KAPITEL 15
Der Weg nach Ursann
Am nächsten Morgen ritten Rijana und Ariac
weiter in Richtung Norden. Sie dachten darüber nach, in Catharga zu
überwintern. Allerdings wurde es langsam ziemlich gefährlich in den
Wäldern. Nach einigen Tagen kreuzten immer mehr Soldaten ihren Weg.
Rijana glaubte zu wissen, dass sie das ihren Eltern zu verdanken
hatte. Sie war zwar noch immer nachdenklicher gestimmt als sonst,
aber Ariac sah erleichtert, dass sie wohl wirklich mit ihren Eltern
abgeschlossen hatte und nicht mehr ganz so traurig war. Einige Tage
lang regnete es ununterbrochen. Die beiden waren sehr froh um ihre
Elfenmäntel, die auch den stärksten Regen nicht durchließen. Einmal
kämpften Rijana und Ariac gegen eine Gruppe von drei Soldaten, die
sich hinterrücks angeschlichen hatten. Die Männer in den roten
Umhängen konnten von Rijana und Ariac aber schnell erledigt werden,
ohne dass den beiden selbst etwas passiert war. Dann hörte der
Regen auf, und Rijana und Ariac mussten wachsam sein, denn ihre
Spuren waren auf dem weichen Boden gut zu sehen. Eigentlich wollten
sie in Richtung Westen abbiegen, um nach Catharga zu gelangen, aber
ihre Pläne wurden durchkreuzt.
Es war ein schöner, sonniger Herbsttag. Die Vögel
zwitscherten in den Bäumen, und der Boden dampfte nach einem
Regenschauer. Rijana und Ariac trabten nebeneinander durch die weit
auseinander stehenden Bäume des nördlichen Gebietes von Northfort.
Plötzlich tauchten westlich von ihnen
Soldaten in roten Umhängen auf. Ariac parierte Nawárr erschrocken
durch und blickte sich um. Auch von Süden her kamen mehrere
Soldaten.
»Wir müssen fliehen«, rief er, »es sind zu
viele.«
Rijana nickte und wendete Lenya in Richtung Norden.
Ariac löste seinen Bogen vom Sattel. »Schnell, reite los, ich halte
noch ein paar auf«, rief er.
Rijana galoppierte an. Hinter sich hörte sie
Schreie, und als sie sich umdrehte, kam zu ihrer Erleichterung
Ariac hinterhergeprescht. Sie galoppierten eine ganze Zeit lang im
Zickzack durch die Bäume, aber die Soldaten ließen sich nicht
abschütteln. Ariac hielt kurz an und hob den Bogen. Rijana, die
Nawárrs Sprünge nicht mehr hinter sich hörte, drehte sich kurz um
und sah erschrocken, wie Ariac plötzlich getroffen wurde und sich
überschlagend vom Pferd fiel.
»Ariac!«, schrie sie panisch und wendete ihr
Pferd.
Schon kamen die Soldaten näher. Erleichtert sah
sie, dass Ariac sich gerade mühsam wieder aufrappelte. Mit ihrem
Bogen schoss sie einen Soldaten vom Pferd.
»Kannst du reiten, Ariac?«, fragte sie mit
ängstlich aufgerissenen Augen.
Er nickte, presste sich eine Hand auf die Schulter
und zog sich wieder in den Sattel. Die beiden galoppierten in
rasendem Tempo durch den Wald. Rijana warf immer wieder ängstliche
Blick nach hinten, aber Ariac hob beruhigend die Hand. Als die
Soldaten ein wenig zurückgefallen waren, hielt Rijana abrupt
an.
»Was ist mit dir?«, fragte sie ängstlich.
»Nichts«, erwiderte Ariac mit zusammengebissenen
Zähnen.
»Aber du blutest ziemlich heftig«, sagte sie und
blickte auf sein durchgeweichtes Hemd. »Wir sollten das zumindest
verbinden.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Wir müssen weiter, sie
sind hinter uns.«
Tatsächlich hörte man bereits wieder Schreie und
galoppierende Hufe. Rijana wollte noch etwas sagen, aber Ariac
galoppierte bereits an ihr vorbei, immer weiter in Richtung Norden
durch die Bäume hindurch. Er sprang über Bäche und umgekippte
Bäume. Er galoppierte am Ufer eines Sees entlang in der Hoffnung,
die Soldaten würden so ihre Spur verlieren. Auch als es bereits
dämmerte, hielt er nicht an. Wahrscheinlich hatten sie jetzt die
Grenze nach Errindale passiert, denn es wurde steiniger, die Wälder
noch lichter, und der Boden war mit blühendem Heidekraut bewachsen.
Man hörte schon seit einiger Zeit keine Rufe oder Pferde mehr.
Endlich hielt Ariac hinter einer Gruppe Felsen an. Er ließ sich vom
Pferd rutschen und sagte keuchend: »Ich glaube, wir haben sie
abgehängt, wir können kurz ausruhen.«
Rijana sprang von ihrer Stute und nahm Ariacs
Gesicht in ihre Hände. Er atmete heftig und hatte die linke Hand
gegen die rechte Schulter gepresst.
»Was ist los? Hat dich ein Pfeil erwischt?«
Er schüttelte den Kopf und ließ sich langsam auf
den Boden sinken.
»Ein Armbrustbolzen, aber er ist zum Glück
durchgegangen.«
Rijana betrachtete seine Schulter im schwindenden
Licht.
»Aber es blutet so heftig«, sagte sie unglücklich
und begann, in den Satteltaschen nach den Kräutern zu kramen, die
Leá ihnen mitgegeben hatte.
»Es ist nicht schlimm«, murmelte er und lehnte den
Kopf gegen einen der Felsen.
Rijana hatte endlich saubere Stoffstreifen und
etwas von dem Kraut, das Blutungen stoppte, gefunden. Sie
zerstampfte die Kräuter zu einem Brei und begann, Ariacs Hemd
aufzuschnüren. Er grinste sie müde an.
»Was hast du vor?«
Sie schnaubte und sagte: »Deine Schulter verbinden,
was sonst?«
»Schade, wenn du sonst mein Hemd aufschnürst, dann
…«
»Ariac!«, rief sie empört und begann, die Kräuter
in beide Seiten der Wunde zu drücken.
Er stöhnte unterdrückt auf und murmelte: »Sonst ist
es angenehmer.«
Rijana schüttelte den Kopf, wickelte einige
Streifen Stoff um seine Schulter und zog fest an.
»Ich sollte dir einen Tee kochen«, murmelte sie und
streichelte ihm über das Gesicht.
Ariac schüttelte den Kopf. »Zu gefährlich, sie
könnten das Feuer sehen.« Er nahm ihre Hand und sagte: »Danke, mir
geht es gut. Ein Durchschuss ist besser, als wenn der Bolzen noch
drinsteckt. Er hat nicht einmal den Knochen erwischt.«
Rijana machte ein zweifelndes Gesicht und blickte
ihn ängstlich an. »Aber du hast ziemlich viel Blut verloren.«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, es ist nicht
schlimm.«
»Bist du durstig?«
Er nickte und wollte sich erheben. Rijana drückte
ihn sanft zurück und ging zu den Pferden, um den Wasserschlauch zu
holen. Ariac trank durstig und ließ sich zurück an den Felsen
sinken.
»Danke«, flüsterte er und schloss die Augen.
Rijana beobachtete ihn besorgt. Als ganz in der
Nähe ein Geräusch zu hören war, schreckten beide alarmiert hoch.
Aber es war nur ein Reh, das durch das Unterholz brach. Rijana
packte Ariac am Arm und sagte: »Leg dich hin und schlaf, ich passe
auf.«
Ariac lächelte sie an. »Mach dir keine Gedanken,
ich bin wirklich in Ordnung. Also gut«, gab er schließlich nach und
wickelte sich in die Decke.
Rijana stand auf, stellte sich vor die Felsen und
blickte in
die Nacht hinaus. Mehrmals ging sie zu ihm, weckte ihn aber nicht
auf. Zum Glück blieb alles ruhig.
Als der Morgen dämmerte und die Pferde unruhig
wurden, erwachte Ariac von selbst. Er setzte sich auf. Ihm war ein
wenig schwindlig, und seine Schulter tat ihm weh, aber zumindest
verlor er kein Blut mehr.
Kurz darauf kam Rijana zurück. Er blinzelte sie an:
»Warum hast du mich nicht geweckt?«
Statt einer Antwort legte sie ihm eine Hand auf die
Stirn und sagte erschrocken: »Du hast Fieber.«
»Ach was«, erwiderte er und erhob sich schwankend.
Vor seinen Augen verschwamm alles, wahrscheinlich hatte Rijana
Recht.
»Leg dich wieder hin«, verlangte sie.
Aber Ariac schüttelte den Kopf und schwankte zu
Nawárr.
»Vielleicht habe ich ein wenig Fieber, aber das ist
nicht weiter schlimm. Wir müssen weg, die Soldaten können nicht
weit hinter uns sein.«
Rijana nahm seine Hand, die um einiges wärmer war.
»Du kannst doch jetzt nicht reiten«, sagte sie entsetzt.
»Es geht«, erwiderte er und hob mit
zusammengebissenen Zähnen den Sattel hoch.
»Warte«, erwiderte Rijana, »ich mach das für
dich.«
Seufzend ließ er sich auf einen niedrigen
Felsbrocken sinken.
Rijana sattelte die Pferde auf und beobachtete
Ariac besorgt, als der sich mühsam in den Sattel zog.
»Aber sag, wenn du nicht mehr weiterkannst«,
verlangte sie.
Ariac nickte und folgte Rijana, die im Schritt
durch die Bäume ritt.
»Wir müssen galoppieren«, verlangte Ariac nach
einer Weile.
»Aber …«, rief sie nach hinten, doch er nickte
nachdrücklich. Wenn sie den Soldaten endgültig entkommen wollten,
mussten sie sich beeilen.
Sie ritten eine ganze Zeit lang durch den Wald.
Ariac drängte Rijana immer wieder weiterzureiten. Gegen Mittag
glaubten sie, erneut Pferdehufe zu hören, und galoppierten noch,
bis die Sonne zu sinken begann. Dann hielt Rijana energisch hinter
einem Hügel an. Ariac sah reichlich blass aus, seine Augen glänzten
fiebrig, und er saß zusammengesunken auf dem Pferd.
»Steig ab«, verlangte sie und hielt ihm eine Hand
hin.
»Wir sollten noch ein wenig weiter«, murmelte er,
ließ sich jedoch langsam nach unten gleiten.
Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, wollte
das aber nicht zeigen und atmete einmal tief durch. Dann schwankte
er zum nächstbesten Baum und lächelte Rijana aufmunternd zu, die
ihm den Wasserschlauch hinhielt.
Sie wickelte den Verband ab und sagte: »Die Wunde
hat sich etwas entzündet.«
»Nicht so schlimm«, murmelte Ariac und lehnte den
Kopf gegen den Baumstamm.
Rijana holte wieder einige Kräuter hervor, von
denen sie glaubte, dass sie Wunden schlossen und gegen Entzündungen
halfen, aber ganz sicher war sie sich nicht.
»Ich hoffe, das hilft«, murmelte sie.
»Natürlich«, antwortete Ariac mit einem
aufmunternden Lächeln. In der Nähe hörte Rijana einen kleinen
Bach.
»Ich bin gleich zurück«, sagte sie.
Als Rijana zurückkam, war Ariac scheinbar
eingedöst. Sie entzündete ein kleines Feuer und begann, einen Tee
aus Weidenrinde zu kochen. Anschließend ging sie zu Ariac und legte
ihm ein kaltes Tuch auf die heiße Stirn.
Er öffnete etwas mühsam die Augen, und sie
flüsterte: »Trink das bitte.«
Er runzelte die Stirn. »Was ist das?« »Tee aus
Weidenrinde«, antwortete sie und hielt ihm eine Schale hin.
Ariac erhob sich ein wenig und sagte missbilligend:
»Du solltest doch kein Feuer entzünden.«
»Ich mache es gleich wieder aus«, erwiderte sie,
»trink das, dann sinkt dein Fieber.«
Er seufzte und trank die Schale mit dem Tee aus.
Rijana schüttelte den Rest des Tees in die beiden Schüsseln und
deckte sie zu. Anschließend löschte sie das Feuer und setzte sich
neben Ariac.
»Wie geht es dir?«, fragte sie ängstlich.
Er lächelte und nahm ihre Hand in seine. »Ganz gut,
bitte mach dir keine Sorgen.«
Sie nahm das bereits wieder heiße Tuch von seiner
Stirn. »Aber du hast Fieber«, sagte sie unglücklich.
»Das geht vorbei«, antwortete er und legte seinen
Kopf an ihre Schulter. »Es ist schön, dass du hier bist«, murmelte
er und war kurz darauf eingeschlafen.
Rijana ließ ihn vorsichtig auf den Boden sinken,
holte die beiden Decken und legte sie über ihn. Sie lief noch
einmal auf den Hügel, aber alles war ruhig. Anschließend tauchte
sie noch einmal die Tücher ins kalte Wasser und legte sie Ariac auf
die Stirn, woraufhin er leise stöhnte, kurz aufwachte, aber gleich
wieder einschlief.
Später in der Nacht erwachte er, als Rijana ihre
Hand auf seine Stirn legte.
»Trink noch etwas, dann kannst du wieder schlafen«,
flüsterte sie.
Er schüttelte den Kopf, setzte sich auf und trank
dann von dem Tee.
»Nein, jetzt schläfst du«, sagte er kurz
darauf.
»Ariac, du bist verletzt, du brauchst den Schlaf«,
erwiderte sie.
Er lächelte sie liebevoll an. »Ich habe solche
Sachen schon ganz allein durchgestanden. In Ursann hatte ich
niemanden, der mir Wasser gebracht oder Tee gekocht hat.«
Sie setzte sich neben ihn und blickte ihn
überrascht an. Er hatte noch nie von Ursann gesprochen.
»Aber sie müssen euch doch geholfen haben, wenn ihr
verletzt wart«, sagte sie entsetzt.
Er schüttelte den Kopf. »Nein, jeder war auf sich
gestellt. Nur die Starken haben überlebt. In Ursann hast du dich
entweder allein zur Ruine von Naravaack zurückgeschleppt, oder du
bist von den Krähen gefressen worden.«
Rijana schüttelte fassungslos den Kopf und nahm
seine Hand. Ariac fuhr fort und schien in eine andere Zeit zu
blicken. »Ich war vielleicht fünfzehn, als einer der älteren Jungen
mir einfach mitten in den Bergen das Schwert in den Rücken gerammt
hat.« Er lächelte bitter. »Da musste ich auch allein
zurechtkommen.«
»Das kann doch nicht sein«, flüsterte Rijana. »Aber
ihr wart doch Gefährten. Jemand hätte dir helfen müssen.«
»In Ursann herrschen andere Gesetzte, wobei es mir
ja noch gut erging.«
»Wieso?«, fragte sie.
»Solange du nicht siebzehn bist, achten sie sogar
noch ein wenig auf dich, denn du könntest ja einer der Sieben sein.
Wenn sich herausstellt, dass du es nicht bist, lassen sie dich
gnadenlos verrecken.«
Rijana drückte Ariacs Hand. »Das ist ja furchtbar.
Ich habe früher oft an dich denken müssen, aber ich hatte keine
Ahnung, wie schrecklich es dir ergangen ist.«
Ariac lächelte müde. »Du hast mich, ohne es zu
wissen, vor dem Verrücktwerden gerettet.«
Sie runzelte die Stirn. Ariac erzählte nun von den
grausamen Bestrafungen, den Peitschenhieben, den vielen Tagen und
Nächten in dem engen Verlies oder auf dem eiskalten
Turm. Er holte den Stein aus der Tasche, den er immer bei sich
getragen hatte.
»Das war meine letzte Verbindung zu meinem alten
Leben, die mich immer daran erinnert hat, wer ich wirklich bin«,
sagte er zum Schluss. »So konnten Scurr und Worran mich nicht
vollständig brechen und zu ihrem Werkzeug machen.« Er runzelte die
Stirn. »Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie behaupteten, ihr
hättet meinen Clan umgebracht.«
Rijana standen Tränen in den Augen. Sie drückte
seinen Kopf an ihre Schulter und streichelte ihm über das
Gesicht.
»Es tut mir so leid. Das muss furchtbar gewesen
sein.«
Er nickte schläfrig. »Aber jetzt ist es vorbei,
jetzt weiß ich, wo ich hingehöre.«
»Ich werde dir helfen, das alles zu vergessen«,
flüsterte sie und streichelte ihn, bis er wieder eingeschlafen
war.
Am Morgen war das Fieber fast weg, und auch Ariacs
Schulter sah besser aus.
Er zwinkerte Rijana zu. »Siehst du, habe ich doch
gleich gesagt.«
Sie lächelte erleichtert und umarmte ihn fest.
Rijana musste an die Dinge denken, die Ariac ihr in der Nacht zuvor
erzählt hatte. Er selbst konnte sich kaum noch erinnern. Das Ganze
war zu einer diffusen Mischung aus Worten und Fieberträumen
verschwommen. Die beiden brachen rasch auf und ritten den ganzen
Tag. Rijana verband noch einmal Ariacs Schulter, und er versicherte
ihr, dass es ihm gut ging. Diesmal glaubte sie ihm sogar, denn
seine Gesichtsfarbe sah schon etwas gesünder aus. Trotzdem war er
am Abend erschöpft, und Rijana bestand darauf, dass er als Erstes
schlief. Sie hoffte, dass er bis zum Morgen nicht aufwachte, aber
Ariac erhob sich, als der Mond hoch am Himmel stand. Rijana stand
hinter
eine Gruppe Felsen und blickte auf die kleine Lichtung hinaus.
Ariac trat hinter sie und legte ihr eine Hand auf die
Schulter.
»Warum schläfst du denn nicht?«, fragte sie
missbilligend.
»Jetzt bist du dran. Du warst beinahe drei Tage
lang auf.«
»Das macht nichts«, sagte sie und streichelte ihm
über das Gesicht. Allerdings musste sie zugeben, dass sie kaum noch
die Augen offen halten konnte.
»Du bist so gut zu mir«, sagte er und lächelte sie
an.
»Das ist doch selbstverständlich!«, erwiderte sie
empört.
»Nein, das ist es nicht, aber jetzt geh
schlafen.«
Rijana nickte zögernd, gab ihm noch einen Kuss und
schwankte zu den Decken. Seufzend ließ sie sich nieder und war
beinahe augenblicklich eingeschlafen.
Im Morgengrauen weckte Ariac sie sanft. Rijana
blinzelte und streckte sich. Sie hatte gut geschlafen.
»Wie geht es deiner Schulter?«, fragte sie.
»Gut«, antwortete er und versuchte, sie vorsichtig
zu bewegen, was ihm allerdings kaum gelang. »In ein paar Tagen ist
alles in Ordnung.«
»Das hoffe ich«, antwortete sie und begann ihre
Sachen zusammenzupacken. Sie bestand auch darauf, Ariacs Pferd zu
satteln. Er lehnte sich grinsend an einen Felsen und sagte: »Also
wenn du so weitermachst, werde ich faul und verweichlicht …«
Sie schüttelte lachend den Kopf. »Das kann ich mir
nicht vorstellen.«
Regen lag in der Luft. Zum Glück waren keine
Soldaten zu sehen.
»Wir sollten weiter in den Norden reiten«, sagte
Ariac, während sie durch den einsetzenden Regen ritten.
»Hoffentlich finden wir eine Höhle oder so etwas, wo wir den Winter
über bleiben können.«
Rijana nickte und sagte nachdenklich: »Unser
Proviant
geht auch langsam zu Ende. Wir sollten uns etwas in einem kleinen
Dorf kaufen.«
Ariac nickte zögernd. »Aber es ist nicht ganz
ungefährlich, falls uns jemand sieht …«
Rijana schüttelte den Kopf. »Mich sucht niemand.
Ich gehe ins Dorf und kaufe die Sachen.«
Das begeisterte Ariac zwar nicht sonderlich, aber
Rijana hatte wohl Recht. Ohne Brot, Mehl und Sonstiges würde der
Winter karg werden. Sie reisten weiter durch das menschenleere
Land. Hier gab es nur kleine Haine, aber dafür viele Hügel und
riesige Felsbrocken. Einmal trafen die beiden auf einen winzigen
Hof mitten im Wald. Die Bauern waren sehr nett, hatten jedoch
nichts abzugeben. Sie beschrieben ihnen den Weg zu einigen Höfen,
die weiter im Osten lagen, dort hätten die Bauern vielleicht mehr
zu verkaufen.
Das Wetter wurde immer schlechter. Eisiger Wind
wehte über das Land, und häufig war auch schon etwas Schnee
zwischen die Regentropfen gemischt. Rijana und Ariac waren
durchgefroren, mies gelaunt und erschöpft. Es war immer
schwieriger, einen geeigneten Unterschlupf für die Nacht zu finden.
Auch die Pferde wirkten unruhig.
Endlich erblickten die beiden in der Ferne ein
kleines Gebäude. Ganz tief im Wald lag es versteckt, wo keine
Straße mehr zu sehen war. Es war aus Lehm gebaut mit uralten
Holzbalken und einem Strohdach. Aus einem Kamin drangen
Rauchschwaden heraus.
Ariac wischte sich den Regen aus dem Gesicht. »Geh
hinein, ich warte hier«, schlug Ariac vor.
Rijana nickte und rannte durch den Regen auf das
Haus zu. Kurz darauf kam sie zurück. »Ariac, das ist eine Schenke.
Komm, wir können uns reinsetzen und uns aufwärmen.«
»Und wenn mich jemand erkennt?«, fragte Ariac
unsicher.
»Ich habe durch die Fenster gesehen. Es sind
keine Soldaten dort. Komm schon!«
Ariac zögerte kurz, aber dann sah er Rijanas
hoffnungsvolles Gesicht und wollte ihr die Gelegenheit, eine kurze
Zeit im Warmen zu verbringen, nicht nehmen.
»Gut«, seufzte er. »Ich werde die Kapuze
auflassen.« Rijana nickte mit einem erleichterten Lächeln, und die
beiden führten ihre Pferde auf das Gasthaus zu.
»Ich glaube, hier ist Broderick aufgewachsen«,
erzählte sie. »Die Schenke zum Finstergnom – das hat er immer
erzählt.«
Ariac nickte und blickte das alte Haus misstrauisch
an. Aber scheinbar führte wirklich keine Straße hierher. Ein
gebeugter Mann trat aus der Tür und blickte die beiden überrascht
an.
»Du liebe Zeit, wo kommt denn ihr her bei diesem
Wetter?«
»Wir wollen uns nur ein wenig ausruhen«, antwortete
Rijana.
Der Alte nickte und winkte ihnen mitzukommen. »Eure
Pferde sind auch klatschnass, stellt sie in die Scheune«, schlug er
vor.
Rijana und Ariac folgten ihm zögernd. In einer
alten Scheune, etwas rechts von der Schenke, standen zwei
Ackergäule und ein Reitpferd angebunden, die träge die Köpfe
hoben.
»Danke«, sagte Rijana freundlich, und die beiden
begannen, ihre Pferde abzusatteln. Nawárr und Lenya machten sich
sogleich gierig über das Heu her, welches der alte Mann ihnen
brachte.
»Ihr habt schöne Pferde«, sagte er bewundernd und
versuchte, einen Blick unter die Kapuzen der beiden Fremden zu
erhaschen. »Wo kommt ihr her?«
»Aus Northfort«, antwortete Rijana, da ihr gerade
nichts Besseres einfiel. Der alte Mann nickte und fragte nicht
weiter nach. Er führte sie in eine kleine, uralte Gaststube. Einige
Männer saßen an einem Tisch und spielten Karten. Hinter der Theke
stand eine rothaarige Frau, die einige Krüge
abtrocknete. Sie war klein, ziemlich rundlich und hatte ein
hübsches Gesicht. In einem Eck spielte ein kleines Kind mit ein
paar Holzklötzen.
»Kalina, bring den Leuten hier heiße Suppe und
einen Tee.« Er zwinkerte ihnen zu. »Unser dunkles Bier könnt ihr
später versuchen.«
Rijana lachte leise. Broderick hatte immer vom Bier
aus Errindale geschwärmt. Sie setzten sich an den Tisch, nah ans
flackernde Feuer. Rijana zog schließlich ihren Umhang aus und
hängte ihn zum Trocknen auf. Ariac behielt seinen lieber an.
Kalina, die rothaarige Frau, kam näher und stellte ihnen freundlich
lächelnd Suppe, Brot und dampfenden Tee hin.
Rijana und Ariac langten mit Appetit zu. Das warme
Essen tat ihnen gut. In den letzten Tagen hatten sie kaum einmal
ein Feuer entzünden können.
»Ich glaube, das ist das Mädchen, in das Broderick
verliebt ist«, sagte Rijana irgendwann.
»Willst du ihr sagen, wer du bist?«, fragte Ariac
und streckte die Beine aus. Allerdings behielt er immer die Tür im
Auge.
»Ich weiß nicht«, antwortete Rijana unsicher. »Sie
würde sicher gerne etwas von ihm hören.«
Ariac nickte, aber Rijana zögerte noch immer. Immer
wieder ging die Tür auf, und jedes Mal zuckte Ariac zusammen und
war bereit, sein Schwert zu ziehen. Doch es waren nur Bauern, die
ihren Abend in der Taverne beschließen wollten. Draußen regnete es
noch immer in Strömen, und Rijana fragte hoffnungsvoll: »Soll ich
fragen, ob sie Zimmer vermieten?«
Ariac zögerte, aber eine Nacht im Trockenen konnte
nicht schaden. Rijana stand auf und stellte sich an die Theke. Der
alte Mann, der ihnen den Stall gezeigt hatte, hob überrascht die
Augenbrauen.
»Du liebe Zeit, ein so hübsches Mädchen habe ich
lange nicht mehr gesehen.«
Kalina schnaubte empört, aber er nahm sie in den
Arm und sagte: »Du bist auch hübsch, aber dich sehe ich jeden
Tag.«
»Das sieht dein Ziehsohn wohl etwas anders«,
murmelte Kalina wütend und verzog das Gesicht.
»Ich werde Broderick die Ohren lang ziehen, wenn er
mal wieder hier auftaucht«, knurrte der alte Mann.
»Der taucht nicht mehr auf, Finn, das kannst du mir
glauben«, schimpfte Kalina und warf wütend ein Handtuch in die
Ecke.
Rijana zog überrascht die Augenbrauen
zusammen.
»Warum soll er nicht mehr zurückkommen?«, fragte
sie, ohne weiter nachzudenken. Broderick hatte immer mit so viel
Liebe und Begeisterung von dem Mädchen aus der Schenke
gesprochen.
»Weil dieser Mistkerl keinen einzigen meiner Briefe
beantwortet hat«, schimpfte Kalina, und ihre grünen Augen
funkelten. »Nur wegen ihm habe ich Schreiben gelernt. Wenn er
jemals hier auftaucht, dann hänge ich ihn an seinen eigenen Ohren
auf.« Kalina hatte sich richtig in Rage geredet. Sie begann wie
wild die Theke zu polieren. »Lässt mich einfach mit dem Kind sitzen
und taucht jahrelang nicht auf, so ein verfluchter
Hurensohn.«
Rijana riss die Augen auf. »Broderick hat ein
Kind?«
Kalina nickte, dann fragte sie überrascht. »Kennst
du ihn?« Sie blickte Rijana von oben bis unten an. »Hat er dich
etwa auch geschwängert?«
Rijana schüttelte rasch den Kopf und beugte sich
über die Theke. »Ich war mit ihm auf Camasann, aber bitte erzähle
es nicht herum.«
Kalina blieb der Mund offen stehen. »Du kennst
Broderick wirklich?«
Bevor Kalina, die knallrot anlief und wohl wieder
zu einer neuen Schimpftirade Luft holte, etwas sagen konnte,
erzählte Rijana: »Er hat dir sehr oft geschrieben und immer
geschimpft, weil du nicht geantwortet hast. Am Ende war er
furchtbar traurig, weil er schon befürchtet hatte, du hättest einen
anderen.«
Kalina schnaubte, aber dann blickte sie Rijana
eindringlich an.
»Ich habe ihm immer wieder geschrieben. Gut, die
Postreiter sind nicht sehr zuverlässig, aber ich hätte doch
zumindest einen einzigen Brief erhalten müssen.« Kalina wirkte nun
sehr nachdenklich und ging zu dem kleinen Jungen. Sie nahm ihn auf
den Arm.
Rijana musste grinsen. »Also, dass er Brodericks
Sohn ist, kann man wohl kaum verkennen.«
Der Kleine hatte ein breites, fröhliches Gesicht
und das gleiche Lachen, das sich übers ganze Gesicht zog. In
Kalinas Augen sammelten sich plötzlich Tränen. »Dann habe ich ihm
vielleicht Unrecht getan, aber warum kommt er denn nicht mehr
her?«
Rijana seufzte. »Es ist nicht einfach, wenn man im
Dienst von König Greedeon steht. Er bestimmt, wo man kämpfen
muss.«
Kalina nickte und wischte sich über die Augen.
»Geht es ihm denn gut?«
»Ich habe ihn im Frühling das letzte Mal gesehen,
und da ging es ihm gut«, antwortete Rijana nachdenklich.
»Wenn du ihn einmal wiedersiehst«, sagte Kalina
unsicher, »würdest du ihm dann sagen, dass er einen Sohn hat und
dass ich auf ihn warte? Der Kleine heißt Norick.«
Rijana nickte lächelnd. »Natürlich, und ich glaube,
es gibt nichts, das ihn mehr freuen wird.«
Auch auf Kalinas Gesicht zeichnete sich nun ein
Lächeln ab. Sie schniefte noch einmal und ließ den Kleinen
herunter. »So, und jetzt versuchst du unser berühmtes Bier.«
»In Ordnung«, antwortete Rijana. »Habt ihr auch
Zimmer?«
Kalina bestätigte dies, und Finn, Brodericks
Ziehvater, der gerade die anderen Gäste bedient hatte, kam
zurück.
»Ihr könnt zwei Zimmer haben, wenn ihr
wollt.«
»Eines reicht«, antwortete Rijana und errötete ein
wenig. Kalina lachte ihr strahlendes, freundliches Lachen. »War
dein Freund auch mit auf Camasann?«
Rijana schüttelte den Kopf. »Bitte sprich ihn nicht
darauf an.«
Gerade kamen weitere Männer und Frauen herein.
Ariac sprang hektisch auf, da ihm der Blick auf Rijana versperrt
war, aber sie bahnte sich bereits ihren Weg durch die Menschen zu
ihm.
»Alles in Ordnung, sie haben Zimmer, und Kalina
bringt uns Bier.«
Ariac setzte sich erleichtert wieder hin.
»Was ist denn?«, fragte er, als Rijana vor sich hin
lächelte.
Leise lachend schüttelte sie den Kopf. »Broderick
hat einen Sohn.«
»Oh«, rief Ariac aus.
»Aber er wusste gar nichts davon«, sagte Rijana
nachdenklich. »Es ist komisch, er hat ihr immer geschrieben, aber
sie hat keine Briefe bekommen. Es ist genau wie bei Tovion und
Nelja.«
Ariac runzelte die Stirn und dachte einige Zeit
nach. »Kann es sein, dass König Greedeon verhindern wollte, dass
ihr Kontakt nach draußen habt? Keiner wusste, dass König Scurrs
Soldaten die nördlichen Länder besetzt haben. Das ist doch
merkwürdig, oder?«
Zunächst wollte Rijana widersprechen, aber dann
nickte sie. »Ich glaube, du hast Recht. Das sind zu viele Zufälle
auf einmal. König Greedeon spielt ein merkwürdiges Spiel.«
In der Schenke wurde es immer lauter und voller.
Finn brachte zwei Krüge mit Bier. Eine Gruppe von Männern und
Frauen setzte sich zu Ariac und Rijana an den Tisch.
Bald packten einige Männer eine Geige, eine Harfe und eine Trommel
aus. Irgendjemand fing an zu singen, und bald klatschten und
tanzten alle mit, zumindest, soweit es der enge Raum zuließ. Die
Musik ging direkt ins Blut, und Rijana begann schon bald
mitzuklatschen. Ein alter Mann mit langen weißen Haaren führte
einen wilden Tanz auf, und alle klatschten im Takt der Musik mit.
Immer wieder zog er eine der wenigen Frauen in die Mitte, sodass
die Stimmung noch ausgelassener wurde. Schließlich kam er zu Rijana
und wollte sie an der Hand nehmen. Doch Ariac sprang auf und
stellte sich zwischen die beiden. Unter seiner Kapuze hervor
funkelte er den Alten wild an.
Der hob die Hände und krächzte: »Ich wollte deinem
Mädchen nichts tun, ich dachte nur, sie möchte ein wenig
tanzen.«
Rijana legte Ariac eine Hand auf den Arm und nickte
ihm beruhigend zu.
»Er tut mir nichts.«
Ariac setzte sich zögernd und beobachtete mit
zusammengezogenen Augenbrauen, wie der Alte Rijana mit in den Raum
zog und die beiden im Takt der Musik zu tanzen begannen. Die Tänze
wurden immer wilder, sodass Rijana irgendwann atemlos zurückkam und
sich neben Ariac auf die Bank fallen ließ.
»Es ist schön hier«, keuchte sie, und ihr Gesicht
strahlte.
Ariac nickte. So entspannt und glücklich hatte er
Rijana lange nicht mehr gesehen. Er selbst war noch immer
misstrauisch und auf der Hut. So schnell konnte er sich nicht
entspannen.
»Komm mit«, rief sie und zog ihn auf die
Füße.
»Nein, warte«, widersprach er, aber Rijana zog ihn
einfach mit in den Kreis und klatschte in die Hände, während einige
Männer einen wilden Tanz aufführten. So ging es eine ganze Zeit
lang, bis plötzlich die Tür aufgerissen wurde und ein
atemloser, klatschnasser Junge in den Raum schrie: »Soldaten,
Soldaten!«
Auf der Stelle erstarb die Musik, und alle blickten
sich hektisch um. Ariac packte Rijana an der Hand und wollte schon
verschwinden, aber ein Bauer hielt sie auf.
»Nicht«, warnte er, »sie sind schon ganz nah. Wenn
ihr flieht, bringen sie euch um. Setzt euch und verhaltet euch
unauffällig.«
Ariac zögerte, aber schließlich zog er Rijana in
ein dunkles Eck. Auch sie zog sich ihre Kapuze über den Kopf. Die
übrigen Leute legten ihre Instrumente zur Seite und setzten sich
mit gesenkten Köpfen an die Tische. Es dauerte nur wenige
Augenblicke, bis eine Gruppe von Soldaten in roten Umhängen
hereinkam. Der Anführer blickte ungehalten in die Runde und setzte
sich an einen der freien Tische. »Essen und Bier!«, schrie er, und
seine dreiundzwanzig Untergebenen setzten sich zu ihm. Sie
schubsten einige Bauern von einem der anderen Tische weg und
stellten ihn mit an den ihren.
Ariac spannte sich an – er kannte den Anführer. Es
war Morac. Groß, mit kantigen, verbissenen Gesichtszügen und den
kleinen gemeinen Augen blickte er selbstgefällig um sich.
»Ich glaube, ich kenne den Mann«, sagte Rijana
leise.
Ariac nickte kaum merklich. »Das ist Morac«,
flüsterte er zurück. »Er war damals mit auf dem Wagen, als Brogan
uns nach Camasann bringen wollte.«
Erschrocken riss Rijana die Augen auf. Sie
erinnerte sich. Morac war ein grober, ungehobelter Junge und sehr
fies zu Ariac gewesen. Jetzt wirkte er noch brutaler und glich eher
einem Ork als einem Menschen. Morac war wirklich einer von Scurrs
Soldaten geworden. Gerade schlug er einem seiner Männer ins
Gesicht, der sich erdreistet hatte, zuerst von der Platte mit dem
geräucherten Fleisch zu nehmen.
Rijana schauderte, als sie daran dachte, dass Ariac
vielleicht auch so hätte werden können.
Morac und die anderen führten sich auf wie Tiere.
Sie warfen absichtlich Geschirr herunter, schmissen Knochen auf den
Boden und schimpften über das schlechte Bier. Schließlich stand
Morac selbst auf und kam auf einen der Bauern zu, der mit gesenktem
Kopf am Tisch saß.
»Ihr habt Instrumente hier, spielt etwas für
uns.«
Der Mann zögerte und blickte seine Freunde
hilfesuchend an. Morac verpasste ihm eine schallende Ohrfeige,
trank aus seinem Krug und warf diesen anschließend auf den
Boden.
»Na los, macht Musik für uns.«
Er zog wahllos weitere Männer auf die Füße.
Ariac versteifte sich, als Morac in seine Richtung
kam, und auch Rijana hielt die Luft an.
»Wenn ich ›Jetzt‹ rufe, rennst du in die Küche,
dort ist sicher ein Hinterausgang«, flüsterte Ariac und packte
unter dem Tisch sein Schwert so fest, dass seine Knöchel weiß
hervortraten.
Rijana nickte nervös. Gegen zwanzig Mann hier auf
dem engen Raum hatten sie kaum eine Chance.
Aber im letzten Moment schwankte Morac, der
augenscheinlich schon ziemlich betrunken war, zu seinen Männern
zurück, und die Bauern begannen zögernd und ziemlich langsam zu
spielen.
Morac leerte einen weiteren Bierkrug.
»Hört mit dem Katzengejammer auf«, schrie er in den
Raum und spuckte dabei eine Fontäne aus Bier durch die Gegend. »Das
hält ja kein Mensch aus!«
Augenblicklich verstummten die Spieler. Morac stand
auf, wischte mit einer Handbewegung die Essensreste vom Tisch und
bedeutete seinen Männern zu gehen.
»Wir suchen uns eine andere Taverne, hier ist es ja
fürchterlich«,
schimpfte er und stapfte, gefolgt von seinen Männern, hinaus in
den Nebel.
Kurze Zeit war alles ganz still, dann ging ein
allgemeines Aufatmen durch die Anwesenden. Scurrs Männer hatten ein
fürchterliches Chaos hinterlassen, aber alle waren froh, dass sie
fort waren. Finn kam zu Rijana und Ariac an den Tisch.
»Diesmal hatten wir Glück. Die Letzten haben gleich
drei Männer getötet und die halbe Einrichtung zerstört.«
»Warum unternimmt niemand etwas gegen die Blutroten
Schatten?«, fragte Ariac.
Finn schnaubte. »Gegen Scurrs Männer kann man gar
nichts unternehmen. Seitdem sie die nördlichen Länder unter
Kontrolle haben, werden die Zustände immer schlimmer. Im Norden von
Gronsdale hat es Aufstände gegeben, aber sie wurden alle von Orks
überrannt.«
Ariac und Rijana blickten sich fassungslos an. Von
diesen Dingen hatten sie nichts gewusst. Plötzlich wurde Finns
Miene jedoch etwas freundlicher.
»Und ihr kennt wirklich unseren Broderick?«
Beide nickten einstimmig, Finn lächelte
daraufhin.
»Dann sagt ihm doch bitte Grüße von uns allen, wenn
ihr ihn wiederseht. Und er soll uns doch mal wieder
besuchen.«
»Das kann noch dauern«, murmelte Ariac.
Aber Rijana nickte dem alten Mann beruhigend zu.
»Natürlich werden wir ihm Grüße ausrichten.«
Finn rückte näher heran und fragte neugierig: »Wenn
ihr aus Camasann kommt, habt ihr dann auch die Sieben kennen
gelernt?«
Rijana blickte Ariac verblüfft an. Scheinbar hatte
Broderick gar nichts davon erzählt, dass er eines der Kinder
Thondras war.
Rijana nickte zaghaft, woraufhin Finn sie
ehrfürchtig betrachtete.
»Und, wie sind sie? Sind sie mächtig und stark?
Können sie uns allen helfen?«
Auf einmal bekam Rijana ein furchtbar schlechtes
Gewissen. Die Menschen hier setzten alle Hoffnung in sie.
Rijana legte dem alten Mann ihre schlanke Hand auf
den Arm. »Sie sind sich im Moment noch ein wenig uneinig, aber
eines Tages werden sie euch sicher helfen.«
Finn nickte und lächelte Rijana an. »Darauf hoffen
wir alle.«
Er schlurfte weiter zu einem der anderen Tische, wo
sich die Bauern aufgeregt unterhielten. Es war schon spät, als die
meisten aufbrachen.
Kalina kam zu Rijana und Ariac. »Soll ich euch euer
Zimmer zeigen?«, fragte sie.
Die beiden nickten, denn sie waren ziemlich müde.
Kalina ging auf die Tür zu. Draußen herrschte dichter Nebel, der
einem jegliche Sicht nahm. Sie führte die beiden zu einem Anbau und
schloss eine knarrende Holztür auf.
»Hier ist es. Das Zimmer ist klein, aber sauber.«
Sie blickte die beiden unsicher an und entzündete eine Kerze.
»Es kostet ein Kupferstück pro Nacht, aber wenn ihr
nichts habt, könnt ihr auch umsonst hier schlafen, schließlich seid
ihr ja Brodericks Freunde.«
Rijana schüttelte entschieden den Kopf und fasste
in ihren Beutel. Sie holte ein Goldstück und eine schmale Goldkette
heraus.
»Hier, Broderick würde es so wollen, wenn er
wüsste, dass er einen Sohn hat.« Kalina stieß einen leisen Schrei
aus. »So etwas Wertvolles habe ich noch nie gesehen!« Sie blickte
Rijana fassungslos an. »Das kann ich nicht annehmen.«
Aber die schüttelte den Kopf. »Nimm es, ihr könnt
es sicher brauchen.«
Kalina starrte immer wieder von dem Gold auf Rijana
und ging rückwärts zur Tür, dann schüttelte sie sich und ging nach
draußen.
Ariac grinste und schlug seine Kapuze endlich
zurück.
»Ich glaube, du hast sie …«
Er wurde unterbrochen, als die Tür ruckartig
aufging. »Ich wollte euch noch sagen …«, rief Kalina, dann
erstarrte sie. »Du liebe Zeit, ein Steppenkrieger!«
Ariac wich erschrocken zurück und hatte bereits
seine Hand am Schwert. Rijana ging jedoch zu ihm und legte ihm eine
Hand um die Hüfte.
»Wir gehören zusammen. Er wird niemandem etwas
tun.«
Kalina nickte unsicher und kam ganz herein.
Vorsichtshalber schloss sie die Tür. Dann musterte sie Ariac mit
einer Mischung aus Neugierde und Angst.
»Nun gut«, sagte Kalina. »Meine Großmutter sagte
immer, man solle einen Menschen nie nach seinem Aussehen, sondern
nach seinen Taten beurteilen.«
Rijana blickte Kalina ernst an. »Ich habe einige
Zeit in der Steppe gelebt. Die Steppenleute sind freundlich und
friedfertig. Ich habe niemals ehrlichere und herzlichere Menschen
kennen gelernt.«
Kalina wirkte unsicher und starrte auf Ariacs
Tätowierungen.
»Gut, ich werde nichts sagen, aber passt auf, nicht
alle Leute sind verschwiegen. Ach ja«, sie grinste, »falls ihr
morgen noch etwas essen wollt, dann kommt zu der kleinen Hütte
neben den Ställen, dort lebe ich. Schlaft gut.« Sie warf noch einen
verwirrten Blick auf Rijana, dann verschwand sie.
Ariac entspannte sich ein wenig.
»Glaubst du, sie hält ihr Wort?«
Rijana nickte und gab ihm einen Kuss. Dann sperrte
sie die Tür von innen ab. »Sie ist nett, und wie es aussieht,
halten Finn und sie von Scurrs Soldaten nicht allzu viel.«
Rijana nahm ihn an der Hand und zog ihn zu dem
Bett.
»Jetzt komm schon, ich habe noch nie mit dir in
einem Bett gelegen.«
Schließlich gab er seufzend nach, aber in dieser
Nacht blieb er immer mit einem Ohr wach. Der Morgen begann so
neblig, wie der Abend aufgehört hatte. Rijana und Ariac aßen in
Kalinas Hütte und brachen anschließend auf. Kalina nannte ihnen
noch einen Bauern, wo sie Proviant kaufen konnten. Der kleine
Norick winkte den beiden zum Abschied unbeholfen mit seinen kleinen
dicken Händen hinterher.
Die Reise führte weiter durch den nebligen Wald von
Errindale. Zum Glück hatte Kalina ihnen den Weg beschrieben, denn
bei dieser schlechten Sicht hätte niemand eine Himmelsrichtung
bestimmen können. Stumm trabten Rijana und Ariac durch die Bäume.
Der Nebel schien alles zu schlucken, eine gespenstische Stille lag
über dem Land. An einem kleinen Bauernhof erstand Rijana eine Menge
Proviant, der hoffentlich eine Weile reichen würde.
Die alte Bäuerin war sehr nett. Sie riet Rijana und
Ariac, auf dem schmalen Weg hinter ihrem Haus zu bleiben, der in
Richtung Norden führte. Die beiden hatten ein ungutes Gefühl dabei,
denn auch auf den schmalen Wegen ritten häufig Soldaten, aber sie
hatten wohl keine andere Wahl, wenn sie sich nicht verirren
wollten. So lauschten alle beide in die unheimliche Stille nach den
Geräuschen von Hufen. Selbst am Abend hatte sich der Nebel noch
nicht gelichtet. Rijana und Ariac ritten von dem immer schmaler
werdenden Weg herunter in den Schutz einiger Felsen. Hier sattelten
sie die Pferde ab und schafften es mit einiger Mühe, ein Feuer zu
entzünden. Alles war feucht und klamm. Rijana kochte aus Kräutern
einen Tee, und die beiden setzten sich dicht aneinandergeschmiegt
auf den Boden. Es war ziemlich kalt. Nachdem die beiden gegessen
hatten, wickelten sie sich in ihre Decken. Es machte nicht sehr
viel Sinn, Wache zu halten,
denn man sah ohnehin nichts. So mussten sie sich auf ihre Pferde
verlassen, die sie hoffentlich warnen würden. Ariac legte Rijana
einen Arm um ihre Schultern.
»Hast du Angst?«
Sie schüttelte den Kopf und lehnte sich an seine
Schulter.
»Solange du bei mir bist, nicht.«
Er lächelte und streichelte ihr mit klammen Fingern
über die Wange. »Ich hoffe, wir finden bald eine Höhle oder etwas
Ähnliches. Notfalls muss ich uns eine Hütte bauen.«
Rijana nickte und lächelte zu ihm auf. »Das wird
sich finden. Es schneit ja noch nicht.«
Ariac nickte, aber er machte sich trotzdem
Gedanken. Rijana war bereits eingeschlafen, als Ariac sie an der
Schulter rüttelte.
»Wach auf«, flüsterte er. »Irgendetwas ist in der
Nähe.«
Er stand leise und mit fließenden Bewegungen auf
und zog sein Schwert. Rijana schüttelte den Schlaf ab und lauschte
in die Finsternis. Man glaubte, ein leises Flüstern in den Bäumen
und Büschen zu hören. Die Pferde standen mit hocherhobenen Köpfen
in der Nähe und bewegten die Ohren unruhig.
»Was ist das?«, flüsterte Rijana. Ihr stellte sich
Gänsehaut auf.
Ariac zuckte die Achseln und lief vorsichtig um den
Felsen herum. Rijana folgte ihm dichtauf. Immer wieder glaubte man,
ein Flüstern oder ein Heulen zu hören, aber es kam immer aus einer
anderen Richtung. Ariac packte sein Schwert fester und ging zögernd
weiter in den Nebel hinein. Langsam wurde das Heulen und Flüstern
etwas deutlicher. Ariac drehte sich so abrupt um, dass Rijana vor
Schreck einen leisen Schrei ausstieß.
»Bleib hinter mir und lauf notfalls weg.«
Rijana schluckte. In diesem unheimlichen Nebel
würde sie mit Sicherheit nicht von Ariacs Seite weichen. Er schlich
weiter und blieb plötzlich hinter einem dicken Baum stehen. Auf
einer Lichtung, die in ein seltsames Licht getaucht war, sah man
eine durchscheinende Gestalt vor einem Köper knien, der am Boden
lag. Immer wieder jammerte und heulte sie leise.
»… warum nur, warum tun die Menschen so etwas?«,
jammerte das Wesen gerade.
»Was ist das?«, flüsterte Ariac zu Rijana gewandt.
Man hörte es kaum, aber das Wesen fuhr herum und verzerrte das
Gesicht zu einer Fratze. Ariac hob sein Schwert, aber Rijana
drückte seinen Arm herunter.
»Nicht, das ist ein Waldgeist.«
Das Wesen kam langsam schwebend näher. Man sah es
kaum. Es war sehr schlank und durchsichtig, hatte ein kleines,
blasses Gesicht und ganz helle, grünliche Haare, die mit Blättern
durchsetzt waren. Der Waldgeist schwebte langsam näher und begann
dann zu verblassen. Rijana trat vor, aber Ariac hielt sie am Arm
fest. Er kannte solche Wesen nicht.
»Warte«, rief Rijana jedoch. »Geh nicht fort, wir
tun dir nichts, und wir lieben den Wald.«
Der Waldgeist nahm wieder etwas festere Formen an
und kam weiter auf Rijana zugeschwebt. Seine Augen schienen Rijana
tief in die Seele zu blicken. Dann breitete sich ein Lächeln auf
dem schmalen, spitzen Gesicht des Waldgeistes aus.
»Du hast Recht, du bist in den Wäldern geboren.«
Der Waldgeist schwebte auf Ariac zu, der sich versteifte. »Du bist
ein Kind der Steppe.« Das Wesen seufzte. »Dort gibt es kaum Bäume,
das ist traurig, aber die Windgeister sagten mir, es sei auch dort
sehr schön.«
»Rijana, was soll das?«, flüsterte Ariac, ihm war
unwohl zumute.
Aber Rijana nickte ihm beruhigend zu. Dann wandte
sie sich an den Waldgeist und deutete nach vorn auf den Boden. »Was
ist geschehen?«
Der Waldgeist, der, wie man meinen konnte,
weibliche Züge hatte, begann zu zischen und zu jammern. »Sie haben
das Mädchen getötet. Geschändet und getötet.« Eine Träne lief die
Wange des Waldgeistes hinab. »Menschen sind grausam. Warum tun sie
das? Sie zerstören, sie vergiften, sie überrennen alles. Sie sind
nicht besser als Orks.«
Rijana nahm Ariac an der Hand. Zögernd folgte er
ihr. Im Moos auf der Lichtung lag eine junge Frau, deren gebrochene
Augen noch immer in Entsetzen aufgerissen waren. Ganz
offensichtlich war sie vergewaltigt und anschließend mit einem
Dolch erstochen worden.
Rijana würgte und versteckte ihr Gesicht an Ariacs
Schulter. Er streichelte sie und fragte: »Wer war das?«
Der Waldgeist kam auf ihn zugeschwebt, das Gesicht
noch immer vor Wut verzerrt. »Männer, Männer in roten Umhängen. Sie
können nur zerstören, sie sind böse.«
Rijana hob den Kopf. »Das wissen wir. Und wir
wollen gegen sie kämpfen.«
Der Waldgeist blieb nun auf der Stelle stehen, oder
eher schweben.
»Ihr seid anders«, murmelte er, oder sie, wie
Rijana vermutete. »Ich heiße Shin«, sagte der Waldgeist und
wirbelte um Rijana herum. »Ich kenne dich, du hast einmal einen
kleinen Vogel gerettet.«
Rijana runzelte die Stirn, dann lächelte sie. Sie
war vielleicht fünf Jahre alt gewesen, als sie einen kleinen Vogel,
der aus dem Nest gefallen war, wieder hineingesetzt hatte. »Das
stimmt, mein Name ist Rijana, und er heißt Ariac.«
Shin wirbelte um die beiden herum, dann beugte sie
sich wieder über das tote Mädchen und begann zu jammern.
»Was ist das für ein Wesen?«, flüsterte Ariac
ungeduldig, ihm war das alles nicht geheuer.
»Shin ist ein Waldgeist«, erklärte Rijana. »Sie
zeigen sich eigentlich nie, außer manchmal bei Nebel oder wenn sie
sehr
erzürnt sind. Sie beschützen die Bäume und den Wald. Sie gelten
als die Hüter des Lebens. Wenn ein Leben unrechtmäßig genommen
wird, dann werden sie sehr wütend.«
Mit gerunzelter Stirn blickte Ariac auf den
Waldgeist, der nun wieder zu ihnen kam und sehr traurig
wirkte.
»Meine Welt wird bald verschwinden. Keine Elfen
mehr, die Bäume werden gefällt, Orks in den Bergen.« Shin heulte
leise auf. »Keine Waldlinge mehr. Ich mochte sie, die kleinen Kerle
waren immer so lustig.«
Rijana schluckte, der Waldgeist sah furchtbar
traurig aus.
»Dann geh doch ins Land der tausend Flüsse, dort
gibt es noch Elfen und Waldlinge.«
Shin begann um sie herumzutanzen und zu lachen,
aber dann hielt sie inne und schüttelte den Kopf. »Nein, ich muss
bleiben und auf mein Land achten. Zumindest so lange, bis sich die
Welt wandelt.«
Rijana und Ariac blickten sich ahnungslos an. Sie
wussten nicht, was der Waldgeist meinte. Shin seufzte und setzte
sich auf einen umgefallenen, mit Moos überzogenen Baumstamm.
»Das Land ist erzürnt, es wird sich erheben. Ihr
müsst vorsichtig sein.«
Rijana nickte vorsichtig. »Wann wird es
geschehen?«
Shin seufzte und fuhr zärtlich über das Moos. »Es
geschieht schon die ganze Zeit über, aber wann sich die Welt
endgültig wandelt, das weiß ich nicht.«
»Das haben die Elfen doch auch schon gesagt«,
murmelte Ariac, und Rijana nickte.
Plötzlich fuhr Shin auf und zischte wie der Blitz
in den Nebel. Rijana und Ariac blickten sich verwirrt an. Was
sollte das jetzt? Aber kurz darauf kehrte Shin zurück.
»Schnell, ihr müsst fort, es kommen Menschen in
roten Umhängen. Ihr müsst fliehen, sonst seid auch ihr tot.«
Ariac packte Rijana am Arm und zog sie mit sich.
Shin
folgte ihnen und leuchtete ihnen mit ihrem besonderen Licht den
Weg zu ihren Pferden. Die beiden sattelten hastig und verwischten
ihre Spuren. Dann trabten sie, geführt von Shins Licht, durch den
Nebel. Hier und da glaubten sie, das Klappern von Hufen und das
Klirren von Waffen zu hören, aber alles war gedämpft und schien
weit weg zu sein. Langsam musste es Morgen werden. Der Nebel begann
sich zu lichten, und Shin löste sich langsam auf.
»Seid auf der Hut«, flüsterte sie in den Wind, der
sich erhob, »die Welt wird sich wandeln.«
Schon war der Waldgeist verschwunden.
»Danke«, flüsterte Rijana ihr hinterher, dann
galoppierte sie mit Ariac über eine mit Felsen übersäte Grasebene
auf einen weiteren kleinen Hain zu. Sie ritten schnell und warfen
immer wieder nervöse Blicke über die Schulter, aber es war nichts
zu sehen. Als gegen Mittag die Sonne blass am Himmel stand, hielten
sie erschöpft an einem kleinen See an. Das Wasser kräuselte sich im
leichten Wind, und ein paar Enten schwammen friedlich umher. Sie
suchten sich einen geschützten Platz hinter einer Hecke und aßen
etwas Brot und Käse. Ariac stellte sich noch einmal auf einen
Felsen und blickte nach Süden, aber es waren keine Soldaten zu
sehen.
Rijana lehnte sich müde zurück und schloss ihre
Augen.
»Schlaf ein wenig«, sagte Ariac leise. »Ich wecke
dich später.«
Da sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, war
sie schon bald eingeschlafen. Ariac musterte sie liebevoll und
dachte über die Sache mit dem Waldgeist nach. Er hatte keine Ahnung
gehabt, dass es solche Wesen überhaupt gab.
»Dafür weiß ich, wo ein Troll am verletzlichsten
ist, dass man Feuerechsen besser aus dem Weg geht und wie man einen
Ork am besten tötet«, murmelte er bitter. Auf Camasann hatte man
anscheinend sehr viel nützlichere Dinge gelernt.
Irgendwann wurde er selbst schläfrig, ihm fielen
die Augen immer wieder zu. Schweren Herzens weckte er Rijana, die
in der Mittagssonne so friedlich schlief. Sie blinzelte und
lächelte ihn an.
»Tut mir leid, aber ich muss auch kurz
schlafen.«
»Natürlich«, sagte sie bestimmt und stand auf. Sie
gab ihm einen Kuss und stellte sich neben die Pferde, die das
saftige Gras zupften.
Lenya kam zu ihr und stupste sie an.
»Na, meine Schöne, das schmeckt gut, oder?«, sagte
Rijana und lehnte sich gegen ihr Pferd.
Die Reise war anstrengend und gefahrvoll, aber
trotzdem war sie irgendwie glücklich. Sie hatte ein wunderbares
Pferd, und Ariac war bei ihr. Mehr wollte Rijana eigentlich nicht.
Aber sie wusste auch, dass sie noch eine Aufgabe zu erfüllen
hatten, und sie vermisste ihre Freunde. Wie mochte es Saliah und
den anderen gehen?
Falkann, Rudrinn, Saliah, Tovion und Broderick
waren zu dieser Zeit noch immer auf der Insel Silversgaard und
überwachten die Überfahrten zum Festland. Immer wieder wurden sie
von König Scurrs Kriegsschiffen angegriffen, und hin und wieder
gelang es auch einem Piratenschiff, etwas Silber zu stehlen. Alles
in allem waren die fünf jungen Leute sehr unzufrieden, weil ihnen
die Zustände auf der Insel nicht gefielen. Die Sklaven wurden mehr
als schlecht behandelt, und man hörte immer wieder Gerüchte, dass
nicht alle Minenarbeiter Mörder oder sonstige Verbrecher waren, die
ihre Strafe abarbeiten mussten. Aber die Wahrheit bekamen sie nicht
heraus. Falkann hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, aber
gleichzeitig auch einen furchtbaren Hass auf Ariac. Er vermisste
Rijana mehr, als er jemals vor irgendjemandem zugegeben hätte.
Besonders Broderick machte sich Sorgen um ihn, denn er kannte
Falkann einfach zu gut und wusste, dass
etwas mit ihm nicht stimmte. Saliah schien langsam über den Tod
des jungen Soldaten hinwegzukommen, und Rudrinn tat alles, um sie
aufzuheitern. Tovion vermisste Nelja, und auch Broderick war
wütend, dass er keinerlei Nachricht von Kalina erhalten hatte. Aber
hier auf der Insel bekam ohnehin niemand einen Brief. Also hielten
die fünf Freunde Wache, beluden Schiffe und schossen mit Bögen auf
Scurrs Kriegsflotte. Alle waren besorgt, weil sie nichts von Rijana
hörten. Die Krieger von König Greedeon suchten unaufhörlich,
konnten sie aber nicht aufspüren.
König Scurr galoppierte an diesem Tag über eine
der wenigen geheimen Straßen, die es in Ursann gab. Er war
ungehalten. König Greedeon hatte ihm den Steppenjungen ausliefern
wollen, aber der war verschwunden. Scurr hatte natürlich selbst
seine Soldaten in die Steppe geschickt und ließ Ariac auch sonst
überall suchen. Aber bis auf die Spur, die sie an der Grenze zu
Northfort entdeckte hatten, war nichts mehr von Ariac zu hören.
Auch Worran hatte getobt und selbst eine Gruppe von Soldaten in die
Steppe geführt. Seine Blutroten Schatten hatten am schlimmsten
unter den Clans gewütet, aber er hatte Ariac nicht finden können.
Seitdem war der grausame Ausbilder in Gronsdale unterwegs und
suchte den Norden ab. Gleichzeitig sollte er die Armee der Orks
inspizieren, die sich in den nördlichen Bergen sammelte.
Scurr war bis an die Grenzen von Ursann geritten,
um sich mit einem sehr wichtigen Mann zu treffen. Dieser wartete
bereits mit einer Eskorte von fünf Mann, allesamt in unauffällige
graue Umhänge gehüllt, an der vereinbarten Stelle in einem der
steinigen Talkessel.
»Ich habe eine Aufgabe für Euch«, begann Scurr mit
seiner leisen, aber durchdringenden Stimme.
»Natürlich«, kam die nervöse Antwort des
anderen.
»Findet heraus, was Greedeon als Nächstes mit den
Sieben vorhat.« Scurr verzog sein knochiges Gesicht. »Nun ja,
eigentlich sind es momentan nur fünf.«
»Angeblich sollen sie derzeit auf Silversgaard
sein«, erwiderte Scurrs heimlicher Verbündeter eifrig.
»Das weiß ich«, erwiderte Scurr ungehalten, sodass
der kleinere Mann zusammenzuckte. »Aber er wird wohl kaum deren
Talente auf Dauer auf dieser verdammten Insel vergeuden. Findet es
heraus, wenn Ihr der neue König meines erweiterten Reichs werden
wollt.«
Sofort nickte der andere eifrig, und seine Augen
begannen gierig zu glänzen.
»Und«, fuhr König Scurr eindringlich fort,
»berichtet mir sofort, falls ein Steppenkrieger und eine hübsche
junge Frau in Eurem Land auftauchen. Haltet sie fest und liefert
sie mir aus.«
»Natürlich, hoher König, natürlich«, beeilte sich
der andere zu sagen und wollte sein Pferd schon wenden.
»Wartet«, rief Scurr ihm hinterher und warf ihm
einen Beutel mit Gold und Silber zu.
»Danke, mein Herr, vielen Dank!«
Noch am Nachmittag ritten Rijana und Ariac weiter,
denn die Pferde waren unruhig geworden, und sie befürchteten, dass
die Soldaten noch immer auf ihrer Spur waren. Das Wetter wurde
wieder schlechter. Es regnete mehrere Tage hintereinander, und in
den Nächten schneite es häufig. Immer weiter ritten die beiden nach
Norden, wo das Land karger wurde und man den hohen Vulkan ausmachen
konnte, der vor einiger Zeit ausgebrochen war. Die Erde bebte in
letzter Zeit immer öfter.
Sosehr sich Rijana und Ariac bemühten, sie konnten
die Blutroten Schatten, die sie verfolgten, einfach nicht abhängen.
Immer wieder erhaschten sie von weitem einen Blick auf die
Verfolger. Was sie nicht wussten, war, dass die Männer gar nicht
auf ihrer Spur waren, denn die sollten nur eine Gruppe Orks aus den
nördlichen Gebirgen holen und vor dem Winter nach Ursann
bringen.
Also flüchteten Rijana und Ariac weiter nach Norden
in der Hoffnung, irgendwann einen Unterschlupf für den Winter zu
finden. Es war bereits der zweite Herbstmond, und eiskalte Stürme
fegten über das Land.
Nach einigen Tagen hatte es endlich aufgehört zu
regnen, aber Rijana, Ariac und ihre Pferde waren erschöpft. Zudem
begann es leicht zu schneien. Als Rijana sich kaum noch im Sattel
halten konnte, wollte Ariac gerade vorschlagen, Rast zu machen,
doch plötzlich nahm er das Aufblitzen eines roten Umhangs in der
Ferne wahr. Er fluchte und trieb Nawárr in Galopp. Rijana folgte
seufzend. Durch ein zerklüftetes Tal flüchteten die beiden. Rechts
und links ragten hohe Berge auf, und einzelne verkrüppelte Bäume
säumten den Weg zwischen den Felsen hindurch. Plötzlich war ein
dumpfes Grollen zu hören, und die Erde begann zu beben. Ariac hielt
erschrocken an, und auch Rijana zügelte ihr Pferd.
»Wir sollten absteigen«, sagte Ariac und wollte
schon herunterspringen, als die Erde derart heftig erbebte, dass er
hinfiel. Rijana hatte zu lange gezögert. Lenya stieg erschrocken
und rannte panisch davon. Nawárr riss sich los und folgte der
Stute, die kopflos nach Süden stürmte.
»Spring ab!«, schrie Ariac Rijana hinterher, aber
er kam bei den heftigen Beben nicht einmal mehr auf die Füße. Um
ihn herum krachten Bäume, und Steine fielen von den Bergen
herunter. Ariac hielt sich krampfhaft an einem Felsen fest und
hoffte, nicht unter einem herabfallenden Brocken zermalmt zu
werden. Von Rijana oder den Pferden sah er nichts mehr. Dann wurden
die Erdstöße etwas schwächer. Ariac stand auf und rannte panisch
zwischen den herabgefallenen Bäumen und Felsen umher.
»Rijana!«, schrie er dabei immer wieder
hektisch.
Und dann bebte es erneut so heftig, dass sich Risse
im Boden auftaten. Ariac sprang im letzten Augenblick über einen
Felsspalt, der ihm beinah den Weg abgeschnitten hätte. Dann
stolperte er weiter, bis er endlich Rijanas Umhang unter einem Baum
hervorragen sah. Rijana hing über einem Felsspalt und konnte sich,
offensichtlich mit letzter Kraft, an einem dicken Ast festhalten.
Ariac rannte zu ihr.
»Warte, ich helfe dir!«, rief er.
Rijana war erleichtert, Ariacs Stimme zu hören.
Nach einem weiteren Beben rutschte der dicke Baumstamm weiter nach
unten. Rijana schrie auf, und Ariac sprang zur Seite. Erschrocken
sah er, dass der Baum kurz davor war, weiter in die Tiefe zu
stürzen. Als es einen Moment ruhig war, kletterte er dennoch
vorsichtig den Abhang hinunter und blickte in Rijanas ängstlich
aufgerissene Augen.
»Kannst du dich hochziehen?«, fragte er. Er stand
auf einem schmalen Vorsprung, wagte aber nicht, auf den Baum zu
steigen, da dieser sonst vielleicht unter seinem Gewicht abstürzen
würde.
Rijana schüttelte den Kopf. Sie hatte Tränen in den
Augen. Schon jetzt hatte sie das Gefühl, als würden ihr die Arme
aus den Gelenken gerissen. Ariac fuhr sich nervös über die Augen.
Es ging mindestens dreißig Fuß in die Tiefe. Vorsichtig setzte er
einen Fuß auf den Baumstamm. Er schien zu halten.
»Nicht, Ariac«, sagte Rijana und biss sich auf die
zitternde Lippe. »Du stürzt sonst mit ab.«
Er ließ sich nicht abhalten und balancierte Schritt
für Schritt über den Stamm. Dann streckte er ihr die Hand hin. »Na
los, ich ziehe dich hoch.«
Zögernd ließ Rijana eine Hand los, aber in diesem
Moment gab es einen weiteren Stoß, und sie musste mit ansehen, wie
Ariac mit den Armen ruderte und in die Tiefe stürzte.
Rijana stieß einen verzweifelten Schrei aus, aber da krachte sie
auch schon mitsamt dem Baum hinunter.
Ariac konnte nur mühsam die Augen öffnen. Er
schnappte nach Luft und bekam Panik, als er merkte, dass er nicht
atmen konnte. Er versuchte sich aufzurichten, aber sein Rücken
schmerzte zu sehr. Keuchend ließ er sich wieder nach hinten sinken
und zwang sich, ruhig einzuatmen. Endlich strömte etwas von der
kostbaren Luft in seine Lungen. Vorsichtig setzte er sich auf und
bemerkte, dass er in einem kleinen Busch lag. Dann sprang er auf,
ohne auf seine Schürfwunden und Prellungen zu achten. Wo war
Rijana?
Er erkannte den dicken Baum, der herabgefallen war,
und stieß einen verzweifelten Laut aus, als er einen Arm aus den
Ästen herausragen sah. Der Baum musste sie zerquetscht haben. Aber
dann sah er, dass der Stamm nicht ganz den Boden erreicht hatte,
sondern zwischen Felsen eingekeilt war. Rijana lag darunter. Er
rannte zu ihr und nahm ihre Hand. Sie hatte eine heftig blutende
Wunde am Kopf, ihr ganzer linker Arm war aufgeschürft und bog sich
in einem unnatürlichen Winkel weg. Er beugte sich ängstlich über
sie und merkte erst nach einer kleinen Ewigkeit, dass sich ihre
Brust ganz schwach hob und senkte.
Erleichtert atmete er aus, streichelte ihr
vorsichtig über das Gesicht und fragte: »Rijana, hörst du mich?«
Aber sie gab keinen Laut von sich.
Ariac schloss kurz die Augen, dann schnitt er mit
seinem Dolch Streifen aus dem Umhang und machte ihr einen Verband
um Kopf und Arm. Er bemühte sich, vorsichtig zu sein und auf ihren
gebrochenen Arm zu achten. Rijana gab ein Stöhnen von sich, jedoch
ohne die Augen zu öffnen.
»Es tut mir leid«, flüsterte er. »Es tut mir so
leid!« Ariac blickte sich um. Noch immer erschütterten leichte
Beben den Boden. Der Baum würde sich nicht ewig in dieser Position
halten. Vorsichtig zog er Rijana darunter hervor und legte sie
etwas abseits ab. Aber auch hier war es gefährlich, Felsen konnten
in den Felsspalt stürzen und Bäume herunterfallen. Ariac kämpfte
mit der Panik. Er wusste nicht, was Rijana fehlte. Er hatte keine
Kräuter, die Pferde waren fort und damit auch die Decken. Außerdem
war es ziemlich kalt. Ariac zog seinen Umhang aus und legte ihn
über Rijana, deren Verband bereits durchgeweicht war.
»Bitte wach doch auf«, sagte er leise und
streichelte ihre Wange. Aber sie rührte sich nicht, sodass Ariac
sie schließlich so vorsichtig wie möglich auf die Arme nahm und
durch den neu entstandenen Felsspalt trug, in der Hoffnung, einen
Ausgang zu finden. Ariac schnaufte heftig. Rijana war nicht sehr
schwer, aber auf Dauer strengte ihr Gewicht ihn doch an. Außerdem
hatte er selbst Schmerzen. Er musste einen besseren Ort finden.
Endlich, als es schon dämmerte, konnte er das Ende des Felsspalts
sehen. Das einzige Hindernis, das er noch überwinden musste, war
ein steiler Abhang. Allerdings würde er das mit Rijana auf dem Arm
wohl kaum schaffen. Erschöpft ließ Ariac sich und Rijana zu Boden
sinken. Dann wickelte er sie in seinen Umhang und lehnte sich an
den Fels. Er wusste nicht weiter, sie hatten nicht einmal etwas zu
trinken.
Am Morgen begann es leicht zu regnen. Ariac wurde
von den Tropfen auf seinem Gesicht geweckt. Rijana lag bewegungslos
in seinen Armen. Er beugte sich ängstlich über sie. Zu seiner
Erleichterung atmete sie. Mit schmerzverzerrtem Gesicht richtete er
sich auf und blickte sich um. Es gab keinen anderen Weg als den
Abhang hinauf. Erneut versuchte er Rijana zu wecken, aber sie
reagierte nicht. Anschließend schnallte er ihr den Schwertgurt ab
und legte ihn sich selbst an. Dann nahm er sie erneut auf die Arme
und bemühte sich, den Abhang hinaufzustolpern. Auf der Hälfte
konnte er nicht
mehr, sodass er Rijana heftig atmend hinuntergleiten ließ.
Erschöpft setzte er sich auf das Geröll. Doch dann begann sie leise
zu stöhnen und ihre Augen zu öffnen. Ariac richtete sich wieder auf
und nahm ihre Hand.
»Rijana, endlich«, rief er erleichtert.
Sie blinzelte und verzog das Gesicht, dann drohten
ihr die Augen wieder zuzufallen.
Ariac klatschte ihr leicht gegen die Wange. »Nicht
einschlafen, bitte wach auf.«
»Was ist denn«, murmelte sie.
»Rijana, wie geht es dir? Was tut dir weh?«, fragte
er besorgt.
Sie hob mühsam die Augenlider. »Weiß nicht«,
murmelte sie. »Wo sind wir? Wo sind denn Saliah und die
anderen?«
»Was?«, fragte er erschrocken und richtete sie
vorsichtig auf, woraufhin Rijana stöhnte.
»Entschuldige«, sagte er und nahm sie vorsichtig in
den Arm. »Kannst du aufstehen? Wir müssen den Berg hinauf.«
Rijana blinzelte erneut verwirrt und nickte dann.
Langsam und unsicher kam sie auf die Füße. Sie konnte kaum stehen,
und um sie herum drehte sich alles, aber sie biss die Zähne
zusammen. Ariac stützte sie und schob sie den steinigen Abhang
hinauf. Endlich hatten sie eine mit Gras überzogene Ebene erreicht.
Rijana lächelte ihn noch einmal an, aber dann knickten ihr die
Beine weg, und sie verlor das Bewusstsein. Ariac fing sie
erschrocken auf und drückte sie an sich. Er hatte keine Ahnung, wo
sie sich jetzt befanden oder was aus ihren Pferden geworden war.
Schließlich hob er Rijana auf und trug sie in die Richtung des
nächsten Waldes, um Schutz zu finden. Es regnete immer stärker, und
bald mischten sich Schneeflocken unter die Tropfen. Als er endlich
den Waldrand erreicht hatte, war er zu Tode erschöpft und
vollkommen durchgeweicht. Er legte Rijana unter einen Baum und
deckte sie mit seinem Umhang zu. In der Nähe plätscherte
ein kleiner Bach. Ariac brach ein Stück Rinde von einem dicken
Baum ab und rannte zum Bach. Dann schöpfte er Wasser und hielt es
Rijana an die Lippen.
»Bitte trink das«, sagte er verzweifelt, aber sie
schluckte nur reflexartig und wachte nicht auf. Ariac ging selbst
zum Bach, um zu trinken, dann ließ er sich zitternd neben sie
sinken. Nach einiger Zeit begann es heftiger zu schneien. Ariac
erhob sich steifgefroren, legte sich seinen Umhang über und hob
Rijana auf. Er musste einen besseren Unterschlupf finden, sonst
würden sie beide erfrieren. Außerdem brauchte er Kräuter.
Allerdings wusste er selbst, dass er keine Ahnung davon hatte,
welche Heilkräuter in Errindale wuchsen. Er kannte nur die wenigen,
die in Ursann und in der Steppe zu finden waren, aber darum
kümmerte er sich später. Zunächst würde er einen trockenen Platz
suchen.
Ariac war den Tränen nahe, als er in der
einbrechenden Dunkelheit noch immer nichts gefunden hatte. Rijana
war nicht wieder aufgewacht, und er selbst konnte kaum noch
weiter.
Als er dann eine kleine Holzhütte erblickte, aus
deren Kamin Rauch aufstieg, glaubte er schon zu halluzinieren,
rannte aber dann mit letzter Kraft darauf zu und klopfte mit einer
Hand heftig an die Tür.
Eine verängstigte Frau mittleren Alters öffnete.
Sie hatte grau durchzogene Haare, die zu einem Knoten aufgesteckt
waren, und blickte die beiden überrascht an.
»Bitte helft ihr«, stieß Ariac hervor. »Ich komme
aus der Steppe, aber ich tue Euch nichts. Bitte, helft ihr, ich …
ich tue Euch nichts.«
»Was hat denn das Mädchen?«, fragte die Frau, ohne
auf Ariacs Gestammel einzugehen, und schob die beiden in die Hütte.
»Leg sie dort hin!« Sie deutete auf ein schmales Bett in einem
kleinen Raum, in dem das Feuer im offenen Kamin prasselte. »Ich
heiße übrigens Elsa.«
Ariac ließ Rijana vorsichtig auf das Bett sinken
und blickte sie besorgt an. Sie sah blass aus, und die Verbände
waren durchgeweicht.
Elsa beugte sich über sie und sagte zu Ariac,
dessen Gesicht man unter der Kapuze nicht sah: »Ich hole die
Kräuterfrau. Zieh ihr die nassen Kleider aus und wasch die Wunden
aus. Ich bin bald zurück.«
Ariac nickte, ohne weiter auf Elsa zu achten, die
rasch verschwand. Er zog Rijana den Umhang aus, unter dem alles
trocken geblieben war. Dann schnitt er den Ärmel ihres Hemdes auf
und wusch mit ängstlichem Gesicht die Wunde an ihrem Arm und am
Kopf aus. Er war gerade fertig, als die Tür wieder aufging und eine
alte, runzlige Frau mit grauen Haaren hereinkam. Ohne ein Wort
setzte sie sich zu Rijana auf das Bett und sah sich ihre
Verletzungen an. Dann fasste sie in einen Beutel und holte einige
Kräuter heraus.
»Koch sie, Elsa«, befahl die Alte.
Elsa nickte und warf die Kräuter ins Wasser, dann
packte sie den verstörten Ariac am Arm und drückte ihn auf einen
Holzstuhl am Feuer.
»Du musst dich auch umziehen, sonst wirst du krank.
Bist du auch verletzt?«
Er schüttelte mechanisch den Kopf und blickte auf
Rijana, die bewegungslos im Bett lag.
»Gib mir deinen Umhang«, verlangte Elsa und zog ihm
seine Kapuze vom Kopf. Als sie die Tätowierungen sah, wich sie
instinktiv zurück.
Ariac hob seine Hände beschwichtigend. »Ich tue
Euch nichts, wirklich, ich kann auch gehen, aber bitte helft
Rijana.««
Elsa nickte beruhigend und entspannte sich ein
wenig. »Entschuldige bitte, ich bin nur erschrocken. Ich habe keine
Vorurteile gegen andere Völker. Ich war nur etwas verwirrt.«
»Solange er kein verfluchter Rotmantel ist, ist mir
alles
lieb«, murmelte die alte Frau und begann Rijanas Arm zu
richten.
Ariac verzog das Gesicht und blickte sie ängstlich
an. Elsa lächelte und reichte ihm eine Tasse mit Kräutertee.
»Muria ist eine der besten Kräuterfrauen, die es
gibt.«
Ariac nickte unsicher und verbrannte sich die Zunge
an dem heißen Tee. Er hustete und merkte plötzlich, wie er
zitterte. Elsa begann in einer Holztruhe zu kramen.
»Du bist zwar größer, als mein Mann es war«, sagte
sie mit einem traurigen Lächeln, »aber die Sachen sind trocken.«
Sie deutete auf den Nebenraum. »Du kannst dich dort
umziehen.«
Ariac zögerte. Er wollte Rijana nicht allein
lassen, aber im Moment war die Kräuterfrau wohl ohnehin noch mit
ihr beschäftigt. Er ging nach drüben und zog sich mit einiger
Anstrengung die Kleider aus. Jetzt, wo Rijana in Sicherheit war,
merkte er erst, was ihm selbst alles wehtat. Er konnte die Arme
kaum hochheben, um sein schmutziges Hemd auszuziehen, und stöhnte
unterdrückt, als er das frische Hemd wieder anziehen wollte.
Elsa kam herüber und schlug eine Hand vor den
Mund.
»Du meine Güte, du bist ja am ganzen Körper grün
und blau.« Ariac, der es nicht schaffte, sein Hemd über den Kopf zu
bekommen, fluchte leise.
»Muria wird sich das nachher ansehen«, versprach
Elsa.
»Nicht nötig«, murmelte er und ließ kraftlos die
Hände sinken.
Elsa kam mit gerunzelter Stirn näher und deutete
auf seine Schulter mit der kaum vernarbten Wunde. »Wurdest du
angeschossen?«
»Das ist schon einige Zeit her«, antwortete er
müde.
Elsa kam lächelnd näher und half ihm das Hemd
anzuziehen, dann stolperte er wieder in den anderen Raum, wo Muria
Rijana gerade eine Flüssigkeit verabreichte.
Leise stöhnend setzte er sich neben Rijana auf den
Boden.
»Was fehlt ihr?«
Muria seufzte. »Sie hat ziemlich viel Blut
verloren, und ihr Arm ist gebrochen. Ob ihr sonst noch etwas fehlt,
kann ich nicht sagen. Ist sie schon mal aufgewacht?«
Ariac nickte und nahm Rijanas Hand in seine.
»Gestern war sie kurz wach, aber ziemlich verwirrt.«
Die alte Frau nickte. »Das wird die Kopfverletzung
sein. Wir werden sehen.«
»Wird sie wieder gesund werden?«, fragte Ariac mit
angsterfüllten Augen.
»Ich möchte nichts versprechen«, antwortete die
Alte. Dann lächelte sie. »Und jetzt sehe ich mir an, was ich für
dich tun kann.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, mir fehlt nichts.
Bitte hilf ihr.«
Muria seufzte. »Im Moment kann ich nicht mehr für
sie tun. Später bekommt sie noch einen Kräutertrunk, dann werden
wir abwarten müssen.«
Ariac schloss kurz die Augen und wehrte sich nicht
einmal mehr, als Muria entschieden sein Hemd hinaufzog. Dann
schüttelte sie missbilligend den Kopf.
»Von wegen, du hast am ganzen Körper
Prellungen.«
Sie rührte eine Kräutercreme an, die sie Ariac auf
den Rücken schmierte. Er stöhnte auf, als sie über die
Abschürfungen und blauen Flecken fuhr.
»Ich hole etwas Stroh, dann kannst du neben ihr
schlafen«, sagte Elsa freundlich.
»Danke«, sagte Ariac erleichtert, ließ Rijana aber
nicht aus den Augen. Er machte sich Sorgen um sie.
Kurz darauf kehrte Elsa mit einem Bündel Stroh und
einigen Decken zurück. Muria gab Rijana noch etwas von dem
Kräutertrank, bevor sie sich verabschiedete, aber nicht ohne
zu versprechen, am nächsten Morgen mit noch einigen anderen
Kräutern zurückzukommen.
Ariac nickte ängstlich. Im Moment machte er sich
nicht einmal Gedanken darüber, ob Muria ihn vielleicht an Scurrs
Soldaten verraten könnte. Er wollte nur, dass Rijana gesund
wurde.
Elsa brachte ihm eine Schale mit Eintopf, die Ariac
kaum beachtete.
»Komm, jetzt iss etwas, ihr nützt es nichts, wenn
du hungerst.«
Ariac seufzte und begann mechanisch den Eintopf zu
löffeln, der ihn endlich von innen aufwärmte. Elsa nickte
zufrieden.
»Was ist euch denn passiert?«
Ohne den Blick von Rijana abzuwenden, erzählte
Ariac von dem Erdbeben und wie sie abgestürzt waren. Die Soldaten
erwähnte er nicht.
»Ja, diese viele Erdbeben in letzter Zeit sind
schlimm«, sagte Elsa bedächtig. »Ganze Dörfer wurden schon
fortgerissen. Ihr hattet Glück.«
Ariac biss sich auf die Lippe und nickte. Dann
streichelte er Rijana über die Wange. »Warum hat es gerade ihr
passieren müssen?«
Elsa legte ihm eine Hand auf den Arm. »Solche Dinge
passieren. Und jetzt schlaf, ich werde auf sie achten.«
Ariac schüttelte den Kopf. Aber irgendwann, als er
auf dem Stroh und den Decken neben Rijanas Bett saß, fielen ihm
doch vor Erschöpfung die Augen zu.
Elsa wusste nicht, was sie von der ganzen Sache
halten sollte. Ein Steppenkrieger, noch dazu mit zwei Schwertern,
und dieses verletzte Mädchen – was taten die beiden hier so weit im
Norden von Errindale?
In der Nacht gab Elsa Rijana noch zweimal von dem
Kräutertrunk. Rijana bekam Fieber, wie Elsa besorgt bemerkte,
aber gegen Morgen war es schon wieder ein wenig gesunken. Auch der
junge Mann wachte im Morgengrauen ruckartig auf und schien für
einen Augenblick nicht zu wissen, wo er war.
Elsa lächelte beruhigend. »Du kannst noch
schlafen.«
Ariac schüttelte den Kopf und setzte sich neben
Rijanas Bett. Er streichelte über Rijanas heiße Stirn und sagte
erschrocken: »Es geht ihr schlechter.«
Elsa nickte traurig. »Muria wird bald hier
sein.«
Ariac nahm Rijanas Hand und streichelte sie
vorsichtig. Elsa beobachtete ihn verwundert. Nach allem, was man
hörte, sollten die Steppenkrieger grausame Wilde sein, aber dieser
junge Mann hier hatte scheinbar fürchterliche Angst um seine
Freundin. Elsa seufzte.
Man soll nicht immer das glauben, was erzählt
wird, dachte sie und bereitete einen Haferbrei zu.
Nachdem es heller geworden war, kam auch Muria bald
zurück. Sie bereitete neue Kräutertränke zu, wechselte Rijanas
Verbände und sagte, dass man jetzt nur noch abwarten könne. Ariac
war verzweifelt und konnte nichts essen. Die ganze Zeit über lief
er unruhig im Zimmer umher, hielt Rijanas Hand oder versuchte, ihr
etwas zu trinken einzuflößen.
»Bitte hilf ihr, ich kann dich bezahlen«, sagte er
am dritten Tag, als Muria kam und Rijana noch immer nicht erwacht
war.
Die alte Frau lächelte traurig. »Manche Dinge kann
man nicht kaufen, junger Steppenkrieger. Ich tue alles, was ich
kann, aber jetzt muss sie selbst kämpfen, und nur du kannst ihr
dabei helfen.« Sie blickte ihm eindringlich in die Augen. »Ich
sehe, dass ihr eine besondere Bindung habt. Ihr gehört
zusammen.«
Ariac nickte und nahm Rijana vorsichtig in den Arm.
In den letzten Tagen hatte er kaum geschlafen. Dunkle Schatten
lagen unter seinen Augen.
Muria schlurfte zu Elsa in die kleine Nebenkammer,
wo diese gerade Gemüse für einen Eintopf zerkleinerte.
»Wie geht es dem Mädchen?«, fragte Elsa leise,
sodass Ariac es nicht hören konnte.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte die Kräuterfrau
ehrlich. »Die Verletzungen sind nicht allzu schlimm, aber sie wacht
einfach nicht auf.«
Elsa nickte besorgt. »Sie ist noch so jung, wohl
kaum erwachsen. Und der junge Mann, der scheint sie wirklich zu
lieben.«
Muria nickte. »Ja, aber die beiden haben ein
Geheimnis.«
»Das glaube ich auch. Aber obwohl er ein
Steppenkrieger ist, scheint er ein guter Mensch zu sein.«
»Das eine schließt das andere nicht aus«, erwiderte
Muria mit einem angedeuteten Grinsen. Sie ging wieder hinüber und
sah, wie sich der junge Mann rasch über die Augen wischte und sich
auf die Lippe biss.
Die alte Frau legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Bleib bei ihr, das spürt sie.«
Ariac nickte und unterdrückte ein Schluchzen. In
seinem Leben hatte er sich noch nie so hilflos gefühlt, nicht
einmal, als er in Ursann in dem Kerkerloch gesessen hatte.
Nach zwei weiteren Tagen war das Fieber endlich
gesunken, und eines Nachts, als Ariac schlaflos auf Rijanas Bett
saß und ihr über die Haare streichelte, öffnete sie ganz plötzlich
die Augen.
Ariac stieß einen heiseren Laut aus und nahm ihre
Hand. »Wie geht es dir?«
Sie blinzelte und brachte ein undeutliches »Durst«
heraus.
Er nickte und hielt ihr einen Becher mit Tee an die
Lippen. Sie versuchte, sich ein wenig aufzurichten, ließ sich dann
jedoch kraftlos wieder zurücksinken.
»Rijana, was ist?«, fragte er erschrocken.
Sie presste die Augen fest zusammen und fragte
dann: »Wo sind wir?«
»In einer Hütte in Errindale. Tut dir etwas
weh?«
Sie schluckte ein paar Mal krampfhaft und nickte
dann. »Mein Kopf.«
Ariac streichelte ihr vorsichtig über die Wange.
»Du bist mit dem Baumstamm abgestürzt. Aber ruh dich aus, und
sprich nicht so viel.«
Rijana nahm seine Hand. »Bleibst du bei mir?«,
murmelte sie.
»Natürlich«, flüsterte er ihr ins Ohr, und ein paar
Tränen der Erleichterung tropften auf ihre Haare.
Etwas später kam Elsa dazu, und Ariac erzählte ihr,
dass Rijana aufgewacht war.
»Das freut mich«, sagte sie ehrlich. »Jetzt geht es
ihr bald wieder gut.«
»Das hoffe ich.« Ariac seufzte und lehnte sich
gegen die alten Holzbretter.
»So, und nun isst du endlich mal anständig«,
verlangte Elsa streng.
Zögernd stand Ariac auf, streichelte Rijana noch
einmal über die Haare und ging dann in den kleinen Anbau, wo er
sich an den Tisch setzte. Elsa gab ihm eine Schüssel mit Haferbrei
und Früchten, die er diesmal mit mehr Appetit leerte.
»Warum hast du eigentlich keine Angst vor mir?«,
fragte er plötzlich.
Elsa lächelte. »Sollte ich das?«
Ariac hob die Augenbrauen. »Die meisten Menschen
bekommen Panik, wenn sie mich sehen.«
Elsa hob die Schultern. »Ich weiß nicht. Ich habe
das Gefühl, dass die Welt sich ändert. Früher dachte ich, die
Soldaten aus Camasann sind ehrenvoll und beschützen uns, aber das
tun sie nicht. Scurrs Soldaten haben alles unter Kontrolle, Orks
treiben sich in unserem Land herum, und Gronsdale,
mit dem wir eigentlich befreundet waren, führt Krieg gegen
uns.«
Ariac zog die Augenbrauen zusammen. »Die Krieger
aus Camasann helfen euch nicht?«
Elsa schüttelte den Kopf. »Nein, seit einigen
Jahren nicht mehr. Wie du siehst, ändert sich alles, und warum soll
ich mich da über einen jungen Steppenkrieger wundern, der sich so
rührend um sein Mädchen kümmert?« Sie zog die Augenbrauen zusammen.
»Na ja, sie ist ja keine vom Steppenvolk …«
Ariac seufzte. »Rijana ist eine Arrowann geworden,
wir sind verlobt.«
Elsa wirkte überrascht, dann grinste sie. »Wie
gesagt, die Welt ändert sich.«
»Entschuldige, ich habe meinen Namen noch gar nicht
genannt«, fiel ihm plötzlich ein. »Ich heiße Ariac.«
»Das dachte ich mir«, erwiderte Elsa lächelnd.
»Rijana hat im Schlaf deinen Namen gerufen.«
Ariac stützte den Kopf in die Hände, und seine mehr
als schulterlangen Haare fielen ihm vors Gesicht. »Ich hoffe, sie
wird wirklich wieder gesund.«
»Bestimmt«, sagte Elsa beruhigend und erhob sich.
»Ich muss etwas Holz hacken, sonst wird es zu kalt.«
»Das kann ich doch machen«, bot Ariac an.
Elsa nahm sein Angebot gerne an. Als allein lebende
Witwe hatte man es nicht einfach, und die tägliche Arbeit war
schwer.
Er kniete sich noch einmal neben Rijana, aber die
schien fest zu schlafen. Dann ging er hinaus. Überrascht bemerkte
er, dass eine dichte Schneedecke den Boden bedeckte. In der kleinen
Scheune hinter dem Haus hackte er einen großen Berg Holz, der
einige Zeit halten würde. Gerade wollte er zurück zur Hütte gehen,
als er Soldaten sah, die sich langsam näherten. Erschrocken rannte
er hinter den Schuppen und
überlegte hektisch, was er tun sollte. Sein Schwert war in der
Hütte. Was wollten die Soldaten? Hatte Elsa sie etwa doch verraten?
Aber da kam die alte Heilerin herbeigeeilt.
»Los, versteck dich in der Scheune in dem geheimen
Raum.« Sie öffnete eine Klappe im Boden, und Ariac stieg hinunter.
Dort waren Kartoffeln, geräucherter Schinken und Gemüse
gelagert.
»Elsa wird behaupten, Rijana wäre ihre Tochter. Sie
hat eure Schwerter, den Bogen und deine Sachen versteckt. Bleib
hier, bis ich dich hole.«
Ariac nickte nervös. Er musste Muria wohl oder übel
trauen.
Die Soldaten trabten langsam näher. Sie suchten
eine Unterkunft. Auch sie waren von dem Erdbeben überrascht worden.
Einige Zeit hatten sie in den Wäldern nach den Reitern der beiden
Pferde gesucht, die so kopflos an ihnen vorbei nach Süden gestürmt
waren. Dann hatte es zu schneien begonnen, und sie wollten sich
irgendwo aufwärmen, bevor sie zum nördlichen Gebirge ritten. Der
Hauptmann, ein älterer Krieger, der schon seit langem unter König
Scurr diente, ritt zielstrebig auf Elsas Hütte zu und klopfte
heftig an die Tür.
Sie öffnete und verbeugte sich pflichtbewusst vor
ihm. Er schubste sie zur Seite und betrat die kleine, ärmliche
Hütte. Hier hatten seine Männer keinen Platz. Er runzelte
missbilligend die Stirn.
»Wer ist das?«, fragte er und deutete auf
Rijana.
»Meine Tochter, sie wurde bei dem Erdbeben von
einem Baum getroffen, als sie auf der Suche nach Pilzen war.«
Der Soldat hob misstrauisch die Augenbrauen und
begann, die Hütte zu untersuchen. Wie selbstverständlich steckte er
ein paar verschrumpelte Äpfel und Kartoffeln in seine
Taschen.
»Hast du einen Steppenkrieger und ein Mädchen
gesehen?«, fragte er streng.
Elsa schüttelte den Kopf und dachte mit einem Blick
zu Rijana: Aha, ihr werdet also gesucht.
Der Soldat musterte sie bereits eine Weile, als die
Tür aufging und Muria eintrat. Sie verbeugte sich.
»Hoher Besuch aus Ursann.«
Der Soldat blickte sie böse an. »Wer bist
du?«
»Die Heilerin.«
»Ist das Mädchen die Tochter dieser Frau?«, fragte
er und beobachtete Muria genau.
Sie nickte. »Selbstverständlich, was denkt Ihr
denn?«
»Wir suchen einen Steppenkrieger und eine junge
Frau aus Camasann.«
Muria lachte laut auf. »Ein Steppenkrieger, hier?
Du meine Güte, glaubt Ihr wirklich, in diesen Zeiten würden wir
Fremden helfen?« Sie blickte demonstrativ auf seine ausgebeulten
Taschen. »Uns bleibt doch selbst kaum etwas zum Leben.«
Der Soldat zog wütend die Augenbrauen zusammen. Er
wollte gerade gehen, als Rijana sich unruhig bewegte und leise
»Ariac« murmelte.
Der Soldat fuhr herum und beugte sich über sie.
»Was hat sie gesagt?«, fragte er streng.
Elsa hielt die Luft an, aber Muria behielt die
Nerven. »Sie hat nach ihrer Mutter gerufen, Ariann.« Sie winkte
Elsa zu sich. »Na los, geh zu ihr.«
Diese lächelte und beugte sich über Rijana. »Hier
bin ich, mein Kind, keine Angst.« Sie hoffte inständig, dass Rijana
nichts mehr sagen würde, und goss ihr mit zitternden Händen etwas
Kräutertee in den Mund.
»Durchsucht die Scheune hinter dem Haus«, befahl
der Soldat und setzte sich auf einen Stuhl. Rijana war zum Glück
wieder eingeschlafen. Drei Soldaten stapften durch den Schnee
hinter das Haus.
Muria und Elsa warfen sich einen heimlichen Blick
zu.
»Wie heißt das Mädchen?«, fragte der
Hauptmann.
»Elsa«, antwortete Muria. Es war immer besser, so
nah wie möglich an der Wahrheit zu bleiben.
Ariac saß mit zum Zerreißen gespannten Nerven in
seinem Versteck. Sie kennen Rijana nicht, sie haben sie niemals
gesehen, sagte er sich immer wieder.
Plötzlich hörte er Stimmen und Tritte schwerer
Stiefel auf den alten Holzbrettern.
Ariac schloss die Augen und befürchtete, dass jetzt
alles vorbei war. Die Männer schoben verschiedene Geräte und Holz
zur Seite.
»Geht hinauf, auf den Dachboden«, befahl eine
Stimme.
Staub rieselte zu Ariacs Versteck hinab, als ein
Soldat auf die versteckte Klappe trat. Ariac verspürte den
unwiderstehlichen Drang zu niesen. Er hielt sich die Nase zu und
hielt die Luft an – er musste sich jetzt zusammenreißen. Eine ganze
Weile durchsuchten die Soldaten noch alles. Ariac war mittlerweile
der festen Überzeugung, dass sie ihn finden mussten. Doch dann
schienen die Soldaten genug zu haben. Ariac hörte Waffen klappern
und sich entfernende Schritte. Er atmete aus und nieste
unterdrückt.
Die Soldaten kehrten zu der Hütte zurück und
berichteten, dass sie nichts gefunden hatten. Der Hauptmann zog
unbefriedigt die Augenbrauen zusammen. Dann stand er auf und nickte
den beiden Frauen zu.
Er verließ die Hütte, sagte jedoch zu einem seiner
Männer: »Beobachtet die Gegend.« Er selbst ritt die knappe Meile zu
der nächsten kleinen, ähnlich ärmlichen Ansiedlung, klopfte wahllos
an eine der Türen und herrschte einen älteren Mann an: »Kennst du
eine Ariann und eine Elsa?«
Der alte Mann hob eine Hand ans Ohr. »Hä?!«
»Kennst du eine Elsa?«, schrie der Soldat
ungeduldig. Der Alte nickte. »Ja, ja, Elsa, sie wohnt etwas
außerhalb des Dorfes.«
»Aha.« Der Hauptmann nickte. Anscheinend hatte die
Kräuterfrau die Wahrheit gesprochen. Er ließ seine Männer
zurückrufen, und sie ritten weiter nach Norden.
Elsa und Muria warteten noch einige Zeit
angstvoll.
»Geh hinaus und tu so, als ob du Holz holen
würdest«, schlug Muria schließlich vor. »Sie beobachten uns sicher
noch.«
Elsa nickte nervös und ging mit zitternden Beinen
hinaus. Sie öffnete die Klappe, und Ariac sprang heraus.
»Du kannst noch nicht zurück ins Haus gehen, sie
beobachten uns sicher.«
»Ist mit Rijana alles in Ordnung?«, fragte Ariac
besorgt.
»Keine Sorge«, versicherte Elsa. »Warte, bis es
dunkel ist, und komm dann zum hinteren Fenster. Ich werde dich
hineinlassen.«
Ariac hielt Elsas Hand fest. »Danke! Danke, dass du
das für uns tust.«
Elsa lächelte traurig. »Scurrs Männer haben meinen
Mann und meinen Sohn getötet. Wenn ich jemandem helfen kann, den
sie suchen, dann tue ich das.«
»Danke«, sagte Ariac noch einmal und stieg zurück
in den kleinen Raum.
Er wartete, bis es dunkel geworden war, und schlich
dann wie besprochen zum hinteren Fenster der kleinen Hütte. Elsa
öffnete, und er kletterte hinein.
Er setzte sich zu Rijana auf das schmale Bett und
streichelte ihr vorsichtig über die Haare.
»Deine kleine Freundin hätte uns beinahe auffliegen
lassen«, erzählte Muria mit einem faltigen Grinsen.
»Wieso?«, fragte Ariac.
»Sie hat im Schlaf deinen Namen gesagt«, seufzte
Elsa und sagte schnell beruhigend, als sie Ariacs erschrockenes
Gesicht sah: »Muria hat gut reagiert und sehr überzeugend
gelogen.«
Die alte Frau grinste weiterhin breit. »Es gibt
Zeiten, da muss man die Wahrheit sagen, und es gibt Zeiten, zu
denen man sie etwas abändern sollte. Und diesen rotgewandeten
Mördern lüge ich gern ins Gesicht.«
»Danke«, sagte Ariac und gab Rijana einen Kuss auf
die Wange. Dann lächelte er zögernd. »Ich hätte es nicht gedacht,
aber es scheint wirklich noch Menschen zu geben, denen man trauen
kann.«
Die beiden Frauen lächelten ein wenig verlegen.
»Aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Am Ende treiben sie sich
noch in der Gegend herum.«
»Ich werde mich nicht sehen lassen«, versicherte
Ariac.
In diesem Moment schlug Rijana zögernd die Augen
auf und lächelte, als sie Ariac sah. Er gab ihr etwas von dem
Kräutertrank. »Ich bin hier, keine Angst.«
»Geht es dir gut?«, murmelte sie undeutlich.
»Ja, alles in Ordnung.«
Sie wollte scheinbar noch etwas sagen, aber die
Augen fielen ihr zu.
In den folgenden Tagen war Rijana immer wieder für
kurze Zeit wach. Allerdings war sie noch ziemlich schwach, hatte
Kopfschmerzen und wollte nichts essen. Ariac machte sich noch immer
Sorgen um sie, aber Muria versprach, dass Rijana auf dem Weg der
Besserung war.
Mittlerweile bedeckte dichter Schnee den Boden.Von
den Soldaten sah man nichts mehr, sie waren tatsächlich
abgezogen.
»Ihr könnt natürlich den Winter hier verbringen.
Ich habe genügend Vorräte«, bot Elsa eines Tages an, als Rijana
endlich mal wieder aufrecht im Bett saß. »Danke«, sagte Ariac
erleichtert
und streichelte Rijana über die Stirn, die schläfrig an seiner
Schulter lehnte.
»Aber lasst euch nicht zu viel draußen blicken. Im
Winter geht zwar kaum jemand weit vor die Tür, und die Leute sind
alle sehr nett hier, aber es könnte Gerede geben.«
»Natürlich, wir werden aufpassen«, versprach
Ariac.
»Möchtest du noch etwas Suppe, Rijana?«, fragte
Elsa mit einem freundlichen Lächeln.
Rijana schüttelte den Kopf. Sie hatte noch immer
keinen Appetit und war ständig müde.
»Tut dein Kopf weh?«, fragte Ariac besorgt.
Rijana schüttelte den Kopf, obwohl das nicht so
ganz stimmte, und legte sich wieder hin. »Nein, es geht
schon.«
Ariac seufzte und deckte sie zu.
Wie an jedem Tag, kam auch an diesem Abend Muria
vorbei.
»Wird Rijana wirklich wieder ganz gesund?«, fragte
Ariac sofort.
Muria nickte bedächtig. »Ich denke schon, aber sie
hat einen harten Schlag auf den Kopf bekommen, das dauert seine
Zeit. Aber ihr bleibt ja den Winter über sowieso hier, dann kann
sie sich erholen.«
Ariac runzelte die Stirn und hoffte, dass das
wirklich stimmte.
Mitten in der Nacht, Ariac schlief wie immer auf
dem Strohbett neben Rijana, begann die Erde zu beben.
Rijana fuhr erschrocken auf. »Ariac«, rief sie
ängstlich.
Er stand auf und setzte sich neben sie, dann nahm
er sie in den Arm und streichelte sie beruhigend. Er konnte spüren,
wie sie am ganzen Körper zitterte. Es bebte eine lange Zeit, dann
war es endlich vorbei, und Ruhe kehrte wieder ein.
»Es ist vorbei, keine Angst«, sagte er und zog
Rijanas Decke höher.
Sie nickte und drückte sich an ihn.
»Was ist eigentlich aus Lenya und Nawárr
geworden?«, fragte sie plötzlich.
»Das weiß ich leider nicht«, antwortete Ariac
bedauernd. »Sie haben wohl einen ziemlichen Schrecken bekommen und
sind davongelaufen. Aber sie sind klug und werden
zurechtkommen.«
»Das hoffe ich«, antwortete sie und schlang ihre
Arme um Ariacs Oberkörper.
»Danke, dass du bei mir geblieben bist.«
Er zwickte sie empört in die Nase. »Hast du
gedacht, ich hätte dich einfach in die Schlucht stürzen
lassen?«
»Nein, natürlich nicht. Aber ich kann mich kaum
noch an etwas erinnern.«
Ariac erzählte ihr, wie sie beide abgestürzt waren
und er sie schließlich zu Elsas Hütte gebracht hatte.
Ariac wollte sich wieder nach unten legen. Aber
Rijana hielt ihn fest. »Kannst du hierbleiben?«
»Natürlich«, antwortete er, »aber bist du nicht
müde?«
»Doch, schon«, erwiderte sie, »aber es ist schön,
wenn du bei mir bist.«
Ariac lächelte und nahm sie wieder in den
Arm.
In den nächsten Tagen ging es Rijana deutlich
besser. Sie unternahm ihre ersten wackligen Schritte in der kleinen
Hütte und aß ganz langsam wieder normale Portionen. Auch ihre Wunde
am Kopf schloss sich endlich. Ihr gebrochener Arm machte noch
einige Zeit Schwierigkeiten, aber als der zweite Mond nach dem
Unfall vergangen war, konnte sie ihn wieder einigermaßen bewegen.
Elsa kümmerte sich rührend um die beiden und fragte nicht weiter,
wenn sie merkte, dass Rijana und Ariac über bestimmte Dinge nicht
reden wollten. Auch Muria kam hin und wieder vorbei und freute
sich, dass es Rijana so gut ging.
Es war ein bitterkalter, harter Winter. Ariac
musste zweimal
in den Wald gehen und Bäume fällen, damit sie nicht erfroren.
Rijana brachte Ariac das Lesen und Schreiben bei, als es ihr wieder
gut ging. Auch Elsa wollte es erlernen, und so verging die Zeit wie
im Fluge. Sie verbrachten gemütliche Tage am Feuer, während draußen
leise der Schnee vom Himmel rieselte. Hin und wieder bebte jedoch
die Erde. Und jedes Mal war in Rijanas Augen Panik zu sehen. Zum
Glück waren es nur leichtere Beben, sodass keine größeren Schäden
entstanden.
Als der Frühling seine ersten Boten schickte, waren
Rijana und Ariac sogar ein wenig traurig, dass sie Elsa nun
verlassen mussten. Die liebenswürdige Frau war ihnen ans Herz
gewachsen. Ihr schien es ähnlich zu gehen. Als die jungen Leute
ankündigten, dass sie in den nächsten Tagen aufbrechen würden,
standen Elsa Tränen in den Augen.
»Aber seid vorsichtig, wo auch immer ihr hingeht«,
sagte sie und begann, Proviant für die Reise einzupacken.
Rijana trat vor die Tür. Die Sonne des ersten
Frühlingsmondes hatte bereits ein wenig Kraft. Sie war wieder
vollständig genesen. Von ihrer Verletzung sah man nichts mehr, auch
ihren Arm konnte sie wieder normal bewegen. Ariac nahm sie
stürmisch in den Arm.
»Ich bin so froh, dass es dir wieder gut
geht.«
Sie lachte und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
»Das hast du mir in den letzten Monden schon hundertmal
gesagt.«
»Das kann ich nicht oft genug sagen«, erwiderte er
ernst. »Ich hatte wirklich Angst um dich, und ich hätte nicht
gewusst …«
Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. »Ich
lebe noch und hoffe, dass du mich jetzt mit dir kommen lässt, denn
ich wüsste auch nicht, was ich tun soll, wenn dir in Ursann etwas
passiert und ich dir nicht helfen kann.«
Ariac zögerte. Den ganzen Winter lang hatte er
darüber nachgedacht und mit dem Gedanken gespielt, Rijana
vorzuschlagen,
dass sie hier bei Elsa bleiben sollte. Andererseits wusste er
genau, dass sie darauf nicht eingehen würde.
»Wir werden sehen. Wenn es so weit ist, dann werden
wir gemeinsam entscheiden.«
Rijana streckte sich und gab ihm einen Kuss. Das
war zumindest vielversprechender als das, was er im Herbst von sich
gegeben hatte. Die beiden holten ihre Schwerter und begannen, tief
im Wald versteckt, zu trainieren. Ariac beobachtete Rijana genau.
Aber zu seiner Erleichterung hatte sie ihre frühere Kraft wieder
vollständig zurück und kämpfte sehr geschickt.
»Wenn ich das Schwert von Thondra hätte, das mir
gehört, wäre ich noch besser«, sagte er am Schluss
nachdenklich.
Rijana lachte auf. »Ich kenne niemanden, der besser
ist als du. Selbst Falkann und …«
Sie stockte und biss sich auf die Lippe, sie wollte
jetzt nicht an ihre Freunde denken. Ariac nahm sie in den
Arm.
»Du wirst sie wiedersehen.«
Rijana nickte und nahm seine Hand. »Und dann werden
sie dich endlich auch als den anerkennen, der du bist.«
Seine Augen wurden traurig. »Wer bin ich
denn?«
Rijana lächelte ihn an. »Das Beste, was mir jemals
passiert ist. Und jedem, der etwas anderes behauptet, dem breche
ich die Nase.«
Ariac hob sie hoch, und Rijana lachte leise.
»Dann werden wohl in Zukunft sehr viele Menschen
mit gebrochener Nase durch die Länder reisen«, erwiderte er
kritisch.
Rijana boxte ihn in die Seite. »Sei nicht so
pessimistisch. Die Arrowann sind ein wunderbares Volk, und das
werden die Menschen irgendwann erkennen.«
Ariac seufzte. Er konnte sich das nicht
vorstellen.
Nachdem sie sich herzlich bei Elsa und Muria
bedankt hatten, zogen sie mit reichlich Proviant bepackt am
nächsten
Morgen los. Die Frauen winkten ihnen lange hinterher und hofften
inständig, dass es den beiden jungen Leuten gut ergehen
würde.
Rijana und Ariac wanderten in Richtung Westen auf
Catharga zu. Eines Tages lagerten die beiden erschöpft unter einem
überhängenden Felsen, von dem das Wasser tropfte.
»Wie ärgerlich, dass wir keine Pferde haben«,
stellte Ariac fest.
Rijana nickte und zog sich die Decke bis über die
Nase. »Ich hoffe, es geht ihnen gut.«
»Sicher«, sagte Ariac lächelnd. »Die beiden sind
sehr klug und werden bestimmt irgendwo frei und wild über die
Wiesen galoppieren.« Er legte noch einen Ast auf das kleine Feuer.
»In Ursann hätten wir sie ohnehin zurücklassen müssen.«
»Wieso?«, fragte Rijana und knabberte an einem
Apfel herum.
Ariac zog die Augenbrauen zusammen. »Es gibt nur
ganz wenige Wege, auf denen man reiten kann, und die sind streng
bewacht«, erklärte er. »Wir müssen über zackige Felsen und durch
tiefe Schluchten klettern. Es wird nicht einfach werden.« Ariac
wirkte jetzt sehr besorgt.
Rijana lächelte aufmunternd. »Wir schaffen das
schon. Vielleicht können wir ja irgendwo Pferde kaufen oder welche
von Scurrs Männern stehlen?«
»Hmm«, Ariac überlegte, »wir werden sehen.«
Die beiden waren weiter im Norden, als sie zunächst
gedacht hatten. Eines Tages hörten sie ein lautes Donnern und sahen
Möwen und sonstige Seevögel am Himmel kreisen. Rijana und Ariac
liefen auf eine Klippe hinauf und blickten auf das schäumende Meer.
Der Wind nahm einem hier die Luft zum Atmen, die Böen rissen an
ihren Kleidern, aber der Ausblick entschädigte sie für alles. Hohe
Wellen peitschten an den weißen Sandstrand, und Robben lagen träge
in der Sonne.
»Das ist wunderschön!«, rief Rijana
begeistert.
»Ich habe das offene Meer noch nie gesehen«,
bemerkte Ariac nachdenklich, »nur die Meerenge.«
Rijana setzte sich auf einen Felsen. »Auf Camasann
hat es häufig so hohe Wellen gegeben, dann sind wir oft meilenweit
am Strand entlanggaloppiert.«
»Das muss schön gewesen sein«, erwiderte
Ariac.
Rijana nickte und wirkte ein wenig wehmütig, sprang
jedoch gleich wieder auf. »Komm jetzt«, sagte sie, »wir sind wohl
zu weit nach Norden gelaufen.«
Nun hielten die beiden auf das Gebirge zu, das sich
im Westen gegen den Himmel erhob. Es bildete die Grenze zwischen
Catharga und Errindale. Der Aufstieg war schwierig, und jeden Abend
rollten sich Rijana und Ariac zu Tode erschöpft in die Decken, die
Elsa ihnen mitgegeben hatte. An vielen Stellen lag noch Schnee, und
die Bäche waren meist reißend vom vielen Schmelzwasser.
Als der zweite Vollmond des Frühlings am Himmel
stand, hatten die beiden endlich die Seite der Bergkette erreicht,
die zu Catharga gehörte. Man sah in der Ferne bereits die weiten
Grasebenen, die vielen Seen und ganz im Westen, unheilkündend, die
schroffen Berge von Ursann. Aber bis dorthin war es noch ein langer
Weg. Rijana und Ariac liefen einen steilen Berghang hinab. Hier war
wieder viel Wald zu sehen, und sie hatten Glück, denn es gab
reichlich Wild. Plötzlich hob Ariac eine Hand und hielt Rijana
zurück. Er legte einen Finger auf die Lippen und schlich vorsichtig
an den Rand einer Klippe. Rijana folgte ihm, und sie legten sich an
die schroffe Felskante. Unter ihnen, in einem Felskessel, am Rande
der beginnenden Ebenen, war eine große Menge Orks zu sehen. Rijana
und Ariac schätzten die Anzahl der Wesen auf mehr als zweihundert.
Dazu waren dort noch etwa zwanzig Soldaten in roten Umhängen
versammelt, die scheinbar das Training der Orks überwachten.
Rijana blickte Ariac fragend an, aber der wusste
auch nicht,
was das sollte. Plötzlich erstarrte er. In der Mitte des
Felskessels stand eine wohlbekannte Gestalt, die Befehle brüllte.
Unglaublicher Hass wallte in Ariac auf.
»Was ist denn?«, flüsterte Rijana.
Sie erschrak, als er sich zu ihr drehte, seine
Augen waren hasserfüllt.
»Worran«, knurrte er.
»Oh!« Rijana schluckte. Dieser Worran musste ein
grausamer Kerl sein.
»Ich bringe ihn um«, stieß Ariac mühsam beherrscht
hervor.
Rijana packte ihn erschrocken am Arm. »Aber doch
nicht jetzt, da sind viel zu viele Soldaten, und sieh dir die
ganzen Orks an.«
Ariac schnaubte, aber dann schien er sich zu
besinnen.
»Was tun sie mit den Orks, verdammt?«, murmelte er.
»Scurr benutzt Orks zum Training der jungen Soldaten, aber das
hier? Das sieht aus wie eine kleine Armee.«
Rijana beugte sich weiter über den Abhang. Die Orks
waren in Rüstungen gekleidet und prügelten wild aufeinander ein.
Immer wieder musste Worran sie trennen und schrie dabei herrisch
herum. Sie selbst war noch nie einem Ork begegnet, aber die anderen
hatten erzählt, dass diese Wesen sehr stark, wenn auch dumm
waren.
Die beiden blieben über Nacht auf der Klippe, aber
Ariac konnte nicht schlafen. Er machte sich unablässig Gedanken
darüber, was das alles zu bedeuten hatte. Scurr hatte die
nördlichen Länder unter seiner Kontrolle. Aber was sollten die
Orks?
Auch am Morgen waren Soldaten und Orks noch in dem
behelfsmäßigen Lager, und als Rijana und Ariac schließlich
aufbrachen, um sie zu umgehen, sahen sie im letzten Moment noch
eine weitere Gruppe, die sich von Norden her näherte – noch einmal
um die hundert Orks.
»Ich verstehe das nicht«, murmelte Ariac und wirkte
ziemlich besorgt.
Rijana versuchte vergeblich, ihn aufzumuntern, aber
er blieb während des gesamten mühsamen Abstiegs schweigsam.
Als sie die Ebenen von Catharga erreicht hatten,
hielten sie sich möglichst im Wald auf, da sie immer Angst hatten,
entdeckt zu werden. Eines Tages hatten sie Glück und konnten einer
Gruppe von Soldaten zwei Pferde stehlen, während die Männer
betrunken in einem kleinen Hain lagerten. Daher gelangten sie nun
schneller zu den Ausläufern des Gebirges von Ursann. Ariac hatte es
von dieser Seite noch nie gesehen und musste zu seinem Ärger
feststellen, dass die Berge hier beinahe senkrecht in die Höhe
ragten, sodass man sie nicht erklimmen konnte. Die beiden bewegten
sich immer weiter nach Süden auf den steilsten und am markantesten
aufragenden Berg Ursanns zu – den Teufelszahn. Hier hatte vor über
tausend Jahren die letzte Schlacht der Sieben stattgefunden. Ariac
war immer schweigsamer und verschlossener geworden, je mehr sie
sich Ursann genähert hatten. Und als sie auf den riesigen Catharsee
zuritten, wurde auch Rijana unwohl zumute. Was würde sie in Ursann
erwarten?
Es war mittlerweile Frühsommer, die Tage waren lang
und meist warm. Hier in Catharga wehte immer eine frische Brise. In
Ursann würde es bereits wieder stickig und schwül sein.
An diesem Abend lagerten die beiden am nördlichen
Ende des riesigen Sees, der hier von Bäumen und Büschen umgeben
war.
Ariac blickte auf die klare Oberfläche.
»Vor tausend Jahren haben wir schon hier gekämpft.
Ich hätte die Elfen fragen sollen, wer ich war.«
Rijana musste schlucken, auch sie fühlte sich
merkwürdig. Sie konnte sich nicht an ihr früheres Leben erinnern,
nur hin
und wieder kamen ihr Bruchstücke in den Sinn. So wie damals, als
sie erfahren hatte, dass sie eine der Sieben war. Rijana umarmte
Ariac und blickte zu ihm auf.
»Werden wir wieder in einer Schlacht
sterben?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Ariac seufzend und
streichelte ihr über die Haare. »Aber es ist wahrscheinlich.«
Rijana schluckte. »Aber diesmal werden wir
zusammenhalten, dann wird sicher alles gut.«
Ariac sah ein wenig unsicher aus. Selbst wenn es
ihm gelingen würde, die beiden Schwerter von König Scurr zu
stehlen, würden die anderen ihn dann akzeptieren? Oder würden sie
ihn noch immer für einen Verräter und Mörder halten?
»Sie sind alle gute Menschen«, sagte Rijana, die
wohl Ariacs Gedanken gelesen hatte. Sie drückte seine Hand und sah
ihm tief in die Augen. »Sie werden erkennen, dass sie dir trauen
können. Du hast mich gerettet und diesen ekelhaften Flanworn nicht
umgebracht, das weiß ich.«
Ariac nahm sie in den Arm und seufzte. »Du glaubst
mir, aber die anderen sind gegen mich.«
Rijana schüttelte energisch den Kopf. »Sie mögen
dich, das habe ich gespürt. Gut, Falkann hat sie ein wenig
aufgewiegelt, aber der war eben eifersüchtig.«
»Du hast mich einem Königssohn vorgezogen,
eigentlich ist das unglaublich«, sagte Ariac und sah sie liebevoll
an.
Rijana grinste halbherzig und ein wenig
nachdenklich. »Ich mag Falkann, und vielleicht war ich am Anfang
sogar ein wenig verliebt in ihn. Aber ich habe eben erkannt, dass
er nur ein guter Freund für mich ist.« Sie seufzte. »Ich hoffe,
dass er das eines Tages wieder sein wird und mich nicht
hasst.«
»Das wird er sicher nicht«, erwiderte Ariac und
streichelte Rijana über das Gesicht. »Wir müssen in Ursann sehr
vorsichtig sein, und du musst auf mich hören. Wenn ich sage, dass
du irgendwo warten sollst, dann musst du das tun«, verlangte
er eindringlich. »Ich kenne mich hier aus, und ich möchte nicht,
dass dir etwas passiert. Außerdem habe ich beschlossen, allein in
das Schloss von König Scurr zu gehen.«
Rijana schluckte, jetzt wurde es wohl wirklich
ernst. Sie nickte zögernd.
»Aber du darfst kein unnötiges Risiko eingehen.
Wenn du das Schwert nicht bekommst, dann lässt du es bitte sein!«,
verlangte sie nachdrücklich.
Ariac zögerte. Er glaubte nicht, dass die anderen
ihm vertrauen würden, wenn er ihnen keinen Beweis seiner Loyalität
brachte.
»Wir werden sehen«, sagte Ariac.
Sie brauchten zwei weitere Tage, bis sie den See
umrundet hatten. Beide überkam ein merkwürdiges Gefühl, als sie an
diesem Abend unweit des sandigen Ufers Rast machten. Sie sattelten
die Pferde ab und ließen sie frei. Ab hier mussten sie allein
weiterziehen. Ariac kannte einen schmalen Pfad unterhalb des
Teufelszahns, der in die Berge hineinführte. Jetzt trauten sie sich
nicht mehr, ein Feuer zu machen, denn den Schein hätte man bis weit
ins Land hinein sehen können, und Ariac wusste, dass Scurrs Späher
die Grenzen von Ursann bewachten. Von nun an wären sie ständig in
Gefahr.
Ariac fuhr in dieser Nacht aus dem Schlaf hoch. Er
glaubte zu ersticken, konnte sich aber an nichts mehr erinnern.
Rijana stand in der Nähe und hielt Wache. Über dem See war Nebel
aufgezogen, und es herrschte gespenstische Stille. Ariac stand auf
und ging zu Rijana.
»Du hättest noch schlafen können«, sagte sie leise
und drehte sich zu ihm.
»Ich kann nicht mehr schlafen«, erwiderte er.
»Es ist merkwürdig hier, oder?«, fragte Rijana
beinahe unhörbar.
Ariac nickte. Ein komisches Gefühl hatte sich auch
bei ihm
breitgemacht. Plötzlich platschte es leise im Wasser, und beide
fuhren mit erhobenen Schwertern herum. Aber nichts rührte sich
mehr, wahrscheinlich war es nur ein Fisch gewesen.
»Leg dich hin«, sagte Ariac leise. »Du solltest
dich etwas ausruhen.«
Rijana gab ihm einen Kuss und legte sich auf ihre
Decke. Ariac lehnte eine ganze Weile an einem der Felsen. Der Nebel
wurde dichter, und plötzlich sah er eine Gestalt. Sie erschien in
einem merkwürdigen Licht und kam auf ihn zu. Er kniff die Augen
zusammen und dachte zunächst, es wäre Rijana, aber dann bemerkte
er, dass es eine sehr viel größere Frau war, die in fließende
Gewänder gekleidet war. Aus ihren Haaren floss Wasser.
»Rijana«, rief er warnend und ging mit erhobenem
Schwert auf die Gestalt zu.
Eine merkwürdige Stimme hallte in seinem Inneren
wider.
»Leg dein Schwert nieder, ich werde euch nichts
tun.«
Ariac spannte sich an und behielt das Schwert in
der Hand. Die Frau mit den Haaren, die wie fließendes Wasser
wirkten, stellte sich direkt vor ihn.
»Komm mit mir, dann bekommst du das, was du
suchst.«
Er schluckte verkrampft und versuchte Rijana zu
sehen, aber der Nebel war zu dicht.
»Willst du dein Schwert nicht, Dagnar?«, fragte die
Frau mit sanfter Stimme, die wie Wassertropfen perlte.
»Wie nennst du mich?«, fragte er kaum hörbar.
»In deinem früheren Leben war dein Name Dagnar.«
Bevor er es verhindern konnte, legte sich ihre Hand auf seinen Arm,
und er wurde von Erinnerungen durchflutet. Noch einmal sah er die
Schlacht am Teufelszahn in den Ebenen von Catharga. Er sah, wie
Orks, Trolle und andere Wesen der Finsternis alles überfluteten. Er
sah seine Freunde und auch Nariwa. Dann sah er sich selbst in
anderer Gestalt, wie er sein
Schwert in die dunklen Tiefen des Catharsees warf und anschließend
getötet wurde.
Ariac war auf die Knie gesunken und hatte, ohne es
zu merken, sein Schwert aus der Hand gelegt. Er bedeckte die Augen
mit den Händen und schluchzte.
»Warum tust du das?«, fragte er. »Ich bin eine
Sehlja, eine Seenymphe«, erwiderte das Wesen mit sanfter Stimme.
»Ich habe das Schwert für dich bewahrt. Ich wusste, dass du eines
Tages wiederkommen würdest.«
Ariac stand schwankend auf und blickte die Sehlja
verwirrt an.
»Komm mit mir«, sagte sie und winkte ihm zu.
Zögernd und unsicher folgte Ariac ihr. Er blieb bei
Rijana stehen, die auf ihrer Decke schlief, und kniete sich neben
sie.
»Sie schläft, ihr geschieht nichts, die
Nebelgeister werden sie beschützen«, versicherte die
Seenymphe.
»Sie war Nariwa, ich konnte sie damals nicht
retten«, murmelte Ariac verzweifelt und streichelte ihr über das
Gesicht.
»Vielleicht wird es diesmal anders sein«, sagte die
Sehlja, »aber du wirst dein Schwert brauchen.«
Ariac stand widerwillig auf, denn er ließ Rijana
ungern allein. Dann folgte er der Seenymphe, die ins Wasser stieg
und ihm winkte.
»Was soll das?«, fragte er ungehalten.
»Komm mit mir in mein Reich«, verlangte sie.
Ariac warf einen Blick zurück in den Nebel, wo
Rijana lag.
»Du musst wieder lernen zu vertrauen«, sagte die
Seenymphe sanft. »Du bist auf dem richtigen Weg. Höre auf dein
Herz, dann weißt du, was richtig und was falsch ist.«
Ariac schluckte. Er hatte ein gutes Gefühl bei der
Nymphe, aber er konnte einfach nicht über seinen Schatten springen.
Die Sehlja kam wieder auf ihn zu.
»Hätte ich das Mädchen töten wollen, hätte ich es
bereits
getan. Komm mit, Sohn Thondras, du brauchst dein Schwert.« Sie
blickte ihn durchdringend an. »Wie heißt du in diesem Leben?«
»Ariac«, antwortete er kaum hörbar.
Die Sehlja nickte und lächelte, wobei ihre
bläulichen Lippen schneeweiße Zähne entblößten. »Du warst in vielen
Leben ein Steppenkrieger, du bist stark.«
Die Seenymphe packte Ariac an der Hand und zog ihn
mit sich ins Wasser.
Sie tauchte unter, und er schrie noch: »Warte, ich
kann doch nicht …« Aber dann tauchten sie einfach hinab in die
schwarze Tiefe des Catharsees.
Ariac glaubte zu ersticken, aber die Sehlja zog ihn
mit sich hinab in das dunkle, kalte Reich des Sees. Sie drehte sich
zu ihm um und lächelte ihm zu. Er stieß die letzte Luft aus seinen
Lungen, als er merkte, dass er gar nicht zu atmen brauchte.
Seepflanzen wogten um ihn herum, die ein merkwürdiges, fahles Licht
verströmten. Bunte Fische schwammen vorbei, und die Sehlja zog
Ariac bis ganz auf den Grund des Sees. Er konnte es nicht fassen,
aber dort unten, ganz in der Tiefe, war ein uraltes Schloss zu
sehen. Unzählige symmetrisch geformte Türme wie aus weißem Marmor
gefertigt standen dort, so als würde das Schloss noch immer auf
seine Bewohner warten. Ariac staunte, aber die Nymphe zog ihn
weiter mit sich, hinein in einen mächtigen Thronsaal. Auch hier
drinnen wankten Wasserpflanzen in der leichten Strömung. Die Nymphe
hielt auf eine kunstvoll verzierte Truhe zu. Sie bedeutete Ariac
mit einigen Zeichen, näher zu kommen. Nun hatte er Boden unter den
Füßen und lief schwebend und ein wenig schwerfällig auf die Truhe
zu und öffnete sie. Dort lag ein Schwert, das silbern leuchtete und
wie das von Rijana mit kunstvollen Runen verziert war. Als er es
packte, zogen seine vielen früheren Leben wie im Zeitraffer an ihm
vorbei. Dann wurde alles schwarz um ihn.
Ariac erwachte, als er wie von weitem Rijanas
erschrockene Stimme hörte. Sie rüttelte ihn panisch an der Schulter
und schrie unablässig. Er wollte sagen, dass sie aufhören sollte,
aber dann schlug sie ihm hart auf den Rücken, und er spuckte einen
Schwall Wasser aus. Anschließend musste er husten. Dann richtete er
sich mühsam auf.
Rijana war erleichtert. »Ariac, was ist denn nur
los?« Dann stockte sie und deutete mit verwirrtem Blick auf das
Schwert, das er umklammert hielt.
Ariac versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er lag
am Ufer des Sees, die Sonne ging gerade im Osten auf, und er war
klatschnass.
»Unglaublich«, sagte er und fuhr sich durch die
nassen Haare. »Wenn ich dieses Schwert nicht hätte, würde ich
sagen, dass ich einen vollkommen verrückten Traum gehabt habe.« Er
blickte Rijana an, die ihn verwirrt musterte. »Ist mit dir alles in
Ordnung?«
Sie nickte. »Ich habe ganz fest geschlafen, und als
ich aufgewacht bin, da warst du weg. Dann fand ich dich am See und
dachte schon, du wärst ertrunken.«
Ariac schüttelte den Kopf und blickte nachdenklich
auf den dunklen, stillen See hinaus. Anschließend erzählte er ihr
von der Sehlja und was ihm passiert war. Zunächst wirkte Rijana
skeptisch, aber dann berührte sie ehrfürchtig sein Schwert.
»Wahrscheinlich hast du Recht«, sagte sie.
Ariac nickte, dann nahm er ihre Hand. »Mein Name
war damals Dagnar, ich … ich konnte dich nicht retten, sie haben
dich getötet.« In seinen Augen stand Panik.
Rijana nahm ihn in den Arm. »Dann weiß ich endlich,
warum ich mich gleich zu dir hingezogen gefühlt habe. Du hast
sicher alles getan, was du konntest.«
»Aber was ist, wenn es wieder passiert?«, fragte
Ariac und blickte sie verzweifelt an.
»Dann ist es unser Schicksal«, erwiderte sie
traurig, aber kurz darauf lächelte sie wieder. »Ich bin froh, dass
wir uns wiedergefunden haben.«
Ariac nahm sie noch einmal fest in den Arm. Er nahm
sich vor, sehr gut auf sie zu achten.
Anschließend schwang er das Schwert, das wirklich
zu ihm zu gehören schien. Er warf sein altes Schwert in den See,
damit es niemand finden konnte. Dann machten sie sich auf den Weg
in die dunklen, kargen Berge von Ursann. Südlich des Teufelszahns
kletterten sie einen kaum erkennbaren Pfad bergauf. Ariac sah im
letzten Augenblick eine Wache und zog Rijana in einen Felsspalt.
Sie hielten die Luft an und warteten. Der Mann mit dem roten Umhang
lief vorbei, ohne die beiden zu entdecken.
Sie liefen weiterhin bergauf und bemühten sich,
keine Geräusche zu machen. Jedes Mal zuckten sie zusammen, wenn
sich irgendwo ein Stein löste. Über ihren Köpfen kreisten Aasgeier.
Irgendwann wurde der Pfad undeutlicher, und Ariac richtete sich
nach der Sonne. König Scurrs Schloss lag im Süden, sie mussten also
einen Weg durch die Berge finden.
Mehr als einmal retteten ihnen die Umhänge der
Elfen das Leben, denn in dieser kargen und unwirtlichen Gegend fand
man nur wenig Schutz. Mit den Umhängen konnten sich Rijana und
Ariac beinahe perfekt der Umgebung anpassen.Viele Tage stiegen sie
bergauf und bergab, über karge Felsen und durch stachelige Büsche.
Sie hatten zwar genügend Proviant, mussten ihn jedoch einteilen,
denn es gab nur wenig Wild zu jagen, und auch das Wasser wurde
langsam knapp.
An einem Tag trafen die beiden auf zwei
umherstreifende Orks. Die Kreaturen hatten steinerne Keulen dabei
und gingen sofort auf Rijana und Ariac los.
»Pass auf«, rief er, »sie sind dumm, aber kräftig.
Du musst den geeigneten Moment abwarten.«
Rijana nickte, packte ihr Schwert fest und
umtänzelte den
Ork geschmeidig, während dieser versuchte, auf sie einzuschlagen.
Immer wieder brachte sie ihn mit Finten aus dem Gleichgewicht, und
als er schließlich grunzend über einen Stein stolperte, trieb sie
ihm ihr Schwert in den Nacken. Keuchend richtete sie sich auf und
blickte in Ariacs grinsendes Gesicht, der an einem Felsen lehnte,
einen toten Ork zu seinen Füßen.
»Du kämpfst wirklich gut«, sagte er
bewundernd.
Rijana strich sich einige Haarsträhnen aus dem
Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten.
»Hast du die ganze Zeit zugesehen?«, fragte sie
empört.
Ariac nickte und duckte sich, als ein Stein
geflogen kam.
»Du hättest mir helfen können«, schimpfte sie und
zog die Augenbrauen wütend zusammen.
Ariacs Grinsen wurde noch breiter. »Es ist ein
Genuss, dir zuzusehen.«
Rijana schnaubte und verschränkte die Arme vor der
Brust. Ariac kam zu ihr und nahm sie in den Arm.
»Wenn du wirklich in Gefahr gewesen wärst, hätte
ich dir selbstverständlich geholfen, aber du hattest doch alles
unter Kontrolle.«
Sie schüttelte den Kopf, grinste jedoch kurz darauf
schon wieder.
»Das war mein erster Ork.«
»Kompliment«, sagte Ariac und verbeugte sich
leicht. Er betrachtete sein Schwert, das in der Sonne glitzerte.
»Es ist anders, mit diesem magischen Schwert zu kämpfen.«
»Da hast du Recht«, antwortete Rijana und steckte
ihres wieder zurück in die einfache Lederscheide, die sie um ihren
Gürtel trug. »Ohne dieses Schwert hätte ich mit einem Ork wohl mehr
Schwierigkeiten gehabt.«
Es folgten einige heiße und drückend schwüle Tage,
und das, obwohl die heißeste Zeit des Sommers eigentlich noch
bevorstand.
Ariac hatte beinahe vergessen, wie unangenehm es hier in Ursann
war. Rijana keuchte heftig, wenn sie bergauf liefen. Sie hatte das
Gefühl zu ersticken.
An einem dieser stickigen Tage erreichten sie einen
Hügelkamm, und Ariacs Gesicht, das in den letzten Tagen immer
ernster geworden war, je weiter sie nach Ursann eindrangen,
verfinsterte sich noch mehr.
»Naravaack«, erklärte er, und Rijana blickte
schaudernd auf die Überreste einer Burg in dem mit Geröll übersäten
Tal. Die Ruine stand auf einer Anhöhe, auf der überall Soldaten und
auch Orks umherliefen.Vor der Ruine waren jede Menge halb
verwüsteter Gräber zu sehen. Rijana packte Ariac am Arm.
»Komm weiter, das ist vorbei.«
Er blieb noch kurz stehen und dachte an die vielen
furchtbaren Jahre, die er dort verbracht hatte, dann folgte er
Rijana.
Die folgenden Tage wurden immer gefährlicher.
Ständig mussten sich die beiden vor Scurrs Blutroten Schatten
verstecken, die in den Bergen umherzogen. Auch eine ungewöhnlich
große Anzahl Orks war unterwegs, viele in Rüstungen und mit
Schwertern.
»Verdammt, jetzt nimmt er sogar schon Orks in
seinen Dienst«, schimpfte Ariac, als sie sich gerade hinter einem
Felsen versteckt hatten und einen Trupp von etwa fünfzig stinkenden
Kreaturen beobachteten, die nach Süden zogen.
»Hat er das früher nicht getan?«, fragte Rijana
vorsichtig. In den letzten Tagen war Ariac noch schweigsamer und
nachdenklicher geworden.
»Nein«, erwiderte er knapp. »Nur zum
Training.«
Die beiden warteten, bis der Trupp vorbei war. Sie
traten hinter dem Felsen hervor und wollten schon weitergehen, als
plötzlich ein Nachzügler vor ihnen stand und grunzte.
Rijana und Ariac stellten sich nebeneinander und
zogen
ihre Waffen. Der Ork schwang sein hässliches, schartiges Schwert
und stürmte auf die beiden los. Er schlug hart zu und kämpfte
ungewöhnlich gut für einen Ork, aber für Rijana und Ariac mit ihren
magischen Schwertern stellte er keine ernsthafte Bedrohung dar.
Bald lag er in seinem eigenen Blut am Boden. Sie zerrten ihn hinter
einen Dornenbusch und erstarrten, als plötzlich zwei Zwerge über
ihnen standen. Einer hatte eine Axt, der andere einen kunstvoll
geschmiedeten Kriegshammer, den er drohend erhoben hatte.
»Lasst eure Waffen stecken«, sagte der eine Zwerg,
der grau-blonde Haare hatte und einen Helm trug.
Ariac schob sein Schwert seufzend zurück, behielt
jedoch die Hand am Knauf.
»Was tut ihr hier?«, fragte der Zwerg.
»Das Gleiche könnten wir euch fragen«, erwiderte
Ariac mit finsterem Gesichtsausdruck.
Der Zwerg schnaubte und redete in der
Zwergensprache auf den zweiten Zwerg ein, der pechschwarze, lockige
Haare hatte. »Warum habt ihr den Ork getötet?«, fragte der blonde
Zwerg mit gerunzelter Stirn.
»Orks gehören nicht zu unseren besten Freunden«,
gab Ariac sarkastisch zurück.
Rijana zog ihre Kapuze herunter. »Wir sind Feinde
der Orks, und ich denke, das seid ihr auch.«
Die Zwerge blickten sich überrascht an. »Ein
Mädchen? Ein Mädchen und ein Steppenkrieger mitten in Ursann. Was
hat das zu bedeuten?«
»Zwerge gehören auch nicht gerade zu den
gewöhnlichen Bewohnern Ursanns, oder?«, fragte Ariac
schneidend.
Rijana stieß ihn in die Seite, dann überzog sich
ihr Gesicht mit einem Lächeln. »Wir kennen einen eurer Verwandten,
Bocan. Er hat gesagt, wenn wir in Schwierigkeiten sind, dann sollen
wir seinen Namen nennen. Jeder Zwerg würde uns helfen.«
»Bocan?«, fragte der Schwarzhaarige
ungläubig.
Ariac schnaubte. »Ich wusste gleich, dass man einem
Zwerg nicht trauen kann, wahrscheinlich ist er gar nicht der Sohn
des Zwergenkönigs.«
Beide Zwerge stießen einen empörten Schrei aus und
kamen mit wütenden Gesichtern auf Ariac zu.
»Natürlich ist Bocan der Sohn des Zwergenkönigs!«,
knurrte der eine und schwang drohend seinen Hammer.
Ariac zog sein Schwert, und sein Gesicht spannte
sich an. Aber Rijana trat zwischen die beiden.
»Jetzt hört doch auf. Wie es aussieht, stehen wir
auf der gleichen Seite.«
Der blonde Zwerg spuckte auf den Boden, senkte
jedoch seine Waffe.
»Ich heiße Rijana, und das ist mein Gefährte
Ariac«, lenkte Rijana ein.
»Breor«, knurrte der grau-blonde Zwerg, »mein
Freund heißt Roock.«
Der Zwerg mit den schwarzen Haaren und dem
schwarzen Bart deutete eine Verbeugung an und zwinkerte Rijana zu.
Anscheinend war er der Umgänglichere.
»Was tut ihr hier?«, fragte sie freundlich und bot
den beiden ein Stück geräucherten Schinken an, was ihre Gesichter
noch etwas freundlicher machte.
»Wir haben ein paar dieser grässlichen Orks
verfolgt, die einige unseres Volkes in den nördlichen Bergen
getötet haben«, knurrte Breor, und Roock nickte wütend.
»Ihr kämpft gut, für Menschen zumindest. Wo wollt
ihr hin?«, fragte Roock.
»Das geht euch nichts an«, knurrte Ariac
düster.
»Zum Schloss von König Scurr«, antwortete Rijana,
die glaubte, dass sie den Zwergen trauen konnte.
»Zu König Scurr?«, fragte Roock entsetzt und legte
eine Hand zurück auf seine Axt.
Rijana nickte und sagte beruhigend: »Wir sind gegen
ihn, wir haben nur eine Aufgabe zu erfüllen, aber darüber können
wir nicht sprechen.«
Ariac war nicht sehr begeistert darüber, dass
Rijana alles verriet, aber sie lächelte ihm beruhigend zu.
Breor fuhr sich durch den dichten Bart, der sein
ganzes Gesicht bedeckte.
»Das schafft ihr niemals. Wir sind schon einige
Zeit in diesen Bergen, und rund um das Schloss wimmelt es von Orks,
Trollen und Soldaten.«
»Wir schaffen das schon«, sagte Ariac
unbeirrt.
Die Zwerge blickten sich kurz an und nickten sich
anschließend einstimmig zu.
»Also, wenn Bocan gesagt hat, dass ihr die Zwerge
um Hilfe bitten dürft, dann werden wir euch helfen.«
»Wie wollt …«, begann Ariac misstrauisch, aber
Rijana unterbrach ihn.
»Lass sie ausreden!«
»Vielen Dank, junge Lady«, sagte Roock und
verbeugte sich leicht. »Also, durch die Berge kommt ihr nicht, da
erwischen sie euch auf jeden Fall. Aber wir können euch unter der
Erde hindurch bis kurz vor König Scurrs Schloss führen.«
»Unter der Erde?«, fragte Ariac überrascht.
Roock nickte. »Vor vielen tausend Jahren war Ursann
Zwergenland. Viele der alten Stollen existieren noch, nicht einmal
Scurr kennt sie.«
Rijana und Ariac blickten sich überrascht an, das
hatten sie nicht gewusst.
»Es ist schon sehr lange her, viel länger, als wir
beide leben«, sagte Roock freundlich.
»Aber passen wir da hindurch?«, fragte Rijana
unsicher. »Ich meine, weil wir größer sind als ihr.«
Roock grinste und nickte anschließend. »Die meisten
der
Gänge sind hoch genug, dass du hindurchpasst.« Er blickte ein
wenig zweifelnd auf Ariac. »Nun gut, dein Freund muss vielleicht
ein wenig den Kopf einziehen.«
Ariac beobachtete die ganze Szene ein wenig
skeptisch. Sein altes Misstrauen gegen alles und jeden flammte
wieder auf, ganz besonders, da er hier in Ursann war.
»Ich weiß nicht, Rijana«, bemerkte er mit
gerunzelter Stirn.
»Wir müssen kurz allein reden«, sagte sie zu den
Zwergen, die sich grummelnd abwendeten.
Rijana zog Ariac ein wenig abseits. »Das ist eine
gute Gelegenheit«, sagte sie. »Du hast selbst gesagt, dass es
schwierig werden wird, bis zum Schloss zu kommen.«
»Ja, schon«, begann er und fuhr sich durch die
Haare, die er hinten zusammengebunden hatte. »Aber wir sind hier in
Ursann, da kann man niemandem trauen.«
Rijana packte ihn am Arm. »Aber die Zwerge haben
doch nur Orks verfolgt.«
»Und wenn das nicht stimmt?«, fragte er
misstrauisch.
»Meinst du, sie sind mit Scurr verbündet?«
Ariac zuckte die Achseln und machte ein
verschlossenes Gesicht.
»Warum haben sie uns dann nicht gleich
umgebracht?«, versuchte es Rijana.
»Was weiß ich«, erwiderte Ariac ungehalten.
»Vielleicht lässt er uns suchen, vielleicht hatten sie
Anweisungen.«
Rijana nahm sein Gesicht in ihre Hände und blickte
ihm direkt in die Augen.
»Scurr kann nicht wissen, dass wir zu ihm wollen.
Er würde uns niemals für so verrückt halten, und wir haben mit
niemandem darüber geredet.«
Ariac wollte widersprechen, aber dann entspannte er
sich ein wenig und nickte. »Du hast Recht.«
»Gehen wir mit den Zwergen?«, fragte Rijana
weiter.
Ariac zögerte noch kurz, willigte dann aber ein, es
war wohl wirklich das Beste. Dann meinte er eindringlich: »Aber du
bleibst immer in meiner Nähe. Wir müssen wachsam sein.«
Rijana lächelte und drückte ihm einen Kuss auf die
Wange. »Natürlich.«
Dann ging sie auf die Zwerge zu und berichtete,
dass sie beschlossen hatten, ihr Angebot anzunehmen. Ariac folgte
etwas langsamer und wirkte nicht ganz glücklich mit dieser
Entscheidung.
Die Zwerge führten ihre neuen menschlichen
Gefährten ein gutes Stück in ein Tal hinab. Sie versteckten sich
vor einem Trupp berittener Soldaten, dann hielten Roock und Breor
auf eine Felswand zu. Mit einiger Anstrengung rollten sie einen
dicken Felsblock fort, hinter dem sich ein dunkles Loch
auftat.
»Na los, kommt«, drängte Breor, »bevor noch mehr
dieser Rotmäntel auftauchen.«
Rijana warf einen unsicheren Blick auf Ariac.
Plötzlich war ihr doch nicht ganz so wohl bei der Sache, unter der
Erde zu reisen. Er hielt sie zurück und folgte den beiden Zwergen
als Erster in die Finsternis. Schon nach wenigen Schritten sah man
überhaupt nichts mehr. Ariac bekam Beklemmungen. Die Gänge waren so
eng und niedrig, dass er kaum aufrecht stehen konnte. Er erinnerte
sich an die Zeit, als Worran ihn immer in das dunkle Loch gesteckt
hatte.
»Ariac, was ist?«, fragte Rijana von hinten.
Er schloss kurz die Augen und atmete tief durch.
Ariac hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
»Kommt schon«, rief Roock von weiter vorn. »Hier
wird es heller.«
Ariac riss sich zusammen und stolperte weiter
voran, wobei er sich mit beiden Händen an den Wänden abstützte.
»Wir wissen, dass ihr Menschen euch hier unten nicht wohlfühlt,
aber einige dieser Gänge sind etwas breiter.«
»Das hoffe ich«, knurrte Ariac und stieß sich den
Kopf an, als er sich ein wenig strecken wollte.
Es ging eine ganze Zeit lang geradeaus. Irgendwann
hielten die Zwerge in einer kleinen Höhle an. Von den Wänden
tropfte Wasser herunter.
Sie holten ihre Proviantbeutel hervor und begannen
zu essen. Rijana und Ariac setzten sich dicht nebeneinander und
aßen ebenfalls ein wenig Brot und Käse. Anschließend mussten sie
erklären, wie sie Bocan kennen gelernt hatten.
»Ariac hat ihn besiegt«, erzählte Rijana stolz. Ihm
schien das allerdings ein wenig peinlich zu sein.
Die Zwerge blieben mit offenem Mund sitzen. »Du? Du
hast Bocan besiegt?«
Selbst im fahlen Lichtschein wirkten ihre Gesichter
ehrfürchtig.
»Ja, aber was ist denn daran so ungewöhnlich?«,
fragte er ungeduldig.
»Niemand hat Bocan bisher besiegen können. Weder
Orks noch Trolle, noch irgendwelche verfluchten Rotröcke«, erzählte
Breor.
Ariac wickelte sich in seine Decke und schloss die
Augen. »Dann hatte ich wohl Glück.«
Die Zwerge unterhielten sich noch eine Weile leise
miteinander, während sich Rijana an Ariacs Schulter lehnte. Sie
wusste, dass er nicht wirklich schlief.
»Ich hoffe, wir sind hier bald raus«, flüsterte
sie, »ich fühle mich unter der Erde nicht wohl.«
»Das geht mir auch so«, antwortete er seufzend und
legte einen Arm um sie. Die beiden schliefen abwechselnd, obwohl
Rijana nicht glaubte, dass die Zwerge ihnen etwas taten. Aber wenn
sie nicht Wache hielt, würde Ariac es allein tun, und das wollte
sie auch nicht.
Nach einer Zeit erhoben sich die Zwerge ächzend und
drängten weiterzugehen. Ihr Weg führte bergab, bergauf, teilweise
durch hohe, breite Gänge, dann wieder durch so niedrige, dass Ariac
nur mit eingezogenem Kopf laufen konnte. Überall waren schwach
leuchtende Steine zu sehen. Die Zwerge nannten sie »Lichtdiamanten«
und erzählten, dass sie viele Jahrtausende lang Licht
abgaben.
Dann, nach etwa sieben Tagen, stemmten die Zwerge
einen Fels zur Seite und traten in der Dunkelheit einer mondlosen
Nacht vorsichtig ins Freie. Die beiden Menschen atmeten erleichtert
auf und sogen die frische, wenn auch etwas stickige Luft ein. Sie
waren mehr als froh, den engen Gängen entkommen zu sein. Ariac
blickte staunend nach oben. Sie standen direkt unterhalb des
Felsens, auf dem König Scurrs Schloss thronte.
»So, mehr können wir nicht für euch tun«, sagte
Roock ernst.
Rijana lächelte ihn in der Dunkelheit an. »Vielen
Dank, das war sehr nett von euch.«
Die Zwerge verbeugten sich, und Roock sagte
eindringlich: »Aber seid vorsichtig mit diesem König Scurr, was
auch immer ihr vorhabt. Er ist ein Hexer und sehr
gefährlich.«
»Ach was«, winkte Breor ab. »Wenn unser
Steppenfreund hier Bocan besiegt hat, dann ist doch dieses hagere
Gerippe kein Problem, oder?«
Rijana grinste, aber Roock schüttelte den
Kopf.
»Nein, König Scurr ist unheimlich. Er ist von dem
Geist des Hexers Kââr besessen.«
»Das weiß ich«, sagte Ariac ernst, und die Zwerge
blickten ihn überrascht an. Er ging jedoch nicht weiter darauf ein
und sagte: »Vielen Dank, ihr habt uns wirklich sehr
geholfen.«
»Sollen wir auf euch warten?«, fragte Roock besorgt
und zuckte zusammen, als ein Nachtvogel seinen unheimlichen Schrei
ausstieß.
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, wenn wir
erfolgreich waren, werden wir nach Osten über die Berge zurück nach
Catharga reisen.«
Die Zwerge nickten ernst. »Wir wünschen euch viel
Glück.«
Rijana lächelte den beiden beruhigend zu, obwohl
ihr immer unbehaglicher zumute wurde. Jetzt waren sie direkt in
König Scurrs Reichweite.
»Vielleicht solltet ihr ins Donnergebirge ziehen,
dort sammeln sich die Zwerge«, schlug sie vor.
Roock nickte bedächtig und verschwand gemeinsam mit
Breor in dem Felsengang. Rijana und Ariac standen nun allein in der
finsteren Nacht.
»Und was jetzt?«, fragte Rijana schaudernd. Die
Berge strahlten etwas Unheimliches aus.
Ariac blickte in den Nachthimmel. Es war noch Zeit
bis zum Morgengrauen.
»Ich werde ins Schloss gehen.«
Rijana schluckte und packte ihn ängstlich am Arm.
»Ich komme mit, bitte Ariac, ich will nicht allein hier draußen
bleiben.«
Er hatte bereits zu einem Widerspruch angesetzt,
besann sich dann aber eines Besseren, denn hier war es wirklich
gefährlich. Orks, Soldaten und Trolle strichen umher.
»Gut«, gab er seufzend nach. »Wir müssen an der
Mauer hinaufklettern und in eines der Zimmer eindringen, und zwar,
solange es noch dunkel ist.«
Rijana blickte den hohen Felsen hinauf. Schon
allein das Hinaufklettern würde schwierig werden. Aber sie nickte
tapfer und folgte Ariac, der bereits begonnen hatte, den schroffen
und scharfkantigen Fels zu erklimmen.
Es war mühsam, und beide schnitten sich die Hände
auf. Irgendwann standen sie schließlich auf einem winzigen
Felssims, etwa auf halber Höhe zu dem Fenster, in das sie
einsteigen
wollten. Oberhalb von ihnen hörten sie Schritte, sodass sie sich
an den kalten Stein pressten. Es waren die Wachsoldaten, die oben
auf den Zinnen patrouillierten. Ariac deutete nach oben und suchte
immer wieder eine der kleinen Felsspalten. Rijana folgte ihm und
vermied jeden Blick in die Tiefe. Nur ein einziger Fehltritt, und
sie wären tot. Nach einer Weile war Ariac an einem sehr schmalen
Fenster angekommen. Er spähte vorsichtig hinein, aber es war nur
eine alte Rüstkammer. Dann zwängte er sich durch den Spalt und
hielt Rijana die Hand hin, woraufhin sie erleichtert
hineinsprang.
»Du blutest ja«, flüsterte er erschrocken und
deutete auf ihre Hand.
Sie winkte ab und blickte sich in der Kammer um.
Jede Menge uralter und teilweise unbrauchbarer Waffen und Rüstungen
lagen hier herum.
»Ich weiß nicht genau, wo wir sind«, flüsterte
Ariac. »Das Schwert ist in dem großen Thronsaal in einer
Vitrine.«
Rijana hielt die Luft an, als Ariac die Tür einen
Spaltbreit öffnete. Ein wenig Licht fiel herein, bevor sie durch
den Spalt in einen menschenleeren Gang schlüpften. Ariac lief mit
gezogenem Schwert voran, und Rijana folgte ihm. Immer wieder warf
sie Blicke über die Schulter, aber um diese späte Nachtzeit war
kaum jemand unterwegs.
Die Gänge waren zum größten Teil schmal und nur
spärlich beleuchtet. Sie gelangten auf eine Galerie, und Ariac
blickte vorsichtig hinunter, dann nickte er. Ihr Ziel lag zwei
Stockwerke weiter unten. Vorsichtig schlichen sie hinab,
anschließend liefen sie einen beinahe unbeleuchteten Gang entlang.
Plötzlich hörten sie Stimmen, sodass sie sich schnell in eine der
Nischen quetschten.
»Ich werde sie erledigen«, flüsterte Ariac kaum
hörbar. »Wir brauchen unbedingt ihre Umhänge, dann fallen wir nicht
so sehr auf.«
Rijana schluckte schwer, sie hatte Angst. »Pass
auf«, flüsterte sie.
Ariac nickte, und als die beiden Soldaten, die wohl
von der Nachtwache kamen, vorbeigegangen waren, sprang er sie von
hinten an. Der Erste hatte sofort Ariacs Dolch im Hals stecken,
aber auch der andere kam nicht mehr dazu zu schreien, denn Ariac
schlug ihm fast gleichzeitig seinen Schwertknauf über den
Schädel.
»Los, wir ziehen sie in die Nische«, flüsterte
er.
Beide zogen sich mit einigem Widerwillen die
blutroten Mäntel an und die Kapuzen weit ins Gesicht. Dann liefen
sie weiter, achteten jedoch immer wieder auf Schritte und mussten
sich einmal in einem verlassenen Zimmer verstecken, um eine größere
Gruppe vorbeizulassen.
Der Morgen war nicht mehr fern, als sie endlich
eine weitere schmale Wendeltreppe hinunterschlichen und Ariac die
schwere Tür des Thronsaals öffnete. Es war stockdunkel, aber Ariac
fand den Weg zu der Vitrine, in der das letzte der sieben Schwerter
Thondras stand. Gerade wollte er die gläserne Tür öffnen, als er
hörte, wie die Tür zum Thronsaal geöffnet wurde.
»Hinter den Thron, schnell«, rief er Rijana zu. Sie
reagierte instinktiv und ließ sich hinter dem goldenen Thron auf
den Boden sinken. Auch Ariac wollte sich verstecken, aber es war zu
spät. Die große, unheimliche Gestalt von König Scurr stand im
fahlen Licht.
»Was tust du hier?«, fragte er mit seiner
durchdringenden Stimme.
Rijana kniff die Augen zusammen und hielt die Luft
an. Jetzt waren sie verloren.
Ariac blieb mit gesenktem Kopf stehen und legte
eine Hand an den Schwertgriff. Vielleicht konnte er König Scurr
erledigen. Dieser kam langsam und misstrauisch näher. Er entzündete
mit einer Handbewegung sämtliche Fackeln, und
bevor Ariac sein Schwert ziehen konnte, belegte Scurr ihn mit
einem Bann, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte. Der König kam
näher und zog Ariac die Kapuze vom Kopf. Für einen Augenblick
zeichnete sich Überraschung auf dem Gesicht des Königs ab.
»Aha, der verlorene Sohn ist zurückgekehrt«, sagte
er spöttisch.
»Ich bin nicht Euer Sohn«, zischte Ariac, konnte
sich aber nicht bewegen.
Rijana, bleib, wo du bist, flehte er
stumm.
»Warum bist du zurückgekehrt?«, fragte Scurr
gelassen und schlich um Ariac herum wie ein Wolf um seine
Beute.
Ariac spannte den Kiefer an und sagte keinen
Ton.
»Man sagte mir, du seiest zu den anderen
übergelaufen und dann, dann seiest du mit einem Mädchen
geflüchtet.« Scurr packte Ariac plötzlich am Unterkiefer. »Wo ist
sie?«
»Ich habe sie in der Steppe zurückgelassen«, stieß
Ariac hervor.
Scurr schien ihn mit Blicken zu durchbohren und in
sein Innerstes zu blicken, aber Ariac hielt ihm stand.
»Nun gut, du hast schon immer einen merkwürdigen
Sinn für Ehre gehabt«, sagte Scurr und setzte sich in seinen
Thronsessel.
Rijana hielt die Luft an. Sie hatte keine Ahnung,
was sie tun sollte. Sie wollte Ariac helfen, aber sie sah gegen
diesen unheimlichen König keine Chance.
»Ich werde schon noch herausbekommen, was du hier
willst«, sagte König Scurr gelassen und ging nun wieder auf Ariac
zu, fesselte ihn und nahm ihm sein Schwert ab. Er stellte es zu dem
anderen in die Vitrine.
»Sehr schön, jetzt habe ich wieder zwei Schwerter«,
sagte er sarkastisch. Anschließend stopfte er Ariac einen Knebel in
den Mund und löste den Bann. Ariac zappelte, um freizukommen, aber
Scurr versetzte ihm einen magischen Stoß,
sodass er kraftlos zusammensackte. Dann schleppte der König ihn
mit sich aus dem Zimmer.
Rijana lugte vorsichtig hinter dem Thron hervor,
sie war verzweifelt. Was sollte sie jetzt tun? Sie rannte zur Tür
und blickte hinaus. Gerade noch sah sie den Umhang des Königs
hinter der nächsten Biegung verschwinden. Sie schlich, von Nische
zu Nische huschend, hinterher. Der unheimliche Scurr eilte eine
Treppe hinab in einen düsteren Gang. Rijana hatte Panik, die beiden
aus dem Blick zu verlieren, aber sie traute sich auch nicht, zu
nahe heranzugehen.
Endlos lief sie bergab. Schließlich hielt Scurr an
einer uralten Holztür an, vor der eine Wache stand.
»Das ist unser alter Freund aus der Steppe. Wirf
ihn in den Kerker«, befahl Scurr.
Der Wächter lachte gehässig und packte Ariac an den
Haaren. »Es wird mir eine Freude sein.«
Scurr baute sich groß und unheimlich vor dem
Wächter auf. »Lass ihn am Leben, ich muss ihn befragen, und Worran
wird auch noch seinen Spaß mit ihm haben wollen.«
»Das kann ich mir denken«, lachte der
Wächter.
Mit einem Mal drehte sich König Scurr um und wollte
offensichtlich gehen. Rijana rannte panisch den Gang zurück. Im
letzten Augenblick fand sie eine beschädigte Tür, durch die sie
sich in einen alten Verschlag hineinquetschte. Dann hielt sie die
Luft an. Sie hörte, wie sich Scurr näherte und plötzlich innehielt.
Sie glaubte, ihr Herz würde stehen bleiben, und war sich sicher,
dass Scurrs unheimliche Augen genau zu ihr in den Spalt blickten.
Schweißperlen rannen ihren Rücken herunter. Sie wagte nicht zu
atmen. Dann entfernten sich die Schritte, und sie ließ den Kopf
erleichtert auf die Knie sinken – das war gerade noch einmal
gutgegangen.
Rijana dachte nach, was sollte sie jetzt tun? Es
war nur ein Wächter, und vielleicht konnte sie ihn überwältigen.
Aber auf der anderen Seite musste es bald Tag sein, da konnten sie
kaum fliehen. Rijana fasste einen Entschluss. Zuerst wollte sie
sich sicher sein, dass Scurr wirklich fort war. Sie zwängte sich
durch den schmalen Spalt und schlich vorsichtig den Gang zurück.
Ganz am Ende sah sie, wie König Scurr nicht zum Thronsaal, sondern
eine Wendeltreppe hinauflief. Rijana zögerte und wollte in ihr
Versteck zurückkehren, hörte dann aber plötzlich Geräusche. Zwei
Soldaten näherten sich. Rijana quetschte sich hinter einen Torbogen
und hielt die Luft an. Sie hatte Glück, die Männer bemerkten sie
nicht. Rijana wartete einige Herzschläge lang ab, dann trat sie auf
den Gang und lief so schnell sie sich traute den Weg zu dem Kerker
zurück. In dem kleinen Verschlag versteckte sie sich und hoffte,
dass der Tag bald vergehen würde. In der Nacht wollte sie Ariac
befreien.
Rijana hatte keine Möglichkeit, die Zeit zu messen.
Hier unten war es stockdunkel. Irgendwann hörte sie Schritte und
Männer, die miteinander redeten. Sie vermutete, dass gerade ein
Wachwechsel stattfand. Rijana hatte panische Angst. Was hatte der
Wächter mit Ariac gemacht? Würde sie seine Zelle finden? Und konnte
sie den Wächter allein wirklich überwältigen?
Scurr hat gesagt, er soll am Leben gelassen
werden, dachte sie und versuchte, sich zu beruhigen.
Rijana wurde immer unruhiger. War es noch immer
nicht Nacht? Erneut hörte sie Schritte. Sie drückte ihr Ohr an die
morsche Tür.
»Ich soll dich ablösen«, erklang eine kräftige
Stimme.
Der Wächter sagte etwas, was Rijana nicht verstand,
dann sprach wieder der erste Mann.
»So eine verfluchte Scheiße, erst letzte Nacht
Wache auf dem Turm und jetzt hier unten. Es sind doch sowieso kaum
Gefangene da.«
Der Wächter sagte etwas von einem wichtigen
Gefangenen und schlurfte schließlich an Rijanas Verschlag
vorbei.
War es jetzt endlich Nacht? So wie es sich angehört
hatte, war es wahrscheinlich. Sie wartete noch eine Weile und hörte
den neuen Wächter vor sich hin murmeln. Schließlich hielt Rijana es
nicht mehr länger aus. Sie zog ihr Schwert und hielt es griffbereit
unter dem Umhang versteckt in der Hand. Sie quetschte sich durch
den Spalt und spähte vorsichtig um die nächste Biegung. Der Wächter
saß am Boden und trank aus einer Korbflasche, dann rülpste er laut.
Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Dann streckte sie
sich und ging festen Schrittes um die Ecke.
Der Wächter erhob sich und fragte misstrauisch.
»Hey, Kleiner, was willst du hier? Ich habe heute Nacht
Wache.«
Rijana schluckte und lief ohne zu antworten weiter.
Der Wächter fluchte leise.
»Hörst du mich nicht?«
Nun schob Rijana alle Bedenken zur Seite. Sie war
nur noch wenige Schritte entfernt, rannte plötzlich los und rammte
dem überraschten Wächter blitzschnell ihr Schwert in den Bauch. Der
Wachposten starrte sie entsetzt an, stieß einen gurgelnden Laut aus
und kippte nach vorn auf den Boden.
Rijana fühlte sich schlecht, denn sie hatte
gelernt, niemanden ohne einen fairen Kampf zu töten. Aber dann
besann sie sich. Es war nötig gewesen. Sie lehnte den Mann wieder
an die Mauer, wischte das Blut mit seinem Umhang weg und verdeckte
die Wunde. So sah es zumindest auf den ersten Blick so aus, als
würde der Wächter schlafen. Sie nahm ihm den Schlüsselbund aus der
Hand und öffnete mit aller Kraft die schwere Tür. Dann schlüpfte
sie hinein. Es war dunkel. Fluchend ging sie noch einmal hinaus und
holte sich eine Fackel. Ein grobbehauener Gang führte weiter in die
Tiefe. Es stank hier ekelerregend. Hinter einigen vergitterten
Zellen sah man noch die Überreste von Skeletten. Rijana hielt sich
nicht auf und blickte immer wieder rechts und links in die Zellen.
Wo war Ariac?
Weiter unten zweigte der Gang nach rechts und links
ab. Rijana erfasste die Panik, sie musste sich beeilen. Schließlich
entschied sie sich für den rechten Gang. Hier waren die Türen
verschlossen. Hektisch steckte sie einen Schlüssel ins Schloss und
öffnete. An der Wand, in eiserne Ketten gehängt, erblickte sie die
Reste eines halb verwesten Mannes. Sie würgte und schloss die Tür
rasch wieder. Weitere Türen kamen, die jedoch alle nicht
verschlossen waren. Rijana spürte, wie sich Panik in ihr
breitmachte. Wie sollte sie Ariac hier unten jemals finden?
Schließlich lief sie in den anderen Gang, steckte wahllos einen
Schlüssel ins Schloss und sah eine gefesselte Gestalt am Boden
liegen.
»Ariac?«, fragte sie vorsichtig.
Sie hörte ein leises Stöhnen, und tatsächlich – es
war Ariac. Erleichtert rannte sie zu ihm und schnitt die Fesseln
durch. Im Licht der Fackeln sah sie, dass er grün und blau im
Gesicht war und sein eines Auge kaum aufbekam. Aber er lächelte
erleichtert, als er sich aufrichtete.
»Wo kommst du denn her?«, fragte er
undeutlich.
»Kannst du laufen?«, fragte sie. »Wir müssen uns
beeilen.«
Ariac nickte und schwankte zur Tür. Der Wächter
hatte ihn zusammengeschlagen und getreten, aber es waren wohl nur
Prellungen. Rijana betrachtete ihn ängstlich, aber er nahm sie
beruhigend in den Arm.
»Komm, es ist nicht schlimm.«
Sie rannten den Gang hinauf, und Ariac öffnete die
Tür. Als er den Wächter sah, zuckte er zurück.
»Er ist tot«, sagte Rijana einfach.
Ariac nickte, dann liefen sie den Gang
hinauf.
»Du bist unglaublich«, sagte Ariac grinsend, was
etwas verzerrt wirkte mit dem geschwollenen Gesicht und der
aufgeplatzten Lippe.
»Kennst du den Weg nach draußen?«, fragte Rijana
ängstlich.
Ariac nickte. »Wir schlagen im Thronsaal ein
Fenster ein. Dann können wir auch die Schwerter mitnehmen und nach
unten klettern. Es ist nicht ganz so weit wie der Weg, den wir
gestern genommen haben.«
»Aber wenn wir wieder erwischt werden«, flüsterte
Rijana ängstlich, und Ariac sah die Angst in ihren Augen.
Er drückte ihre Hand. »Deswegen sind wir
hergekommen. Ich muss die Schwerter mitnehmen. Du wartest kurz,
während ich einen Blick in den Saal werfe.«
Rijana nickte nervös. Sie schlichen zum Thronsaal,
der leer war, und stellten von innen eine Truhe gegen die Tür. Dann
holte Ariac rasch die Schwerter heraus, wickelte sie in ein Stück
Vorhang, das er von der Wand riss, und band sie sich auf den
Rücken. Anschließend schlug er ein Fenster ein. Bei dem Geräusch
zuckten beide zusammen und hielten gespannt die Luft an, aber es
geschah nichts. Dann befestigte Ariac den Vorhang an einer Säule
und kletterte als Erster hinaus.
»Sei vorsichtig«, flüsterte er.
Rijana nickte und sah ihn in der Finsternis
verschwinden. Heute war Neumond, was von Vorteil war, denn sie
würden nicht gleich gesehen werden. Rijana kletterte nun ebenfalls
hinaus und ließ sich an den Mauern des Schlosses hinab. Irgendwann
war der Vorhang zu Ende.
»Hier ist ein kleiner Felsgrat«, flüsterte Ariac
von unten. »Wir müssen jetzt klettern. Pass auf, wo du hinsteigst,
und wickle dir Stoff um die Hände.«
»In Ordnung«, rief Rijana leise hinunter und
tastete sich Schritt für Schritt voran.
Irgendwann hörte sie, wie Ariac auf den Boden
sprang. Rijana wollte ihm gerade folgen, als sie plötzlich
Kampflärm, einen unterdrückten Schrei und das Geräusch eines
Körpers hörte, der auf den Boden fiel. Sie hielt die Luft an, aber
dann hörte sie Ariacs Stimme.
»Alles in Ordnung, spring herunter.«
Sie atmete erleichtert aus und sprang auf den
felsigen Boden.
»Ein Wächter«, erklärte Ariac und deutete auf den
toten Mann. Anschließend deutete er in Richtung Osten, wo sich ganz
zögernd das Morgenrot ankündigte.
»Wir müssen so weit wie möglich vom Schloss weg,
solange es noch nicht hell ist.«
Rijana nickte nervös, und Ariac nahm sie an der
Hand. Gemeinsam liefen sie auf den nächsten Berg zu. Ariac blickte
sich immer wieder hektisch um, blieb stehen und lauschte. Als er
die Tritte von schweren Stiefeln hörte, drückte er Rijana in eine
Felsspalte und quetschte sich neben sie. Schemenhaft sahen sie eine
Gruppe Orks, gefolgt von Soldaten, vorbeilaufen.
»Scurr hat mir den Bogen und meinen Dolch
abgenommen«, flüsterte Ariac.
Rijana nickte und blickte ängstlich nach draußen,
aber jetzt schien es still zu sein. Ariac nahm sie in den Arm und
gab ihr einen Kuss.
»Du warst sehr mutig.«
Sie biss sich auf die Lippe. »Ich hatte Angst, dass
er dich umbringt.«
»Das hätte er nicht«, erwiderte Ariac mit
gerunzelter Stirn. »Zumindest so lange nicht, bis er das aus mir
herausbekommen hätte, was er wissen wollte.«
Rijana fuhr ihm vorsichtig über die Schwellung an
seiner Schläfe.
»Wir haben nicht mal Kräuter.«
Ariac nahm beruhigend ihre Hand. »Das ist nicht so
schlimm. Hast du deinen Proviant noch?«
Rijana nickte und wollte ihn herausholen, aber er
schüttelte den Kopf. »Nein, nicht jetzt, wir müssen weiter.«
Vorsichtig spähte er aus der Felsspalte hervor und
winkte
Rijana ihm zu folgen. Den Rest der Nacht eilten sie bergauf, auf
den nächsten Hügelkamm. Immer wieder hörten sie Geräusche von
Soldaten oder Orks in der Nähe, aber sie waren meist weit entfernt.
Doch dann, als die Sonne bereits aufgegangen war, erschallte ein
dröhnendes Horn. Ariac zuckte zusammen, und Rijana blickte ihn
ängstlich an.
»Jetzt wissen sie, dass ich geflohen bin«, sagte
Ariac und rannte los, immer in Richtung Süden.
Die beiden machten kaum eine Rast, versuchten so
gut wie möglich in Deckung zu gehen und hielten nur kurz an, um
etwas zu trinken. Als Ariac auf einen hohen Felsen stieg und nach
Westen blickte, sah er, dass die Täler und Hügel unter ihnen mit
Orks und Soldaten überschwemmt waren.
Er packte Rijana an der Hand, die heftig atmend an
einem Felsen lehnte.
»Los, weiter«, verlangte er.
Die beiden hasteten weiter, bis ihnen die Lungen
brannten. Als es dunkel wurde, hielten sie ganz kurz an, holten
Proviant hervor und aßen im Gehen. Auch in der Nacht marschierten
sie weiter. Immer wieder hörte man Hörner und hin und wieder auch
Rufe.
»Kannst du noch?«, keuchte Ariac besorgt.
Rijana nickte, obwohl sie das Gefühl hatte, dass
ihre Beine gleich unter ihr zusammenbrechen würden. Aber sie hatte
keine andere Wahl, als weiterzulaufen. Am Morgen hatten sie eine
weitere Hügelkuppe erklommen und eilten durch ein felsiges Tal auf
den nächsten Hügel zu. Ariac kannte sich hier aus. Die Berge, die
die Grenze zu Catharga bildeten, waren höchstens noch vier Tage
entfernt. Sie hatten also bereits einen guten Vorsprung. Die beiden
hielten gerade auf einen Hügel zu, als plötzlich links von ihnen
eine Gruppe Orks aus dem Gebüsch heraussprang.
»Los, lauf dort hinauf«, stieß Ariac hervor und
deutete auf
den Hügel. »Wir treffen uns dort, wo ein einzelner gezackter
Felsen heraussticht. Ich lenke die Orks ab.«
Rijana zögerte.
Ariac nickte ihr eindringlich zu. »Na los, ich
komme nach.«
Schließlich rannte sie in die Richtung, die Ariac
ihr beschrieben hatte. Er selbst lief nach Norden. Die Orks
grunzten und folgten ihm. Ariac schlug den ersten Ork kampfunfähig,
entriss ihm seinen hässlichen, knarrenden Bogen und schoss auf die
anderen. Diese hielten kurz inne, als einige ihrer Kumpane mit
Pfeilen gespickt wurden. Dann stürmte Ariac einen Hügel hinauf und
schlängelte sich im Zickzack durch die Felsen. Die Orks konnten ihm
nicht folgen.
Rijana eilte den Berg hinauf und erblickte
erleichtert den Felsen, den Ariac ihr beschrieben hatte, als sich
plötzlich etwas von hinten auf sie warf. Rijana schrie, stieß dem
Soldaten den Ellbogen in den Magen und stand blitzschnell wieder
auf. Sie packte ihr Schwert fester und wandte sich den nächsten
Angreifern zu. Die Männer waren gut ausgebildet und grausam im
Kampf, aber Rijana war eine der Sieben. Geschickt und elegant
schlug sie zu und hielt die Männer eine Weile in Schach. Beinahe
glaubte sie schon, sich den Weg freikämpfen zu können, denn es
lagen bereits fünf tote Männer am Boden, doch dann stürzten weitere
zehn auf sie zu und konnten sie schließlich überwältigen.
»Ja, was haben wir denn da?«, fragte einer der
Soldaten grinsend. Er riss ihr den roten Umhang herunter und
deutete kopfschüttelnd auf den Elfenumhang. »Eine Kriegerin aus
Camasann, die sich als eine von uns ausgibt.«
Rijana schlug um sich, um freizukommen, aber der
Soldat schlug ihr brutal ins Gesicht.
»König Scurr wird sich freuen«, sagte er hämisch
grinsend und stieß zweimal in sein Horn.
Ariac rannte zu dem aufragenden Felsen und hielt
sich keuchend fest.
»Rijana!«, rief er leise. Aber er bekam keine
Antwort. Er suchte die ganze Umgebung ab, aber sie war nirgends zu
finden.
Sie müsste doch schon hier sein, dachte er
verzweifelt.
Kurz darauf hörte er eine mächtige Stimme durch die
Berge hallen – König Scurr.
»Ich habe dein Mädchen. Komm her und ergib dich,
sonst bringe ich sie um.«
Ariac schloss verzweifelt die Augen. Scurr hatte
Rijana, jetzt war alles aus.
Ariac dachte nach. Vielleicht konnte er zumindest
ihr die Flucht ermöglichen. Er schnallte sein Schwert ab und
versteckte es zusammen mit dem anderen in einer Felsspalte. Dann
folgte er dem Klang der Hörner, die immer wieder aus einer
bestimmten Richtung ertönten. Er stieg auf einen Hügel und sah in
einem engen Tal König Scurr neben Rijana stehen, die an einen
Felsen gebunden war.
In Ariac kochte Wut und Verzweiflung auf. Wie
sollte er sie nur befreien?
»Komm schon, Ariac«, rief König Scurr, und seine
Stimme hallte drohend laut von den Bergen wider. »Du bist doch
einer von uns. Komm her, dann lass ich die Kleine frei.«
»Nein!«, rief Rijana. »Er lügt!«
Ariac sah, wie König Scurr den Kopf schüttelte und
Rijana einen Dolch an die Kehle hielt.
»Man sagt nicht so etwas über den mächtigsten König
aller Zeiten.«
Rijana spuckte ihm ins Gesicht, und Scurr verpasste
ihr eine Ohrfeige. Ariac zog den Orkbogen auf und schickte einen
Pfeil in den Talkessel. Mit Genugtuung sah er, wie König Scurr
zusammenzuckte, als der Pfeil seinen linken Arm streifte.
»Ich komme«, rief Ariac.
Er kam mit hocherhobenen Händen den Berg herunter.
Außer König Scurr sah er nur zwei Soldaten, aber er wusste, dass
weitere in den Bergen versteckt waren.
Als er näher kam, sah er, wie Rijana den Kopf
schüttelte und ihr Tränen übers Gesicht liefen.
»Nicht, Ariac, jetzt bringt er uns beide um.«
König Scurr achtete nicht weiter auf sie, drehte
nur ihr Schwert in seiner Hand herum.
»Du hast mir etwas gestohlen«, sagte Scurr zu
Ariac, der sich vor ihm aufbaute und nur mit größter Anstrengung
Scurrs Blick standhielt. »Was willst du mit den Schwertern?«
Als Ariac nicht antwortete, hielt Scurr Rijana ihr
eigenes Schwert an die Kehle.»Wolltest du dich mit den anderen
verbünden?«, fragte Scurr gelassen.
Ariac schluckte und blickte verzweifelt auf
Rijana.
»Sie werden dich niemals akzeptieren«, sagte Scurr
weiter. »Sie halten dich für einen Verräter und würden dir niemals
vertrauen.«
»Ariac ist kein Verräter«, rief Rijana mutig.
Scurr hob die Augenbrauen und kam nun auf Ariac
zu.
»So, bist du das nicht?« Der König sah Ariac direkt
in die Augen, sodass Ariac ganz seltsam zumute wurde. Schon bald
kamen ihm Gedanken in den Sinn, die er lange verdrängt hatte:
Dieser König war gut, er sagte das Richtige, es war alles ganz
anders.
»Willst du nicht dem mächtigsten aller Könige
dienen?«, fragte Scurr mit seiner charismatischen Stimme und beugte
sich zu Ariac. »Du kannst mein Hauptmann und mein engster Berater
werden.«
Ariac hätte sich am liebsten nur noch in diese
wohltuende Stimme fallen lassen. Alles, was Scurr sagte, klang so
plausibel. Aber dann blickte Ariac auf Rijana, und ihm gelang es,
sich dieser Stimme zu entreißen. Er sprang zurück. Plötzlich wusste
er wieder, was das Richtige war.
»Nein, ich gehöre nicht hierher, ich habe es
niemals getan«, sagte er hasserfüllt.
Scurr wirkte einen Augenblick lang ein wenig
verwundert, weil seine Beschwörung nicht mehr zu wirken schien.
Dann zuckte er jedoch die Achseln. »Nun gut, dann wirst du eben mit
deiner kleinen Freundin gemeinsam sterben.« Scurrs Augen bohrten
sich in die von Ariac. »Es ist gleichgültig, ob du mir dienst oder
nicht. Es ist nur wichtig, dass ihr nicht vereint seid. Irgendwann
werde ich euch alle haben, ob nun im nächsten oder im übernächsten
Leben. Dann werdet ihr alle mir dienen.«
Rijana und Ariac machte diese Vorstellung Angst.
Scurr sprach jetzt mit einer ganz anderen Stimme. Er wirkte noch
furchteinflößender und größer, sodass man beinahe meinen konnte, er
sei von undurchdringlicher Finsternis umgeben – oder vielmehr er
selbst sei die Finsternis. Es sah so aus, als hätte der Geist von
Kââr, dem uralten Zauberer, von ihm Besitz ergriffen.
König Scurr nickte seinen Soldaten zu, die sich
langsam entfernten, dann lief er selbst den Abhang hinauf, was
Ariac wunderte. Scurr hatte ihn nicht einmal fesseln lassen. Ariac
eilte zu Rijana und versuche, ihre Fesseln aufzuknoten.
Scurr stand nun groß und geisterhaft auf dem Hügel
zum Tal und rief: »Ich möchte noch eine gute Vorstellung von dir
sehen, bevor du stirbst.«
Damit warf er Ariac Rijanas Schwert zu, und fast
gleichzeitig strömten Orks die Hänge hinab auf sie zu. Ariac nahm
das Schwert und durchtrennte Rijanas Fesseln. Er schob sie hinter
sich und drehte sich im Kreis. Von fast überall her kamen Orks auf
sie zu, nur ein sehr schmaler Pfad war frei.
»Dort hinauf«, rief Ariac und deutete nach links.
Rijana lief los und Ariac hinter ihr her. Aber schnell änderten die
ersten Orks ihre Richtung und kamen auf die beiden zu. Ariac
kämpfte wie besessen, und Rijana begann Steine auf
die Orks zu werfen. Dann griff sie sich einen dicken Ast und
schlug damit wild um sich. Ariac versuchte so gut wie möglich, die
Orks von Rijana fernzuhalten. Das gelang ihm allerdings kaum, doch
selbst mit nur einem dicken Ast in der Hand schlug sie sich sehr
gut und streckte die Feinde reihenweise nieder.
»Na los, du musst hochklettern!«, schrie er.
Rijana zögerte kurz, rannte dann jedoch los, und
Ariac folgte ihr. Es kamen immer mehr grunzende und schreiende Orks
in den Talkessel. König Scurr lachte höhnisch und
geisterhaft.
Rijana und Ariac wollten gerade den steilen Abhang
hochklettern, als Rijana abrupt stehen blieb. Ariac folgte ihrem
Blick, und was er dort oben sah, ließ ihm das Blut in den Adern
gefrieren. Feuerechsen – mehr als ein Dutzend, und sie kamen direkt
auf sie zu. Erschrocken hielt Ariac Rijana am Arm fest.
»Lass sie nicht in deine Nähe.«
Er deutete in eine Richtung, in der er die
wenigsten Orks vermutete, und die beiden eilten dorthin. Ariac
schlug weitere Orks nieder, Rijana drosch einem großen Ork mit
ihrem Knüppel über den Kopf. Das Wesen stand allerdings immer
wieder auf, und Rijana kämpfte verbissen. Mit dem Mut der
Verzweiflung gelang es ihr schließlich, dem Ork ihren Knüppel ins
Auge zu rammen, sodass er endlich von ihr abließ.
Sie rannte den Berg hinauf. Eine Feuerechse war
hinter ihr her, und Ariac gelang es im letzten Moment, dieser den
Kopf abzuschlagen.
»Los, hoch!«, schrie er, und Rijana lief und
krabbelte den felsigen Abhang hinauf. Ariac drehte sich um, um
gegen einen weiteren Ork zu kämpfen. Rijana hielt inne, aber Ariac
schrie ihr zu: »Los, hinauf, dreh dich nicht um!«
Sie hastete weiter, während Ariac dem Ork den Kopf
von
den Schultern trennte. Eine kleine Feuerechse kam zischend auf ihn
zu. Geschlitzte Augen fixierten ihn, bevor die Echse den Schwanz
drehte, um zuzuschlagen. Ariac sprang im letzten Moment zur Seite
und teilte die Echse in zwei Hälften. Zufrieden sah er, wie die
Orks von den Feuerechsen aufgehalten wurden, die alles auslöschten,
was ihnen in die Quere kam, ob Mensch oder Ork. Ariac stürmte
Rijana hinterher, die schon beinahe oben angekommen war. Etwas
hielt Ariac jedoch plötzlich am Fuß fest. Er trat nach hinten und
traf einen Ork am Kopf. Dieser grunzte nur und stürzte sich erneut
auf ihn. Ariac kämpfte kurze Zeit mit dem Ork, der schließlich in
die Tiefe polterte. Aber auf einmal sah er eine kleine Feuerechse
links von sich, die zum Schlag ansetzte. Ariac warf sich nach
rechts und sah, dass Rijana von oben einen Stein warf, der die
Echse traf. So streifte diese ihn nur am Stiefel. Ariac rappelte
sich auf, aber da traf ihn auch schon der Schwanz einer
ausgewachsenen Echse, und er spürte einen sengenden Schmerz im
Oberschenkel. Instinktiv hieb er mit seinem Schwert nach der
Kreatur und stolperte weiter den Berg hinauf. Oben stand Rijana und
rollte immer wieder Felsbrocken nach unten. Im Talkessel herrschte
heilloses Chaos. Orks kämpften gegen Feuerechsen, und Soldaten
versuchten, sich ihren Weg durch das Getümmel zu bahnen, um Rijana
und Ariac hinterherzueilen. Rijana streckte Ariac erleichtert die
Hand entgegen, sodass er heftig atmend den Rand des Talkessels
erreichte.
»Schnell«, keuchte er und ignorierte den feurigen
Schmerz in seinem Oberschenkel.
Sie rannten auf dem Felsgrat entlang, zu der
Stelle, wo der aufragende Felsen zu sehen war. Ariac holte die
Schwerter hervor und zog sich mit zusammengebissenen Zähnen den
Stachel aus dem Oberschenkel. Der zweite, der von der kleinen
Echse, hatte seinen Stiefel nicht durchdrungen. Er schloss kurz die
Augen und lehnte sich an den Fels.
»Hat dich die Echse erwischt?«, fragte Rijana
erschrocken. Sie hatte solche Wesen noch niemals gesehen.
Ariac nickte und lächelte aufmunternd. »Ja, aber
das macht nichts.«
Es ist nur ein Stachel, redete er sich
selbst ein, vielleicht kann ich zumindest Rijana noch aus den
Bergen herausbringen.
»Schnell, nach Süden«, sagte er und deutete nach
links. Unterwegs riss Ariac immer wieder Blätter des Curuz-Busches
ab und steckte sie in seine Tasche. Als sie kurz anhielten, brach
er einige Dornen ab und presste den Saft auf seine Zunge. Das Zeug
schmeckte ekelhaft, aber es war seine einzige Chance, zumindest
noch einige Tage zu überleben.
Immer wieder hörten die beiden Schreie, Hörner, und
einmal rannte sogar eine Gruppe von Orks direkt oberhalb von ihnen
vorbei. Magische Donnerschläge erfüllten die Berge. Wahrscheinlich
ließ König Scurr nun seine Wut darüber aus, dass ihm Thondras
Kinder entkommen waren.
Ariac ließ sich schwer atmend hinter einen Felsen
sinken.
»Sie wissen, dass wir nach Süden wollen. Wir müssen
nördlich des Passes durch eine Schlucht«, sagte er.
Rijana war erschöpft. Sie gab Ariac etwas von dem
Wasser aus ihrem Trinkschlauch. Er nahm ein paar Blätter, schnitt
seine Hose auf und legte sie auf die Einstichstelle. Dann legte er
einen Verband an.
»Ariac, was ist? Ist es doch gefährlich? Du hast
gesagt, ich soll auf die Echsen aufpassen.«
Er schüttelte den Kopf, obwohl sein Bein wie Feuer
brannte und ihm schwindlig war. »Nur ein Biss wäre gefährlich«, log
er.
Rijana streichelte ihm über das verschwitzte
Gesicht. »Sicher?«
Ariac nickte und erhob sich wieder. Als Rijana
nicht hinsah, drückte er noch einen Dorn aus und presste eine Hand
vor den Mund, um nicht alles gleich wieder auszuspucken.
Bis es Abend wurde, hasteten sie weiter, dann waren
beide so erschöpft, dass sie sich in einer Felsspalte niederlassen
mussten. Ariac keuchte heftig. Sein Kopf dröhnte, und ihm war
schwindlig. Rijana presste die letzten Reste aus dem Wasserschlauch
»Dort unten war ein Rinnsaal«, sagte sie. »Ich hole noch
etwas.«
Ariac war zu kraftlos, um zu widersprechen. Er
holte einen Dorn heraus, schluckte den bitteren Saft und kaute noch
einige Blätter. Er spürte, wie Fieber durch seinen Körper tobte. Er
rollte sich zusammen und presste die Hände auf die Augen.
Als Rijana zurückkam, zeigten die Dornen und
Blätter ihre Wirkung. Das Fieber ließ etwas nach, und sein Kopf
dröhnte nicht mehr ganz so stark.
Dankbar nahm er den Wasserschlauch an.
»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Rijana, als
sie ihn betrachtete. »Du siehst furchtbar aus.«
Ariac trank und hustete. Dann sagte er mit einem
angedeuteten Lächeln: »Du hast auch schon besser ausgesehen.«
Rijana seufzte und band sich die wirren Haare
zusammen. »Du solltest dich bei dem Rinnsal waschen, das Wasser ist
schön kühl«, schlug sie vor.
Mit einiger Anstrengung erhob sich Ariac und
unterdrückte ein Stöhnen. »Du hast Recht, ich werde draußen Wache
halten. Schlaf ein wenig.«
Rijana wickelte sich in ihren Umhang. Ariac
stolperte nach draußen und hielt sein Gesicht unter das angenehm
kühle Wasser. Die Nacht wirkte so ruhig. Er setzte sich auf den
Boden und machte einen neuen Verband. Die Einstichstelle war ein
wenig geschwollen. Dann begann er wieder zu zittern, und heftige
Kopfschmerzen plagten ihn. Ariac hatte nicht mehr genügend Blätter,
er musste neue sammeln. Irgendwann schleppte er sich zu
Rijana.
»Kannst du jetzt Wache halten?«
Sie nickte schläfrig und stolperte nach draußen.
Ariac rollte sich zusammen und schaffte es mit letzter Kraft, ein
paar Blätter in den Mund zu nehmen. Als es langsam hell wurde,
waren die Fieberkrämpfe vorüber. Er erhob sich schwankend und
drückte seinen letzten Dorn aus. Wenig später kam Rijana zurück. Er
brauchte dringend neue Dornen.
»Sollen wir weiter?«, fragte sie und betrachtete
ihn besorgt.
Ariac nickte und lächelte ihr aufmunternd zu. Sie
liefen wieder den ganzen Tag durch die kargen Berge. Im Laufe des
Tages bekam Ariac solche Kopfschmerzen, dass er kaum noch die Augen
offen halten konnte. Dann fand er endlich einen Curuz-Busch, von
dem er schnell einige Blätter abriss und mit dem Schwert Dornen
herunterschnitt. Er nahm gleich den Saft von drei Dornen zu sich,
sodass er sich nach einiger Zeit etwas besser fühlte.
In der Dämmerung hielten sie auf einem kleinen
Hügel an. Rijana verteilte das wenige Brot, das sie noch übrig
hatte. Aber Ariac konnte nichts essen, sein Magen verkrampfte sich
in unregelmäßigen Abständen.
»Du musst etwas essen!«, meinte Rijana besorgt. Sie
merkte schon die ganze Zeit, dass etwas mit ihm nicht
stimmte.
»Später«, presste Ariac hervor. »Im Moment bin ich
zu müde.«
Sie setzte sich neben ihn und streichelte ihm über
das schmutzige Gesicht.
»Was hast du? Dir geht’s doch nicht gut.«
»Nichts«, sagte er beruhigend. »Kannst du heute
zuerst Wache halten?«
Sie nickte besorgt und stellte sich zögernd an den
Rand des Abhangs. Ariac hatte sie noch nie gebeten, als Erste Wache
zu halten, irgendetwas stimmte nicht mit ihm.
Als Rijana fort war, holte Ariac einige Dornen
hervor und presste sie aus, dann legte er sich zusammengekrümmt auf
den Boden. Nach einer kleinen Ewigkeit schlief er schließlich
ein.
Mitten in der Nacht kam Rijana zurück und kniete
sich neben Ariac, der fest schlief. Sie legte ihm eine Hand auf die
Stirn, aber Fieber hatte er nicht. Dann löste sie vorsichtig den
Verband von seinem Bein, konnte in der Dunkelheit aber nicht viel
sehen. Ariac wachte nicht einmal auf, als sie ihm ihren Umhang
überlegte. In dieser Nacht hielt Rijana allein Wache.
Am Morgen fühlte er sich ein wenig besser.
»Warum hast du mich nicht geweckt?«, fragte er
anklagend, als Rijana zurückkam. Sie sah müde aus.
»Weil es dir gestern nicht gut ging. Ist es jetzt
besser?«, fragte sie und umarmte ihn.
Ariac versicherte ihr dies und stand auf. Im Laufe
der nächsten Tage merkte er, dass er nur dann durchhielt, wenn er
in regelmäßigen Abständen mindestens drei Dornen auspresste und
zwischendurch die Blätter kaute. Aber er brauchte immer mehr davon,
und trotzdem wurden die Schmerzen immer schlimmer. Er schaffte es
jedoch, seinen Zustand einigermaßen vor Rijana geheim zu halten.
Sie war selbst so erschöpft, dass sie gar nicht merkte, dass Ariac
häufig kaum die Augen richtig öffnen konnte oder in der Nacht
zusammengekrümmt und mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden
lag.
Am vierten Tag nach dem Angriff der Orks erreichten
sie endlich den Rand einer tiefen Schlucht, durch die ein Fluss
rauschte. Schon einige Zeit hatten sie keine Verfolger mehr
gesehen, blieben aber vorsichtig und bemühten sich, keine Spuren zu
hinterlassen.
»Wir müssen dort hinunter«, sagte Ariac und hielt
sich an einem Felsen fest, um nicht umzukippen.
Rijana seufzte müde und begann, den Berg
hinunterzuklettern. Ariac sah alles nur noch verschwommen, und als
er beinahe unten angekommen war, stolperte er plötzlich und
polterte den Abhang hinunter. Stöhnend blieb er unten liegen und
umklammerte seinen Kopf. Er konnte nicht mehr. Rijana kniete sich
erschrocken neben ihn und nahm ihn in den Arm.
»Hast du dir den Kopf angestoßen?«
Ariac nickte und presste die Augen fest zusammen.
Rijana ließ ihn vorsichtig auf den Boden sinken, schnitt ein Stück
Stoff aus dem Umhang, tauchte es in das kalte Wasser des
Gebirgsflusses und legte es Ariac auf die Stirn.
»Bist du gestolpert?«, fragte Rijana besorgt und
betrachtete ihn genau.
Ariac hustete, dann stand er auf. »Ist schon wieder
gut. Komm, wir müssen durch das Tal.«
Er schlug ein rasches Tempo an, denn er wusste,
dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, und bis Catharga wollte er
Rijana auf jeden Fall begleiten. Zum Glück fand er unterwegs noch
einen Curuz-Busch mit dicken Dornen, die er auspressen konnte. Ein
Fluss strömte durch das felsige Tal, und nach drei weiteren Tagen
ermüdenden Laufens sahen sie, wie er sich an einer schmalen Stelle
durch die Berge wand.
Ariac stand der Schweiß auf der Stirn. Er hatte
schon wieder Fieber bekommen und versuchte, nicht allzu sehr zu
zittern. Rijana lehnte erschöpft und mit halb geschlossenen Augen
an der Felswand.
»Hinter der Öffnung im Fels beginnt Catharga«,
sagte Ariac.
Gewaltsam öffnete Rijana die Augen. Sie blickte auf
den Fluss, der sich seinen Weg durch den Felsen vor ihnen bahnte,
dann die steile Felswand hinauf.
»Müssen wir hinaufklettern?«
»Ich hoffe nicht«, erwiderte Ariac und stolperte
langsam und qualvoll weiter. Er kaute einige Blätter. Nach einer
Weile sahen sie, dass ein sehr schmaler Grat am Rande des Flusses
entlangführte.
»Sollen wir es versuchen?«, fragte Rijana.
Ariac nickte. Er wusste, dass er keinen Aufstieg in
die Berge mehr überstehen würde.
»Ich gehe voran«, sagte er. »Wenn ich drüben bin,
rufe ich.«
Rijana nickte und umarmte ihn. »Sei
vorsichtig.«
So tastete er sich vorsichtig voran, immer am
glitschigen Rand des Felsens entlang. Gischt spritzte empor.
»Ariac, was ist los?«, rief Rijana irgendwann
ängstlich gegen das Toben des Wassers an. Sie sah ihn nicht mehr,
und er war schon seit einer Weile hinter einer Biegung
verschwunden.
Mühsam hangelte Ariac sich an dem Felsgrat entlang
und musste irgendwann kurz Pause machen. Bitte, Thondra, lass
mich Rijana noch bis nach Catharga bringen, flehte er
stumm.
Irgendwann schleppte er sich weiter, und als er
über einen letzten Spalt gesprungen war, fand er sich auf einer
grünen Ebene an der Grenze zu Catharga wieder. Ariac ließ sich auf
den Boden sinken.
»Du kannst kommen, Rijana«, rief er nach einer
Weile. Dann legte er sich erschöpft auf den Boden und kaute
halbherzig auf ein paar Blättern herum.
Als Rijana erschien, setzte Ariac sich wieder
hin.
»Komm, wir müssen weiter.«
»Sollen wir uns nicht kurz ausruhen?«, fragte sie
müde. »Wir sind doch jetzt in Catharga.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Noch zu nah an
Ursann.«
Rijana seufzte und lief neben Ariac her. Sie
erzählte, dass sie hoffentlich bald die Brücke erreichen würden,
die sie nach Balmacann brachte.
»Ich habe kein Gold mehr«, sagte sie besorgt.
»Scurr hat es mir abgenommen. Aber ich denke, dass sie uns auch so
über die Brücke lassen werden. Schließlich sind wir zwei der
Sieben.« Plötzlich wirkte Rijana wieder wesentlich fröhlicher
und optimistischer. Sie nahm Ariacs Hand. »Wir haben das letzte
Schwert der Sieben. Jetzt wird alles gut.«
Ariac nickte müde. Er hörte ihr gar nicht richtig
zu, sein Kopf dröhnte schon wieder, und sein Bein tat weh. Bei
jedem Schritt brannte es wie Feuer.
Rijana plapperte munter weiter. Sie sprach von
ihren Freunden und davon, was sie als Nächstes tun wollten. Als sie
am Abend auf einer kleinen Waldlichtung Rast machten, sagte Rijana,
die Ariacs angespannte Miene falsch verstand: »Keine Angst, die
anderen werden dich jetzt akzeptieren. Ihr werdet noch gute Freunde
werden.«
Ariac nickte. Sein Kopf drohte zu zerspringen, und
ihm war furchtbar übel. Er brauchte dringend neuen Dornensaft.
Rijana nahm ihn in den Arm, und er schloss kurz gequält die Augen.
Ihm tat alles weh.
»Ich halte Wache, ich kann jetzt sowieso nicht
schlafen. Außerdem habe ich dort hinten Beeren gesehen.«
Zum Zeichen seines Einverständnisses hob Ariac eine
Hand. Selbst das Sprechen war zu anstrengend. Als Rijana
davongelaufen war, presste er einige Dornen aus, viele waren nicht
mehr übrig, dann legte er sich zusammengekrümmt auf den Boden. Er
hatte heftige Fieberschübe und Schüttelfrost und hoffte
verzweifelt, dass es abklingen würde, bis Rijana zurückkehrte. Aber
irgendwann konnte er sich nicht einmal mehr darüber Gedanken
machen. Das Gift tobte immer heftiger durch seinen Körper, bald
wäre wohl alles vorbei.
Er war noch nicht lange eingeschlafen, als Rijana
zurückkehrte und ihn weckte. Sie hielt ihm eine Hand voll Beeren
hin. »Die schmecken gut.«
Ariac erhob sich schwankend. Dann stolperte er zu
einem Baum und lehnte sich dagegen. Von den Beeren bekam er kaum
etwas herunter. Er zitterte noch immer am ganzen Körper und konnte
nicht stehen. Erst, als er zwei weitere Dornen ausgepresst hatte,
ging es etwas besser.
Am nächsten Tag brachten die beiden ein gutes Stück
Weg hinter sich. Als sie am Abend über einen Hügel liefen, sahen
sie in der Ferne Häuser.
»Dort vorn ist die Brücke, wir haben es
geschafft!«, rief Rijana glücklich.
Ariac hielt sich schwankend an einem Baum fest. Als
Rijana ihn freudig umarmte, fiel er beinahe um.
»Das ist schön«, sagte er lächelnd und ließ sich
auf den Boden sinken.
Rijana setzte sich neben ihn und betrachtete ihn
kritisch.
»Sollen wir erst morgen über die Brücke
gehen?«
Ariac nickte und schloss die Augen. Er hatte sein
Ziel erreicht, sie hatten es geschafft. Weiter würde er nicht
mitgehen, er konnte einfach nicht mehr.
Rijana verteilte das letzte Stück vom harten Brot
und etwas Käse.
»Und morgen gibt es wieder etwas Richtiges zu
essen«, sagte sie bestimmt.
Ariac kaute müde auf dem harten Brot herum.
»Ariac, jetzt wird alles gut«, sagte Rijana und
nahm seine Hand in ihre.
Er blickte sie traurig an und nickte. In der Nacht
fasste er einen Entschluss. Er wollte nicht, dass Rijana sah, wie
er qualvoll zugrunde ging.
Als Rijana am nächsten Morgen fröhlich aufstand,
winkte er sie zu sich und sah ihr eindringlich in die Augen.
»Ich möchte, dass du allein über die Brücke
gehst.«
Rijana zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen.
»Warum?«
Ariac seufzte. »Sie werden mir zunächst nicht
glauben. Nimm das Schwert«, er deutete auf das Bündel neben sich,
»bring es deinen Freunden, und wenn du sie überzeugt hast, dann
kommt ihr zurück. Ich warte hier.«
Rijana schüttelte stur den Kopf. »Nein, sie werden
mir glauben. Wir gehen zusammen.«
Ariac drückte ihre Hand. »Willst du, dass sie mich
verhaften?«
»Nein, natürlich nicht«, antwortete sie
erschrocken.
»Siehst du«, sagte Ariac ernst. »Sie würden nicht
lange fragen und mich sofort in den Kerker werfen. Ich bin in ihren
Augen ein Mörder.«
Eine Weile kämpfte Rijana mit sich. Sie wollte
Ariac mitnehmen, aber er hatte Recht. Sie umarmte ihn und gab
schließlich nach.
»Also gut«, sagte sie traurig.
Erleichtert schloss Ariac die Augen und umarmte sie
fest. Jetzt würde er sie wohl zum letzten Mal sehen. Er ließ sie
nicht los, bis er den Kloß in seinem Hals heruntergeschluckt und
die Tränen weggeblinzelt hatte.
Er wischte Rijana eine Träne von der Wange. »Du
wirst es schaffen, da bin ich mir sicher«, sagte er.
»Kommst du noch mit bis zum nächsten Hügel?«,
fragte Rijana und erhob sich.
Ariac nickte. Das Aufstehen kostete ihn unglaublich
viel Kraft, und als er ihr folgte, brauchte er all seine
Beherrschung, um nicht zu schwanken. Rijana nahm seine Hand. Als
sie im Morgenlicht auf dem Hügel standen, umarmte sie ihn noch
einmal. Ariac presste die Augen fest zusammen und sagte heiser:
»Ich liebe dich. Wir werden uns wiedersehen.«
»Natürlich«, antwortete sie mit gerunzelter Stirn
und blickte zu ihm auf. »Ich beeile mich und bin bald
zurück.«
Ariac schluckte und gab ihr einen letzten Kuss.
Dann winkte er ihr noch einmal mit letzter Kraft zu, als sie sich
umdrehte, bevor sie auf die fernen Häuser zulief.
»Rijana, ich wünsche dir alles Glück. Im nächsten
Leben sehen wir uns wieder«, flüsterte er ihr hinterher, dann
stolperte er ein Stück den Hügel hinunter und brach kurz dahinter
zusammen. Er holte den Stein hervor, den Rijana ihm vor langer
Zeit gegeben hatte, und umklammerte ihn. Jetzt konnte er nur noch
auf sein Ende warten.
Rijana eilte den Weg hinunter. Das Schwert hatte
sie sich auf den Rücken gebunden. Tränen strömten ihre Wangen
hinab. Sie ließ Ariac nicht gerne allein zurück. Außerdem war er
heute schon wieder so komisch gewesen. Aber sie wusste, dass er
sich häufig zu viele Gedanken machte.
Immer weiter näherte sie sich der Ansammlung von
kleinen und größeren Häusern. Das war die Stadt, die vor der Brücke
lag. Aber ihre Schritte wurden zögernder. Ariac hatte sie allein
gehen lassen. Sicher, er könnte verhaftet werden, aber auch für sie
war es nicht ungefährlich. Normalerweise brachte er sie nie
absichtlich in gefährliche Situationen. Rijana hielt an und blickte
zurück. Sie hatte ein ungutes Gefühl. In den letzten Tagen hatte
sie häufig gespürt, dass es Ariac nicht gut ging. Aber trotzdem war
er immer zielstrebig vorangegangen. Aber was er vorhin gesagt
hatte, hatte sich nach einem endgültigen Abschied angehört. Was
hatte er vor? Wollte er sie verlassen, damit er sie nicht in Gefahr
brachte? Rijana bekam Angst. Sie drehte sich um und rannte den
ganzen Weg zurück. Sie musste Gewissheit haben, dass Ariac noch
dort war.
Es war beinahe dunkel, als sie den Hügel fand, auf
dem er gestanden hatte. Atemlos rannte sie hinauf und blickte sich
um. Zunächst konnte sie Ariac nicht finden, aber dann sah sie etwas
nicht weit entfernt im Gras liegen. Durch den tarnenden Umhang, den
Ariac um sich gewickelt hatte, erkannte man ihn kaum. Vorsichtig
trat Rijana näher und kniete sich neben ihn. Sie wunderte sich
zunächst, dass er einfach hier mitten auf der Wiese schlief. Als
sie ihn umdrehte, erschrak sie zu Tode. Er zitterte am ganzen
Körper, sein Gesicht war schweißbedeckt, und er stöhnte ständig
leise vor sich hin.
Rijana nahm ihn in den Arm und hielt ihm den
Wasserschlauch an den Mund. Er zitterte so heftig, dass er nicht
schlucken konnte.
»Ariac? Was hast du denn?«, flüsterte sie
verzweifelt und streichelte ihm über die Haare. »Ich hätte es
wissen müssen. Du hättest mich nicht einfach allein
gelassen.«
Ariac zitterte die ganze Zeit über und krümmte sich
immer wieder gequält zusammen. Aber sosehr Rijana sich bemühte, sie
bekam nichts aus ihm heraus. Sie legte ihren Umhang über ihn und
untersuchte sein Bein. Es war geschwollen, und rund um die Wunde
hatten sich lange rote Linien gebildet. Rijana versuchte immer
wieder, ihm Wasser zu geben. Als es dann langsam wieder hell wurde,
öffnete Ariac zögernd die Augen.
»Du musst mir jetzt sagen, was mit dir los ist«,
sagte sie bestimmt.
Er drohte wieder das Bewusstsein zu verlieren und
stöhnte gequält auf, aber Rijana schüttelte ihn an der
Schulter.
»Warum bist du hier?«, murmelte er und krümmte sich
mit einem leisen Aufschrei zusammen.
»Ariac, was hast du?«, fragte sie
verzweifelt.
Er hustete und richtete sich zitternd auf, dann
blickte er sie verzweifelt an. Seine Lippen waren aufgesprungen,
und die dunklen Ringe, die er die ganze Zeit schon unter den Augen
hatte, wirkten noch tiefer.
»Die Feuerechse … die Stacheln … giftig«, stammelte
er zitternd. »Wollte nicht … dass du … das siehst.«
Sie nahm ihn fest in den Arm. »Wie kann ich dir
denn helfen?«
Er schüttelte den Kopf. »Es gibt kein Gegengift.
Die Dornen, die ich in der Tasche habe, helfen ein wenig, und die
Blätter. Aber es ist bald vorbei.« Er stöhnte auf und keuchte:
»Nicht mehr … länger herauszögern … bitte … es tut so weh.«
Erschöpft ließ er sich gegen sie sinken. Rijana war
den Tränen nahe. Rasch holte sie einige Dornen aus seiner
Tasche.
»Ariac, du nimmst sie jetzt. Ich bringe dich nach
Balmacann, dort gibt es gute Heiler.«
Er schüttelte zitternd den Kopf. »Nein, es gibt
keine Heilung … nichts nützt etwas.«
»Ariac, du kannst jetzt nicht aufgeben!«, schrie
sie hysterisch und drückte ihm die Dornen in die kalten, zitternden
Hände.
Schließlich presste er den Saft mit zitternden
Händen heraus und lehnte sich gegen Rijanas Schulter. Es schien
ewig zu dauern, aber dann hörte er auf zu zittern, und das Fieber
sank. Rijana drückte ihn weinend an sich.
»Warum hast du mir denn nichts gesagt?«, schluchzte
sie.
Ariac nahm kraftlos ihre Hand. »Es hätte nichts
genützt. Ich wollte dich bis hierher bringen. Bitte glaube mir,
niemand kann mir mehr helfen. Sie haben es uns in Ursann gesagt.
Die Stacheln einer ausgewachsenen Feuerechse sind tödlich.« Er
blickte traurig zu ihr auf. »Bitte lass mich allein! Ich möchte
nicht, dass du mich sterben siehst.«
Rijana schüttelte den Kopf, sodass Tränen in seine
Haare tropften. »Nein, ich lasse dich nicht allein. Bestimmt kann
dir jemand helfen.« Sie schluchzte und hob den Kopf. »Scurr hat
schon öfters gelogen, es gibt sicher ein Gegengift.«
Erschöpft schloss Ariac die Augen. »Wir sehen uns
doch im nächsten Leben wieder«, sagte Ariac müde. »Ich werde dich
finden.«
»Nein!«, rief Rijana und packte ihn am Arm. »Ich
will dieses Leben mit dir verbringen, und jetzt steh auf, es ist
nicht weit bis zur Brücke.«
Ariac stöhnte gequält und schaffte es sogar, auf
die Beine zu kommen. Rijana legte ihm einen Arm um die Hüfte, und
er stolperte auf sie gestützt den Hügel hinauf. Aber in den
letzten Tagen hatte er all seine Kraft verbraucht. Er konnte
einfach nicht mehr und musste alle paar Schritte stehen
bleiben.
Immer wieder gab ihm Rijana einige der letzten
Blätter in die Hand, aber selbst die schienen nicht mehr zu helfen.
Schließlich führte Rijana Ariac an einen Baum, wo er sich erschöpft
zu Boden sinken ließ. Mit zitternden Fingern holte Rijana einen
Dorn aus seiner Tasche und drückte ihm den Saft in den Mund.
»Ruh dich aus, ich werde uns ein Pferd besorgen«,
sagte sie.
Ariac hustete qualvoll und legte sich auf den
Boden. Rijana legte ihm ihren Umhang über und rannte los.
Bald hatte sie die ersten Bauernhöfe erreicht, die
vor der kleinen Stadt lagen. Zunächst sah sie nur Kühe und Schafe
und einige Bauern, die auf den Feldern arbeiteten. Sie rannte
weiter und fand endlich ein Kriegspferd, das vor einem der etwas
größeren Häuser angebunden stand. Ohne weiter zu überlegen, band
sie es los, schwang sich in den Sattel und galoppierte zu Ariac
zurück.
Der hatte inzwischen etwas Kraft geschöpft und
richtete sich auf, als er galoppierende Hufe hörte.
»Komm, steig auf, dann brauchst du nicht laufen,
ich führe das Pferd«, schlug Rijana vor.
Er biss die Zähne zusammen und stand schwankend
auf. Rijana half ihm, so gut es ging, aber er konnte sich nicht in
den Sattel ziehen. Schließlich fand Rijana einen umgestürzten Baum.
»Wenn du dort hinaufsteigst, geht es bestimmt.«
Ariac holte tief Luft und stolperte auf Rijana
gestützt zu dem Baumstumpf. Als er endlich auf dem Pferd saß, hielt
er sich mit letzter Kraft am Sattel fest. Rijana führte das Pferd
den Berg hinunter auf die Stadt zu.
»Wir sind gleich da«, sagte Rijana immer wieder
beruhigend.
»Wenn wir die Stadt umreiten, sind wir bald bei der Brücke.«
Ariac nickte halbherzig. Er wusste kaum, wie er das
schaffen sollte. Endlich kam die große Brücke in Sicht. Wie immer
hatte sich eine lange Schlange am Kontrollpunkt gebildet. Jede
Menge Wagen, Reiter und Fußgänger warteten darauf, nach Balmacann
reisen zu dürfen.
Rijana und Ariac stellten sich ganz hinten an.
Rijana streichelte Ariac über das heiße Gesicht, während dieser
halb bewusstlos über dem Hals des Pferdes hing.
»Ich bin gleich wieder zurück. Hältst du dich so
lange oben, oder willst du lieber absteigen?«
Er hob stöhnend den Kopf, hustete ein paar Mal und
brachte dann ein undeutliches »Absteigen« heraus.
Rijana nickte besorgt, dann rutschte Ariac langsam
aus dem Sattel. Er fiel beinahe hin, als seine Beine den Boden
berührten. Rijana half ihm zu einem Felsen und gab ihm ihren
Wasserschlauch. Dann drückte sie ihm die letzten Blätter der
Curuz-Sträucher in die Hand.
Ariac versuchte zu lächeln, was ihm allerdings
nicht gelang, dann lehnte er den Kopf an den Felsen. Rijana lief
los. Sie drängelte sich durch die wartenden Menschen und Kutschen.
Schließlich stand sie vor einem Soldaten in den blauen Farben
Cathargas. Der Mann kassierte gerade Zoll.
»Ich muss über die Brücke. Ich bin Rijana, eine der
Sieben. Mein Gefährte ist krank. Ihr müsst mich vorlassen«, keuchte
sie schwer atmend.
Der Soldat betrachtete das schmutzige Mädchen mit
den zerzausten langen Haaren und den abgerissenen Kleidern von oben
bis unten.
»Stell dich hinten an. Wahrscheinlich kannst du
ohnehin nicht zahlen«, sagte er abfällig.
Rijana blitzte ihn wütend an. »Ich bin Rijana. Ich
wurde in Camasann ausgebildet.«
»Natürlich, und ich bin König Scurr«, sagte der
Soldat spöttisch, dann machte er eine ungeduldige Handbewegung und
winkte die nächste Kutsche zu sich.
Rijana blieb empört stehen. Sie wollte noch etwas
sagen, überlegte es sich dann aber anders. Sie hatte keine Zeit,
mit dem Soldaten zu diskutieren. Rijana lief zu Ariac zurück, der
heftig zitternd an dem Felsen lehnte.
»Du musst die Blätter kauen, bitte«, sagte sie
ängstlich, als sie sah, dass er diese noch immer in der Hand
hatte.
»Nützt nichts«, keuchte er.
Rijana nahm sein Gesicht in ihre Hände. Er bekam
kaum noch die Augen auf. »Ariac, bitte, du musst nur noch ein
einziges Mal aufstehen und mit mir kommen, dann bringe ich dich zu
Leuten, die dir helfen.«
»Ich kann nicht mehr«, murmelte er und kippte halb
zur Seite.
Rijana legte entschieden seinen Arm um ihre
Schultern und hielt ihm eines der Blätter hin. »Ariac, bitte, tu es
für mich. Du musst nur noch ganz kurz durchhalten«, flehte
sie.
Endlich begann er, langsam auf dem Blatt
herumzukauen. Immer wieder musste er husten und krümmte sich
gequält zusammen. Rijana nahm ihn in den Arm und beachtete die
merkwürdigen Blicke der Leute nicht, die an ihnen vorbeigingen, um
zur Brücke zu kommen.
»Bringst … bringst du meine Asche zurück in die
Steppe?«, fragte er nach einer Weile mühsam.
Rijana schossen die Tränen in die Augen. »Das
brauche ich nicht. Wir kehren eines Tages gemeinsam in die Steppe
zurück.«
»Bitte, versprich es mir!«
Rijana drückte ihm einen Kuss auf die heiße Stirn
und nickte schließlich. »Wenn es sein muss, werde ich es tun, aber
jetzt musst du noch ein wenig durchhalten.«
Nach einer kleinen Ewigkeit schaffte es Ariac, auf
die
Füße zu kommen und auf Rijana gestützt langsam vorwärts zu
schwanken. Sie drängte sich an Kutschen und wartenden Leuten
vorbei, die ihr empört hinterherschimpften.
»Er hat eine ansteckende Krankheit«, rief sie immer
wieder, und keiner traute sich, die beiden aufzuhalten.
Endlich hatten sie einen Wagen erreicht, der Stoffe
und Obst geladen hatte. Der Kutscher blickte angestrengt nach vorn
und wartete darauf, seinen Zoll zu zahlen.
»Komm, du musst dort hinauf«, flüsterte Rijana
Ariac ins Ohr.
Der schien sie zunächst nicht zu hören, aber
schließlich kletterte er mit einem unterdrückten Stöhnen auf die
Ladefläche des Wagens und ließ sich in die weichen Stoffe sinken.
Rijana drückte noch einmal seine Hand und wartete den richtigen
Moment ab. Gerade fuhr die Kutsche vor ihnen los. Dann sprang sie
ohne Vorwarnung auf den Kutschbock, und bevor der Kutscher ein
empörtes »Was soll das?« zu Ende gerufen hatte, hatte sie ihn schon
mit dem Knauf ihres Schwertes bewusstlos geschlagen und vom
Kutschbock geschubst. Ihr blieb einfach keine andere Wahl, wenn sie
Ariac retten wollte. Sie zog sich ihre Kapuze über den Kopf und
fuhr vor, als der Soldat sie heranwinkte.
»Ein Goldstück«, knurrte er, dann fiel sein Blick
auf ihr Gesicht, und er rief empört: »Du bist doch …«
Weiter kam er nicht mehr, denn Rijana trieb die
beiden Kutschpferde mit einem Schrei an und schlug ihnen die Leinen
auf den Rücken. Die sprengten erschrocken vorwärts und brachen
durch den hölzernen Schlagbaum hindurch. Holz splitterte zu allen
Seiten. Zwei weitere Soldaten sprangen entsetzt aus dem Weg. Rijana
raste über die Brücke. Bald hatte sie die vorderste Kutsche
eingeholt. Hinter sich hörte sie Schreie, und ein Pfeil zischte an
ihr vorbei. Rijana lenkte ihre Pferde nach links, galoppierte an
der Kutsche vorbei und erhaschte den überraschten Blick des
Kutschers. Weiter
vorn liefen oder ritten Menschen, die erschrocken zur Seite
sprangen, als Rijana an ihnen vorbeistürmte. Empörte Schreie und
Drohungen folgten ihr. Sie sah eine weitere Kutsche vor sich, trieb
die Pferde zu einem rasenden Galopp an und quetschte sich
haarscharf zwischen dieser und einer entgegenkommenden Kutsche
durch. Plötzlich war ein Soldat neben ihr, der wilde Zeichen machte
und scheinbar versuchte, auf die Kutsche zu springen. Rijana schlug
ihm kurzerhand die Peitsche übers Gesicht, sodass er vom Pferd
fiel. Rijana warf einen ängstlichen Blick nach hinten. Ariac wurde
ziemlich durchgeschüttelt, aber das ließ sich jetzt nicht ändern.
Nach einigen waghalsigen Überholmanövern kam endlich das Ende der
Brücke in Sicht. Offensichtlich hatten die Soldaten etwas von dem
Aufruhr mitbekommen und standen mit erhobenen Lanzen in einer Reihe
am Ende der Brücke. Rijana überlegte. Zunächst wollte sie einfach
hindurchsprengen, aber dann parierte sie die Pferde hart durch, hob
die Hände und rief: »Ich bin Rijana, ich bin eine der Kinder
Thondras. Ich brauche eure Hilfe!«
Die Soldaten blickten sich verwundert an. War
dieses Mädchen verrückt? Ein Soldat kam mit gespanntem Bogen
näher.
»Steig ab!«
»Ihr müsst mir helfen!«, flehte Rijana verzweifelt
und deutete hinter sich auf die Ladefläche. »Ariac ist verletzt, er
ist ebenfalls einer der Sieben.«
Die Soldaten waren unsicher. Dieses schmutzige,
abgerissene und wütende Mädchen konnte doch keine der Sieben sein.
Andererseits wurden Rijana und Ariac schon so lange Zeit gesucht.
Wäre sie es wirklich, würde König Greedeon die Soldaten hart
bestrafen, wenn sie sich jetzt falsch verhielten. Rijana verließ
die Geduld. Blitzschnell zog sie ihr Schwert, sprang vom Wagen und
hielt es dem verdutzten Soldaten an die Kehle.
»Verdammt noch mal, wie viele Frauen mit so einem
Schwert gibt es denn hier?«, rief sie wütend. In ihren Augen
schwammen jedoch bereits Tränen. Wenn sie jetzt verhaftet wurde,
würde niemand Ariac helfen können.
Die Soldaten hielten die Luft an, einer flüsterte
einem anderen etwas zu, der daraufhin verschwand.