|225|ELFTES KAPITEL

Wenn ich heute an die folgende Szene zurückdenke, setzt mich der gekünstelte, wenig überzeugende Charakter in Erstaunen, den Helsingforth ihr aufprägte.

Selbst ihre Sprache klingt falsch. Sie ist steif und affektiert, als hätte Helsingforth ihre Sätze zu sehr vorbereitet. Aus ihrer ganzen Haltung spricht gleichsam ein kalt berechnender Sadismus, der ihr in der Praxis, dessen bin ich sicher, nicht einen Bruchteil des erwarteten Genusses einbringt. Sie ist zwar paranoid und sadistisch, aber die Grausamkeit hat bei ihr nicht den spontanen Charakter einer Leidenschaft. Sie hat zuviel System, und alles ist zu sehr ausgeklügelt.

Im übrigen überzieht sie, wie schon bemerkt. Alle ihre Effekte sind übertrieben. Als ich zum Beispiel ins Wohnzimmer komme, sehe ich auf einem niedrigen Tisch eine Teekanne, Toast, Butter, Konfitüre – aber nur eine einzige Tasse! Ich bin nicht eingeladen!

Das entspricht als beabsichtigte Flegelei der gleichen Haltung wie ihre Gewohnheit, am Schluß ihrer Briefe die Höflichkeitsformeln wegzulassen. Es ist dermaßen ostentativ, daß es sein Ziel verfehlt.

Ein anderes Beispiel. Als Helsingforth, aus der Küche kommend, schließlich im Wohnzimmer erscheint, kommt sie nicht einfach herein, sondern hält ihren Einzug. Sie »plustert« sich in einem seidigen, schillernden Morgenmantel, unter dem sie natürlich nackt ist. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, setzt sie sich in den einzigen Sessel und sagt zu mir, als würde sie mit dem Fuß ihren Hund zur Seite schieben: »Platz!«

Das ist plump und kindisch. Deshalb fühle ich mich in diesem Augenblick auch nicht gedemütigt, sondern verspüre nur eine Art spöttischer Verachtung. Mir scheint, Helsingforth könnte bei ihren Gemeinheiten etwas subtiler zu Werke gehen. Ich muß mich sogar ernsthaft zusammennehmen, um mir ins Gedächtnis zu rufen, bis zu welchem Grade mein Gegenüber gefährlich und wie verwundbar meine Position ist.

|226|Gut. Ich setze mich auf einen Hocker. Die Augen auf den Toast gerichtet – ich spüre jetzt erst, wie hungrig ich bin –, warte ich.

Schweigen. Sie trinkt. Vermutlich will sie den Eindruck erwecken, daß auch das bei ihr eine geheiligte Handlung sei: Die ganze Welt hält inne und schaut auf Helsingforth. Das ist wirklich danebengegriffen: Sie macht sich unglaubwürdig.

Schließlich habe ich es in Blueville mit authentischen Menschen zu tun: Pierce, Burage, Stien, Grabel. Sogar Mr. Barrow ist in gewissem Sinne authentisch: Er glaubt an seine Bürokratie. Und dann gibt es den Wachtturm, den Stacheldraht, die Labors und das komplizierte soziale Leben des Lagers mit seinen Kasten, seinen Abhöranlagen und seinen illegalen Aktivitäten; alles das ist greifbar und real. Hier ist alles gekünstelt, angefangen mit dem Bungalow. Von weitem sieht er aus wie ein Blockhaus, deren es so viele in Vermont gibt. Aber wenn man ihn betritt, entdeckt man einen Swimmingpool mit Marmorrand. Und was stellt diese Helsingforth vor dieser Filmkulisse dar? Eine antike Heldin? Ein geheiligtes Monstrum? Keineswegs, nur der äußere Schein ist eindrucksvoll. Man denke sich die Größe und die Muskulatur weg, was bleibt dann? Eine unerbittliche Geschäftsfrau, eine Millionärin von schlechten Manieren, eine unerträgliche Komödiantin.

Ich sitze auf meinem Hocker, stumm, willfährig, mit gesenkten Augen, doch der Schein trügt. Innerlich grinse ich. Ich blicke geringschätzig auf meine Partnerin herab, ziehe sie in den Dreck. Alles Kitsch, die ganze Helsingforth. Eine billige Sadistin und Paranoikerin, die sich für Nero hält, weil sie ihre Busenfreundin vertrimmt. Im Grunde ist sie trotz ihres Gehabes die Vulgarität in Person. Sie hat keinen Stil, keine Finesse. Ich bin unbedacht und vergesse, daß mein Leben von ihr abhängt, und nicht nur mein eigenes Leben. In ihrer Gegenwart werde ich zusehends wieder zum Phallokraten. Ich siele mich – ich auch! – in geschmacklosen sadistischen Wunschträumen. Beispiel: Ich stehe auf, nehme den Hocker, schleudere ihn gegen ihren Kopf und nutze ihre Ohnmacht aus, um sie zu vergewaltigen …

In diesem Augenblick setzt meine Vergewaltigte ihre Tasse aufs Tablett und sieht mich an, fast wohlwollend, könnte man meinen. Sachliche Stimme. Samtpfoten. Mein Gott, wie schlecht sie ihre Rolle spielt! Wie sie überzieht! Wie sie ihre Absichten zu |227|verschleiern sucht! Als ob das grausame Finale nach diesem süßlichen Vorspiel nicht vorauszusehen wäre!

»Wie geht es in Ihrem Labor voran?«

»Sehr gut.«

Sie kontert sofort.

»Zu gut! Ich habe einen Bericht erhalten, in dem von übermäßiger Intimität zwischen Ihnen und Burage die Rede ist.«

Ich antworte ganz sachlich.

»Burage hat eine wichtige verwaltungstechnische Funktion, ich sehe sie oft, unsere Beziehungen haben sich sehr verbessert.«

Pause. Sie beugt sich wieder über ihre Tasse und hebt dann den Kopf, um mir frostig entgegenzuhalten:

»Ich habe andere Informationen über Sie, in denen von einer zweideutigen Haltung gegenüber Friedman und Mrs. Barrow gesprochen wird.«

»Friedman?«

»Die Milizionärin, die Sie Pussy nennen.«

»Zweideutig ist nicht der richtige Ausdruck«, sage ich nach einer Weile. »Mein Verhalten ist korrekt, aber ich kann nicht leugnen, daß ich mich gegen meinen Willen von den genannten Personen angezogen fühle.«

Helsingforth sieht mich mit eisiger Miene an. Im nachhinein frage ich mich, warum ich ihr dieses blödsinnige Eingeständnis gemacht habe. Vielleicht wollte ich in bezug auf die beiden anderen konzilianter sein, nachdem ich mit Burage alles abgestritten hatte. Aber nein, das ist es nicht. Der wahre Grund ist, daß mich Helsingforths schlechtes Komödienspiel zur Verzweiflung bringt und daß ich irgendwie auch meine Rolle spiele! In einem mir fremden Stil. Wieder einmal stelle ich fest: Mit einem Falschspieler kann man nicht ehrlich spielen!

»Ich hoffe, Doktor«, sagt Helsingforth in vernichtendem Ton, »Sie sind sich über die Tragweite des eben Gesagten im klaren.«

Ihre angebliche moralische Entrüstung ist wiederum wenig überzeugend.

»Ich bin mir darüber im klaren«, sage ich. »Zudem vermute ich, daß Sie von mir offene Antworten erwarten.«

Ich ziehe mich, mehr schlecht als recht, aus der Affäre.

Sie macht eine dramatische Pause und sagt, ohne die Stimme zu heben: »Also, Doktor, was machen wir nun mit Ihrer Kündigung?«

|228|Das ist es also! Nachtigall, ich hör’ dich trapsen! Und obendrein so tun, als würde ich um meine Meinung gefragt. Dieses kleine sadistische Spiel ist plump und dumm. Aber es verfehlt nicht seine Wirkung auf mich. Ich bekomme einen ganz trockenen Mund, mir kleben die Lippen aufeinander, und meine Stimme ist klanglos.

»Gibt es einen neuen Gesichtspunkt, der Sie veranlaßt, Ihre Entscheidung zu revidieren?«

»Es gibt einen«, sagt sie mit so schlecht gespielter Gelassenheit, daß ich sofort den nächsten Fußtritt erwarte. »Die Bedford-Administration wird die Subventionen für Ihre Forschungsarbeit ab Oktober einstellen.«

Dieser Hieb trifft völlig daneben. Erstens, weil das vorauszusehen war, zweitens, weil meine Arbeit bis Oktober abgeschlossen sein wird. Möglicherweise sogar früher.

Ich sage ihr das.

Sie schweigt und zieht dann eine Show ab, die mehr als plump ist. Im Zeitlupentempo gießt sie sich eine zweite Tasse Tee ein, nimmt zwei Stück Zucker und rührt mit einem Teelöffel darin herum. Das nimmt eine gute Minute in Anspruch. Ich sehe geduldig in die Flammen.

Nachdem sie mich so – wie sie glaubt – auf die Folter gespannt hat, sagt sie mit scheinbarem Gleichmut: »Ob Sie es bis dahin schaffen oder nicht – es ist sehr unwahrscheinlich, daß ich mit der Produktion Ihres Serums beginnen kann.«

Aber auch das war mir bekannt! Helsingforth sagt mir nichts Neues. Sie bestätigt nur, was ich schon weiß. Und ich zeige weder Überraschung noch Empörung. Ihre Bombe ist ein Spätzünder. Ich schweige.

Schade, daß ich versäume, aufzublicken und sie anzusehen, aber ich glaube, meine Dickfelligkeit hat sie aus der Fassung gebracht. Nach einer Weile fährt sie in einem Ton fort, der mich durch seine Natürlichkeit in Erstaunen setzt:

»Glauben Sie mir, ich bin selbst nicht gerade glücklich bei dem Gedanken, diesen riesigen Markt zu verlieren. Wie Sie sich vorstellen können, ist mir persönlich sehr daran gelegen, Ihr Serum kommerziell zu verwerten. Doch bei dem gegenwärtigen Stand der Dinge halte ich das für ausgeschlossen.«

Sie hat fast menschliche Töne gefunden, um mir von ihren Geldsorgen zu berichten.

|229|Ich schweige mit gesenktem Blick und stelle mir ein paar Fragen. Wenn sie davon überzeugt ist, mein Serum nicht produzieren zu können, was hindert sie daran, mich unverzüglich zu entlassen? Und wenn sie eine solche Absicht hat, warum tut sie es nicht schriftlich? Was bezweckt sie mit dieser Unterhaltung? Mit angespannten Sinnen wappne ich mich für den nächsten Angriff, der auch tatsächlich kommt, von einer völlig unerwarteten Seite.

»Martinelli, Sie haben zugegeben, daß Sie sich, gegen Ihren Willen, von Friedman und Mrs. Barrow angezogen fühlen.«

»Es ist nichts Anstößiges vorgefallen: weder Worte noch Gesten.«

»Es gab Blicke.«

»Ja, aber auch das hat aufgehört.«

»Ich weiß.«

Sie sieht mich mit ihrem rechten Auge an, auch mit dem linken, glaube ich, obwohl es unter ihrem Haar verborgen bleibt.

»Und fühlen Sie sich, gegen Ihren Willen, auch von mir angezogen?«

Das war es also! Ich bin sprachlos! Ich kann mir gratulieren, daß ich mich von Anfang an dafür entschieden habe, das Unschuldslamm zu spielen. Denn diesmal war ihr Pulver nicht naß geworden. Der Schlag sitzt! Ich bin echt überrumpelt. Ich fühle mich wie eine Stenotypistin, der ein tyrannischer Chef den Hof macht.

Ich weiß absolut nicht, was ich antworten soll, und sage auf gut Glück: »Ich bin ein wenig hungrig. Darf ich mir eine Scheibe Toast nehmen?«

Dieser Einfall ist gar nicht so schlecht. Wenn sie mit mir schlafen will, muß sie mir wenigstens etwas zu essen geben.

»Sie dürfen«, sagt sie unwirsch.

Ich bediene mich und begnüge mich nicht mit der Scheibe Toast, sondern bestreiche sie auch mit Butter. Und führe sie ohne übermäßige Hast zum Mund.

»Sie sind mir eine Antwort schuldig«, sagt sie voller Ungeduld.

»Ich zögere, sie Ihnen zu geben.«

»Warum?«

»Weil sie mir zur Last gelegt werden könnte. Soeben haben Sie mir die paar armseligen Blicke angelastet, die ich Pussy und Mrs. Barrow schenkte.«

|230|»Hier bin ich der Richter«, sagt Helsingforth.

Wenn nicht mein Schicksal und das meines Serums auf dem Spiel stünden, könnte ich ihr für diesen Zynismus fast dankbar sein. Zumindest liegen die Dinge klar. Sie glaubt von der herrschenden Orthodoxie kein Sterbenswörtchen.

Unter ihrem Blick spüre ich, daß ich nicht mehr ausweichen kann. Ich lege die angebissene Scheibe Toast auf den Tisch und sage: »Die Anziehungskraft, von der Sie sprachen, existiert wohl, doch steht sie mit der Angst im Widerstreit.«

»Erklären Sie das«, sagt sie abweisend.

»Sie haben mir zu Beginn dieses Gesprächs zu verstehen gegeben, Sie könnten mich zu jedem beliebigen Zeitpunkt entlassen. Ich möchte, daß Sie solche Andeutungen zurücknehmen.«

»Warum?«

»Damit Sie nicht glauben, meine Entscheidung sei von der Angst diktiert.«

Ein Blick. Sie zögert zu verstehen. Hochmütiges Stirnrunzeln. Grimasse. Verächtliche Ungläubigkeit. Dann lautes Lachen aus voller Kehle. Beleidigend, provozierend. Ha! ha! ha! gurgelt sie mit abgrundtiefer Verachtung. Und verfehlt natürlich ihr Ziel. Ihr heimtückisches Lachen bleibt ohne Wirkung; der Ton ist falsch, paßt überhaupt nicht zu ihrer Stimme. Sie beleidigt mein Ohr, nicht mich.

Abgesehen davon, daß sie ihr Ha! ha! ha! zu sehr in die Länge zieht. Nur das fröhliche Lachen ist lang. Das böse Lachen ist immer kurz. Ihr Lachen ist doppelt falsch: im Ton und in der Dauer.

»Martinelli«, sagt sie mit verächtlichster Miene, »Sie sind naiv. Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen im Austausch für Ihre kleinen Dienste Ihr Verbleiben in Blueville garantieren werde, machen Sie sich Illusionen. Es steht Ihnen nicht zu, irgend etwas auszuhandeln. Wenn Sie nachgeben, werden Sie nichts von mir bekommen, nicht einmal das Versprechen, Sie zu behalten.«

Wenn Sie nachgeben! Sie hat das gesagt, ohne zu lachen. Und trotz der mir drohenden Gefahr finde ich ihre Kraftanstrengungen, mich zu bewegen, mit ihr zu schlafen, langsam komisch. Letzten Endes habe ich vielleicht nichts zu gewinnen, aber sicher auch nichts zu verlieren.

Ich entschließe mich, diesem Haudegen die Stirn zu bieten.

»Erlauben Sie mir eine Frage?« sage ich höflich.

|231|»Ja.«

»Als ich Ihnen vorhin den Rücken abgetrocknet habe, spürten Sie doch sicher …«

Ich beende meinen Satz nicht und lächle ihr zu, ein wenig hurenhaft – was ich mir zum Vorwurf machen würde, wenn es nicht leider der Situation entsprochen hätte.

»Aber gewiß«, sagt sie, als verstünde sich das von selbst.

»Finden Sie nicht, daß die Erpressung mit der Entlassung in diesem Falle überflüssig ist?«

»Ja«, sagt sie, »wenn ich Sie bloß haben wollte. Aber das reicht mir nicht. Ich will Sie unterwerfen.«

Großer Gott, mich unterwerfen. Wie Julius Caesar Gallien unterworfen hat!

Welche Maßlosigkeit! Soviel Wind um einen lächerlichen Koitus!

Ich will diese riesige Wespe ein bißchen an der Nase herumführen.

»Sie wollen mich unterwerfen?« frage ich mit einnehmendem Lächeln. »Ich weiß nicht, wie das vor sich gehen soll. Da ich Sie begehre, bleibt die Situation zweideutig. Wenn ich mich dafür entscheide, mit Ihnen zu schlafen, werden Sie niemals wissen, was für meine Entscheidung den Ausschlag gab, das Begehren oder die Angst.«

Ich sehe ihr an, daß sie sich in so spitzfindige Gedankengänge nicht verstricken lassen will. Sie zieht sich auf ihre Art aus der Affäre: autoritär.

»Wissen Sie, Martinelli«, sagt sie brutal, »ich pfeife auf Ihre italienische Subtilität! …«

Ich komme nicht dazu, ihr eine Antwort zu geben. Ein Blitz taucht das Zimmer in weißes, unerträgliches Licht, unmittelbar darauf ein harter, lauter Donnerschlag. In der Küche stößt jemand einen Schrei aus.

»Audrey!« schreit Helsingforth.

Sie schnellt mit massiger Beweglichkeit von ihrem Sessel empor, reißt die Küchentür auf und erscheint Sekunden später mit Audrey im Arm.

»Doktor«, kreischt sie angstvoll, »ist sie getroffen?«

Während sie das sagt, legt sie Audrey auf die Felldecke des riesigen Diwans. Ich trete näher und beuge mich über das Mädchen.

|232|»Rühren Sie mich nicht an!« schreit Audrey. Aus ihren weit aufgerissenen Vergißmeinnichtaugen starrt sie mich voller Abscheu an.

»Ihr ist nichts passiert«, sage ich mit leisem Lächeln. »Ihre Reaktion beweist es.«

Aber Hilda Helsingforth lacht nicht. Sie setzt sich auf das Bett, lehnt sich mit ihrem breiten Rücken an die Zedernholzverkleidung, richtet Audreys Körper mit erstaunlicher Behutsamkeit auf, bettet Oberkörper und Kopf auf ihren Schoß und streichelt, den grazilen Nacken mit dem Ellbogen stützend, mit ihrer breiten Hand Audreys Haar. Gleichzeitig überschüttet sie das Mädchen mit einer Flut unverständlicher, zärtlicher Worte, die halb ein Schnurren, halb ein gedämpftes Brüllen sind.

Ich traue meinen Augen kaum. Auch nicht meinen Ohren. Ich hatte falsche Vorstellungen von den Paranoikern. Ich hatte geglaubt, die mit verfolgungswütigem Sadismus gekoppelte Hypertrophierung des eigenen Ichs hinderte sie, zu lieben. Was für ein Irrtum! Ich kann mich mit eigenen Augen davon überzeugen: die Peitschenhiebe schließen die innige Zuneigung nicht aus.

Ich muß gestehen, daß ich die Beziehung der beiden Frauen nicht in diesem Licht gesehen hatte. Und es wird mir ein bißchen peinlich, zugegen zu sein. Die kleinen sadistischen Spiele gehen noch an. Aber niemand ist gern Zeuge intimer Zärtlichkeiten.

Ich fasse einen Entschluß: ich verschwinde.

Als ich in Richtung Tür gehe, hebt Helsingforth den Kopf, als wäre sie erstaunt, mich dort zu sehen.

»Ich fahre morgen nach Washington«, sagt sie mit abwesender Stimme. »In acht Tagen werde ich zurück sein.«

Ende. Ich trete ab. Sie hat für mich nicht einmal ein unverbindliches »Auf Wiedersehen« übrig. Aber ich verstehe ihren Satz dahingehend, daß sie mich für den Augenblick beurlaubt und sich mit mir für später verabredet.

 

Nachdem die Tür der Luxushütte hinter mir ins Schloß gefallen ist, hole ich tief Luft und schlucke dabei etwas Wasser. Es gießt wie aus Kannen, doch seltsamerweise ist der Himmel viel heller als während meines Gesprächs mit Helsingforth. Ich laufe im Regen zu den Pferdeställen. Der Wallach ist schon gesattelt, |233|und in Schuschkas Box finde ich mit Erleichterung die gewöhnliche Menschheit wieder vor, in Gestalt Jackies.

»Sie können ungehindert reden«, sagt Jackie und lächelt mir offenherzig und natürlich zu. Nach dem eben Überstandenen wirkt das auf mich wie ein Sonnenstrahl.

»Das Gewitter macht jede Form des Abhörens unmöglich«, fährt sie fort. »Außerdem hat Helsingforth im Augenblick Wichtigeres zu tun. Ich habe Ihre Schuschka beim ersten Blitz zu satteln begonnen: ich wußte, was da kommen würde. Audrey hat eine panische Angst vor dem Blitz, dann schießen bei Helsingforth die mütterlichen Empfindungen hoch, und es fangen die großen Liebkosungen an.«

»Sie kennen die beiden?«

Jackie lacht.

»Ich versorge das glückliche Paar zweimal in der Woche mit Proviant. Per Jeep, und wenn der Jeep nicht durchkommt, zu Pferd.«

Sie löst einen blauen, durchsichtigen Regenmantel vom Sattel, streift das enganliegende Kleidungsstück über ihre Uniform und zieht die Kapuze über das Käppi. Sie wirkt charmant, und darüber hinaus ist meine Milizionärin wie ausgewechselt. Während sie den Bauchgurt ihres Pferdes fester schnallt, entdecke ich in ihren leuchtenden Blicken, in ihren lebhaften Bewegungen, in ihrem herzlichen Lachen eine vielversprechende Fröhlichkeit.

»Aufgesessen!« ruft sie mit einem prickelnden Lachen. »Sie reiten voraus, Doktor, solange man uns von hier aus sehen kann. Danach wird es nicht mehr nötig sein.«

Ich ziehe meine Golfmütze tief über die Ohren und knöpfe meinen Regenmantel bis zum Kinn zu, ohne mir Illusionen über seine Undurchlässigkeit zu machen. Ich spüre im voraus die kleinen eisigen Rinnsale, die mir den Nacken herunterlaufen werden. Da ist die weibliche Kapuze meiner militärischen Begleiterin viel vernünftiger. Sie zieht sie unter dem Kinn mit einem Band zusammen, so daß nur ihr helles, ovales Gesicht und ihre grauen Augen, in denen eine unerklärliche Freude tanzt, unbedeckt bleiben. Den Fuß im Steigbügel, wirft sie mir einen letzten sprühenden Blick zu, bevor sie sich in den Sattel schwingt.

Sobald wir die Umzäunung verlassen haben, holt sie mich ein, trabt wortlos neben mir her und wendet mir ihr eingemummtes, |234|regennasses Gesicht zu, in dem das Rosa ihrer Wangen, das Grau ihrer Augen und das Weiß ihrer Zähne seltsam verschwimmen.

Wir gelangen auf den Sandweg. Er ist breiter als der Pfad, der sich zwischen den Zedern hindurchwindet. Und vor allem haben wir eine geradlinig ansteigende Strecke vor uns. Es gießt unaufhörlich, wir sind von den Blitzen bisweilen geblendet, und in den Bergen hallt endlos der dumpfe Donner wider, dessen entfesseltes Grollen mich gleichzeitig erleichtert und erregt. Jackie ruft aufgeräumt:

»Galopp, Doktor?«

»Galopp!«

Am Ende dieser geraden Strecke fallen wir in Trab, um eine Haarnadelkurve zu nehmen, und gelangen schließlich an einen steilen, vom Wasser unterhöhlten Abhang, der uns Schritt zu reiten zwingt.

Jackies rosiges, vom Regen gepeitschtes, vom Reiten erhitztes Gesicht wendet sich mir unter der blauen Kapuze ohne Unterlaß zu, mit einer freudigen Erregung, die mir angenehm ist, auch wenn ich sie nicht teile, da mich meine problematische Zukunft in Blueville beschäftigt. Ich achte sehr auf Schuschka, denn der Regen hat die Fahrspuren in dem sandigen Weg ausgewaschen, und Schuschka weicht ihnen immer häufiger aus, wobei sie sich bald dem scheuenden Wallach, bald dem Abhang, an dem wir entlangreiten, bedenklich nähert.

Erleichtert sehe ich der Talsenke entgegen. In Wirklichkeit sehe ich sie nicht. Der geballte Nebel entzieht sie meinen Blicken, und erst als wir schon mit der Nase darauf stoßen, entdecke ich sie.

Staunen. Das Rinnsal, das wir auf dem Hinweg an einer seichten Stelle überquert hatten, ist ungeheuer angeschwollen, und die Strömung führt lehmiges Wasser, das uns und die Pferde unweigerlich mitreißen würde, wenn wir leichtsinnig genug wären, es passieren zu wollen.

Ich sehe Jackie an.

»Was machen wir jetzt?«

»Ich weiß nicht«, sagt sie gutgelaunt. »Abwarten.«

Sie lächelt. Sie kneift die Augen zusammen, um sie vor dem Regen zu schützen, doch hat ihr Blick zwischen den halbgeschlossenen Lidern nichts von seiner Fröhlichkeit verloren.

|235|»Abwarten!« sage ich. »Im strömenden Regen abwarten, bis er aufhört!«

»Was schlagen Sie vor?« fragt sie mit unverändert fröhlichem und listigem Gesichtsausdruck. »Schauen Sie, Doktor«, fügt sie lachend hinzu, »Sie dürfen das nicht so tragisch nehmen.«

»Ach, Sie finden das wohl sehr amüsant!«

Sie lacht.

»Amüsant finde ich nur, daß Sie diese Situation nicht vorausgesehen haben. Ich, ja«, fährt sie im gleichen Ton verhaltener Genugtuung fort.

»Aber das hier ist doch nicht die einzige Stelle, wo wir durchkommen?«

»Aber ja doch!« sagt sie triumphierend. »Was glauben Sie, wie ich mich in diesem Wald auskenne! Ich war hier oft genug auf Patrouille.«

»Also, wofür entscheiden wir uns?« frage ich ungeduldig.

Sie sieht mich mit gespieltem Ernst an.

»Uns bleiben nur zwei Möglichkeiten, Doktor: entweder die Nacht im Regen zu verbringen oder zu Helsingforth zurückzukehren.«

»Ich ziehe den Regen vor«, sage ich düster.

»Bravo, Doktor! Was ist schon eine Nacht im Freien, bei Gewitter? Sie haben warme Kleider, einen guten Regenmantel, eine Golfmütze …«

»Ich denke doch nicht an mich«, sage ich, verärgert, daß sie die Dinge so leichtnimmt. »Ich denke an Dave. Er wird sich ängstigen.«

»Doktor«, sagt sie, lauthals lachend, »ich sehe, daß Ihr Ruf, eine Glucke zu sein, nicht aus der Luft gegriffen ist. Aber in Wirklichkeit ist Dave viel weniger zu bedauern als Sie. Er sitzt im Trockenen! Und er läuft keinerlei Gefahr, ohne Abendbrot bleiben zu müssen.«

»Sie kennen Dave nicht. Wenn ich nicht zurückkomme, gerät er in Panik. Er ist sehr sensibel.«

»Sie auch«, sagt sie in völlig verändertem Ton und mit völlig verändertem Blick. »Gott sei Dank gehören Sie nicht zu den Hartgesottenen.« Sie läßt ihren Wallach eine Kehrtwendung machen und ruft mir über die Schulter hinweg zu: »Kommen Sie, wir wollen hier weg. Unsere Pferde erkälten sich sonst.«

Sie reitet im Trab den Abhang hinauf, den wir eben herabgekommen |236|sind, und ich bringe Schuschka auf ihre Höhe. Mir läuft das Wasser in den Kragen, ich habe blaugefrorene Hände und eiskalte Füße. Der Himmel ist schwarz, und obwohl das Gewitter nur noch in großer Ferne weitergrollt, hört der Regen nicht auf, im Gegenteil. Dieser trostlos gleichmäßige Regen, der Stunden und Tage dauern kann, setzte ein, ohne sich durch plötzliche Windstille oder heftige Schauer anzukündigen.

Außerdem macht mir ein quälender Hunger zu schaffen. Mit großem Bedauern denke ich an die Scheibe Toast, die ich Helsingforth entrissen und von der ich nicht einmal die Hälfte gegessen habe.

Der Abhang wird schwierig, Schuschka muß sich anstrengen, ich lasse sie Schritt gehen. Jackie folgt meinem Beispiel und wirft mir von der Seite einen belustigten Blick zu.

»Wie ist die Stimmung?«

»Schlecht.«

»Alles in allem sind Sie kein Held, Doktor.«

»Nein.«

»Sie vergessen alle Ihre Pflichten, Doktor. Sie müßten absitzen und mir nach dem Motto Selbst-ist-der-Mann einen Unterschlupf aus Ästen bauen, um wenigstens meinen zarten Teint vor dem Unwetter zu schützen.«

»Darauf verlassen Sie sich lieber nicht.«

»Aber Doktor, ein bißchen mutig ans Werk. Nach zwei Stunden Arbeit sitze ich im Trocknen.«

Sie lacht immer noch.

»Nach links, Doktor.«

»Wissen Sie, wohin der Weg führt?«

»Nicht im geringsten.«

Jetzt macht sie sich offensichtlich lustig über mich, denn eben hatte sie gesagt, sie kennt den Wald genau. Ich schweige. Und wenn ich auch sprechen wollte, ich könnte es nicht. Jackie ist wie ein Wasserfall. Mir scheint, ihr selbst ist es gleichgültig, was sie sagt. Sie ist dabei, auf ironische Art das Thema des Antihelden abzuhandeln. Mich setzen weniger ihre Worte in Erstaunen als ihre Fröhlichkeit. Jackie strahlt vor animalischer Zufriedenheit. Ich bin sicher, das Blut kreist schneller in ihrem kräftigen Körper, Regen und Kälte vermögen ihr nichts anzuhaben, und ihre Haut unter den Kleidern ist warm und weich.

Wir gelangen auf eine weitläufige Lichtung. Mit ihrer Peitsche |237|zeigt Jackie auf einen in Regen und Nebel kaum sichtbaren großen braunen Fleck am anderen Ende.

»Sehen Sie das?« fragt sie.

»Nein, kaum. Was ist das?«

Sie lacht.

»Eine Hütte, Doktor! Sie brauchen keine mehr zu bauen!«

»Wußten Sie, daß es die hier gibt?«

»Das ist unser Kontrollpunkt, wenn wir im Wald auf Patrouille sind. Helsingforth stellt sie uns zur Verfügung. Ursprünglich war es ihr Walden1, in der ersten Fassung. Sie werden essen, schlafen und vor allem Ihren Sohn benachrichtigen können«, fügt sie mit freundschaftlichem Lächeln hinzu.

Ich bin gerührt, daß sie an Dave gedacht hat, und gebe ihr das Lächeln um ein Vielfaches zurück. Darauf setzt sie sich in Galopp, und ich folge ihr; in weniger als einer Minute befinden wir uns vor der Hütte. Sie reitet um die Hütte herum, und in einem angebauten Schuppen entdecke ich zwei Pferdeboxen.

»Doktor«, sagt Jackie, »lassen Sie Ihr Pferd gesattelt in einer Box stehen, ich kümmere mich darum. Ich werde beide Pferde schleunigst abreiben. Machen Sie in der Zwischenzeit im Kamin ein großes Feuer, der Schlüssel liegt unter einem großen Stein vor der Tür, und sehen Sie nach, was es im Kühlschrank gibt. Aber warten Sie mit dem Telefonieren, bis ich komme.«

Ich bin Jackie dankbar, daß sie mir die häuslichen Arbeiten vorbehält, obwohl ich es ein wenig paradox finde, je mehr ich darüber nachdenke. Aber ich bin völlig durchgefroren, und allein schon der Gedanke, Feuer zu machen, erwärmt mich.

Als die Flamme im Kamin hoch und klar aufschießt, inspiziere ich den Kühlschrank und finde darin Butter, Eier und Schinken, bei deren Anblick mir das Wasser im Munde zusammenläuft, und in einem Wandschrank Tee, gesalzenen Zwieback und Ananas in der Büchse. Das wird reichen. Als mein Soldat kommt, bin ich schon dabei, den Tisch zu decken, während die Eier in der Pfanne brutzeln und sich überall in der Hütte ein köstlicher Duft von Schinken verbreitet, was meinen Wolfshunger anstachelt.

Jackie hat sich in aller Eile die Hände gewaschen, und wir sitzen einander am Tisch gegenüber. Während die Flammen |238|uns von der einen Seite die Gesichter zum Glühen bringen, essen wir gierig und wortlos, doch in einem Klima von Gelöstheit und Eintracht, und wechseln zufriedene Blicke: zwei friedliche Tiere, die sich gut verstehen, an dieselbe Futterkrippe gebunden sind und dasselbe Strohlager teilen werden. Meine Füße sind in den Stiefeln wieder warm geworden, in meinem Magen verbreitet sich eine angenehme Wärme, und mich übermannt jene Mattigkeit, die vielleicht zu den angenehmsten Vergnügungen gehört, zumal wenn man sich satt gegessen hat.

»Und Dave, Doktor?« neckt mich Jackie, während sie ihre Teetasse absetzt. »Haben Sie ihn vergessen?«

»Sie hatten doch gesagt, ich soll mit dem Telefonieren auf Sie warten«, sage ich, schwankend zwischen Groll und schlechtem Gewissen.

Sie erhebt sich, geht zu einem kleinen Tisch, nimmt den Hörer ab und wählt eine Nummer.

»Hier Leutnant Davidson«, sagt sie. »Verbinden Sie mich mit Mr. Barrow.«

Sie hat mit abgehackter Stimme gesprochen, die mich an die alte Jackie erinnert.

Eine ziemlich lange Wartezeit. Und während sie konzentriert den Hörer an das Ohr hält, habe ich Muße, sie zu betrachten. Ihr blondes Haar, das den Nacken frei läßt, ist nach hinten zurückgekämmt. Die Frisur ist weder lang noch kurz, aber praktisch. Ihr heller Teint ist leicht gebräunt, sie hat graue Augen und Ansätze von Krähenfüßen, wie sie Sportlerinnen bekommen; sie hat breite Backenknochen und ein kräftiges Gebiß. Und von diesem offenherzigen Gesicht geht ein gesunder Menschenverstand und eine Ausgeglichenheit aus, die ich nach meinen Gesprächen mit den beiden Verrückten sehr anziehend finde.

Endlich. Sie ist mit Mr. Barrow verbunden worden und erklärt ihm die Situation. Sie spricht mit ihm nicht wie mit einer übergeordneten Person, sondern wie mit jemand »Gleichgestelltem«, der ein wenig unter ihr steht. Schließlich ist Barrow ein A und Jackie Leutnant – wie ich eben zu meinem Erstaunen erfuhr, denn ich verstehe nichts von Rangabzeichen. Als sie Barrow bittet, Dave zu benachrichtigen, unterbreche ich sie.

»Würden Sie Dave bitte ausrichten lassen, daß er bei den Pierces übernachten soll? Sie haben ein Bett.«

|239|Sie gibt es an Barrow in einem Ton weiter wie jemand, der Instruktionen erteilt, und hängt auf.

»Werden Sie jetzt Helsingforth anrufen?« frage ich.

Sie lacht.

»Niemand hat das Recht, Helsingforth anzurufen.«

»Nicht einmal Barrow?«

»Nicht einmal Barrow. Beruhigen Sie sich, Doktor«, fügt sie hinzu und sieht mich mit lachenden Augen an, »Helsingforth wird uns nicht stören mitten in der Nacht.«

Sie sagt »uns« ohne die geringste Verlegenheit. Eher bin ich verlegen.

»Was bedeutet ihr Dienstgrad?« frage ich, während ich mich auf das Bett setze und mich an die Bretterwand lehne. »Stehen die Milizionärinnen von Blueville unter Ihrem Kommando?«

»Ja. Seit kurzem.«

»Wieso sind Sie dann mit der Versorgung von Helsingforth beauftragt?«

»Ich war es schon als einfache Milizionärin. Und als ich zum Leutnant befördert wurde, erhielt ich den Auftrag, diese Aufgabe freiwillig fortzuführen.«

»Einen Auftrag? Von wem? Von Helsingforth?«

Sie lächelt.

»Die Miliz untersteht nicht Helsingforth. Die von mir befehligte Abteilung wurde vom Bundesstaat Vermont nach Blueville entsandt. Meine Vorgesetzten sind in Montpelier.«

»Und die haben Ihnen Order gegeben, Helsingforth weiterhin mit Proviant zu versorgen?«

»Nein«, sagt sie und sieht mir in die Augen. »Das Wir

Ich bin sprachlos. Jetzt sehe ich sie unverwandt an und schweige. Das ist ein Fehler, wie ich zu spät bemerke. Ich hätte sie fragen sollen, was das Wir ist. Mein Schweigen verrät mich.

Sie lacht, holt sich einen Stuhl und setzt sich rittlings mir gegenüber, ihre Arme auf die Lehne gestützt.

»Hören Sie zu, Doktor«, sagt sie. »Bevor Sie anfangen, mich mit naiver Miene zu fragen, was das Wir ist, will ich Ihnen erzählen, wie ich vom Wir angeworben wurde. Und vorher will ich Ihnen, wenn Sie es hören wollen, sagen, wer ich bin. Ich hatte gerade mein Soziologiediplom gemacht, als die Epidemie ausbrach. Verständlicherweise brauchte man keine Soziologen mehr. Und glauben Sie mir, ich war damals sehr froh, in die |240|Miliz eintreten zu können. Mein Diplom hat mir dort natürlich nichts genützt, doch ich habe viel Sport getrieben, ich bin ein guter Schütze und war lib

»Sie waren lib

»Ich bin es noch, Doktor. Genauer gesagt, ich bin zu 90 Prozent mit LIB einverstanden, nur mit dem Rest nicht.«

»Und worin bestehen die restlichen zehn Prozent?«

»Aber Doktor, ich will Ihnen doch keinen Vortrag halten«, sagt sie lachend.

Ich erwidere ihr Lachen.

»Sind Sie nicht Soziologin?«

»Also gut, ich finde eben, daß man wissen muß, wer der Feind ist. Der Mann ist kein Feind – auch wenn er der Frau gegenüber oft eine negative Rolle spielt. Man darf nicht den Schauspieler, der seine Rolle spielt, mit dem Autor verwechseln, der das Drehbuch geschrieben hat.«

»Und wer hat das Drehbuch geschrieben?«

»Die uns hinterlassene frauenfeindliche Kultur.«

»Bedford würde Ihnen entgegenhalten, daß der Mann diese Kultur begründet hat.«

»Oh, Doktor, das ist lange her! Man wird den Mann doch nicht für eine zweite Erbsünde bestrafen wollen. Im übrigen, ich mag die Männer recht gern.«

Bei diesen Worten sieht sie mich mit ihren grauen Augen so direkt und offen an, daß ich einen leichten Schauer meinen Rücken herunterrieseln fühle.

»Sie sind nicht sehr orthodox«, sage ich, um das Gespräch fortzusetzen und meine Bewegung zu verbergen.

»Sie werden erstaunt sein«, sagt sie. »Es gibt sogar Tage, an denen ich mich frage, ob sich die Frau wirklich durch die Arbeit befreit.«

»O doch, das ist der Fall.«

»Ja, aber vor allem für die Intellektuellen von LIB. Das sind Anwälte, Ärztinnen, Journalistinnen. Kurzum, eine Elite. Aber finden Sie, daß es für eine Fabrikarbeiterin sehr ›befreiend‹ ist, am Fließband zu arbeiten, mit einer Vorarbeiterin im Rücken? Oder auch für eine Milizionärin?«

»Sie sind von Ihrem Job wohl nicht sehr angetan, Leutnant?«

»Er kotzt mich an. Ich habe gestern in New Era gelesen, das Waffenhandwerk sei eine der edelsten und wichtigsten Errungenschaften |241|der Frau! Also offen gesagt, diese Errungenschaft hätte ich gern den Männern überlassen. Man verblödet ja als Milizionärin! Routine, Routine und nochmals Routine! Von den Gefahren gar nicht zu sprechen.«

»Gefahren?«

»Es kommt vor, daß wir angefallen werden«, sagt sie kurz.

»Wann?«

»Während der Patrouillen. Aber niemals im Lager, bisher jedenfalls.«

»Und wer greift Sie an?«

»Wir haben zwei Arten von Feinden: die Plündererbanden und die Guerillas der Anti-Bedford-Bewegung.«

Ich mache große Augen.

»Es gibt eine Anti-Bedford-Bewegung?«

»Sie ist zahlenmäßig ziemlich groß und gut bewaffnet, besonders in dieser Gegend. Kanada ist ihre Zufluchtsstätte.«

»Männer?«

»In der Mehrzahl Frauen, auch einige Männer.«

»Aber das ist ja wunderbar!«

»Finde ich auch. Doch Sie werden die Guerillas nicht zu Gesicht bekommen, weil sie Blueville niemals angreifen werden.«

»Weshalb nicht?«

»Weil Sie dort sind.«

Ich sehe Jackie ungläubig an.

»Doktor«, sagt sie ernst und bedeutungsvoll. »Sie scheinen sich nicht im klaren darüber zu sein, daß Ihre Forschungsarbeit für Millionen von Menschen eine Hoffnung darstellt.«

Mir ist die Kehle wie zugeschnürt.

»Jackie«, sage ich schließlich. »Sie wollten mir erzählen, wie Sie vom Wir angeworben worden sind.«

Sie lacht, steht auf, zündet sich eine Zigarette an und geht im Zimmer auf und ab. Ich sehe sie an. Ihre Silhouette und ihre Haltung haben etwas Widersprüchliches. Ihre Uniform, ihre Stiefel, ihr Gang und ihre Art, die Schultern einzuziehen, sind männlich und militärisch. Doch ihr Hüften schwingen, und unter ihrer Uniformjacke zeichnen sich deutlich ihre Brüste ab, zumal sie sich geradehält. Ihr Kopf weist ebenso viele Kontraste auf: die Gesichtszüge könnten die eines Mannes sein, doch die Haut ist glatt und zart, die Augen sind lebhaft, das Antlitz ist unvergleichlich beweglicher als das eines Mannes.

|242|»Doktor«, fährt sie mit fröhlicher, hintergründiger und komplizenhafter Miene fort, so daß ich meine Ohren ganz weit aufsperre, »vor ungefähr vier Wochen ließ Rita, deren Zimmer dem meinen gegenüberliegt, mich um zehn Uhr morgens wissen, daß die Baracken der Milizionärinnen durch Spezialisten aus Montpelier von oben bis unten durchsucht würden. Rita schlug mir vor, ihr jeden verbotenen Gegenstand, den ich in meinem Besitz haben könnte, anzuvertrauen. Ich tat es zu meinem Glück. Eine Stunde später wurde mein Zimmer durchkämmt. Doktor, haben Sie eine Vorstellung von dem fraglichen Gegenstand?«

»Ich glaube, ja.«

Sie fängt völlig ungezwungen zu lachen an, rückt näher ans Feuer und hält abwechselnd die eine und die andere Stiefelsohle in die Nähe der Flammen.

»Noch eine Frage, Doktor?«

»Ja. Wissen Sie, warum das Wir Ihnen den Auftrag gab, persönlich die Versorgung Helsingforths zu übernehmen?«

Schweigen. Ich bemerke, wie sie zögert, bevor sie eine Antwort gibt. Ihre Antwort fällt knapp aus.

»Das Wir ist der Meinung, daß Ihr Schicksal seit Anitas Abreise nach Paris allein von Helsingforth abhängt.«

Daraufhin Schweigen. Sie läßt es dabei bewenden und wechselt das Thema.

»Im übrigen ist es sehr lehrreich, mit Helsingforth und Audrey Kontakt zu haben. Ebenso lehrreich wie das Treiben, das sich mit offizieller Billigung in den Baracken der Milizionärinnen abspielt. Wissen Sie, Doktor, ich frage mich, ob es sich wirklich lohnt, die Männer zu eliminieren. Ich stelle fest, daß sich innerhalb des weiblichen Geschlechts ein zweites Geschlecht konstituiert und Pärchen sich herausbilden – mit allen Problemen eines Ehepaars, einschließlich der Frage, wer abwäscht und wer von beiden den andern beherrscht: der ›Starke‹ den ›Schwachen‹ oder umgekehrt.«

»Ich nehme an, daß Audrey abwäscht?«

»Daran besteht kein Zweifel. Audrey hat den Status einer Haussklavin, doch ist es nicht sicher, ob sie ›beherrscht‹ wird.«

Erneutes Schweigen. Dann wirft Jackie mit entschlossener Miene die Zigarette ins Feuer, verläßt das Zimmer und kehrt mit ihrem Gewehr zurück, das sie in eine Ecke stellt, neben einen kleinen Nachttisch. Danach überprüft sie systematisch die |243|Verschlüsse an Türen, Fenstern und Fensterläden. Der Regen trommelt noch immer heftig auf das Dach. Ich folge Jackie mit den Augen.

»Haben Sie ein Plätzchen frei, Doktor?« fragt sie und setzt sich neben mich auf das Bett. Ihre Augen blitzen vor Vergnügen. »Doktor, Sie haben doch erraten, welchen verbotenen Gegenstand Rita für mich versteckt hat.«

»Ja, das habe ich.«

»Was Sie aber nicht wissen, ist, daß ich ihm einen bürgerlichen Namen gegeben hatte. Oh, ja«, fährt sie ausgelassen fort, »das ist die Kraft der Phantasie: ich hatte es mir angelegen sein lassen, diesen Ersatz zu personifizieren. Und wollen Sie, Doktor, nun nicht fragen, welchen Namen ich ihm gegeben hatte?«

»Ich frage Sie nicht danach, aber Ihnen scheint viel daran zu liegen, es mir zu verraten.«

Sie lacht.

»Stimmt! Soll ich’s Ihnen sagen?« fährt sie fort.

»Wenn Sie wollen.«

Sie mustert mich überaus spöttisch, prustet fast los vor Lachen, und in ihren jugendlichen Augen züngelt es vor Freude.

»Also, gut, Doktor, ich nannte ihn Ralph!«

Daraufhin ergötzt sie sich an meinem Gesichtsausdruck und hört gar nicht mehr auf zu lachen. Während sie sich vor Lachen krümmt und ihr Anfall von Fröhlichkeit das ganze Bett schüttelt, belauern mich ihre Augen. Und nachdem ihr Lachen abgeflaut ist, legt sie mit vollkommener Natürlichkeit ihre Hand auf meinen Schenkel und läßt sie dort liegen, während sie mich unverwandt ansieht. Langsam wird ihr Gesicht wieder ernst, ihr Augenausdruck verändert sich und meiner auch, scheint mir.

»Gut«, sagt sie, als sei ihr Entschluß gefaßt. Und mit den Zehenspitzen entledigt sie sich ihrer Stiefel und schleudert einen nach dem andern schwungvoll durchs Zimmer. Dann schnallt sie rasch ihr Koppel ab, rollt es um die Pistole und wirft alles hinter sich auf das Bett.

Obwohl die Begierde auf mich übergegriffen hat, wird mir doch die Ironie der Situation bewußt. Da liegt überall im Zimmer verstreut die militärische Ausrüstung herum, deren sie sich mit männlicher Hast zu entledigen suchte: In diesem Augenblick bin ich die Zuflucht des Kriegers.