Als ich hinkomme, ist sie im Swimmingpool, nackt. Keine Spur von Audrey. Helsingforth kehrt mir den Rücken zu, und was für einen Rücken! Ihr monumentaler, gebräunter Körper schießt im durchschimmernden Wasser dahin und läßt eine schäumende Spur hinter sich. Sie erreicht den Satyr, der gurgelnd das Wasser in ein Becken am anderen Ende des Swimmingpools speit, wendet und kommt auf mich zu. Zwei Meter von der Stelle am Beckenrand, an der ich mich postiert habe, taucht sie auf, legt ihr Haar über die linke Wange und betrachtet mich schweigend. Ich staune, wie sie es fertigbringt, mich so von oben herab anzusehen, obwohl sie sich zu meinen Füßen befindet.
»Stehen Sie nicht da wie angewurzelt!« sagt sie schließlich trocken. »Ziehen Sie sich aus und kommen Sie ins Becken.«
Ich ziehe mich aus, wenigstens dem Anschein nach bereitwillig, und indessen läßt sie keinen Blick von mir, sicher um mich in Verlegenheit zu bringen; sie schätzt mich von Kopf bis Fuß wie ein Pferd ab, das sie kaufen will. (Eigentlich müßte ich angesichts unserer unterschiedlichen Körpermaße eher von einem Pony sprechen.) Ich ziehe mich, so gut es geht, aus der Affäre, glaube ich. Ich schäme mich jedenfalls nicht. Ich glaube einfach nicht, daß es für einen Mann demütigend ist, sich vor einer Frau auszuziehen, wie ihr schwarzes, verächtliches Auge mir weismachen will.
»Ihre Prüderie ist lächerlich«, sagt sie. »Ziehen Sie doch Ihren Slip aus.«
»Ich habe auf Ihre Aufforderung gewartet.«
So wie ich diesen Satz gesagt habe, gehört er zu den winzigen Unverschämtheiten, die ich bei meinem letzten Besuch als die beste Waffe des Schwachen entdeckt habe. So weit gehen, daß man trifft, aber nicht so weit, daß es zu einer Bestrafung führt. Ein Tyrann kann sich nicht über alles ärgern, das ist unmöglich.
|295|»Sie haben sich einen Schnurrbart wachsen lassen«, sagt Helsingforth und verzieht ihr Gesicht. »Das paßt nicht zu Ihnen. Das ist geradezu ein Mißgriff.«
Ich erwidere nichts und tauche einige Meter. Als ich wieder hochkomme, halte ich mich durch leichte Bewegungen der Hände und Füße oben, ohne mich fortzubewegen.
»Ist das alles, was Sie können?« fragt Helsingforth streng.
»Ich kann auch ein wenig schwimmen.«
»Dann schwimmen Sie!«
Ich füge mich. Ich kraule bis zur Satyrmaske und kehre zu ihr zurück, ohne das Tempo wirklich zu steigern; ich achte hauptsächlich auf den Stil. Als ich innehalte und zu ihr hinblicke, sagt sie:
»Das ist wenigstens etwas. Die Fußarbeit ist schlecht, aber die Armbewegungen sind korrekt.«
Wenigstens einmal, zum erstenmal, hat sie fast normal gesprochen, ohne Verachtung, ohne Aggressivität, ohne sichtlichen Drang, mich zu demütigen: Die Technik hat über den Sadismus gesiegt.
Das verschlägt mir die Sprache, und sie muß mein Erstaunen bemerkt haben, denn sofort runzelt sie die Brauen und sagt, von ihrer menschlichen Anwandlung selbst überrascht, in brutalem Tonfall: »Gehen wir raus.«
Um die Wahrheit zu sagen, ich bin nicht unglücklich, daß wir Schluß machen. So wenig Vergnügen hat mir noch nie ein Bad bereitet. Auf dem Beckenrand reicht mir Helsingforth wortlos mit einer einfachen Geste ihr orangefarbenes Handtuch und dreht mir den Rücken zu. Ich folge dieser neuerlichen Aufforderung, mich als Abtrockner zu betätigen, wie schon das erstemal nicht ohne Verwirrung.
Meine Augen befinden sich knapp in Höhe ihrer Schulterblätter, und ich bin erneut von ihrem harmonischen Körperbau und der Feinheit ihrer Haut überrascht. Die Muskulatur ist kräftig, tritt jedoch nicht hervor; diese Frau hat in jeglicher Hinsicht die Körpermaße einer Statue, wirkt aber trotz ihrer Proportionen nicht männlich: ganz im Gegenteil, alle charakteristischen Rundungen, Becken, Busen, Bauch, Schenkel, sind in ihrer vergrößerten Ausführung hypersexualisiert und wirken deshalb sehr anziehend.
An diesem Körper habe ich nichts auszusetzen. Die in ihm |296|wohnende Persönlichkeit ist übergeschnappt, aber im Augenblick höre ich Helsingforths Stimme nicht, sehe auch nicht ihre kalten Augen und vergesse beinahe die Gewalt, die sie über mich hat.
Im übrigen gewährt sie mir eine Atempause. Sie bewegt sich nicht, ist stumm, hält die Augen geschlossen; ihre kräftigen Arme hängen an ihrem Körper herab, das eine Bein ist entspannt, wodurch sich ihr Körpergewicht auf das andere verlagert und ihre Hüfte hervortritt. Diese Haltung macht die Illusion perfekt. Ich habe es mit einem gigantischen Götzenbild zu tun, nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut, mit einem Götzen ohne Seele. Von ihrer Bewegungslosigkeit ermutigt, gehe ich um sie herum, pflanze mich vor ihr auf, frottiere ihre Schultern und blicke verstohlen auf das bewegungslose Gesicht, das geschlossene rechte Auge, das linke Auge und die linke Wange, die von der wie in Marmor gehauenen, in gleichmäßigen Strähnen herabfallenden Haarfülle verdeckt sind. Ich sehe das alles verkürzt, denn meine Augen befinden sich in Höhe ihrer Brust, und um an ihren kräftigen, muskulösen Hals heranzukommen, der rund wie ein Turm ist, muß ich die Arme recken. Mein orangefarbenes Handtuch gleitet tiefer, zu ihren riesigen, festen, straffen Brüsten, und ich frottiere vorsichtiger, um zu verhindern, daß Helsingforth aus ihrer Versteinerung erwacht. Aber es passiert nichts, und ich arbeite mich weiter nach unten, wobei ich mich immer tiefer bücke und schließlich mit einem Knie den Boden berühre, um ihre Beine abzutrocknen.
»Das reicht, Martinelli«, sagt Helsingforth mit heiserer Stimme, als ob sie innerhalb weniger Minuten die Fähigkeit zu sprechen eingebüßt hätte.
Ich stehe auf und nehme Abstand, reiche ihr dann das Handtuch und begegne dem Blick ihres rechten Auges, das seinen grimmigen Ausdruck noch nicht angenommen hat.
»Fachen Sie das Feuer an«, sagt sie kurz angebunden, während sie sich das Handtuch über die Schulter wirft, mir den Rücken zukehrt, sich zum anderen Ende des Swimmingpools begibt und durch die Glastür des Wohnzimmers verschwindet.
Ich vermute, sie hat das Handtuch mitgenommen, um mich daran zu hindern, es zu benutzen und mich wieder anzuziehen. Ich nehme weiterhin an, daß ich Feuer in dem mir nächstgelegenen Kamin entfachen soll, denn ich stelle fest, daß sich in der |297|großen, verglasten Halle außer den Warmluftheizern zwei Kamine befinden, der eine auf der anderen Seite des Swimmingpools, in der Mitte der an die Wohnräume grenzenden Mauer, der andere drei Meter von mir entfernt, in der Ruheecke, links von der völlig verglasten Giebelmauer. Ein niedriger Tisch, ein Rohrsessel und Hocker aus Eichenholz stehen davor.
Ich werfe Kleinholz in die Glut, stapele die Scheite auf, betätige den Balsebalg und sehe erleichtert die Flamme emporschießen, denn trotz der Innentemperatur wurde mir langsam kalt. Ich stelle mich abwechselnd mit dem Gesicht und dem Rücken zum Feuer und bin schon trocken, als Helsingforth nackt und majestätisch, mit weitausholendem Schritt und leeren Händen, durch die Glastür ihren Einzug hält. In ihrem Kielwasser folgt Audrey, die im Vergleich zu ihr absurd klein wirkt. Ihre mageren Arme halten mit Mühe ein Teetablett, auf dem sich die vielgerühmte Silberkanne, mehrere Scheiben Toast und, ich traue meinen Augen kaum, zwei Tassen befinden.
Audrey trägt ein einfaches weißes Kleid im Stil von 1900 mit Offizierskragen und hat ihr Haar geknotet. So ähnlich stelle ich mir die Nora aus dem Puppenheim vor. Sie hat abgespannte Gesichtszüge, unablässig rollen Tränen über ihre Wangen.
Als die beiden Frauen die Ruheecke erreichen, entziehe ich Audrey den unerträglichsten Teil meiner Nacktheit, indem ich mich zum Feuer drehe, aber über meine Schulter hinweg behalte ich die Szene im Auge.
»Setzen Sie sich, Doktor«, sagt Helsingforth. »Dieser Hocker ist aus Eiche, und es besteht keine Gefahr, daß er unter Ihrem Gewicht zusammenbricht. Und Sie, Audrey, hören auf zu weinen. Ich mag es nicht, wenn Ihre Tränen in meine Tasse fallen. Der Doktor ist da anders. Er mag an der Frau alles, einschließlich ihrer feuchten Substanzen. Wenn er Ihre Absonderungen in seiner Tasse haben will, ist das seine Sache. Stellen Sie das Tablett da hin. Und versuchen Sie nicht, mein Mitleid zu erregen, wenn Sie Ihre dünnen Arme mit dieser Leidensmiene reiben. Das volle Tablett wiegt höchstens fünf Kilo. Doktor, Ihre Schamhaftigkeit ist absurd, drehen Sie sich um und setzen Sie sich. Audrey möchte Sie begrüßen. Audrey, sagen Sie Ihrem Freund guten Tag. Das sind Sie ihm schuldig: Er hat Sie ja beinahe vergewaltigt.«
»Guten Tag, Martinelli«, sagt Audrey mit ihrer kurzatmigen, |298|melodischen, sanften Stimme, während sie mir einen haßerfüllten Blick zuwirft.
»Das war aber gar nicht herzlich!« sagt Helsingforth mit einem Auflachen, das fast wie ein Peitschenhieb klingt. »Los, Audrey, noch einmal. Ich möchte, daß zwischen meinen Spielsachen ein gutes Einvernehmen herrscht.«
Ich will mich nicht weiter über die theatralische, gekünstelte Art von Helsingforths Monologen auslassen. Diese Frau ist eine fürchterliche Schmierenschauspielerin, und was sie sagt, klingt selten echt. Aber ich stelle fest, daß es ihr im Bereich der kleinlichen Boshaftigkeiten nicht an Einfallsreichtum mangelt. Das »gute Einvernehmen zwischen meinen Spielsachen« trifft auf tückische Weise gleich zweimal ins Schwarze. Mich läßt das Ganze in Wahrheit völlig kalt. Doch mir ist nicht engangen, wie Helsingforths Sklavin zitterte.
»Guten Tag, Martinelli«, sagt Audrey mit einem kaum freundlicheren Blick.
»Sind Sie womöglich eifersüchtig, Audrey?« sagt Helsingforth und zieht die rechte Braue hoch. »Wie kommen Sie dazu? Haben Sie Rechte auf mich? Antworten Sie, Sie kleines Luder!«
»Nein«, sagt Audrey, während die Tränen über ihre Wangen rollen, »ich habe nicht die geringsten Rechte auf Sie.«
»Na also! Von nun an werden Sie Martinelli ein freundliches Gesicht zeigen.«
»Ich will es versuchen«, sagt Audrey tonlos.
»Versuchen Sie es, das rate ich Ihnen. Versuchen Sie auch, seinen wahren Wert zu erkennen. Sie sind sich gar nicht darüber im klaren: Der Doktor ist ein rares Objekt. Ein Luxusgegenstand. Vor allem jetzt, da die Hirsche dazu neigen, sich mit Politik zu befassen.«
Ich spitze die Ohren: Das bestätigt die Information des Wir.
»Bedienen Sie sich, Audrey«, sagt Helsingforth dann und setzt sich auf das Ruhebett aus Rohr. Sie muß an ihre Nacktheit gewöhnt sein. Sie ist nicht im geringsten verlegen. Ganz im Gegenteil, ihre Bewegungen zeugen von völliger Ungezwungenheit. »Und bedienen Sie auch den Doktor«, fährt sie fort. »Man muß ihm etwas zu essen geben, bevor man ihm etwas abverlangt. Audrey! Wenn Sie noch einmal einen einzigen Tropfen Tee auf den Tisch gießen, stehe ich auf und gebe Ihnen eine Ohrfeige.«
|299|»Ich bitte Sie um Verzeihung«, sagte Audrey mit tränenverschmiertem Gesicht.
»Ihre Entschuldigungen widern mich an. Und Ihre Unterwürfigkeit auch. Sie haben eine Sklavenseele, Audrey. Sie kriechen vor meinen Füßen wie eine Hündin, mit hängender Zunge, immer bereit, mich zu lecken. Sie sollten sich an dem Doktor ein Beispiel nehmen. Der Doktor kriecht nicht. Er hat mir dreimal gekündigt. Das bedeutet, er hat dreimal sein Leben aufs Spiel gesetzt. Und wissen Sie, weshalb er mit mir schlafen wird? Weil er Angst hat? Nein! Weil er hofft«, sagt sie sarkastisch und wirft mir einen Blick voll herausfordernder Ironie zu, »daß er dadurch Zeit gewinnt, sein Serum zu entwickeln und die Menschheit zu retten.«
Jetzt ist der psychologisch richtige Augenblick gekommen, das Schweigen zu brechen. Ich umfasse Helsingforths Körper mit einem Blick, den ich selbst als unverschämt bezeichnen würde, und sage mit einem überaus zweideutigen Tonfall:
»Sie vereinfachen meine Motivationen sehr. Dank Ihrer Position wissen Sie doch besser als jeder andere, daß ich nicht zur Hinrichtung gehe.«
Helsingforth lacht. Mir fällt erneut auf, daß ihr Lachen etwas von Grinsen an sich hat.
»Haben Sie das gehört, Audrey? Der Doktor ist Italiener. Er ist natürlich ein Dichter. Sind Sie Dichter, Audrey? Halten Sie sich für einen Dichter, weil Sie sich gerne verkleiden?«
Audrey zittert an allen Gliedern, und ihr Gesicht verzerrt sich. »Aber Sie selbst, Hilda …«, sagt sie mit einem Blick, der mich rührt.
»Ein Beweis, daß sich mein Geschmack ändert«, sagt Helsingforth erbarmungslos. »In Wirklichkeit habe ich Ihre Maskeraden langsam satt. Dieser Flitter ist abgeschmackt, das müßten Sie begreifen. Er macht Sie zu allen Ihren Fehlern auch noch lächerlich.«
Helsingforth drückt die Brust heraus, atmet durch, und ihre Augen weiten sich ein wenig. Ich weiß dieses Zeichen zu deuten: sie hat ein anderes Thema gefunden.
»Und was hoffen Sie mit diesem weißen Kleid zu beweisen, Audrey? Daß Sie Jungfrau sind? Na und? Darauf braucht man sich nichts einzubilden. Doktor«, fährt sie fort, als wollte sie mir ihre Sklavin überlassen, »gefällt Ihnen Audrey?«
|300|»Nein«, sage ich vorsichtigerweise.
Helsingforth lacht.
»Und was braucht sie, um Ihnen zu gefallen?«
»Einige Kilo.«
»Haben Sie gehört, Audrey? Der Doktor findet Sie zu mager. Und Sie sind auch mager. Mager, Jungfrau und lasterhaft.«
»Hilda!«
»Und obendrein blöd«, versetzt Helsingforth, lebhaft werdend. »Blöd genug, die Hirngespinste einer Ruth Jettison als Evangelium aufzufassen! So blöd, daß Sie in Ihrem Leben nie über Ihr Gelecke und Getue hinausgekommen sind. Hören Sie, Audrey: ich bediene Bedford, weil sie meinen Interessen dient, aber ich pfeife auf ihre Dogmen. Und mein Vergnügen hole ich mir, bei wem ich will.«
»Aber Hilda«, sagt Audrey kläglich und schockiert, »Sie wissen doch genau, daß das Vergnügen …«
»Kleine dumme Frömmlerin, schweigen Sie!« brüllt Helsingforth. »Ihre Dummheit ist bodenlos. Sie wollen mir doch wohl nicht erzählen, was ein Orgasmus ist! Wo Ihre Vagina noch nie um einen Penis gezuckt hat!«
»Hilda!«
»Und obendrein prüde! Gehen Sie, dummes Ding! Scheuern Sie den Fußboden in der Küche und lassen Sie sich nicht mehr blicken. Haben Sie gehört: Sie sollen sich nicht mehr blicken lassen. Ich will jetzt mit Martinelli allein sein.«
Würde mich Audrey nicht so hassen, könnte ich sie bedauern, denn ihr Gesicht ist vor Leid völlig entstellt. Aus den Augenwinkeln sehe ich sie davongehen, eine schmächtige, altmodische Gestalt, deren langer, nachschleppender Rock Schnürstiefel aus einem vergangenen Zeitalter umspielt.
Helsingforth, die ihr pechrabenschwarzes Haar über der linken Wange zusammengerafft hat, wendet mir, nackt und unnahbar, ihr rechtes Profil zu. Mit finsterem Blick ißt sie und trinkt und wünscht offensichtlich nicht, daß ich sie anspreche. Ich lasse es mir gesagt sein. Schweigend schlürfe ich meinen Tee und verschlinge den Toast. Ich wundere mich, daß ich die Geistesgegenwart habe, die von Audrey aufgetragene Butter zu genießen. In Blueville gibt es immer nur Margarine.
»Woran denken Sie, Doktor?« fragt Helsingforth und wirft mir einen Adlerblick zu.
|301|Jetzt ist es soweit! Jetzt bin ich an der Reihe! Dieser Moloch braucht ständig ein Opfer. Ich raffe meine Kräfte zusammen.
»An die Butter auf meiner Schnitte.«
»Sie sehen nicht weiter als bis zu Ihrer Nasenspitze.«
»Ich habe eben Glück.«
»Machen Sie sich keine Sorgen um die Zukunft?«
»Nein.«
»Sind Sie gar nicht überheblich?«
»Ich glaube nicht.«
»Sie halten sich doch aber für meinen Günstling?«
»Nein.«
»Wie lange wird nach Ihrer Meinung dieses Zwischenspiel dauern?«
»Ich weiß es nicht.«
»Und wissen Sie, was dann passieren wird?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Wollen Sie es wissen?«
»Nur wenn Sie es mir sagen möchten.«
»Also, ich werde Audrey erlauben, Sie der Vergewaltigung zu beschuldigen, ich werde ihre Aussagen bekräftigen, und Sie werden zu Gefängnis und zur Kastration verurteilt.«
Ich beschränke meine Antwort auf einen juristischen Einwand.
»Nur in Kalifornien werden die Leute wegen sexueller Delikte zur Kastration verurteilt.«
»Ihre Information entspricht nicht dem neuesten Stand, Doktor. Alle Bundesstaaten, einschließlich Vermont, haben sich unter Bedford der Gesetzgebung Kaliforniens angeschlossen.«
Mir fällt der arme Mr. B. ein, und ich schweige.
»Und was denken Sie darüber?« fragt sie grinsend.
»Nichts.«
»Würde es Ihnen zusagen, ein Kastrat zu sein?«
Ich entschließe mich, dem Wortwechsel eine leichtere Wendung zu geben.
»Wer weiß? Vielleicht könnte ich ebenfalls Karriere in der Regierung machen?«
Helsingforth zeigt eine Reaktion, die ich allmählich kenne: sie lacht. Aber gleich darauf verübelt sie mir, daß ich sie zum Lachen gebracht habe. Ihr Blick wird hart, und sie sagt mit abweisender Stimme, die plötzlich bösartig ist:
|302|»Heute kann ich Ihnen Gewißheit verschaffen, Doktor. Die Situation hat sich geklärt. Ihr Serum wird hier nicht produziert und wird auch nicht die USA verlassen. Die Überwachung Ihres Laboratoriums wird verschärft, bis Sie die Entwicklung des Serums abschließen. Ab jetzt müssen Sie sich als Gefangener betrachten.«
Obwohl ihre Worte mir nichts verraten, was ich nicht schon mehr oder weniger wußte, lähmen sie mich doch. Daß Helsingforth die Fiktion meiner Freiheit nicht mehr aufrechterhalten zu müssen glaubt, kann nur bedeuten, daß die Entscheidung bevorsteht.
Ich frage mit ausgedörrter Kehle: »Warum lassen Sie mich die Entwicklung des Serums abschließen, wenn Sie es gar nicht verwenden wollen?«
Kurzes Lachen.
»Aber wenn es doch ein Pfand ist! Und Sie können einer Sache sicher sein: sobald es fertig ist, werde ich es an einen sicheren Ort bringen, und nicht unbedingt hier …«
Wenn ich recht verstehe, herrscht kein volles Vertrauen zwischen Bedford und meinem Gegenüber. Da ich nichts mehr zu verlieren habe, entschließe ich mich zum Gegenangriff.
»Wie können Sie sich zur Komplizin von Bedfords Massenmord machen – gerade Sie, die Sie doch heimlich die Männer weiterhin lieben?«
Sie lacht höhnisch.
»Das ist keine gute Frage. Männer werde ich bestimmt immer finden. Und lieben ist auch nicht der rechte Ausdruck.«
»Was wäre eine gute Frage?«
»Diese: warum ich darauf eingegangen bin, die enormen Summen zu verlieren, die ich mit Ihrem Serum verdient hätte. Nun gut, ich will es Ihnen sagen, Martinelli, ich habe ein paar kleine Entschädigungen erhalten … Das war das Ziel meiner Reise nach Washington. Ich habe es erreicht.«
Ich schweige. Ich habe gelernt, vor Zynikern Angst zu haben. Ich ziehe ihnen sogar die Fanatiker von der Art Ruth Jettisons vor. Am Ende empfinde ich nichts als Verachtung für eine Frau, die imstande ist, meistbietend ein Serum zu verhökern, das unter so großen Mühen hergestellt wurde, und Millionen von Menschenleben für eine Summe Geldes zu opfern, mag sie noch so hoch sein.
|303|»Sie sehen mich recht streng an«, sagt Helsingforth mit einem verkrampften Lächeln. »Wie ein Richter, könnte man meinen. Dabei bin ich der Richter! Und auch der weltliche Arm! Sie sind mir mit gefesselten Händen und Füßen ausgeliefert, Martinelli, und glauben Sie mir, ich werde Ihnen nichts schenken!« Sie fängt an zu lachen und zeigt ihre kräftigen Zähne. »Kommen Sie näher, Martinelli. Jetzt ist der Augenblick gekommen, Sie zu verschlingen.«
Sie lacht immer noch. Ich tue so, als hätte sie mich aufgefordert, meinen Hocker heranzurücken; ich stehe auf und hebe ihn an einem seiner drei Beine hoch – er ist sehr schwer –, und einen Augenblick, einen winzigen Augenblick lang, gerate ich in Versuchung, ihn mit aller Kraft Helsingforth an den Kopf zu schleudern.
Ich tue es nicht. In dieser Sekunde wird mir klar, daß es fast unmöglich ist, einfach so mir nichts, dir nichts zum Mörder zu werden. Ich stelle den Hocker wieder hin, komme aber nicht mehr dazu, mich draufzusetzen. Die Glastür zum Wohnzimmer am anderen Ende des Swimmingpools fliegt auf, und Audrey erscheint in abgetragenen, schwarzen Jeans und einem Pulli. Sie ist sehr bleich, fast wie eine Tote, ihre Gesichtszüge sind gespannt, die Halsmuskeln treten hervor. Sie nähert sich uns auf eine seltsame Art, beide Hände hinter dem Rücken, als hätte man sie gefesselt, um sie zur Hinrichtung zu führen.
Es ist ein bißchen so. Man braucht nur den Blick zu sehen, den Helsingforth auf sie richtet. Arme Audrey, ungünstiger konnte sie es nicht treffen.
Sie hat etwa noch zwölf Meter bis zu uns – die Länge des Swimmingpools. Unter Helsingforths schrecklichem Blick geht Audrey aufrecht und steif, die Hände hinter dem Rücken. In ihren starr auf uns gerichteten Vergißmeinnichtaugen brennt eine fanatische Flamme. Sie ist bleich und bewegt sich mit vorgeschobenem Kinn wie eine Galionsfigur vorwärts.
»Was wollen Sie denn hier, Audrey?« fragt Helsingforth mit geheuchelter Freundlichkeit. »Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollen den Fußboden in der Küche scheuern. Sind Sie fertig damit?«
Audrey bleibt zwei Meter vor ihr reglos stehen und sagt ohne eine Spur von Unterwürfigkeit, im Ton leidenschaftlicher Herausforderung: »Nein. Ich war beschäftigt.«
»Eine Entscheidung zu treffen.«
»Oh, das ist ja wunderbar!« sagt Helsingforth. »Und haben Sie diese Entscheidung getroffen?«
»Ja.«
Ich rücke näher an Helsingforth heran, bleibe aber außerhalb der Reichweite ihres Arms. Ich möchte ihr Gesicht sehen. Innerhalb von zwei, drei Sekunden hat der Zusammenstoß den höchsten Grad von Spannung erreicht.
»Na gut«, sagt Helsingforth im gleichen Ton grausamer Ironie, »ich hoffe, daß Sie mich heute abend davon in Kenntnis setzen werden. Mir ist aufgefallen, daß Ihre Entscheidungen stets originell sind, zu welcher Dummheit Sie sich auch immer entschließen. Vielleicht wollen Sie mit Ihrem Verlobten brechen (Audreys Gesicht zuckt) oder mit Ruth Jettison schlafen. Oder Selbstmord begehen, noch besser.«
»Ich will Ihnen sagen, wozu ich mich entschlossen habe«, entgegnet Audrey tonlos, jedoch ohne daß ihre Augen zucken.
»Später! Später!« sagt Helsingforth mit einer leichten Handbewegung, als wollte sie eine Fliege verscheuchen. »Jetzt ist dafür keine Zeit. Ich bereite mich darauf vor, mit Martinelli ins Bett zu gehen.«
»Es geht um Martinelli.«
»Nicht möglich! Sie mögen den Doktor doch nicht. Und Sie tun unrecht daran. Gott allein weiß«, fährt sie mit einem angedeuteten Grinsen fort, »wie sehr ich Ihre strahlende Intelligenz bewundere, aber physisch sind Sie die Fadheit in Person. Und unter diesem Gesichtspunkt ist Martinelli einem Partner Ihres Schlages weit überlegen. Er hat alles, was Sie nicht haben. Ich meine damit nicht seine spezifischen Attribute. Martinelli hat ganz andere Vorzüge: Er hat Muskeln, harte Lippen, eine ordentliche Behaarung.«
Wenn mich nicht der penetrant unechte und übertriebene Tonfall Helsingforths störte, könnte ich ihre Erfindungsgabe auf dem Gebiet der moralischen Folter fast bewundern, die »harten Lippen« zum Beispiel. Ich sehe, wie Audrey die ihren zusammenpreßt. Und ich sehe, wie sie bei jedem neuen, hinterhältigen Schlag zusammenzuckt, wie ihr bleiches Gesicht zittert. Sie steht aufrecht, unbeweglich da, die Hände hinter |305|dem Rücken. Man braucht sie nur an den Pfahl des Scheiterhaufens zu binden und das Ganze in Brand zu setzen.
Obwohl ihr Entschluß unumstößlich ist, oder vielleicht gerade deshalb, kommen ihr die Worte nicht leicht über die Lippen. Sie kleben aneinander, und als Audrey schließlich den Mund öffnet, bringt sie keinen Ton heraus.
»Los, Audrey, sprechen Sie, sprechen Sie«, sagt Helsingforth. »Sie ähneln einem Fisch auf dem Trocknenen. Dieses Warten ist unerträglich. Sprechen Sie, ich bitte Sie. Unhörbares kann ich nicht hören.«
»Hilda!« sagt Audrey leise, tonlos, kaum vernehmlich.
»Endlich!« sagt Helsingforth.
»Hilda, ich bitte Sie, Ihrer Liebelei mit Martinelli ein Ende zu setzen.«
Helsingforth lacht.
»Meiner Liebelei? Habe ich richtig verstanden? Was für ein Ausdruck! Sie hinken ein Jahrhundert nach, Audrey! Es handelt sich um keine Liebelei, sondern um eine einfache Abwechslung in der Technik des Orgasmus. Muß ich wiederholen, daß der Orgasmus qualitativ etwas ganz anderes …«
»Hilda!«
»Was heißt Hilda!«
»Hilda, ich bitte Sie zum letzten Mal, schicken Sie Martinelli weg.«
»Zum letzten Mal?« fragt Helsingforth. »Sagen Sie auf der Stelle, was geschehen wird, wenn ich nicht gehorche.«
Eine Pause, dann sagt Audrey matt:
»Ich werde mich umbringen.«
»Ach, wie schön!« sagt Helsingforth. »So ist das also! Sie erteilen mir einen Befehl, und wenn ich nicht gehorche, bringen Sie sich um. Was für eine kindische Erpressung. Sind Sie sich nicht klar darüber, daß Sie auch nicht die geringste Chance haben, mich einzuschüchtern?«
»Das ist keine Epressung«, sagt Audrey leise. »Ich will einfach nicht länger durchmachen, was ich durchgemacht habe.«
Der Schmerz hat bei diesen Worten ihr Gesicht entstellt, und der Tonfall schließt jeden Zweifel aus.
»Wollen Sie damit sagen, Audrey«, fragt Helsingforth mit geheucheltem Erstaunen, »daß Ihnen der Gedanke, Martinelli könnte mit mir schlafen, weh tut?«
»Na gut, das ist Ihre Sache. Nicht meine. Sehen Sie zu, wie Sie mit Ihren Gefühlen zu Rande kommen.«
Pause.
»Hilda«, sagt Audrey leise und unnachgiebig, »ich werde mich umbringen.«
Helsingforth zuckt ihre kräftigen Schultern.
»Wieder ein Selbstmord mit Schlaftabletten. Zwei Wochen Klinik und für mich ein Haufen Unkosten.«
»Ich werde mich mit dem da umbringen«, sagt Audrey. Sie nimmt die Arme nach vorn, und in ihrer rechten Hand erscheint ein kleiner Revoler.
»Kleines Miststück«, sagt Helsingforth kalt, »Sie haben wieder in meiner Tasche herumgewühlt. Dabei hatte ich Ihnen das verboten.«
»Ich will eine Antwort, Hilda«, sagt Audrey und setzt den Revolerlauf auf ihre Brust.
Ihre Stimme zittert, nicht aber ihre Hand. Der Revoler darin hat alles geändert. Mir rinnt der Schweiß den Rücken hinunter, und mein Herzschlag beschleunigt sich. In diesem Augenblick bin ich sicher, daß Audrey abdrücken wird. Helsingforth ist sich dessen ebenso sicher, glaube ich, denn sie sagt eine ganze Weile nichts.
Aber als sie wieder anfängt, treibt sie ihren grausamen Hohn auf die Spitze.
»Audrey, das ist leeres Geschwätz. Wenn man sich erschießen will, steckt man den Revolverlauf in den Mund oder drückt ihn notfalls an die Schläfe. Sie wollen lieber irgendwo in der Brust ein kleines Loch haben, um sich nicht zu verunstalten. Und obendrein richten Sie es so ein, sich in Gegenwart eines Arztes zu erschießen. Sie denken an alles.«
Jetzt entschließe ich mich einzugreifen, und zwar rückhaltlos.
»Sie dürfen so etwas nicht sagen, Helsingforth! Wenn Audrey sich eine Kugel in die Brust jagt, kann ich ihr nicht mehr helfen. Und Dr. Rilke in Blueville auch nicht. Man müßte sie nach Montpelier bringen, vorausgesetzt, daß die Kugel nur die Lunge durchbohrt. Wenn sie ins Herz dringt, ist in wenigen Sekunden alles zu Ende.«
»Schweigen Sie doch, Martinelli«, sagt Helsingforth und wirft mir einen haßerfüllten Blick zu. »Audrey weiß nicht einmal, |307|wo das Herz ist. Sehen Sie sich an, wo sie den Lauf ansetzt. Viel zu weit links.«
»Aber das ist grausam, das ist teuflisch, so etwas zu sagen!« schreie ich.
Helsingforth wendet mir ihr wütendes Gesicht zu.
»Zum letzten Mal, schweigen Sie! Lassen Sie mich dieses Spiel spielen, wie ich will! Sie machen mit Ihrem idiotischen Dazwischenreden alles kaputt!«
Als ich wieder zu Audrey hinschaue, hat sie den Lauf ihres Revolvers mehr zur Brustmitte hin verschoben: eine unvergleichlich gefährlichere Position. Der Schweiß rinnt mir die Wangen hinunter. Ich schweige. Ich fühle die Sinnlosigkeit jedes Einschreitens. Und seltsamerweise schweigt auch Helsingforth.
»Nun, sind Sie zufrieden?« sagt Audrey, der Helsingforths Schweigen wieder Auftrieb gegeben hat. »Ist der Lauf jetzt an der richtigen Stelle?«
Helsingforth schweigt weiterhin. In diesem Augenblick bin ich sicher, daß sie die Angst vor einem tragischen Ausgang gepackt hat, denn der verächtliche Elan, der eine Sekunde zuvor noch unerschöpflich zu sein schien, ist schlagartig versiegt. Eine Sekunde später scheint Helsingforth in sich zu gehen, ihre Schultern sinken herab, sie wendet sich zu mir und sagt mit müder Stimme: »Gehen Sie.«
Ich bin sprachlos. Sie kapituliert.
Dann spielt sich alles innerhalb von zwei Sekunden ab. Das Gesicht Audreys, die den Revolverlauf noch immer auf ihr Herz gerichtet hält, entspannt sich und bekommt wieder Farbe. Sie wirft den Kopf nach hinten und sieht uns abwechselnd mit triumphierendem Gesichtsausdruck an. Damit begeht sie einen schweren Fehler, wie ich sofort sehen kann.
In ihrer vollen Größe sich aufrichtend, brüllt Helsingforth: »Doktor, Sie bleiben!«
Sie macht, nach vorn gebeugt, puterrot und mit angeschwollenen Schläfenadern, einen Schritt zu Audrey hin und schreit, nein, brüllt mit haßbebender Stimme:
»Audrey, ich will keine Erpressung! Von Ihnen lasse ich mir keine Vorschriften machen! Auch ich habe meine Entscheidung getroffen. Der Doktor wird so oft wiederkommen, wie ich es will: morgen, und morgen, und dann wieder morgen!«
|308|Ich weiß nicht, ob Helsingforth den Vers aus Macbeth absichtlich parodieren wollte, doch beim letzten »morgen« geht der Schuß los, und Audrey stürzt zu Boden. Der Schuß kam ganz plötzlich – ein trockener, aber nicht sehr lauter Knall –; hingegen bin ich überrascht, wie langsam Audrey stürzt. Zuerst hatte ich überhaupt nicht mitbekommen, daß sie abgedrückt hatte. Ich sah nur ein Schwanken des Körpers, der Kopf fiel nach hinten, der Hals schwoll an, und die Lippen schnappten, begleitet von schrecklichem Schmatzen, fieberhaft nach Luft. Dann verdrehten sich die Augen, das Blut wich aus dem Gesicht. Und darauf der Fall. Ganz langsam, wie in Zeitlupe. Die Beine geben allmählich nach, der Körper fällt in einer leichten Drehbewegung in sich zusammen und schlägt, mit der Stirn zuerst, auf dem Boden auf, nicht heftig, eher mit einer gewissen Grazie. Und auch gewichtslos, wie eine Schärpe, die von einer Stuhllehne zu Boden gleitet und sich in sich selbst zusammenrollt.
Helsingforth stößt einen herzzerreißenden Schrei aus, wirft sich vor dem Körper des Mädchens auf die Knie und dreht ihn um.
»Doktor«, schreit sie mit verzweifeltem Gesicht. »Schnell, unternehmen Sie etwas!«
Aber es ist nichts mehr zu machen. Sie müßte es wissen! Pro forma knie ich mich auf der anderen Seite vor Audrey nieder, schiebe ihren Pulli hoch und ermittle den Einschuß. Eigentlich brauche ich mein Ohr gar nicht zu nähern, aber ich tue es trotzdem, weil man es von mir erwartet. Ich erhebe mich, sehe Helsingforth an und schüttle den Kopf.
Sie sagt kein Wort, umfaßt den zerbrechlichen Körper mit ihren kräftigen Armen, hebt ihn mühelos hoch und trägt ihn zum Rohrbett, wo sie ihn hinlegt. Dann bricht sie vor dem Bett zusammen, legt ihren Kopf neben den von Audrey – der im Vergleich wie der Kopf eines Kindes aussieht – und beginnt zu stöhnen.
Es ist ein unheimliches Stöhnen, dessen Lautstärke bisweilen unerträglich ist. Fast wie eine Meute wilder Hunde, die alle gleichzeitig den Mond anbellen. Vorübergehend weichen die schrillen und heiseren Klangtöne einem deutlicheren Wehklagen, mehr oder weniger erkennbaren Worten, Satzfetzen, zärtlichen Rufen. Dann gehen die Laute wieder in tierischem Geschrei |309|unter, in dem eine so unstillbare Verzweiflung zum Ausdruck kommt, daß mir das Herz stockt. Helsingforths Gesicht ist erschlafft, eingesunken, aufgelöst, aus ihren halbgeschlossenen Augen strömen die Tränen. Ihre Lippen scheinen wie bei einer Maske der griechischen Tragödie zu einer Grimasse erstarrt zu sein.
Dieser Maske entströmt unaufhörlich dasselbe nicht enden wollende Klagelied, dessen düsteres Echo von der verglasten Halle zurückgeworfen wird.
Wenn ich diesen Zustand ihrer Entrücktheit nicht nutze, um mich anzuziehen und mich davonzumachen, so deshalb, weil ich fürchte, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken und sie auf mich stürzen zu sehen, wenn ich die Hände nicht frei habe. Nach dem Schuß hatte ich gehofft, die alarmierte Jackie auftauchen zu sehen. Aber nein, sie hat offenbar nichts gehört. Der Swimmingpool muß wohl doppelt oder dreifach verglast sein, aus Gründen der Wärmeisolierung, und der schwache Knall des Revolvers von kleinem Kaliber ist sicher nicht nach draußen gedrungen. Ich muß gestehen, daß mich auch der manische Charakter von Helsingforths Schmerz fasziniert und daß ich gleichzeitig dem dumpfen Erstaunen unterliege, das dem Unwiderruflichen in den ersten Minuten folgt. Mit weichen Knien setze ich mich auf den Hocker. Es gelingt mir nicht, mich von der Vorstellung zu befreien, daß es möglich sein müßte, das Geschehen rückgängig zu machen.
Denn schließlich ist das Ganze absurd: es hat wie ein Spiel begonnen, kaum grausamer als ihre üblichen Spiele. Und es endet damit, daß ein Herz auf den Marmorfliesen verblutet.
Stille tritt ein. Ich hebe den Kopf. Helsingforth steht neben dem Bett, auf dem Audrey liegt. Sie ist bewegungslos wie eine Statue, das Gesicht wie aus Stein, und sie blickt mich mit ihrem rechten Auge starr an.
»Das ist Ihre Schuld«, zischt sie.
»Aber ganz gewiß«, sagte ich, stehe auf und blicke sie mit Gefühlen der Wut und der Angst an. »Ich bin ja aus völlig freien Stücken hergekommen! Und Sie haben mich auch mit meinem völligen Einverständnis in Ihr Privatleben hineingezogen!«
»So werden Sie sich nicht aus der Affäre ziehen!« sagt sie zischend mit leiser Stimme. »In Wirklichkeit haben Sie ein |310|teuflisches Spiel gespielt. Ich war im Begriff, Audrey zu überzeugen, daß sie ihr Vorhaben nicht ernst meinen konnte, und das wäre mir gelungen, wenn Sie sich nicht eingemischt hätten. Sie haben sich zweimal eingemischt! Jedesmal haben Sie dem, was bei ihr weiter nichts als Komödie war, Realität verliehen! Sie hat sich erschossen, weil Sie sie darin bestärkten, daß sie es tun würde!«
Ich bin so empört, daß ich jegliche Vorsicht vergesse. »Sie machen es sich zu bequem!« sage ich heftig. »Sie wälzen Ihre Schuld auf mich ab! Sie haben Audrey provoziert! Sie haben sie herausgefordert, gedemütigt, bis zum Äußersten getrieben! Mehr noch: Sie haben nicht gezögert, die Position der Waffe auf ihrer Brust zu korrigieren!«
»Schweigen Sie!« brüllt Helsingforth mit irren Augen. Sie kehrt mir den Rücken und stürzt zu der Stelle hin, wo sich die Blutlache ausbreitet.
Ich begreife erst, als sie sich bückt.
Alles geht dann sehr schnell. Ich packe den Hocker, auf dem ich eben noch gesessen habe, schwinge ihn mit beiden Händen über mir und schmettere ihn ihr mit aller Kraft an den Kopf, als sie sich mit dem Revolver in der Hand aufrichtet. Ich verfehle mein Ziel: Sie hat sich mit dem rechten Arm geschützt, der nun leblos herabsinkt. Nackt, wie ich bin, laufe ich in langen Sätzen den Swimmingpool entlang dem Ausgang zu. Ein Schuß fällt. Ich bin draußen, ich laufe aus Leibeskräften, folge dem Pfad, der zu den Pferdeboxen führt. Ein weiterer Schuß fällt, noch einer. Ich höre hinter mir die schweren Schritte meiner Verfolgerin, und vor mir taucht in ungefähr dreißig Metern Entfernung Jackie auf, das Gewehr in der Hand. Sie brüllt: Hinlegen, Doktor! Hinlegen! Ich verlasse den Pfad, ducke mich ins Gras, werfe mich auf den Boden. Zwei stärkere Detonationen, dann das dumpfe Geräusch eines Sturzes. Es ist zu Ende. Mein Herz schlägt gegen das hohe Gras, in dem ich liege. Ich beginne zu glauben, daß ich lebe.