Meine Enthüllungen lösten eine Lawine aus. Eine Woche später stellte der Kongreß der Vereinigten Staaten die Präsidentin Bedford unter Anklage.
Ich beanspruche den damit verbundenen Ruhm nicht. Meine Verdienste sind bescheiden: ich habe eine Forschungsgruppe geleitet, die das Serum gegen die Enzephalitis 16 entwickelt hat. Ansonsten war ich ein Werkzeug in den Händen des Wir. Ein Werkzeug mit beschränkter Handlungsfähigkeit, das laut Burage bei der Ausführung von Anordnungen ein gewisses Maß an Initiative entfaltet.
Ich war im übrigen nur das Kernstück der Enthüllungen, die Bedfords Sturz herbeiführten. Ich sagte aus, daß Bedford mit Helsingforth ausgehandelt hatte, mein Serum nicht zu verwenden, obwohl sie sich den Anschein gab, meine Forschungsarbeit zu subventionieren.
Meine Aussage hätte kein solches Gewicht gehabt, wenn sie nicht von Mrs. Barrow im kanadischen Fernsehen bekräftigt worden wäre. Mrs. Barrow gab einen Überblick über die Gespräche zwischen Helsingforth und Mr. Barrow, die nicht nur das Komplott gegen mein Serum, sondern auch gegen meine Person bestätigten.
Jespersen – der von dem Moment an, da er sich in den Händen des Wir und unversehrt in Kanada befand, dem Bedfordismus abschwor – ging bereitwillig darauf ein, öffentlich die Ziele des von ihm geleiteten Projekts darzulegen: das Caladium seguinum geruchlos, farblos und geschmacklos zu machen.
Seine Selbstkritik erfolgte im Rahmen einer Pressekonferenz im kanadischen Fernsehen: die Journalistenmeute fiel heftig über Jespersen her. Er setzte sich ziemlich lau zur Wehr, doch gerade diese Lauheit verlieh seiner Verteidigung eine gewisse Glaubwürdigkeit. Jespersen sagte, er habe keine klare Vorstellung davon gehabt, welchen Gebrauch die Bedford-Administration von seinen Erfindungen machen könnte. Er machte den Eindruck |331|eines guten Chemikers, der nicht über sein Fachgebiet hinausblicken wollte und der aus persönlicher Bequemlichkeit oder aus geistiger Trägheit zwischen der Wissenschaft und seinem Gewissen einen endgültigen Trennungsstrich gezogen hatte.
Das Wir präsentierte dem kanadischen Fernsehen schließlich seine sensationellste Zeugin: Alina Murdock, Beraterin der Präsidentin im Weißen Haus, achtundzwanzig Jahre alt, ledig. Anhand von Fotokopien und Tonbändern enthüllte sie in allen Einzelheiten die finanzielle Transaktion, in deren Rahmen sich Helsingforth gegenüber der Präsidentin verpflichtet hatte, auf die Produktion des Serums gegen die Enzephalitis 16 zu verzichten.
Diese Aussage beeindruckte die internationale Öffentlichkeit überaus stark: sie rückte alle Elemente dieses Puzzlespiels auf ihren Platz, so daß ein unwiderlegbar klares Bild entstand. Im Namen einer heruntergekommenen Philosophie hatte die Bedford-Administration eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die sämtlich auf die Ausrottung oder, was auf das gleiche hinausläuft, auf die Schutzlosigkeit der männlichen Bevölkerung der Vereinigten Staaten zielten.
Ich nahm an, daß auch Jackie aufgefordert würde auszusagen, und sei es nur über Helsingforths Versuch, mich zu ermorden. Aber das geschah nicht. Burage erklärte mir, das Wir habe entschieden, sowohl über meine persönlichen Beziehungen zu Helsingforth als auch über ihr und Audreys Schicksal Schweigen zu bewahren. Vermutlich war das Wir der Ansicht, daß auf Caesars Frau – in diesem Falle auf mich – kein Verdacht fallen dürfe und daß mein festgelegtes Image unter der Gewalttätigkeit und Erotik dieser Episode zu sehr leiden würde.1
Schließlich muß hervorgehoben werden, daß die Anti-Bedford-Operation ohne die tatkräftige Unterstützung der Behörden von Ottawa unmöglich gewesen wäre.
Das Wir unterhielt schon seit langem enge Beziehungen zu Präsidentin Colette Lagrafeuille, deren ungewöhnlichen, romantischen Briefwechsel mit dem französischen Präsidenten |332|Anita mir geschildert hatte und die ebenso wie ihr Briefpartner eine außergewöhnliche Persönlichkeit war. Schon was ihre Größe anbetraf. Wohl selten ist das französische Wort »petite«, in dem soviel Weibliches mitschwingt, zugleich aber auch Zärtlichkeit zum Ausdruck kommt, treffender verwendet worden, um ein menschliches Wesen zu charakterisieren. Die Frankokanadier, die der Präsidentin dankbar sind, einen »heimatlichen« Namen zu tragen, nannten sie nicht ohne Herzlichkeit »die kleine Lagrafeuille«. Ohne Absätze – und die ihren waren alles andere als niedrig – war sie kaum größer als eins fünfzig. Aber sie hatte eine so gute Figur und war so wohlproportioniert, daß sie viel »vollendeter« wirkte als die ausnahmslos größeren Personen ihrer Umgebung. Als ich ihr vorgestellt wurde – ich sah sie dann mehrere Male, weil sie mich wegen geringfügiger neurologischer Störungen konsultierte –, war ich von der Feinheit ihrer Haut und der Schönheit ihres gleichzeitig matten und frischen Teints sehr beeindruckt. Sie hatte eine kaum klassisch zu nennende Nase mit breiten Flügeln und nach oben gebogener Spitze, die ihrem Gesicht, ohne es zu verunzieren, einen mutwilligen Ausdruck verlieh. Und schließlich – ich komme mit dem Besten zu guter Letzt – überaus anziehende schwarze Augen, deren Kurzsichtigkeit – sie trug fast niemals eine Brille – einen zusätzlichen Reiz bildete.
Lagrafeuille war eine Lib, der Bedfords Fanatismus völlig fernlag. Und ihre Analyse über die Beziehungen der beiden Geschlechter unterschied sich wesentlich von der einer Deborah Grimm. Sie sagte, daß die Misogynie der Männer ein universelles, zwar oberflächliches, aber dennoch schwer auszurottendes Vorurteil sei, insofern als sie eine zivilisatorische Erscheinung und keine rationale Haltung darstelle. Es bestehe also kein Anlaß, die Männer für ihren Sexismus verantwortlich zu machen: er sei ihnen von einer bestimmten Art der Zivilisation aufgepfropft worden und beherrsche ihr Verhalten meistens wider besseres Wissen. Es sei folglich purer Wahnsinn, die Frauenfeindlichkeit mit Männerfeindlichkeit Bedfordscher Prägung zu beantworten. Es gehe nicht darum, den Mann zu hassen, sondern ihn umzuerziehen. Mend, not end1, sagte Lagrafeuille, die selbst große Freundschaft und Respekt für die |333|menschliche Gattung, den Mann inbegriffen, empfand und sich schaudernd »den parthenischen, unisexuellen Zustand« ausmalte, den Bedford herbeisehnte.
Diese »kleine Lagrafeuille« besaß großen Mut. Als mit ihrer aktiven Beteiligung der Martinelli-Skandal ausbrach, reagierte sie sehr entschlossen auf den Druck und die Drohungen ihres mächtigen Nachbarn. Gleich nach meinem ersten Interview im kanadischen Fernsehen schoß Bedford in der Tat aus allen Rohren. Die ihr hörigen Massenmedien stellten mich sofort als ein skrupelloses Individuum dar, das nicht nur der Firma Helsingforth ein Serum gestohlen hatte, sondern auch die gemeinsten Verleumdungen über das Weiße Haus verbreitete, den guten Ruf des von ihm betrogenen Unternehmers schädigte und wahrscheinlich an seinem Verschwinden mitschuldig war. Gleichzeitig verlangte Bedford meine Auslieferung, ebenso die von Mrs. Barrow, Jespersen und Alina Murdock. Da sie ihr Ziel nicht erreichte, berief sie ihren Botschafter ab, drohte Lagrafeuille mit einer Wirtschaftsblockade und mit militärischen Repressalien.
In Wirklichkeit hätte sie zu jenem Zeitpunkt eine klassische militärische Operation gegen Kanada nicht ohne weiteres in die Wege leiten können. Sobald meine Enthüllungen der Öffentlichkeit vorlagen, wurden sie von den illegalen Sendern aufgegriffen, die das Wir auf dem Territorium der Vereinigten Staaten installiert hatte, und durch Millionen Flugblätter und Broschüren verbreitet. Gleichzeitig ergriffen die Anti-Bedford-Guerillas überall die Initiative und zwangen den weiblichen Regierungsmilizen, in denen die Desertionen anstiegen, Verteidigungsgefechte auf.
Trotzdem waren angesichts der zunehmend kriegerischen und hysterischen Erklärungen Bedfords, die sie in der Woche vor der gegen sie erhobenen Anklage abgab, verheerende Repressalien zu befürchten. In dieser Situation hielt Präsident Defromont in Paris eine Pressekonferenz ab, auf der er unter Hinweis auf die schwere Bedrohung Kandas ankündigte, daß französische Atom-U-Boote in der Nähe der kanadischen Küste kreuzen würden und daß Frankreich – nach seiner Formulierung – »nicht tatenlos zusehen« könne, falls sein Verbündeter angegriffen würde.
Die pro-bedfordistische Presse warf den Franzosen ein weiteres Mal Prahlerei, Größenwahn und pro-kanadischen Chauvinismus |334|vor; auch daß sie sich ständig im Namen des Weltgewissens in fremde Angelgenheiten einmischten. Doch in der übrigen Welt empfand man eine gewisse Erleichterung. In England, dessen Außenpolitik seit dem letzten Weltkrieg völlig den Vereinigten Staaten untergeordnet war, faßte ein Leitartikel der Times die allgemeine Stimmung zusammen. So unerträglich auch die Arroganz des französischen Präsidenten, dieses »Königs von Frankreich, der sich für Gottvater hält«, zuweilen sei, hieß es darin, müsse man ihm in diesem Fall dankbar sein, daß er »ins Fettnäpfchen getreten ist«. Hinter dieser saloppen Formulierung steckte eine dringliche Demarche des britischen Premiers bei Bedford, keinerlei militärische Initiative gegenüber einem Mitglied des Commonwealth zu ergreifen.
Glücklicherweise wurden Befürchtungen dieser Art dadurch hinfällig, daß Bedford sich vor dem Senat der Vereinigten Staaten verantworten mußte, der als Hoher Gerichtshof unter Vorsitz des Präsidenten des Obersten Gerichts zusammentrat. Denn obwohl Bedford weiterhin alle Vorrechte der Exekutive für sich in Anspruch nahm, war ihre moralische Integrität offensichtlich zu sehr angeschlagen und ihre politische Macht zu sehr gelähmt, als daß sie in der Außenpolitik gegenüber ihrem nördlichen Nachbarn eine folgenschwere Initiative hätte ergreifen können.
Da sich der Prozeß aller Wahrscheinlichkeit nach in die Länge ziehen würde, bereitete ich mich auf einen langen Aufenthalt in Ottawa vor. Dazu kam es nicht, aber ich hatte indessen die Genugtuung, mitzuerleben, daß unser Serum industriell hergestellt und mit den ersten Impfungen begonnen wurde. Im allgemeinen glaubt man, daß die Epidemie in einem Land unter Kontrolle ist, wenn 30 Prozent der Einwohner geimpft sind. Mir war die Geringfügigkeit dieses prozentualen Anteils immer höchst erstaunlich vorgekommen, doch erwies er sich auch in diesem Falle als zutreffend. In Kanada sanken die von der Enzephalitis 16 verursachten Todesfälle in dem Maße, in dem man sich den schicksalhaften 30 Prozent näherte. Und nachdem diese Schwelle erst einmal überschritten war, sank die Zahl der täglichen Fälle zur Bedeutungslosigkeit herab.
Diese Nachrichten wurden von den illegalen Sendern des Wir in den Vereinigten Staaten verbreitet und lösten einen heftigen Sturm gegen Bedford aus. In normalen Zeiten hätte sich der |335|Zorn der öffentlichen Meinung ohne Zweifel zum großen Teil in der Presse entladen, doch war diese immer noch Bedfords Ausnahmeregelungen unterworfen und legte eine Zurückhaltung an den Tag, die ihrer Tradition nur sehr wenig entsprach. Infolgedessen wurde die Gewalt zum einzigen Ausdrucksmittel der Massen, die in den amerikanischen Städten auf die Straßen und Plätze gingen, um die Einfuhr des kanadischen Serums und Bedfords Rücktritt zu fordern.
Erneut bewiesen die Ereignisse, daß eine Demonstration nur dann Menschenleben kostet, wenn man sich bewaffneter Polizei gegenübersieht. In den meisten amerikanischen Städten hatten die Unruhen zwar materielle Schäden, aber kein Blutvergießen zur Folge, weil die weiblichen Milizeinheiten zu sehr damit beschäftigt waren, gegen die Guerillas auf dem Lande zu kämpfen, und außerstande waren, in den städtischen Zentren einzugreifen. Dagegen artete die Manifestation in Washington, wo Bedford Truppen zu ihrem Schutz zusammengezogen hatte, in einen Aufstand aus und der Aufstand in eine regelrechte Schlacht. Auf örtlicher Ebene entstand ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, der auf beiden Seiten zu Grausamkeiten führte.
Die anfangs passive farbige Bevölkerung, die in Washington weitaus in der Überzahl ist, erhob sich schlagartig am fünften Tag und wälzte sich durch die Stadt. Es waren Gerüchte in Umlauf, daß Bedford sich angesichts der Opposition im Senat geschlagen geben und in Kürze heimlich das Martinelli-Serum einführen werde, das allerdings den Weißen vorbehalten bleiben solle. Betreffs der Farbigen habe Bedford verfügt, die Unternehmer sollten ihnen das Caladium seguinum in seinem farblosen und geschmacklosen Zustand, wie es ein Wissenschaftler gerade entwickelt hatte, ohne ihr Wissen am Arbeitsplatz verabreichen.
Diese »Nachrichten« entbehrten, wie ich später erfuhr, jeglicher Grundlage, und das Wir war in keiner Weise für ihre Verbreitung verantwortlich. Sie tauchten bei den Farbigen spontan auf, infolge der moralischen Überhitzung, deren Ursache die angespannte Situation und das jahrhundertealte Gefühl der Unsicherheit war. Bezeichnenderweise hatte es auf dem Höhepunkt der Epidemie in der Mehrzahl der Bundesstaaten eine Art Waffenstillstand zwischen Farbigen und Weißen gegeben. Aber dieser Waffenstillstand fand sein Ende, sobald die Rede davon war, die Krankheit zu bekämpfen. Noch bevor das Serum in den |336|Vereinigten Staaten auftauchte, fühlten sich die Farbigen bereits von seiner Verwendung ausgeschlossen.
Aus einem Reflex, den man als rassistisch bezeichnen muß, beging der Chef der weiblichen Milizeinheiten in Washington, Evelyn B. Cropper, einen enormen Fehler. Sie konzentrierte das Gros ihrer Truppen dort, wo sie glaubte, den Vormarsch der Farbigen stoppen zu müssen, die zwar zahlreich, aber unbewaffnet waren. Auf diese Weise entblößte sie die Front gegen die weißen Guerillas, die in Hülle und Fülle mit Maschinenpistolen, Granaten und Bazookas ausgerüstet waren. Sehr bald erkannten die weißen Guerillas ihre Chance, griffen überall die gelichteten Truppen an und besetzten nach wenigen Stunden heftiger Kämpfe den Garten des Weißen Hauses.
Als sie dort die Lage kontrollierten, ließ ihr Kampfeseifer nach. Sie wagten nicht, in die Residenz einzudringen, mit der so viele ruhmvolle Erinnerungen verbunden waren, und sie verharrten in Schweigen, sichtlicher Verlegenheit und einer fast religiösen Ehrfucht. Da sie schließlich mit ihrem Sieg nichts anzufangen wußten und keineswegs die Absicht hatten, die Regierung der Vereinigten Staaten mit Gewalt zu stürzen, und noch weniger, die Präsidentin zu behelligen, ersuchten sie Bedford, eine Abordnung aus ihren Reihen zu empfangen.
Bedford saß unbewegt bei geschlossenen Fenstern und Türen im ovalen Salon. Sie verlangte, daß man ihr im voraus eine Liste der Abgesandten übermittelte. In erstaunlichem Respekt vor dem Protokoll kamen die Aufständischen dieser Forderung nach. Als Bedford die Liste ausgehändigt wurde, die bereits durch viele Hände gegangen war, sah sie sie aufmerksam durch. Die Liste enthielt fünf Namen. Die ersten vier waren weiblich. Der fünfte war der eines Mannes. Bedford fragte, ob es sich um einen A handelte, und nachdem sie die verneinende Antwort erhalten hatte, wurde sie bleich vor Wut und lehnte es kurzerhand ab, die Abordnung zu empfangen.
Was dann geschah, war nur zu gut vorauszusehen. Das Weiße Haus wurde gestürmt, die wenigen Milizionärinnen, die es verteidigten, wurden getötet, die Türen wurden eingerannt, Bedford flüchtete von Zimmer zu Zimmer. In dem einsetzenden Durcheinander stürzte die Präsidentin aus dem Fenster, ohne daß man genau erfuhr, ob es Mord oder Selbstmord oder ein Unfall war.
Bedford war ein Jahr zuvor zur Vizepräsidentin gewählt |337|worden und nach Shermans Tod auf den Präsidentenstuhl gelangt. In Übereinstimmung mit der Verfassung trat nach Bedfords Tod die Senatspräsidentin ihre Nachfolge an.
Diese Frau, die jetzt die Führung eines so mächtigen Staates übernahm, war der breiten Öffentlichkeit fast unbekannt. Sie hieß Elizabeth Hope. Sie war geschieden, hatte wieder geheiratet und ihren Mann im ersten Monat der Epidemie verloren; sie war achtundvierzig Jahre alt, zog vier Kinder aus beiden Ehen auf und hatte, bevor sie Senatorin geworden war, erfolgreich einen Betrieb für Damenkonfektion geleitet.
An dem Tag, als die neue Präsidentin der Vereinigten Staaten ihren Eid leistete, bestieg die kleine Gruppe der Emigranten aus Ottawa die Maschine nach Washington. Burage, Barrow und Jackie waren außer sich vor Freude. Ihr gefährlicher und mutiger Kampf endete mit einem Triumph. Ein neues Leben begann für sie und die Vereinigten Staaten: Elizabeth Hope, erklärter, aber nach außen zurückhaltender Chef der Anti-Bedford-Opposition im Senat, war in der Illegalität eine der nationalen Führerinnen des Wir gewesen.
Obwohl mein Privatleben im Vergleich zu diesen großen Ereignissen kaum von Bedeutung ist, möchte ich trotzdem ein paar Worte darüber verlieren, denn mir ging es wie Millionen anderer Überlebender in den USA: die Machtübernahme des Wir brachte mein tägliches Leben völlig durcheinander, wenn auch in gänzlich anderer Form, als Bedford es getan hatte.
Einen Vorgeschmack dessen, was mich erwartete, bekam ich während der ersten Nacht nach meiner Flucht in Ottawa zu spüren. Um zwei Uhr morgens stellte man uns in einem außerhalb der Stadt gelegenen Hotel, dessen Park mit Wachtposten gespickt war, zwei durch ein Bad voneinander getrennte Zweibettzimmer zur Verfügung. Als wohlerzogener Amerikaner machte ich den Vorschlag, eines der Zimmer mit Dave zu teilen und das andere Jackie und Burage zu überlassen. Die beiden Frauen lächelten und sahen einander mit wissendem und überlegenem Gesichtsausdruck an, so als ob sie aus Höflichkeit über das Heuchlerische meines Vorschlags hinwegsehen wollten. Dann sagte Jackie kategorisch: »Kommt nicht in Frage. Ich habe Dave noch nicht alles erzählt. Ich teile mit ihm das eine Zimmer und Sie mit Burage das andere.«
|338|Was auch geschah. Gott allein weiß, wie ich auf diesen Augenblick gewartet hatte. Und jetzt war er da, und ich fühlte mich zu abgespannt, um die Freude daran zu genießen. Sobald wir allein waren, warf mir Burage einen Blick zu, einen einzigen, und traf mit bewunderungswürdiger Kaltblütigkeit eine realistische Entscheidung: sie nahm den Hörer ab und bat den Nachtportier, uns um sechs Uhr morgens zu wecken.
»Bis dahin will ich das arme Tier schlafen lassen«, sagte sie, während sie auflegte und mich zärtlich ansah.
Eine Woche verging. Eine Woche, in der mir die Tage lang und die Nächte kurz erschienen. Heute muß ich lächeln, wenn ich an meine damalige geistige Verfassung zurückdenke. Ich hatte etliche Niederlagen und Widrigkeiten erfahren, und jetzt hatte ich Burage gefunden, die alles zu bieten hatte, was sich ein Mann »in jeglicher Hinsicht« nur wünschen konnte. Außerdem mochte David sie, Burage fand ihm gegenüber den richtigen Ton, sie war mütterlich und umsichtig. Kurzum, Burage, Dave und ich segelten im gleichen Boot bei gutem Wind dem fernen Horizont entgegen. Glück zu dritt, eine »Minifamilie«, eine kleine Insel des Friedens im allgemeinen Chaos.
Am dritten Abend, als Burages Kopf post amorem an meiner Schulter ruht, sage ich zu ihr: »Ich nehme an, daß Anita keine Schwierigkeiten machen und in die Scheidung einwilligen wird?«
»Willst du sie darum bitten?«
»So bald wie möglich. Wundert dich das?«
»Es wundert mich nicht.« Nach einer Pause fährt sie fort: »Aber ich sehe keinen Sinn darin.«
Ich rücke von ihr ab, stütze mich auf den Ellbogen, sehe Burage an und frage tonlos: »Liebst du mich nicht genug, um mich zu heiraten?«
»Ich liebe dich. Punktum.«
»Aber nicht genug, um mich zu heiraten?«
»Das hat nichts damit zu tun.«
Schweigen. Ich fahre fort:
»Mir scheint, wenn man jemand liebt, hat man den Wunsch, mit ihm zusammen zu leben.«
»Aber damit rechne ich doch fest«, sagt Burage und sieht mich mutwillig an.
»Ohne mich zu heiraten?«
»Warum?«
»Sieh mal, Ralph, die traditionelle monogame Ehe ist eine völlig überholte Institution.«
Ob es sich so verhält oder nicht, ich weiß es nicht. Aber ich mag solche Diskussionen nicht. Unsicherer Boden. Sumpfig. Schlammiges Gelände, in dem man sich stundenlang verlieren kann. Ich verlasse diesen dialektischen Morast so schnell wie möglich und halte mich an das Konkrete.
»Was passiert, wenn wir ein Kind bekommen?«
»Was wird mit Jackies Kind passieren?«
Ich sehe sie sprachlos an. Wie konnte ich es nur vergessen? Sie erzählen sich alles! Nur vor mir wird alles verborgen! Wie vor einem Kind … Wie das Kind, das ich Jackie gemacht habe oder, besser gesagt, das sie sich von mir hat machen lassen. Denn immerhin, man sollte meinen Anteil an Initiative im Verlauf jener Gewitternacht nicht übertreiben …
»Ich weiß nicht«, antworte ich verlegen. Ich habe sie nicht danach gefragt.«
»Was auch mit meinem Kind passieren wird«, sagt Burage. »Ich werde ihm meinen Namen geben und es erziehen.«
»Ohne meine Hilfe?«
»Mit deiner freiwilligen Hilfe, wenn du es wünschst und solange wir zusammen leben.«
»Und wenn du mich verläßt?«
Eine unerwartete Reaktion: Burage bedeckt meinen Nacken mit vielen kleinen zärtlichen Küssen.
»Oh, wie lieb du bist, Ralph! Du denkst nicht einmal daran, daß du es sein könntest, der mich verläßt.«
Ich schließe sie in meine Arme. Ich bin von ihr gerührt, dann von mir selbst. Dann weiß ich nicht mehr so recht, über wen von uns beiden. Gut. Zerbrechen wir uns nicht den Kopf darüber. Lassen wir diesen Engel vorüberziehen. Hoffen wir, daß sich seine himmelblauen Flügel recht oft zwischen ihr und mir zeigen. Ich sehe Burage voller Dankbarkeit an. Da ist wenigstens jemand, der meine guten Eigenschaften zu schätzen weiß. Nicht wie Anita. Bei Anita braucht man nur ein bißchen an ihrem Charme zu kratzen, und schon kommt die Härte zum Vorschein. Das sieht man jemand schon an der Nasenspitze an. Anitas feine, leicht gebogene, ein wenig spitze und wie sie selbst sagt |340|»fein ziselierte« Nase schien mir immer mit einer gewissen Frostigkeit zusammenzuhängen. Wieviel beruhigender dagegen Burages runde Nase oder Colette Lagrafeuilles Stupsnase.
»Nun gut, wenn wir uns trennen, ist eins sicher«, fährt Burage fort. »Ich werde allein und ohne Hilfe die Erziehung des Kindes übernehmen.«
»Also keine Alimente?«
»Absolut nicht. Eine Frau erniedrigt sich, wenn sie darauf eingeht, von einem Mann finanziell abhängig zu sein. Sie muß sich durch ihre Arbeit selbst zu helfen wissen.«
»Und das Umgangsrecht?«
»… ist kein Recht«, sagt sie lebhaft, »und ist nicht an die Zahlung eines Unterhaltsbeitrages gebunden. Das ist eine Abmachung zwischen uns.«
Schweigen. Ich sage:
»Mir scheint aber doch, als würde ich derjenige von uns beiden sein, der für unmündig und unzurechnungsfähig erklärt wird. Ich hätte mit dir ein Kind, aber keinerlei Verpflichtungen ihm gegenüber.«
»Und auch keine Rechte.«
»Ich wäre ihm also fremd?«
»Keineswegs. Du kümmerst dich um das Kind, solange du es wünschst. Du büßt lediglich eine zweifache Vormundschaft ein: die über deine Frau und die über dein Kind.«
»Willst du damit sagen«, frage ich aufgebracht, »daß die Macht völlig in die Hände der Mutter übergeht?«
»Ja«.
Kein lakonisches, aber ein entschlossenes Ja.
»Dann haben wir also ein Matriarchat?«
»Ja.«
Nachdem ich die beiden Ja verdaut habe, fahre ich fort: »Aber wird nicht von vornherein zwischen Mann und Frau wieder eine gewisse Ungleichheit, bloß umgekehrt, geschaffen?«
»Ja«, sagt Burage aufrichtig, »das stimmt. Eine gewisse Ungerechtigkeit ist vorhanden. Und wir haben oft darüber diskutiert. Aber was tun? Wir glauben alle, daß dieser Preis für die Befreiung der Frau gezahlt werden muß.«
»Wie bequem«, sagte ich, »und wie einfach, ein Unrecht hinzunehmen, wenn man der Nutznießer ist …«
Burage antwortet nicht. Ich kann nicht sagen, ob sie beschlossen |341|hat, mir »das letzte Wort« zu lassen, oder ob sie es überhaupt vorzieht, sich gegenüber meinen Einwänden taub zu stellen. Wenn es sich tatsächlich um Taubheit handelt, muß ich darin leider eine durch und durch männliche Taktik erkennen: eine höfliche Ablehnung oder, schlimmer noch, die amüsierte Duldsamkeit des Mannes gegenüber den jahrhundertealten Forderungen des zweiten Geschlechts.
Das ist aber noch nicht alles. In Ottawa erlebe ich in meinem Privatleben eine Überraschung nach der anderen, während Bedford noch nicht unter Anklage steht und das Wir in den Vereinigten Staaten noch nicht an der Macht ist.
Am achten Tag bin ich bis spät in den Abend hinein beschäftigt. Ich rufe im Hotel an, damit das Dreigespann nicht mit dem Abendbrot auf mich wartet, und als ich endlich in mein Zimmer komme, ist das Licht aus und die Tür unverschlossen. Ich will Burage nicht wecken. Ich mache kein Licht und gehe ins Bad, um mich auszuziehen und mich zu duschen. Danach gehe ich, ebenfalls ohne Licht zu machen, an mein Bett und suche meinen Pyjama. Ohne Erfolg. Die Zimmerfrauen dieses Hotels entfalten einen bemerkenswerten Einfallsreichtum, Gegenstände dieser Art zu verlegen.
Ich drücke auf den Knopf meiner kleinen Nachttischlampe, und was ich da zu Gesicht bekomme, läßt mich meine Suche vergessen. Aus dem Doppelbett tauchen blonde Haare zwischen den Kissen auf. Sofort erkenne ich die Farbe und den Schnitt.
»Jackie!« rufe ich.
Sie hebt den Kopf, blinzelt, und ihre erste Reaktion ist – darauf hätte ich wetten können – ein Lachen. Dieses Mädchen hat eine glückliche Natur.
»Jackie! Was machen Sie denn hier!«
Sie lacht wieder.
»Ach, Ralph!« sagt sie. »Was für ein Gesicht Sie machen! Wie komisch Sie aussehen! Ein nackter Mann sollte nicht obendrein erstaunt dreinblicken. Diese Kombination ist unwiderstehlich!«
»Jackie, wo ist Burage?«
»Na, nebenan. Wo sonst?«
»Mit Dave?«
»Nein. Dave hat jetzt ein eigenes Zimmer. Es hat ihm nicht gepaßt, sein Zimmer mit einer Frau teilen zu müssen.«
|342|Ich bin erleichtert. Ich bin vielleicht altmodisch, aber ich möchte nicht, daß Dave sich zu viele Fragen stellt.
»Aber das erklärt immer noch nicht, weshalb Sie hier sind.«
Sie lacht aus voller Kehle.
»Doktor, was für eine Frage! Sie werden mit Ihrem Studium noch einmal von vorn anfangen müssen! Schließlich ist es ja nicht die erste Nacht, die wir zusammen verbringen.«
»Und Burage?« frage ich. »Ist sie einverstanden …«
»Aber sicher!« ruft Jackie aus. »Ralph! In welchem Jahrhundert leben Sie denn? Ich wette, Sie bringen die Situation mit Ehebruch in Zusammenhang! Und warum nicht gar mit Sünde, in Ihrem Fall? Ralph, Sie sollten sich schämen! Sie haben noch die alten monogamen Flausen im Kopf …«
Gefoppt, verspottet, geschulmeistert und, warum soll ich es nicht aussprechen, enttäuscht, verzichte ich auf meinen Pyjama – was soll es noch? – und verkrieche mich in meinem Bett, in das mir Jackie bald mit einem Satz folgt. Ja, enttäuscht. Oh, ich kenne die Verführungen der Abwechslung genau, weil ich oft davon geträumt habe. Aber trotzdem, nicht jetzt! Während ich mich dem Rausch hingebe, Burage zu entdecken. Gewiß, Jackie ist ein schönes, gesundes Mädchen, aber sie ist völlig ohne Geheimnis. Sie marschiert zum Vergnügen wie der gute Soldat zum Geschütz. Und außerdem stört sie meine Flitterwochen mit Burage und all die erhofften Genüsse.
Am nächsten Morgen ist die frische, aufgelebte Jackie so nett, Dave schon recht früh zu einem Stadtbummel mitzunehmen, und während ich mich in unserem gemeinsamen Bad rasiere, erscheint Burage in einem schwarzgoldenen Morgenmantel, auf dem ihr mahagonifarbenes Haar wunderbar zur Wirkung kommt. Gibt es diese hübschen Sachen in Ottawa? Was für eine Eleganz für eine militante Lib! Aber warum auch nicht? Ich sehe Burage verliebt an, sie stellt sich neben mich und bürstet mit ihren hellen Armen energisch, systematisch und eifrig ihre füllige Mähne. Ich betrachte sie in dem Spiegel, der die Wand des Doppelbades bedeckt. Ein hübscher Anblick, den ich als archaisch bezeichnen würde, wenn ich nicht befürchten müßte, sexistischer Nostalgie beschuldigt zu werden. Was für ein Unterschied zu Jackies Verfahren, die pfeifend ihre kurzen Haare schnell überbürstet.
»Guten Morgen, Ralph«, sagte Burage aufgeräumt. »Hast du |343|gut geschlafen?« Ihr Ton ist sachlich, ohne die geringste Anzüglichkeit.
»Ich hätte besser geschlafen, wenn man mir nicht die Gefährtin ausgetauscht hätte, selbstverständlich ohne mein Wissen.«
Schwaches Lächeln, ohne Einbuße an Ausgeglichenheit.
»Entschuldige, Ralph, ich hatte gehofft, dir unsere Entscheidung persönlich mitteilen zu können. Aber du bist so spät zurückgekommen, und ich war todmüde. Ich hatte ein Beruhigungsmittel genommen.«
»Das ist es eben«, sage ich bitter. »Man teilt mir eine Entscheidung mit. Man trifft sie nicht mit mir.«
Jetzt wird sie lächelnd zum Angriff übergehen.
»Ralph, bist du nicht ein kleiner Heuchler? Schließlich gefällt dir Jackie. Du hast schon vor mir mit ihr geschlafen. In dieser berühmten kleinen Hütte.«
»Jackie hatte die Initiative ergriffen.«
»Das ist kindisch, Ralph! Es ist unwichtig, wer was gemacht hat! Das Resultat zählt.«
Schweigen.
»Aber Burage, ausgerechnet Jackie! Und mit deiner Zustimmung! Ich glaubte, du wärest eifersüchtig.«
»Ich, eifersüchtig?« fragt Burage.
Aber ihre Augen lachen, während sie das sagt. Die beiden Frauen machen sich über mich lustig, das steht fest. Neben ihnen komme ich mir unaussprechlich komisch, kindisch, rückständig und altmodisch vor. Ihre Geringschätzung ist lediglich durch Liebe etwas gedämpft. Denn man liebt mich ja auch, oh, ja! Dieser liebe, kleine Ralph, so naiv, so sentimental. Und immer bereit, seiner italienischen Männlichkeit Ehre zu machen. Italien hat eben auch seine guten Seiten.
Ich will es ebenfalls mit Ausgeglichenheit versuchen.
»Wenn ich mich recht erinnere, warst du in Blueville sehr eifersüchtig. Du machtest mir eine Szene nach der anderen.«
»Ach, Blueville!« sagt Burage. Sie legt ihre Haarbürste auf das Waschbecken. Ihre Gesichtszüge verändern sich. Ihre Stimme auch. »In Blueville war die Situation anders, Ralph. In Blueville hatten schließlich alle Anteil an dem ›armen Tier‹, nur ich nicht. Aber Bess! Jackie! Ach, ich werde Blueville nie vergessen können! Ich litt an einer unvorstellbaren sexuellen Frustration. Jede Nacht wälzte ich mich stundenlang in meinem |344|Bett herum und rief deinen Namen. Oh, Ralph, ich erinnere mich, wie ich meine Hände ins Laken krallte und mit leiser, wegen der Abhöranlage sehr leiser Stimme endlos wiederholte: schenk mir ein Kind, Ralph, schenk mir ein Kind!«
Ich bin von diesen Worten sehr gerührt. Ich schalte meinen Rasierapparat aus und lege ihn in meiner Zerstreuung in das Etui zurück, ohne ihn zu säubern. Ich sehe Burage an. Wundervolles Haar, blaue Augen, heller Teint, und nicht zu vergessen die runde, beruhigende Nase, und das alles über dem reizend gemusterten, schwarzgoldenen Morgenmantel. Ich spüre in mir einen starken Elan. Doch gerade in diesem Augenblick, als mir der Gedanke kommt, sie in die Arme zu schließen, ebbt meine Empfindung ab. Ich frage mich: habe ich an diesem Morgen das Recht, sie in die Arme zu nehmen? Da sie ja offensichtlich nicht an der Reihe ist, mit mir zu schlafen? Wie haben mich die beiden Frauen aufgeteilt? Jede eine Woche? Und habe ich in der Woche, in der ich der einen Frau verpflichtet bin, das Recht, die andere zu liebkosen?
Ich bekomme meine Verwirrung unter Kontrolle, hole meinen elektrischen Rasierapparat wieder heraus und säubere ihn.
»Burage, du hast gut reden. Ich kann nicht glauben, daß du mich leichten Herzens Jackie überläßt. Mir fällt übrigens auf, daß du gestern ein Beruhigungsmittel genommen hast, obwohl du dagegen bist.«
Sie hat wieder die Bürste in die Hand genommen, und ich mag zwar ein Mann sein, aber kein Idiot, denn ich weiß, daß sie mit dem Bürsten fertig ist.
»Glaubst du«, sagt sie schließlich mit leicht belegter Stimme, während sie im Spiegel meinem Blick ausweicht, »daß du durch solche Bemerkungen die Dinge sehr erleichterst?«
Kurzes, aber gewichtiges Schweigen. Ich möchte meinen Vorteil nicht mißbrauchen, aber trotzdem. Ich fahre mit sachlicher Stimme fort: »Wenn es dir nicht gefällt, warum machst du es dann?«
Sie preßt die Lippen zusammen, die Augen werden dunkel, das Haar kommt in Unordnung, Gorgo oder Mänade, je nachdem. Ich spüre, daß sich dieses Gewitter über mir entladen wird.
»Ralph, du bist oberflächlich! Verantwortungslos! Und ein politischer Analphabet! Du bist dir über die Lage absolut nicht |345|im klaren. Die Vereinigten Staaten haben einen enormen Prozentsatz ihrer männlichen Bevölkerung verloren. Die genaue Zahl ist noch nicht bekannt, denn alle Statistiken der Bedford-Administration sind gefälscht, wie wir wissen. Ich zähle nicht einmal alle die A.s mit, die sich wie die Kaninchen vermehrt haben … Kurzum, vor uns steht eine riesige Aufgabe, Ralph, und welche Frau kann da den Anspruch erheben, einen Mann für sich allein haben zu wollen?«
»Und die künstliche Befruchtung?«
Sie schüttelt kräftig ihr mahagonifarbenes Haar.
»Das ist großenteils ein Mißerfolg. Man hat es unter Bedford festgestellt. Die Zahl der Frauen, die davon Gebrauch machen, ist sehr gering. Eins steht fest: den Frauen widerstrebt es, ein Kind von einem Mann zu haben, den sie nicht persönlich kennen.«
Dieses »persönlich« ist gut gesagt. Und als Heuchelei steht es der meinen nicht nach. Aber macht nichts. Jetzt ist alles klar.
»Deshalb also (ich zitiere nicht ohne Ironie) ist die ›traditionelle monogame Ehe eine überholte Einrichtung‹. Wer sagt das, Burage? Das Wir?«
»Ja, das Wir, doch ich stimme mit ihm überein«, sagte Burage mit fester Stimme.
Mit gemischten Gefühlen betrachte ich diese Kämpferin, die ihre leidenschaftliche Eifersucht auf dem Altar des Gemeinwohls opfert.
»In einem solchen Fall halte ich mich gegenwärtig für mehr als unterbeschäftigt«, entgegne ich sarkastisch. »Ganz offensichtlich genügen zwei schwangere Frauen nicht. Genausowenig vermochten Lea und Rahel in ihrem Wettstreit der Fruchtbarkeit Jakob mit einer ausreichend großen Familie zu umgeben. Sie brauchten Verstärkung.«
»Wir werden sie bekommen«, sagte Burage mit zusammengepreßten Lippen.
Ich schweige. Ich lächle nicht. Ich zeige keinerlei Gefühlsäußerung: ich bin von Kopf bis Fuß neutral. Aber was ist in diesem Augenblick in mir vor sich gegangen, das sich durch eine winzige Spur verriet, die aber ausreichte, aus dem Funken eine Flamme werden zu lassen?
Der Blitz schlägt ein.
»Du brauchst gar nicht so ein zufriedenes Gesicht aufzusetzen«, |346|sagt Burage mit einer rauhen Stimme, die Berge von Wolken und Gewitter vor sich hertreibt. »Und du brauchst dir auch nicht soviel Mühe zu geben, deine Zufriedenheit zu verbergen. Du kannst niemanden täuschen, ich kenne dich. Du hast weder Moral noch Schamgefühl. Du bist ein Gorilla, weiter nichts. Nein, nein, kein Gorilla, der ist zu groß! Ein Schimpanse! Außerdem überall Haare, wie er. Ein Tier bist du, sonst nichts! Ein grenzenlos geiles Tier. Genau der Richtige für Bess! Ein Ricardo vor der Kastration! Du träumst davon, daß alle Frauen der Welt nur eine einzige … hätten, damit du mit allen gleichzeitig schlafen könntest!«
Das geht mir nun doch zu weit. Ich verlasse den Raum, knalle die Tür zu. Was Burage sagt, ist weder richtig noch falsch. Es steht außer Diskussion. Wie jedes menschliche Wesen – Mann oder Frau – könnte ich ein Vielfaches an Partnern haben. Aber in diesem speziellen Falle, gestern abend, wünschte ich mir keine andere Frau an Burages Stelle. Sie weiß das übrigens genau. Aber nachdem Teilung und Opfer vollzogen sind – an wen soll sie sich halten, wenn nicht an mich?
Wie ich es bereits in Blueville nach Burages Erläuterungen über die Strategie des Wir erwartet hatte, ernannte Präsidentin Hope eine ausschließlich aus Frauen bestehende Regierung. Sie trug indes Sorge, ein paar Männer auf relativ unwichtige Posten zu setzen, auf denen sie aber für niemand zu übersehen waren. Zum Beispiel entsandte sie einen Mann als Vertreter der USA zur UNO und schickte an Stelle Anitas einen männlichen Botschafter nach Paris. Als Sprecher des Weißen Hauses wählte sie einen charmanten jungen Mann, der Schauspieler gewesen war und den im voraus geschriebenen Text auswendig lernte; auf alle an ihn gerichteten Fragen antwortete er unweigerlich: kein Kommentar.
Obwohl sie ihren Posten in Paris verlor, fiel meine Ehefrau (juristisch war sie es immer noch) nicht in Ungnade. Um die Wahrheit zu sagen: das Gegenteil hätte mich überrascht. Anita gehört zu jenen Tiefseefischen, die mit dem Strom zu schwimmen vermögen und die bei fallendem Wasser nicht mit den Gestrandeten der Geschichte abgetrieben werden. Sie hatte in den letzten Monaten der Bedford-Administration nutzbringende illegale Verbindungen zum Wir angeknüpft, und als Präsidentin |347|Hope sie aus Paris abberief, war es kein »Abstieg«: Anita wurde zur außenpolitischen Beraterin des Weißen Hauses ernannt. Ein vielleicht einzigartiger Fall in der Geschichte der Vereinigten Staaten: mit ihrer Tüchtigkeit diente sie drei aufeinanderfolgenden Präsidenten.
Während ich dies niederschreibe, weiß ich noch nicht, ob es ihr gelingen wird, einem vierten zu dienen, aber ich halte es für wahrscheinlich.
Ich sah Anita also in Washington ziemlich häufig, denn ich hatte wieder mein Haus in Wesley Heights bezogen. Ich muß sagen – darauf werde ich später noch zurückkommen –, daß Anita es fertigbrachte, zwischen sich und mir Beziehungen herzustellen, die mich in Erstaunen setzten.
Anita war eine von vier, genauer, von drei Beraterinnen des Weißen Hauses, der vierte war ein Mann. Dieser spielte letztendlich die Rolle, die ein farbiger hoher Offizier in der US-Armee spielt: er ist ein Aushängeschild. Er hat zu beweisen, daß die US-Armee nicht rassistisch ist und daß selbst ein Farbiger General werden kann. Anita, die zu Beginn wenig Achtung gegenüber dem vierten Berater empfand – sie korrigierte sich, als seine Rolle zu wachsen begann –, gab ihm erbarmungslos den Spitznamen »Mann vom Dienst«, was weder für Archibald C. Montague noch für sein Geschlecht schmeichelhaft war.
Zuerst wußte niemand, welche Rolle Archie unter den Beraterinnen spielte, sagte Anita. Er war wohl stets anwesend, aber er tat niemals den Mund auf und schien mit gleichbleibender Ehrerbietung den sich oft einander widersprechenden Gedankengängen zuzuhören, die die Beraterinnen und die Präsidentin in seiner Gegenwart äußerten.
Aber er wich nicht von Elizabeth Hopes Seite und bildete einen amüsanten Kontrast zu ihr. Denn Archie trug mit Leichtigkeit seine strahlenden dreißig Jahre und Elizabeth ihre schweren, faltigen fünfzig. Er war so groß, schlank und rassig, wie sie klein und rundlich war. Und während ihr die Kleider vom Rücken und vom Bäuchlein herabhingen und immer aussahen, als wären sie mit der heißen Nadel genäht und nachlässig übergestreift, war Archie von Kopf bis Fuß aufs exquisiteste gekleidet.
Drei Monate lang hatten Anita und die anderen Beraterinnen Archie nur in seiner ganzen Grazie neben Elizabeth Hope sitzen |348|und mit vollendeter Würde schweigen sehen, während die Frauen sprachen; sobald aber zwischen den Präsidentinnenlippen eine Zigarette auftauchte, sprang er mit einem brennenden Feuerzeug von seinem Sessel auf. In dieser ganzen Zeit hatte man von ihm nur einen einzigen Satz gehört, und auch diesen sprach er leise, gleichsam a parte: »Sie rauchen zuviel, Präsidentin.« Man beachte, daß der »Mister«, den man einst dem Titel »Präsident« vorausstellte, als ungeeignet und die »Mistress« als sexistisch weggelassen wurde.
Elizabeth Hope hatte eine so pragmatische Einstellung, daß man sich im Weißen Haus fragte, warum sie an ihrer Seite einen Berater duldete, dessen Funktionen vor allem ästhetischer Natur waren. Das Geheimnis wurde gelüftet, als das neue Frauengesetz in Kraft trat und Präsidentin Hope Archie zum Gefährten nahm. Ein Beweis, daß ihr durchdringendes Auge seine wahren Vorzüge erkannt hatte.
Einige dieser Vorzüge traten im übrigen recht bald zutage. Archie hatte einen angeborenen Sinn für das Protokoll, das in Washington weiterhin sehr wichtig blieb. Mit geringer Mühe durchdrang und beherrschte er alle Geheimnisse der Etikette, und sein natürlicher Takt besorgte das übrige: er erinnerte sich stets an die Namen der Leute, er verstand es zuzuhören und hatte die Begabung, mit Charme Gedanken zu äußern, mit denen er niemandem zu nahe trat. So wurde er für Elizabeth Hope zum Trumpf-As, als sie die Empfänge des Weißen Hauses wiederaufnahm.
Diese waren unter Bedford zur widerlichen Farce degradiert worden. Da die Männer davon ausgeschlossen blieben, kompensierten die alleinstehenden Frauen die Abwesenheit der verachteten Männer durch eine aufgesetzte Supermännlichkeit, die sie das gute Benehmen völlig vergessen ließen. Sie machten es sich zur Gewohnheit, während der vom Weißen Haus gegebenen Essen übermäßg zu trinken, sich auf den Sesseln herumzulümmeln und dreckige Witze zu reißen. Nach Aussagen von Augenzeugen, unter ihnen ein A, der als Oberkellner angestellt worden war, weil er im Maxim’s gearbeitet hatte, sollen manche Frauen aus einer Art Protest gegen die männliche Heuchelei bei Tisch gerülpst und gefurzt haben.
Es versteht sich von selbst, daß sich niemand vor dem Mann der Präsidentin Hope solche Entgleisungen erlaubt hätte. Archie |349|verließ nie den Bereich seiner eigentlichen Stärke, aber innerhalb seines Bereichs war er konsequent.
Er zögerte nicht, eine Staatssekretärin, die sich herausnahm, in Jeans und Rollkragenpullover im Weißen Haus zu erscheinen – glorreiche Erinnerungen an die Zeiten der Illegalität –, höflich, aber bestimmt darauf hinzuweisen, daß diese Kleidung nach dem wiederhergestellten Frieden fehl am Platze sei. Einen Monat später gebrauchte die mondäne Sekretärin des Präsidentenbüros in seiner Gegenwart ein Schimpfwort und wurde auf seine Veranlassung hin von der Präsidentin unverzüglich entlassen; zur allgemeinen Zufriedenheit wählte er die Nachfolgerin mit einem nicht zu überbietenden Fingerspitzengefühl aus. Ein solcher Sinn für Anstand, der mit derartig gutem Aussehen und mit einer Eleganz gekoppelt war, die Archie den Ruf des »bestgekleideten Mannes der Welt« einbrachte, hatte viel zu seiner Popularität beigetragen. Immer häufiger tauchte sein Foto mit liebenswürdigen Kommentaren in den Illustrierten auf, und sechs Monate nach seiner Hochzeit nannte man ihn schon den first gentleman.
Ich vermutete hinter dieser Bezeichnung zuerst so etwas wie Spott, denn die Bezugnahme auf die einstigen first ladies lag auf der Hand; aber Anita versicherte mir, daß die Journalistinnen, die ihn so nannten, für ihn eine aufrichtige Bewunderung empfanden, in der ein echter Beschützerinstinkt mitschwang.
Schließlich waren wir alle sehr froh darüber, daß Präsidentin Hope aus der familiären Atmosphäre Kraft schöpfen konnte, denn sie sah sich einer äußerst schwierigen Situation gegenüber. In allen Ländern, vor allem aber in den USA, hatte die Enzephalitis 16 furchtbare Verheerungen unter der männlichen Bevölkerung angerichtet. In den Vereinigten Staaten sprach man nicht, wie in Europa, über das Geburtenproblem. Die Präsidentin verwendete als erste einen mit historischen Reminiszenzen beladenen Begriff; sie sagte, daß der »demographische Wiederaufbau« der Vereinigten Staaten einen absoluten Vorrang erhalten müsse.
Das Wort war spezifisch amerikanisch, und die getroffenen Maßnahmen oder, genauer gesagt, die liberale Grundhaltung, auf die sie zurückgingen, unterschieden sich weitgehend von den Lösungen, zu denen man anderweitig gelangte. In Europa, wo sich der Konservatismus der Sitten auf eine lange Tradition |350|stützte, glaubte man den Bevölkerungszuwachs durch Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung und der Homosexualität zu begünstigen. Präsidentin Hope beurteilte diese repressive Politik mit Strenge. Nach ihrer Meinung wurde dadurch das unveräußerliche Recht eines jeden Individuums auf seinen eigenen Körper in Frage gestellt und die reproduktiven Organe der Bürger im Dienste des Staates mit Beschlag belegt. Die Präsidentin glaubte außerdem, daß die Empfängnisverhütung und die Abtreibungen sich auf den demographischen Wiederaufbau nur geringfügig auswirkten und die Bedeutung der Homosexualität gleich Null sei. Hope zufolge wollte die überwiegende Mehrheit der Frauen Kinder haben; man würde sie keineswegs dazu veranlassen, noch mehr zu gebären, wenn man die verschwindende Minderheit, die gegen das Kinderkriegen ist, ins Gefängnis würfe. Es sei vielmehr notwendig, Vorteile und Erleichterungen für die Frauen zu schaffen, damit sie eine große Familie nicht als niederdrückende Last oder lebenslängliche Sklaverei empfinden müssen.
Das gehörte zu den Zielen des Neuen Gesetzbuchs der Frau. Es war im ersten Jahr der Hope-Administration erlassen worden und trug einer historischen Tatsache Rechnung: Nach der Epidemie gab es keine nur im Haushalt tätige Amerikanerin mehr, die Herrschaft der Hausfrau war zu Ende, außer den Rentnerinnen arbeiteten alle Frauen.
Das Gesetzbuch der Frau zog aus dieser Tatsache alle notwendigen Schlußfolgerungen. Danach gab die Frau selbständig ihre Einkünfte an, zahlte ihre Steuern, gab den Kindern ihren Namen und nahm deren rechtskräftige Vormundschaft bis zur Volljährigkeit allein wahr. Das Gesetzbuch der Frau anerkannte in Wirklichkeit nur einen Elternteil: die Mutter. Sie allein nahm die Familienzuwendungen, die sozialen Dienstleistungen und die erheblichen Steuererleichterungen in Anspruch, die die Hope-Administration gewährte.
Die Rolle des Vaters wurde nur zwischen den Zeilen erwähnt. Obwohl die neue Regierung die Gesetze gegen die Polygamie als sinnlose Repressalie abgeschafft hatte, war an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, daß die Struktur der Ehe in den USA verändert werden sollte. Im Gegenteil, dem Paar – ob es nun katholisch, protestantisch oder jüdisch war – blieb es völlig freigestellt, sich in der Kirche seiner Wahl trauen zu lassen. |351|Aber der Begriff des »Ehemannes« und des »Vaters« war insofern abgeschafft, als die an diese zweifache Rolle gebundenen Pflichten und Rechte aufgehört hatten zu existieren. Das Gesetzbuch verwendete wohl den Begriff »Erzeuger«, aber der Erzeuger gab weder der Frau, die er befruchtet hatte, noch den aus dieser Beziehung hervorgegangenen Kindern seinen Namen. Er durfte die Kinder auch nicht mehr auf der Steuererklärung anführen und war weder verpflichtet, sie zu ernähren, noch mit ihrer Mutter zusammen zu leben.
Die einzige Bindung, die ein Mann zu seinen Nachkommen herstellen konnte, bestand darin, ihnen seinen Namen als »Mittelnamen« zu geben, der dann dem Namen der Mutter vorausging. In einem solchen Falle war er verpflichtet, sein Testament zu ihren Gunsten zu machen. Jedoch trug diese halbe Adoption dem Adoptierenden keinerlei Rechte ein. Diese Adoption konnte im übrigen nur auf schriftlichen Antrag der Mutter erfolgen, wobei die Einwilligung des Erzeugers nicht erforderlich war.
Das Gesetzbuch der Frau enthielt Ansätze zu einer in der Weltgeschichte beispiellosen sexuellen Revolution. Aber es war eine Revolution, die ihren Namen verschwieg. Die geschickten, keineswegs provokatorischen Formulierungen des Gesetzbuches zeugten von der »weiblichen List« der Präsidentin, wie die sexistischen Psychologen alten Stils es genannt hätten. Die neue Gesetzgebung schien in keinem Punkt die Prinzipien der monogamen Ehe anzutasten, aber bei genauerem Hinschauen erwies diese sich als bloße Hülle. Der auf seine biologische Rolle des Erzeugers reduzierte Mann war als Vater von der Bildfläche verschwunden: sein sozialer Einfluß war auf diskrete Weise beseitigt worden. Nachdem er seine führende Stellung eingebüßt und aufgehört hatte, den Kern der Familienzelle darzustellen, wurde er zu einer Randerscheinung der Gesellschaft.
Wie Burage angekündigt hatte, war der juristische Begriff des Eigentums als Bestandteil der »Rechte« des Vaters zusammen mit diesen Rechten verschwunden. Nur die Mütter hatten eine sozial definierte Existenz. Ob sie allein oder mit einem Mann lebten – juristisch gesehen waren sie ledig, weil die Vormundschaft des Mannes und die ökonomische Abhängigkeit von ihm verschwunden waren.
|352|Ihnen wurde geholfen, sicher, aber von der Gemeinschaft. Die großzügige, ständige und vielfältige Hilfe, die den Müttern gewährt wurde – Familienzuwendungen, Prämien, Steuererleichterungen, Krippen in Wohnvierteln und Dörfern, die rund um die Uhr geöffnet waren –, klammerte die »Väter« aus und mündete de facto in eine unauffällige Verstaatlichung der Erziehung.
Diese Reformen wären nicht denkbar gewesen, wenn die Männer auf ökonomischem Gebiet noch die Kontrolle über die entscheidenden Ressourcen des Landes gehabt hätten. Es versteht sich von selbst, daß das Geld früher oder später dem ehemals herrschenden Geschlecht wieder zu den Positionen verholfen hätte, die es durch die Gesetze verloren hatte. Aber diese Möglichkeit schien für immer ausgeschlossen zu sein. Während der Epidemie war den Frauen durch Erbschaft mehr als die Hälfte der Produktionsmittel der USA zugefallen, und sie hatten sich als fähig erwiesen, sie zu nutzen. Die neue Steuergesetzgebung von Präsidentin Hope garantierte die Fortführung dieses Prozesses. Weiblichen Besitzern von Unternehmen und Gesellschaften, in denen die Frauen die Aktienmehrheit besaßen und führende Posten innehatten, wurden Steuererleichterungen gewährt. Da das Steuersystem ein anderes Gewicht bekommen hatte, um die neuen Belastungen der Nation abzusichern, führte diese Maßnahme praktisch entweder zum Verschwinden der von Männern beherrschten Betriebe oder zu ihrer Übergabe an Frauen. Gleichzeitig wurde das Erbrecht erheblich begünstigt, wenn der Besitz der Mütter an die weiblichen Nachkommen überging. Gewiß konnte eine Mutter durchaus ein Testament zugunsten eines Sohnes machen, doch unter der Bedingung, daß der der Tochter hinterlassene Anteil nicht geringer war. Diese Gleichheit existierte im übrigen nur dem Schein nach. Durch die Erbschaftssteuer büßte ein männlicher Nachkomme mehr als die Hälfte des hinterlassenen Besitzes ein, während die Steuern der Erbinnen 10 Prozent nicht überschritten.
Das Neue Gesetzbuch der Frau schuf auf diese Weise durch eine einfache steuerliche Maßnahme und ohne jegliche prinzipielle Deklaration ein zugunsten der Töchter abgewandeltes Erstgeburtsrecht. Wenn das Gesetzbuch nicht in nächster Zukunft aufgehoben wird, werden seine Bestimmungen in zwei oder drei Generationen zur völligen Beherrschung der USA-Wirtschaft |353|durch die amerikanischen Frauen – und damit zur Verewigung ihrer politischen Macht – geführt haben.
Dieser Prozeß ist offensichtlich nicht abgeschlossen, er dauert zur Stunde noch an. Doch kann man nicht umhin einzuräumen, daß Präsidentin Hope dank ihrer Überzeugungskunst, der Respektierung der Redefreiheit und dank ihrem guten Einvernehmen mit dem Kongreß im Begriff ist, dort Erfolg zu haben, wo die vorhergehende Regierung so kläglich gescheitert ist. Bedfords Bigotterie, die kriminelle Männerfeindlichkeit ihrer Clique, der Traum der Grimm und Jettison, einen – ich zitiere ihren schwachsinnigen Pleonasmus – »parthenischen unisexuellen Staat« zu errichten, hatten zur Folge, daß die USA in einen Bürgerkrieg gestürzt wurden. Präsidentin Hope hat begriffen, daß man ein halbwegs dauerhaftes soziales Gebäude nicht auf dem Haß gegenüber dem Mann aufbauen kann, sosehr die Frau im Laufe der Jahrhunderte benachteiligt gewesen sein mag.
Man kann gegen das Gesetzbuch der Frau ohne Zweifel einwenden, daß es neue Disproportionen schafft, indem es die Allmacht des einstigen schwachen Geschlechts begünstigt. Die Zukunft wird darüber entscheiden, ob diese Ungleichheit nicht den schlimmen Keim der Zwietracht enthält. Aber ich kann wenigstens bezeugen, daß ich in dieser Gesellschaft viel angenehmer lebe als in Blueville. Unter der Hope-Administration fühlt sich der Mann weder gehaßt noch verachtet noch ständig in seiner Männlichkeit und seinem Leben bedroht. Eher bringen die Frauen gegenwärtig den Männern übermäßig viel Liebe entgegen: ohne Zweifel eine Reaktion auf die widernatürlichen Tabus Bedfords und gleichzeitig auf die Entfaltung eines Instinkts der Frau, der nicht mehr durch das Trauma ihrer sozialen Unterlegenheit erstickt wird.
Sobald ich nach Washington zurückgekehrt war, ging der Trubel, den wir schon in Ottawa kennengelernt hatten, weiter: Rundfunk, Fernsehen, Pressekonferenzen, jedoch mit einem wichtigen Unterschied. In Ottawa war ich der große Mann. In Washington war es Burage.
Sie teilte diese Berühmtheit übrigens mit Jackie, die sich in Ottawa zurückgehalten hatte, hier jedoch aus dem Schatten trat, zusammen mit Mrs. Barrow. Alle drei legten lang und breit dar – zum höchsten Ruhme des Wir –, wie sie mich in Blueville |354|wirksam vor den Bedfordisten geschützt hatten, bevor sie meine Flucht erfolgreich in Szene setzten.
Ich war bei diesen Interviews anwesend, doch da man mir kaum Fragen stellte, schwieg ich. Ich nahm zur Kenntnis, daß man mich dem Publikum nicht wie den Helden der Geschichte vorstellte, sondern eher wie einen rührenden Gegenstand. Im Fernsehen geizte die Kamera keineswegs mit schmeichelhaften Großaufnahmen von mir; die Interviewerin gab mir zwar selten das Wort, doch machte sie das durch lobende Kommentare über mich wett. »Der hier anwesende Dr. Martinelli ist, wie Sie sehen, ein sehr charmanter Mann (a very charming man).« Sie ließ das so nebenbei fallen, während sie ihre Hand auf meinen Schenkel legte und die Fernsehzuschauerinnen mit Gönnermiene zu Zeugen meiner attraktiven Reize machte.
Im übrigen hatten Burage und Jackie mir vor dem Interview die Leviten gelesen. Wenn man mir Fragen stellte (und natürlich sollte ein bißchen von dem berühmten Serum gesprochen werden!), vor allem keine zu sexistische Miene aufsetzen. Was meint ihr jetzt damit? Du weißt doch, Ralph, arrogant, selbstsicher … Ach, ich verstehe, ich habe die bescheidene Unschuld aus Wildes Stücken zu spielen! Die immer nur »Yes, Mama« zu ihrer Mutter sagt …
Meine Gefährtinnen gaben mir trotz alledem kluge Ratschläge. Als ich es sechs Monate später mit sexistischer Arroganz versuchte, ging es daneben. Bei meinem … zigsten Fernsehinterview – wenn ich mich recht erinnere, war es eine Aufzeichnung – stellte mich die Kommentatorin wieder einmal als einen »sehr charmanten Mann« vor. Ich unterbrach sie etwas pikiert, um nachdrücklich zu betonen: »Ich hoffe, ich bin auch ein guter Wissenschaftler.« Die Kommentatorin sah mich an, verdutzt über meine Aggressivität; dann lächelte sie und sagte nachsichtig mit amüsierter Miene: »Aber sicher, Dr. Martinelli. Niemand in unserem Lande zweifelt an Ihren Fähigkeiten.« Daraufhin die Bäuche von Jackie und Burage in Großaufnahme, beide waren damals schwanger, was nicht zu übersehen war. Ich vermute, die Sprecherin und die Kamerafrauen haben sich köstlich amüsiert, als sie hinterher diese kleine Montage machten.
»Du siehst, was es dir einbringt, wenn du aus der Reserve gehst«, sagte Burage wütend.
|355|Dave war entzückt, in Washington wieder in unserem Haus in Wesley Heights zu wohnen, den großen Garten, sein Zimmer wiederzuhaben – in dem eine große Wandtafel eine ganze Wand einnahm – und vor allem das Fernsehen, das er in Blueville so vermißt hatte. Am Anfang fragte ich mich, wie er mein Zusammenleben mit zwei Frauen aufnehmen würde. Aber als ich ihn diesbezüglich vorsichtig aushorchte, bemerkte ich, daß meine Sorge unbegründet war. Dank dem Fernsehen und der Schule ergriffen die herrschenden Vorstellungen über den »Wiederaufbau« von Dave sehr schnell Besitz. Bei ihm mußte ja auch nicht erst wie bei mir eine eingewurzelte monogame Tradition überwunden werden. Ich begriff, daß ich mir, wie schon so oft, sinnlos den Kopf zerbrochen hatte, als er mir eines Tages nach der Schule triumphierend mitteilte, drei Mädchen aus seiner Klasse hätten ihn als Erzeuger vorgemerkt, »sobald er das Alter erreicht hätte«.
Er verfolgte übrigens die Schwangerschaften meiner Gefährtinnen mit dem lebhaftesten Interesse, und um diesbezüglich seine unersättliche Neugierde zu befriedigen, entschloß ich mich, ihm auf der Wandtafel in seinem Zimmer eine kleine Einführung in die Embryologie zu geben. Ich erfuhr hinterher, daß er meinen Vortrag in der Schule mit einer Sachkenntnis wiedergegeben hatte, die ihm reichliches Lob seiner Lehrerin eintrug. »Trotzdem bin ich sauer, wenn ich daran denke, daß ich nie ein Kind bekommen werde«, sagte Dave, als er mir von dem Lob berichtete. Und er schloß melancholisch: »Es ist schon blöd, ein Junge zu sein.«
Eine Überlegung, die er ein Jahr zuvor und auch in Blueville nicht angestellt hätte. Das mindeste, was man sagen kann, ist, daß die von der Gemeinschaftsschule jetzt vermittelte Erziehung unter den Jungen die Phallokratie nicht fördert.
Was seine persönlichen Beziehungen zu Burage und Jackie betrifft, so sind sie derart gut, daß ich fast eifersüchtig bin. Die Art, wie er sich seit Beginn unseres gemeinsamen Lebens unter ihre Fittiche und in die Wärme ihrer Liebe flüchtete, machte mir klar, wie sehr ihm nach dem Tode seiner Mutter die Nähe einer Frau gefehlt hatte. Er ist gegenüber Jackie und Burage immer sehr anspruchsvoll, sehr kontakthungrig, und ich stelle fest, daß er sie auf schamloseste Art umgarnt, um seine Ziele zu erreichen. Das geht im übrigen sehr gut. Und er nimmt ihre Zeit |356|und ihre Aufmerksamkeit maximal für sich in Anspruch, jedoch mit einer heimlichen Vorliebe für Burage. Dabei läßt es sich mit Jackie leichter auskommen, selbst für ihn; immer fröhlich, ausgeglichen, ohne Komplexe und völlig unbeschwert, sucht sie niemals Streit, während Burage von Zeit zu Zeit ausholt und ihre Krallen zeigt. Doch Burage besitzt eine Eigenschaft, für die Dave empfänglich ist. In ihren zärtlichen Augenblicken ist sie zärtlicher und »wickelt« ihn mehr ein. Das entschädigt ihn wohl für die Prankenhiebe, die er einstecken muß.
Zu meiner großen Freude habe ich bemerkt, daß er über seinem gegenwärtigen Glück Mutsch nicht vergessen hat, die ihm in Blueville so gute Ratschläge gegeben hatte. Er schreibt ihr oft, und sie antwortet ihm aus Harvard, wo Stien wieder seinen Posten angetreten hat, mit langen methodischen, fast familiären Briefen. Dave schreibt auch an Joan Smith. Ich beging die Unvorsichtigkeit, ihm zu sagen, daß ich versuchen würde, die Arbeitsgruppe von Blueville mit Smith, Pierce und Grabel wieder aufzubauen, wenn die Absicht, mir in Washington ein Forschungszentrum anzuvertrauen, Gestalt annähme. Seit diesem Tag fragt er mich fast jede Woche, wie es um dieses Projekt steht und ob wir »die Smiths« bald wiedersehen werden. Ich muß sagen, daß Jackie nicht weniger ungeduldig ist: sie wäre glücklich, »Rita« wieder in ihrer Nähe zu haben. Ich auch. Burage dagegen schweigt, und ich weiß genau, weshalb. Sie wirft Rita ihr inquisitorisches Temperament vor.
Indessen waren wir alle glücklich, als uns Dorothy Barrow unvermutet ins Haus schneite. Sie wohnte bei uns in Wesley Heights, und ich bedauerte, daß sie nur zwei Wochen in Washington bleiben konnte. Aber der Gouverneur des Staats Ohio war gerade gestorben, und sie wollte bei den Wahlen kandidieren. Dorothy Barrow, mit der ich in Blueville nur manches Lächeln ausgetauscht hatte, ohne jemals das Wort an sie zu richten, überraschte mich bei näherem Kennenlernen durch ihre unerschöpfliche Energie. Während der kurzen Zeit, die sie in Washington weilte, ließ sie sich von Mr. Barrow scheiden – durch das Gesetzbuch der Frau hatten es die Ehefrauen der A.s sehr bequem, wenn sie sich von ihren unfruchtbaren Männern trennen wollten –, entfaltete in der Umgebung der Präsidentin eine enorme politische Arbeit und ließ sich von mir ein Kind machen.
|357|Sie bat mich auch, dem künftigen Kind in aller Form meinen Namen als Mittelnamen zu geben.
Jackie und Burage hatten mich ebenfalls darum ersucht, und ich hatte nur widerstrebend eingewilligt, denn das hieß, Daves Erbe in drei Teile zu teilen. Nun mußte es auf vier Teile gehen. Aber letzten Endes war Mrs. Barrow die Verantwortliche des Wir gewesen – und mir war hinreichend bekannt (man hatte es mir oft genug gesagt!), in welchem Maße das Wir mich in Blueville geschützt hatte.
Überrascht hat mich, daß Mrs. Barrow, noch bevor das Kind geboren wurde, für sich selbst meinen Namen als Mittelnamen in Anspruch nahm und im Verlauf der Wahlkampagne als Dorothy Martinelli Mortimer – Mortimer war ihr Mädchenname – auftrat.
Dieses Verfahren war keineswegs gesetzlich, wurde jedoch zu einer Gewohnheit, die sich durchsetzte. Auf den amtlichen Formularen, die von den Frauen ausgefüllt werden mußten, fragte man nicht mehr, ob sie verheiratet oder ledig (Unterscheidungen, die als sexistisch galten), sondern ob sie Mütter waren. Und die Eigenschaft einer Mutter brachte so viele Vorteile mit sich und verlieh so viel soziales Prestige, daß diejenigen, die noch kein Kind hatten, sich schon während der Schwangerschaft den Namen des Adoptiverzeugers ihres künftigen Kindes als Mittelnamen gaben.
Im Falle von Dorothy Martinelli Mortimer spielte ganz offensichtlich ein politischer Hintergedanke mit. Ich war damals in den Vereinigten Staaten so berühmt wie ein Schlagersänger, und Dorothy verlieh ihrem Image romantischen Glanz, wenn sie sich den Wählern als eine Frau präsentieren konnte, die von dem Mann schwanger war, den sie in Blueville geschützt hatte.
Nach ihrer Wahl kam Dorothy ziemlich häufig nach Washington, immer in Eile und geschäftig und immer zwischen zwei Flügen; aber so kurze Zeit sie auch blieb, fand sie stets eine Möglichkeit, wenn ich so sagen darf, ihre Rechte auf den Beischlaf mit mir geltend zu machen. Um die Wahrheit zu sagen, es war keine Fron. Ich hätte nicht mit Dorothy zusammenleben mögen, ihre Energie wäre mir zu anstrengend gewesen, aber ich empfing sie immer mit Freundschaft, mit Vergnügen. Und warum sollte ich nicht auch zugeben, daß Dorothy eine physiologische Eigenheit besitzt, die ich als sehr angenehm |358|empfinde. Sie gehört zu jenen Frauen, von denen ein großer Schriftsteller sehr liebenswürdig gesagt hat, daß »ihr Orgasmus die Offenheit eines festen Händedrucks besitzt«.
Bald nachdem wir uns in Washington eingerichtet hatten, rief mich Anita an, die aus Paris zurückgekehrt und zur Beraterin der Präsidentin berufen worden war. Ich reagierte ziemlich kühl, beschuldigte sie heftig, mich verlassen zu haben, und legte auf, ohne mir ihre Erklärungen anzuhören. Burage, die dabei war und den zweiten Hörer genommen hatte, entrüstete sich über mein Verhalten, das der Bescheidenheit meines Geschlechts wenig angemessen sei, wie sie betonte. Anita sei zwar eine verdammte Opportunistin, aber man könne auch nicht leugnen, daß sie ihr Bestes getan hatte, mich in Blueville zu beschützen.
Ich brüllte: »Ja, genau! Ich habe die Nase voll, dauernd beschützt zu werden.« Burage zuckte die Schultern. »Schweig doch, Ralph, du redest Unsinn«, sagte sie mit überlegenem Ausdruck. Daraufhin erschien Jackie im Zimmer, man sah schon ihre Schwangerschaft unter der Hauptmannsuniform (sie war befördert worden), doch ihre ständige Übelkeit wirkte sich nicht auf ihre gute Laune aus. Burage erzählte ihr von meinem Fauxpas, und Jackie fing an zu lachen. »Aber Ralph, wie kindisch!« sagte sie. »Du darfst deiner Sensibilität nicht die Zügel schießen lassen! Du willst dich doch wohl nicht mit einer Beraterin der Präsidentin überwerfen! Außerdem werden wir das zu verhindern wissen!«
Zwei Tage später ruft Anita in aller Unschuld wieder an. Nachdem man mir inzwischen die Leviten gelesen hatte, entschuldige ich mich. »Schon gut, Ralph, deine Reaktion war ja verständlich. Kommst du morgen mittag ins chinesische Restaurant essen? Ich lade dich ein. Die Epidemie hat den alten Mr. Twang dahingerafft, ein Beweis, daß er gar nicht so alt war (Lachen). Aber Mrs. Twang ist immer noch da mit dem faszinierenden kleinen Schlitz am Kleid (Lachen). Und schließlich werde ich auch da sein …«
Ich komme zu spät. Anita sitzt an einem Tisch in der ersten Etage und blättert in einer Illustrierten. Ganz unverändert. Mahagonifarbenes Haar, grüne Augen und jene fein ziselierte Nase, die mir jetzt weniger gefällt, seit ich die von Burage kenne. Auch die Kleidung unverändert: ein hautenges schwarzes Kleid |359|mit weißem Kragen, fast eine Uniform. In der Pose der Allwissenheit. Der Blick durchbohrt mich wie ein Schwert und mißt mich von Kopf bis Fuß, während ich auf sie zugehe. Sie erhebt sich schwungvoll, scheint es – ein vielleicht sorgfältig eingeübter Schwung –, und küßt mich auf den Mund. Schockierend. Immerhin, vor dem Kuß dieser Blick vorhin! Sie setzt sich wieder, nimmt meine rechte Hand, wendet sich mir zu.
»Du siehst ja blendend aus, Ralph! Die lebhaften Augen, das glänzende Haar! Man sieht auf den ersten Blick, daß du bestens versorgt wirst von deinen Frauen (Lachen), gehätschelt, gestriegelt und genährt … Und wie elegant! Mir gefällt es, daß in der Mode die taillierte Lederjacke an die Stelle des Jacketts getreten ist. Sie ist vorteilhaft für Männer von deiner Statur, schlank und muskulös. Vor allem, wenn man sie wie du mit einer enganliegenden Hose trägt. Du hast einen Po wie ein Torero, Ralph! Ohne deine übrigen Vorzüge zu nennen (Lachen). Ehrlich, als ich dich kommen sah, lief mir das Wasser im Munde zusammen. Nur eins ist schade: daß du dich nicht zum deutschen Hosenlatz bekehrt hast! Er fängt an, in New York Furore zu machen, und ich finde ihn sehr verführerisch …«
Mrs. Twang nimmt die Bestellung entgegen. Sie zeigt immer noch das gleiche archaische Lächeln, über das sie nach Belieben verfügt, aber gewiß nicht denselben Gleichmut. Als mein Blick aus alter Gewohnheit an dem kleinen Schlitz ihres Kleides hängenbleibt, wirft sie mir einen so aggressiven, sprechenden Blick zu, daß ich baff bin. Als sie weg ist, mahnt mich Anita (ich glaube Burage zu hören!) zu größerer Zurückhaltung und Vorsicht.
»Du wirst noch mal entführt werden, lieber Ralph. Das kommt jetzt oft vor. Gangs von drei oder vier Frauen. Oh, ganz anders als die Geschichte mit dem unglücklichen Mr. B., erinnerst du dich? Mißhandlungen oder Folterungen gibt es nicht. Der Erzeuger wird höflich wieder entlassen, wenn er seine Schuldigkeit getan hat. Was soll man tun? Wir sind praktisch machtlos dagegen. Wir baden in einer wahren Mystik der Mutterschaft! Gegenwärtig würde kein Richter wagen, schwangere Frauen wegen Entführung zu verurteilen, sobald sie behaupten, aus patriotischer Pflicht ›im Geiste des Wiederaufbaus‹ gehandelt zu haben. Ernsthaft, Ralph, du solltest deine Samtaugen in die Tasche stecken, wenn eine Frau in der Nähe ist, |360|oder sie wenigstens gesenkt halten. Ich kann dir nur empfehlen, nicht allein zu Mrs. Twang essen zu kommen. Ich möchte dir überhaupt abraten, allein auszugehen. Du solltest Hauptmann Davidson bitten, dir eine Leibwache zur Verfügung zu stellen. Das wäre sicherer.«
»Du kennst Jackie?«
»Aber sicher. Burage auch. Eine charmante Frau. Und wie es mich ehrt, lieber Ralph, daß du dich für eine Frau entschieden hast, die mir ähnelt (Lachen). Wir haben das gleiche Haar.«
»Sie ähnelt dir nicht: die Augen, die Nase …«
Anita streicht mit dem Finger über ihren so wohlgeformten Nasenflügel.
»Die Nase, vielleicht«, sagt sie mit einer kleinen, für einen Politiker durchaus erstaunlichen Anwandlung von Eitelkeit.
Daraufhin holt sie aus ihrer Tasche ein Schächtelchen, das sie mir als »Minigeschenk« überreicht. Ich habe große Lust, es zurückzuweisen, aber mir fehlt der Mut, da ihr sehr viel daran zu liegen scheint, daß ich es annehme. Und als ich die Schachtel geöffnet habe, ist es natürlich zu spät. Das »Minigeschenk« ist ein goldener Siegelring mit meinen Initialien. Sie kommen wieder in Mode, versichert mit Anita, während sie ihn mir über den kleinen Finger streift und mich abermals küßt.
Nachdem sie mich wie ein Federvieh mit einem Ring versehen hat und nach diesem Kuß wieder ruhiger geworden ist, stürzt sie sich auf die Krapfen mit Krabben (auch mein Anteil wird draufgehen) und vertraut mir die großen Pläne an, die sie für mich geschmiedet hat.
Sie hat im Weißen Haus die Bekanntschaft einer frischgebackenen Erdölmillionärin gemacht, einer Witwe selbstverständlich. »Diese Ölionärin, die nicht mehr die Jüngste ist, möchte der Nachwelt unbedingt ihren Namen in Form einer wissenschaftlichen Stiftung hinterlassen. Ich habe ihr – was läge näher? – ein Institut zur Erforschung von Gehirnkrankheiten vorgeschlagen. Hier in Washington. Mit dir als Direktor. Ich glaube, das läuft.«
Ich höre zu und murmele leise Dankesworte, mehr bringe ich nicht zustande. Wie alle bedeutenden Persönlichkeiten hat Anita es sich angewöhnt, Monologe zu führen. Im übrigen macht sie mir wegen meines Schweigens Komplimente. »Du hörst so gut zu, und du hast so schöne Augen, wenn du mir zuhörst.«
|361|Von dem Institut, das noch gar nicht zu sehen ist, das sie mir aber schon als fertig beschreibt, geht Anita zu einem konkreteren Projekt über, das ihr ebenso am Herzen liegt und ebenfalls meine Mitwirkung voraussetzt: sie will ein Kind von mir.
Ich falle aus allen Wolken.
»Du? Ein Kind?«
»Wieso? Traust du mir das nicht zu?«
»Oh, doch! Aber es widerspricht so völlig deiner Lebensanschauung!«
»Meine Anschauung hat sich geändert«, sagt Anita ernst. »Die Zeit auch. Und parallel dazu die soziale Organisation. Babys sind mit einer politischen Karriere nicht mehr unvereinbar. Im Gegenteil.«
Ich genieße nebenbei dieses »im Gegenteil«, so wie es sich gebührt.
»Man darf nicht vergessen«, sagt Anita im Stil der letzten Rede von Elizabeth Hope (vielleicht hat sie die Rede überhaupt selbst geschrieben), »daß der demographische Wiederaufbau den absoluten Vorrang in unserer Zeit hat. In den folgenden Monaten wird keine Amerikanerin, so hochgestellt sie auch sein mag, sich erhobenen Hauptes zeigen können, wenn sie nicht Mutter ist. Die Präsidentin kann leider (sie senkt die Stimme) in Anbetracht ihres Alters … Aber wir, ihre Beraterinnen, wir müssen das Beispiel geben. Hier, Ralph, siehst du etwas, das erst in einer Woche spruchreif sein wird.« Ohne den Gegenstand ganz aus ihrer Tasche zu holen, zeigt sie ihn mir auf der flachen Hand: ein dunkelrotes Abzeichen, von dem sich die Goldbuchstaben MAR abheben.
»Was bedeutet MAR?«
»The Mothers of the American Reconstruction. Nur diejenigen Amerikanerinnen werden das Recht haben, dieses Abzeichen zu tragen, die im ersten Jahr der Reconstruction schwanger werden«, sagt sie mit begehrlichem Ausdruck in ihren grünen Augen, während sie die Plakette mit Bedauern wieder in ihrer Tasche verschwinden läßt.
Ich nehme mir vor, Burage und Jackie davon zu erzählen. Das wird ihnen Freude machen, vor allem Jackie, die als Militär sicher eine Schwäche für Abzeichen hat.
»Aber warum ich?« frage ich. »Schließlich gibt es doch noch andere Männer.«
|362|Sie lacht. »Aber wenn wir doch verheiratet sind, Ralph! Vor dem Gesetz! Und soviel ich weiß, hast du nicht die Absicht, dich scheiden zu lassen?« (Woher weiß sie es?)
Sie lacht erneut.
»Ich bitte dich, mach nicht so ein Gesicht! Ich habe nicht die Absicht, dir dein Leben durcheinanderzubringen. Du lebst mit zwei charmanten Frauen zusammen, das ist sehr gut so. Wie du weißt, habe ich immer allein gelebt. Ralph, ich bitte dich um nichts anderes als um deine Freundschaft und ein Kind. Deinen Namen habe ich schon.«
Ein diskreter Hinweis, und deutlich genug! Die patriotische Pflicht, selbstverständlich! Elizabeth Hope, immer bereit! Pioniere der Fruchtbarkeit! Die allerersten Mütter des Wiederaufbaus! Und vergessen wir auch nicht: ein Kind, das meinen Namen trägt. So findet sie Anschluß – mit Jackie, mit Burage, mit Barrow – an eine historische Episode des Widerstandes gegen Bedford, ausgerechnet sie, die am Anfang so wenig Widerstand leistete … Bewundernd (aber auch etwas schaudernd) betrachte ich den verschlagenen Politiker, der sich hinter diesen schönen grünen Augen und dieser hübschen Nase verbirgt.
Anita ergreift meine Hand und drückt sie kräftig.
»Du bist doch einverstanden, nicht wahr, Ralph?«
Wie könnte ich, liebkost, mit einem Ring beschenkt und Institutsdirektor in spe, ablehnen? Aber trotzdem. Ich spüre in mir eine fest verankerte, wenn auch etwas doppelgesichtige eheliche Redlichkeit.
»Was mich betrifft, ja, Anita, sehr gern (das zu sagen kostet mich eine gewisse Anstrengung). Aber ich muß mit meinen Gefährtinnen sprechen.«
Sie lacht.
»Die Mühe kannst du dir sparen, Ralph. Es ist schon geschehen.«
»Was soll das heißen?«
»Ich habe gestern mit ihnen Tee getrunken.«
Und sie haben mir nichts gesagt! Ich könnte losbrüllen! Und ich täte es, glaube ich, wenn Mrs. Twang nicht gerade mit der Rechnung käme. Ich schlage sofort die Augen nieder und halte sie so lange gesenkt, bis Anita bezahlt und die kleine Menschenfresserin im geschlitzten Kleid den Raum verlassen hat. Ich bemerke, daß Anita ungeniert die Rechnung überprüft hat, |363|bevor sie sie beglich. Man kann Beraterin der Präsidentin sein und auf seine Interessen bedacht bleiben.
»Also, dann ist ja alles klar«, sagt Anita schwungvoll, »du kommst mit!«
»Wohin?«
»Zu mir.«
»Was denn, sofort?«
»Warum nicht? Das trifft sich gut, ich bin gerade in einer fruchtbaren Periode. Ralph, ich entführe dich! Noch ein paar Anrufe, und wir gehen!«
Ohne auf meine Antwort zu warten, erhebt sie sich, um am anderen Ende des Raumes den Hörer abzunehmen. Ich glaube nicht im geringsten, daß es sich zufällig »gut trifft«, sondern genau das Gegenteil: der Termin unseres Zusammentreffens ist ad hoc kalkuliert worden.
Anita spricht mit klarer Stimme, deutlich und energisch in den Apparat. Eine Frau der Tat, die mit mir nicht viel Federlesens gemacht hat. In der kurzen Zeit, die sich brauchte, einige Krapfen mit Krabben zu verschlingen, hatte sie mich in ihre Tasche mit dem MAR-Abzeichen gesteckt.
Sie telefoniert nicht nur einmal, sondern mehrmals. Damit es nicht so aussieht, als ob ich zuhöre, blättere ich die Anzeigenseiten der Illustrierten durch, die Anita auf der Polsterbank hat liegenlassen.
Zeichen einer neuen Zeit, ausschließlich Männer … Schön, muskulös, behaart. Reklame für ein Luxusbadezimmer (mit vergoldeter Mischbatterie): ein brünetter, gutaussehender Mann sitzt auf dem Rand einer blauen Badewanne, so gut wie nackt, ein schmales Handtuch über die Scham geworfen, aber so, daß man Form und Umfang erraten kann. Seine vertrauenseinflößende Haltung und die freundschaftlichen Augen erwecken den Eindruck, daß dieser kräftige Erzeuger beim Kauf der Badewanne gratis mitgeliefert wird. Einige Seiten weiter ein Blonder, ebenfalls nackt, doch kehrt er dem Betrachter dezent ein muskulöses Gesäß und eine behaarte Achselhöhle zu, um zu versichern, daß das Deodorant, welches er benutzt, ihm zu schwitzen erlaubt, ohne irgend jemand zu belästigen. Und hier – ich hätte darum wetten können – auf einer ganzen Seite ein eindrucksvolles Sortiment deutscher Hosenlatze, in Großaufnahme mit Inhalt. Als Hinweis in der Mitte der historische |364|deutsche Latz, wie man ihn auf den Gemälden des 16. Jahrhunderts sehen kann – in Deutschland natürlich, wie der Text belehrt, aber auch in Flandern und in Frankreich unter Karl IX.; diese gelehrten Erläuterungen verleihen der Rückkehr dieser »charmanten Mode« (sic) die nötige Würde. Allerdings hat man den Latz unserer Epoche angepaßt. Also keine schwierigen Verschnürungen mehr, sondern ein unter kleidsamer Stickerei versteckter Reißverschluß. Zwei Varianten: der Latz aus gleichem Stoff und in gleicher Farbe wie die engsitzende Hose. Oder der Latz aus anderem Stoff, was »die Wölbung unterstreicht« (sic). Die Raffinierten bevorzugen vielleicht die »Vornehmheit« (sic) des Latzes aus anderem Stoff, der auf den Farbton der Hose abgestimmt ist. An alles war gedacht, in der untersten Ecke sogar an den schaumgummiverstärkten Latz, dessen aufgebesserte Innenseite durch eine diskrete Skizze veranschaulicht wird und dessen »sehr starke Wölbung« den Schüchternen Selbstvertrauen verleihen soll. Ach, allein schon beim Anblick dieser Reklame schwindet meine letzte Illusion: das andere Geschlecht ist das herrschende Geschlecht.
Anita hat ihre Telefonate erledigt, und ich muß jetzt ebenfalls anrufen, um meine Verabredung zu verschieben. Anita, die weniger Geduld hat oder mehr in Eile ist, geht schon voraus zu dem hundert Meter weiter auf der rechten Seite geparkten Wagen; ich soll nachkommen, wenn ich fertig bin.
Ich hätte besser daran getan, vor dem Restaurant auf sie zu warten. Aber ich hatte keine Ahnung, daß ich auf halbem Wege an gut zwanzig Bauarbeiterinnen vorbei muß, die, auf dem Bürgersteig sitzend, Mittag machen. Als ich sie zu Gesicht bekomme, ist es zu spät. Ich muß vorbei. Was ich mit gesenktem Blick und gleichgültiger Miene versuche. Aber was dann folgte, hätte ich mir nie träumen lassen. Bei meinen bisherigen Ausgängen hatte sich alles auf ein paar leichte Berührungen, Zurufe, Pfiffe, schlimmstenfalls auf einen ordinären Antrag beschränkt. Ist es hier die strahlende Sonne, die Muße während der Pause, der geringe Straßenverkehr zu dieser Zeit? Sobald die Arbeiterinnen meiner ansichtig werden, fixieren sie mich, ziehen mich mit ihren Blicken aus, überschütten mich, völlig enthemmt, mit einer Flut von Anzüglichkeiten. Es liegt etwas Verächtliches und Sadistisches darin, gleichsam eine verbale Vergewaltigung, deren Gewalttätigkeit mich niederschmettert. |365|Ich stelle mich taub, gehe vorbei und wage nicht, den Schritt zu beschleunigen, denn ich will sie nicht durch eine fluchtartige Reaktion provozieren. Vergebliche Mühe. Vor mir pflanzt sich ein sommersprossiges großes Mädchen auf. Ihre durchdringenden Augen quellen fast aus den Höhlen, der Schweiß dringt ihr aus allen Poren. Während sie mir den Weg versperrt, schreit sie inmitten von Gelächter und Anfeuerungsrufen: Den süßen Kleinen da werde ich mir mal vornehmen, Mädels! Sie packt mich mit aller Kraft an den Armen, preßt mich an sich, daß mir die Luft wegbleibt, und küßt mich auf den Mund. Von ihren warmen Lippen geht ein kräftiger Geruch aus. Ich wehre mich, schreie, entwische ihr, werde aber von anderen Händen festgehalten. Kreischend machen sich die Mädchen daran, mich zu umzingeln und über mich herzufallen. Süßer! sagt die Blonde unter Gelächter und preßt mich erneut an sich, du solltest zusehen, wie du uns helfen kannst, unsere patriotische Pflicht zu erfüllen!
Ein schwarzer Plymouth hält mit knirschenden Reifen am Rande des Bürgersteigs. Kurzes gellendes Hupen. Eine Milizionärin taucht auf. Wütender Anschnauzer. Ich werde befreit.
Ich rette mich unter den letzten Anzüglichkeiten in den Wagen; zwei, drei dieser Grobheiten sind an Anitas Adresse gerichtet und lassen soziale Ressentiments erkennen. Die Milizionärin fährt los, während die Furien die Karosserie mit den Fäusten bearbeiten. Atemlos, zerzaust und mit klopfendem Herzen sinke ich in die Polster. Ich zittere vor Wut und auch, warum soll ich es verschweigen, vor Angst. Sicher hätte ich eines oder zwei dieser Mädchen außer Gefecht setzen können, doch abgesehen davon, daß ich es verabscheue, Frauen zu schlagen (vermutlich ein altmodisches Tabu), wäre ich der Überzahl unterlegen.
»Erhol dich jetzt, Ralph«, sagt Anita, »und knöpf dir die Hose zu. Sie wollten nur randalieren. In diesem Milieu sind Entführungen nicht üblich. Diese Mädchen haben weder die Mittel noch die Zeit noch die geeigneten Räumlichkeiten, um eine Entführung mit allem Drum und Dran zu bewerkstelligen. Aber trotzdem sollte dir das eine Lehre sein, Ralph. Bitte Jackie noch heute, dir eine Leibwache zu geben. Du darfst dich in Washington künftig nicht mehr allein auf die Straße wagen, auch nicht am Tage.«
|366|Meine verschobene Verabredung und mein Besuch bei Anita – der länger als vorausgesehen dauerte – haben meinen Zeitplan durcheinandergebracht, und nach einem hastigen Sandwich komme ich spät nach Hause. Ich wurde langsam unruhig, sagt Burage, als sie mir die Tür öffnet. Jackie hat Dienst, und ich habe Dave ins Bett gebracht. Nicht ohne Mühe. Er wollte auf dich warten.
Ich ziehe mich aus und dusche; im Pyjama, mit einem halben Glas Whiskey in der Hand, stürze ich mich auf die Chesterfield und gebe Burage den Bericht, den sie erwartet. Ich bin so abgespannt, daß ich ihr nicht einmal vorwerfe, mit Anita Tee getrunken zu haben, ohne mir etwas zu sagen.
Schweigen. Da ein Kommentar von ihr ausbleibt, sage ich nach einer Weile: »Ich habe den Eindruck, mich für ein Institut verkauft zu haben.«
Burage zuckt mißgestimmt die Schultern.
»Das stimmt nicht, du dramatisierst wieder einmal. Schließlich ist Anita vor dem Gesetz deine Frau.«
»Ich habe nur eine Frau, und du weißt genau, wer es ist.«
»Ich habe gesagt: vor dem Gesetz.«
»Und wer hat mir abgeraten, mich scheiden zu lassen?«
»Hör zu, Ralph, es wird auch dabei bleiben. Eine Scheidung war nicht möglich, ob es dir nun gefällt oder nicht. Sie hätte eine politische Färbung bekommen. Es hätte so ausgesehen, als wolltest du Anita ins Dunkel des Bedfordismus zurückstoßen, nachdem die Präsidentin beschlossen hatte, sie wieder hochkommen zu lassen. Und dann, ehrlich, was hast du Anita vorzuwerfen? Selbst von Paris aus hat sie nicht aufgehört, sich bei Bedford für dich einzusetzen, damit man dich nicht antastet.«
Ich richte mich auf.
»Das wußte ich doch gar nicht! Von wem weißt du es?«
»Von Dorothy.«
»Und hast mir nichts gesagt?«
»Das ist wohl zuviel verlangt, daß ich ständig Loblieder auf Anita singen soll.« Burage schüttelt ihr Haar.
Ich schweige und sehe sie an. Burage, der große Mann – sie ist gerade auf einen wichtigen Posten an der Spitze des Gesundheitswesens berufen worden. Es wird nötig sein, daß ich dich nach und nach durch Sanftmut, Hartnäckigkeit, zärtliche Vorwürfe und alle weiblichen Überredungskünste dazu bringe, zum |367|ersten, mir nichts mehr zu verbergen, zum zweiten, nicht über meinen Kopf hinweg Entscheidungen zu fällen, die mich betreffen. Wir werden noch auf die Tasse Tee von gestern mit Anita zurückkommen. Nicht heute abend. Heute abend fühle ich mich überwältigt, weil du eben ein wahres Wort gefunden hast – die Wahrheit der Frau, die stärker als der Panzer der Kämpferin ist.
»Burage«, sage ich halb im Scherz, halb im Ernst, »wenn wir das alles aufgeben würden? Einfach wegfahren?«
»Wer, wir?«
»Du, Dave und ich.«
»Die Minifamilie«, sagt Burage, aber ohne ihren sonst üblichen aggressiven Sarkasmus.
»Warum nicht?«
»Ja«, sagt sie mit zärtlicher Ironie, »warum nicht? Aber wohin?«
»Wohin du willst: nach Europa.«
»Ach, Europa!« sagt Burage. »Wo jetzt gerade die repressiven Gesetze erlassen wurden!«
»Afrika?«
»Um in eine Kultur zurückzufallen, die die Frauen verachtet!«
Ich breche das Spiel an diesem Punkt ab. Aber es ist ein Spiel, bei dem ich ihr geheimes Einverständnis spüre.
»Warum nur wir drei?« fährt sie fort und wirft den Ball nicht ohne Selbstgefälligkeit zurück. »Warum nicht auch Jackie? Arme Jackie.«
Ich würdige dieses Mitgefühl schweigend. Aber da Burage mich in Erwartung einer Antwort ansieht, sage ich: »Ich mag Jackie sehr. Aber sie ist, wie soll ich es ausdrücken, eine Art Anhängsel. Mir kommt es so vor, als ob sie dazu da ist, unserem Leben einen respektablen Anstrich zu verleihen.«
Burage lacht schallend.
»Ach, Ralph, wie komisch du bist! Einen respektablen Anstrich! Aber im Grunde stimmt das genau!«
Sie bremst sich gerade noch rechtzeitig. Sie wird nicht weitergehen. Selbst im Zwiegespräch mit mir, selbst ohne Abhöranlage wird sie die Weltanschauung des Wir, das Gesetzbuch der Frau und die Mystik der Reconstruction nicht kritisieren. Sei gegrüßt, Präsidentin Hope, die das Land wiederaufbauen werden, huldigen dir.
|368|Sie ergreift meine Hand und stößt einen leisen Seufzer aus.
»Ralph, du darfst nicht mehr allein auf die Straße. Du wirst dich entschließen müssen, Jackie um diese Leibwache zu bitten.«
Ein Händedruck, den ich erwidere. Ein zweiter Seufzer. Keine Fluchtträume mehr für die Flüchtlinge von Blueville. Das ist die traurige Wahrheit: wohin man auch geht, der Stacheldraht bleibt. Burage wird weiter für das HEW arbeiten und sich politisch engagieren. Und ich, ehemals Nutznießer einer frauenfeindlichen Kultur, ich werde die in Blueville so erfolgreich begonnene Lehre auf einem Posten fortsetzen, der geringfügig an Bedeutung verloren hat. Und obendrein tagtäglich – manchmal besser, manchmal schlechter – meinen neuen Status als sexuelles Objekt ertragen. Ohne, wie ich hoffe, meinen Hang zur Eigenliebe zu sehr zu entwickeln. Und wenn möglich, ohne paranoide Verfolgungskomplexe.
Wäre ich Christ, würde ich sagen, daß ich Buße tue. Denn offen gestanden, wird mir von Tag zu Tag, da die Rollen vertauscht sind, immer klarer: Anlaß zur Buße gibt es genug.
Ich sehe Burage an und drücke erneut ihre kräftigen Finger. Nein, ich werde nicht fortgehen. Ich habe viel verloren. Aber trotzdem gibt es etwas, was mir bleibt und was man mir nicht nehmen kann: dich, Burage.
Und das heimliche Paar, das wir bilden – inmitten der offiziellen ungeteilten Gemeinschaft.