|53|DRITTES KAPITEL

Der Sonntag ist in Blueville arbeitsfrei. Am Morgen findet im Schloß ein Gottesdienst statt, den eine Missionarin abhält; aber jedesmal ist es eine andere, die dieser oder jener protestantischen Richtung angehört. Wie es scheint, hat sich die katholische Kirche auf Grund ihrer jahrhundertealten Misogynie bis heute nicht entschließen können, eine Frau zu weihen.

Die Teilnahme am Gottesdienst ist nicht obligatorisch, und Hilda Helsingforth ist dort noch nie erschienen. Dennoch nehmen wir fast alle daran teil, ich selbst trotz meines Skeptizismus regelmäßig; nach dem Ritus findet nämlich im allgemeinen eine ungezwungene Unterhaltung mit der Missionarin statt, und da sie von draußen kommt, hoffen wir, interessante Dinge von ihr zu erfahren. Ohne Rundfunk und Fernsehen, nur auf die dürftigen Zeitungen angewiesen, sind wir auf Nachrichten aus der realen Welt jenseits unserer Stacheldrahtumzäunung äußerst begierig.

Ich erinnere mich besonders an die Missionarin, die am Sonntag, dem 5. Mai, die Predigt hielt. Sie war dermaßen mager, daß von den Formen, die sie einst gehabt haben mochte, keine Spur zurückgeblieben war und sie auf mich wie ein Neutrum wirkte. Außerdem hatte Reverend Ruth Jettison kurze Haare und trug ein anthrazitgraues Kostüm mit Priesterkragen, wodurch sich ihr Geschlecht noch schwerer definieren ließ. Dennoch wirkte ihr Gesicht mit der gebogenen Nase, dem markanten Kinn und den fanatischen großen schwarzen Augen durchaus kraftvoll.

Der Gottesdienst und die Predigt fanden im Vortragssaal des Schlosses statt, in dem rund hundert Personen Platz fanden, den wir aber nicht ganz füllten. Ich sage »wir«, doch das müßte erläutert werden, denn in der Art, wie sich das Auditorium verteilte, ließ sich eine bestimmte Sitz- und Rangordnung erkennen, die ich schon bei meiner Ankunft in Blueville so vorfand und die unverändert blieb, solange ich da war.

|54|In der ersten Reihe sitzen die Persönlichkeiten, die im Schloß wohnen: der Verwalter, Mr. Barrow, und seine Frau, Dr. Rilke, Emma Stevenson, die Sekretärin von Hilda Helsingforth, und drei oder vier Personen, deren Funktionen und Namen mir unbekannt sind. In ihrer Mitte prangt ein Sessel, der respektvoll leer gelassen wurde und, wenn ich so sagen darf, mit der ständigen Abwesenheit von Mrs. Helsingforth ausgefüllt ist. Ich würde nicht behaupten, daß die Leute aus dem Schloß den Sessel grüßen wie die Schweizer Geßlers Hut, wenn sie an ihm vorbeigehen, aber mir fällt auf, daß sie ihn mit honigsüßer Miene streifen, als wäre er besetzt.

In der zweiten und dritten Reihe sitzen die »alleinstehenden Frauen« von Blueville; dem Alter und dem Äußeren nach sehr unterschiedlich, gleichen sie sich in einer Hinsicht völlig: sie würdigen die PMs niemals eines Blickes.

In der dritten, vierten und fünften Reihe sitzen die A.s, die im Knopfloch alle das grüne Abzeichen mit dem goldenen Buchstaben ihrer Sekte tragen. Eine dichtgedrängte, sehr selbstzufriedene Gruppe; in der Öffentlichkeit tun sie ebenfalls so, als kennten sie uns nicht, obwohl die meisten von ihnen uns in den Labors unterstellt sind. Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß ein erheblicher Teil der A.s verheiratet ist, doch im Unterschied zu den PMs sind ihre Familien in der Außenwelt geblieben, wohin sich die A.s, ihrer Immunität sicher, von Zeit zu Zeit begeben können, ohne sich selbst zu gefährden, allerdings auch ohne ihren Frauen viel Vergnügen zu bereiten, wie ich vermute.

In den letzten Reihen des Saales schließlich und damit zugleich auf der untersten sozialen Stufe von Blueville die PMs mit ihren Frauen und Kindern, ihrer Zahl und mehr noch ihrem Rang nach den beiden anderen Gruppen unterlegen.

Die Predigt von Reverend Ruth Jettison behandelte ein Thema, das mit seinen Prämissen an den Bladderstirismus erinnerte, sich aber von ihm durch seine Schlußfolgerungen unterschied. Die Enzephalitis 16 war offensichtlich nichts anderes als eine Strafe Gottes. Der Herr erhob seine Rechte gegen die Sünder, um sie für ihre Verirrungen zu bestrafen. (Wie oft habe ich seither diese alte Leier gehört!) Indessen war unter »Verirrung« nicht das zu verstehen, was Bladderstir meinte. Seit grauer Vorzeit bis in unsere Tage hatte die schwere Sünde des Mannes darin bestanden, die Frau in Sklaverei zu halten.

|55|An dieser Stelle malte Ruth Jettison ein Bild, das trotz einiger Übertreibungen und eines gewissen Mangels an Feinheiten und historischer Perspektive eine Reihe von Wahrheiten enthielt. Nach dieser insgesamt völlig gerechtfertigten Verurteilung der im Wandel der Zeiten praktizierten männlichen Misogynie wurde die Predigt zum Fieberwahn. Mit blitzenden Augen, abgerissenen Sätzen und rächender Geste verlegte sich Ruth Jettison auf den Nachweis, wie sehr die Männer die Frauen »haßten«.

Ruth Jettison stellte die Behauptung auf, der Mann empfinde vor dem Körper der Frau einen tiefen Ekel, der in seinem »Vaginahaß« gipfele, wie sie es, allerdings mit obszönen Worten, bezeichnete. Als Beweis führte sie sorgfältig zusammengeflickte Einzelheiten an und gab Zitate oder angebliche Zitate wieder, jedoch ohne Nennung von Personen, Ort und Zeit; in erster Linie stützte sie sich auf eine Reihe von Anekdoten, in denen die Haltung verwahrloster, neurotisierter und sadistischer Jugendlicher gegenüber Mädchen als männliche Norm dargestellt wurde.

Ich muß sagen, die obszöne Ausdrucksweise, das Paradoxe der Behauptung und vor allem die unsachliche Methode, mit der die Missionarin sie zu beweisen versuchte, riefen bei den PMs Lächeln, Lachen und unterschiedliche Reaktionen hervor. Denn für die anwesenden Forscher lag es klar auf der Hand, daß Ruth Jettison zu keinem Zeitpunkt ernsthafte wissenschaftliche Recherchen betrieben und keine umfassenden, repräsentativen Umfragen gemacht, sondern eine äußerst unverfrorene und willkürliche Art der Hochrechnung angewandt hatte. Ihre auf isolierten Fakten beruhende These war eine auf den Kopf gestellte Pyramide. Indem sie die bescheidene Methode der Befragung durch die dogmatische Behauptung ersetzte, hatte sie ein paar Maulwurfshügel zu einem riesigen Gebirge aufgetürmt.

Das religiöse oder parareligiöse Denken ist überaus bequem. Es ersetzt alles. Mit blitzenden Augen, mit einer vor heiligem Zorn bebenden Stimme und mit niederwalzenden Worten kam Ruth Jettison schließlich zu ihrer Schlußfolgerung; für den Mann, so behauptete sie, ist die Frau ein wertloser Behälter, in den er sein Sperma gießt, oder, besser gesagt, eine Art Spucknapf, von dem er sich nach Gebrauch schaudernd abwendet.

|56|Die Reaktionen der Zuhörer waren aufschlußreich und differenziert. Der Beifall der Verwaltung in der ersten Reihe und der »alleinstehenden Frauen« in der zweiten war herzlich und schien mir sogar demonstrativ. Die A.s hielten sich ihrerseits mit reumütigen Gesichtern zurück, als litten sie unter der Erinnerung an begangene Sünden, von denen sie sich zum Glück befreit hatten. Doch unter den PMs und ihren Frauen wurde Murren laut. Ruth Jettison zog ihre dichten Augenbrauen zusammen, richtete ihre stechenden, starren großen schwarzen Augen auf unsere kleine Gruppe und schrie mit beinahe drohender Stimme: »Will jemand eine Frage stellen?«

Das darauf folgende lange Schweigen kam mir wenig amerikanisch vor, so als ob wir schon im Begriff wären, auf die Redefreiheit zu verzichten. Der Fanatismus der Missionarin und ihre an uns gerichtete Herausforderung widerten mich so an, daß ich mich einzugreifen entschloß. Aber ich kam nicht dazu, aufzustehen. Meine Nachbarin, Mrs. Pierce, packte mich am Ärmel und flüsterte mir eindringlich ins Ohr: »Um Himmels willen, Ralph, mischen Sie sich nicht ein, das ist eine Provokation.«

Ich werde später auf Mrs. Pierce, die Frau meines engsten Mitarbeiters, zurückkommen. Sie kann sich zwar ihres Äußeren nicht sonderlich rühmen, aber ich bewundere ihren Weitblick. Ich kochte vor Wut und schwieg.

In der Reihe hinter uns wurde es unruhig, und ich drehte mich um. Dieselbe Szene spielte sich noch einmal ab, nur mit vertauschten Rollen: Stien hielt seine Frau fest und versuchte sein Bestes, sie zum Schweigen zu bringen.

Genauso hätte er versuchen können, einen Bulldozer aufzuhalten.

Mutsch riß sich los, stand auf und sagte mit fester Stimme: »Ich habe keine Frage zu stellen, aber ich hätte einige Bemerkungen zu machen.«

»Bitte«, sagte Ruth Jettison verächtlich.

Mutsch, eine ausgebildete Psychologin, war keineswegs eine blendende Erscheinung. Sie war klein, rundlich und trug ihr Haar glatt gescheitelt; ihr Gesicht hatte einen liebenswürdigen, ziemlich alltäglichen Ausdruck. Wir aber wußten, was wir an Mutsch hatten. Aus freien Stücken hatte sie die Erziehung der Kinder der PMs von Blueville mit unbeugsamer Energie in die Hand genommen: eine heroische Aufgabe, denn es waren zwölf Kinder zwischen fünf und vierzehn Jahren.

|57|In perfektem Englisch, aber mit ziemlich starkem deutschen Akzent (der leider auch auf ihre Schüler, Dave inbegriffen, abzufärben begann) sagte sie: »Ich gebe zu, daß der Mann der Frau auf ökonomischem und sozialem Gebiet Beschränkungen auferlegt hat. Aber das hat nichts mit Haß zu tun, den er gegenüber ihrem Körper empfände. Ganz im Gegenteil, er überbewertet ihren Körper zu Lasten ihrer anderen Eigenschaften. Man braucht nur die Augen offenzuhalten, um diese Überbewertung zu sehen. Sie zeigt sich überall, in der Mode, in der Werbung, in der Kunst, in der Literatur. Mir scheint, daß die von Ihnen genannten Beispiele tendenziös sind. Die jugendlichen Banden, die die Mädchen vergewaltigen, beleidigen und schlagen, haben unterschwellig wahrscheinlich eine starke homosexuelle Komponente, die sich in diesem Verhalten äußert. Wer die Frau als Spucknapf bezeichnet, ist neurotisch und sadistisch. Das ist keine typische Haltung eines Mannes. Absolut nicht. Und ich verstehe nicht, wie man das übersehen kann. Frauen, die behaupten, daß der Vaginahaß unter den Männern allgemein verbreitet sei, lassen in mir den Verdacht aufkommen, daß sie selbst vielleicht Haß auf den Penis empfinden (Gelächter bei den PMs). Es ist auf keinen Fall gut, wenn man die Frauen zu überzeugen versucht, daß sie von den Männern gehaßt werden. Das kann die Frauen nur dazu verleiten, ihrerseits die Männer zu hassen, und das, wenn Sie gestatten, wäre eine Schande, wo die Männer jetzt wie die Fliegen sterben. Ich bin sehr betroffen, daß ausgerechnet eine Christin den Haß zwischen den Geschlechtern schürt. Vielleicht bin ich etwas altmodisch, doch ich muß gestehen, daß es mich auch schockiert, von einer Geistlichen in ihrer Predigt einen Ausdruck wie ›Votze‹ zu hören. (Mutsch sprach das Wort mit echt germanischer Betonung aus.) Außerdem glaube ich nicht, Reverend, daß Sie überhaupt wissen, was das ist: Mann und Frau. Ich kann Sie versichern, daß ich nicht der Spucknapf meines Mannes bin. Ich bin sicher, daß er alles an mir liebt, Votze inbegriffen.« (Gelächter bei den PMs. »Schätzchen!« rief Stien mit unterdrückter Stimme und hob die Arme zum Himmel.)

»Das war’s, was ich zu sagen hatte«, fügte Mutsch errötend hinzu und setzte sich unvermittelt wieder hin. (Gemurmel in den ersten Reihen, lebhafter Applaus in der Gruppe der PMs.)

Ruth Jettison verhielt sich während der Rede von Mutsch |58|alles andere als christlich. Sie reckte sich zu voller Größe auf, ballte die Fäuste und schleuderte dabei Blicke auf die PMs, die uns zu anderen Zeiten zum Scheiterhaufen verurteilt hätten. Als Mutsch sich setzte, war die Missionarin einige Sekunden wie erstarrt, und als sie schließlich ihre Sprache wiedergefunden hatte, stieß sie die Worte nur mühsam zwischen den Zähnen hervor.

»Diese Äußerungen zeichnen sich durch Ignoranz, Arroganz und völlige Nutzlosigkeit aus«, sagte sie mit zischender Stimme. »Die Person, die eben gesprochen hat, gehört zu den zufriedenen Sklavinnen, wie ich sie nennen möchte. Sie soll sich nicht einbilden, daß ich ihr antworte. Ich wende mich nur an die freien Frauen. Unser Gespräch ist beendet.« (Unter den PMs Proteste und Rufe: »Antworten Sie! Antworten Sie!«)

 

Am nächsten Tag hagelte es Sanktionen – soweit sind wir schon! Mutsch wurde in einem eisigen Brief von Hilda Helsingforth wegen ihrer »Unhöflichkeit« abgekanzelt. Stien bekam in seiner Eigenschaft als Ehemann, der für die Handlungen seiner Frau verantwortlich ist, zweihundert Dollar von seinem Gehalt abgezogen. Die PMs, die sich mit ihrem ungebührlichen Verhalten zu Komplizen von Mutsch gemacht hatten, durften sich eine Woche lang nicht mehr wie gewohnt nach dem Abendessen im Schloß versammeln. Mr. Barrow ließ sogar durchblicken, daß die kleinen Zusammenkünfte, an denen uns soviel lag, im Wiederholungsfall für immer untersagt werden könnten.

Wir alle waren maßlos empört. Wenn wir Blueville hätten verlassen können, ohne uns dadurch zum Tode zu verurteilen, hätten wir es unverzüglich getan und auf die Arbeiten verzichtet, die für jeden von uns einen Lebensinhalt darstellten. Angesichts der in Blueville so offen verhöhnten Freiheit des Denkens und der Rede fragte man sich, ob wir uns noch in den Vereinigten Staaten befanden oder ob wir nicht ahnungslos von einem bösen Geschick in eine jener lateinamerikanischen Diktaturen verschlagen worden waren, die von der amerikanischen Demokratie zu jeder Zeit Unterstützung gefunden hatten.

Als acht Tage später die kleinen Familientreffen wieder aufgenommen werden, beschließe ich, ihnen fernzubleiben. Nicht, daß sie mich langweilten, doch Dave beunruhigt mich. Wir |59|beide wohnen in einer kleinen Baracke, die aus zwei Zimmern besteht, dazwischen liegen Küche und Bad. Nachts lasse ich die Türen offen, um auf Dave achtzugeben. Denn seit kurzem wacht er jede Nacht im ersten Schlaf auf und schreit angstvoll nach mir. Ich stürze zu ihm hin, und in meine Arme gekuschelt, erzählt er mir mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme seinen Alptraum, der bis auf wenige Einzelheiten immer derselbe ist.

Dave geht allein mitten durch eine Menschenmenge. Ohne Grund wird ihm beklommen zumute. Die Menschen, die auf dem Bürgersteig mit ihm in gleicher Richtung gehen, sind sehr bleich. Plötzlich stolpert einer von ihnen und fällt besinnungslos zu Boden. Dann ein zweiter, dann ein dritter. Bald fallen sie zu Dutzenden, haufenweise. Niemand wagt es, ihnen zu Hilfe zu eilen oder sich ihnen auch nur zu nähern. Die Menge begnügt sich, einen Bogen zu machen und den Körpern auszuweichen. Obwohl Dave weiß, daß ihm keine Gefahr droht, ist ihm sehr bange, er hat Angst, er fängt an zu weinen, niemand achtet auf ihm. Er geht zu einer Frau mit roten Haaren. Er ergreift ihre Hand, doch die Frau entzieht sie ihm und stößt ihn zurück. Dave weint. Plötzlich sieht er mich in der Menge gehen, ich bin ungefähr zwanzig Meter vor ihm, er spürt eine ungeheure Erleichterung, er ruft fröhlich nach mir, ich drehe mich um, lächle, er läuft auf mich zu, ich selbst gehe ihm mit schnellen Schritten entgegen. Aber zwei Meter vor ihm breche ich zusammen. Er stürzt an meine Seite und kniet sich hin. Ich bin bleich, habe die Augen geschlossen. Er schreit, ruft, aber die Menschen um uns herum gehen weiter und beachten uns nicht.

Bei Daves erstem Schrei springe ich auf. An seinem Kopfende brennt die kleine Nachttischlampe, ich finde Dave in Schweiß gebadet und tränenüberströmt im Bett sitzen. Ich nehme ihn in meine Arme, er schluchzt krampfhaft, und ich brauche lange Zeit, um ihn zu beruhigen.

Dave, der in Wesley Heights lebte, hat die Szene, die er beschreibt, niemals mit angesehen, doch wenn er auch übertreibt – sie entspricht der Wahrheit. Kurz bevor ich nach Blueville kam, sah ich Männer auf der Straße zusammenbrechen, und die Passanten sind nicht nur ausgewichen, sondern geflohen. Ich habe Dave gegenüber kein einziges Wort fallenlassen und kann mir nicht erklären, woher die Eingebung für seinen |60|Alptraum kommt. Noch etwas anderes setzt mich in Erstaunen. Dave weiß nicht, daß ich jeden Augenblick aus der schützenden Umzäunung von Blueville verwiesen werden kann und daß mich folglich die Angst quält, nicht so sehr um mich selbst, sondern um ihn, den ich allein zurücklassen müßte. Und dennoch verrät sein Traum auf herzzerreißende Art die Furcht, verlassen zu werden.

An diesem Abend schreibe ich Anita, während ich auf jedes Geräusch achte. Denn mir ist aufgefallen, daß Daves lautem Hilfeschrei kaum vernehmbare leise Schluchzer vorausgehen; wenn ich in diesem Augenblick eingreife, erspare ich dem Jungen den schrecklichsten Teil seines Traums: meinen Tod und seine Einsamkeit. Zumindest sagt er mir das an diesem Abend, als er aufwacht. Kurz darauf setze ich mich wieder an meinen kleinen Tisch. Obwohl die hölzernen Barackenwände doppelt und sehr gut isoliert sind, ist es kalt, die Heizung ist nur lau. Nachts wird in Blueville Energie gespart. Ich ziehe einen Pullover an und darüber einen dicken Morgenmantel, in den ich mich fest einhülle. Als ich gerade wieder den Füller in die Hand nehme, kommt Dave herein, ebenfalls eingemummt.

»Stör ich dich, Ralph?«

»Nicht im geringsten.«

Er setzt sich auf mein Bett, ich drehe mich um und schaue ihn an. Er ist gewachsen, magerer geworden und ein bißchen blaß. In seinem schmalen, spitzen Gesicht nehmen die schwarzen Augen mit den langen dichten Wimpern sehr viel Platz ein.

»Du arbeitest, Ralph?«

»Nein, ich schreibe einen Brief.« Und weil er in seiner üblichen diskreten Art schweigt, füge ich hinzu: »An Anita.«

Nach kurzem Schweigen sagt Dave, in dessen Stimme sich schon der Stimmbruch ankündigt: »Willst du nicht doch wieder zu den kleinen Zusammenkünften abends im Schloß gehen, Ralph?«

Das ist schon der erwachsene, feinfühlige, ganz um die anderen besorgte Dave.

»Ach weißt du, da war es nie sehr unterhaltsam«, sage ich leichthin.

Ohne Übergang, der mir dennoch gegeben scheint, fährt er plötzlich fort: »Und Anita, wird sie bald kommen?«

|61|Diesmal begreife ich schneller. Ich sehe den Zusammenhang: Dave ist nicht seinetwegen in Sorge, sondern meinetwegen. Er ist von Anita enttäuscht, wie sein Alptraum, in dem eine rothaarige Frau ihn zurückstößt, verdeutlicht. Wenn sie kommt, beschäftigt sie sich mit ihm sowenig wie möglich, sie hält ihn sich vom Leibe. Man könnte meinen, daß sie Angst hat, sich an ihn zu hängen. Trotzdem bringt oder, besser gesagt, brachte sie ihm – denn jetzt gibt es ja nichts mehr – luxuriöse Geschenke mit, die aber leider immer fehl am Platze waren, zu kindlich oder zu anspruchsvoll, und ihn in jedem Falle demütigten. Dave fühlte sehr wohl, daß er mit diesen Geschenken nur mangels einer tieferen Empfindung überschüttet wurde.

»Ich weiß nicht«, sagte ich leichthin. »Sie hat nicht angerufen, sie muß sehr beschäftigt sein.«

Schweigen. Ich bin mir nicht sicher, ob Dave mir meine Sorglosigkeit abnimmt, denn er sieht mich prüfend an. Dann blinzelt er und gähnt und reckt sich.

»Ich gehe ins Bett«, sagt er.

Ich nicke, und ganz unvermittelt sagt Dave mit völlig veränderter, sanfter, kläglicher, kindlicher Stimme: »Trägst du mich, Ralph?«

Nachdem er sich so erwachsen gezeigt hat, gefällt mir dieser Rückfall ins Babyhafte nicht. Ich möchte mich am liebsten weigern. Aber ich wage es nicht. Ich weiß nicht, welche Auswirkungen eine abschlägige Antwort auf Dave hätte. Möglicherweise bin ich kein sehr guter Pädagoge, aber ich habe eine Regel: Ich repariere eine Uhr nicht mit dem Hammer.

Ich gebe nach. Vielleicht macht ihm das entgegen meiner Absicht gezeigte Zögern deutlich, daß ich unzufrieden mit ihm bin. Ich fasse Dave unter die Achseln, hebe ihn hoch, drücke ihn gegen meine Brust. Sofort schlingt er mir die Arme um den Hals und schmiegt sein Gesicht an meine Wange. Wie immer, bin ich gerührt. Dieser kurze Augenblick gibt mir neue Kraft in einem nicht einfachen Leben.

Ich will hier nicht schwarzmalen. Wenngleich in Blueville die Angst mein eigentlicher Beruf ist, denn sie füllt mich beständiger aus als die trotz allem lebhafte Sorge um meine Forschungen, gewöhnt man sich an alles, auch an die Furcht. Selbst ein zum Tode Verurteilter muß in seiner Zelle Augenblicke haben, wo sich die Gedanken an die Zukunft aus ihrem |62|Schraubstock befreien. Ohne diese Atempausen könnte er nicht leben. Wenigstens das eine kann ich über unser Leben in Blueville sagen: Unser Todesurteil steht nicht fest.

 

Was allerdings an unserer Situation vielleicht am schwersten zu ertragen ist, ist ihre völlige Undurchschaubarkeit.

Jespersen, Stien und ich reden oft darüber, wobei wir einige Vorsichtsmaßnahmen treffen, denn wir sind überzeugt, daß es überall Abhöranlagen gibt. Keiner von uns dreien und keiner der PMs hat Hilda Helsingforth jemals gesehen. Wir wissen, daß sie da ist und ganz in der Nähe, denn Mr. Barrow hat mit ihr in unserer Gegenwart per Haustelefon gesprochen. Doch bleibt sie unsichtbar wie Gottvater, allwissend und allmächtig wie er, aber nicht voll unendlicher Güte.

In knappen Mitteilungen, die jeglicher Höflichkeitsformel entbehren und deren Kürze allein schon eine Beleidigung ist, erteilt sie uns immer nur Abfuhren und Verweise. Ich schrieb ihr bei meiner Ankunft in Blueville einen Brief, in dem ich sie fragte, ob es nicht möglich wäre, ein Pony für Dave zu bekommen: Der Kauf könnte durch Abzüge von meinem Gehalt beglichen werden. In meiner Naivität war ich so weit gegangen, ihr zu berichten, wie sehr Dave der Verlust seines Connemara getroffen hatte.

Acht Tage später erhielt ich folgende Antwort:

 

Dr. Martinelli,

wollen Sie zur Kenntnis nehmen, daß die PMs weder mir zu schreiben noch mich anzurufen noch um Unterredungen zu bitten haben.

Was den Gegenstand Ihres Briefes betrifft, so wollen Sie ebenfalls zur Kenntnis nehmen, daß mich Ihre familiären Probleme nicht interessieren.

Hilda Helsingforth

 

Ich habe Stien diesen Brief vorgelesen, und er sagte nur halblaut: »Typisch!«

Die »alleinstehenden Frauen« (wir nennen sie so, weil sie in Blueville ohne Gefährten sind, wir haben keineswegs Vorurteile in bezug auf ihre Vergangenheit) nehmen uns gegenüber die gleiche Haltung ein, mit der uns die A.s begegnen. Bei der Arbeit in den Labors haben wir zu ihnen und zu den A.s Beziehungen, |63|auf die ich noch zurückkommen werde. Doch außerhalb des Labors sind wir für die Frauen wie für die A.s Luft. Annäherungsversuche unsererseits werden sofort zurückgewiesen, die Münder verschließen sich, die Blicke fliehen uns, man wendet sich von uns ab. Nicht nur die PMs, sondern auch ihre Frauen – außer Mrs. Pierce! – sind zur Nicht-Existenz verurteilt. Strenggenommen leben wir nicht in einem Ghetto, denn im Schloß gibt es für alle nur eine Cafeteria; doch wenn man sein Gericht zusammengestellt hat und sich versehentlich an einen Tisch setzt, an dem schon A.s oder alleinstehende Frauen Platz genommen haben, bricht das Gespräch ab, und das Schweigen wird eisig.

Gegen Morgen stelle ich mir in schlaflosen Augenblicken immer wieder die gleichen Fragen: Warum behandelt man uns so? Was haben wir getan? Wessen sind wir schuldig? Welche Gefahr stellen wir dar? Ich will mit Stien darüber sprechen, doch an diesem Morgen ist er sehr schlecht gelaunt und läßt mich abblitzen. »Du bist ein richtiger Goi, du bist schlapp, du jammerst über alles. Worüber beklagst du dich eigentlich? Du bekommst gutes Essen, man schlägt dich nicht, man spuckt dir nicht ins Gesicht, du hast eine interessante Arbeit. Also mach es wie ich, pfeif auf den Rest.« Mit düsterer Miene fügt er hinzu: »Ich habe Schlimmeres erlebt.«

Ich glaube ihm, daß er Schlimmeres erlebt hat, bevor er Deutschland 1936 verließ. Ich nehme es ihm also nicht ab, daß er auf alles pfeift, denn seine Laune ist fürchterlich. Immer häufiger explodiert er auf jiddisch, und Mutsch hat Mühe, ihn zu beruhigen. Er besitzt offensichtlich kaum mehr Geduld, als er mir selbst empfiehlt.

Die »alleinstehenden Frauen« unterhalten zu den A.s während und nach den Mahlzeiten gesellschaftliche Kontakte; ich registriere das mit Bitterkeit, denn sie sind nicht alle häßlich, ganz im Gegenteil. Mich packt die Wut, wenn ich von meinem Tisch in der Cafeteria oder vom Sessel im Salon mit ansehe, wie sie diesen Kastraten zulächeln oder gar mit ihnen kokettieren. Aber ich stelle auch fest, daß das alles distanziert und ziemlich formell bleibt. Man könnte meinen, daß die A.s in ihren Augen immer noch ein wenig verdächtig sind, selbst wenn sie sich von der Erbsünde gereinigt haben.

Die A.s sind alles Männer um die Fünfzig. Ihre Nachkommen, falls sie welche hatten, sind erwachsen und in alle Welt |64|verstreut. Auf jeden Fall haben sie genauso wie die »alleinstehenden Frauen« kein Mitleid mit den unsrigen. Denn die Diskriminierung, der wir ausgeliefert sind, erstreckt sich auch auf unsere Kinder, wobei seltsamerweise kein Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gemacht wird. Man könnte meinen, die Art, wie sie gezeugt wurden, hat sie in Mißkredit gebracht. Trotzdem, weder die »alleinstehenden Frauen« noch die A.s sind anders zur Welt gekommen. Will man womöglich eine Methode verändern, die sich seit zwei Millionen Jahren bewährt hat? Ich stelle mir diese Frage, weil ich gestern in der New York Times – die nur noch der Schatten ihrer selbst ist – einen von Deborah Grimm gezeichneten Artikel gelesen habe, der folgenden verblüffenden Satz enthält: »Der Geschlechtsakt sollte aufhören, das von der Gesellschaft benutzte Mittel zur Auffrischung der Bevölkerung zu sein.«

Auf den ersten Blick ist man versucht, die Achseln zu zucken. Ich hüte mich davor. Von Anita weiß ich, daß Deborah Grimm zur unmittelbaren Umgebung der Präsidentin Bedford gehört und daß sie im Begriff ist, stärkeren Einfluß auf die Präsidentin auszuüben als Anita selbst.

Anita meint – und darin stimme ich mit ihr überein –, daß es weder dem Staat noch seinen Gesetzen oder seinem Unterdrückungsapparat zusteht, darüber zu befinden, ob eine Frau ein Kind haben soll oder nicht. Das Recht der Frau, über ihren eigenen Körper zu verfügen, ist unveräußerlich. Die wahre Achtung vor dem Leben ist die Achtung vor der Frau, die als freies Agens betrachtet wird, nicht als Objekt, aus dem – ob sie es will oder nicht – die zukünftigen Bürger hervorgehen, derer der Staat bedarf. Die Frau ist keine Maschine, die Soldaten, Arbeiter oder Gläubige produziert. Sie hat darüber zu entscheiden – sie allein.

Schwerwiegend erscheint mir an Deborah Grimms Standpunkt, daß sie, während sie scheinbar weiter geht als Anita, in Wirklichkeit in ausgefahrene Geleise zurückfällt. Man beachte das Kategorische ihres Satzes, der keine Wahl zuläßt: »Der Geschlechtsakt sollte aufhören, das von der Gesellschaft benutzte Mittel zur Auffrischung der Bevölkerung zu sein.«

Mit welcher erschreckenden Macht stattet Deborah Grimm hier die Gesellschaft aus! Demnach hätte die Gesellschaft – die ja, wenn ich mich nicht irre, dem Menschen dienen, nicht ihn |65|versklaven soll – das Recht, die Natur aus den Angeln zu heben und die Individuen der Möglichkeit zu berauben, daß sie sich paaren, um sich fortzupflanzen? Ich glaube zu träumen: was wird bei solcher Perspektive aus der Freiheit der Frau? Während der reaktionäre Staat sie dazu verurteilt hat, gegen ihren Willen Mutter zu sein, wäre sie jetzt dazu verurteilt, es nicht mehr zu sein, selbst wenn sie es wollte?

Sollte Deborah Grimms Programm Wirklichkeit werden – was für eine traurige Welt wäre das! Keine Beziehungen mehr zwischen Mann und Frau, der Begriff Mutter überholt, die Babys künstlich produziert und von Geburt an Krippen anvertraut, in denen sie rund um die Uhr ein anonymes Dasein fristen … Welch eine düstere Einöde und unmenschliche Menschheit! Worin würde dann der Sinn des Lebens bestehen? Wozu noch die »Auffrischung der Bevölkerung«, wie Deborah Grimm sagt? Wozu die menschliche Gattung fortpflanzen? Wie fortpflanzen? Wie sollte jenes animalische Bedürfnis, Nachkommen zu haben, beschaffen sein, wenn die Menschen als Fertigware auf die Welt kommen? Und welchen Sinn könnte wohl die »Auffrischung« dieser Produkte haben? Wenn ich recht verstehe, würde man Menschen produzieren, damit sie ihrerseits produzieren und – konsumieren! Welch ungeheuerliche Absurdität! Man würde Kinderersatz herstellen, der Milchersatz trinken müßte.

Abends im Schloß erzähle ich Stien von Deborah Grimms Artikel und lese ihm laut den Satz vor, den ich mit Bleistift unterstrichen habe. Er runzelt die Brauen und sagt übelgelaunt: »Ich weiß nicht, ob das für die Menschen wünschenswert ist, aber rein wissenschaftlich ist es möglich.«

Ich bin im Begriff, ihm ausführlichere Fragen zu stellen, doch Mutsch wirft uns einen entsetzten Blick zu, und ich schweige. Ganz offensichtlich denkt Mutsch, daß wir unvorsichtig waren: Stien hat zuviel gesagt, und ich hätte meinerseits nicht so offen über den Artikel sprechen sollen.

Ich weiß nicht, ob es auf unsere doppelte Unvorsichtigkeit zurückzuführen ist, jedenfalls bekommen wir seit jenem Tag die New York Times immer seltener.

 

Ich habe schon von der Unergiebigkeit, dem Stillschweigen und der Fadheit der Zeitungen gesprochen. Wenn man heutzutage |66|die New York Times oder die Washington Post liest, könnte man meinen, daß auch sie vom Ungeist der Zeit entmannt wurden. Die Presse machte einst dem Herrn des Weißen Hauses, wer immer es war, weiß Gott das Leben schwer. Diese Zeiten sind vorbei. Die wenigen Exemplare, die uns von Zeit zu Zeit in immer unregelmäßigeren Abständen erreichen, bringen über Sarah Bedford nur seichte und widerliche Lobreden; hin und wieder sind ihnen Porträts beigegeben, in denen sie als ein Muster an Tugend verherrlicht wird.

Darüber bin ich platt. Denn vor nicht allzu langer Zeit, vielleicht vor fünf oder sechs Jahren, machte Sarah Bedford in den Massenmedien dadurch von sich reden, daß sie in Washington an der Spitze von etwa zwanzig Frauen durch die 14. Straße zog; sie alle schwenkten Papierschilder mit der Aufschrift:

 

WIR SIND LESBISCH.

NA UND?

 

Diese Sorte Schilder schrecken mich nicht. Ich sehe auch keinen plausiblen Grund, die Homosexuellen zu verfolgen, was hierzulande so lange mit so gutem Gewissen praktiziert wurde. Ich kann aber den heuchlerischen und honigsüßen Ton nicht ausstehen, in dem man jetzt über Sarah spricht, als ob sie plötzlich die Jungfrau Maria – ohne das Kind – geworden wäre.

Nicht durch die Presse selbst – man hat uns diese Exemplare in Blueville offenbar unterschlagen –, sondern von Anita weiß ich, wie es dazu gekommen ist.

Als die Epidemie die Politiker des Kongresses dahinzuraffen begann, ließ Sarah Bedford über ein Gesetz abstimmen, das sogenannte »Stellvertretergesetz«, das für jeden Abgeordneten und für jeden Senator die Einsetzung eines weiblichen Vertreters vorsah, der im Falle des Ablebens ipso facto den Platz im Repräsentantenhaus bzw. im Senat einnehmen sollte. Unglücklicherweise veränderten die Betroffenen selbst das Gesetz durch einen Zusatz, der die Frauenwahl völlig ihres demokratischen Charakters beraubte, sie gaben sich das Recht, ihre Vertreterin selbst zu bestimmen und den Wählern zur Abstimmung vorzuschlagen. Dem lag die Absicht zugrunde, das Kräfteverhältnis zwischen den beiden großen Parteien aufrechtzuerhalten: so stellten die Demokraten demokratische Frauen und die Republikaner republikanische Frauen.

|67|Es kam noch schlimmer. Als ob das von den Wählern erteilte Mandat gleichsam ein verbrieftes Recht wäre, das in der Familie zu bleiben hat, bestimmte die Mehrheit der Kongreßmitglieder ihre eigenen Ehefrauen zu ihren Vertretern. Vielleicht glaubten sie, auf diese Weise das Mittel gefunden zu haben, ihren eigenen Tod zu überleben. Das war auf jeden Fall eine verhängnisvolle Rechnung, denn die Witwen, die in wachsender Zahl in den Kongreß einzogen, waren politisch sehr wenig gebildet und wenig auf Sitzungen erpicht; sie sahen ihre Funktion vor allem als eine von der Bundesbehörde gezahlte Pension an. Zu Beginn wenigstens stellten sie für die Präsidentin eine beispielhaft fügsame Mehrheit dar.

So kam es, daß die Witwen, die seinerzeit die Mehrheit in der gesetzgebenden Körperschaft ausmachten, mit geschlossenen Augen ein Gesetz über die Massenmedien billigten, das die verzweifelten Proteste der überlebenden Männer auslöste. Alle Bemühungen dieser altgedienten Politiker erwiesen sich aber als nutzlos. Dabei hatten sie recht, wenn sie das »Sicherheitsgesetz« – so wurde es von Sarah Bedford bezeichnet – als einen verbrecherischen Anschlag auf die Verfassung der Vereinigten Staaten und die Pressefreiheit entlarvten. Die Witwen aber sahen in dem leidenschaftlichen Widerstand der Männer eine chauvinistische Reaktion gegen das Geschlecht der Präsidentin, und sie setzten sich durch.

Das Gesetz verfügte, daß jedes Informationsorgan, welches eine Nachricht oder einen Kommentar veröffentlichte, die Panik erzeugen, die Ordnung stören oder die Öffentlichkeit demoralisieren könnten – eine so verwaschene und allgemeine Definition, daß praktisch jeder Artikel unter das Gesetz fallen konnte –, befristet oder für immer verboten und mit einer Strafe zwischen 10 000 und 50 000 Dollar belegt würde.

Dieses Gesetz, das sogleich mit äußerster Konsequenz angewendet wurde, sollte innerhalb kürzester Frist die Meinungsfreiheit ersticken. Die ihrer Einnahmen aus der Werbung beraubten Massenmedien lagen infolge des wirtschaftlichen Niedergangs sowieso schon in den letzten Zügen. Besonders die Zeitungen sahen von Tag zu Tag ihre vorwiegend männliche Leserschaft schwinden. Und der doppelte Aderlaß einer Beschlagnahme und einer hohen Strafe hätte ein tödliches Risiko für sie bedeutet: sie stellten ihr Erscheinen ein oder unterwarfen sich. |68|Von diesem Augenblick an erfreute sich Sarah Bedford einer

Macht, die zuvor keiner ihrer Vorgänger im Weißen Haus besessen hatte. Denn bislang waren die nahezu diktatorischen Rechte, die die Verfassung dem Präsidenten zugesteht, von den Massenmedien, der öffentlichen Meinung und dem Kongreß wirksam eingeschränkt worden. Jetzt war der Kongreß nur mehr eine Versammlung von Jasagern. Die von so vielen Toten traumatisierte Öffentlichkeit verhielt sich passiv, und die Presse war geknebelt. Zwei Gesetze, das Stellvertretergesetz und das Sicherheitsgesetz, hatten genügt, die Demokratie abzuwürgen.

Höchstwahrscheinlich sind die Verhältnisse in Blueville nichts anderes als eine krassere Form der Tyrannei, die draußen herrscht. Und wenn es wirklich an dem ist, könnte man verzweifeln. Denn das bedeutet: Falls die Epidemie eines Tages eingedämmt wird oder von selbst aufhört, werden die befreiten PMs in der Außenwelt keine Freiheit mehr vorfinden.

 

Am Sonntagnachmittag trainiert Dave ausgiebig im Swimmingpool des Schlosses; während dieser Zeit haben Jespersen, Stien und ich die Genehmigung, außerhalb der ersten Umzäunung, aber innerhalb der Grenzen der Ranch auszureiten. Obwohl die Pferde zur Ranch gehören, dürfen wir sie nicht umsonst reiten, sondern müssen sogar ziemlich viel dafür bezahlen. Nichtsdestoweniger ist das ein Privileg, das mich in Erstaunen setzt. Ich vermute, Hilda Helsingforth ist daran gelegen, uns physisch in Form zu halten, damit unsere Leistung nicht nachläßt.

Einziger Nachteil dieser Ausflüge ist, daß uns zwei berittene und bewaffnete Milizionärinnen – es sind immer dieselben – überallhin folgen. Seit Frühlingsbeginn tragen sie andere Uniformen: Bis auf die schwarzen Stiefel sind sie von Kopf bis Fuß in Blau gekleidet, Gewehr über der Schulter und Revolver am Koppel. Die Gesichter dagegen verändern sich nicht, die Augen bleiben eiskalt und die Lippen geschlossen. Eines Tages haben wir ihre Vornamen oder besser gesagt: die Spitznamen, die sie einander geben, erfahren. Beide Mädchen sind blond, die größere (groß sind allerdings beide) heißt Jackie und die »kleinere«, die mit ihren zu den Schläfen hin abgeschrägten Augen tatsächlich etwas von einer Katze an sich hat, Pussy. |69|Der unverheiratete junge Jespersen und ich, der ich Anita immer seltener sehe, finden beide sehr schön. Nicht einmal ihre Uniform ist abschreckend. Vor allem will uns nicht in den Kopf, daß diese jungen, anziehenden Frauen uns völlig feind sein sollen, auch wenn unsere Blicke an ihren unerbittlichen Augen abprallen.

Wen wir zu Pferd die erste Stacheldrahtumzäunung von Blueville passieren, reiten Jackie und Pussy voraus und geben dem weiblichen Posten am Fuße des Wachtturms unsere Namen und unsere Erkennungsmarken. Die Wachhabende mustert jeden von uns so aufmerksam, als wollte sie sich unsere verhaßten Züge unbedingt einprägen. Dann läßt sie uns durch, indem sie unsere Familiennamen und unsere Nummer aufruft: Dr. Jespersen, 235. Prof. Stienemeier, 226. Dr. Martinelli, 472.

Wie man sieht, vergißt sie weder unsere Titel noch die feinen Unterschiede. Bei der Rückkehr nennt jeder seinen Namen und seine Nummer und bekommt beim Passieren seine Erkennungsmarke zurück. Mir fällt jedesmal auf, daß die wachhabende Milizionärin es vermeidet, unsere Hände zu berühren.

Wenn wir den Wachtturm hinter uns gelassen haben, reiten uns Jackie und Pussy nicht mehr voraus, sondern folgen uns diskret in zwanzig, dreißig Metern Entfernung; die Route legen wir selbst fest. Darüber diskutieren wir am Vorabend sehr ausgiebig, weil das fast die einzige Freiheit ist, die uns bleibt. Doch meist entscheiden wir uns für den gleichen Weg: wir reiten eine Weile in der Ebene Trab und Galopp, dann schlagen wir im Norden die Gebirgspfade ein.

Es sind Waldwege, die sich durch Tannengehölz schlängeln, breit genug für Lastkraftwagen. Wir haben also ausreichend Platz, um alle drei auf gleicher Nasenlänge Stiefel an Stiefel zu reiten, ohne ein Wildwerden der Pferde befürchten zu müssen. Vorausgesetzt, daß meine Stute in der Mitte läuft.

Sie heißt Schuschka. Kein Tier in Blueville würde wagen, ihr die Achtung zu versagen, und ich weiß nicht, worauf man diese Macht zurückführen sollte, wenn nicht auf ihren resoluten Charakter. Schuschka ist nämlich klein, ganze eins fünfundfünfzig im Widerrist, und sicherlich leichter als die großen Pferde, die sie in Schach hält.

Sobald der Pfad ansteigt, reiten wir Schritt. Das ist der Augenblick, wo Jespersen, Stien und ich miteinander schwatzen, |70|besser gesagt: Stien hört uns zu, denn der ungestüme und etwas schrullenhafte junge Jespersen (bei alledem ein ausgezeichneter Chemiker) spricht endlos über Jackie und Pussy, und ich halte mit. Stien, der mit krummem Rücken auf seiner Stute Myrta sitzt, nachdem er mit großer Mühe aufgesessen ist, runzelt die Brauen, knurrt, zuckt mit den Achseln, zieht eine Schippe und rückt ohne Unterlaß mürrisch sein Tirolerhütchen zurecht.

Nach einer Weile wende ich mich halb zu ihm um und versuche, ihn ins Gespräch zu ziehen.

»Was hältst du denn davon, Stien?«

»Ich habe keine solchen Probleme«, sagt Stien verdrießlich. »Ich bin verheiratet.«

Jespersen lacht schallend. In unserer Lage ist es erfrischend, solche sorglose Fröhlichkeit mitzuerleben. Jespersen mit seinen blauen Augen, seinem durchschimmernden Teint und seinen fast weißblonden Haaren beugt sich lachend über den Sattelknopf und reckt sich dann breitschultrig, mit schmalen Hüften und einem schön flachen, muskulösen Bauch, wie ihn junge Männer haben. Seine kindliche Ausgelassenheit hat völlig von ihm Besitz ergriffen. Ich weiß genau, was ihn so belustigt. Er denkt an Mutschs Schmährede gegen Ruth Jettison vom vergangenen Sonntag, vor allem an den letzten Satz. Wenn wir unter uns sind, wiederholt er ihn unaufhörlich und findet ihn äußerst komisch. In seiner Naivität kann er sich nicht vorstellen, daß ein Paar im Alter von Stien und Mutsch noch miteinander schläft.

»Ich bin auch verheiratet«, sage ich zu Stien, »doch wenn die eheliche Abwesenheit andauert, wird es für mich problematisch.«

Lachend sagt Jespersen: »Dann muß ich dich warnen – Jackie gehört mir.«

Das kommt mir vor wie das Wunschdenken der Kinder: über ein Wesen oder eine Sache verfügen, ohne sie zu besitzen. Aber ich halte mit, ich bin kein Spielverderber. Und warum soll ich es nicht eingestehen: obwohl es kindisch ist, finde ich Vergnügen daran.

»Ich ziehe Pussy vor«, sage ich. »Pussy hat ein reizendes Gesicht. Sie ist katzenhaft und heimtückisch. Ich nehme Pussy. Mit oder ohne Uniform.«

|71|»Ihr seid nicht ganz normal«, sagt Stien bärbeißig. »Jess ist zwölf Jahre alt und du zwölfeinhalb.«

»Aber Stien, man kann sich auch mit sechzig Jahren noch für Mädchen interessieren«, sage ich.

»Aber nicht für solche.«

»Gefallen sie dir nicht?«

»Ich pfeife drauf.«

Weil ich Stien verdecke, beugt sich Jespersen über seinen Sattelknopf und stützt sich mit beiden Händen auf den Hals seines Pferdes, um ihn besser sehen zu können.

»Was hast du gegen sie, Stien?«

Schweigen. Dann stößt Stien hervor:

»Sie sind mir zu sehr Goi.«

Jespersen reißt seine blauen Augen weit auf.

»Und was verstehst du darunter?«

»Na, sie sind groß, blond, sehen arrogant aus …«

Jespersen lacht.

»Aber Stien, was für ein Rassismus! Auch ich bin groß, blond und so weiter.«

»Das ist nicht dasselbe«, sagt Stien finster und blickt starr vor sich hin. »Diese Mädchen rufen Erinnerungen in mir wach. Solche Fressen und solche Blicke habe ich schon gesehen.«

Gut. Ich verstehe, ich teile seine Empfindung. Aber daß ist noch lange kein Grund, Jess um seine Fröhlichkeit zu bringen. Um so weniger, als Stien sich widerspricht: gestern hat er mir vorgeworfen, zu dramatisieren, und heute dramatisiert er viel mehr. Und da ist noch ein Widerspruch, der einfach komisch ist.

»Du witterst den Goi überall, Stien. Neulich war ich der Goi, weil ich schlapp war. Jetzt ist der Goi die Bestie. Man müßte sich schon einigen: ist ein Goi schlapp oder unerbittlich?«

»Beides«, sagt Stien, ohne mit der Wimper zu zucken.

Jespersen lacht. Dann tritt Stille ein, und in der Stille lausche ich dem gleichmäßigen Hufschlag auf dem Schotterweg. Ich erinnere mich an jenen Augenblick: ein Sonntag im Mai, die Sonnenstrahlen fallen schräg durch die Tannenzweige. Herrlich frisches grünes Gras an den Wegrändern, aber trotz der Jahreszeit ein leichter, trockener Frost, Stien hat sich in seine dicke Pelzjacke verkrochen und das Triolerhütchen bis auf die Augen herabgezogen. Ich selbst bin froh über meinen Rollkragenpullover und bewundere Jess, der sich mit einem |72|dicken karierten Hemd begnügt; es ist zwar aus Wolle, läßt aber seinen muskulösen Hals weit frei. Vergessen wir nicht die beiden Milizionärinnen, die mit geschulterten Gewehren dreißig Meter hinter uns reiten: unsere »Kosakengarde«, wie Jess immer sagt.

Ich erinnere mich an diesen Augenblick, weil sich das Folgende so schnell und so unerwartet abspielte.

Hundert Meter vor uns gabelt sich der Weg. Zur Rechten verläuft er geradlinig nach Norden, zur Linken wendet er sich in einer Biegung nach Westen und später nach Südwesten. Letzteren schlagen wir immer ein. Er führt uns nach Blueville zurück.

»Ralph«, sagt Jespersen, »erinnerst du dich an das Gedicht von Frost, The Road Not Taken1

»Ja. Ich kannte es früher auswendig.«

»Ich auch. – Warum nehmen wir niemals den rechten?« fährt Jess fort und wendet sich an Stien.

»Weil es verboten ist«, knurrt Stien, und er verleiht diesem Wort jenen Klang von Unwiderruflichkeit, den es eben nur im Deutschen hat.

»Wer hat es verboten?« fragt Jespersen. »Ich sehe kein Schild.«

»Die Kosakengarde«, sagt Stien.

»Davon weiß ich nichts.«

»Mir haben sie es gesagt, vor sechs Monaten. Und ich habe den Auftrag, es euch zu sagen, vielmehr zu wiederholen.«

»Wie traurig«, sagt Jespersen, »ein Weg, den man niemals einschlagen wird.« Er sieht wirklich betrübt aus. »Und wenn es am Ende dieses Weges ein Mädchen gäbe? Ein echtes, eins, das lächelt?«

Stien zuckt die Achseln. Ich sage kein Wort. Wirklich schade, denke ich, wie Jess dreißig Jahre alt und hinter Stacheldraht mit Frauen eingesperrt zu sein, die einen aus Gott weiß welchen Gründen hassen. Wir folgen dem linken Weg, aber plötzlich läßt Jespersen sein Pferd wenden, reitet zurück und schlägt den rechten Weg ein.

»Du bist verrückt!« sagt Stien und bringt sein Pferd zum Stehen. »Das ist verboten!«

|73|»Ich schlage den Weg ein, den keiner einschlug!« schreit Jespersen und galoppiert los. Sein rotkariertes Hemd leuchtet in der Sonne.

»Jess! Komm zurück! Das ist Wahnsinn!« schreie ich.

Ein gellender Pfiff zerreißt die Luft. Pussy. Bleich vor Wut, galoppiert sie heran, Jackie liegt einige Längen zurück. Zweiter Pfiff. Jess reitet weiter. Und plötzlich – ich traue meinen Augen nicht – bringt Pussy ihren Wallach zum Stehen, läßt die Zügel hängen, streift den Riemen über den Kopf, packt den Karabiner und legt an.

»Nicht schießen!« schreie ich.

Ich komme gar nicht zum Nachdenken. Unter dem Druck meiner Schenkel, die schneller als mein Verstand reagieren, stürzt sich Schuschka auf Pussys Wallach. Er scheut und macht eine Kehrtwendung, der Schuß geht los, ich höre die Kugel pfeifen, sehe Pussy aus den Steigbügeln rutschen und äußerst langsam wie in Zeitlupe stürzen, wobei ihr die Waffe entgleitet.

Der Wallach entwischt und keilt außerhalb der Reichweite von Schuschka ein- oder zweimal aus, um seine Feigheit zu tarnen; in zwanzig Meter Entfernung fängt er an, am Wegrand zu grasen. Ich habe Mühe, Schuschka zum Stehen zu bringen, und während ich mit ihr fertig zu werden versuche, schreie ich irgend etwas. Stien schreit auch, und zu guter Letzt stürzt sich Jess, der im Galopp wieder zu uns gestoßen ist, auf Jackie und brüllt: »Sie haben auf mich geschossen.« Jackie bekommt Angst, zieht mit zitternder Hand ihren Revolver und richtet ihn auf Jess. »Nein, sie war es gar nicht, sondern Pussy!« schreie ich. Jess wird in diesem Moment vermutlich dadurch gerettet, daß unsere Pferde sehr erregt und auf engem Raum sich gegenseitig im Wege sind; Schuschka nutzt die Gelegenheit, um zu beißen und auszukeilen. Es folgt ein Augenblick äußerster Verwirrung, wir schreien und fluchen alle durcheinander. Wie durch ein Wunder wird Pussy von keinem Huf getroffen. Sie sitzt immer noch auf der Erde, ist sehr blaß. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt, und sie hält ihren rechten Ellbogen umklammert.

Dieser Gesichtsausdruck und ihre gekrümmte Haltung geben mir meine Kaltblütigkeit zurück. Ein alter Reflex: Ich bin wieder Arzt. Ich steige ab und binde Schuschka an einen biegsamen Ast, was den Vorteil hat, daß sie aufhört zu beißen und |74|daß sich die Pferde wieder beruhigen. Ich nähere mich Pussy. Auch bei ihr kommt es zu einem Reflex der Angst. Zu meinem Glück ist der Revolver außerhalb der Reichweite ihrer linken Hand, dennoch will sie danach greifen, ihr rechter Arm folgt der Bewegung, sie stößt einen Schrei aus und krümmt sich vor Schmerz; ihr Gesicht ist leichenblaß, sie beißt sich auf die Lippen. Trotzdem verliert sie nicht das Bewußtsein und schreit mit sich überschlagender Stimme: »Rühren Sie mich nicht an!«

»Reden Sie keinen Unsinn«, sage ich und knie mich neben sie. »Ich bin Arzt. Zeigen Sie mir Ihren Ellbogen.«

Hinter meinem Rücken höre ich, wie Stien Jackie (die den Revolver wieder eingesteckt hat) heftige Vorwürfe macht und fast die gleichen an Jess richtet. Ich lockere Pussys Hand, die sich um ihren Ellbogen krampft, und taste mit größter Behutsamkeit durch die Uniformjacke nach dem Gelenk. Eine einfache Verrenkung, scheint mir, doch muß man sicherheitshalber eine Röntgenaufnahme anfertigen lassen. Da sie keine Anstalten macht aufzustehen, vermute ich, daß sie sich außerdem den Fuß verstaucht hat. In diesem Moment sehe ich meiner Patientin ins Gesicht. Pussy blickt mich an. Ein seltsamer Blick: Furcht, Widerwille, Entsetzen, alles ist darin enthalten. Wie enttäuschend. Sogar ein Hund wäre dankbar.

Ich erhebe mich und gehe auf Jackie zu. Der Zusammenstoß mit Stien hat sie beruhigt. Oder war es Stiens Alter, sein graues Haar? War es die Ruhe von Jess? Oder die Tatsache, daß ich Pussy weder erwürgt noch vergewaltigt habe, wie man es hätte erwarten können?

Als ich mich Jackie nähere, wendet sie sich mit verhaltener Wut an Jess.

»Und behaupten Sie nicht, Sie hätten nicht gewußt, daß der Weg verboten ist. Prof. Stienemeier hat es Ihnen gesagt! Ich habe es gehört!«

Ich wechsle mit Stien einen Blick. Sie hat dreißig Meter hinter uns »gehört«? Mit eigenen Ohren oder mit diesen verdammten Abhörgeräten? Deshalb also unter anderem die »Kosakengarde«! Krampfhaft versuche ich, mich an die vorausgegangenen Ausflüge zu erinnern, doch außer ein paar zweideutigen Scherzen über Pussy fällt mir nichts ein, was uns zur Last gelegt werden könnte. Doch muß sie alles für bare Münze genommen haben, weil sie uns solchen Haß entgegenbringt.

|75|Jackie fängt den Blick auf, begreift, daß sie einen Schnitzer1 gemacht hat, und wird rot, was durchaus zu ihr paßt. Sie ist ein großes, schönes Mädchen mit einem offenen, gut geschnittenen Gesicht, Typ Ingrid Bergmann, und sie ist weit davon entfernt, so unmenschlich zu sein, wie ihre kalten Augen und ihr eisiges Schweigen auf den ersten Blick vermuten lassen. Sie ist vom Feind auf offenem Gelände überrascht worden, und sie spricht mit ihm, sieht ihn an. Stien hat sie in eine Diskussion verwickelt: sind wir nun Wissenschaftler oder sind wir Kriegsgefangene? Sind Sie da, uns zu beschützen, oder sollen Sie auf uns schießen? Jackie versucht, sich zu rechtfertigen, verliert die Fassung und gleichzeitig die Kontrolle über die Situation.

Als ich näher komme, um mit ihr über Pussy zu sprechen, stelle ich fest, daß ihr Blick seine Härte verloren hat. Mein Kopf befindet sich in Höhe ihres Knies, und obwohl ein solcher Gedanke in solcher Situation unangebracht ist, kommt es mir in den Sinn, daß ich das Mädchen ohne Nebengedanken streicheln möchte – wenn es auf diesem Gebiet ohne Nebengedanken geht, was ich bezweifle. Der besondere Haß, von dem Ruth Jettison in ihrer Predigt sprach, ist wohl nicht meine Stärke.

»Wir müssen umkehren«, sage ich. »Pussy hat sich den Arm verrenkt, wir müssen sofort etwas unternehmen. Jess und ich werden sie auf ihr Pferd setzen. Ich hoffe, daß sie sich halten kann. Ich schlage vor, Stien und Sie nehmen Pussy in die Mitte, um einen Sturz zu verhindern. Jess und ich reiten voraus.«

»Okay«, sagt Jackie.

Pussys Wallach einzufangen ist nicht einfach. Pussy draufzusetzen ebensowenig. Als wir es geschafft haben, bittet mich Stien, seinen Hut aufzuheben. »Sie wissen, Ralph, wie schwer es mir fällt, wieder auf diesen Gaul zu steigen, wenn ich abgesessen bin.«

Ich suche den Tirolerhut und finde dabei im Gras Pussys Karabiner, den die Kosakengarde in dem Durcheinander fast vergessen hätte. Ich hebe ihn auf und halte ihn lächelnd, mit dem Lauf nach vorn, Jackie hin, die ihn verwirrt entgegennimmt. |76|Ich möchte Pussy zu verstehen geben, daß ich sie vor dem Kriegsgericht bewahre, doch habe ich nicht das Herz dazu. Ihr rechter Fuß ist nicht im Steigbügel, der rechte Arm in Magenhöhe angewinkelt, ihre Hand krallt sich in die Uniform. Sie ist sehr blaß, und das Schaukeln des Wallachs auf der fünf oder sechs Kilometer langen Strecke wird ihren Zustand nicht gerade lindern.

»Meinen Hut«, sagt Stien.

Zerstreut reiche ich ihm den Hut, und plötzlich fängt er an zu toben. Alle außer Pussy, die sich in ihrem Sattel keine Extratouren erlauben kann, drehen sich zu ihm um. Stien schwenkt seinen Tirolerhut, in dem zwei Löcher sind: Pussys verirrte Kugel.

Stien lenkt sein Pferd zu Pussy und zeigt ihr in stummer Wut ihr Werk. Pussy, die alle Mühe hat, nicht in Ohnmacht zu fallen, sagt nichts. Ebenso schnell, wie Stien aufgebraust war, fängt er sich und wird ruhig. Dann läßt er Myrta eine halbe Wendung machen, kommt an Jackies Seite und sagt unwirsch zu ihr:

»Ich bin der Meinung, daß wir außer Pussys Sturz, der Spuren hinterlassen hat, und dem versehentlichen Schuß (er betont das Wort »versehentlich«) den Zwischenfall verschweigen. Was mich betrifft, werde ich keine Meldung erstatten. Was Sie tun, müssen Sie selbst wissen.«

Ich sehe ihn an. Unter seinen faltigen Lidern blitzt es kurz auf. Ganz offensichtlich hat die Kosakengarde ihre Befugnisse überschritten. Und von unserer Seite ist Jess nachweislich im Unrecht. Der alte Stien ist im Begriff, mit dem Feind einen Kompromiß zu schließen. Schweigen gegen Schweigen. Er versucht, unsere Ausflüge für die Zukunft zu retten und die Milizionärinnen in eine stillschweigende Komplizenschaft hineinzuziehen.

Die Mädchen schweigen. Die eine, weil sie Schmerzen hat, die andere, weil sie völlig durcheinander ist, wie ich annehme. Doch einige Wochen später sollte ich meine Meinung über Jackie ändern.