KAPITEL 1
Die Suche
Der eiskalte, harte Winter in der Steppe
war noch nicht lange vorüber, und das Gras fand nur zögerlich
seinen Weg durch die bräunliche Erde. Ariac kam mit einigen der Weg
durch die bräunliche Erde. Ariac kam mit einigen der älteren Männer
von der Jagd. Sie waren erfolgreich gewesen und hatten einige der
scheuen und sehr schnellen Steppenrehe erlegt. Ariac war zwölf
Jahre alt, hatte wie die meisten Steppenbewohner hüftlange, dunkle
Haare, die vorn zu Zöpfen geflochten waren. Noch war er sehr
schlank, beinahe etwas mager, aber in einigen Jahren würde er ein
stolzer und gutaussehender Jäger sein. Ariac ritt auf einem
hellbraunen Hengst und scherzte mit den anderen Steppenmännern. Er
war stolz, denn erst vor wenigen Tagen hatte er die Tätowierungen
erhalten, die deutlich machten, dass er die erste Stufe zum Jäger
hinter sich gebracht hatte und er nun kein Junge mehr war. Eine
Pfeilspitze zierte seinen rechten Arm, und an den Schläfen trug er
nun feine, kunstvoll verschlungene Muster.
Die Jäger hatten sich die toten Tiere über die
Sättel geworfen. Die Steppenbewohner galten als wildes Reitervolk,
das sich von nichts und niemandem bezwingen ließ. Sie führten ein
Nomadenleben und waren, sehr zum Missfallen vieler Könige, nirgends
festzuhalten. Doch da die Steppe für die meisten Könige oder
Edelmänner ohnehin nichts bot, ließ man sie einigermaßen in
Ruhe.
Ariac sog die frische klare Luft ein. Er liebte es,
über die
endlose Steppe zu galoppieren. Im Norden sah man die Ausläufer der
Eisberge, die den gesamten Norden bedeckten. Ganz fern im Süden die
ersten Wälder und den Myrensee, der vor dem Donnergebirge lag.
Momentan lagerte der Clan der Arrowann, dessen Anführer Ariacs
Vater war, nicht weit vom Buschland, das die Steppe von den
nördlichen Königreichen trennte. Die Arrowann trieben gelegentlich
Handel mit fahrenden Händlern, die im Frühling vom Süden über die
uralte Handelsstraße in den Norden zogen. Dann wurden Felle und
Werkzeuge aus Knochen gegen Mehl, Kleider oder Sonstiges getauscht.
Eigentlich mochte Ariac es nicht sehr, in der Nähe des Buschlands
und der Königreiche zu sein, denn dann fühlte er sich eingesperrt.
Andererseits hatte er über den Winter, so hoffte er zumindest, gute
Knochenwerkzeuge hergestellt und heute genügend gejagt, um dies
gegen einen eigenen Dolch eintauschen zu können, den er sich schon
seit vielen Jahren wünschte.
Die Jagdgruppe ritt auf das Lager zu, das unweit
der staubigen Straße, die nur sehr wenig befahren war, im
bräunlichen, verdörrten Gras des letzten Winters lag. Es waren
dreiundzwanzig Zelte, in denen die Arrowann mit ihren Familien
lebten. Weiter südlich konnte Ariac mit seinen scharfen Augen eine
ähnliche Ansammlung von Zelten sehen. Das war der Wolfsclan, wie
Ariac wusste. Sie wollten wohl ebenfalls ihre Waren verkaufen. Ein
Grinsen überzog sein von der Sonne gebräuntes Gesicht mit den hohen
Wangenknochen. Die Steppenleute hatten ohnehin alle etwas dunklere
Haut als die übrigen Menschen. Beim Wolfsclan sollte es viele
hübsche Mädchen geben, wie Halran ihm erzählt hatte.
Halran, ein großer Jäger mit sehr viel dunkleren
Haaren als Ariac und Tätowierungen, die seine ganzen Arme ebenso
wie seine rechte und linke Gesichtshälfte von der Stirn bis zu den
Wangenknochen bedeckten, hatte Ariacs Blick gesehen.
»Du brauchst erst noch ein paar Tätowierungen,
bevor du
dir über Mädchen Gedanken machen kannst«, sagte er mit
hochgezogenen Augenbrauen und gab Ariac einen gutmütigen Klaps auf
den Hinterkopf.
Die anderen, zumeist älteren Jäger, die bereits
eine Menge Tätowierungen hatten, welche sie als gute Jäger und
starke Kämpfer auszeichneten, lachten laut auf.
Ariac lief ziemlich rot an und strich sich über die
kaum verheilten, dunklen Linien, die er an seinen Schläfen hatte.
Noch waren es nur kleine Tätowierungen, aber bald würden es mehr
werden, wenn er erst öfters auf die Jagd gegangen wäre und gegen
die wilden Tiere der Steppe oder Orks, die sich in den Bergen
versteckt hielten, gekämpft hatte.
»Komm, mach dir nichts draus«, sagte Fodrac, Ariacs
Cousin, der bereits sechzehn Jahre alt war, »sie ärgern immer
diejenigen, die zu neuen Jägern geworden sind.«
Ariac seufzte, er wünschte sich wirklich, endlich
erwachsen zu sein.
Die Jagdgesellschaft wurde mit lauten Rufen von den
Frauen und Männern des Clans begrüßt. Alle hatten lange Haare von
dunklem Braun, so wie Ariac, bis zu tiefem Schwarz wie seine
Mutter. Thyra kam gerade auf ihn zu. Sie wurde von Lynn und Léa
begleitet. Ariacs drei Jahre ältere Schwestern waren Zwillinge und
hatten die gleichen rabenschwarzen Haare wie ihre Mutter.
»Nein, unser kleiner Bruder hat doch tatsächlich
etwas gejagt«, rief Lynn aus, und Léa kicherte. »Ich hätte gedacht,
du fällst vom Pferd.«
Ariac plusterte sich wütend auf und warf das tote
Steppenreh vor die Füße seiner schreienden Schwester. »Nimm es aus,
damit du für irgendetwas gut bist«, knurrte er und stieg von seinem
Hengst.
Rudgarr, der Vater von Ariac und den Mädchen, kam
aus seinem Zelt. Er war sehr groß, muskulös und hatte braune, dicke
Haare, die ihm bis auf die Hüfte hingen. Er trug sie
allerdings mit einem Lederband zusammengebunden. Rudgarr fuhr sich
über den stoppeligen Bart und nickte anerkennend.
»Das hast du gut gemacht, Ariac«, sagte er, dann
warf er seinen Töchtern, die albern kicherten, einen strengen Blick
zu. »Seid nicht so frech zu den jungen Männern, sonst bekommt ihr
nie einen ab.«
»Ariac ist kein Mann, er ist noch ein Kind«, rief
Lynn frech, und ihr jüngerer Bruder, der bereits etwas größer war
als sie selbst, stürzte sich auf sie.
Die beiden kugelten durch das kurze Steppengras,
und auch Lynn wusste wie alle Frauen des Steppenvolkes, sich zu
verteidigen. Ariac hielt schließlich ihre Hände fest und kniete
triumphierend über ihr.
»Gut, gut«, keuchte sie, »du kannst bereits ein
Mädchen besiegen. Das ist natürlich sehr beeindruckend!«
Ariac schnaubte und warf ihr etwas Steppengras ins
Gesicht. Dann stand er auf und lief mit federnden Schritten zu
seinem Reh, welches er sich über die Schulter warf. »Du wirst schon
noch sehen, ich werde der beste Jäger der Arrowann«, rief er seiner
grinsenden Schwester zu.
Lynn stand auf und klopfte sich den Schmutz von
ihrem hellen Lederkleid. Auch sie hatte bereits einige
Tätowierungen an den Armen, so wie alle Frauen.
Thyra ging zu ihrer Tochter und zog an ihrem Ohr,
woraufhin diese empört aufkreischte. »Du sollst ihn nicht immer
ärgern! Du weißt doch, dass er ein guter Jäger und einer der besten
Bogenschützen ist. Beim letzten Sommertreffen hat er sogar die drei
Jahre älteren Jungen besiegt.«
Lynn nickte. »Ich weiß schon, aber lass mich ihn
doch ein bisschen ärgern. Jetzt ist er garantiert so wütend, dass
er das Reh allein ausnimmt.«
Thyra seufzte und schüttelte den Kopf. Die
Zwillinge wurden langsam wirklich anstrengend. Sie hoffte, dass die
beiden
in spätestens zwei oder drei Jahren einen netten Mann finden und
dann mit anderen Dingen beschäftigt sein würden.
Der Tag war nun mit dem Ausnehmen der Tiere und dem
Präparieren der Felle ausgefüllt. Es herrschte eine entspannte und
lustige Atmosphäre wie meist im Frühling. Der Sommer und die Jagd
standen vor der Tür, und in diesem Winter war kaum jemand von den
Alten und kein einziges Baby gestorben. Am Abend erhellten viele
Lagerfeuer den Nachthimmel, und ein verlockender Duft von
gebratenem Fleisch hing in der Luft. Auch Ariac, der, wie seine
Schwester vermutet hatte, das Reh allein ausgenommen hatte, war
wieder bester Laune. Er wusste, dass seine Schwester es nicht so
meinte.
Léa, die etwas ruhigere und sanftere der Zwillinge,
kam zu ihm und betrachtete das helle Rehfell. »Dafür wirst du einen
guten Preis erzielen«, sagte sie anerkennend, und ihre dunklen
Augen funkelten im Licht des Feuers.
Ariac nickte misstrauisch, wahrscheinlich folgte
gleich irgendeine Beleidigung, aber nachdem Lynn gerade nicht da
war, sagte Léa nichts mehr.
»Die alte Warga wirft die Runen«, sagte sie
plötzlich. »Lynn ist gerade bei ihr. Willst du dir nicht auch die
Zukunft vorhersagen lassen?«
Ariac nickte und erhob sich vom Lagerfeuer. Er lief
mit seiner Schwester zu dem kleinsten der Zelte, vor dem eine
Vielzahl von Knochen aufgehängt war. Gerade kam Lynn heraus.
»Na, sie hat bestimmt gesagt, dass du einen
Trollkönig heiraten wirst, nicht wahr?«, meinte Ariac
grinsend.
Lynn schnaubte empört, richtete sich zu ihrer
vollen Größe auf und sagte hochnäsig: »Nein, sie hat gesagt, dass
ich einen Clanführer heiraten und fünf Kinder bekommen
werde!«
»Oje«, rief Ariac und schnitt eine Grimasse, »man
sollte alle Clans warnen, ja nicht in deine Nähe zu kommen. Noch
mehr Lynns – das verträgt die Steppe nicht.«
Noch bevor Lynn nach ihm schlagen konnte,
verschwand
Ariac im Zelt der alten Warga. Dunstiges Licht und stickige, nach
seltsamen Kräutern riechende Luft schlugen ihm entgegen. Nur schwer
konnte er die alte, verhutzelte Warga ausmachen, die in ihren
Fellumhang gehüllt auf dem Boden saß und vor sich hin murmelte. Das
Zelt wurde nur durch zwei tropfende Kerzen und ein kleines Feuer
erhellt.
»Ah, der Sohn des Clanführers. Setz dich, Ariac,
setz dich!«, ertönte die krächzende Stimme der Alten, und eine
knorrige Hand deutete auf die Felle.
Ariac wurde wie immer, wenn er sich in der Nähe der
Hexe aufhielt, ein wenig unbehaglich zumute. Er hatte zwar nicht
wirklich Angst vor ihr, aber Warga hatte eine merkwürdige,
geheimnisvolle Ausstrahlung, die ihm unheimlich war. Warga gehörte
keinem Clan an. Sie zog allein durch die Steppe, schloss sich mal
diesem, mal jenem Clan an und sagte die Zukunft voraus oder
behandelte die Kranken.
Warga schien gar nicht auf ihn zu achten. Sie warf
einige Kräuter in das kleine Feuer, welches rechts von ihr brannte,
und murmelte etwas vor sich hin. Ariac wurde ungeduldig, er traute
sich jedoch nichts zu sagen. Nach einer kleinen Ewigkeit hob Warga
den Blick und schob ihre dünnen, weißen Haare aus dem Gesicht.
Stechend blaue Augen blickten ihn an.
»Aha, ich sehe, du hast die Tätowierungen, die dich
zum Jäger machen«, sagte sie anerkennend und hustete.
Ariac nickte und schluckte krampfhaft. Sein Mund
war staubtrocken.
»Was willst du von mir wissen, mein Junge?«
Er räusperte sich einige Male, dann sagte er: »Ich
will wissen, ob ich ein guter Krieger und Jäger werde und wie mein
Leben verläuft.«
Die Alte kicherte. »Das sind große Fragen, aber du
bist jung, da ist das normal.«
Sie holte einen Lederbeutel, der vom vielen
Gebrauch
schon ganz abgegriffen war, schloss die Augen und murmelte einige
Worte. Dann warf sie die elf mit Runen verzierten Steine vor Ariac
auf den Boden. Sieben blieben in einer bestimmten Anordnung
liegen.
Der Junge beugte sich gespannt nach vorn, konnte
mit den Zeichen jedoch nichts anfangen. Warga runzelte überrascht
die Stirn, schüttelte den Kopf und blickte ein zweites Mal auf die
Runen.
»Was ist denn?«, fragte Ariac aufgeregt.
»Das kann nicht sein«, murmelte die alte Frau, dann
lächelte sie Ariac zu. »Ich muss etwas falsch gemacht haben. Ich
werde die Runen noch einmal werfen.«
Ariac nickte unsicher. Er wusste nicht, was das
bedeutete. Noch nie hatte er erlebt, dass Warga einen Fehler
gemacht hatte.
Warga begann erneut, Kräuter ins Feuer zu werfen,
murmelte Beschwörungen und warf die Runen auf den Boden. Nach einem
kurzen Moment der Fassungslosigkeit stieß die alte Frau ein Keuchen
aus und schüttelte immer wieder den Kopf. Die Runen lagen genau so
wie zuvor.
»Was denn?«, fragte Ariac ungeduldig. So konfus
hatte er die Hexe noch nie gesehen.
»Das gibt es nicht«, murmelte sie.
»Was soll das bedeuten?«, fragte Ariac wütend und
zeigte vor sich auf die Steine.
Warga blickte auf und sah ihm durchdringend in die
Augen.
»Die Kinder Thondras sind zurückgekehrt, und du
hast etwas damit zu tun.«
Ariac runzelte überrascht die Stirn. Wie alle
Menschen kannte er die Legende der sieben Krieger, die die
Erwählten des Kriegsgottes Thondra gewesen waren. Vor weit über
fünftausend Jahren soll es eine gewaltige Schlacht gegen die Wesen
der Finsternis gegeben haben. Menschen hatten gegen
unheimliche Gestalten kämpfen müssen, die von einem bösen Zauberer
angeführt worden waren. Wie man sich erzählte, hatten die Menschen
keine Chance gehabt, denn der Zauberer verfügte über eine riesige
Armee, die alles vernichtet hatte, ob Menschen, Elfen, Gnome oder
Zwerge. Dann hatte der Kriegsgott Thondra eingegriffen und sieben
Krieger, fünf Männer und zwei Frauen, mit besonderen Gaben gesegnet
und ihnen sieben magische Schwerter gegeben. Diese sieben Krieger
hatten die letzten Menschen erneut gesammelt, ihnen Mut
zugesprochen und letztendlich mit einer zahlenmäßig unterlegenen
Armee die Wesen der Finsternis bis in den äußersten Westen nach
Ursann zurückgetrieben. Auch der Zauberer Kââr wurde von einem der
Sieben vernichtet. Sein Geist ging jedoch noch immer in den
finsteren Bergen um und vereinigte sich immer wieder mit den
Körpern jener Männer, die sich ebenfalls dem Untergang der freien
Menschen verschworen hatten. Momentan war es König Scurr. Die erste
Schlacht der Sieben hatte die ganze Welt ins Ungleichgewicht
gebracht. Vulkane waren ausgebrochen, und man sprach von einem
gewaltigen Blitzschlag, der die Erde aufgerissen und in Nord und
Süd geteilt hatte. Wie die Klinge eines Schwertes wirkte die
Meerenge zwischen Balmacann und Catharga nun. Dann hatte sich die
Welt verdunkelt, worauf ein achthundert Jahre langer Winter folgte,
den die Menschen, wenige Zwerge, Elfen und sonstige Wesen nur mit
Mühe überlebt hatten. Als die Kälte endlich vorüber war, wurde mit
der neuen Zeitrechnung begonnen. Das war jetzt schon 4317 Jahre
her.
Ariac schüttelte den Kopf, und seine langen,
dunklen Zöpfe flogen hin und her.
»Thondras Kinder sind seit über tausend Jahren
nicht mehr erschienen. Was soll das Ganze mit mir zu tun
haben?«
Warga war noch immer fassungslos. Sie konnte es
nicht glauben.
»Das weiß ich nicht, Ariac. Entweder bist du einer
von ihnen, oder du wirst zumindest mit ihnen kämpfen.« Die Hexe
warf erneut die Runen, die nun in einer anderen Formation liegen
blieben. Sie blickte Ariac ernst an und sagte: »Du wirst die Steppe
verlassen. Du wirst ein starker Krieger werden, und ich sehe Liebe
und Tod in deiner Zukunft.«
»Niemals werde ich die Steppe verlassen!«, schrie
Ariac empört und sprang auf. Dann stieß er mit dem Fuß die Runen
beiseite. »So ein Blödsinn! Das ist doch alles nicht wahr!«
Er stürmte aus dem Zelt an seinen Schwestern
vorbei, die ihm etwas hinterherriefen, doch darauf achtete er
nicht.
»Nur weil du nicht daran glaubst, wird es sich
nicht ändern«, murmelte Warga und blickte nachdenklich auf die
uralten Runen, die sie schon von ihrer Großmutter und diese von der
ihren geerbt hatte.
Ariac wusste gar nicht, warum er plötzlich so
heftig reagiert hatte. Vielleicht lag es an den merkwürdigen
Träumen, die er seit einiger Zeit hatte. Sie waren immer verwirrend
und undeutlich. Er sah Schlachten vor sich, sterbende Menschen und
finstere Wesen, und immer hatte er ein Schwert in der Hand. Aber
die Arrowann kämpften nicht mit Schwertern. Sie hatten Bögen,
Dolche, Lanzen und Messer, aber keine Schwerter.
Ariac war weit in die Steppe hinausgelaufen,
blickte in den mit Sternen übersäten Frühlingshimmel und atmete die
klare frische Luft tief ein.
Ich werde der nächste Anführer der Arrowann und
für immer in der Steppe bleiben, sagte er sich immer wieder.
Dann ging er langsam wieder zu den anderen zurück.
Seine Schwestern wollten natürlich wissen, was die
Hexe gesagt hatte und warum er so wütend hinausgestürmt war, doch
er verriet nichts. Nicht einmal als Lynn ihn aufzog, reagierte
er. Er wollte Wargas Worte so schnell wie möglich vergessen.
In den folgenden Tagen, als die Arrowann auf die
Ankunft der fahrenden Händler warteten, war Ariac seltsam in sich
gekehrt. Nicht einmal der Besuch einiger hübscher Mädchen vom
Wolfsclan konnte ihn aufmuntern. Wenn Warga ihm über den Weg lief,
schien sie ihn immer mit Blicken zu durchbohren, doch Ariac
ignorierte die Hexe, so gut er konnte. Er wollte von den
Verrücktheiten der Alten nichts wissen. Unauffällig und heimlich
erkundigte er sich trotz allem bei den anderen Jägern des Clans
genauer über die Kinder Thondras. Man erzählte ihm, dass sie
angeblich seit der ersten Schlacht immer dann wiedergeboren wurden,
wenn die Finsternis erstarkte und sich ein Schatten über die Länder
legte.
Die vergangenen drei Schlachten hätten sie immer
verloren, weil einer zum Verräter geworden sei. Entweder weil der
Herrscher über Ursann einen der Sieben auf seine Seite gezogen
hatte, oder es war um Frauen oder Macht gegangen. Die letzte
Schlacht war über tausend Jahre her, und auch damals waren Thondras
Kinder unterlegen. Wieder waren sie von einem der ihren verraten
worden. Seitdem waren sie nicht wiedergeboren worden, wohl weil
Thondra ihnen zürnte. Es hatte in den Orkkriegen im Jahre 3350 und
danach immer Schlachten der Menschen gegeben, in denen die Kinder
Thondras hätten gebraucht werden können, aber der Kriegsgott
schickte keine Hilfe. In den letzten dreitausend Jahren seit dem
letzten Sieg der Sieben in den Schattenkriegen war ein Wettstreit
zwischen dem jeweiligen Herrscher von Ursann (dieses Land hatte
immer nur grausame Herrscher hervorgebracht) und den Zauberern von
Camasann, einer Insel im Süden, ausgebrochen. Das ganze Land wurde
regelmäßig nach Kindern durchsucht, die seltene Fähigkeiten im
Umgang mit dem Schwert besaßen. Diese wurden dann
in den Schulen in Ursann oder Camasann ausgebildet, bis sie
siebzehn Jahre alt waren.
Die jeweiligen Oberhäupter der Schulen, momentan
waren es der grausame König Scurr in Ursann und Zauberer Hawionn in
Camasann, hielten die magischen Schwerter der Sieben unter
Verschluss. Das von Dagnar und Nariwa war allerdings seit dem
letzten Krieg verschollen. Wenn unter den Schülern einer der Sieben
war, so würde eines der magischen Schwerter erglühen und ihn als
ein Kind Thondras auszeichnen, sobald er das siebzehnte Lebensjahr
erreicht hatte. König Scurr besaß zwei Schwerter, die Zauberer
drei. Sowohl Scurr, der sich der Finsternis verschworen hatte, als
auch die Zauberer von Camasann, die dem Licht zugewandt waren,
hofften eines Tages die Sieben in ihrer Schule zu finden, um sie zu
starken Kriegern zu machen, die ihnen treu dienten. Es gab eine
Legende, die besagte, dass nur dann das Gute siegen würde, wenn
alle Sieben und ihre Schwerter vereint wären.
Sollte hingegen derjenige, dessen Geist Kââr
beherrschte, alle Sieben vereint haben, würde die ewige Dunkelheit
über alle Länder hereinbrechen. Soweit es beim Steppenvolk bekannt
war, war eine von Scurrs herausragendsten Fähigkeiten, andere mit
einem magischen Bann belegen zu können und sie für seine finsteren
Zwecke zu missbrauchen. Die Schlagkraft der Sieben, gepaart mit
Scurrs Bösartigkeit, würde dann zu einem schrecklichen Werkzeug
verschmelzen, welches die Länder in Angst und Unterjochung
ersticken würde.
Auch heute, im Jahre 4317 seit dem langen Winter,
brodelte es in den Königreichen. Die Länder bekriegten sich,
neideten sich ihre Reichtümer, und besonders König Scurr
terrorisierte seine Nachbarn. Orks, Trolle und Wesen der Finsternis
sammelten sich in Ursann, wie man vermutete, und König Greedeon,
der die Schule der Krieger in Camasann unterstützte, war angeblich
einer der Wenigen, die noch für Recht und Ordnung sorgten.
Die warmen Frühlingstage im Lager zogen sich
dahin, bis endlich die Händler erschienen, die mit ihren großen
Wagen über die Handelsstraße fuhren. Die Arrowann machten gute
Geschäfte und waren zufrieden. Eigentlich sollte es nun zurück in
die Steppe gehen, wo die Steppenleute den ganzen Sommer durch das
menschenleere Land ziehen würden. Doch dann verkündete ein junger
Mann der Arrowann, dass er ein Mädchen aus dem Wolfsclan heiraten
wollte, sodass sich die Abreise wegen der Hochzeit um einige Tage
verschob. Es war eine ausgelassene und fröhliche Zeit. Der
Wolfsclan und die Arrowann, die schon seit jeher in Freundschaft
miteinander verbunden waren, legten ihre Zelte zu einem einzigen
großen Lager zusammen.
Mitten in diese fröhlichen Feiern platzte eines
Morgens eine merkwürdige Gruppe von Männern. Es waren bewaffnete
Krieger, alle in dunkelgrüne Umhänge gehüllt, auf denen Runen
aufgestickt waren. Hinter den fünf berittenen Männern kam ein
Planwagen, vor den zwei prächtige schwarze Pferde mit wallenden
Mähnen gespannt waren. Auf dem Kutschbock saß ein älterer Mann mit
halblangen braunen Haaren und einem leicht ergrauten Bart.
Die Steppenleute kamen aus ihren Zelten und
beobachteten den Zug mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen.
Die Ältesten wussten, wer das war. Es handelte sich um die Zauberer
und ihre Krieger von der Insel Camasann, die wieder auf der Suche
nach neuen Kindern für ihre Schule waren. Doch vor allem wollten
sie endlich die Sieben finden, die Kinder Thondras, die schon so
viele Jahrhunderte nicht mehr gesichtet worden waren. Die
Steppenmenschen hatten eigentlich weder mit den Zauberern noch mit
König Scurr viel zu schaffen und kümmerten sich nicht darum. Sie
waren seit vielen Jahren nicht mehr auf die sogenannten »Sucher«
gestoßen. Beim einfachen Volk waren weder die von Camasann noch die
von König Scurr sehr beliebt. Den Menschen
machte die Vorstellung Angst, dass eines ihrer Kinder vielleicht
einer der Sieben sein sollte, denn denen war von jeher ein
gefahrvolles Leben und meist ein schlimmes Schicksal beschert. Kaum
einer hatte jemals viel mehr als seinen dreißigsten Geburtstag
erlebt. Die Königsfamilien und Adelshäuser dagegen schickten ihre
Kinder meist schon ab dem sechsten Lebensjahr freiwillig zur Insel
der Zauberer. Für sie wäre es eine Ehre, wenn eines ihrer Kinder
einer der Sieben wäre.Vor König Scurrs Suchern dagegen hatten alle
Angst, denn die Ausbildung in Ursann, in den Ruinen der Burg von
Naravaack, war gnadenlos und unglaublich hart.Viele junge Männer
und einige Frauen waren währenddessen gestorben. König Scurr fragte
nicht lange, sondern nahm sich, was er wollte. Während den jungen
Männern auf der Insel Camasann die Wahl gelassen wurde, als Krieger
zu bleiben oder nach Hause zu gehen, wenn sich mit siebzehn Jahren
herausstellte, dass sie nicht zu den Auserwählten gehörten, so
behielt König Scurr alle bei sich. Nur die jungen Frauen ließ er
töten, denn sie waren für ihn wertlos. König Scurrs Armee war
gefürchtet. Es waren grausame Krieger, die durch jahrelange
Gehirnwäsche und brutale Ausbildungsmethoden Scurr und seinem
Schergen Worran bedingungslos gehorchten. Alle Menschen hofften,
dass König Scurr niemals alle Sieben in die Finger bekommen würde,
denn dann wäre das ganze Land dem Untergang geweiht. Mit ihrer
Hilfe würde er alle Länder unterwerfen und die Welt in Finsternis
stürzen. Daher war es allen lieber, ihre Kinder auf der Insel der
Zauberer zu wissen, wenn sie schon ausgewählt wurden. Doch die
Arrowann hatten seit beinahe zwanzig Sommern keinen der Sucher mehr
gesehen. So lange sich die Steppenleute erinnern konnten, hatte es
kaum einmal Kinder gegeben, die dieses seltene Talent zum
Schwertkampf besaßen.
Ariac betrachtete die Gruppe von Männern
fasziniert. Er hatte noch nie einen der Sucher gesehen. Plötzlich
durchzuckte
ihn ein Gedanke. Er musste an Warga und ihre Prophezeiung denken,
und ihm brach der Schweiß aus.
Ich will nicht mit ihnen gehen, dachte er
panisch und wollte sich davonmachen.
Doch da kam schon sein Vater zu ihm, legte ihm
einen Arm um die Schultern und sagte: »Die Zauberer waren schon
lange nicht mehr bei uns, es wird einige Schwertkampfvorführungen
geben.«
Ariac trat nervös von einem Bein aufs andere. »Ich
möchte es nicht sehen. Ich würde lieber gleich zurück in die Steppe
reiten«, sagte er zu seinem Vater.
Rudgarr runzelte überrascht die Stirn und
betrachtete seinen Sohn nachdenklich. »Du musst bleiben. Es ist die
Pflicht aller Menschen in den Ländern, dass sie ihre Kinder testen
lassen. Wer weiß, ob nicht eines Tages ein Kind der Steppe unter
den Sieben ist. Im ersten Krieg vor dem langen Winter waren es zwei
Steppenleute, und in den folgenden Kriegen war es häufig ein
Mädchen aus der Steppe. Außerdem ist es besser, die Zauberer
bekommen einen von uns als Scurrs Sucher.«
Ariac schluckte. Na, zum Glück bin ich kein
Mädchen, dachte er, aber Wargas Prophezeiung ging ihm immer
wieder durch den Kopf.
»Ariac, was ist denn mit dir?«, fragte sein Vater
besorgt. »Du siehst ja ganz blass aus.«
Ariac spannte die Kiefermuskeln an und schüttelte
den Kopf. »Ist schon gut, alles in Ordnung.« Ich werde mich
einfach dumm anstellen, ich kann ohnehin nicht Schwertkämpfen,
dachte er und beruhigte sich ein wenig.
Der Zauberer stieg von der Kutsche und kam mit
geschmeidigen, großen Schritten auf die Ansammlung von Zelten zu.
Er strahlte Weisheit und Autorität aus, die man nicht wirklich in
Worte fassen konnte.
Rudgarr zwinkerte seinem Sohn zu und begrüßte
daraufhin
den Fremden. »Mein Name ist Rudgarr, ich bin der Anführer der
Arrowann«, sagte Rudgarr und deutete dann neben sich. »Das ist
Krommos, der Anführer des Wolfsclans.«
Der Zauberer verneigte sich leicht und musterte das
gesamte Lager mit einem alles durchdringenden Blick. »Mein Name ist
Brogan. Ich komme von der Insel Camasann und bin hier, um Eure
Kinder im Schwertkampf zu testen.«
»Wir kämpfen nicht mit dem Schwert«, rief Krommos.
Er war ein schlanker, sehniger Mann mit bereits ergrauten Haaren,
die alle zu Zöpfen geflochten waren, wie es im Wolfsclan Tradition
war. Krommos war für sein aufbrausendes Temperament bekannt.
Brogan nickte weise und bedachte ihn mit einem
merkwürdigen Blick, sodass dieser ein wenig unruhig wurde.
»Das weiß ich, aber das tut auch nichts zur Sache.
Ist keines Eurer Kinder geeignet, könnt Ihr weiterziehen, mein
Herr.«
Krommos senkte beschämt den Blick und nickte
schließlich.
»Lasst alle Kinder ab einem Alter von sechs bis
siebzehn Jahren kommen, wir werden sie testen«, befahl Brogan mit
zwar freundlicher, jedoch sehr bestimmter Stimme.
Nun brach eilige Geschäftigkeit aus. Die Kinder der
Clans wurden gesucht und mit mal mehr, mal weniger sanfter Gewalt
vor den Zauberer gestellt. Am Ende standen dreiundvierzig Kinder
und junge Leute bereit.
Brogan ließ seinen durchdringenden Blick über sie
schweifen.
Viele sind schon beinahe Männer oder erwachsene
Frauen, dachte der Zauberer unzufrieden. Eigentlich bevorzugten
sie es, die Kinder bereits in sehr jungen Jahren zu unterrichten,
so waren sie besser formbar. Doch besonders beim Steppenvolk war
das sehr schwierig, da man sie kaum zu Gesicht bekam.
Brogan seufzte. Wahrscheinlich ist ohnehin
wieder keines der
Kinder dabei, dachte er resigniert. In den letzten Jahrzehnten
war kein einziges der Steppenkinder auch nur als ein normaler
Krieger geeignet gewesen. Die Steppenleute kämpften einfach mit
anderen Waffen.
»Gut«, sagte der Zauberer freundlich. »Zunächst die
kleinen Kinder.«
Er nickte den fünf bewaffneten Kriegern zu, alles
ernste, schweigsame Männer, die den ersten Kindern kleine, leichte
Schwerter gaben. Dann begannen die Krieger nacheinander die Kinder
anzugreifen und forderten sie auf, sich zu verteidigen. Doch alle
Kinder stellten sich äußerst ungeschickt mit dem Schwert an.
Brogan fuhr sich über seinen Bart. Das würde wohl
wieder nichts werden. Beinahe jedes Jahr gegen Frühlingsbeginn fuhr
er oder einer der anderen Zauberer oder Ausbilder von Camasann über
das Land, um Kinder zu testen und zur Schule zu bringen. Bisher war
keiner der Sieben dabei gewesen. Das Einzige, was ihn beruhigte,
war, dass auch Scurr noch keines der Kinder Thondras bei sich
hatte.
Der Morgen zog sich dahin. Gerade war ein etwa
zehnjähriger Junge an der Reihe, der sich ein klein wenig
geschickter anstellte als die anderen. Der blonde Krieger, der mit
ihm gekämpft hatte, warf einen fragenden Blick zu Brogan hin, doch
der schüttelte den Kopf. Der Junge war ein wenig geschickter, aber
Thondras Kinder hatten ein angeborenes, außergewöhnliches Talent
mit dem Schwert und das konnte man von diesem Jungen nicht sagen.
Die Sonne kam hinter den Wolken hervor, und ein Junge in Ariacs
Alter war an der Reihe. Plötzlich brach Ariac wieder der Schweiß
aus, und ihm wurde übel. Er wollte nicht kämpfen und beschloss zu
verschwinden. Heimlich wollte er sich hinter seinem Vater
davonstehlen, doch der hielt ihn am Ärmel seines weiten
Baumwollhemdes fest.
»Wo willst du hin?«
»Mir ist plötzlich so komisch«, murmelte Ariac und
wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Sein Vater betrachtete ihn besorgt, doch Lynn, die
gespannt darauf wartete, selbst getestet zu werden, verzog zynisch
ihren hübschen Mund.
»Er hat doch nur Angst, sich zu blamieren.«
»Habe ich nicht!«, rief Ariac mit vor Zorn
funkelnden Augen.
»Du bist der Sohn des Clanführers«, sagte sein
Vater ernst. »Du kannst dich nicht einfach drücken!«
Ariac nickte und ließ die Schultern hängen. Noch
zwei Mädchen und ein Junge waren vor ihm, dann war Ariac an der
Reihe. Mit unsicheren Schritten trat er in den Kreis, um den alle
anderen versammelt waren. Sein Mund war trocken, und ihm war
schwindlig. Ein großer Mann mit einem schwarzen Bart gab ihm ein
Schwert und nickte ihm zu. Ariac nahm es mit zitternder Hand
entgegen.
Ich muss mich nur dumm genug anstellen,
sagte er sich erneut und blieb einfach stehen, als der Krieger ihn
angriff.
Er täuschte ein Stolpern vor und torkelte zurück.
Der Krieger seufzte, doch der Zauberer meinte, er solle es noch
einmal versuchen. Erneut griff der Mann an und erwischte Ariac an
der Schulter. Und urplötzlich ging etwas Merkwürdiges in ihm vor.
Ariac hatte gar nicht das Gefühl, es selbst zu steuern. Er blockte
den nächsten Schlag perfekt und begann dann von sich aus, auf den
Krieger loszugehen. Es war, als ob es gar nicht er selbst wäre, so
als würde er von einer fremden Macht gelenkt. Ariac griff den mehr
als doppelt so alten und wesentlich größeren Mann mit einer Folge
aus perfekt abgestimmten Schlägen an, sodass dieser immer weiter
zurückwich. Ariac hätte den Mann nicht besiegen können, dafür war
er noch zu jung. Dennoch war es ein Wunder, dass dieser etwa zwei
Kopf kleinere Junge einen erwachsenen Mann derart in Bedrängnis
bringen konnte.
Brogan trat in die Mitte und hielt mit seinem
dicken Eichenstab Ariacs Schwert auf und blickte den Jungen
durchdringend an. Ariac ließ sein Schwert sinken.
»Du wirst mit uns gehen«, sagte Brogan einfach und
selbst verwundert. Einen so guten Kämpfer hatte er schon seit
ewigen Zeiten nicht mehr gesehen und schon gar nicht bei den
Steppenleuten.
Ariac runzelte die Stirn und schien erst jetzt zu
sich zu kommen. Er blickte auf sein Schwert und die vielen,
fassungslosen Steppenleute, die ihn alle anstarrten.
»Ich … ich kann nicht mitkommen«, stammelte Ariac
und ließ das Schwert auf den Boden fallen, so als würde es ihm die
Hände verbrennen. »Ich kann gar nicht Schwertkämpfen, das ist alles
ein Irrtum!«
Brogan nahm ihn am Arm und sah ihn ernst an. »Du
hast die Gabe, mein Junge. Wie heißt du?«
Ariac riss sich los und funkelte den wesentlich
größeren Zauberer wild an.
»Ich gehe nicht mit Euch, ich werde der nächste
Clanführer der Arrowann. Ich gehe nicht mit Euch!«
Damit rannte er los und zwängte sich durch die noch
immer erstaunten Steppenleute.
Die fünf Krieger sahen den Zauberer fragend an,
doch der winkte ab. Sie sollten dem Jungen nicht folgen.
Brogan ging zu Rudgarr, der fassungslos am Rand
stand, und rief über die Schulter seinen Leuten zu: »Testet die
restlichen Kinder!« Er packte Rudgarr am Arm, der ihn verwirrt
anblickte. »Kann ich mit Euch reden?«
Der Clanführer nickte und verließ mit dem Zauberer
das Zeltdorf. Die Männer setzten sich auf einen großen flachen
Felsen.
»Der Junge, ist er Euer Sohn?«, fragte der Zauberer
ernst.
Rudgarr bestätigte dies. »Ja, Ariac, ich kann es
nicht glauben. Er hatte niemals ein Schwert in der Hand!« Der
stolze
Anführer der Arrowann wirkte vollkommen verwirrt und konfus.
Brogan legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm.
»Manche Kinder werden mit dieser Gabe geboren. Das heißt noch
nicht, dass er einer der Sieben ist. Das wird sich erst
herausstellen, wenn er mit siebzehn Jahren eines der magischen
Schwerter berührt. Wie alt ist der Junge denn?«
»Zwölf«, antwortete Rudgarr, noch immer
fassungslos.
»Ihr wisst, dass er mit uns gehen muss«, sagte der
Zauberer ernst.
Rudgarr nickte und senkte den Blick. Seine langen
Haare fielen über seine Schultern, und trotz der Tätowierungen, die
ihm eigentlich einen wilden Ausdruck verliehen, wirkte er nun
hilflos und verzweifelt.
»Er ist unser einziger Sohn, er sollte mein
Nachfolger werden.«
Brogan nickte, er wusste, wie sich der Steppenmann
jetzt fühlte.
»Das weiß ich. Aber selbst wenn ich ihn hierlassen
würde, was ich nicht darf, würde sich herumsprechen, welche
Begabung Ariac hat.« Brogan blickte Rudgarr ernst an. »Wenn Scurr
ihn in die Finger bekommt, dann wird es ihm sehr schlecht
ergehen.«
Der Clanführer fuhr sich über das Gesicht und
nickte schließlich resigniert.
»Gut, ich werde mit ihm reden. Er wird Euch
begleiten. Ihr habt mein Wort.«
Brogan nickte zufrieden. Das Wort eines
Steppenkriegers zählte etwas. Er kehrte zu den anderen Kriegern
zurück, doch außer Ariac zeigte keines der Kinder Talent zum
Schwertkampf.
Rudgarr sattelte sich eines der zähen
Steppenpferde und machte sich auf die Suche nach seinem Sohn. Erst
in der
Abenddämmerung fand er Ariac, der weit in die Steppe
hinausgeritten war und in der Nähe eines kleinen Baches an einem
Felsen lehnte. Rudgarr stieg ab und ging zu seinem Sohn, der mit
angespanntem Gesicht auf den Bach blickte.
»Ich gehe nicht mit ihnen«, sagte Ariac bestimmt,
bevor sein Vater etwas sagen konnte.
Rudgarr setzte sich neben ihn und betrachtete ihn
nachdenklich. Gerade erst war Ariac vom Jungen zum Jäger geworden.
Er selbst wollte ihn nicht gehen lassen, aber es musste sein.
»Möchtest du, dass die Menschen der Steppe
weiterhin in Freiheit und Frieden leben?«, fragte Rudgarr
ernst.
»Natürlich möchte ich das«, rief Ariac
überrascht.
Rudgarr nickte. »Gut, und glaubst du, dass wir auch
dann noch frei wären, wenn König Scurr und seine finsteren
Geschöpfe an Macht gewinnen?«
»Ich gehe nicht mit dem Zauberer«, wiederholte
Ariac stur.
Rudgarr packte seinen Sohn an den Schultern und
zwang ihn, ihm ins Gesicht zu sehen.
»Ich weiß nicht, was diese merkwürdige Gabe bei dir
zu bedeuten hat, aber falls du einer der Sieben sein solltest, dann
ist es deine Pflicht, alle freien Menschen zu verteidigen!«
Ariac wandte den Blick ab und wollte nichts hören,
doch sein Vater fuhr fort.
»Einige der großen Krieger waren Steppenmenschen,
das weißt du doch. Vielleicht ist es deine Berufung.«
»Ich werde der nächste Anführer der Arrowann, das
ist meine Aufgabe«, erwiderte Ariac wütend. »Ich bin euer einziger
Sohn, ich muss in der Steppe bleiben.«
Rudgarr seufzte und blickte ihn ernst an.
»Das weiß ich, aber darum solltest du dich nicht
sorgen. Es wird sich eine andere Lösung finden.« Rudgarr packte
Ariac fest am Arm. »Falls du nicht der Gesuchte bist, dann kommst
du zurück und kannst immer noch der Anführer der Arrowann
werden.«
»Ich will nicht aus der Steppe fort«, rief Ariac
verzweifelt, und gegen seinen Willen sammelten sich Tränen der Wut
in seinen Augen. Er sprang auf. »Ich kann nicht in festen Häusern
leben und das geregelte Leben eines Kriegers führen, der unter
einem König dient. Ich kann das nicht, und ich will das nicht. Ich
brauche die Freiheit der Steppe!«
Rudgarr erhob sich ebenfalls und packte seinen Sohn
an den Schultern.
»Das verstehe ich, aber es muss ja nicht für immer
sein.«
Ariac schluckte krampfhaft die Tränen herunter und
kämpfte ganz offensichtlich mit sich. »Aber ich bin doch keines von
Thondras Kindern, das kann doch gar nicht sein!«
Rudgarr nahm seinen Sohn in den Arm und sagte:
»Wahrscheinlich bist du es nicht, aber das musst du zunächst
herausfinden.«
»Du … du willst wirklich, dass ich gehe?«, fragte
Ariac und blickte zu seinem Vater auf.
Rudgarr nickte ernst. Auch wenn er es nicht wollte,
in seinem Innersten wusste er, dass Ariac gehen musste. »Die
Zauberer sind keine schlechten Menschen. Es wäre schlimmer, wenn
Scurrs Sucher dich gefunden hätten.«
Ariac straffte die Schultern und nickte resigniert.
Er wollte nicht, aber er würde seinem Vater gehorchen müssen.
Rudgarr ging zu seinem Pferd, und Ariac sagte: »Ich
komme bald nach, ich muss noch ein wenig allein sein.«
Rudgarr widersprach nicht und ritt nachdenklich und
schwermütig zurück zum Lager, wo ihn seine aufgeregte Frau und die
beiden Mädchen empfingen.
»Ariac soll mit den Zauberern gehen?«, fragte Lynn
mit großen Augen.
So gerne sie ihren Bruder immer geärgert und
geneckt hatte, dass er fortging, das wollte sie dann doch nicht.
Auch
Léa kämpfte augenscheinlich schon mit den Tränen, und Thyra
blickte ihren Mann fragend an.
Rudgarr nahm alle drei in den Arm und sagte: »Wenn
er keiner der Sieben ist, wird er in nur fünf Jahren
zurückkehren.«
»Und wenn nicht?«, fragte Léa ängstlich.
»Dann war sein Leben von vornherein
vorherbestimmt.«
Ariac war wie ein Herbststurm über die Steppe
galoppiert und hatte all seine Wut und seine Trauer herausgebrüllt.
Schließlich hielt er mitten auf der nächtlichen und menschenleeren
Steppe an und schrie zum Mond hinauf: »Ich komme wieder! Ich kehre
zurück in die Steppe! Ich bleibe nicht bei den Unfreien!«
Ariac blieb die ganze Nacht verschwunden. Brogan
und seine Krieger machten sich bereits Sorgen, ob er sich
davongemacht hatte. Doch Rudgarr versicherte dem Zauberer immer
wieder, dass Ariac zurückkommen würde.
Noch bis spät in die Nacht wurde überall an den
Lagerfeuern aufgeregt geredet. Es war lange her, dass einer der
Steppenbewohner mit auf die Insel Camasann gegangen war.
»Die Letzte vom Steppenvolk war Nariwa, und das ist
schon tausend Jahre her«, sagte Krommos zu seiner Frau. Sie saßen
nur ein Lagerfeuer von Rudgarr und seiner Familie entfernt.
Diese nickte nachdenklich und blickte mitleidig auf
Thyra, die offensichtlich ziemlich durcheinander war. »Ich bin
froh, dass es keines unserer Kinder ist.«
Krommos legte einen Arm um sie. »Das bin ich auch.
Nawárronn sei gedankt!«
Warga schlich durch das Lager, als sich fast alle
zurückgezogen hatten. Sie stellte sich hinter den Zauberer, der
allein an einem beinahe heruntergebrannten Feuer saß.
»Darf ich mich zu Euch setzen?«
Brogan fuhr herum, er war ganz in Gedanken gewesen.
Er nickte der alten Frau mit den weißen Haaren zu, die eine
Vielzahl geschnitzter Knochen um den Hals trug.
»Ich wusste, dass Ariac gehen wird«, krächzte
sie.
Brogan blickte sie überrascht an und zog die
Augenbrauen zusammen.
»Wirklich?«
Warga nickte und warf ein paar Kräuter ins Feuer,
die einen merkwürdigen Duft verströmten. »Die Sieben sind
wiedergeboren.«
Der Zauberer zuckte wie vom Blitz getroffen
zusammen und starrte die alte Frau an, die leise zu kichern begann
und undeutliches Zeug vor sich hin murmelte.
»Woher wisst Ihr das? Ist Ariac wirklich einer der
Sieben?«
Erneut kicherte Warga leise und blickte den
Zauberer durchdringend an. »Die Runen haben es mir gesagt, aber ob
Ariac einer von Thondras Kindern ist, das weiß ich nicht. Sein
Schicksal ist jedoch mit ihnen verbunden.«
Brogan musterte die alte Frau misstrauisch. Konnte
das wirklich wahr sein? Es gab viele Scharlatane und angeblich
weise Frauen und Hexen, aber nur wenige, die wirklich die Gabe
hatten, aus den Runen lesen zu können.
Die Hexe erhob sich ächzend. »Passt auf ihn auf!
Ariac ist ein Kind der Steppe. Er braucht seine Freiheit, und er
muss an das glauben, für das er kämpft, sonst wird er daran
zerbrechen.«
Brogan nickte nachdenklich, und als er wieder
aufblickte, war die Hexe wie ein Schatten in der Nacht
verschwunden.
Ariac kehrte erst im Morgengrauen zurück.
Schweigend ritt er durch das Lager, während die Steppenleute
allmählich erwachten. Er versuchte die starrenden Blicke der
Menschen
zu ignorieren. Vor dem Zelt seiner Eltern stieg er ab, ging
schweigend hinein und begann, sein weniges Hab und Gut
zusammenzupacken. Den erst vor wenigen Tagen erworbenen Dolch
hängte er sich an seinen Gürtel.
Eine schmale Hand legte sich auf seine Schulter,
und Ariac drehte sich langsam um.
»Du gehst wirklich?«, fragte Léa mit zitternder
Stimme, und aus ihren dunklen Augen flossen ein paar Tränen.
Ariac biss sich auf die Lippe und nickte. »Aber ich
komme zurück, das verspreche ich.«
Léa umarmte ihn lang, bevor auch Lynn, die
ebenfalls mit den Tränen kämpfte, und Ariacs Mutter
dazukamen.
Sie umarmte ihren Sohn und sagte: »Ich bin stolz
auf dich. Du wirst den richtigen Weg finden.«
Rudgarr trat nun ebenfalls ein, nahm sich die Kette
mit der Pfeilspitze ab und hängte sie Ariac um den Hals. »Das ist
das Wahrzeichen unseres Clans, es wird dir Glück bringen.«
Ariac nickte und verabschiedete sich von seiner
Familie. Nur mühsam konnte er die Fassung bewahren. Als er mit
seinem Bündel auf dem Rücken hinaustrat, traf ihn Wargas Blick, und
er funkelte sie wütend an, so als könnte die alte Hexe etwas dafür.
Brogan empfing ihn draußen, lächelte freundlich und legte ihm eine
Hand auf die Schulter.
»Komm jetzt, mein Junge, wir brechen auf.«
Ariac folgte dem Zauberer stumm und mit gesenktem
Kopf durch die Menge, die eine Art Gasse gebildet hatte. Brogan
führte ihn zu dem großen Planwagen, und bevor Ariac einstieg,
blickte er noch einmal auf die staunenden Steppenbewohner und die
endlose, menschenleere Weite dahinter.
Er schluckte und wollte schon einsteigen, als er
plötzlich von weitem Lynns Stimme hörte: »Ariac, du wirst der beste
und stärkste Krieger, den die Länder jemals gesehen haben!«
Einen Moment herrschte Stille, dann hoben die
versammelten
Steppenleute die Fäuste und schrien: »Ariac, Ariac! Nawárronn sei
mit dir!«
Ariac schluckte. Nawárronn, der Gott des Windes –
hoffentlich würde der ihn bald wieder nach Hause bringen.
Schließlich stieg er in den Planwagen ein. Zu seiner Verwunderung
saßen bereits zehn weitere Kinder darin, die Ariac zuvor noch gar
nicht gesehen hatte. Die Jungen in verschiedensten Altersstufen
schauten ihn misstrauisch an. Ariac setzte sich ganz an den Rand,
nahe dem Einstieg und schloss die Augen. Dann setzte sich der Wagen
rumpelnd in Bewegung.
Ein etwas älterer Junge sagte zu dem Jungen neben
sich: »Sieh nur, was für lange Haare er hat, und diese merkwürdigen
Tätowierungen!«
Der andere nickte. »Mein Vater hat immer gesagt,
die Steppenleute seien Wilde, nicht besser als Tiere.«
In den meisten Ländern galten die Clans der Steppe
tatsächlich als minderwertig. Die anderen Menschen, die in Städten
oder Dörfern lebten, konnten die wilden, freien Steppenleute
einfach nicht verstehen.
Ariac hatte die Worte zwar vernommen, reagierte
jedoch nicht darauf. Schon jetzt, in diesem Planwagen, kam er sich
furchtbar eingesperrt vor und hatte das Gefühl, keine Luft zu
bekommen. Er ignorierte die bissigen und verletzenden Kommentare
der anderen Kinder. Schließlich wollte er nur eins, dass die fünf
Jahre schnell vorbeigingen und er wieder zurück nach Hause
konnte.
Viele lange Tage rumpelte der Planwagen über die
Handelsstraße, zunächst nach Gronsdale, wo sich zwei weitere Kinder
zu den anderen gesellten, dann ging es nach Errindale. Die anderen
Kinder sprachen nicht mit Ariac, denn sie fürchteten sich vor ihm
oder verspotteten ihn. Nachdem Ariac einen der größeren Jungen, der
ihn immer wieder ärgerte, verprügelt hatte, hielten sich zumindest
alle von ihm fern.
Der Frühling war in den Sommer übergegangen, als
der Zauberer mit den Kindern in Northfort eintraf. Es war bereits
Nachricht geschickt worden, dass sich alle sechs- bis
siebzehnjährigen Kinder am Schloss versammeln sollten. An diesem
Tag ging ein heftiges Sommergewitter nieder, und Brogan und seine
Krieger hielten im Schutz einiger Felsen an. Die meisten Kinder
drängten sich ängstlich zusammen, nur Ariac stellte sich in den
Regen und breitete die Arme aus. Er hasste die Enge des Planwagens,
da er es gewohnt war zu laufen oder zu reiten. In den Städten und
Dörfern, wo die anderen Kinder getestet wurden, durften sich Ariac
und die anderen sowieso schon nicht zeigen. Brogan fürchtete König
Scurrs Spitzel, die ihm die Kinder vielleicht wegnehmen
würden.
»Es wird nicht einfach mit ihm werden«, sagte einer
der Krieger zu Brogan und deutete auf Ariac, der bereits vollkommen
durchnässt war.
»Das mag sein, aber er hat etwas Ungewöhnliches an
sich«, murmelte der Zauberer. Insgeheim hoffte er, wirklich eines
von Thondras Kindern gefunden zu haben, aber sicher würde er erst
in fünf Jahren sein können. Das Gewitter wütete den ganzen Tag, und
als der Planwagen gegen Nachmittag über die aufgeweichte Straße
rumpelte, lagen immer wieder umgestürzte Bäume auf dem Weg, die
Brogans Krieger mühsam zur Seite räumen mussten. Doch an einer
Stelle waren so dicke und große Eichen auf den Weg gekracht, dass
es ewig gedauert hätte, diese zu beseitigen.
Brogan fluchte und blickte sich um.
»Wir werden auf diesen schmalen Weg ausweichen
müssen und weiter westlich wieder auf den Hauptweg
zurückkehren.«
Der Zauberer sah sehr ungehalten aus über die
Verzögerung, denn er wollte die letzten beiden Königreiche so
schnell wie möglich durchfahren, um wieder auf die Insel
übersetzen zu können. Die Suche nach Kindern war in diesem Jahr
erfolgreicher gewesen als in den letzten. Da hatten sie teilweise
nur zwei oder drei Mädchen und Jungen finden können, die Talent zum
Schwertkampf hatten.
Der Waldweg war teilweise so schmal, dass der Wagen
kaum durchkam. Bis die Sonne sank, ging es durch den Wald, dann
wurde Rast gemacht. Ariac legte sich auf seine Decke nach draußen,
so wie schon die ganzen Nächte zuvor, während die restlichen Kinder
im Planwagen blieben. Ariac lauschte den ungewohnten Geräuschen des
nächtlichen Waldes, der ihm fremd war. In der Steppe war es offen
und übersichtlich gewesen, doch er fühlte sich trotz allem hier
draußen besser als in der Enge des Planwagens, dort glaubte er zu
ersticken. Er blickte auf die sich leise im Wind wiegenden Nadelund
Laubbäume. Immer wieder knackte es, und Ariac hatte vorsichtshalber
seinen Dolch in der Hand, auch wenn die schweigsamen Krieger
zwischen den Bäumen Wache hielten. Kurze Zeit später hörte er leise
Schritte und stützte sich auf die Unterarme. Der Zauberer näherte
sich, setzte sich neben ihn auf den Waldboden und musterte ihn
nachdenklich.
»Wenn die anderen Kinder gemein zu dir sind, musst
du es mir sagen«, verlangte Brogan ernst.
Ariacs Gesicht verschloss sich. »Es macht mir
nichts aus, und ich schlafe gern im Freien«, antwortete er und
starrte weiter in die Nacht.
Brogan nickte ernst. »Ich weiß, dass du nicht gehen
wolltest, aber du wirst sehen, wenn du dich erst auf Camasann
eingewöhnt hast, wirst du Gefallen an der Ausbildung finden.«
Ariacs dunkle Augen blitzten wütend. »Ich werde
mich niemals daran gewöhnen, in einem festen Haus aus Stein zu
wohnen. Sobald fünf Jahre um sind, gehe ich zurück nach
Hause!«
Brogan betrachtete den fremdländischen Jungen
mitleidig.
Es tat ihm selbst weh, Kinder und junge Männer aus ihrem gewohnten
Leben und ihrer Familie zu reißen, aber es musste eben sein.
»Wir werden sehen, Ariac, wir werden sehen«, sagte
der Zauberer, erhob sich und ging, um auf dem unbequemen Kutschbock
zu schlafen.
Ariac legte sich zurück auf die Decken und
versuchte zu schlafen, aber er war viel zu aufgewühlt. Warum war
alles so gekommen? Er konnte es noch immer nicht glauben. Waren die
Visionen und Träume der letzten Zeit doch eine Warnung gewesen?
Nachdem er seinen zwölften Geburtstag gefeiert hatte und somit die
Rituale durchführen durfte, die ihn zum Jäger machten, hatte er
diese merkwürdigen Träume gehabt. Wie alle jungen Männer musste er,
bevor er die Tätowierungen bekam, fünf Tage fasten, alleine in die
Steppe reiten und dort drei Tage verbringen. Dann sollten ihm die
Visionen über sein weiteres Leben erscheinen. Ariac hatte diese
verwirrenden Bilder von Schlachten, Schwertern und Kämpfen gesehen,
obwohl noch keinem Steppenmann jemals Schwerter erschienen
waren.
Auf der anderen Seite hatte er jedoch auch Visionen
gehabt, wie er die Arrowann anführte. Nur diesen Teil hatte er den
Ältesten erzählt und daraufhin seine Tätowierungen erhalten. Ariac
war so verwirrt. Er wusste einfach nicht, warum sein Leben nun so
merkwürdig verlief. Irgendwann schlief er trotz der nächtlichen
Geräusche ein.
Der Morgen begann neblig, aber es versprach ein
warmer und sonniger Tag zu werden. Der Planwagen zog weiter über
die schmalen Wege, und als Brogan endlich meinte, zurück auf den
Hauptweg zu finden, sah er hinter den Bäumen auf einer Lichtung ein
kleines Dorf mit wenigen Hütten. Er hörte Kinderlachen und sah, wie
Erwachsene Gras sensten, während mehrere Kinder im nahegelegenen
Bach planschten.
Diese Kinder sind also nicht zum Schloss
gebracht worden,
dachte er kritisch. Wir sollten uns auch hier ein wenig
umsehen.
Brogan sagte den Kriegern Bescheid, die daraufhin
ins Dorf galoppierten. Die Bauern hielten gaffend mit ihrer Arbeit
ein, und die Kinder starrten mit großen Augen auf die prächtigen
Pferde und die Krieger in ihren Rüstungen und den edlen
Umhängen.
Brogan fragte nach dem Dorfältesten und erläuterte
sein Anliegen. Das Dorf hieß Grintal, und die Bewohner waren nicht
benachrichtigt worden. Sie lebten abseits der Handelsstraße und
bekamen kaum mit, was in Northfort vor sich ging. Sofort wurden
alle fünfzehn Kinder geholt. Brogan fiel auf, dass beinahe alle
strohblond und besonders die Mädchen sehr hübsch waren. Es dauerte
nicht lang und die Kinder waren getestet worden. Keines zeigte
Talent zum Schwertkampf. Dann, ganz zum Schluss, als Brogan bereits
wieder fahren wollte, kam noch ein kleines Mädchen vom Fluss
herauf. Sie war klatschnass, und ihre Haare hingen ihr zottelig ins
Gesicht. Einer der Bauern, Hamaron, machte ein missbilligendes
Gesicht.
»Rijana, wo warst du denn wieder so lange?«
Die Kleine schlug die Augen nieder und musterte
anschließend den großen Auflauf genauer. Noch niemals hatte sie so
prächtige Pferde gesehen, und auch die Krieger waren ihr
fremd.
»Wir sollten auch sie testen«, sagte Brogan und
bedachte die Kleine mit einem freundlichen Lächeln.
»Rijana taugt für gar nichts, nicht einmal für den
Haushalt«, sagte ein etwas älteres, sehr hübsches blondes Mädchen
abfällig und sah dabei reichlich arrogant aus.
Rijana biss sich auf die Lippe und zog die
Augenbrauen zusammen. Ihre älteste Schwester war immer so gemein zu
ihr. Rijana war die jüngste von fünf Mädchen, und sie wusste genau,
dass ihre Eltern auf einen Jungen gehofft hatten,
der ihnen bei der Arbeit auf den Feldern helfen konnte. Außerdem
hielt man ihr immer vor, nicht so hübsch und hellblond wie ihre
Schwestern zu sein. Die behaupteten, sie würde nicht einmal einen
Mann finden und als alte Jungfer sterben. Auch Rijanas Eltern
beachteten sie nicht weiter. Die Kleine war einfach nur ein
weiteres unnützes Maul, das man füttern musste. Trotz allem hatte
Rijana einen Weg gefunden, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Sie
trieb sich häufig allein im Wald herum oder spielte mit den Jungen.
Denen war es gleichgültig, ob sie so hübsch wie ihre Schwestern war
oder nicht. Bei ihnen zählte mehr, ob man auf Bäume klettern oder
von hohen Felsen springen konnte.
»Testet sie«, verlangte Hamaron mit gerunzelter
Stirn. »Wenn wir Glück haben, müssen wir sie nächsten Winter nicht
mehr mit durchbringen.«
Rijana kämpfte mit den Tränen und strich sich die
zotteligen, langen Haare aus dem Gesicht. Dann nahm sie das kleine
Schwert entgegen, das ihr einer der Krieger mit mitleidigem Lächeln
hinhielt. Auch Brogan musterte die schon etwas älteren Bauern
missbilligend. So ging man doch nicht mit seinem Kind um!
Der Krieger begann das kleine Mädchen vorsichtig
anzugreifen. Zunächst wusste Rijana gar nicht, was sie tun sollte,
auch wenn sie hin und wieder zum Spaß mit Stöcken gegen die Jungen
gekämpft hatte. Doch dann begann sie instinktiv richtig abzuwehren.
Sie wich zurück, duckte sich und blockte einige Schläge gezielt
ab.
Brogan hob die Augenbrauen. Die Kleine stellte sich
gut an. Wenn er ehrlich war, war er erleichtert, denn er hätte sie
wahrscheinlich so oder so mitgenommen, um sie von diesen lieblosen
Eltern wegzuholen. In der Schule von Camasann würde sie Lesen und
Schreiben lernen und ein besseres Leben führen können, auch wenn
sie sich nicht als eine der Sieben herausstellte. Allzu oft durfte
er sich solche Sentimentalitäten
natürlich nicht leisten, doch momentan waren ohnehin wenig Mädchen
auf Camasann.
»Gut«, sagte Brogan, »sie kann mit uns
kommen.«
Rijana blickte den alten Mann mit großen,
dunkelblauen Augen an und wusste gar nicht, was sie denken sollte.
Sie warf ihrer Mutter einen hilfesuchenden Blick zu. Doch die Frau
mit den grau durchsetzten blonden Haaren blickte verlegen zur
Seite.
»Pack deine Sachen, Rijana«, befahl ihr Vater und
deutete auf die ärmliche Hütte.
»Ich … ich will aber nicht weg«, sagte die Kleine
weinerlich und biss sich auf die Lippe.
»Na los, jetzt mach schon. Wir können nicht die
Mitgift für fünf Mädchen aufbringen, und dich würde ohnehin niemand
wollen mit deinen schlammfarbenen Haaren«, sagte ihr Vater
abfällig. Nur die Mutter wirkte ein wenig schuldbewusst.
Rijana konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten,
und Brogan schüttelte den Kopf über den ungehobelten Bauern.
Er ging zu der Kleinen hin, kniete sich neben sie
und sagte freundlich: »Dir wird es gut bei uns auf Camasann gehen.
Es sind viele Kinder in deinem Alter dort. Es wird dir
gefallen.«
Rijana schluckte ein paar Mal heftig. Sie wusste,
dass ihre Eltern sie nicht so sehr mochten wie ihre anderen
Töchter, aber Rijana war niemals aus Grintal fortgekommen. Hier
hatte sie ihre Freunde, den Wald und die Tiere. Sie wollte nicht
mit dem fremden alten Mann und den unheimlichen Kriegern gehen.
Doch wie es aussah, blieb ihr keine andere Wahl. Schließlich ging
sie mit hängenden Schultern zu der kleinen Hütte und begann, eine
Decke und ein wenig Essen zusammenzupacken. Dabei wurde sie die
ganze Zeit von ihren Schwestern verspottet. Rijana wusste nicht
einmal, was Camasann war, da sie die Erklärungen des Zauberers
verpasst hatte. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihr die
Legende
der Kinder Thondras zu erzählen. Auch Lesen und Schreiben konnte
sie nicht, doch das konnten ohnehin die wenigsten Bauern.
Schließlich stand sie verloren vor der Hütte, in
der sie neun Jahre lang gelebt hatte. Ihre Mutter umarmte sie
flüchtig und unterdrückte ein paar Tränen.
Ihr Vater blickte sie streng an und sagte: »Und gib
dir Mühe, nicht dass sie dich wieder zurückschicken!«
Rijana schluckte die Tränen herunter und warf noch
einen Blick auf Farak und Nodann, ihre besten Freunde, bevor sie
sich von dem Zauberer zu dem großen Planwagen führen ließ. Sie
kletterte mit ihrem kleinen Bündel hinauf und sah überrascht, dass
weitere Kinder im Inneren saßen. Ganz in der Ecke am Einstieg saß
ein Junge mit langen, schwarzen Haaren und fremden Tätowierungen an
den Schläfen. Zunächst wollte sie zurückschrecken, doch dann sah
sie den verwirrten und traurigen Ausdruck in seinen dunklen Augen.
Es war der gleiche, der auch bei ihr zu sehen war. Kurz flackerten
merkwürdige Szenen vor ihrem inneren Auge auf, so als würde sie
diesen fremden Jungen kennen. Der Moment verschwand jedoch so
schnell wieder, wie er gekommen war. Rijana war verwirrt, und der
Junge wirkte genauso verwundert.
»Komm her, Kleine«, sagte ein Junge aus Balmacann,
der schon lange auf der Reise und daher so eine Art Anführer unter
den Kindern geworden war. »Setz dich zu uns! Mit dem Wilden
brauchst du dich nicht abzugeben.«
Ariac bekam sofort wieder einen wütenden
Gesichtsausdruck. Merkwürdigerweise hatte Rijana jedoch keine Angst
vor dem tätowierten Jungen. Stumm setzte sie sich ihm gegenüber und
umklammerte ihr kleines Bündel.
Der große Junge stand seufzend auf, stellte sich
vor Rijana und sagte: »Jetzt komm schon, setz dich zu uns.«
Doch Rijana schüttelte stur den Kopf. Sie war
vollkommen durcheinander. Geräuschvoll setzte sich der Wagen in
Bewegung
und fuhr weiter durch Northfort. Das Land war fruchtbar mit vielen
kleinen Flüssen, ausgedehnten Wäldern und zwischendrin immer wieder
Weide- und Ackerland. Bald hatten Brogan und seine Leute wieder den
Hauptweg erreicht. Sie fuhren an kleinen Dörfern und Städten
vorbei, doch offensichtlich waren hier alle älteren Kinder zum
Schloss geschickt worden. Rijana blieb für sich. Sie wusste noch
immer nicht, wohin sie eigentlich gebracht wurde. Sie war ebenso in
sich gekehrt und verschlossen wie Ariac, der nach wie vor in einem
Eck des Planwagens saß und vor sich hin brütete.
An einem Tag, die Gruppe war schon mehrere Tage die
Handelsstraße entlanggefahren, ohne dass sie auf weitere Dörfer
gestoßen waren, wurde am Abend abseits der Straße auf einer Wiese
Halt gemacht. Brogan verteilte das Essen. Es war nicht mehr viel
übrig und wurde daher rationiert.
»Ich denke, wir werden bald auf ein Dorf treffen.
Für heute muss das reichen, was es noch zu essen gibt«, sagte der
Zauberer und setzte sich anschließend wieder zu den anderen
Kriegern.
Morac verzog das Gesicht. Er war einer der ältesten
Jungen und für seine fünfzehn Jahre schon ziemlich groß. Er hatte
ein kantiges, unsympathisches Gesicht, und da er aus Balmacann kam,
dem größten der Königreiche, hielt er sich wohl für etwas
Besseres.
»Das reicht mir nicht«, knurrte er und nahm einem
kleinen, dicklichen Jungen mit roten Haaren, der sich nicht wehrte,
sein Brot ab. Anschließend ging er zu Rijana, die wie immer etwas
abseits saß.
Sie knabberte mit traurigem Gesicht an einer
Scheibe Brot und etwas Käse herum. Plötzlich stand Morac in seiner
ganzen Größe vor ihr.
»Du brauchst das nicht, du bist sowieso klein«,
sagte er und entriss ihr das Brot.
Die anderen Jungen johlten begeistert. Sie hatten
sich mit
Morac gutgestellt, da er der Kräftigste und ihr Anführer war.
Rijana riss zunächst erschrocken die Augen auf, doch dann wurde sie
wütend. Sie sprang auf, trat dem überraschten Morac gegen das Knie
und nahm sich ihr Brot zurück.
»Das gehört mir!«
Morac, der zunächst sein Knie umklammerte und leise
fluchte, lief knallrot an. Sein grobes Gesicht verzerrte sich vor
Wut. Er ging auf das wesentlich kleinere Mädchen los und verpasste
Rijana eine gewaltige Ohrfeige. Die Kleine wehrte sich wirklich
tapfer, doch gegen den größeren und älteren Jungen hatte sie
selbstverständlich keine Chance. Gerade wollte Brogan eingreifen,
der erst jetzt mitbekam, was ablief, doch da sprang ein Schatten
auf Morac zu. Ariac, der weiter entfernt an einem Baum gelehnt
hatte, ging auf den größeren und breiter gebauten Jungen los und
verprügelte ihn nach allen Regeln der Kunst, bis Morac mit blutiger
Nase und einer Platzwunde an der Stirn auf dem Boden lag. Der
Steppenjunge stand mit wutverzerrtem Gesicht über ihm.
»Was bist du nur für ein verfluchter Feigling?«,
sagte er mit vor Zorn bebender Stimme. »Du kannst doch nicht einem
kleinen Mädchen das Essen wegnehmen!« Ariac beugte sich zu dem nun
ziemlich ängstlich dreinschauenden Morac hinunter, der weiter fort
kroch. »Fass sie noch einmal an, und du wirst den Tag verfluchen,
an dem du geboren wurdest.«
Damit nahm Ariac das Brot und den Käse, lief zu
Rijana hinüber, die sich inzwischen aufgerappelt hatte, und gab es
ihr. Dabei warf er Morac noch einen bitterbösen Blick zu.
Der Junge erhob sich schwerfällig und schlich
beschämt davon.
Brogan und die Krieger hatten das alles aus der
Ferne beobachtet.
»Ariac hat das Herz am rechten Fleck«, sagte Brogan
beeindruckt, und die Krieger nickten.
»Wenn wir seine Wildheit noch ein wenig zähmen
können, wird er ein guter Krieger werden.«
Rijana sah mit großen Augen zu dem Steppenjungen
mit den langen Haaren und den Tätowierungen auf, der ihr das Brot
und den Käse hinhielt.
»Danke«, stammelte sie.
Ariac nickte und setzte sich neben sie. Er wischte
ihr das Blut von der Lippe. »Wenn dir dieser Feigling noch mal zu
nahe kommt, dann sag es mir, ja?«
Sie nickte und schenkte Ariac ein Lächeln. »Wie
heißt du?«
»Ariac«, antwortete er, und wieder hatte er ganz
kurz das komische Gefühl, die Kleine zu kennen, so wie an dem Tag,
als sie zu ihnen gestoßen war.
»Ich heiße Rijana.« Sie biss in ihr Brot und hielt
Ariac den Rest hin, doch der schüttelte den Kopf.
Ariac blickte zu den anderen Kindern hinüber, die
sich um Morac versammelt hatten, der abfällig über »den
unzivilisierten Wilden« schimpfte.
»Warum hast du dich nicht Morac und den anderen
angeschlossen?«, fragte Ariac mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wenn
du zu ihnen gehören würdest, ließen sie dich sicher in Ruhe.«
Rijana schüttelte den Kopf. »Ich mag sie nicht. Sie
sind gemein.«
Ariac nickte, dann schaute er die Kleine ernst an:
»Wenn du möchtest, dann beschütze ich dich. Es sei denn, du magst
auch keine Steppenleute.«
Rijana dachte kurz nach: »Außer dir kenne ich keine
Steppenleute, und du hast mich vor diesem Blödmann gerettet, also
mag ich dich.«
Das erste Mal, seitdem er von seinem Clan
fortgegangen war, lächelte Ariac. »Wir sind wohl beide ein wenig
anders als die anderen.«
Rijana nickte und schlang die Arme um die
Beine.
»Weißt du, wo wir hingehen?«
Ariac sah sie überrascht an. »Natürlich. Weißt du
es nicht?«
Sie schüttelte beschämt den Kopf, und Ariac begann,
sie über die Insel Camasann, die Zauberer und die Kinder Thondras
aufzuklären. Rijanas Augen wurden immer größer. Sie kannte die
ganzen Geschichten nicht und konnte kaum glauben, dass Brogan
denken könnte, sie wäre eine der Sieben.
»Haben deine Eltern dir keine Geschichten
erzählt?«, fragte Ariac verwirrt.
»Nein, sie mögen mich nicht, weil ich kein Junge
bin«, antwortete sie traurig.
»Warum das denn?« Ariac zog die dunklen Augenbrauen
zusammen. »Bei uns Steppenleuten sind Mädchen sehr wichtig. Auch
sie können Kriegerinnen werden und sind der größte Reichtum eines
Clanführers.«
»Dann wäre ich wohl lieber in der Steppe geboren
worden«, seufzte Rijana. Sie schlug die Augen nieder und meinte
traurig: »Meine Eltern haben gesagt, sie könnten mich wohl nicht
mal loswerden, wenn ich älter bin, weil ich nicht so hübsch bin wie
meine Schwestern. Sie haben alle wunderschöne, goldblonde Haare,
und ich«, sie schniefte leise, »ich bin überhaupt nicht
hübsch.«
Ariac schüttelte den Kopf und strich dem kleinen
Mädchen die Haare aus dem Gesicht.
»Sicher bist du hübsch«, sagte er bestimmt. »Deine
Haare haben die Farbe der Steppe im Herbst, wenn die Sonne auf das
hellbraune Gras fällt. Der Herbst ist meine liebste Zeit, wenn der
Wind durch das Gras fährt und man mit dem Sturm um die Wette
galoppieren kann.«
Sie lächelte zu ihm auf, so etwas hatte noch nie
jemand zu ihr gesagt.
»Sind wir jetzt Freunde?«, fragte sie
unsicher.
Ariac nickte ernst. »Wenn du möchtest, für den Rest
unseres Lebens.«
Das kleine Mädchen aus Northfort nickte begeistert,
und Ariac zögerte kurz, dann nahm er seine lederne Halskette mit
der Pfeilspitze ab und hängte sie Rijana um den Hals.
»Hier, die soll dich beschützen.«
Sie betrachtete die Kette fasziniert, dann sprang
sie auf, rannte zum Planwagen und kam kurze Zeit später mit einem
Kieselstein zurück, der wie ein Adlerkopf geformt war.
»Und der Stein soll dich beschützten. Ich habe ihn
an einer heiligen Quelle gefunden.«
Die beiden lächelten sich an und waren von nun an
die besten Freunde. Die anderen Kinder waren in den folgenden Tagen
noch gemeiner zu ihnen und beschimpften Rijana, dass sie sich mit
einem tätowierten Wilden abgab. Doch weder Rijana noch Ariac
machten sich etwas daraus. Ariac erzählte Rijana häufig von seiner
Kindheit in der Steppe. Er sprach mit so viel Begeisterung von den
Menschen dort, den endlosen Weiten und den wilden Pferderennen,
dass Rijana beinahe das Gefühl hatte, alles selbst erlebt zu
haben.
Morac war noch wütender auf Ariac und versuchte
immer wieder heimtückisch, ihm eins auszuwischen. Einmal
verhinderten nur Brogan und die Krieger, dass die Jungen gemeinsam
auf Ariac losgingen.
Nach drei weiteren Tagen hatten sie das Schloss
von Northfort erreicht. Zwei Krieger wurden zum Schutz bei den
Kindern zurückgelassen, und der Zauberer ritt mit den restlichen
Männern hinauf zum Schloss, wo eine ganze Reihe Kinder getestet
wurde. Die Prozedur dauerte drei Tage, und am Ende hatte Brogan nur
einen einzigen kleinen Jungen mitgebracht. Erneut reisten sie durch
das Land, und bald wurde die Grenze zu Catharga überschritten. Hier
war alles noch wesentlich
gepflegter. Es gab größere Städte am Rande der Handelsstraße, doch
hier musste Brogan keine Kinder suchen. Sein Schwertbruder Flordis,
der mit ihm zusammen aufgebrochen war, hatte schon alle Dörfer und
Städte Cathargas nach geeigneten Kindern abgesucht. Er war sicher
schon zurück in Camasann. Der Sohn des Königs von Catharga,
Falkann, war schon seit über neun Jahren auf der Zaubererinsel zur
Ausbildung. Er war ein guter und tapferer junger Mann, auf den alle
im Königreich sehr stolz waren. Sollte sich herausstellen, dass er
keiner der Sieben war, würde er wohl der nächste König
werden.
Der Planwagen holperte weiter über das Land, und
sie wurden immer wieder von Händlern, Reisenden zu Pferd und
Adligen überholt. Rijana bestaunte das alles ebenso wie Ariac. Sie
war nie aus ihrem Dorf herausgekommen, hatte niemals eine Stadt,
ein Gasthaus oder die großen, prächtigen Kutschen der Adligen
gesehen. Auch Ariac fand das alles befremdlich und auch ein wenig
bedrohlich. Doch Rijana machte alles ein wenig erträglicher. Die
beiden wurden wirklich gute Freunde und vertrauten sich schon nach
kurzer Zeit.
In den nächsten Tagen sollten sie die Meerenge
überqueren, die Catharga mit Balmacann verband. Es handelte sich um
eine riesige steinerne Brücke, die über das Meer gebaut worden war.
Anschließend würde es durch Balmacann auf die Insel Camasann gehen,
wo alle Kinder mit ihrer Ausbildung beginnen würden.
Es war ein warmer Frühsommertag. Der Planwagen
hatte gerade neben der Straße gehalten. In der Nähe war ein lichter
Wald, in dem die Kinder Beeren gesammelt hatten. Brogans Krieger
begannen gerade, die Lagerfeuer zu entzünden, als man das donnernde
Geräusch vieler galoppierender Hufe auf der nahen Handelsstraße
hörte. Der Zauberer, der gerade im Wald war, um Kräuter zu sammeln,
bekam davon nichts mit, doch die Krieger erhoben sich alarmiert und
zogen ihre
Schwerter. Plötzlich erschien auf der Straße eine Gruppe von
fünfundzwanzig Männern. Alle hatten kurzgeschorene Haare, sehr
harte, grimmige Gesichter und trugen blutrote Umhänge. Ihnen voran
ritt ein mittelgroßer Mann mit einem vernarbten, breiten Gesicht.
Seine Augen konnte man nur als grausam und böse bezeichnen. Sein
mit borstigen Stoppeln bedecktes Gesicht verzerrte sich zu einer
Art Grinsen. Er bedeutete seinen Männern, sich um Brogans Krieger
herum zu verteilen, die reichlich verunsichert wirkten. Zwar waren
sie eine Elite von Kämpfern, aber gegen diese Übermacht hatten sie
keine Chance, schon gar nicht, wenn der Zauberer nicht gleich zu
Hilfe kam.
»Wie ich sehe, habt ihr eine ganze Menge
Nachwuchs«, sagte der grobschlächtige Mann und deutete auf die
Kinder, die mit großen Augen zu ihnen hinübersahen. Sein Name war
Worran, er war der Hauptmann von König Scurr und gleichzeitig der
Ausbilder von Naravaack. Er war bei seinen Leuten gefürchtet und
gehasst zugleich, denn er war grausam, hinterhältig und galt als
unbesiegbar.
»Was wollt ihr?«, fragte Adeon, einer von Brogans
Männern, so bestimmt wie möglich.
»Das weißt du doch«, erwiderte Worran gelangweilt.
»Ergebt euch, und überlasst uns die Kinder, dann lassen wir euch am
Leben.«
Adeon umgriff sein Schwert fester, seine Hände
waren bereits feucht. Er wusste, dass Worran sie keineswegs am
Leben lassen würde. Hoffentlich würde der Zauberer gleich kommen,
so lange mussten sie durchhalten.
»Wir können euch die Kinder nicht geben, das weißt
du ganz genau.«
Worran schüttelte den Kopf und meinte
achselzuckend: »Dann wirst du eben sterben.«
Er machte seinen Männern ein Zeichen, und die
begannen ohne weitere Vorwarnung auf Adeon und seine Freunde
loszugehen.
Drei von Worrans Soldaten näherten sich den Kindern, die
verängstigt am Planwagen standen.
Ariac, der wie immer mit Rijana ein wenig abseits
gesessen hatte, packte seinen Dolch und sagte nervös zu ihr: »Lauf
in den Wald, und versteck dich! Ich weiß zwar nicht, was das hier
soll, aber es sieht nicht gut aus.«
Sie riss ängstlich die Augen auf und drückte sich
an Ariac heran. Sie wollte nicht ohne ihn gehen. »Kannst du nicht
mitkommen?«
Er schüttelte den Kopf und deutete auf die Bäume.
»Ich muss Brogan und den anderen helfen. Ich hole dich später, aber
komm nicht zurück, bis diese Rotmäntel fort sind.«
Rijana schluckte und nickte schließlich. Ariac
umarmte sie kurz, dann rannte er mit seinem kleinen Dolch bewaffnet
auf den Planwagen zu. Rijana warf ihm währenddessen noch einen
verzweifelten Blick zu, dann lief sie, so schnell ihre kurzen Beine
sie trugen, zum nahen Wald und versteckte sich in einem Gebüsch.
Sie hatte Angst um Ariac. Weit entfernt hörte sie das Klirren von
Schwertern, die aufeinanderschlugen, und immer wieder
Schreie.
Adeon und seine Freunde kämpften tapfer gegen die
Übermacht, aber sie hatten einfach keine Chance. Worran und seine
Männer schlugen gnadenlos zu und scheuten sich auch nicht, zu fünft
auf einen Einzelnen loszugehen. Als alle von Brogans Kriegern tot
waren, wandten sie sich den verängstigten Kindern zu. Kaum eines
wehrte sich, bis auf Ariac, der von hinten auf Worran losstürzte
und diesem seinen Dolch in die Schulter trieb. Der grobschlächtige
Hauptmann schüttelte den Steppenjungen ab und versetzte Ariac eine
Ohrfeige, die ihm beinahe das Genick gebrochen hätte.
»Du kleine Ratte!«, schrie Worran außer sich und
trat Ariac, der am Boden lag, in die Rippen. »Was soll das? Meinst
du
vielleicht, du kannst mich besiegen?« Der Mann lachte böse und zog
Ariac an seinem Hemd wieder hoch. »Es wird mir ein Vergnügen sein,
dir zu zeigen, was Respekt heißt.«
Ariac kämpfte, um freizukommen, doch gegen Worran
hatte er keine Chance. Schließlich wurde er ebenso gefesselt und
geknebelt wie die anderen Kinder und genau wie sie über die Sättel
von König Scurrs Soldaten geworfen. Im Galopp entfernten diese sich
und hinterließen ein Bild des Schreckens. Tote Krieger, ein
brennender Planwagen und Blut, soweit das Auge reichte.
Brogan kam zu spät. Er hatte zwar von weitem
Kampflärm gehört, doch bis er eintraf, war alles vorüber. Er fand
nur noch die Leichen der fünf Krieger vor. Entsetzen überflutete
ihn. Diese jungen Männer hatte er viele Jahre lang gekannt. Er
selbst hatte sie ausgebildet, hatte sie vom Jungen zum Mann
heranwachsen sehen. Und nun lagen sie tot auf der Erde. Die Kinder
waren verschwunden. Brogan setzte sich auf den Boden und stützte
den Kopf in die Hände. Er wusste, wer dahintersteckte. Den Kindern
würde es nun sehr schlecht ergehen. Sie würden nach Ursann gebracht
werden, auf die Ruine der Burg Naravaack, im Tal der
Verdammten.
Plötzlich zupfte den Zauberer etwas am Ärmel. Er
fuhr erschrocken herum. Es war das kleine Mädchen, das mit großen
Augen auf die toten Männer blickte.
»Du meine Güte, Rijana, wo kommst du denn her?«,
fragte Brogan überrascht, aber er war unendlich froh, dass
zumindest sie noch hier war.
Doch die Kleine reagierte gar nicht auf seine
Frage.
»Ariac?«, fragte sie mit zitternder Stimme, und
Tränen traten ihr in die Augen. »Wo ist er?«
Brogan nahm das Mädchen in den Arm. »Es tut mir
leid, aber die Blutroten Schatten haben ihn mitgenommen. Er wird
nach Ursann gebracht.«
Rijana wusste nichts von Ursann oder von
irgendwelchen Blutroten Schatten. Sie wusste nur, dass ihr einziger
und bester Freund, den sie noch hatte, nicht mehr hier war. Sie
schluchzte verzweifelt und vergrub ihr Gesicht an Brogans kräftiger
Schulter.
»Aber – er – hat doch gesagt«, weinte sie, »dass er
mich holt – und – dass er mich beschützt.«
Brogan streichelte der Kleinen traurig über den
Kopf. »Das hätte er sicher getan, aber jetzt kann er das leider
nicht mehr.«
Rijana weinte nun hemmungslos. Brogan war
erschüttert. Sosehr ihm alle Kinder leidtaten, aber um Ariac machte
er sich die meisten Gedanken. Der wilde Steppenjunge würde
Schlimmes ertragen müssen, bis Scurr oder Worran seinen Willen
gebrochen hatten.
Hoffentlich ist er keiner der Sieben, dachte
Brogan und sandte ein stummes Gebet zu Thondra, dem Gott des
Krieges, der so lange geschwiegen hatte.
Brogan wartete, bis sich Rijana etwas beruhigt
hatte, dann sagte er traurig: »Ich muss meine Freunde verbrennen.
Leider ist das Meer zu weit weg.«
»Wieso?«, fragte Rijana und wischte sich über die
Augen.
»Weil wir die Toten auf ein Boot legen und dieses
dann auf dem Meer verbrennen. So wird ihr Geist auf die letzte
Reise geschickt. Da sie als Krieger gestorben sind, werden sie
Einlass in Thondras Hallen finden.«
Rijana nickte ernst, obwohl sie das alles wohl noch
nicht ganz verstand.
Brogan begann trockenes Holz zu sammeln, und das
Mädchen half ihm dabei. Anschließend zerhackte der Zauberer auch
den zerstörten Planwagen. Scurrs Männer hatten auch die Pferde
verjagt. Dann begann er Holz aufzuschichten. Anschließend legte er
die toten Krieger auf den Holzhaufen, murmelte einen Segen, der sie
auf ihre letzte Reise schicken
sollte, und entzündete mit einem Blitz aus seinem langen, mit
Runen verzierten Zauberstab das Feuer.
Rijana riss die Augen auf. Sie hatte noch nie
jemanden zaubern gesehen.
Der alte Mann legte seinen Arm um das kleine
Mädchen, und sie sahen zu, wie das Feuer ganz allmählich
herunterbrannte.
»Sind sie jetzt in Thondras Hallen?«, fragte sie
mit großen Augen.
Brogan nickte ernst. »Ja, und eines Tages werden
sie vielleicht wiedergeboren.«
»Aber ich dachte, nur Thondras Kinder werden
wiedergeboren?«, fragte sie verwirrt.
Brogan schüttelte den Kopf. »Nein. Auch andere
Menschen werden wiedergeboren, aber unbemerkt, da sie oft keine
besonderen Taten vollbringen und sich an ihr früheres Leben nicht
erinnern können.«
Rijana nickte, obwohl sie sich das kaum vorstellen
konnte.
Anschließend machten sich die beiden zu Fuß auf die
Reise. In einem der nächsten Dörfer kaufte der Zauberer ein Pferd
und ritt gemeinsam mit Rijana weiter durch das Land. Die Kleine
machte sich immer wieder Gedanken um ihren Freund Ariac.
Eines Abends am Lagerfeuer, Brogan hatte ein
Rebhuhn erlegt, fragte sie unschuldig: »Werde ich Ariac eines Tages
wiedersehen, wenn er seine Ausbildung beendet hat?«
Brogan schluckte, und ein dicker Kloß bildete sich
in seiner Kehle. Er sah die Kleine nachdenklich an, die so
hoffnungsvoll zu ihm aufblickte.
»Das weiß ich nicht, mein Kind, wir werden
sehen.«
Stumm fügte er hinzu: Mögen alle Mächte des
Lichts das verhindern, denn wenn der Junge seine Ausbildung beendet
hat, wird er ein grausamer und gnadenloser Krieger sein.
Rijana nickte traurig und spielte an der Kette mit
der
Speerspitze herum, die Ariac ihr geschenkt hatte. Sie vermisste
ihn schon jetzt und hoffte, dass es ihm gut gehen würde.
Ariac und die anderen Jungen waren von Worran und
seinen Soldaten rasch fortgebracht worden. Nachdem sie in den
dichten Wäldern Cathargas verschwunden waren, wurden die Jungen
gefesselt und mussten fortan hinter den Pferden herlaufen. Worran
hatte Ariac grün und blau geschlagen, weil dieser die Frechheit
besessen hatte, ihn anzugreifen. In Ariac brodelte der Hass. Er
wollte einige Male flüchten, doch die Kinder wurden schwer bewacht,
und eine missglückte Flucht hatte ihm nur weitere blaue Flecken
eingebracht. Ariac machte sich Gedanken um Rijana. Er hoffte, dass
Brogan sie gefunden hatte.Viele Tage reisten sie durch die Wälder
und nur bei Nacht über offenes Land. Worran und die Soldaten
trieben die Jungen gnadenlos an, gaben ihnen nur wenig zu essen und
gönnten ihnen kaum Schlaf. Die meisten hatten sich mittlerweile
ihrem Schicksal ergeben, nur Ariac sann auf Rache. Er würde
verschwinden, koste es, was es wolle. Doch er hatte keine Chance.
Nach vielen langen Tagen durch die Wälder und an den großen Seen
des Landes vorbei, erreichten sie das hohe und karge Gebirge von
Ursann. Worran und seine Männer ritten auf verborgenen Pfaden durch
das unwirtliche, nur von Schlangen und unberechenbaren Tieren
bewohnte Gelände. Die Gruppe drang immer tiefer in die Berge vor,
und es gab kaum noch Wasser. Die Soldaten gaben den Jungen
selbstverständlich nichts ab, und nur die, die sich mit Worran gut
stellten, wie es zum Beispiel Morac tat, bekamen ein wenig zu
essen. Ariac war es von der Steppe gewohnt, einige Tage ohne Wasser
oder Essen auszukommen. Er erniedrigte sich nicht vor dem
widerwärtigen Anführer der Krieger, indem er ihn um etwas zu
trinken anflehte, was dessen Hass auf den Steppenjungen noch mehr
anstachelte.
Worran liebte es, wenn seine Untergebenen vor ihm krochen und um
Gnade bettelten.
Endlich erreichte die kleine Gruppe über einen Pass
ein Tal voller Geröll, welches von den Bergen heruntergestürzt war.
Auf einer Anhöhe stand die unheimliche, finstere Ruine einer Burg,
und rundherum waren Gräber zu sehen, auf denen Totenköpfe
steckten.
»Hier, jetzt seht ihr, was mit denen passiert, die
sich nicht fügen«, rief Worran mit einem bösen Lachen, das von den
hohen Bergen widerhallte und dadurch noch unheimlicher klang.
Ariac ließ sich nicht beeindrucken, er sah sich um
und erblickte eine Reihe von Kriegern, die in den Felsen rund um
die Ruine Wache hielten. Auch hier würde es nicht leicht sein zu
entkommen. Ein Soldat mit kurzgeschorenen Haaren stieß ihn in den
Rücken, und Ariac stolperte weiter, den Berg hinauf auf die
finstere Ruine zu. Auch den Weg nach oben säumten Totenköpfe auf
Pfählen. Einer der kleineren Jungen fing an zu weinen und bekam
umgehend eine Ohrfeige verpasst.
»Hier wird nicht geflennt, werdet endlich zu
Männern!«, knurrte der Soldat.
Durch einen halb verfallenen Torbogen erreichten
sie einen Burghof, in dem ein Brunnen zu sehen war. Eine Gruppe von
fünfzehn älteren Jungen trainierte gerade Schwertkampf, und ein
Soldat schrie ihnen Befehle zu.
»Wascht euch, und versucht ein wenig würdiger
auszusehen, bevor ihr vor König Scurr tretet«, knurrte Worran, dann
grinste er hinterhältig. »Wer versucht zu fliehen, der gesellt sich
zu den Totenköpfen dort draußen, mal abgesehen davon, dass die Orks
und Trolle des Ursann-Gebirges euch ohnehin zerreißen
würden.«
Ariac betrachtete angewidert den Ausbilder mit dem
narbigen Gesicht. Besser ein paar Orks als du, dachte Ariac
und hielt Worrans Blick stand.
Erleichtert tranken Ariac und die anderen Jungen
aus dem Brunnen, anschließend säuberten sie sich, so gut es ging.
Wenig später kamen zwei Soldaten in roten Umhängen und führten sie
in einen noch gut erhaltenen Saal. Dort mussten sich die Jungen
schwarze Kleidung anziehen und sich in einen blutroten Umhang
hüllen. Ariac wurde zu Boden geschlagen, als er versuchte, sich
dagegen zu wehren. Schließlich hielten ihn zwei Soldaten fest,
während ein dritter ihn mit Gewalt auszog. Im letzten Moment
schaffte er es noch, Rijanas Stein aus seinen Kleidern zu
retten.
»Du wirst auch noch lernen, dich unterzuordnen«,
sagte ein Soldat, der gerade erst das Mannesalter erreicht
hatte.
Ariacs Augen sprühten Funken, doch noch schlimmer
wurde es, als Worran erneut hereinkam, die Jungen einzeln vortreten
ließ und ein weiterer Soldat ihnen die Haare bis auf kurze Stoppeln
abschnitt.
Ariac, der sich erneut heftig wehrte, wurde von
zwei großen Soldaten nach vorne gezerrt. Worran grinste
hinterhältig und nahm eine von Ariacs langen, dunklen Strähnen in
die Hand.
»Dich verlausten Wilden werden wir auch noch zu
einem Krieger machen.«
»Ich bin ein Krieger«, schrie Ariac wild und
versuchte sich aus dem eisernen Griff der Soldaten zu befreien, die
nur zynisch lachten.
Worran schnitt Ariac den rechten Zopf ab, während
der Junge vergeblich darum kämpfte freizukommen. Schließlich
schaffte er es, Worran den Fuß in die Weichteile zu treten, als die
anderen Soldaten nicht aufpassten. Daraufhin versetzte Worran Ariac
wütend einen Schlag mit dem Knauf seines Schwertes auf den Kopf,
sodass Ariac bewusstlos zu Boden ging.
Worran stieß Ariac verächtlich mit dem Fuß an.
»Schert ihm die Haare und bringt ihn in die große Halle, wenn er
wieder bei Bewusstsein ist.«
Die Soldaten verbeugten sich gehorsam und begannen
dem Steppenjungen die dicken, hüftlangen Haare abzuschneiden.
Ariac blinzelte. Sein Kopf dröhnte, und das helle
Licht tat seinen Augen weh, doch bevor er ganz zu sich kam, wurde
er auch schon brutal in die Höhe gerissen. Ein älterer Soldat mit
hartem Gesichtsausdruck zog ihn nach oben.
»Los, lauf, du Stück Dreck, König Scurr will dich
sehen.«
Ariac schüttelte sich ein wenig, dann fuhr seine
Hand zu der Beule an seinem Kopf. Er zuckte erschrocken zurück.
Seine Haare waren abgeschnitten und nun nicht einmal mehr eine
Fingerbreite hoch.
»Was habt ihr mit mir gemacht?«, schrie er wütend
und blieb stehen. Für einen Arrowann waren die langen Haare und die
Zöpfe ein Zeichen von Ehre – ein Zeichen, ein stolzer und
unbezwingbarer Krieger zu sein.
»Wir haben aus dir einen zivilisierten Menschen
gemacht«, antwortete der Soldat verächtlich und schubste Ariac
voran, der vollkommen entsetzt war. »Schade, dass wir diese
scheußlichen Zeichen neben deinen Augen nicht wegbekommen.«
Ariac schloss die Augen. Das konnte doch alles nur
ein böser Traum sein. Er hatte es bereits als Strafe empfunden, mit
Brogan gehen zu müssen, doch was jetzt passierte, war wirklich
schrecklich. Ariac wurde in einen großen Raum geführt, in dem ein
riesiger Thron in der Mitte stand, auf dem ein großer, hagerer Mann
saß. Dieser betrachtete mit stechendem Blick die Kinder, die in
einer Reihe vor ihm aufgestellt standen und nicht wagten, sich zu
rühren. König Scurr war zwar erst Anfang vierzig, doch er wirkte
älter und geisterhafter mit seinem ausgemergelten Gesicht und den
unheimlichen, tief in den Höhlen liegenden Augen, unter denen
dunkle Schatten zu sehen waren. Trotzdem ging etwas Magisches von
ihm aus. Niemand konnte den Blick abwenden.
Ariac wurde in die Reihe neben die anderen Jungen
gedrängt.
Ein Junge aus Catharga, der wohl etwa in Ariacs Alter sein musste,
stand zitternd neben ihm. Ariac sah, dass der Junge augenscheinlich
mit den Tränen kämpfte. König Scurrs Blick fiel auf Ariac, der
seine ganze Willenskraft brauchte, um diesem standzuhalten. Die
Augen des Königs schienen ihn zu durchdringen und zu fesseln. Sie
hatten keine eindeutige Farbe, und für einen Augenblick sah man nur
ewige Finsternis, die alles zu verschlingen drohte.
»Ein Steppenjunge, wie interessant«, sagte der
König mit einer leisen Stimme, die geisterhaft durch den Saal
hallte. Er erhob sich von seinem Thron und stand in seiner ganzen
Größe auf dem Podest.
»Er hat uns einigen Ärger bereitet«, knurrte
Worran, der neben seinem Herrn stand und die Finger knacken ließ.
»Es wird mir eine Freude sein, ihn zu Eurem treuen Diener zu
machen.«
Ariac blickte den finsteren König mit
bewundernswerter Unerschrockenheit an, während er sich schwor:
Ich werde niemals dein Diener sein!