»Dann frage ich Sie jetzt«, sage ich mutig.
Da hatte ich mir zu Beginn dieses Gesprächs vorgestellt, ich würde ihnen eine unangenehme Viertelstunde bereiten! Und nun finde ich mich schon nach zehn Minuten mit Händen und Füßen an den Marterpfahl gebunden, ihren Pfeilen preisgegeben. Ich, dem es in der Welt von früher nie gelungen war, einer Frau überlegen zu sein, zumindest nicht der, die ich liebte! Ich mache mich auf das Schlimmste gefaßt.
Schweigen. Fragende Blicke. Den ersten Tomahawk schleudert Lia Burage.
»Wir meinen, daß Sie sich uns gegenüber nicht anständig verhalten.«
»Nicht anständig!« sage ich entrüstet. »Aber ich bin doch höflich.«
»Sie sind in einer unaufrichtigen, oberflächlichen Art höflich«, sagt Crawford. »In Wirklichkeit sind Sie unkameradschaftlich, mit Ausnahme von heute.«
»Arrogant«, sagt Morrisson (ehemalige Mistress).
|130|»Und vor allem bewegen Sie sich fast ständig an der Grenze der Schamlosigkeit«, sagt Jones (ehemalige Miss).
»Ich und an der Grenze der Schamlosigkeit!«
»Sie sind sich dessen nicht einmal bewußt!« ruft Mason aus (ehemalige Miss). »Sie verhalten sich eben wie ein eingefleischter Phallokrat. Sie strotzen von männlicher Arroganz. Sie bringen überall Sex ins Spiel.«
Werden diese Mänaden den neuen Orpheus zerfleischen?
»Zum Beispiel?« frage ich mit erstickter Stimme.
»Ich kann Ihnen mehrere Beispiele nennen«, sagt Lia Burage und heftet ihre blauen Augen auf mich. »Sie machen diskriminierende Unterschiede, um uns auseinanderzubringen. Sie nennen Crawford Crawford und Morrisson Morrisson. Mich aber nennen Sie Mrs. Burage. Warum?«
Ich glaube, die richtige Antwort darauf zu haben, und sage ruhig: »Mir war aufgefallen, daß Crawford und Morrission ihre Eheringe abgenommen hatten, während Sie Ihren trugen. Ich dachte, daß Sie vielleicht ein bißchen altmodisch sind, und weil ich selbst ein bißchen altmodisch bin, habe ich Ihnen gegenüber die alte Anrede gebraucht.«
Diese Erklärung erzielt eine unerwartete und für mich demütigende Wirkung: sie belustigt die Frauen. Außer Lia Burage lachen alle und betrachten mich halb amüsiert, halb herablassend. Crawford, die sich gar nicht beruhigen kann, sagt spöttisch, aber ohne Boshaftigkeit: »Er hat überhaupt nichts kapiert!«
Diese Laxheit gefällt Mrs. Burage nicht. Pardon, Burage. Sie macht ts, ts, sieht Crawford strafend an und fährt ernsthaft fort: »Die Frage, ob man seinen Ehering trägt oder nicht, hat nicht die Bedeutung, die Sie ihr beimessen, Doktor. Ich habe meinen anbehalten, weil mein Finger angeschwollen ist.«
Erneutes Lachen, das Burage sofort zum Schweigen bringt. Als es wieder ruhig ist, versuche ich, mich zu verteidigen.
»Ist denn mein Verhalten schamlos?«
»Nein«, sagt Burage, »es ist taktlos. Mr. Barrow hat es Ihnen gesagt, aber Sie haben sich nicht danach gerichtet.«
»Warum dann Mister Barrow? Ist das nicht ein alter Zopf?«
»Mr. Barrow ist Verwalter. Außerdem hat es keine Bedeutung: Mr. Barrow ist ein A.«
Eine Logik, die mir die Sprache verschlägt. Als ich mich |131|wieder gefaßt habe, fahre ich fort: »Kommen wir zu meiner sogenannten Schamlosigkeit.«
»Was heißt sogenannt«, sagt Burage. »Sie existiert nachweislich. Am 5. Januar haben Sie die Hand von Jones ergriffen, um ihr zu zeigen, wie man ein korrektes Präparat herstellt.«
Bei dieser Erinnerung errötet die blone Jones (ehemalige Miss) und senkt die Augen, während mitleidige Blicke sie streifen.
»Und das hätte ich nicht machen sollen?« frage ich erstaunt.
»Nein.«
»Aber ich mußte es ihr doch zeigen.«
»Ja. Erklären. Ohne sie zu berühren.«
»Aber ich habe mir überhaupt nichts dabei gedacht.«
Burage sieht mich mit ihren klaren Augen an, in denen alle Tugenden vereint zu sein scheinen.
»Doktor, Sie haben vielleicht gemeint, sich nichts dabei zu denken. Aber Jones hat sich zu Recht beschwert. Und ich tat meine Pflicht, als ich ihre Beschwerde weiterleitete.«
Ich versuche, meinem Gesicht einen unbefangenen und möglichst wenig männlichen Ausdruck zu geben und sehe die Jungfrau an, die durch die Berührung meiner Hand so schockiert war. Plötzlich kommt es mir so vor, als ob diese neue Ära eine Art Rückkehr zum Viktorianischen Zeitalter wäre. Zumindest in der Anfangsphase der Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Denn von einer späteren Phase ist keine Rede mehr.
Ich sage zerknirscht: »Verzeihen Sie, Jones.«
»Macht nichts«, sagt Jones und wird puterrot. »Es ist bereits vergessen, Doktor.«
Meine Demut macht auf alle, außer Burage, einen guten Eindruck. Burage, glaube ich, hat begriffen, daß ich gar nicht so reumütig bin.
Streng wie ein Richter, fährt sie fort: »Doktor, ich habe an Ihnen eine noch subtilere Schamlosigkeit entdeckt. Sobald Sie eine Möglichkeit sehen, benutzen Sie Ihre Stimme, Ihre Augen, Ihr Lachen zu Zwecken der Verführung.«
»Ich denke, Sie halten mich für arrogant!«
Sie triumphiert.
»Das sind Sie auch! Einmal sind Sie arrogant, aggressiv und herrschsüchtig, das ist die brutale Form des Sexismus. Dann |132|machen Sie wieder auf Charme, und das ist die verschleierte Form.«
»Ein Beispiel für Charme?«
»Jetzt eben, mit Crawford. Und auch als Sie Crawford fragten, ob sie Sie schroff und autoritär finde.«
Mir bleibt nur noch ein Ausweg: den Unwissenden spielen.
»Crawford, haben Sie meine Haltung so wie Burage aufgefaßt?«
Sie lacht.
»Aber sicher, Doktor. Und ich habe mich darüber sehr amüsiert.«
»Du hast dich darüber nicht nur amüsiert«, sagt Burage und schleudert ihr einen Blick zu.
Und Crawford schweigt verblüfft und beißt sich auf die Lippen. Burages blauen Augen entgeht absolut nichts.
»Auch mir gegenüber spielen Sie den Charmanten«, fährt Burage anklagend fort. »Als ich Ihnen vorhin sagte, daß nicht Dr. Grabel den Bericht geschrieben hat, musterten Sie mich schamlos wie ein bloßes Sexualobjekt.«
Ich bin am Ende meiner Geduld und einem Wutausbruch nahe. Ich habe Lust, Burage eine ungeheure Grobheit, eine nicht zu überbietende Obszönität an den Kopf zu werfen. Aber nein, ich darf mein Ziel nicht aus den Augen verlieren: um jeden Preis mit diesen Neopuritanerinnen Frieden schließen.
»Sie irren sich, Burage«, sage ich. »Sie haben mit Feuer gesprochen, und das paßte zu Ihnen, fand ich.«
»Mein Aussehen geht Sie nichts an.«
»Aber was soll ich machen? Ich sehe Sie doch. Sie sind schließlich kein Gespenst.«
»Sie können mich sehen, ohne mir solche Blicke zuzuwerfen. Dr. Grabel sieht mich nie so an.«
Ich möchte am liebsten mit den Zähnen knirschen, aber ich halte an mich.
»Vielleicht ist Dr. Grabels ästhetisches Empfinden nicht so entwickelt wie das meine.«
»Wollen Sie damit sagen, daß Sie mich bewundern?« fragt sie anklagend und fixiert mich scharf mit ihren blauen Inquisitoraugen.
Mich macht diese Wendung der Diskussion sprachlos.
»Bevor ich Ihnen antworte, möchte ich eine Bemerkung machen«, |133|sage ich. »Im allgemeinen bin ich für menschliche Schönheit sehr empfänglich. Ich bewundere zum Beispiel Jespersen, ohne deshalb gleich ein Homosexueller zu sein.«
»Seien Sie ehrlich, Doktor. Sie sehen Jespersen nicht auf die gleiche Weise an, wie Sie mich eben angesehen haben.«
Ich weiche erneut aus.
»Wie habe ich Sie denn angesehen?«
»Auf eine Art, die mir zu verstehen gab, daß ich Ihnen gefalle.«
»Keineswegs«, erwidere ich. »Ich habe Sie voll Bewunderung angesehen, aber es war eine globale Bewunderung, die ebenso Ihrer moralischen Persönlichkeit wie Ihrem Äußeren galt.«
»Und das«, sagt Burage mit abgrundtiefer Verachtung und wendet sich, als wäre damit das letzte Beweisstück vorgelegt, ihren Kolleginnen zu, »das sind diese heuchlerischen und verlogenen Komplimente, die die Männer früher den Frauen machten. Sie gaben vor, ihre Persönlichkeit anzusprechen, und hatten es in Wirklichkeit nur auf ihren Körper abgesehen.«
»Was sagen Sie da?« entgegne ich aufgebracht. »Ist etwa meine Frau Anita für mich nichts weiter als ein Sexualobjekt? Habe ich vielleicht eine unbedarfte Frau geheiratet, nur weil sie eine gute Figur hatte? Oder eine Puppe mit einem hübschen Gesicht? Oder ein elegantes Mannequin? Oder bin ich mit einer intelligenten, gebildeten Frau verheiratet, die fern von mir stets ihrer steilen Karriere nachgegangen ist, was Ihnen nicht unbekannt sein dürfte?«
Diesen Gegenangriff hat Burage nicht erwartet. Sie ist zu aufrichtig, um das nicht zu akzeptieren. Sie schweigt und sieht mich an. Ich lese in ihren Augen so etwas wie Sprachlosigkeit.
»Als Arzt und Mann möchte ich trotzdem darauf hinweisen, daß es zwar unmöglich ist, jeglichen Funken an Sexualität in den beruflichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen auszulöschen, daß ich persönlich sie aber stets auf ein Minimum reduziert habe«, fahre ich fort. »Ich habe meinen Krankenschwestern oder Laborantinnen niemals den Hof gemacht. Ich bin niemals mit ihnen ausgegangen und habe sie niemals zum Essen eingeladen.«
Burage geht wieder zum Angriff über.
»Doktor, der Blick, den Sie mir eben zugeworfen haben, enthielt nicht nur ein Minimum an Sexualität. Im übrigen weiß ich |134|nicht, was bei einer sexistischen Aggression ein Minimum bedeutet.«
»Wäre es nicht besser, diese Diskussion abzubrechen?« fragt Crawford. »Sie wird sehr persönlich.«
Crawford muß sich ein bißchen bei Burage revanchieren. Doch im Grunde genommen hat sie recht. Ich bemühe mich, Burage zu überzeugen, daß meine Bewunderung für sie frei von Begehren war, und sie legt es darauf an, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Offensichtlich liegt da ein Mißverständnis vor …
Burage spürt es ihrerseits auch und schweigt. Aber sie schweigt, möchte ich sagen, mit Nachdruck, mit Würde, ohne das Gesagte zurückzunehmen, ohne Zugeständnisse zu machen.
Eifrig nehme ich wieder das Wort und konstruiere eine falsche Symmetrie, um das Gesicht zu wahren.
»Jedenfalls danke ich Ihnen, die Diskussion war sehr nützlich. Ich habe Ihnen gesagt, was für meine Begriffe nicht in Ordnung war. Sie haben mir gesagt, was Ihnen nicht gefiel. Auf beiden Seiten werden wir dem Rechnung tragen.«
»Bleibt der Fall Dr. Grabel«, sagt Burage scharf.
Ich glaube, da kann ich auf sie zählen: sie vergißt nichts.
»Was Dr. Grabel betrifft, liegt ein bedauerlicher Irrtum meinerseits vor«, sage ich ruhig. »Ich hielt ihn für den Verfasser des Berichts, den Burage geschrieben hat. Dieses Mißverständnis ist geklärt, ich habe Dr. Grabel nichts mehr vorzuwerfen.«
Und warum, um Gottes willen, sollte ich mich Burage gegenüber anders verhalten! Jedenfalls finden das alle so selbstverständlich wie ich auch …
Burage nimmt ihre völlige Straffreiheit mit majestätischer Gelassenheit entgegen. Aber sie läßt trotzdem nicht locker, sie verfolgt mich, will mich in die Enge treiben.
»Welche Pläne haben Sie mit Dr. Grabel?«
»Ich will ihm eine Aufgabe anvertrauen, die dem Verantwortungsbereich von Dr. Pierce entspricht.«
Sie senkt den Kopf, und wenn ich recht verstehe, habe ich dafür ihre Zustimmung. Crawford schießt einen letzten Pfeil ab.
»Doktor, darf ich Ihnen noch eine Frage stellen?« sagt sie |135|mit hintergründigem Lächeln. »Warum sprechen Sie zu uns erst heute über Ihren Bericht, obwohl er schon einen Monat alt ist?«
Ich lächle ebenfalls, ganz kurz und ohne aufdringlichen Sexismus, hoffe ich.
»Aus folgenden Gründen«, sage ich. »Vor einiger Zeit erhielt ich von Hilda Helsingforth einen kurzen Brief, in dem sie mir mitteilte, daß nach ihrer Meinung mein schlechtes Verhältnis zu den Frauen und den A.s aus dem Labor schuld ist an den bislang so unbefriedigenden Ergebnissen unserer Arbeit. Ich habe aus diesem Brief meine Lehren gezogen und meine Kündigung angeboten.«
Ich sehe die Frauen an, insbesondere Burage. Offensichtlich wußte sie nichts davon.1 Eine Vertrauensperson, durchaus möglich, der man aber nicht alles anvertraut.
»Ich habe meine Kündigung sogar zweimal angeboten«, sage ich. »Und Hilda Helsingforth hat sie zweimal abgelehnt. Daraus zog ich den Schluß, daß ich nach Hilda Helsingforths Meinung meine Beziehungen zu den Frauen und zu den A.s verbessern kann. Und eben das habe ich heute zu tun versucht.« Nach einer Pause füge ich hinzu: »Die Zukunft wird zeigen, ob es mir gelungen ist.«
Diese Mitteilung, die im Hinblick auf die Abhöranlage unanfechtbar ist, macht auf die Frauen einen gewissen Eindruck. Ich sehe es. Fast unbewußt habe ich mich sehr geschickt verhalten: während des ganzen Gesprächs ließ ich mich in die Enge treiben, und erst zum Schluß habe ich den Triumph meiner Kontrahentinnen abgeschwächt, indem ich meine einzige Stärke ins Feld führte.
Aber ich spüre diese unbewußte Geschicklichkeit. Ich will jetzt zum Schluß kommen und stehe auf. Verabschiedung. Das ehemals schwache Geschlecht tritt ab. Lebt wohl, ihr einstigen Objekte, die ihr Subjekte geworden seid. Warum muß meine Demütigung der Preis eurer Befreiung sein? Wo ist die wirkliche Gleichheit?
Ich setze mich an meinen Schreibtisch. Wie immer in Blueville, überkommt mich ein Gefühl des Irrealen. Es stört mich |136|nicht etwa, daß meine Mitarbeiter den Anstoß zu meiner Selbstkritik gaben. Das ist nicht das Problem. Ich kenne viele renommierte Mediziner, die Verdienstvolleres leisten würden, wenn sie sich zu solchen Methoden verstünden.
Nein, was mir wirklich zu schaffen macht, ist die Art des hier gegen mich erhobenen Vorwurfs: daß ein Lächeln, ein Blick, das Berühren einer Hand Verbrechen sein sollen. Ich werde mich niemals an diese fanatische Kontrasexualität gewöhnen.
Und ich bin vor allem erstaunt. Wie manipulierbar sind doch die Menschen! Wie schnell lassen sie sich kneten! Millionen Deutsche glaubten, Hitler vertrauend, an die Bösartigkeit der Juden! Millionen Amerikaner billigten die barbarischen Bombenangriffe auf Hanoi! Und heute die Frauen … Es ist nicht zu fassen! Kaum sechs Monate genügten, diesen intelligenten Laborantinnen die gängigen Phrasen und Vorstellungen einzutrichtern.
Ich hatte es mir schwierig vorgestellt, mit Dr. Grabel Frieden zu schließen. Es war nicht an dem. Die Freude über seine Beförderung ließ seinen Groll gegen mich im Nu dahinschmelzen. Gleichzeitig versöhnte ich mich mit allen Angehörigen seiner Kaste.
Die A.s sind durch eine tiefe Solidarität miteinander verbunden. Einen beleidigen heißt alle beleidigen. Die aus dem Labor hatten sich von mir verachtet gefühlt. Sie kamen sich jetzt wie neugeboren vor und machten sich mit Feuereifer an ihre Arbeit. Wenn ein A zufrieden ist, arbeitet er wie ein Lasttier. Arbeit ist sein einziger Lebensinhalt, sein einziges Vergnügen und sein einziges Laster. Man gebe ihm einen Job, der ihm gefällt, Aufstiegsmöglichkeiten, einen guten Lohn, und er wird wie ein richtiger Ochse unter seinem Joch davonziehen. Er weicht mit keinem Schritt von seiner Furche ab. Stunde um Stunde im Geschirr, eine unvorstellbare Ausdauer und beispiellose Fügsamkeit.
Bei dieser Gelegenheit erweiterte ich die verwaltungstechnischen Befugnisse von Lia Burage, und zwar mit sehr guten Ergebnissen. Ihr wissenschaftliches Rüstzeug ist ziemlich bescheiden, aber ihr Einfluß auf die drei Kasten ist überaus stark. Burage ist unser Zement.
|137|Doch meine persönlichen Beziehungen zu Burage liegen völlig auf Eis. Da mir das Recht verweigert wird, sie anzusehen, ihr zuzulächeln oder gar sie zu berühren, und wäre es nur mit den Fingerspitzen, kompensiere ich alle diese Verbote mit Träumen, deren Inhalt man sich ausmalen kann. Wirklich, so weit bin ich gekommen! Wie ein Schuljunge! Nachts gesellt sich in meinen verschwiegenen Gärten Lia Burage zu Pussy, Jackie und Mrs. Barrow. Aber tagsüber bin ich ihr gegenüber bei jeder Annäherung von untadeliger Neutralität: meine Blicke erloschen, die Augen halb geschlossen, der Rücken gebeugt, die Stimme erstickt; ich halte mich körperlich völlig zurück und lege in meine Gebärden jene undefinierbare bescheidene Sanftheit, die ich den A.s nachahme. Es ist der Gipfel an Heuchelei, denn während ich mich möglichst perfekt in ein Neutrum zu verwandeln suche, atme ich mit bebenden Nasenflügeln ihren Duft ein. Wenn sie weggeht, richte ich mich auf und bekomme Lust zu wiehern.
Burage stellt ihererseits meine Nerven auf eine harte Probe. Ich registriere das mit einem gewissen Entsetzen: ihre Selbstkontrolle läßt nach, sie ist außerstande, sich zu beherrschen. An einem einzigen Tag ändert sich ihr Verhalten mir gegenüber drei- bis viermal. In der Öffentlichkeit ist sie selbstverständlich die Kälte in Person; ich spreche von den persönlichen Begegnungen in meinem Arbeitszimmer. Heute hatte ich zum Beispiel mit vier verschiedenen Burages zu tun. Früh eine mürrische, einsilbige Burage (abgespannt, niedergeschlagen, dunkle Ränder um die blauen Augen). Um elf eine mit Tagesproblemen ausgefüllte, geschäftige, aktive und mir gegenüber offene, sogar kameradschaftliche Burage. Nachmittags um vier ein Eisblock. Und zum Schluß ein Disput in meinem Arbeitszimmer. Meine Abhöranlage endet vermutlich in ihrem Büro, sonst wäre sie vorsichtiger.
Es beginnt mit einem Streit über Verwaltungsfragen und endet mit einem Ehekrach. Ich habe ein neues Verbrechen begangen! Um drei habe ich Crawford im Korridor getroffen und ihr zugelächelt. Sinnlos, es zu leugnen: sie hat mich gesehen! Meine Antwort: Warum soll ich Crawford nicht zulächeln, wenn ich es auch bei Dr. Grabel mache? Sie sind die Sexistin, Burage! Sie denken immer gleich das Schlimmste.
An diesem Punkt erlaube ich mir einige Sticheleien, bei betont |138|korrekter Haltung. Übertriebenes Lob für die Arbeit Crawfords, gekoppelt mit besonders nachdrücklichem Lob ihrer Ausgeglichenheit. Schlußfolgerung: Crawford hat einen großen Vorzug – sie bringt mich nicht in Wallung.
Ihre Aggressivität steigert sich und wird fast zur Provokation. Mit funkelnden Augen, schwer atmend und ihre mahagonifarbene Mähne schüttelnd (die mich so an Anita erinnert), geht Burage auf mich los und überschüttet mich mit Vorwürfen. Ich bin ein verdammter Heuchler! Wenn ich glaube, daß sie auf meine Grimassen hereinfällt, irre ich mich! Sie durchschaut mich! Ich habe mich im Grunde nicht geändert: genauso arrogant wie immer! Ein unverbesserlicher Phallokrat! Ich habe nur meine Taktik geändert: ich spiele den Harmlosen, um besser zu verführen.
Wen verführen? (Lachen.) Sie? Crawford? Die arme Jones? Das ist alles so blöd. Mach deine Meldung, Büttel, ich pfeife drauf. Auf Wiedersehen, Igel. Mir reicht es. Ich knalle die Tür hinter mir zu.
Meine Wut ist natürlich gekünstelt, aber in unseren Beziehungen ist alles gekünstelt. Das ist das Paradoxe: auf Grund der herrschenden Kontrasexualität hat sich alles zwischen uns sexualisiert. Es gibt nichts Unschuldiges mehr, keine Haltung, keine einzige Geste, keinen Blick. Sogar der Blick, der den anderen meidet, wird verdächtigt. Und am Ende drehen sich die Streitereien zwischen mir und Burage nur noch um Sex, jedesmal fängt sie damit an und beschimpft meinen Phallus. Als ob es nichts anderes mehr gäbe! Warum reduziert sie mich auf diese einzige Funktion? Ich bin schließlich nicht nur der Träger eines Fortpflanzungsmechanismus, ich bin auch ein Neurologe, ein Wissenschaftler, ein liebevoller Vater – und ein enttäuschter Ehemann.
Am Sonnabend stellt sich die halbe Prophezeiung von Mrs. Pierce als falsch heraus. Mittags, als ich schon in dem Glauben bin, Anita in wenigen Stunden bei mir zu haben, ruft sie an. Mir ist die Kehle sofort wie zugeschnürt. Sie ist verzweifelt, sie kann heute abend absolut nicht kommen, obwohl sie es geschrieben hatte. Dagegen ist es absolut sicher, daß sie Mittwoch kommen wird. Schweigen. Mittwoch? frage ich ungläubig. Mitten in der Woche? Ja, Mittwoch. Es gelingt mir nicht, ihr eine Erklärung für diesen ungewöhnlichen Zeitpunkt zu entlocken; ich bin zu Tode betrübt und lege auf. Am selben |139|Abend berichte ich Joan Pierce von diesem Gespräch, um mir Trost zu holen, jedoch bleibt jeglicher Kommentar aus. Mittwoch? fragt Joan Pierce. Es folgen zwei Blicke: der erste grell wie ein Blitz, mitleidvoll und ernst der zweite.
Das Wochenende ist scheußlich. Während unseres Ausflugs beachte ich Pussy kaum, und Stien sekundiere ich überhaupt nicht: seinen durchlöcherten Tirolerhut, unter dem zwei weiße Haarsträhnen hervorkommen, bis auf die Augenbrauen herabgezogen, bringt er die beiden Milizionärinnen dazu, sich mit ihm zu unterhalten. Ich halte mich düster und schweigsam auf Schuschka abseits. Ich werde nicht einmal wach, als Jackie – ja, ich sage Jackie – mich völlig unerwartet ansieht und ein Lächeln andeutet. Ich habe genug von diesem unbegreiflichen Sex.
Bei meiner Rückkehr hat Dave eine zweite – schwächere – Krise der Feindseligkeit. Er mag meine Sonntagsausflüge zu Pferd nicht. Sicher fürchtet er, daß ich der einen Milizionärin mit meinem großen Säbel den Schädel spalte, die andere über meinen Sattel werfe, im Galopp ins nahe Kanada reite und meinen Sohn in Blueville zurücklasse. Diesmal ist mir aber alles so zuwider, sogar Dave, daß ich auf sein Schmollen mit einer fast ungeheuchelten Gleichgültigkeit reagiere. Das Resultat ist verblüffend. Er hört beinahe unverzüglich damit auf. Besser noch: in der darauffolgenden Nacht werde ich nicht durch Schreien geweckt und nicht um zwei Uhr morgens durch einen Alptraum mit Schuldgefühl. Eine gute Lehre. Ich werde sie beherzigen.
Zum Glück habe ich am Montag keine Zeit, zuviel an mich zu denken. Die Morgenpost bringt Neuigkeiten, und in Blueville haben Neuigkeiten, wenn sie von draußen kommen, auf uns eine starke Wirkung.
Da ist folgender Brief:
Lieber Dr. Martinelli,
angesichts der Opfer, die die Epidemie unter der männlichen Bevölkerung der Vereinigten Staaten forderte, und angesichts der Notwendigkeit, vor die sich das Land gestellt sieht, die Erneuerung seiner Bevölkerung zu gewährleisten, hat die am 2. Mai d. J. in Washington gegründete Bundesspermabank uns Ihren Namen und Ihre Adresse mitgeteilt und Sie als eine bedeutende Persönlichkeit empfohlen, die in einer Schutzzone im |140|Staate Vermont lebt und in der Lage wäre, uns Sperma zu liefern.
Wenn Sie einverstanden sind, wird eine Entnahmekommission am 3. Juni um 19 Uhr nach Blueville kommen.
Das Schreiben ist von einem Dr. F. B. Mulberry unterzeichnet, Beauftragter der Bundesspermabank in Montpelier1. Der Brief ist hektographiert: nur mein Name ist mit der Maschine eingesetzt.
Ich schließe daraus, daß ich vielleicht nicht der einzige in Blueville bin, der diesen Liebesbrief erhalten hat, und ich vertraue mich Stien und Jespersen mit vorsichtigen Worten an. »Habt ihr einen von Mulberry unterschriebenen Brief erhalten?« Diese Formel gebrauche ich auch bei Pierce und Smith, deren Antwort verneinend ist, während Stien (dieser sehr besorgt) und Jespersen bejahen und einwilligen, am Abend zu mir zu kommen. Warum zu mir? Weil ich in Erwartung von Anitas Besuch die Abhöranlage in meinem Zimmer gesucht und gefunden habe; wie Joan Pierce kann ich sie nach Belieben abstellen.
Stien setzt sich auf mein Bett, den Hut auf dem Kopf (trotz seines dichten weißen Haars und der milden Temperatur), und Jess nimmt auf meinem zweiten Stuhl Platz. Lange Pause. Stien brummelt teils jiddisch, teils deutsch, teils englisch vor sich hin, und als ich ihn darauf aufmerksam mache, daß man ihn fast nicht verstehen kann, schleudert er mir unter seinen kampflustigen Brauen aus seinen faltigen Lidern einen wenig freundlichen graublauen Blick entgegen, als ob ich für Mulberrys Brief verantwortlich wäre.
»Soweit ist es schon wieder gekommen«, bricht es schließlich in schnellem, wenn auch deutsch gefärbtem Englisch aus ihm hervor. »Da stecken wir wieder mittendrin in dieser alten Scheiße der Rassenhygiene! Wie in der Nazizeit! Ich hätte es mir eigentlich schon denken können, als wir hier ankamen, bei diesem stinkenden Fragebogen über meine Vorfahren. Ralph, hüte dich stets vor Leuten, die sich für deine Großväter interessieren! Entweder sind es Rassisten oder Rassenhygieniker! Und beide sind vom selben Schlag.«
|141|»Du übertreibst«, sagt Jespersen. »So schlimm ist die Rassenhygiene auch wieder nicht. Zum Beispiel finde ich es vertretbar, geschädigte Menschen zu sterilisieren.«
»Du hast eben keine Ahnung, Chemiker«, brüllt Stien. »Ad eins ist die Sterilisation wenig wirksam, die dominanten Schäden treten durch Mutation wieder auf. Und die rezessiven Schäden können von gesunden Menschen übertragen werden. Und vor allem mußt du wissen, daß die Sterilisation jedem Mißbrauch Tür und Tor öffnet. Ist dir bekannt, daß in Kalifornien, wo die Entmannung von Sexualverbrechern erlaubt war – lange vor Bedford –, allein zwei Richter die Kastration von hundert Gefangenen verfügten. Das waren Homosexuelle und Exhibitionisten.«
»Und woher weißt du das alles, Stien?« fragte Jess, als wunderte er sich, daß ein Biologe die Gesetze Kaliforniens kannte.
Stien zuckte die Achseln, runzelt die Brauen und sagt mit verhaltener Wut: »Weil ich ein dreckiger Jude bin mit einer langen Nase und spitzen Ohren, die solche Mißstände schon von weitem aufspüren …«
Bei diesen Worten wendet er sich halb von Jess ab, als ob er ihn nicht mehr sehen wollte. Ich blicke ihn an. Sein Gesicht ist von Falten überzogen, seine Augen sind zwischen den aufgeworfenen Lidern verschwunden, und von seinen herabhängenden, zusammengepreßten Lippen verlaufen zwei bittere Linien zum kampflustigen Kinn.
»Hör zu, Stien, wir wollen nicht den Kopf verlieren. Im Augenblick geht es nicht darum, daß wir kastriert werden sollen, man will uns nur Sperma abnehmen. Das ist das Gegenteil.«
Was habe ich da angerichtet! Stien straft mich mit seiner ganzen Verachtung.
»Du machst es dir zu einfach, Ralph«, sagt er dumpf. »Kastration und Selektion sind nämlich nur die beiden Seiten ein und derselben Sache, der Rassenhygiene. Was macht ein Pferdezüchter, wenn er die Rasse veredeln will? Er kastriert die Mehrzahl der männlichen Tiere und wählt ein, zwei Pferde als Zuchthengste aus. Die Selektion beruht auf der Kastration.«
»Moment mal«, sagt Jess, »die Selektion führt aber gerade bei Pferden zu guten Ergebnissen.«
Stien wirft die Arme hoch und erhebt sich im Eifer des Gefechts von meinem Bett.
|142|»Herrgott, wir sind doch keine Pferde! Wir sind Menschen! Wir sind freie Wesen! Niemand hat das Recht, uns wie Vieh zu behandeln! Niemand hat das Recht zu sagen: aus dem da machen wir einen Ochsen. Und dem da nehmen wir Sperma ab, um unsere Kühe zu besamen! Zum Donnerwetter! Ich bin doch kein Stier! Ich bin ein Mann! Ich gebe keinen Zentiliter meines Samens her, damit zwanzig Jahre nach meinem Tod irgendeine Idiotin damit befruchtet wird!«
»Zwanzig Jahre nach deinem Tod?« fragt Jess erstaunt. Und da Stien ihn nicht beachtet, wendet er sich an mich.
»Vielleicht nicht gerade zwanzig Jahre nach seinem Tod, aber auf jeden Fall zehn oder fünfzehn Jahre nach der Spermaentnahme«, sage ich. »Die Konservierung ist völlig unproblematisch.«
»Also gab es so was schon?« fragt Jess.
Ich blicke Jess an. Er sieht gut aus, ist aber ein ziemlich auf sein Fach beschränkter Spezialist.
»Heute scheint es bereits eine Bundesspermabank zu geben«, sage ich. »Vorher waren es Privatbanken. Sie konservierten dir das Sperma bei Temperaturen für flüssigen Stickstoff gegen eine Gebühr von zwanzig Dollar jährlich.«
»Und wozu?« Jespersen zieht die Stirn in Falten.
»Na stell dir vor, du hättest dir eine Vasektomie machen lassen und hättest dir trotz allem die Fähigkeit der Fortpflanzung bewahren wollen.«
»Aber warum dann überhaupt eine Vasektomie?« fragt Jess lachend.
»Vielleicht aus moralischen Gründen. Manche Männer glaubten, daß sie sich sterilisieren lassen müßten, nicht die Frauen, zu denen sie Beziehungen unterhielten. Und sie ließen ihr Sperma für den Fall konservieren, daß ihre Frauen eine Befruchtung wünschten.«
»Idioten!« schreit Stien. »Hoffnungslose Idioten!« Er steht mit knirschenden Zähnen auf, aber da er nicht weiß, wie er seinem Zorn Luft machen soll, setzt er sich wieder hin und murrt: »Wie einfallsreich! Das Sperma einlagern und den Schwanz sterilisieren lassen!«
Jess sieht ihn an, aber weil Stien nicht ansprechbar ist, wendet er sich wieder an mich.
»Ich finde das ziemlich großzügig von seiten dieser Männer«, |143|sagt er. »Warum sollen denn die Frauen unbedingt die Pille nehmen? Warum kann nicht auch der Mann die Beziehung steril machen?«
»Das ist doch gar nicht miteinander zu vergleichen«, sage ich. »Eine Frau kann jederzeit aufhören, die Pille zu nehmen. Die Vasektomie ist nur in 25 Prozent der Fälle rückgängig zu machen. Das ist eine Verstümmelung, die sogar gefährlich sein kann.«
»Irrsinn, Irrsinn!« schreit Stien. »Laßt mich mit diesen amerikanischen Blödheiten in Ruhe! Hier geht es doch überhaupt nicht mehr um Vasektomie! Für nichts und wieder nichts werden Menschen kastriert. (Aus dieser Bemerkung schließe ich, daß Joan Pierce ihm den Artikel von Deborah Grimm zu lesen gegeben hat und daß er sich daran erinnert, was sie über die intakten Greise sagt.) Und die Frage für uns ist: sollen wir es hinnehmen, ja oder nein, daß uns die Rolle von Zuchtpferden aufgezwungen wird?«
Schweigen.
»Bevor ich antworte, bitte ich dich um einen Augenblick Zeit zum Nachdenken, schon damit du mir nicht vorwerfen kannst, ich machte mir die Sache zu einfach«, sage ich.
Stien reagiert darauf völlig unerwartet. Er lächelt zufrieden, als wüßte er meine schlagfertige Antwort zu schätzen.
Ich erhebe mich und gehe zum Fenster. Ich horche. Ich schiebe die Übergardinen etwas zur Seite. Es ist Nacht. Bis auf die schwach erleuchtete Baracke der alleinstehenden Frauen, zwanzig Meter vor mir, ist nichts zu sehen. Da drüben schläft Burage. Ich weiß sogar, welches ihr Fenster ist.
In Wirklichkeit denke ich nach. Ich habe mich bereits entschieden. Ich brauche nur eine Atempause, ich möchte einen Augenblick allein sein. Von uns dreien ist Stien weitaus am besten informiert, er hat die reichsten Erfahrungen und die größte Lebensklugheit. Doch ich möchte mich von ihm nicht drängen lassen. Er tut es zwar nicht bewußt, aber es läuft darauf hinaus, daß der Dialog mit ihm meistens zum Monolog und das Selbstgespräch zur Anklagerede wird. Stien hat die Manie der Anklage, der entrüsteten Anschuldigungen, der leidenschaftlichen Verachtung. Eigentlich richtet sich das gar nicht gegen uns, aber weil wir für ihn greifbar sind, müssen wir schließlich herhalten.
|144|Nach dieser Bedenkzeit setze ich mich wieder hin und sage: »Die Frage, die ich mir vor allem stelle, lautet: läßt man uns wirklich eine Wahl? Haben wir überhaupt die Freiheit, abzulehnen? Dem Anschein nach, ja, denn Mulberry schreibt in seinem Brief, wenn Sie einverstanden sind. Aber im gleichen Atemzug legt er den Zeitpunkt fest, an dem die Entnahmekommission erscheinen wird, so als ob er unserer Zusage sicher wäre.«
»Stimmt genau«, sagt Stien.
»Ich danke dir, daß du mir recht gibst, Stien«, sage ich ein wenig sarkastisch. »Ich sehe nur einen Weg, der mir eine Entscheidung ermöglicht: ablehnen. Und weil diese Ablehnung als unpatriotisch ausgelegt werden könnte, werde ich dafür moralische Gründe anführen. Ich werde sagen, daß mir die Manipulation an mir selbst widerstrebt und daß ich anderseits die Manipulation durch medizinisches Personal ablehne. Ich betrachte ihre Ausführung, sogar schon die Absicht, als homosexuell.«
»Nicht schlecht«, sagt Stien. Sein Gesicht, das wie bei einem alten Elefanten zerfurcht ist, bekommt noch mehr Falten, er wiegt seinen Kopf hin und her und fährt mit verschmitztem Lächeln fort: »Nicht schlecht, aber ich habe etwas Besseres. Ich werde sagen, daß ich dem jüdischen Gesetz treu bleiben will und die betreffende Manipulation mit der Sünde Onans gleichsetze, erstes Buch Mose, Kapitel 38.«
Ich sehe ihn an und schüttle den Kopf.
»So gut ist das auch wieder nicht. Man wird dir entgegenhalten, daß dein Samen nicht auf die Erde geworfen und verdorben, sondern im Gegenteil für künftige Befruchtungen sorgfältig aufbewahrt werden soll.«
»Man wird mir überhaupt nichts entgegenhalten, Ralph. Die Religion ist eine Festung, und man wird es nicht wagen, sie anzugreifen.«
Schweigen. Wir sehen Jess an, und Jess errötet. Er sagt, nicht ohne Selbstüberwindung: »Ich habe die Absicht, ja zu sagen.«
Zu meinem großen Erstaunen brüllt Stien nicht los und fordert nicht einmal eine Erklärung dafür. Ich übrigens auch nicht, nur meine Augen erwarten sie. Jess weicht meinem Blick nicht aus.
»Es steht mir nicht an, euch zu verurteilen oder zu tadeln, |145|doch halte ich eine Ablehnung für unpatriotisch, so wie Ralph es sagte.«
»Ich habe mich mit dieser Meinung nicht identifiziert«, entgegne ich lebhaft. »Ich habe sie den Behörden unterstellt.«
»Mir ist klar, daß du mit ihnen nicht einverstanden bist«, sagt Jess. »Ich aber bin es.«
Ich schweige, und auch Stien schweigt. Ich habe keine Lust, Jess darzulegen, daß er im Prinzip recht hat, nicht aber unter den gegebenen Umständen. Denn der Administration, die uns regiert, kann man nicht vertrauen, wir schon gar nicht! Tyrannei und Willkür haben die Oberhand, und nachdem man uns als Samenlieferanten benutzt hat, kann man morgen genausogut beschließen, A.s aus uns zu machen. Ich sage nichts von alledem. Ich weiß nicht, ob Joan Pierce Jess den Artikel von Deborah Grimm geliehen hat. Ich glaube es nicht. Ebenso wie ich mißtraut sie sicher seiner Naivität, vielleicht auch seinem Konformismus.
»Es ist Zeit, die Horcher zu belohnen«, sagt Stien.
Mit einer gewissen Rücksichtnahme auf Jess, der noch wenige Minuten zuvor völlig Luft für ihn zu sein schien, macht er damit dem Gespräch ein Ende. »Die Horcher belohnen« – eine Redewendung, die wir Stien verdanken – soll heißen, daß ich die Abhöranlage nach einem vertraulichen Gespräch wieder einschalte und wir eine halbe Stunde lang belanglose Gespräche führen und dabei Whisky trinken, wenigstens meine beiden Kollegen. Es ist eine Vorkehrung für den Fall, daß jemand den Besuch von Jess und Stien bemerkt hat und sich wundert, daß er keine akustischen Spuren hinterläßt. Zwar besteht in diesem Fall immer noch eine zeitliche Differenz, die die Horcher feststellen könnten. Aber wie sollte man ohne Risiko leben?
Nachdem Jess und Stien gegangen sind, ziehe ich meinen Pyjama an, gehe im Zimmer hin und her, bleibe schließlich vor dem Fenster stehen und schiebe den Vorhang ein Stück zur Seite, wie ich es an diesem Abend schon einmal gemacht habe. In einem ähnlichen Zimmer mir gegenüber schläft Burage, oder sie schläft auch nicht. Zwischen uns liegen knapp zwanzig Meter und ein unüberwindliches Tabu: eine Vereinigung käme, für mich wenigstens, einem Selbstmord gleich.
Und dennoch wird am 3. Juni, nachdem meine Weigerung |146|ganz sicher nicht akzeptiert worden ist, eine Kommission kommen, mir den Samen abzunehmen. In einem Jahr, in zehn Jahren wird dieser Samen in Ohio oder Alabama durch Computer ausgewählte Frauen befruchten, deren Eigenschaften sich mit meinen ergänzen. Durch diese Befruchtung aus der Entfernung – der doppelten Entfernung des Raumes und der Zeit – werden Kinder geboren. Diese Kinder werden in staatlichen Krippen aufwachsen, ohne ihre Väter und Mütter zu kennen, die für andere Aufgaben verfügbar sein werden. Welch schöne Rasse wird das sein! Und unter welch klinischen Bedingungen wird sie leben! Der neueste Geniestreich unserer Zivilisation: der sexuelle Instinkt ist endgültig unter Kontrolle gebracht.
Ich höre ein Geräusch aus Daves Zimmer. Ich bleibe stehen, halte den Atem an und horche. Nein, nichts. Armer Dave. Er ist zwölf Jahre alt. Er weiß nicht, wie altmodisch er bereits ist.