KAPITEL 16
Wieder vereint
Rijana hatte Glück, denn Rudrinn befand
sich in der Nähe der Brücke. Er und seine Freunde waren zurzeit zur
Wache auf den Türmen von Balmacann eingeteilt, denn die Küste wurde
immer wieder von Scurrs Leuten angegriffen.
Rudrinn kam gerade aus dem Turm, als ein Soldat
angaloppiert kam. Dieser sprang vom Pferd und rief atemlos:
»Schnell, Ihr müsst mitkommen! An der Brücke ist eine junge Frau,
die behauptet, sie wäre Rijana.«
Rudrinn hob überrascht den Kopf, dann nahm er dem
nächstbesten Soldaten sein Pferd weg, denn sein eigenes war nicht
aufgesattelt, und stürmte in rasendem Galopp zur Brücke. Er sah,
dass sich eine Reihe von Soldaten mit gezogenen Waffen aufgebaut
hatte. Rudrinn drängelte sich hindurch und erblickte Rijana, die
mit vor Wut funkelnden Augen zitternd einem Soldaten ihr Schwert an
die Kehle hielt.
»Senkt die Waffen!«, befahl Rudrinn und bahnte sich
seinen Weg durch die Männer. Das war eindeutig Rijana. Schmutzig,
abgerissen und offensichtlich völlig erschöpft, aber sie war
es.
»Rijana, ich bin’s, lass den Mann frei«, sagte er
ruhig und kam auf sie zu.
Dankbar schloss Rijana die Augen, senkte ihr
Schwert und ließ sich von Rudrinn in den Arm nehmen. Sie war so
erschöpft, dass sie ihn am liebsten einfach nicht mehr losgelassen
hätte. Aber dann riss sie sich zusammen.
»Du musst mir helfen, Ariac wurde von einer
Feuerechse verletzt. Er ist ziemlich krank.«
Rudrinn warf einen überraschten Blick nach hinten
auf die Ladefläche und runzelte die Stirn. Rijana packte ihn am
Arm. »Bitte, du musst mir glauben, er ist kein Verräter, er
…«
Rudrinn winkte ab und sprang auf den Kutschbock.
»Erklär das später, wir fahren zum Anwesen von Lord Regold, das
liegt am nächsten.«
Rijana nickte erleichtert, stieg nach hinten auf
den Wagen und nahm Ariac in den Arm, der sie gar nicht wahrzunehmen
schien.
»Jetzt wird alles gut«, flüsterte sie ihm ins
Ohr.
Rudrinn trieb die Pferde hart an und ließ sie über
die Straße zu dem Anwesen von Lord Regold galoppieren. Es war ein
mittelgroßer Landsitz mit einigen Feldern, die von armen Bauern
bewirtschaftet wurden. Ohne das Tempo zu verringern, schoss er
durch den Torbogen und parierte die Pferde hart durch. Sofort
eilten Wachen herbei.
»Los, helft mir, ich habe hier einen Verletzten«,
rief Rudrinn.
Zwei Wachen halfen Rudrinn, Ariac ins Haus zu
schleppen.
»Was soll das? Wer ist der Mann?«, fragte Lord
Regold.
»Er ist einer von uns«, keuchte Rudrinn. »Holt Eure
Heiler.«
»Also wirklich«, plusterte Lord Regold sich auf,
und sein wieselartiges Gesicht verzog sich wütend.
»Jetzt macht schon«, knurrte Rudrinn den Wachen zu,
die zuerst zögerten. »In welches Zimmer können wir ihn
bringen?«
Lord Regold schnaubte vor Wut, deutete aber
schließlich auf einen Raum. Sie legten Ariac vorsichtig auf das
Bett, Rijana stets an seiner Seite. Rudrinn betrachtete Ariac
besorgt, denn dieser sah wirklich nicht sehr gut aus.
»Eine Feuerechse, sagtest du?«
Rijana nickte mit Tränen in den Augen. »Bitte lass
die Heiler aus Camasann kommen, es sind doch die besten.«
Rudrinn drückte beruhigend ihren Arm. »Ich schicke
gleich einen Botenvogel, und dann musst du mir alles erzählen,
ja?«
Rijana versprach es und versteckte ihr Gesicht in
Ariacs dichten Haaren.
Ein Heiler kam herein und erschrak, als er Ariac
sah. »Du liebe Zeit, er hat aber ziemlich hohes Fieber«, sagte der
alte Mann.
Rijana erzählte von der Feuerechse, während der
Heiler sich kopfschüttelnd Ariacs Bein ansah.
»Mädchen, ich kann versuchen, das Fieber zu senken,
aber eine Feuerechse …«, er hob hilflos die Arme, »das übersteigt
meine Fähigkeiten.«
Rijana biss sich auf die Lippe, und Tränen rannen
über ihre Wangen.
»Ich habe den Vogel geschickt«, erzählte Rudrinn,
als er zurückkam. »Die meisten Heiler sind ohnehin hier in
Balmacann, keine Angst. Und jetzt komm erst mal mit mir.«
Rijana schüttelte den Kopf und hielt Ariacs Hand
fest. »Ich will ihn nicht allein lassen.«
»Keine Angst, mein Kind«, sagte der alte Mann
freundlich. »Wir werden ihn säubern und seine Wunde verbinden.
Später kannst du wieder zu ihm.«
Trotz Rijanas Protest führte Rudrinn sie am Arm
hinaus. »Komm, Rijana, du bist selbst ganz schmutzig und
erschöpft.«
Schließlich gab sie nach und ließ sich von Rudrinn
zu den Badehäusern führen.
»So, wasch dich erst mal. Dann musst du etwas
essen. Ich warte auf dich.«
Rijana beeilte sich, die schmutzigen und
zerrissenen
Kleider auszuziehen, und ließ sich in einen der warmen Badezuber
sinken. Rasch wusch sie sich und zog sich das frische Kleid an, das
eine Magd ihr brachte. Sie war zum Umfallen müde. Mit nassen Haaren
trat sie aus der Tür und hörte, wie Rudrinn sich mit Lord Regold
stritt.
»… er ist dieser Steppenkrieger, der wird doch
schon seit über einem Jahr gesucht«, schimpfte der Lord gerade.
»Ich werde auf der Stelle König Greedeon informieren. Ich will
keinen Mörder in meinem Haus haben.«
»Und ich sage Euch, Ihr lasst Eure Heiler für ihn
tun, was sie können, sonst werdet Ihr es bereuen«, schimpfte
Rudrinn, und seine dunklen Augen funkelten gefährlich.
Sie stellte sich neben Rudrinn. »Ariac hat diesen
Flanworn nicht umgebracht.«
Lord Regold schnaubte, machte dann eine ungeduldige
Handbewegung und stürmte davon.
Rudrinn lächelte. »Komm jetzt, ich habe dir etwas
zu essen bringen lassen.« Er betrachtete sie besorgt, denn sie
schwankte vor Müdigkeit. »Oder möchtest du dich zuerst
hinlegen?«
»Nein, das hat noch Zeit«, sagte sie und folgte
Rudrinn durch die Gänge des großen Anwesens.
In einem kleinen Lesezimmer stand eine Schüssel mit
dampfender Suppe, Brot, Käse und Wurst. Rijana ließ sich in den
Sessel sinken.
»Auf dem Wagen liegt ein Schwert …«, begann
sie.
Rudrinn unterbrach sie und deutete auf den Tisch.
»Iss!«
»Nein, es ist wichtig. Ariac hat es von König Scurr
gestohlen, es muss deines sein.«
Rudrinn hob überrascht die Augenbrauen.
»Ariac ist kein Verräter. Er hat das alles nur
getan, damit ihr ihm endlich vertraut.« Rijana schluchzte. »Und er
hat mich vor König Scurr gerettet und dann, dann kamen die Orks und
die Feuerechsen …«
Rudrinn legte ihr einen Finger auf die Lippen. »Ist
gut, das
kannst du mir alles später erzählen.« Er streichelte sie
beruhigend, und Rijana lehnte sich erschöpft an seine
Schulter.
»So, und jetzt isst du etwas«, sagte Rudrinn nach
einer Weile. »Ich werde das Schwert holen. Den anderen habe ich
ohnehin schon Boten geschickt. Sie kommen sicher bald.«
Rijana wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und
begann langsam zu essen. Rudrinn nickte zufrieden und ging
nachdenklich aus dem Raum. Er wusste nicht, was er von der ganzen
Geschichte halten sollte.
Als er zurückkam, war Rijana nicht mehr da. Wie
Rudrinn sich gedacht hatte, saß sie an Ariacs Bett, der zitternd
und zusammengekrümmt im Fieberwahn sprach.
Rijana warf Rudrinn einen verzweifelten Blick zu,
der sich einen Stuhl heranzog und sich neben sie setzte. »Die
Heiler kommen sicherlich bald.«
Sie nickte und legte Ariac ein kaltes Tuch auf die
Stirn.
»Was ist passiert?«, fragte Rudrinn.
Rijana erzählte ihm von ihrer Befreiungsaktion in
König Greedeons Schloss, von den Elfen und den Zwergen.
Anschließend von der Zeit bei den Arrowann. Nur Brogan ließ sie aus
dem Spiel. Sie wollte den Zauberer nicht in Schwierigkeiten
bringen.
»Rudrinn, ich bin jetzt eine von ihnen«, sagte
Rijana und schob ihren Ärmel hoch. »Ariac und ich haben uns
verlobt.«
»Oh!«, rief Rudrinn überrascht und warf Ariac einen
besorgten Blick zu.
Rijana erzählte noch eine Weile von ihrer Flucht,
aber dann fielen ihr beinahe beim Sprechen die Augen zu.
»Komm, ich zeige dir dein Zimmer«, sagte Rudrinn
leise, »du kannst mir den Rest morgen erzählen.«
Rijana riss die Augen noch einmal auf und
streichelte Ariac über das Gesicht. »Nein, ich bleibe hier.«
»Rijana, du musst doch …«, setzte Rudrinn an, aber
sie
schüttelte den Kopf, legte sich dann neben Ariac ins Bett und
hielt seine Hand fest. Fast augenblicklich war sie
eingeschlafen.
Rudrinn seufzte, holte aus einem der Schränke eine
Decke und legte sie ihr über. Dann betrachtete er Ariac
kopfschüttelnd, der mehr tot als lebendig im Bett lag.
»Bitte gib nicht auf, Rijana glaubt an dich«, sagte
er leise.
König Greedeon schritt unruhig in seinem Schloss
auf und ab. Er hatte unglaubliche Nachrichten erhalten und wusste
nicht, was er damit anfangen sollte. Rijana und Ariac waren wieder
da, aber er war wütend, denn es erinnerte ihn daran, dass das
Geschäft mit König Scurr geplatzt war.Vielleicht war das jetzt aber
auch eine neue Chance. Rasch schickte er einen Botenvogel nach
Ursann und einen weiteren nach Camasann zu Zauberer Hawionn.
Anschließend machte er sich selbst auf den Weg in den Norden zum
Anwesen von Lord Regold. Er musste sehen, was vor sich ging. Seine
Heiler und Saliah, die sich im Schloss aufgehalten hatte, waren
bereits aufgebrochen.
Nach und nach trafen alle von Rijanas Freunden
ein. Sie waren sehr erleichtert, sie endlich wiederzusehen. Nur
Falkanns Gefühle schwankten zwischen Wiedersehensfreude und
schlechtem Gewissen.
Die Heiler von König Greedeon halfen Ariac, so gut
sie konnten, aber ob er überleben würde, konnten auch sie nicht
sagen. Auch König Greedeon traf ein und äußerte seine
Wiedersehensfreude. Nachdenklich lauschte er Rijanas Beteuerungen,
dass Ariac nicht der Mörder von Flanworn war. Allerdings wirkte er
nicht so, als würde er ihr wirklich glauben.
Am dritten Tag, nachdem König Greedeon den
Botenvogel zu König Scurr geschickt hatte, erhielt er eine
Antwort.
Lasst den Steppenkrieger sterben, dann wird
Balmacann verschont, lautete die Nachricht. Außerdem schrieb
König Scurr, dass er erwarte, dass König Greedeon zum Zeichen
seiner Allianz helfen würde, die anderen Länder vollständig zu
unterwerfen und König Scurr die Hälfte der Einnahmen aus den
Silberminen überlassen sollte.
König Greedeon überlegte eine Weile, schließlich
entschloss er sich, König Scurrs Wunsch zu erfüllen. Er wusste,
dass Scurr eine große, schlagkräftige und vor allem gnadenlose
Armee besaß. Ariac würde wahrscheinlich ohnehin nicht überleben.
Schon lange bestand eine Art Bündnis zwischen Balmacann und Ursann.
König Scurr verschonte König Greedeons Reich und führte nur hin und
wieder Scheinangriffe durch, um Greedeon nicht auffliegen zu
lassen. Dafür unternahm König Greedeon nichts, um die anderen
Länder gegen die Soldaten aus Ursann zu schützen. So wurde es schon
einige Zeit gehandhabt, denn König Greedeon wusste, dass Scurr ohne
Problem seine ganzen Ländereien und auch die Insel Silversgaard
einnehmen könnte, wenn er dies wollte. Zunächst hatte Greedeon
gehofft, dass alle Sieben in Camasann aufwachsen würden, dann hätte
er Scurr ein für alle Mal schlagen können, aber so war es ihm zu
unsicher. Daher entschloss er sich für das für ihn kleinere Übel.
Sollte Ariac seinetwegen sterben. Greedeon hielt diesen
Steppenkrieger ohnehin für ein unkalkulierbares Risiko. Also ging
König Greedeon an diesem Tag in das Zimmer, in dem Ariac lag.
Rijana saß wie immer an seinem Bett und machte ein besorgtes
Gesicht. Das Fieber war nicht mehr ganz so hoch, aber es ging ihm
noch immer schlecht. Er wachte kaum auf, hatte häufig Schüttelfrost
und konnte nichts essen.
»Rijana, du musst jetzt etwas essen«, befahl König
Greedeon und blickte sie eindringlich an. »Außerdem muss ich mit
den Heilern sprechen.«
Rijana nickte, dann streichelte sie Ariac noch
einmal über die Wange und ging schließlich nach draußen.
König Greedeon stellte sich vor seine Heiler.
»Ihr tut nichts mehr, um dem Jungen zu helfen, ist
das klar?«
Die Heiler machten überraschte Gesichter. Sie
wussten zwar ohnehin kaum, was sie tun sollten, denn das Gift einer
Feuerechse war schwer zu bekämpfen. Aber zumindest hatten sie es
geschafft, Ariacs Schmerzen ein wenig zu lindern und das Fieber zu
senken.
»Aber mein König …«, begann der älteste Heiler, der
bei Lord Regold arbeitete.
»Das ist ein Befehl«, erwiderte der König knapp.
»Sagt den anderen aber nichts davon und lasst auch das Mädchen
nicht mehr zu ihm.«
Die Männer verneigten sich und senkten die
Köpfe.
Rijana ging in die große Küche, wo sie ein wenig
von dem Eintopf aß, den die Köchin ihr lächelnd hinstellte.
Anschließend ging sie hinaus in die warme Sonne. Falkann kam ihr
entgegen und stellte sich verlegen vor sie. In den letzten Tagen
hatten sie kaum miteinander gesprochen.
»Und, wie geht es ihm?«, fragte Falkann.
Rijana zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht.« Dann
räusperte sie sich und blickte Falkann verlegen an. »Es tut mir
leid, dass ich damals einfach so verschwunden bin. Ich hätte dir
zumindest alles erklären müssen. Aber ich musste Ariac helfen. Ich
weiß nicht, was sie mit ihm gemacht hätten. Weißt du, ich …« Sie
wusste nicht mehr, was sie sagen sollte, aber Falkann nahm sie in
den Arm und seufzte. Er hatte noch immer ein furchtbar schlechtes
Gewissen, weil er den Irrtum nicht aufgeklärt hatte, dass nicht
Ariac, sondern er Flanworn getötet hatte.
»Es ist schon in Ordnung. Du hast dich für ihn
entschieden.« Falkann blickte sie an, und seine blauen Augen wurden
unendlich traurig. »Es tut zwar weh, aber ich muss es wohl
akzeptieren.«
Rijana nickte und blickte lächelnd zu ihm auf. Dann
umarmte sie ihn, und Falkann wünschte sich für einen winzigen
Augenblick, dass Ariac nicht überleben würde, schob diesen Gedanken
aber gleich wieder beiseite.
»Danke, Falkann, ich hoffe, wir können trotzdem
Freunde sein.«
Falkann schluckte und hielt Rijana ein Stück von
sich weg. Er betrachtete sie eingehend, dann nickte er. »Das hoffe
ich auch.« Insgeheim dachte er aber: Wenn du wüsstest, was ich
getan habe, würdest du mich hassen.
Rijana nahm seine Hand. »Erzähl mir, was ihr erlebt
habt.«
Falkann begann zu berichten, was im letzten Jahr
vorgefallen war. Von den Wachen auf Silversgaard, der
Niederschlagung der Bauernaufstände und den Wachgängen auf den
Türmen. Er wirkte sehr nachdenklich. »Weißt du, manchmal frage ich
mich, ob wir das Richtige tun. Die Bauern kämpfen nur für bessere
Zustände, aber König Greedeon lässt alles niedermetzeln. Und auf
Silversgaard leben die Sklaven unter verheerenden Umständen.«
Müde lehnte sich Rijana an einen Baum. In den
letzten Nächten hatte sie kaum geschlafen.
»Das weiß ich auch nicht. Aber jetzt sind wir alle
beisammen, und jeder hat sein Schwert.«
»Rudrinn war übrigens ganz begeistert von seinem
Schwert«, erzählte er lächelnd.
Rijana nickte, dann traten Tränen in ihre Augen.
»Ariac hat das nur getan, damit …«
Falkann nahm sie in den Arm. »Ich weiß, er wird es
schon schaffen«, flüsterte er. Dann lächelte er ihr zu. »Tovion hat
übrigens Nelja Bescheid gesagt. Die beiden haben sich heimlich
Falken beschafft, damit sie in Kontakt bleiben können. Die
Botenbriefe sind sonst nie angekommen.«
Rijana nickte erleichtert. Nelja war eine gute
Heilerin. Ihr konnte sie vertrauen. Dann runzelte sie die Stirn.
»Ich muss Broderick unbedingt etwas erzählen, aber jetzt muss ich
erst mal zu Ariac zurück.«
Falkann blickte zu Boden.
»Hast du übrigens schon dein Pferd gesehen?«,
fragte Falkann.
»Lenya?«, fragte sie überrascht.
Falkann nickte. »Sie kam eines Tages zum Schloss
von König Greedeon galoppiert.« Er blickte sie traurig an. »Wir
dachten damals, du wärst tot.«
»Das muss gewesen sein, als das Erdbeben war«,
erinnerte sich Rijana. »Ich bin in eine Schlucht gestürzt. Ist
Ariacs Hengst auch mitgekommen?«
Falkann schüttelte den Kopf, dann ging er zusammen
mit Rijana zurück zum Herrenhaus.
Zwei Wachen standen plötzlich vor Ariacs Zimmer und
kreuzten die Lanzen, als Rijana hineinwollte.
»Was soll das?«, fragte sie wütend.
»Anordnung der Heiler«, erwiderte die Wache
steif.
»Lasst mich durch«, rief sie und wollte
weitergehen, aber die Männer hielten sie auf. Schließlich kam einer
der Heiler heraus und nahm Rijana am Arm.
»Er braucht Ruhe, wir probieren neue Heiltränke
aus.«
»Aber bisher habe ich doch auch nicht gestört«,
sagte sie verwirrt.
Der Heiler schüttelte den Kopf. »Nein, aber jetzt
muss er allein sein.«
Ohne ein weiteres Wort verschwand er wieder im
Zimmer, und die Wachen verstellten Rijana erneut den Weg. Sie
verstand das Ganze nicht, ging aber schließlich in den
Gemeinschaftsraum, wo Saliah und Broderick saßen.
Die beiden sprangen auf, als Rijana eintrat.
»Schön, dich zu sehen.«
Rijana nickte nachdenklich und setzte sich hin.
Saliah nahm sie an der Hand.
»Ist etwas passiert?«
»Sie lassen mich nicht mehr zu ihm«, antwortete sie
mit gerunzelter Stirn.
»Warum?«, fragte Broderick überrascht.
»Angeblich, weil er Ruhe braucht.«
Saliah lächelte beruhigend. »Die Heiler sind sehr
gut. Sie werden schon wissen, was richtig ist.«
Rijana zuckte die Achseln und ließ die Beine
baumeln, dann riss sie sich zusammen und sagte zu Broderick: »Ich
muss dir etwas erzählen.«
Der runzelte die Stirn und nickte. »Also, dann
erzähl mal.«
Rijana warf Saliah einen unsicheren Blick zu. »Es
ist, na ja, ich weiß nicht …«
Saliah schien zu verstehen und erhob sich elegant
wie immer. »Ich wollte ohnehin nach draußen gehen.«
Rijana setzte sich Broderick lächelnd gegenüber.
»Wir waren in Errindale. Ich muss sagen, ich mag dein Land.«
»Natürlich, es ist das schönste aller
Länder.«
»Ich war auch in der Schenke zum
Finstergnom.«
»Was?« Broderick wirkte plötzlich sehr aufgeregt.
»Hast du meinen Vater gesehen? Und Kalina? Ich habe so lange nichts
mehr von ihr gehört.«
Rijana nickte lächelnd und nahm Brodericks Hand.
»Nicht nur die beiden. Broderick, du hast einen Sohn.«
Für einen Augenblick wich jede Farbe aus seinem
Gesicht. Er wurde abwechselnd rot, weiß, dann keuchte er und ließ
sich nach hinten in den Sessel plumpsen. »Ich habe einen Sohn?«,
fragte er fassungslos. »Warum hat Kalina das nie
geschrieben?«
Rijana erzählte ihm, wie wütend Kalina zunächst
gewesen war. Wie sie ihn beschimpft hatte und dass sie ihm sehr
wohl immer Briefe geschrieben, jedoch nie eine Antwort erhalten
hatte.
»Das gibt es doch nicht«, flüsterte er.
Rijana lächelte ihn an. »Der kleine Norick sieht
dir sehr ähnlich. Er ist ein fröhliches Kind. Kalina und dein Vater
sind sehr stolz auf ihn.«
»Ich muss ihr sofort schreiben«, sagte er und
sprang auf, dann setzte er sich wieder hin. »Das ist doch komisch,
oder? Auch die Briefe von Tovion und Nelja sind nie angekommen.
Erst seitdem sie sich heimlich mit Hilfe der Falken schreiben,
haben sie regelmäßig Kontakt.«
»Ja, das finde ich ebenfalls seltsam«, stimmte
Rijana zu. »Außerdem wussten wir viele Dinge nicht, zum Beispiel,
dass König Scurr Errindale, Gronsdale und Northfort zum größten
Teil kontrolliert.«
Broderick blickte sie verwirrt an. »Wir werden mit
König Greedeon sprechen müssen. Irgendetwas ist da faul.« Er
schüttelte fassungslos den Kopf. »Du meine Güte, ich habe einen
Sohn. Ich muss Kalina so schnell wie möglich besuchen!«
Rijana nickte und lehnte sich zurück. Später kamen
auch die anderen herein, und Broderick erzählte ihnen stolz von
seinem Sohn. Sie gratulierten ihm, wunderten sich jedoch auch
darüber, dass keiner von Kalinas Briefen angekommen war.
»Ich wollte vorhin mit König Greedeon reden, aber
der ist schon wieder abgereist«, erzählte Broderick.
»Ich hoffe, dass Nelja bald eintrifft«, sagte
Tovion nachdenklich und fuhr sich durch seine halblangen braunen
Haare.
»Das hoffe ich auch«, seufzte Rijana.
Saliah zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Ich möchte
nur eins wissen«, wandte sie sich dann ihren Freunden zu. »Wenn
Ariac diesen Flanworn nicht umgebracht hat, wer war es dann?«
Falkann begann unruhig auf seinem Stuhl
herumzurutschen
und überlegte schon, den anderen alles zu beichten, aber dann
traute er sich doch nicht.
Sie überlegten eine Weile, dann stand Rijana
auf.
»Ich gehe noch mal zu Ariac, vielleicht lassen sie
mich ja jetzt vor.«
Rijana ging durch das Herrenhaus, wo sie auf den
grimmigen Lord Regold stieß.
»Wie lange bleibt ihr denn noch hier?«, fragte
er.
»So lange, bis Ariac gesund ist«, erwiderte Rijana
mit gerunzelter Stirn.
Lord Regold fluchte leise. Es gefiel ihm gar nicht,
die vielen Leute kostenlos bewirten zu müssen, denn er war sehr
geizig. Schließlich stapfte er leise vor sich hin schimpfend davon.
Rijana beachtete ihn nicht weiter und verlangte an der Tür zu
Ariacs Zimmer energisch, vorgelassen zu werden. Aber auch diesmal
wollte sie niemand hereinlassen. Sie tobte, schrie und bettelte,
aber nichts nützte etwas. Schließlich zog sie in ihrer Wut und
Verzweiflung ihr Schwert und begann auf eine der Wachen loszugehen.
Der Mann war sehr erschrocken, denn er wollte nicht gegen eines von
Thondras Kindern kämpfen. Sein Gefährte eilte davon. Schließlich
stürmte Saliah herbei.
»Rijana, hör auf«, rief sie entschieden. »Wir sind
hier zu Gast, und die Heiler werden sich gut um ihn kümmern!«
Widerstrebend ließ Rijana ihre Waffe sinken und
sich von Saliah tröstend in den Arm nehmen.
»Mach dir nicht zu viele Sorgen«, sagte Saliah und
wandte sich dann mit ihrem bezaubernden Lächeln an die Wachen.
»Rijana wird ihn sicherlich bald besuchen können, wenn er sich
ausgeruht hat, nicht wahr?«
Der erschrockene Wachmann nickte eilig. »Ja, ich
denke schon.« Selten hatte er jemanden so kämpfen gesehen, schon
gar nicht eine Frau.
Aber Rijana machte sich natürlich doch Sorgen. In
dieser
Nacht konnte sie kaum schlafen, denn sie spürte, dass Ariac sie
brauchte.
Am nächsten Nachmittag tauchte Nelja auf. Zunächst
fiel sie Tovion um den Hals, dann strich sie sich die lockigen
schwarzen Haare aus dem Gesicht und sagte: »Ich bin den ganzen Weg
von Camasann hierher galoppiert. Brogan will auch kommen, aber er
hatte noch etwas zu erledigen.«
Rijana lächelte. Sie freute sich, den Zauberer
wiederzusehen.
»Wie geht es Ariac?«, fragte Nelja.
Rijanas Gesicht verfinsterte sich. »Ich weiß es
nicht, sie lassen mich nicht mehr zu ihm.«
Nelja zog die Augenbrauen zusammen. »Wieso das denn
nicht?«
»Sie behaupten, dass er Ruhe braucht.«
Nelja seufzte, nahm einen Schluck Wasser und aß
etwas. In dieser Zeit erzählten die anderen ihr kurz von der
Feuerechse und was sonst noch geschehen war.
»Ich werde zu ihnen gehen«, sagte sie entschieden.
»Schließlich bin ich inzwischen auch eine ausgebildete Zauberin und
Heilerin.«
Rijana war sehr erleichtert und folgte Nelja zu dem
Zimmer, aber die Wachen wollten auch sie nicht vorlassen.
»Ich bin extra aus Camasann hergekommen«, sagte
Nelja bestimmt. »Zauberer Hawionn wäre sehr erzürnt, wenn ihr mich
fortschicken würdet.«
Die Wachen blickten sich unsicher an. Sie wussten,
dass König Greedeon und der Leiter der Schule von Camasann sehr eng
zusammenarbeiteten. Es würde Ärger geben, wenn sie gegen seinen
Willen handelten. Schließlich nickten sie und sagten: »Aber nur
Ihr.«
Nelja zwinkerte Rijana aufmunternd zu und betrat
den Raum. Zwei Heiler standen am Fenster und unterhielten sich
leise. Als Nelja eintrat, zuckten sie zusammen. Sie beachtete
die beiden nicht, sondern kniete sich neben Ariac, der sich mit
hohem Fieber im Bett hin und her warf und offensichtlich kaum Luft
bekam.
»Was tut Ihr hier?«, fragte der Heiler von König
Greedeon.
Nelja richtete sich verwirrt auf. »Die Frage ist
wohl eher, was tut Ihr nicht? Seht Ihr nicht, wie schlecht es ihm
geht?«
Der ältere Mann mit dem verbissenen Gesicht
musterte sie wütend. »Wir tun, was wir können. Wer seid Ihr?«
»Mein Name ist Nelja. Ich bin auf Camasann in
Zauberei und Heilkunde ausgebildet worden.«
Der Heiler zog die Augenbrauen zusammen und blickte
zu dem zweiten Heiler, der nur die Achseln zuckte.
»Geht jetzt, wir haben unsere eigenen Methoden.
Gegen das Gift einer Feuerechse kann man ohnehin nichts tun.«
Nelja setzte sich neben Ariac und legte ihm eine
Hand auf die glühende Stirn. Er murmelte etwas, keuchte qualvoll
und brachte schließlich ein undeutliches »Rijana« heraus.
»Warum lasst Ihr sie denn nicht zumindest zu ihm?«,
fragte Nelja wütend.
»Er braucht Ruhe, und sie muss ihn nicht unbedingt
leiden sehen«, erwiderte der Heiler und zog Nelja mit sich. »Und
jetzt geht.«
Nelja ließ sich verwirrt nach draußen schieben.
Rijana wartete schon auf sie.
»Und, wie geht es ihm?«
Nelja warf noch einen Blick auf die sich
schließende Tür und sagte seufzend: »Nicht sehr gut, aber ich
…«
Rijana biss sich auf die Lippe, aber Nelja grinste
plötzlich und klopfte noch einmal an die Tür. Der Heiler öffnete
ungehalten.
Sie drängte sich einfach hinein. »Ich weiß, was
gegen das Gift einer Feuerechse hilft!«, sagte sie voller
Begeisterung zu den älteren Männern.
Die beiden blickten sie verwirrt an.
»Das Wasser aus einer der heiligen Quellen der
Elfen!«, rief sie zufrieden. Sie hatte es schon beinahe vergessen,
aber Brogan hatte ihr einmal ein Buch über Elfenheilkunde und
Elfenmagie gegeben. Dort hatte sie es gelesen.
»Das ist doch Blödsinn, Mädchen«, sagte der ältere
Heiler und schob sie wieder zur Tür.
»Ist es nicht!«, rief Nelja empört und befreite
sich aus dem Griff des Heilers. »Die Elfen galten als die besten
Heilkundigen in früherer Zeit. Wir müssen nur eine der heiligen
Quellen finden und dann …«
Der Heiler schüttelte den Kopf und schob sie
energisch hinaus. Nelja blieb fassungslos vor der Tür stehen und
überlegte schon, ihre Freunde zu holen und die Tür zu stürmen. Dann
überlegte sie es sich anders und packte Rijana, die ein ängstliches
Gesicht machte, am Arm und zog sie mit sich zu den anderen in die
kleine Bibliothek.
»Da stimmt etwas nicht«, sagte sie. »Die Heiler
verhalten sich komisch. Ich habe den Eindruck, dass sie Ariac gar
nicht helfen wollen.«
»Glaubst du das wirklich?«, fragte Saliah
fassungslos.
Nelja nickte. »Zunächst habe ich überlegt, ob wir
einfach mit Gewalt in Ariacs Zimmer stürmen sollten.« Sie grinste.
»Schließlich seid ihr die besten Krieger aller Länder. Aber
andererseits nützt es nichts, wenn wir ganz Balmacann gegen uns
aufbringen und eine Revolte anzetteln.«
Rijanas Augen füllten sich mit Tränen, aber Nelja
drückte beruhigend ihre Hand. »Keine Angst, ich glaube, ich weiß,
wie wir ihm helfen können, aber dafür müssen wir ihn von hier
fortbringen.« Dann blickte sie Tovion an. »Weißt du, wer ein Buch
über die heiligen Stätten der Elfen besitzen könnte? Wir müssen
eine der heiligen Quellen finden, deren Wasser das Gift der
Feuerechse neutralisieren kann.«
In Rijanas Augen keimte wieder Hoffnung auf, und
Tovion nickte nachdenklich.
»Ich war einige Zeit im Haus von Lord Geodorn.« Er
verzog das Gesicht. »Ich glaube, der Mann kann nicht einmal lesen,
aber er hat eine beeindruckende Bibliothek und auch Bücher, die von
der Zeit der Elfen handeln.« Augenblicklich sprang Tovion auf. »Ich
reite sofort los. Wenn ich mich beeile, bin ich morgen früh
hier.«
Nelja nickte und beugte sich vor. »Wir müssen die
Wachen überrumpeln und Ariac wegbringen. Nur so können wir ihn
vielleicht retten.«
»Aber warum tun sie so etwas?«, flüsterte Rijana
bestürzt.
Nelja nahm ihre Hand. »Ich weiß es nicht, aber ich
habe schon lange den Eindruck, dass hier merkwürdige Dinge
vorgehen. Brogan hat gelegentlich auch schon so etwas angedeutet.
Jemand muss die Wachen überwältigen, das ist nicht ganz
ungefährlich.«
»Ich tue es«, sagte Falkann überraschend. Ich
habe noch etwas wiedergutzumachen, fügte er in Gedanken
hinzu.
Broderick musterte seinen Freund kritisch. Dass
gerade Falkann so ein Risiko für Ariac auf sich nahm, kam ihm
eigenartig vor.
»Ich helfe dir«, versprach Broderick, und Falkann
nickte.
»Gut«, meinte Rudrinn. »Dann werde ich mit Saliah
und Rijana eine Kutsche stehlen. Ihr kommt am besten zum hinteren
Tor, von dort aus können wir leicht fliehen.«
»Ich weiß nicht, ob eine Kutsche so gut ist«,
wandte Broderick ein. »Mit Pferden könnten wir leichter
verschwinden und wären schneller.«
Die anderen nickten. Für Ariac wäre es sicherlich
unkomfortabler, aber so wären sie wirklich schneller. Schließlich
einigten sie sich auf Pferde. Sie wollten warten, bis Tovion
eintraf, und dann rasch handeln. In dieser Nacht konnte Rijana kein
Auge schließen. Sie machte sich Sorgen.
Als Tovion schließlich abgehetzt ankam, war sie
mehr als erleichtert.
»Ich habe ein Buch gefunden. Eine der heiligen
Quellen liegt gar nicht so weit von hier entfernt, beim zweiten der
sieben Türme von Balmacann«, berichtete er atemlos.
»Gut, dann geht es los«, sagte Rudrinn, der Rijana
auf die Füße zog. »Wir treffen uns am Tor.«
Falkann und Broderick nickten. Sie nahmen ihre
Schwerter und schlenderten, scheinbar absichtslos, durch den Gang.
Zum Schein begannen sie einen Streit.
»Du bist der größte Idiot aller Zeiten«, rief
Broderick und schubste Falkann an die Wand. »Die kleine rothaarige
Magd gehört mir, das kannst du dir gleich merken.«
Falkann setzte ein wütendes Gesicht auf und stieß
Broderick von sich. »Das ist überhaupt nicht wahr, ich hatte sie
zuerst.«
Die beiden begannen einen Ringkampf, und die Wachen
schauten sich verunsichert an. Sollten sie eingreifen? Schließlich
kämpften Falkann und Broderick direkt vor ihren Füßen. Die Wachen
wollten die beiden trennen. »Jetzt hört aber auf, ein Mädchen ist
das nicht wert …«
Doch da sprangen Falkann und Broderick auf und
schlugen die Wachen mit schnellen und gezielten Schlägen gegen die
Schläfe bewusstlos. Falkann und Broderick grinsten sich an, dann
schleiften sie die beiden Wachen in eines der angrenzenden Zimmer
und stießen die Tür auf. Der alte Heiler hatte in einem Sessel
geschlafen und fuhr überrascht auf.
Broderick packte ihn am Kragen und hielt ihm den
Mund zu. »Wir werden Ariac jetzt helfen, und du …«, er blickte sich
um und schleifte den Mann zu einem der großen Wandschränke,
»wartest hier«, sagte er, knebelte und fesselte ihn und legte ihn
in den Schrank.
Falkann beugte sich derweil zu Ariac hinunter, der
zusammengekrümmt und stöhnend in seinem Bett lag.
»Du liebe Güte«, sagte Broderick kopfschüttelnd.
»Ich dachte, es ginge ihm ein wenig besser.«
Auch Falkann schüttelte den Kopf. »Nelja hatte wohl
Recht.«
Broderick schnappte sich noch zwei Decken, dann
schleppten sie Ariac durch das nächtliche Schloss. Vor dem Tor
warteten die anderen mit den Pferden. Erschrocken streichelte
Rijana Ariacs Hand, aber er nahm sie offensichtlich gar nicht wahr.
Broderick nahm Ariac vor sich auf den Sattel, und sie galoppierten
in der einbrechenden Morgendämmerung nach Westen, in der Hoffnung,
die heilige Quelle der Elfen wirklich zu finden. Sie suchten eine
ganze Zeit lang. Das Buch war sehr alt und beschrieb Wälder und
Bäche, die schon lange nicht mehr existierten. Schließlich fanden
sie, nicht weit vom Meeresufer entfernt, die ungewöhnliche
Felsformation, die wie ein liegender Drache aussah. Aus einer
Felsspalte plätscherte eine kleine Quelle, bunte Blumen blühten in
dem weichen Gras. Sie hoben Ariac so vorsichtig wie möglich
herunter und legten ihn auf die Decke. Rijana nahm ihn gleich in
den Arm und drückte ihn an sich. »Ich bin hier, keine Angst, jetzt
helfen wir dir«, flüsterte sie, aber er stöhnte nur und keuchte
qualvoll.
»Ich hoffe, dass es die richtige Quelle ist«,
murmelte Nelja. Sie beeilte sich, einen Wasserschlauch zu füllen,
dann ließ sie Ariac etwas Wasser in den Mund laufen. Er konnte aber
kaum schlucken und hustete.
»Du musst das trinken«, flüsterte Rijana ihm ins
Ohr und streichelte ihm über die Stirn, aber er fing wieder heftig
an zu zittern.
Nelja lächelte Rijana aufmunternd zu. »Wir
versuchen es später. Ich werde jetzt sein Bein mit dem Quellwasser
auswaschen und verbinden.«
Rijana nickte ängstlich und streichelte Ariac immer
wieder beruhigend. Als Nelja sein Bein untersuchte, das entzündet
und geschwollen war, bäumte er sich vor Schmerzen auf. Rijana
nahm seine Hand, und er hielt sich an ihr fest, bis Nelja endlich
fertig war. Dann ließ Ariac sich schwer atmend nach hinten sinken.
Er schnappte nach Luft, seine aufgesprungenen Lippen waren schon
ganz blau.
»Er bekommt kaum Luft«, sagte Rijana
ängstlich.
Nelja nickte besorgt und sagte: »Richte ihn ein
wenig auf. Wir müssen ihn dazu bringen, dass er das Quellwasser
trinkt, das ist wichtig.«
Saliah und die anderen konnten nur zusehen, obwohl
sie gern geholfen hätten.
Schließlich stand Falkann auf. »Ich halte Wache,
nicht dass uns jemand sucht.«
Broderick nickte und folgte seinem Freund.
Falkann setzte sich etwas entfernt auf einen Stein
und stützte den Kopf in die Hände. Broderick legte ihm eine Hand
auf den Arm.
»Es tut mir leid für dich, aber sie liebt ihn
wirklich.«
Eine Weile sagte Falkann nichts, dann nickte er
stumm und starrte in die Nacht hinaus. Broderick hatte Recht.
Falkann platzte beinahe vor Eifersucht, dazu kamen sein schlechtes
Gewissen und seine Schuldgefühle. Wäre er nicht gewesen, hätte man
Ariac nicht verhaftet, und dann würde es ihm jetzt nicht so
schlecht gehen.
Irgendwann, als die Sonne schon wieder sank, setzte
sich Saliah zu den beiden.
»Und, hilft das Quellwasser?«, fragte
Broderick.
Saliah seufzte. »Ich bin nicht sicher.« Dann
blickte sie ihre Freunde traurig an. »Nelja hat Rijana nichts
gesagt, aber normalerweise muss man innerhalb von sieben Tagen die
heilige Quelle erreichen. Ariacs Stich ist aber schon länger her.
Wir wissen nicht, ob das Quellwasser das Gift bekämpfen
kann.«
»Er hat so lange durchgehalten«, sagte Broderick
aufmunternd, »dann wird er es jetzt auch schaffen.«
Saliah nickte und fuhr sich durch die langen
blonden Haare. »Rijana ist ziemlich verzweifelt, ich kann sie
verstehen.«
Broderick nahm Saliah in den Arm. »Das weiß ich.
Aber wir müssen jetzt einfach das Beste hoffen.«
Rijana war irgendwann doch eingeschlafen. Ariac
lag auf ihrem Oberschenkel und atmete unregelmäßig und
schwerfällig. Nelja versuchte immer wieder, ihm etwas von dem
Quellwasser zu geben, und hatte auch den Eindruck, dass das Fieber
ein wenig sank, aber sie wollte sich keine falschen Hoffnungen
machen. Schließlich führte Tovion sie ein wenig fort.
»Du musst dich jetzt ausruhen, im Moment schläft
er.«
Nelja lehnte sich an ihn und seufzte. »Aber weck
mich, wenn es nötig ist.«
Tovion nickte und legte ihr seinen Umhang über,
dann setzte er sich neben Rijana und Rudrinn, der gerade ein Feuer
für die Nacht entzündete.
Die beiden unterhielten sich eine Weile leise über
die seltsamen Dinge, die in Balmacann und der übrigen Welt vor sich
gingen. Dann lösten sie Broderick, Falkann und Saliah mit der Wache
ab.
Rijana wachte auf, als Ariac sich unruhig bewegte
und offensichtlich nach Luft schnappte. Sie half ihm, sich
aufzurichten, und er öffnete sogar halb die Augen. Rijana lächelte
und strich ihm die feuchten Haare aus dem Gesicht.
»Du musst das jetzt trinken«, sagte sie und hielt
ihm den Wasserschlauch an die Lippen.
Schließlich trank er noch ein paar Schlucke und
ließ sich zitternd gegen Rijanas Schulter sinken. Sie legte ihm
wieder ein Tuch mit kaltem Quellwasser auf die Stirn und nahm seine
Hand in ihre.
»Das heilige Wasser der Elfen hilft dir, du musst
gegen das Gift ankämpfen«, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Als Nelja am Morgen wieder zu den beiden kam,
schien Ariac ein wenig leichter zu atmen, aber er hatte noch immer
hohes Fieber und ganz offensichtlich Schmerzen.
»Ariac, hörst du mich?«, fragte sie und rüttelte
ihn vorsichtig an der Schulter. Aber er gab nur ein Stöhnen von
sich und krümmte sich zusammen.
Irgendwann kam Tovion, der die ganze Nacht über in
dem Buch der Elfen gelesen hatte, herbeigeeilt. »Hier steht, dass
es seltene, weiß-gelbe Blumen gibt, die nur an den heiligen
Elfenquellen wachsen. Sie sollen gegen Vergiftungen helfen, wenn
man sie auf die Wunde legt. Außerdem soll ein Tee aus den Wurzeln
stärkend wirken«, sagte er.
Nelja nickte. »Gut, wir versuchen alles, was helfen
kann.« Sofort begann sie nach den Blumen zu suchen.
Rijana ging zur Quelle und wusch sich das Gesicht,
dann setzte sie sich auf einen Stein und beobachtete Nelja besorgt,
die kleine Blumen pflückte und auf Ariacs Beinwunde legte. Er
schrie im Schlaf auf und schlug um sich. Rijana sprang auf und nahm
ihn in den Arm. Er öffnete die Augen ein wenig und blickte sie
hilfesuchend an. Rijana lief eine Träne die Wange hinunter. »Gleich
wird es besser. Hier, trink noch etwas.«
Er stöhnte leise und trank von dem Quellwasser,
bevor er sich wieder an sie klammerte. Nach einer Weile entspannte
er sich und fiel in einen unruhigen Schlaf.
»Ich glaube, es wirkt«, sagte Nelja aufmunternd.
»Jetzt bekommt er zumindest besser Luft.«
»Bist du sicher?«, fragte Rijana ängstlich und
blickte auf Ariacs angespanntes Gesicht.
»Ich denke schon«, sagte Nelja mit einem
vorsichtigen Lächeln.
Immer wieder versuchte sie Ariac etwas von dem
Quellwasser einzuflößen und verband sein Bein mit einem Brei aus
den kleinen Blumen.
Gegen Abend wachte er zitternd auf, und Rijana
lächelte ihn vorsichtig an.
»Wie geht es dir?«, fragte sie und drückte seine
Hand.
»Es ist … so kalt«, murmelte er zitternd und
schloss die Augen wieder.
»Kannst du mir bitte meinen Umhang geben?«, fragte
Rijana an Rudrinn gewandt, der neben ihr saß.
Der sprang sofort auf. Rijana legte Ariac ihren
Elfenumhang unter die Decken und nahm ihn fest in den Arm.
»Es wird sicher gleich besser«, sagte sie leise und
wischte ihm die heiße Stirn ab.
Ariac nickte und hob noch einmal qualvoll die
Augen. »Wo sind wir denn?«, murmelte er.
»Bei den anderen in Balmacann, alles wird
gut.«
»Ich … bin … kein Verräter«, murmelte er.
»Das wissen wir, und die anderen glauben dir«,
sagte Rijana beruhigend und streichelte ihn. »Mach dir jetzt
darüber keine Gedanken.«
Ariac keuchte ein paar Mal und fragte dann mühsam:
»Das Schwert … haben sie … das Schwert?«
Rudrinn kniete sich vor ihn und packte ihn am Arm.
»Wir haben es, und ich bin dir sehr dankbar, aber jetzt musst du
dich ausruhen.«
Ariac hustete ein paar Mal und lehnte sich wieder
zitternd an Rijanas Schulter. Rijana lehnte sich gegen den Felsen
und schloss die Augen.
Nachdem Rudrinn etwas gegessen hatte, kam er wieder
zu ihr und streichelte ihr über die Wange.
»Ariac ist sehr tapfer. Ich bin sicher, dass er es
schaffen wird.«
»Ich habe Angst«, flüsterte sie und streichelte
über Ariacs heißes Gesicht. »Er hat schon so viele Tage so hohes
Fieber und so schlimme Schmerzen. Er kann das nicht mehr lange
aushalten. Und ich kann ihm nicht helfen.«
Rudrinn lächelte aufmunternd, obwohl auch er sich
Sorgen machte. »Und ob du ihm hilfst, du bist schließlich die ganze
Zeit bei ihm. Jetzt ist er zumindest schon ein paar Mal aufgewacht.
Ich glaube schon, dass das Wasser der heiligen Quelle hilft.«
Als Rijana am nächsten Morgen aufwachte, schlug
auch Ariac ein wenig mühsam die Augen auf. Rasch kniete sie sich
neben ihn und gab ihm von dem Wasser zu trinken. Er wollte sich auf
die Unterarme stützen, fiel aber mit einem Stöhnen zurück. Rijana
stopfte ihm einen Umhang unter den Rücken und betrachtete sein
blasses Gesicht und die dunklen Schatten unter den Augen.
»Ist dir noch kalt?«, fragte sie besorgt.
Ariac schüttelte vorsichtig den Kopf und stöhnte
dann unterdrückt. Er drückte die Hände gegen die Augen.
»Hast du Kopfschmerzen?«
»Es geht schon«, keuchte er und öffnete die Augen
wieder ein Stück weit. »Sind wir wirklich in Balmacann?«
Rijana nickte und drückte seine Hand. Das Fieber
schien ein wenig gesunken zu sein. »Fühlst du dich besser?«, fragte
sie hoffnungsvoll.
»Ich glaube schon«, murmelte er und ließ den Kopf
wieder auf den Boden sinken.
Rijana drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und
lief zu Nelja, die mit Tovion und Saliah etwas abseits stand. »Ich
glaube, jetzt geht es ihm wirklich ein wenig besser.«
Nelja nickte zufrieden. »Gut, dann sollte er so
schnell wie möglich wieder etwas essen. Er ist sehr schwach.«
Rijana nickte und sammelte mit Nelja zusammen
Kräuter, während Tovion anbot, auf die Jagd zu gehen. Anschließend
kochten sie eine Suppe, und Rijana weckte Ariac vorsichtig
auf.
»Komm, du musst etwas essen.«
Er verzog das Gesicht und konnte sich kaum im
Sitzen halten. Rijana gab ihm die Schüssel mit Suppe, aber nach
einigen Bissen schüttelte er den Kopf und legte sich stöhnend auf
die Seite. Ariac war zwar entkräftet, aber das Schlimmste schien er
überstanden zu haben. Er war immer wieder für kurze Zeit wach,
hatte kaum noch Fieber und konnte nach und nach auch ein wenig
Suppe zu sich nehmen.
Als zwei weitere Tage vergangen waren, waren alle
sehr erleichtert – Ariac würde überleben.
Es war ein schwülwarmer Sommertag. Etwa fünf Tage
waren vergangen, seitdem sie aus Lord Regolds Haus geflohen waren,
als sich Soldaten in König Greedeons Farben näherten. Rasch waren
die sieben Freunde eingekreist. Alle stellten sich in eine Reihe
vor Ariac und Rijana, die an einen Felsen gelehnt dasaßen.
König Greedeon kam auf einem weißen Hengst
herangetrabt und machte ein mehr als ungehaltenes Gesicht.
»Endlich finden wir euch«, rief er und musterte
Ariac missbilligend. Er hatte also doch überlebt. »Was habt ihr
euch dabei gedacht, einfach zu verschwinden und einen meiner Heiler
in einen Schrank zu sperren?«
Saliah entfuhr ein leises Lachen. Sie hatte gar
nicht gefragt, was mit den Heilern geschehen war. König Greedeon
zog wütend die Augenbrauen zusammen.
Nelja trat selbstbewusst vor. »Eure Heiler haben
nichts für Ariac getan. Also haben wir ihm geholfen.«
»Er ist einer von uns«, sagte Falkann ruhig, und
seine Freunde nickten zustimmend.
Rijana lächelte Ariac zu und drückte seine Hand.
Endlich bekam Ariac mit, dass die anderen ihn nun wirklich
akzeptierten.
König Greedeon trat einen Schritt vor, aber Falkann
und seine Freunde stellten sich ihm in den Weg, woraufhin der König
vor Wut rot anlief. Im Geiste verfluchte er sie. Schließlich
war erneut sein Geschäft mit König Scurr geplatzt. Die anderen
schienen diesen Ariac nun als einen der ihren anzusehen. Doch dann
zeichnete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ab. Vielleicht war
das gar nicht so schlecht. Nun waren alle Sieben vereint, sollte
Scurr doch tun, was er wollte. Er, König Greedeon, hatte nun die
Sieben Kinder Thondras hier in Balmacann – und sie hielten
zusammen. Wenn sie für ihn kämpften, könnte er alles für sich
erobern, und Scurr, den würden sie auch erledigen können.
König Greedeon räusperte sich und hob die
Hände.
»Gut, wie es aussieht, haben meine Heiler einen
Fehler gemacht. Sie sind manchmal etwas«, er kicherte verlegen,
»von sich eingenommen und lassen sich nicht gern von jüngeren
Leuten etwas sagen.«
Nelja schnaubte entrüstet. »Ich hatte Recht, das
Wasser der heiligen Quelle war die einzige Möglichkeit, um Ariac zu
retten.«
»Sicher, sicher, junge Zauberin«, sagte der König
und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich werde sie allesamt
entlassen.« Er blickte in die Runde und nickte zu Ariac hinüber,
der blass am Felsen lehnte. »Aber kommt doch bitte auf mein
Schloss. Eurem Freund geht es doch noch immer nicht gut.«
»Das letzte Mal hat die Gastfreundschaft in Eurem
Schloss etwas zu wünschen übriggelassen«, erwiderte Rijana
schneidend.
In König Greedeon brodelte es, aber er zwang sich,
ein freundliches Gesicht zu machen.
»Das war dann wohl ein Missverständnis.« Er blickte
zum Himmel auf. »Wenn mich nicht alles täuscht, dann wird es bald
regnen. Also bitte, macht mir die Freude und seid meine
Gäste.«
Sie blickten sich unsicher an.
»Es wäre für Ariac wohl nicht so gut, wenn er
mehrere Tage in einer Kutsche transportiert werden würde«, gab
Nelja zu
bedenken, und die anderen stimmten ihr zu. Auch sie wollten nicht
in König Greedeons Schloss zurück.
»Gut, gut«, sagte Greedeon dann verdrossen, und die
anderen senkten ihre Schwerter.
Er schritt selbstbewusst durch sie durch und beugte
sich zu Ariac hinab, der nur mühsam die Augen offen halten
konnte.
»Das Anwesen von Lord Geodorn liegt nicht weit
entfernt. Er wird euch allen Unterkunft gewähren und …«
»Aber nur Nelja behandelt ihn«, sagte Rijana fest
und legte ihren Arm um Ariac, der müde die Augen schloss und sich
an ihre Schulter lehnte.
König Greedeon hob die Hände. »Wie ihr wollt, wie
ihr wollt.«
»Ich habe Euren Berater nicht ermordet«, murmelte
Ariac kaum verständlich.
»Das ist wohl so«, sagte König Greedeon verbindlich
und beugte sich noch ein wenig tiefer. »Das war wohl ein
Missverständnis, da musst du mich verstehen, Ariac, ich konnte
nicht anders handeln. Aber sag mir doch bitte, wer hat dich aus dem
Kerker geholt?«
Erschrocken drückte Rijana seine Hand. Sie hoffte,
dass er Brogan nicht verriet. Ariac verzog gequält das Gesicht.
König Greedeon hatte eine durchdringende, laute Stimme, und sein
Kopf tat noch immer weh. Er schloss die Augen und lehnte den Kopf
an den Felsen.
»Jetzt lasst ihn doch in Ruhe«, sagte Rijana. »Er
ist müde und erschöpft.«
Der König zog missbilligend die Augenbrauen
zusammen.
»Ich war es«, gab sie schließlich zu.
»Aber wie kannst du denn allein …«, brauste König
Greedeon auf, und Ariac stöhnte unterdrückt. Broderick packte den
König kurzerhand an seinem pelzbesetzten Umhang und zog ihn fort,
woraufhin dessen Wachen zusammenzuckten.
»Das könnt Ihr immer noch klären«, sagte Broderick
bestimmt und blickte auf den Himmel. »Können wir jetzt auf den
Landsitz? Sonst werden wir noch nass.«
Greedeon zog eine säuerliche Miene. »Natürlich. Ich
lasse eine Kutsche kommen.« Er stolzierte zu seinem Hengst und
stieg mit königlicher Würde auf. »Ich werde auf euch warten«,
verkündete er.
»Das habe ich befürchtet«, knurrte Rudrinn, als der
König verschwunden war.
Rijana streichelte über Ariacs Stirn. »Er ist fort,
und bald bekommst du ein richtiges Bett.«
»Wir müssen die Wasserschläuche füllen«, sagte
Nelja bestimmt. »Ich hoffe, der König hält sein Wort und lässt mich
Ariac wirklich behandeln.«
»Wenn nicht, dann wird er was zu hören bekommen!«,
sagte Rudrinn und ließ die Finger knacken.
Bald kam eine Kutsche, und Ariac stand mühsam auf.
Nur auf Rudrinn und Tovion gestützt konnte er überhaupt die wenigen
Schritte gehen. Als er endlich in einem komfortablen Zimmer auf dem
Landsitz von Lord Geodorn lag, zitterte er am ganzen Körper und war
am Ende seiner Kräfte. Nelja gab ihm von dem Quellwasser, und
Rijana nahm seine Hand in ihre. »Wir bleiben hier und passen auf
dich auf.«
Ariac hustete und schloss müde die Augen.
»Danke«, murmelte er, bevor er einschlief.
Einer von ihnen blieb immer in Ariacs Zimmer, und
Nelja war die Einzige, die ihn behandelte. König Greedeon ließ
immer wieder ausrichten, wie leid ihm alles täte. Lord Geodorn war
sehr wütend gewesen, als er erfahren hatte, dass Tovion sein Buch
gestohlen hatte. Als König Greedeon aber verkündet hatte, wie froh
er war, dass es Ariac langsam besser ging und die Sieben nun
vereint waren, drehte er sich wie die Fahne im Wind und war
freundlicher denn je.
Auch auf Lord Geodorns Landsitz wich Rijana kaum
von Ariacs Seite, und tatsächlich erholte er sich langsam, aber
sicher. Eines Abends, als Rijana an seinem Bett saß und ihm
liebevoll über die dunklen Haare strich, blickte er zu ihr
auf.
»Ich hätte niemals gedacht, dass ich das überlebe.
Ich danke dir, Rijana, dass du nicht aufgegeben hast. Deinen
Freunden werde ich auch noch danken.«
Sie lächelte und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
»Ich hoffe, dass es eines Tages auch deine Freunde werden.«
Er nickte und richtete sich ein wenig auf, was
jetzt nicht mehr ganz so anstrengend war wie in den letzten
Tagen.
»Glauben sie mir wirklich, dass ich kein Spitzel
aus Ursann bin?«
»Erstens war ich die ganze Zeit bei dir, und
zweitens«, sie hob die Augenbrauen, »niemand wäre so verrückt, sich
von einer Feuerechse stechen zu lassen, nur um sich hier
einschleichen zu können.«
Ariac seufzte und ließ sich wieder auf das dicke
weiche Kissen sinken. »Wohl kaum. Ich hoffe, dass ich nie wieder
eines dieser Viecher sehen werde.«
»Und ich hoffe, dass keiner von uns je wieder nach
Ursann muss«, seufzte Rijana, und Ariac stimmte ihr von ganzem
Herzen zu.
Kurze Zeit später kam Rudrinn mit einem Tablett
herein. »Also, ich habe Lord Geodorns Speisekammer geplündert. Habt
ihr Hunger?«
»Natürlich«, antwortete Rijana, und Ariac nickte
zögernd. Er verspürte noch immer keinen richtigen Appetit.
Rudrinn lud das Essen auf den kleinen Tisch neben
Ariacs Bett und erzählte lustige Geschichten von Lord Geodorn, der
mit seinem dämlichen Jagdhund auf Hasenjagd gewesen war.
»… und dann, dann kommt das Karnickel aus dem
Gebüsch, und was macht Geodorns Hund?« Rudrinn hob mit
breitem Grinsen die Augenbrauen. »Er jault und versteckt sich
hinter Geodorns Beinen.«
Rijana fing schallend an zu lachen, und auch Ariac
grinste. Den jungen Piraten hatte er schon damals, als er das erste
Mal in Balmacann gewesen war, gerne gemocht. »Ich glaube, ich werde
jetzt mal ins Badehaus gehen. Bleibst du hier, Rudrinn?«, sagte
Rijana irgendwann gähnend.
Der nickte beruhigend und ließ sich in dem weichen
Sessel nach hinten sinken.
»Ihr braucht nicht die ganze Zeit hierzubleiben«,
sagte Ariac verlegen. »Mir geht es doch jetzt besser.«
Rijana schüttelte den Kopf. »Nein, ich traue den
Leuten hier nicht. Solange du noch nicht ganz gesund bist, gehen
wir kein Risiko ein.«
Ariac seufzte, er war zu müde, um noch zu
widersprechen. Rijana verließ den Raum, und Rudrinn gab Ariac noch
einen Becher mit Quellwasser.
»Befehl von Nelja, du musst das trinken.«
»Danke, Rudrinn, es ist nicht selbstverständlich,
dass ihr mir geholfen habt.«
Rudrinn runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht warum,
aber eigentlich habe ich dir schon damals vertraut. Es war nur …«
Er zuckte die Achseln. »Ich weiß auch nicht. Wahrscheinlich habe
ich mich nur von Falkann beeinflussen lassen, der einfach
eifersüchtig auf dich war.«
Ariac stützte sich noch einmal auf die Unterarme
und zog sich etwas hoch. »Ich hatte nie die Absicht, ihm Rijana
wegzunehmen.«
»Das weiß ich«, versicherte Rudrinn. »Am Ende war
es ihre Entscheidung.« Rudrinn lächelte. »Ich finde, ihr passt gut
zusammen.« Dann wurde er ernst. »König Greedeon will dich ständig
sprechen. Bisher konnten wir ihn erfolgreich abwimmeln, weil wir
immer gesagt haben, dass es dir noch nicht gut genug geht.«
Seufzend ließ Ariac sich wieder in die Kissen
sinken. »Irgendwann werde ich wohl nicht mehr drum
herumkommen.«
Rudrinn konnte dem leider nur zustimmen. Dann nahm
er sich ein Buch aus dem Regal und setzte sich in den Sessel.
»Schlaf jetzt, du siehst erschöpft aus.«
Ariac nickte. Tatsächlich dröhnte sein Kopf schon
wieder, und er konnte kaum die Augen offen halten. Er hörte gerade
noch, wie Rudrinn sagte: »Mein Vater würde mich schlagen, wenn er
wüsste, dass ich etwas anderes als Seekarten lese«, dann schlief er
mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Zwei Tage später kam Brogan abgehetzt auf dem
Anwesen des Lords an. Er stürmte hinein und traf auf Broderick, der
ihn überrascht anstarrte.
»Wie geht es ihm?«, fragte der Zauberer schwer
atmend.
»Besser«, sagte Broderick beruhigend und führte
Brogan zu einem der bequemen Sessel, die in der großen
Eingangshalle standen. »Aber es war verdammt knapp. Wäre Nelja
nicht gewesen …« Er hob die Arme.
Brogan seufzte erleichtert und zog seinen von der
langen Reise schmutzigen Mantel aus. »Ich bin gekommen, so schnell
ich konnte, aber es herrschte ein so heftiger Seegang, dass ich
einige Tage nicht von der Insel herunter konnte. Ich bin mehr als
froh, dass Nelja bereits auf dem Festland war«, sagte er
ernst.
»Das sind wir alle«, stimmte Broderick zu und ließ
Essen und Getränke bringen. Nachdem Brogan sich ein wenig gestärkt
hatte, kam plötzlich König Greedeon um die Ecke und hob überrascht
die Augenbrauen.
»Zauberer Brogan! Was tut Ihr hier? Ist Zauberer
Hawionn bei Euch?«
Brogan schüttelte den Kopf. »Hawionn wollte auch
kommen, aber ich bin ihm vorausgeritten.«
»Nun gut, dann kommt doch bitte mit mir, ich möchte
mit Euch sprechen.«
Broderick verdrehte heimlich die Augen, und Brogan
zwinkerte ihm unbemerkt zu.
»Zuerst möchte ich Ariac sehen«, sagte Brogan
bestimmt.
Der König verzog wütend das Gesicht. »Man sagt mir
immer, dass es ihm noch nicht gut gehen würde und Befragungen zu
anstrengend für ihn seien.« Greedeon warf dabei besonders Broderick
einen anklagenden Blick zu.
»Ich hatte auch nicht vor, ihn zu befragen, sondern
wollte nur sehen, wie es ihm geht«, erwiderte Brogan gelassen und
ging, gefolgt von dem grinsenden Broderick, zu dem Raum, vor dem
Falkann und Tovion Wache standen.
Sie lächelten erfreut, als sie den Zauberer
sahen.
»Brogan, schön, dich mal wiederzusehen«, sagte
Tovion, und ein Lächeln überzog sein glattrasiertes Gesicht.
»Ich freue mich auch, euch zu sehen«, antwortete
der Zauberer. Dann hob er fragend die Augenbrauen. »Lasst ihr mich
hinein?«
Tovion grinste und machte eine einladende
Handbewegung. »Dich schon.«
Als Brogan eintrat, sprang Rijana mit einem
Freudenschrei von ihrem Stuhl, sodass Ariac, der gerade eben
eingeschlafen war, erschrocken auffuhr.
Rijana warf sich dem Zauberer an den Hals, der sie
lachend auffing.
»Du meine Güte, bin ich froh, dass es dir gut
geht«, sagte er bewegt. Dann hielt er sie ein Stück von sich weg.
»Aber warum in aller Welt bist du damals einfach ohne ein Wort auf
und davon?«, fragte er streng. »Ich habe mir Sorgen gemacht.«
Sie grinste verlegen und setzte sich neben Ariac
aufs Bett, der sich die Augen rieb und Brogan verschlafen
anblinzelte.
»Weil wir zusammengehören«, sagte sie
überzeugt.
Der Zauberer nickte und kam näher. Dann blickte er
Ariac genauer an. Er sah noch immer blass und schmal im Gesicht
aus, außerdem hatte er dunkle Ringe unter den Augen. Aber dafür,
dass er von einer Feuerechse gestochen worden war, wirkte er
erstaunlich lebendig.
Brogan nahm sich einen Stuhl und packte Ariac am
Arm. »Wie geht es dir, mein Junge?«
Ariac setzte sich ein wenig auf. »Schon viel
besser.«
»Als ich gehört habe, dass ihr zurückgekehrt seid,
bin ich sofort aufgebrochen«, sagte Brogan nachdenklich. »Die Sache
mit der Feuerechse habe ich erst später erfahren.« Er musterte
Ariac eindringlich. »Ich habe noch nie von jemandem gehört, der das
überlebt hat.«
Ariac seufzte und lächelte Rijana liebevoll an.
»Wenn sie mich nicht hergeschleift hätte, hätte ich es auch nicht
überlebt. Außerdem hat Nelja die Sache mit dieser heiligen Quelle
herausgefunden.«
Brogan lächelte Rijana zu, die ein wenig errötete.
»Nelja, ja, sie hat große Fähigkeiten«, murmelte Brogan. Dann
fragte er zu Ariac gewandt: »Kann ich mal die Einstichstelle
sehen?«
Ariac nickte, schlug die Decke zurück und löste
dann mit einiger Anstrengung den Verband. Brogan nickte
anerkennend. »Nelja hat das sehr gut gemacht«, sagte er lächelnd.
»Hast du schon versucht aufzustehen?«
Ariac schüttelte den Kopf. »Bisher nicht.«
Brogan runzelte die Stirn. »Dann versuch es.«
Vorsichtig setzte sich Ariac ganz auf und schwang
die Beine über den Bettrand. Dann hielt er sich am Rand des Bettes
fest und stand langsam auf. Selbst zu stehen kostete ihn
unglaublich viel Kraft, sodass sich bald Schweißperlen auf seiner
Stirn bildeten. Als er versuchte zu gehen, zitterten seine Beine
derart, dass Brogan ihn rasch am Arm nehmen musste. Als er wieder
im Bett lag, keuchte er heftig und begann wieder zu zittern.
»Ganz ruhig, Ariac, das macht nichts«, sagte Brogan
beruhigend und murmelte: »Dann werden wir wohl doch noch eine Weile
warten müssen.«
Rijana nahm Ariac in den Arm. »Womit müssen wir
warten?«, fragte sie.
»Ich muss mit euch allen reden«, erwiderte Brogan
ausweichend.
Er sah Ariac ernst an, der sich langsam wieder ein
wenig zu erholen schien. »Hast du noch Schmerzen?«
Ariac öffnete mühsam die Augen. »Manchmal.« Als er
Rijanas trauriges Gesicht sah, fügte er rasch hinzu: »Aber es wird
besser.«
Brogan nickte und erhob sich, dann begann er in
seinem Beutel zu kramen. »Ich werde dir einen Stärkungstrank
zubereiten. Versuch jetzt zu schlafen. Morgen sollten wir uns alle
hier bei dir treffen.«
Ariac nickte und schloss müde die Augen.
»Er hat dir viel zu verdanken«, sagte Brogan
nachdenklich.
Rijana streichelte Ariac über die Haare. Er schlief
jetzt fest und ruhig.
»Und ich ihm«, sagte sie leise.
Dann begann sie von ihrer gemeinsamen Reise zu
erzählen und auch davon, dass sie mit Ariac verlobt und eine
Arrowann geworden war. Brogan hob überrascht die Augenbrauen, ließ
sie aber bis zum Ende erzählen.
In ihren Augen hatten sich Tränen gesammelt, und
sie schluchzte leise. »Ich hatte solche Angst, dass er das nicht
überlebt. Die ganzen Tage hat er mir nichts über die Folgen dieses
Stiches gesagt, und ich habe es auch nicht gemerkt, weil ich selbst
zu erschöpft war.«
Brogan kam zu ihr und nahm sie in seine Arme. »Du
bist sehr tapfer, genauso wie Ariac. Ihr passt sehr gut
zusammen.«
Rijana wischte sich die Tränen ab und nickte. »Zum
Herbstfest wollen wir in der Steppe heiraten.« Sie blickte Ariac
besorgt an. »Oder meinst du, er ist bis dahin noch nicht wieder
ganz gesund?«
Brogan schüttelte den Kopf. »Doch, doch, das glaube
ich schon.« Er blickte Rijana nachdenklich an. »Was sagt Falkann
denn dazu?«
Sie schlug die Augen nieder. »Ich habe es ihm noch
nicht gesagt«, murmelte sie leise.
Der Zauberer seufzte. »Das solltest du aber, das
bist du ihm schuldig.«
Rijana biss sich auf die Lippe und nickte. Sie
wusste es ja selbst, aber sie hatte es die ganze Zeit vor sich
hergeschoben. Sie erhob sich.
»Gut, dann werde ich es gleich tun. Kannst du bei
Ariac bleiben?«
Brogan nickte. »Ich muss nur diese Kräuter zu einem
Trank verarbeiten, dann komme ich zurück.«
Rijana machte ein skeptisches Gesicht. »Dann warte
ich lieber, bis du zurück bist.«
Brogan runzelte die Stirn, und Rijana erklärte: »Es
bleibt immer einer von uns bei ihm. Außerdem hält zusätzlich jemand
vor der Tür Wache. Wir glauben, dass König Greedeons Heiler Ariac
gar nicht helfen wollten.«
Der Zauberer nickte bedächtig. »Dann ist das wohl
besser.« Er dachte an das Gespräch, das er damals zwischen Greedeon
und Hawionn belauscht hatte. Schon damals hatten sie Ariac an Scurr
ausliefern wollen. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie ihn jetzt
lieber tot gesehen hätten. Nachdenklich ging er in die Küche,
bereitete die Kräutertränke zu und kehrte zu Rijana und Ariac
zurück. Sie gab Ariac noch einen Kuss und trat dann zur Tür
hinaus.
»Falkann, möchtest du mit mir ausreiten?«, fragte
sie unsicher.
Er blickte sie überrascht an, schließlich war sie
in den letzten
Tagen kaum aus Ariacs Zimmer herausgekommen. Dann lächelte er:
»Natürlich, gerne.«
Falkann folgte Rijana hinaus zu den Stallungen. Sie
freute sich, ihr Pferd Lenya wieder einmal reiten zu können. Dann
trabten Rijana und Falkann durch das frische grüne Gras in Richtung
Küste. Rijana genoss die klare salzige Luft, aber sie vermied es,
mit Falkann über etwas anderes als belanglose Dinge zu reden. Sie
wusste nicht, wie sie beginnen sollte. Die einsetzende Dämmerung
tauchte alles in ein weiches Licht, und der Westwind brachte
Meeresgeruch mit sich. Von den hohen Klippen aus konnte man nicht
weit entfernt einen der sieben Türme Balmacanns sehen.
Rijana hielt an. »Ich muss dir etwas sagen«, begann
sie vorsichtig.
Falkann lächelte halbherzig. »Das habe ich mir
beinahe gedacht, sonst wärst du sicher nicht mit mir
ausgeritten.«
Sie seufzte und streichelte Lenya am Hals. »Ariac
und ich haben uns verlobt.«
Falkann zuckte kaum merklich zusammen, dann senkte
er den Blick. »Aha.« Er schluckte und rang nach Worten, dann hob er
plötzlich den Kopf. »Versteh mich jetzt bitte nicht falsch, ich
respektiere deine Entscheidung, aber ich glaube, in irgendeinem
Buch gelesen zu haben, dass sich Steppenkrieger nur mit Mädchen
ihres Volkes verbinden können.«
Rijana nickte und schob ihren Ärmel hinauf. »Und
ich bin jetzt eine von ihnen.«
Für einen Moment blieb Falkann der Mund offen
stehen. »Und du hast das nur für ihn getan?«, fragte er
fassungslos.
Rijana schüttelte den Kopf. »Nein, nicht nur für
ihn. Ich habe es getan, ohne dass er es wusste.« Sie blickte
Falkann eindringlich an. »Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass
ich zu den Steppenleuten gehöre. Auch weil Thalien, der Elfenkönig,
mir gesagt hat, dass ich in meinem letzten Leben Nariwa war. Sie
war eine vom Steppenvolk. Da wusste
ich, dass mein Wunsch, eine vom Steppenvolk zu werden, nicht nur
daher kommt, weil ich mit Ariac zusammen sein will.«
Falkann wusste nicht, was er sagen sollte. Er hielt
sein Gesicht in den Wind und blickte aufs Meer. Nach einer Weile
presste er dann heiser hervor: »Dann wünsche ich euch viel
Glück.«
Behutsam legte Rijana ihre Hand auf seinen Arm und
sah ihm in die Augen. »Aber du weißt, dass ich dich trotzdem sehr
gern habe und dass du mir viel bedeutest?«
Falkann nickte, wendete wortlos sein Pferd und
galoppierte zurück zum Anwesen von Lord Geodorn. Rijana folgte
etwas langsamer. Sie war erleichtert, endlich alles gesagt zu
haben, aber auch gleichzeitig bedrückt, weil sie wusste, dass
Falkann jetzt sehr traurig war.
Als sie später den Speisesaal betrat, waren bereits
alle außer Falkann und Nelja anwesend. Falkann hielt wieder Wache
vor Ariacs Zimmer, und Nelja hatte Ariac etwas zu essen gebracht.
Auch König Greedeon saß am Kopf des Tisches und blickte Rijana
streng an.
»Wir haben bereits begonnen.«
Wenig schuldbewusst setzte sich Rijana an den
Tisch. Rudrinn, der neben ihr saß, äffte den König lautlos nach,
als dieser sich gerade einer Platte mit frischem Fisch zuwandte.
Rijana verbiss sich ein lautes Lachen und starrte grinsend auf
ihren Teller.
»Ich hoffe, Zauberer Hawionn wird bald eintreffen«,
sagte König Greedeon streng zu Brogan gewandt.
Lord Geodorn nickte bestätigend. »Das hoffe ich
auch.«
König Greedeon fuhr zu dem Lord herum. »Warum, was
wollt Ihr denn von ihm?«
Lord Geodorn, der trotz seiner edlen Kleider noch
immer wie ein Bauer aussah und sich auch so verhielt, wurde ein
wenig rot.
»Nur so«, murmelte er und begann in seinem Fisch
herumzustochern, als würde er etwas suchen.
Greedeon schüttelte missbilligend den Kopf und
blickte auffordernd zu Brogan hinüber, dem ein Lachen in den
Augenwinkeln blitzte.
»Ich denke, dass er bald eintreffen wird«,
verkündete der Zauberer.
König Greedeon wirkte nur wenig befriedigt, trank
etwas von dem Wein und verzog angeekelt den Mund. Er schmeckte
furchtbar sauer.
»Was gibt es für Neuigkeiten aus Camasann?«
»Nicht sehr viele«, erwiderte Brogan unverbindlich.
»Das Schloss wird noch immer neu aufgebaut, die Ernten sind auch
dieses Jahr sehr schlecht. Ihr müsst wissen, die vielen Stürme
…«
König Greedeon unterbrach ihn mit einer
Handbewegung. »Was interessieren mich die Stürme und die Ernte«,
schimpfte er, und seine Stirn legte sich in Zornesfalten. »Habt Ihr
die restlichen Krieger aufs Festland bringen lassen? Habt Ihr
genügend Nachwuchs, auch wenn die Suche nach den Sieben hinfällig
ist?«
Rijana, Broderick, Tovion, Rudrinn und Saliah
blickten sich überrascht an.
»Warum sollen denn alle Krieger nach Balmacann?«,
wagte Saliah zu fragen.
Der König fuhr zu ihr herum. »Habe ich mit dir
geredet?«
Saliah sog empört die Luft ein. Brogan machte ihr
heimlich ein Zeichen zu schweigen.
»Es wird alles seinen Gang gehen«, antwortete er
dem König. Dann wandte er sich demonstrativ seinem Essen zu und
meinte lächelnd zu Lord Geodorn, der sich sichtlich unwohl fühlte:
»Richtet Eurer Köchin aus, dass das Essen vorzüglich
schmeckt.«
Der Lord verschluckte sich vor Schreck an einer
Gräte. Mit hochrotem Kopf keuchte er: »Natürlich, das werde ich,
werter Zauberer.«
Nach dem Essen ging Brogan noch einmal in Ariacs
Zimmer und traf endlich auf Nelja, die ihn erfreut begrüßte.
»Du hast eine wirklich hervorragende Leistung
vollbracht«, sagte er anerkennend.
Sie errötete ein wenig und deutete auf den Krug mit
dem Kräutertrank, der neben Ariacs Bett stand. »Aber solch gute
Kräutertränke wie du kann ich noch immer nicht brauen. Ariac wollte
vorhin gleich noch einmal aufstehen.«
Brogan lachte leise und drückte Neljas Hand. »Das
mag sein, aber ohne dich hätte er nicht überlebt.« Brogan blickte
dabei nachdenklich auf Ariac, der friedlich schlief. »Kaum einer
kennt heute noch die Heilkünste der Elfen oder wendet sie
an.«
Nelja seufzte und setzte sich auf einen der Stühle.
»Erzähl mir von Camasann.«
Brogan schüttelte den Kopf. »Heute nicht mehr. Ich
werde euch allen morgen etwas mitteilen. Wir treffen uns nach dem
Frühstück hier.«
Nelja nickte nachdenklich, als Brogan den Raum
verließ.
Beim Frühstück am nächsten Morgen fragte König
Greedeon wie jeden Tag mit wachsender Ungeduld, wann er Ariac
endlich befragen könnte.
»Es geht ihm besser«, sagte Brogan mit fester und
keinen Widerspruch duldender Stimme, »aber lange Gespräche ermüden
ihn zu sehr. Wartet noch ein wenig.«
Der König lief rot an und knallte seine Serviette
auf den Tisch. Dann stand er auf und stolperte über Lord Geodorns
Jagdhund, der jaulend unter dem Tisch verschwand. Der König fluchte
wie ein Stallbursche und verließ den Raum.
Broderick lachte lauthals. »Brogan, so überzeugend
wie du waren wir nicht.«
Der Zauberer lächelte. »Na ja, werde du erst mal
über zweihundert Jahre alt, dann kannst du das vielleicht
auch.«
Broderick runzelte die Stirn und murmelte: »Ich
glaube kaum, dass ich so lange durchhalten werde.«
»Jetzt kommt«, drängte Brogan. »Wir müssen uns
unterhalten.«
Sie standen auf und gingen zu Ariacs Zimmer, vor
dem Rudrinn Wache hielt. Anschließend gingen sie hinein, wo sich
Brogan gleich entschuldigend an Nelja wendete: »Also, wenn es dir
nichts ausmacht, würdest du dann …«
Sie lächelte verständnisvoll. »Natürlich werde ich
draußen Wache halten.«
»Die anderen werden dir später alles berichten«,
versicherte Brogan.
Bevor Nelja die Tür von außen schloss, gab Tovion
ihr noch einen Kuss. Wenige Augenblicke später lugte sie allerdings
noch einmal kurz herein.»Wenn jemand kommt, dann klopfe ich zwei
Mal an die Tür.«
Brogan nickte lächelnd. Dann setzten sich alle rund
um Ariacs Bett. Sie blickten gespannt auf Brogan, der ein ernstes
Gesicht machte. Während er einen nach dem anderen bedeutungsvoll
ansah, begann er: »So, nun seid ihr seit vielen Jahrtausenden
endlich wieder in Freundschaft vereint. Das hat es lange nicht mehr
gegeben.«
Falkann blickte betreten zu Boden. Ihn plagte noch
immer das schlechte Gewissen.
»In den letzten Kriegen waren immer ein bis zwei
von euch dabei, die entweder in Ursann ausgebildet worden waren
oder später in der Schlacht zu Verrätern wurden.«
»Ich werde niemanden verraten«, wendete Ariac mit
aller Überzeugung ein, und Rijana nickte unterstützend.
Brogan hob beruhigend die Hand. »Das weiß ich, mein
Junge, das weiß ich. Du hast große Gefahren auf dich genommen, nur
um Rudrinns Schwert zu holen.«
»Wir glauben dir wirklich«, fügte auch Tovion mit
seiner ruhigen und bedächtigen Stimme hinzu, woraufhin die anderen
zustimmten brummten. Ariac ließ sich erleichtert nach hinten
sinken.
»Was ich damit sagen wollte, ist, dass dies eine
einmalige Gelegenheit sein kann, die Welt zum Besseren zu ändern«,
fuhr Brogan fort. »Es gehen merkwürdige Dinge vor, und das nicht
nur in Camasann, sondern auch in Balmacann und den übrigen
Ländern.« Er betrachtete noch einmal alle der Reihe nach. »Damals,
als ihr in König Greedeons Schloss wart und Ariac verhaftet wurde,
habe ich ein Gespräch zwischen König Greedeon und Hawionn mit
angehört. Ich hörte nur einen Teil, aber gerade so viel, um
mitzubekommen, dass sie Ariac an König Scurr verkaufen wollten. Der
Preis dafür sollte sein, dass Scurr Balmacann in Ruhe lässt.«
Ariac fuhr erschrocken auf. Die anderen blickten
Brogan entsetzt und ungläubig an.
»Was?«, stammelte Saliah entsetzt. »Das kann doch
nicht sein. Und warum hast du uns nichts gesagt? Dann hätten wir
ihm doch geholfen.«
»Hättet ihr das wirklich?«, hakte Brogan
eindringlich nach, und die meisten senkten den Blick. »Ich nehme es
euch nicht übel. Hawionn und auch Greedeon haben ein einnehmendes
Wesen. Sie verstehen es, junge Leute von ihren Absichten zu
überzeugen.Vor allem du, Falkann«, der Zauberer betrachtete ihn
eingehend, »besonders du hast doch nur zu gern geglaubt, dass Ariac
ein Verräter ist und Flanworn umgebracht hat.«
Falkann wäre am liebsten ins nächstbeste Mauseloch
gekrochen. Als die anderen etwas einwenden wollten, hob Brogan
seine Hand. »Ich nehme es euch ja nicht übel. Außerdem habe ich
auch deswegen nichts gesagt, weil ich zuerst weitere Erkundigungen
einziehen wollte. Aber so, wie es jetzt aussieht, gibt es
tatsächlich Absprachen zwischen Camasann, Balmacann und König
Scurr. Ich konnte nur wenig herausbekommen,
aber ich habe Beweise, dass König Greedeon den anderen Ländern
keine Krieger mehr zum Schutz gegen Scurrs Blutrote Schatten
schickt.«
»Das ist doch unglaublich«, grummelte Rudrinn. »Wir
haben die ganze Zeit für eine Ratte gekämpft.« Er schlug mit der
Faust auf den Tisch.
Brogan hob die Schultern. »Ich wollte es selbst
lange nicht wahrhaben und habe wahrscheinlich viel zu oft die Augen
verschlossen. Aber der Angriff damals auf Camasann und auch der
Krieg gegen Balmacann, als Ariac zu euch gestoßen ist, wurden nur
angezettelt, um die anderen Länder nicht misstrauisch zu machen.
Hätte Scurr Balmacann einnehmen wollen, hätte er es getan. Zudem
sollen regelmäßig Schiffe von Silversgaard nach Ursann segeln, um
Scurr Silber zu liefern.«
»Aber wenn Scurr so mächtig ist, weshalb hat er
dann Balmacann nicht einfach eingenommen?«, gab Tovion zu
bedenken.
Brogan seufzte. »Er hat Angst. Angst vor euch. Wenn
ihr diesmal zusammenhaltet, dann kann seine Macht für immer
gebrochen werden. Dieses Mal hat er nur Ariac gehabt, und der hat
sich als nicht zuverlässig für ihn erwiesen.«
Ariac grinste halbherzig. Brogan nickte ihm zu. »Du
warst damals einfach schon zu alt, als dass er dich vollständig
hätte unterwerfen können, und auf seine Lügen bist du eben auch
nicht vollständig hereingefallen.«
»Zum Glück«, murmelte er, und Rijana drückte seine
Hand.
»Ich werde nie wieder für dieses Schwein kämpfen«,
knurrte Broderick angewidert, und die anderen nickten
zustimmend.
»Aber wir müssen vorsichtig sein und abwarten, was
Greedeon und Hawionn vorhaben.« Nachdenklich fuhr Brogan fort:
»Nach dem, was ihr mir erzählt habt, gehe ich davon aus, dass Ariac
sterben sollte, damit ihr nicht mit aller Kraft gegen
Scurr vorgehen könnt. Als Gegenleistung hat Scurr wahrscheinlich
erneut angeboten, Balmacann zu verschonen.«
»Scurr hält sich nicht an Abmachungen«, knurrte
Ariac.
»Das kann ich mir auch nicht vorstellen«, sagte
Brogan. »Aber Hawionn und Greedeon, der eigentlich wohl nur seine
Marionette ist, sehen das in ihrer Gier wohl nicht. Sie wollen
weiterhin das mächtige und fruchtbare Balmacann für sich haben, und
vor allem die Silber- und Edelsteinvorkommen auf
Silversgaard.«
Rijana und Ariac blickten sich stumm an. Sie
dachten wohl beide an die Elfen, sagten jedoch nichts.
»Die Sklaven leben dort unter fürchterlichen
Bedingungen«, sagte Saliah nachdenklich.
»Das ist eine weitere Sache«, stimmte Brogan zu.
»Es gibt Gerüchte, dass es Leute seien, die sich einmal gegen
Greedeon gewehrt haben sollen.«
Die jungen Leute waren fassungslos. Sollten sie
wirklich so belogen worden sein?
»Und was sollen wir jetzt machen?«, warf Rijana
ein.
Brogan stöhnte. »Ihr solltet euch bereithalten und
sehr vorsichtig sein. Möglicherweise müsst ihr alle sehr schnell
verschwinden. Aber solange Ariac noch nicht ganz gesund ist,
sollten wir den Schein wahren.«
»Nehmt auf mich keine Rücksicht«, sagte er
bestimmt.
Aber alle protestierten einstimmig, selbst Falkann,
was Rijana sehr glücklich machte.
»Wir gehören zusammen, und wir müssen gemeinsam
einen Weg finden«, sagte Saliah bestimmt und nahm Ariacs Hand.
»Einen Weg ohne König Greedeon, Hawionn oder wen auch immer.«
Brogan nickte zufrieden. Er war sehr stolz auf die
sieben jungen Leute, die es in sich hatten, die Welt zu
verändern.
»Saliah hat Recht. Ihr müsst Menschen finden, denen
ihr vertraut, und eine Armee aufstellen, die tapfer genug ist, sich
sowohl gegen Scurr als auch gegen König Greedeon zu
behaupten.«
Die Freunde blickten sich unsicher an. Wie sollten
sie das nur schaffen?
»Wir haben Zwerge kennen gelernt«, sagte Rijana
plötzlich, und Ariac nickte aufgeregt.
»Und ich muss mein Schwert zu den Elfen bringen,
damit ich König Scurr töten kann«, rief er.
»Elfen?«, fragten Rudrinn und Broderick wie aus
einem Munde. Dann mussten sie grinsen.
Also erzählten Rijana und Ariac ihren Freunden von
den Elfen, aber erst nachdem diese geschworen hatten, niemandem
etwas darüber zu verraten. »Ich weiß, dass es noch Elfen gibt.«
Brogan blickte mit hochgezogenen Augenbrauen auf Rijana und
Rudrinn. »Diese beiden hier sind mir auf dem Weg nach Camasann
abhandengekommen. Ich hatte wirklich Angst um sie, weil Tirman’oc
durch die Magie der Elfen geschützt ist. Ich kann das ehemalige
Elfenreich betreten, weiß aber auch nicht weshalb. Ihr beiden
hattet Glück. Viele Menschen sind dort im Wald verschwunden und
niemals zurückgekehrt.«
»Tirman’oc ist nur der klägliche Rest eines einst
riesigen Elfenreichs, das sich über ganz Balmacann gezogen hat«,
erzählte Rijana. »Der Elfenkönig hat uns erzählt, dass das ganze
Land bewaldet war, bis die Menschen die Bäume nach und nach
abgeholzt haben. Nur Tirman’oc ist übrig geblieben. Dafür ist das
Land der tausend Flüsse, wie es genannt wird, ab einer bestimmten
Stelle durch Elfenmagie geschützt. Normalerweise tötet der Fluss,
der die Grenze zum Elfenreich bildet, jeden Eindringling, wenn man
seine Warnungen nicht versteht. Wir konnten nur überleben, weil uns
ein junger Elf gerettet hat.« Rijana lächelte, als sie an Bali’an
dachte.
Alle waren sehr erstaunt über diese Geschichte, und
Brogan
zog die Augenbrauen hoch. Dann sah er Rudrinn an. »Siehst du,
deshalb habe ich mich damals auch so aufgeregt, als du dummer
kleiner Piratenrotzlöffel einfach dort hineingeritten bist.«
Verlegen grinsend kratzte sich Rudrinn am
Kopf.
»Wir hatten keine bösen Absichten«, sagte Rijana,
»deswegen haben die Elfen uns nichts getan. Aber der Wolf damals,
der war schon unheimlich.«
Rudrinn schauderte ebenfalls, als er daran
dachte.
»Man erzählt sich Geschichten«, murmelte Brogan
nachdenklich, »dass ein uralter Elf, der König vom Mondfluss, seine
Gestalt ändern kann.«
Rijana und Ariac fuhren auf. »Ja, ja, das war er«,
rief Rijana aufgeregt. »Daran haben mich Thaliens ungewöhnliche
Augen erinnert!«
Brogan musste lachen. »Es ist gut, dass ihr beide
das Vertrauen der Elfen gewonnen habt, das kann ein Vorteil sein.«
Brogan runzelte die Stirn. »Wen könnten wir noch auf unsere Seite
bringen?«
»Die Piraten. Ich kann sie sicher überzeugen«,
sagte Rudrinn euphorisch.
Saliah warf Falkann einen aufmunternden Blick zu.
»Und wir, wir werden Catharga überzeugen.«
»Mein Vater ist Schmied, er könnte sicher Waffen
besorgen«, meinte Tovion. »Und vielleicht glauben mir einige Männer
aus Gronsdale.«
»Die Steppenleute werden sich auch anschließen«,
sagte Ariac überzeugt, und Rijana lächelte zustimmend.
»Und ich gehe nach Errindale, auch wenn mein Sohn
noch kein Schwert halten kann«, sagte Broderick grinsend. »Ich
werde Männer finden, die mir glauben.«
Brogan hob zufrieden die Augenbrauen. »Sehr gut.
Das ist schon mal ein Anfang. Und, Ariac, du musst sehen, dass du
möglichst schnell zu Kräften kommst. Ich hätte dir gern
mehr Zeit gelassen. Schließlich ist es ohnehin ein Wunder, dass du
überlebt hast. Aber mein Trank wird dir helfen. Außerdem solltest
du jeden Tag versuchen aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen,
auch wenn es dir schwerfällt und es schmerzhaft ist.«
»Natürlich«, versprach Ariac. »Ich werde es gleich
wieder versuchen.«
Brogan schüttelte den Kopf. »Nelja erzählte mir,
dass du heute schon aufgestanden bist. Du darfst es auch nicht
übertreiben, sonst machst du alles nur noch schlimmer.«
Er runzelte unzufrieden die Stirn, obwohl er schon
jetzt merkte, dass das lange Reden und die Aufregung ihn müde
machte. Aber er hielt tapfer die Augen offen.
»Brogan, warum sind meine Briefe an Kalina nie
angekommen?«, fragte Broderick plötzlich. »Erst von Rijana weiß
ich, dass ich einen Sohn habe.«
Der Zauberer wirkte plötzlich sehr verlegen. Er
fuhr sich durch den Bart.
»Ich hoffe, ihr könnt mir das eines Tages
verzeihen, aber wir haben auf Camasann immer eure Briefe
abgefangen. Ihr solltet keinen Kontakt mehr zu eurem früheren Leben
haben und euch voll und ganz der Ausbildung zum Krieger
verschreiben.« Er konnte nicht verbergen, wie betrübt er darüber
war. »Es hat mir sehr wehgetan. Saliah, deine Eltern haben so oft
geschrieben. Und Rudrinn, wir mussten die Piraten in den ersten
Jahren immer davon abhalten, auf Camasann anzulegen. Es kamen so
viele Briefe aus Errindale für Broderick. Die anderen konnten wohl
nicht schreiben, aber ich bin mir sicher, sie haben an euch
gedacht.« Gramvoll fuhr sich Brogan über das Gesicht. »Nur einigen
wenigen Adligen wie deinem Vater, Falkann, war es erlaubt, ihre
Kinder zu besuchen.«
Alle blickten den Zauberer entsetzt an, der
plötzlich um Jahre gealtert zu sein schien, als er von den vielen
vergeblichen
Versuchen berichtete, die die Verwandten der jungen Leute
unternommen hatten, um etwas von ihren Kindern zu erfahren.
Rijana war die Erste, die aufstand und sich vor
Brogan hinkniete. Sie nahm seine Hand und blickte ihm in die Augen.
»Vielleicht kann ich dir leichter verzeihen, weil meine Eltern
ohnehin nie nach mir gefragt haben.« Er nickte traurig. Rijana
hatte Recht, von ihren Eltern war niemals Nachricht gekommen. »Aber
du hast uns jetzt gewarnt. Du hast Ariac gerettet, sonst wäre er
heute bei König Scurr. Und wenn du uns hilfst, aus Greedeons
Einfluss fortzukommen, dann hast du alles mehr als
wiedergutgemacht.«
Der Zauberer blickte unsicher in die Gesichter der
anderen.
Tovion grinste zögernd. »Nelja und ich haben
ohnehin einen Weg gefunden, miteinander in Kontakt zu
bleiben.«
Brogan hob überrascht die Augenbrauen.
»Wir haben uns Falken gekauft und uns gegenseitig
Botschaften geschickt.«
Mit betretenem Gesicht nickte Brogan und blickte zu
Boden. »Ich habe Hawionn bekniet, eure Liebe nicht zu zerstören,
denn ihr wart ja beide in Camasann, aber er wollte nichts davon
hören.«
Saliah wurde plötzlich blass. »Hat er … hat er dann
am Ende etwas mit Endors Tod zu tun?« Ihre großen blauen Augen
starrten ihn entsetzt an.
Brogan seufzte. »Ich bin mir nicht sicher, aber
nach dem, was ich heute weiß, möchte ich es nicht vollkommen
ausschließen.«
Saliah stieß einen erstickten Laut aus und vergrub
ihr Gesicht in den Händen. Rudrinn fasste sie unsicher an der
Schulter und streichelte ihr sanft über die Haare.
Falkann seufzte und blickte die anderen der Reihe
nach an. »Brogan war aufrichtig, wir sollten ihm verzeihen.«
Alle nickten, auch Ariac, dem mittlerweile beinahe
die Augen zufielen und der kaum noch aufrecht sitzen konnte.
Mit großer Erleichterung bemerkte Brogan, dass es
die jungen Leute ehrlich meinten. Ihm war eine große Last von der
Seele genommen worden. Dann runzelte er die Stirn. »Ariac, wenn du
müde bist, dann schlaf ruhig. Rijana kann dir später alles
erzählen.«
Er riss ruckartig die Augen auf und murmelte:
»Nein, ich kann wach bleiben.«
Rijana setzte sich wieder zu ihm und nahm ihn in
den Arm. »Das musst du nicht. Es strengt dich viel zu sehr
an.«
Doch Ariac schüttelte stur den Kopf, während er
versuchte, das Dröhnen in seinem Kopf zu ignorieren.
»Ich habe auf Camasann …«, fuhr Brogan fort, doch
da klopfte es zweimal an der Tür. Alle hielten erschrocken die Luft
an. Man hörte schwere Schritte. Brogan legte einen Finger an die
Lippen.
»Nein, Ariac schläft, und nur Broderick ist bei
ihm«, hörten sie Neljas helle Stimme durch die Tür.
»Und wo ist der Zauberer?«, fragte König Greedeon
ungehalten. »Die anderen habe ich auch noch nicht gesehen.«
»Sie wollten zum Meer gehen, soweit ich weiß«, log
Nelja selbstbewusst. »Wo Brogan ist, weiß ich nicht.«
Man hörte den König empört schimpfen, dann
entfernten sich die Schritte, und Nelja linste herein.
»Er ist weg.«
»Danke«, flüsterte Brogan erleichtert.
Dann schloss sie die Tür wieder.
»Ihr solltet nachher durch eine Hintertür
verschwinden und dann vom Meer aus zurückkommen«, sagte der
Zauberer besorgt.
Ariac rieb sich die Schläfen. Sein Kopf dröhnte,
als wollte er zerspringen. Brogan runzelte die Stirn und reichte
ihm den Kräutertrank.
»Was ist das?«, fragte Ariac müde.
»Trink es, das wird dir helfen«, erwiderte der
Zauberer bestimmt.
Ariac schluckte widerwillig den bitteren Trank. Als
sich die anderen gerade wieder über eventuelle Verbündete
unterhalten wollten, sackte sein Kopf auch schon gegen Rijanas
Schulter. Er war eingeschlafen.
»Das war ein Schlaftrank«, erklärte Brogan mit
gedämpfter Stimme. »Er soll es ja nicht übertreiben.«
Noch eine ganze Weile sprach Brogan von
merkwürdigen Vorkommnissen, Gerüchten und Verschwörungen. Dann, als
der Nachmittag bereits weit fortgeschritten war, sagte er: »Ich
konnte Rittmeister Londov und einige wenige der Krieger von
Camasann überzeugen, sich im geeigneten Moment gegen Hawionn zu
erheben. Wenn es so weit ist, müssen wir handeln.«
»Und wenn sie dich verraten?«, wandte Falkann
besorgt ein.
Brogan seufzte. »Ich denke, man kann ihnen
vertrauen, aber sicher kann ich nicht sein. Ich werde Camasann
verlassen müssen, so leid es mir tut.«
»Und was ist, wenn etwas passiert, solange Ariac
noch nicht gesund ist?«, fragte Rijana ängstlich und streichelte
ihm über die Haare.
»Wir werden ihn nicht zurücklassen, egal was
passiert«, sagte Rudrinn entschieden.
Brogan war zufrieden. »Hawionn lässt sich
hoffentlich noch ein wenig Zeit. Aber deswegen mache ich mir keine
Sorgen, denn ich habe da so einige Vorkehrungen getroffen.«
»Welche denn?«, fragte Tovion
»Nun ja, der Kutscher auf dem Festland war gegen
etwas Gold gerne bereit, das Wagenrad brechen zu lassen und die
Reise ein wenig herauszuzögern.«
»Brogan«, rief Saliah gespielt empört. »Dass du so
etwas machst!«
Der Zauberer machte ein verschmitztes Gesicht, doch
dann wurde er ernst.
»Wie auch immer, lasst euch auf keinen Fall
provozieren. Egal was König Greedeon von euch verlangt, sprecht
erst mit mir und tut nichts, was sein Misstrauen erregen könnte. Er
muss glauben, dass ihr für ihn kämpft, sonst seid ihr alle in
ernsthafter Gefahr.«
Die Freunde waren sich einig, so würde es geschehen
müssen. Anschließend verließen alle bis auf Broderick den Raum,
schlichen sich durch eine Hintertür und taten so, als würden sie
von einem Ausflug vom Meer zurückkommen. Brogan ließ sich bis zum
Abend Zeit und behauptete, er hätte Kräuter gesammelt. Das stellte
König Greedeon halbwegs zufrieden. Als Rijana Ariacs Zimmer betrat,
stand er gerade mit angestrengtem Gesicht auf Broderick gestützt im
Raum und versuchte mühsam, zurück ins Bett zu wanken.
»Schlag mich nicht, Rijana«, bat Broderick mit
einem flehenden Gesichtsausdruck. »Er hat den halben Nachmittag auf
mich eingeredet.«
Sie runzelte anklagend die Stirn. »Brogan hat doch
gesagt, du sollst es nicht übertreiben.«
Ariac keuchte heftig und schleppte sich die letzten
Schritte bis zum Bett, wo er sich stöhnend niedersinken ließ. Er
schnappte ein paar Mal nach Luft, dann gab ihm Rijana
kopfschüttelnd etwas von Brogans Trank.
Ariac schloss kurz die Augen. »Ich muss versuchen,
wieder auf die Beine zu kommen, sonst halte ich euch am Ende noch
auf.«
»Hast du ihm den Rest erzählt?«, fragte
Rijana.
Broderick nickte bestätigend.Von draußen hörte man
laute Stimmen, und plötzlich kam ein wütender Brogan gefolgt von
König Greedeon hereingestürzt, der lautstark verkündete: »Jetzt
muss ich ihn aber endlich befragen. Schließlich hat auch Brogan mit
ihm geredet.«
Ariac öffnete mühsam die Augen und sah König
Greedeon nur ganz verschwommen. »Gut, ich rede mit ihm.«
Brogan kam zu ihm und beugte sich über ihn. Er tat
so, als würde er Ariac einen Trank geben. »Wenn die Fragen zu
unangenehm werden, tu so, als würdest du einschlafen«, flüsterte er
kaum verständlich.
Ariac schloss zum Zeichen der Zustimmung kurz die
Augenlider. Das musste er nicht spielen, schließlich war er schon
jetzt völlig erschöpft.
König Greedeon nahm sich einen Stuhl und setzte
sich neben ihn.
»Ich muss ihn allein sprechen.«
Rijana wollte schon protestieren, aber Ariac, der
sich an Brogans Worte erinnerte, nicht das Misstrauen des Königs zu
erregen, sagte müde: »Das ist in Ordnung, lasst mich allein.«
Auch Brogan sah keine andere Möglichkeit und zog
die widerstrebende Rijana mit sich aus dem Raum. »Greedeon wird es
nicht wagen, ihm etwas zu tun«, flüsterte er vor der Tür.
Rijana sah nicht sehr überzeugt aus und presste das
Ohr an die dicken Bretter, aber sie konnte nichts hören.
Der König betrachtete Ariac kritisch. Er sieht
tatsächlich ziemlich erschöpft und schwach aus, dachte er,
es wäre ein Leichtes, ihn einfach umzubringen.
Aber diesen Gedanken verwarf der König rasch. Es
wäre zu auffällig. Vielleicht war es ohnehin besser, König Scurr
endgültig und vernichtend zu schlagen, anstatt sich weiterhin auf
Geschäfte mit ihm einzulassen.
»Wie geht es dir?«, fragte der König mit
geheucheltem Interesse.
Ariac stützte sich zittrig auf die Unterarme.
»Etwas besser.«
Der König wirkte zufrieden. Dann blickte er Ariac
ernst an. »Wer hat dich damals aus dem Kerker befreit?«
Ariac tat so, als hätte er keine Kraft mehr, und
ließ sich stöhnend ins Bett zurückfallen. »Rijana«, murmelte
er.
Der König fluchte lautlos. »Sie kann es nicht
allein gewesen sein, das gibt es nicht.«
»Ich habe nur sie gesehen«, erwiderte Ariac müde
und schloss die Augen.
Der König rüttelte ihn ungeduldig an der Schulter.
»König Scurr, du hast ihn gesehen. Hat er irgendetwas über seine
Pläne verraten? Kannst du uns sagen, wie man ihn am besten
vernichtet? Kannst du uns Pläne geben, wie man seine Festung
einnehmen kann?«
Ariac hob die Augenlider halb und schüttelte
schwerfällig den Kopf. »Man kann Naravaack nicht einnehmen. Und
König Scurrs Schloss ebenfalls nicht«, murmelte er und tat so, als
würde er einschlafen.
König Greedeon rüttelte ihn noch ein paar Mal an
der Schulter, doch nachdem Ariac nur noch ein leises Stöhnen von
sich gab, stand er auf.
»Verflucht noch mal«, murmelte er wütend und lief
zur Tür.
Er stürmte hinaus, ohne auf die anderen zu achten,
und als Rijana erschrocken ins Zimmer trat, setzte sich Ariac
grinsend im Bett auf.
»Ich habe ihn abgewimmelt«, sagte er
zufrieden.
Rijana nahm ihn erleichtert in den Arm, und Ariac
meinte gähnend: »Obwohl ich jetzt wirklich verdammt müde
bin.«
Rijana gab ihm lächelnd von dem Kräutertrank und
drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Dann solltest du jetzt
schlafen, ich bleibe bei dir.«
»Ich denke, eine Wache vor der Tür sollte jetzt
reichen«, meinte Ariac, aber Rijana schüttelte den Kopf.
»Nein, ich traue niemandem, ich bleibe hier.«
Ariac zuckte die Achseln, er war viel zu müde, um
zu widersprechen.
In den folgenden Tagen versuchte er immer wieder
aufzustehen, was ihm am Anfang kaum gelang und ihn furchtbar
erschöpfte. Aber langsam konnte er Schritt für Schritt kurze
Strecken gehen, war nicht mehr ständig müde und erholte sich
langsam. Nicht zuletzt dank Brogans Zaubertränken. Vor König
Greedeon hielten sie das geheim. Ariac verließ das Zimmer nicht,
und die anderen hielten noch immer Wache.
Dann traf eines Tages Zauberer Hawionn ein. Brogan
fluchte leise, er hatte gehofft, dass ihnen mehr Zeit bliebe.
Hawionn wirkte ungehalten. Er begrüßte Brogan nur kurz und
verschwand sogleich mit König Greedeon in der Bibliothek von Lord
Geodorn. Brogan hätte gerne gelauscht, aber Hawionn hatte Wachen
vor die Tür stellen lassen.
»Warum lebt dieser Steppenkrieger immer noch?«,
fragte Zauberer Hawionn unwirsch und bedachte König Greedeon mit
einem strengen Blick.
Der plusterte sich zunächst auf. »Ich habe getan,
was ich konnte. Ich habe den Heilern befohlen, nichts mehr für ihn
zu tun. Und dann, dann haben die anderen der Sieben ihn einfach
fortgebracht.«
Hawionns Blick wurde noch stechender und König
Greedeon immer kleiner. Er begann nervös an seinem mit Pelz
besetzten Umhang herumzuspielen.
»Scurr wird sehr aufgebracht sein. Das bedeutet
Krieg. Ich hoffe, Euch ist das klar.«
Greedeon nickte eifrig. »Aber wir, wir haben nun
alle Sieben. Sie werden für uns kämpfen, und dann werden wir über
alle Länder herrschen«, sagte der König mit gierigem Blick.
Hawionn begann unruhig im Zimmer auf und ab zu
laufen. »Wenn dem so ist, wäre es möglich, ja. Aber kann man diesem
Ariac trauen? Wird er uns nicht am Ende doch an Scurr
verraten?«
»Die anderen trauen ihm, und die kleine Rijana ist
angeblich sogar mit ihm verlobt. Ich konnte ein Gespräch
belauschen.«
»Aber sie werden für Euch kämpfen, nicht wahr?«,
hakte Hawionn nach, und Greedeon beeilte sich zu nicken.
»Natürlich, schließlich ist es mein Land, auf dem sie sich
aufhalten. Ich habe ihre Ausbildung finanziert. Ich war es, der sie
mit Gold versorgt hat …«
Hawionn ließ sich davon nicht beeindrucken und
winkte ab. »Ihr braucht Euch nicht so aufzuspielen. Ohne Camasann
wärt Ihr ein Nichts.«
König Greedeon hörte das gar nicht gern.
Aber Hawionn fuhr sich unbeirrt durch den Bart,
während er eine Weile nachdenklich auf und ab lief. »Wir werden sie
auf die Probe stellen«, gab er schließlich von sich und redete dann
noch eine ganze Zeit lang auf Greedeon ein, der immer wieder
unterwürfig nickte. Anschließend verließ das Oberhaupt der Schule
von Camasann den Raum und verlangte, Ariac zu sehen. Der hatte
gerade erst ein wenig mit dem Schwert geübt und war dementsprechend
mit seinen Kräften am Ende. Er schlief fest, aber seine Stirn war
schweißbedeckt, und seine Muskeln zitterten selbst jetzt noch.
Brogan sendete einen stummen Dank dafür an sämtliche Götter, denn
Hawionn ging nun wohl davon aus, dass Ariac noch immer sehr krank
war.
Der Zauberer zog missbilligend die Augenbrauen
zusammen und roch an den Kräutertränken.
»Nützen die nichts?«, fragte er und warf Brogan und
Nelja einen wütenden Blick zu.
»Doch«, sagte Brogan. »Aber das Gift einer
Feuerechse ist sehr gefährlich.«
Der Zauberer schnaubte und legte Ariac
kopfschüttelnd eine Hand auf die Stirn, der im Schlaf nur leise
stöhnte.
»Macht ihn so bald wie möglich kampffähig«,
bestimmte er.
»Heute Abend sollen alle außer ihm in den großen Saal kommen. Ich
habe etwas zu verkünden.« Damit rauschte Hawionn hinaus, und alle
anderen atmeten erleichtert aus.
»Jetzt wird es ernst«, murmelte Brogan und weckte
Ariac sanft, um ihm etwas von seinem Kräutertrank zu geben.
Am Abend traten alle außer Nelja, die vor Ariacs
Zimmer Wache hielt, in den großen Thronsaal. König Greedeon,
Hawionn und Lord Geodorn, der reichlich fehl am Platz wirkte,
warteten bereits. Auch Brogan war anwesend.
»Wir haben etwas beschlossen«, verkündete König
Greedeon großspurig und blickte die sechs Gefährten mit einem
aufgesetzt wirkenden Lächeln an.
»Dass ihr nun alle vereint seid, erfüllt mein Herz
mit Freude. Das ist ein historisches Ereignis.«
Ausnahmslos alle versuchten verzweifelt, ein nicht
allzu angewidertes Gesicht zu machen, denn jetzt, da sie so vieles
wussten, verachteten sie Greedeon ebenso wie Hawionn.
»Wir werden gegen die Finsternis kämpfen. Nun, da
die Sieben vereint sind, wird der Sieg gewiss sein«, verkündete der
König.
»Kämpf du erst mal gegen die Finsternis in deiner
Seele«, knurrte Rudrinn und fing sich einen Seitenhieb von
Broderick ein. Aber Rudrinns Bemerkung war ohnehin nicht zu hören
gewesen, denn Lord Geodorn hatte übertrieben in die Hände
geklatscht.
»Gut«, fuhr der König fort, nachdem ihn Hawionn mit
einem ungeduldigen Blick bedacht hatte. »Ariac soll sich erholen.
Lord Geodorns Gastfreundschaft wird ihm gewiss sein.«
Der Lord verzog gequält das Gesicht.
»Aber ihr«, der König blickte alle der Reihe nach
an, »ihr werdet in einer weiteren Schlacht eure Qualitäten unter
Beweis stellen. Sobald Ariac sich erholt hat, kann er sich euch
anschließen.«
»Was für eine Schlacht?«, fragte Tovion
misstrauisch.
König Greedeon begann selbstgefällig
umherzustolzieren. »Wie ihr sicher mittlerweile wisst, wurde der
gesamte Norden von Scurrs Soldaten überrannt. Nun ist mir zu Ohren
gekommen, dass Catharga sich mit Scurr verbündet hat.« Der König
schüttelte anklagend den Kopf. »Sie waren wohl zu schwach, um sich
gegen Ursann zu stellen. Also müssen wir sie bekämpfen, denn sonst
ist die Brücke in den Süden für uns geschlossen.«
Falkann hatte vor Wut zitternd zugehört. »Ich werde
doch nicht gegen meine eigenen Leute kämpfen!«, rief er zornig und
unüberlegt.
Sofort traf ihn Hawionns stechender Blick, und auch
König Greedeon musterte ihn wütend.
Broderick hielt ihn rasch fest. »Nicht, Falkann,
beruhige dich.«
Aber Falkann schien in diesem Moment nicht
nachzudenken. »Catharga soll feige gewesen sein?«, schrie er vor
Wut zitternd. »Warum habt ihr denn nicht …«
Saliah trat ihm rasch von hinten in die Kniekehle
und nahm ihn am Arm.
»Falkann, nun beruhige dich doch. Du weißt doch,
dass wir in erster Linie Balmacann dienen.«
Sie zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen, und ihr
Blick sagte: Denk an Brogans Worte, wir dürfen kein Misstrauen
erwecken.
»Auch mir fällt es schwer, gegen meine Landsleute
zu kämpfen«, fuhr sie fort und schlug gespielt betreten die
Augenlider nieder, was bei ihren langen Wimpern und dem
unschuldigen Blick sehr überzeugend wirkte. »Aber wenn es sein
muss, werde ich es tun.«
Langsam legte sich Falkanns Zorn ein wenig. »Du
hast Recht, Saliah, das war dumm von mir.« Mit einiger Überwindung
verbeugte er sich vor Hawionn und Greedeon, die
sich erleichtert anblickten. »Entschuldigt bitte, ich habe mich
von falschen Gefühlen leiten lassen.«
König Greedeon kam vom Thron zu Falkann hinab und
schlug ihm auf die Schulter. »Solange du mit ebensolcher
Leidenschaft kämpfst, sei dir verziehen.«
Falkann verzog das Gesicht zu einer Art Lächeln und
wandte sich rasch ab. Am liebsten hätte er dem König ins Gesicht
geschlagen für all die Lügen, die er verbreitete.
»Nun gut, das wäre geklärt«, sagte Brogan ruhig,
der sichtlich erleichtert war, dass Saliah das Ruder noch einmal
herumgerissen hatte. »Wann soll die Schlacht denn
stattfinden?«
»Sie müssen bald aufbrechen«, verkündete Hawionn
streng. »Wir müssen über Land reisen, da die Brücke auf Cathargas
Seite dicht ist. Deswegen müssen sie sich in drei Tagen auf den Weg
machen.« Er warf Brogan einen strengen Blick zu. »Du wirst mit
Nelja nach Camasann zurückkehren.«
Brogan verbeugte sich, und Rijana rief gespielt
empört: »Aber Nelja muss doch Ariac behandeln.«
Hawionn zog die Augenbrauen zusammen. »Er ist auf
dem Weg der Besserung, aber gut, wenn es dich beruhigt, kann Nelja
noch einige Tage bei ihm bleiben.«
»Danke, Zauberer Hawionn, vielen Dank«, sagte
Rijana mit einem so überzeugenden Augenaufschlag, dass Brogan
schmunzeln musste.
»Gut, dann bereitet euch vor«, sagte König Greedeon
und entließ sie mit einer Handbewegung.
Die Freunde verschwanden in ihren Zimmern, jedoch
nicht ohne sich über ein Treffen in der Nacht zu verständigen. Als
sie sich bei Ariac versammelt hatten, sprach der Zauberer zuerst:
»Wir müssen noch heute Nacht verschwinden, jetzt wird es
ernst!«
Alle waren einverstanden, nur Rijana warf Ariac
einen besorgten Blick zu. Auch Brogan fragte: »Meinst du, du
schaffst es, einige Zeit zu reiten?«
»Ich schaffe es, da bin ich mir sicher«, sagte er
beruhigend.
Brogan seufzte. »Ich werde dir einen starken Trank
brauen, damit hältst du ein wenig länger durch, aber anschließend
musst du dich unbedingt ausruhen.« Brogan blickte alle eindringlich
an. »Am besten, ihr reitet gemeinsam in Richtung Osten. Dann
sollten Rijana und Ariac zu den Elfen und anschließend in die
Steppe weiterziehen. Broderick geht nach Errindale, Tovion und
Nelja nach Gronsdale und Falkann und Saliah nach Catharga. Aber
seid vorsichtig. Falls stimmt, was Greedeon gesagt hat, kann es
gefährlich werden. Rudrinn, wirst du die Piraten finden?«
Er nickte grinsend. »Gebt mir ein Boot, und ich
finde sie bestimmt.«
»Gut«, sagte Brogan. »Dann solltest du gleich zur
Westküste aufbrechen. Im Frühling, ab dem zweiten Mond, treffen wir
uns in Northfort, an der Grenze zu Errindale. Ich werde Nachricht
in der Schenke zum Finstergnom hinterlassen, wo ihr mich finden
werdet.«
Broderick grinste. »Mein Ziehvater wird es
weiterleiten.«
»Seid vorsichtig, alle miteinander«, betonte Brogan
noch einmal nachdrücklich. »Und haltet zusammen, nur dann seid ihr
stark.«
Sie nickten und fassten sich an den Händen.
»Wo wirst du hingehen?«, fragte Rijana, die sich
Sorgen um den Zauberer machte.
Brogan seufzte. »Auch ich werde versuchen, weitere
Verbündete zu finden. Zunächst muss ich wohl tatsächlich nach
Camasann zurück, um Londov und die anderen zu warnen.«
»Aber wenn Hawionn etwas merkt?«, wandte Tovion
ein.
Auch Nelja wirkte besorgt. Dann gab sie Tovion
einen Kuss. »Ich werde mit Brogan gehen, dann fällt es vielleicht
weniger auf, dass wir alle gemeinsame Sache machen. Ich
werde mich entsprechend entrüstet darüber geben, dass du mich im
Stich gelassen hast.«
»Nelja«, rief Tovion entsetzt und packte sie an der
Hand, aber sie schüttelte den Kopf und umarmte ihn.
»Es muss sein. Wir sehen uns wieder.«
»Nelja, du musst das nicht tun«, sagte Brogan
ernst.
Doch Nelja setzte ein stures Gesicht auf. »Die
Sieben tun, was die Sieben tun müssen, aber wir sind Zauberer, wir
werden auf andere Weise helfen.«
Brogan seufzte und legte einen Arm um sie. »Du
meine Güte, du wärst es auch wert gewesen, eine der Sieben zu
sein.«
Tovion machte ein unglückliches Gesicht, doch
Saliah sagte lächelnd: »Sie ist eine von uns, egal, ob eines der
Schwerter geleuchtet hat oder nicht.«
Nelja lächelte stolz, auch wenn es ihr furchtbar
schwerfiel, Tovion zu verlassen.
»Denkt daran«, ermahnte sie Brogan noch einmal
ernst. »Im Frühjahr treffen wir uns wieder.«
Sie nickten sich zu, und Broderick stupste Rudrinn
an. »Komm, wir besorgen die Pferde, und dann treffen wir uns alle
draußen, hinter dem kleinen Wäldchen westlich von hier.«
Nacheinander verließen sie leise den Raum, um ihre
Sachen zu packen. Nelja besorgte noch unauffällig etwas zu essen.
Als dann der Abschied kam, wusste sie nicht, was sie sagen sollte.
Wahrscheinlich würden sie sich eine lange Zeit nicht sehen,
vielleicht auch nie wieder.
»Pass auf dich auf«, flüsterte Nelja, und Tränen
standen in ihren dunklen Augen. »Und schick mir Nachricht durch den
Falken.«
Tovion nickte, biss sich auf die Lippe und nahm sie
noch einmal fest in den Arm. »Und du auf dich.«
Sie blickte ihm nach, als er wie ein Schatten in
seinen
magischen Umhang gekleidet aus der kleinen Seitentür
herausschlich. Dann ging sie langsam in ihr Zimmer zurück. Nelja
hoffte inständig, dass alles gut ging. Brogan, der sich nun
ebenfalls von Camasann losgesagt hatte, stand in seinem Turmzimmer
und blickte in die Nacht hinaus. Schwach vom Mondlicht beleuchtet,
sah er sieben schemenhafte Gestalten in nördliche Richtung das
Anwesen des Lords verlassen.
»Passt auf euch auf«, murmelte er besorgt, und ihm
war, als legte sich eine eisige Hand um sein Herz. Die sieben
jungen Leute waren wie Kinder für ihn, auch Ariac, der nicht bei
ihm ausgebildet worden war. Nun ritten sie einer ungewissen und
gefahrvollen Zukunft entgegen, und er selbst hatte nur sehr
begrenzte Möglichkeiten, ihnen zu helfen.
»Thondra, bitte beschütze sie und lass sie diesmal
siegreich sein«, flüsterte er in die Finsternis, die sich wie der
Hauch des Todes um die Sieben schloss und sie verschluckte. Dann
wandte sich auch Brogan ab, um seine Sachen zu packen.