KAPITEL 14
Die Vision
Seit vier Tagen war Rijana nun schon in dem
Tal. Beinahe hatte sie die Hoffnung schon aufgegeben, noch eine
Vision zu erhalten. An diesem Abend versuchte sie ganz bewusst,
Gedanken und Befürchtungen aus ihrem Geist zu verbannen, trank ein
paar Schlucke von dem Trank und blickte in den sich rötlich
färbenden Himmel.
Sie wusste nicht genau, ob sie eingeschlafen war
oder nicht, aber plötzlich sah sie ein Schlachtfeld mit Männern in
roten Umhängen. Anschließend sich selbst, Ariac, Saliah, Rudrinn
und die anderen. Dann folgten das Bild eines ausbrechenden Vulkans
und das von einer riesigen Flutwelle, die mehrere Städte
fortspülte. Rijana sah Menschen, Zwerge und Elfen und andere Wesen
gemeinsam gegen Orks, Trolle und sonstige Ausgeburten der
Finsternis kämpfen. Dann erschien plötzlich ein gigantischer Adler,
der einen Schrei ausstieß und seine Flügel über alle Länder
ausbreitete.
Rijana riss die Augen auf. Sie war schweißgebadet.
Plötzlich beruhigte sich alles wieder vor ihrem inneren Auge, und
es war stockdunkel in dem kleinen Tal. Lenya döste friedlich nicht
weit von ihr entfernt. Rijana stand schwankend auf und stolperte zu
dem kleinen Bach. Sie kühlte ihr Gesicht mit dem kalten Wasser, das
sie wieder ein wenig in die richtige Welt zurückbrachte. Das musste
wohl eine Vision gewesen sein, aber was sie bedeuten sollte, wusste
Rijana nicht. Noch in der Nacht packte sie ihre wenigen Sachen
zusammen,
schwang sich auf ihr Pferd und ritt zurück zu Leá. Im Morgengrauen
erreichte Rijana den Lagerplatz. Die hübsche schwarzhaarige
Steppenfrau sprang auf, als Rijana mit Lenya angetrabt kam.
»Und hattest du eine Vision?«, fragte sie
aufgeregt.
Rijana nickte müde und ließ sich vom Pferd sinken.
Leá reichte ihr einen Wasserbeutel und einige Früchte.
»Aber iss langsam, sonst wird dir schlecht.« Leá
grinste. »Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Als ich aus der
Steppe zurückgekommen bin – ich glaube, ich war damals etwa
vierzehn -, habe ich einen ganzen Topf mit Haferbrei gegessen.« Sie
verzog das Gesicht. »Natürlich kam alles wieder raus.«
Rijana grinste. Sie hatte tatsächlich furchtbaren
Hunger, zwang sich jedoch, alles richtig zu kauen und langsam zu
schlucken. Anschließend erzählte sie Leá, die aufmerksam zuhörte,
von ihrer Vision.
»Warga wird mehr dazu wissen«, sagte sie am Ende.
»Ruh dich ein wenig aus und iss noch etwas, dann reiten wir
zurück.«
Rijana ließ sich zurück in das trockene Gras der
Steppe sinken. Sie war wirklich sehr müde.
»Was bedeuten deine Zeichen?«, fragte Rijana,
woraufhin Leá die Ärmel ihrer Bluse hochschob.
»Hier, auf dem rechten Arm, das sind die Zeichen
der Arrowann.« Sie deutete auf die verschlungenen Linien, die in
zwei Pfeilspitzen endeten. »Eigentlich nichts Besonderes. Es sind
die Zeichen für den Fluss des Lebens und die ewige Wiederkehr. Aber
das hier«, sie zeigte auf die Lanze auf ihrem linken Arm, um die
sich eine Schlange wand, »das ist das Zeichen dafür, das ich sowohl
eine Kriegerin als auch eine Heilerin sein kann.«
Rijana nickte, obwohl ihr das alles noch immer
etwas fremd war. Sie überlegte sich, welche Zeichen sie wohl
bekommen würde.
»Ich habe Kräuter gesammelt«, meinte Leá, als die
beiden gegen Mittag aufbrachen. »Dann fällt unser kleiner Pakt
nicht gleich auf.«
Rijana lächelte, sie war noch immer ein wenig
schwach. »Danke, Leá«, sagte sie aufrichtig, »du bist wirklich eine
gute Freundin.«
Es war schon dunkel, als sie die Kochfeuer vor den
Zelten erblickten. Ariac kam ihnen entgegengerannt.
»Na endlich seid ihr da«, rief er aus. »Wie kann
man denn so lange Kräuter sammeln?«
Leá zog ihren Bruder am Ohr, wobei sie sich
strecken musste. »Davon verstehen Männer nichts.«
Er winkte ab und nahm Rijanas Hand. »Du siehst
blass aus, bist du krank?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, mir geht es gut,
bin nur etwas müde.«
Ariac beobachtete sie kritisch, aber in dem
Augenblick nahm Leá sie bereits an der Hand mit sich. »Wir gehen
jetzt schlafen. Ihr könnt euch ja morgen unterhalten.«
Als sie ein wenig außer Hörweite waren, flüsterte
sie: »Wir gehen gleich zu Warga. Du musst noch heute deine
Tätowierungen bekommen.«
Rijana unterdrückte ein Gähnen, denn sie war zum
Umfallen erschöpft.
Die alte Hexe saß in ihrem Zelt und lächelte, als
die beiden Mädchen hereinkamen.
»Ich habe gespürt, dass ihr heute kommt. Setzt
euch«, sagte sie und reichte den beiden einen Kräutertee, woraufhin
auch Rijana nach kurzer Zeit wieder munter wurde. Sie musste Warga
alles genau erzählen. Als Rijana von dem Adler berichtete, hob sie
überrascht die Augenbrauen. »Valwahir, der mächtige Adler«,
murmelte sie.
Leá zuckte neben Rijana zusammen. »Bist du
sicher?«, fragte sie.
Warga warf einen missbilligenden Blick auf Leá.
»Natürlich, ein riesiger Adler, der seine Schwingen über die
gesamten Länder ausbreitet – was soll das sonst sein?«
»Und was bedeutet das?«, fragte Rijana mit großen
Augen.
Warga beugte sich vor und sagte mit bedeutsamer
Stimme: »Das Ende der Welt.«
Rijana schluckte und riss die Augen auf. Eine Weile
knackte nur das Feuer, dann begann die Hexe zu reden.
»Es gibt eine uralte Legende beim Steppenvolk,
dass, wenn die Menschen sich zu sehr gegen die Natur stellen und
die Völker verfeindet sind, Valwahir erscheint und das Ende der
Welt ankündigt. Die Berge werden Feuer speien, die Meere sich
erheben, und dann, dann soll der Beginn eines neuen Zeitalters
anbrechen.«
»So wie damals, als der lange Winter anbrach?«,
fragte Rijana atemlos.
Warga schüttelte den Kopf. »Der lange Winter war
dagegen ein Kinderspiel. Nein, es wird alles zerstört, damit es
wieder neu entstehen kann.«
»Ist das wahr?«, fragte Rijana und blickte
nacheinander Warga und Leá an, die beide ernste Gesichter
machten.
»Das weiß auch ich nicht. Es ist, wie gesagt, eine
Legende«, antwortete die Hexe. Dann lächelte sie. »Bist du bereit,
deine Zeichen zu erhalten?«
Rijana nickte und zog ihr Hemd aus.
»Gut, dann kann Leá die Tätowierungen
anbringen.«
»Ich?« Leá blickte die Hexe entsetzt an.
Warga nickte. »Natürlich, du bist so weit, ich habe
dich unterwiesen.«
»Aber … aber ich kann es nicht so gut wie du«,
stammelte die junge Steppenfrau und blickte Rijana verzweifelt an.
»Ich möchte nichts verderben.«
Die alte Frau kicherte. »Du bist die beste
Künstlerin, die ich
jemals gesehen habe. Deine Schnitzereien und Bemalungen sind
wunderbar, und du hast doch bereits einigen Kindern die ersten
Tätowierungen gemacht.« Warga grinste Rijana an, die ein wenig
unsicher aussah. »Leás Hand ist ruhiger als die zittrige einer
uralten Frau.«
Leá sah noch immer sehr erschrocken aus. »Ich weiß
nicht«, murmelte sie.
Doch Rijana fasste sich ein Herz und nahm Leás Hand
in ihre. »Ich vertraue dir.«
»Bist du sicher?«, fragte sie, und Rijana nickte,
obwohl sie überzeugter wirkte, als sie wirklich war.
Warga wirkte zufrieden. »Du kannst die Zeichen
zunächst aufmalen und später einbrennen. Wenn du nicht weiterweißt,
werde ich dir helfen«, versprach Warga Leá, die sehr unglücklich
wirkte.
Rijana schluckte, und Warga sagte beruhigend: »Ich
werde dir einen Trank geben, dann tut es nicht so weh, aber ein
wenig musst du es spüren, das gehört dazu.«
Rijana nahm den Trank entgegen, den Warga ihr
reichte.
Leá atmete tief durch und nahm von Warga eine Nadel
an, die sie ins Feuer legte. Sie lächelte Rijana noch einmal
unsicher zu. »Die verschlungenen Pfade von Schwert und Pfeil, die
ihre Zugehörigkeit zu beiden Völkern anzeigen …«, sagte sie halb zu
sich, halb zu der Hexe gewandt.
Warga nickte zufrieden, und Leá begann mit einem
feinen Pinsel Linien auf Rijanas Oberarm zu zeichnen.
»… elfische Runen, die der Menschen und der Zwerge
…«, murmelte sie und malte feine Runen zwischen die verschlungenen
Linien, die Schwert und Pfeilspitze verbanden.
»… in der Mitte Valwahir, der Überbringer von
Zerstörung und Neubeginn.«
Sie zeichnete konzentriert einen Adler in die
Mitte. Es nahm einige Zeit in Anspruch, und Rijana verrenkte sich
den Hals, um etwas zu sehen.
»Du musst stillhalten«, schimpfte Leá, »besonders,
wenn ich später mit der Nadel arbeite.«
Schließlich war Leá fertig, nahm unsicher die
glühende Nadel in die Hand und warf Warga noch einen verzweifelten
Blick zu, doch diese nickte nur beruhigend.
»Sag, wenn du nicht mehr kannst«, sagte Leá besorgt
zu Rijana.
»Hmm«, murmelte diese vom Trank leicht betäubt und
legte sich auf einen Haufen Felle. Die ersten Stiche taten ziemlich
weh, und Rijana biss sich auf die Lippen, aber mit der Zeit wurde
es ein wenig erträglicher. Alles verschwamm zu einem diffusen
Licht, und Rijana verspürte nur hin und wieder ein schwaches
Pieksen.
Leá arbeitete andächtig, und es war bereits spät in
der Nacht, als sie den dunklen Saft der Halkawann-Wurzel in die
Wunden laufen ließ, die später die Linien bilden würden. Rijana
zuckte zusammen – es brannte wie Feuer.
Leá nahm sie in den Arm. »Es tut mir leid, dass ich
dir wehgetan habe«, sagte sie schuldbewusst.
»Das macht nichts«, sagte Rijana ehrlich. »Es hat
weniger wehgetan, als ich gedacht hätte.«
Von der Tätowierung war noch nicht viel zu sehen.
Die Haut war noch blutig und mit dem schwarzen Saft verschmiert,
außerdem begann Rijanas Schulter anzuschwellen. Warga nahm einen
Verband und wickelte ihn ihr um den Arm.
»So, es wird noch ein paar Tage wehtun. Komm morgen
zu mir, dann werde ich dir eine Kräutersalbe geben.«
Die Hexe blickte sie ernst an. »Soll ich dir noch
die Runen werfen? Heute ist eine wichtige Nacht für dich.«
Rijana zögerte, denn sie war unglaublich müde, aber
Leá lächelte ihr so aufmunternd zu, dass sie sich dafür entschied.
Warga warf erneut Kräuter ins Feuer, und ein betörender
Duft lag in der Luft. Schwer und süß zugleich, aber auch erdig und
ätherisch. Die alte Frau begann, die Steine im Beutel zu schütteln,
dann blickte sie Rijana tief in die Augen und warf die Runen.
Anschließend beugte sie sich vor und runzelte ihre Stirn.
»Ich sehe ähnliche Zeichen wie damals bei Ariac«,
murmelte die Hexe. »Liebe und Krieg, Tod und Schmerz, aber auch
Freundschaft und Hoffnung.«
Rijana schluckte, dann begann Warga noch einmal die
Runen zu werfen.
»Und ich sehe zwei Männer in deinem Leben, die dir
sehr wichtig sind.«
Rijana verstand nicht. Warga blickte sie ernst
an.
»Du wirst dich entscheiden müssen und
wahrscheinlich sogar zwei Mal den Bund der Ehe eingehen, aber es
ist etwas undeutlich. Ich kann die Runen nicht immer eindeutig
auslegen.«
Erschrocken riss Rijana die Augen auf. »Aber … aber
ich habe mich doch schon entschieden.« Tränen füllten ihre Augen.
»Und heißt das, dass einer, ich meine, dass vielleicht einer
stirbt?«
Die alte Frau blickte sie mitleidig an. »Wie
gesagt, es ist etwas undeutlich, und vielleicht hat es auch nur
eine Entscheidung in der Vergangenheit angezeigt.«
Rijana nickte unsicher, aber sie hatte Angst. Leá
half ihr aufzustehen.
»Ich will nicht, dass Ariac etwas passiert«, sagte
Rijana leise, und in ihren Augen spiegelte sich Panik wider.
»Das muss es ja nicht heißen«, sagte Leá
beruhigend. »Hat es denn schon einen anderen Mann in deinem Leben
gegeben?«
Rijana nickte. »Falkann – er war mit mir auf
Camasann.«
»Na also«, sagte Leá lächelnd. »Dann ist ja alles
gut.«
»Aber sie sagte doch …«
Leá schüttelte den Kopf. »Sie wusste es nicht
genau, also mach dir nicht so viele Gedanken.«
Mit Leás Hilfe schwankte Rijana aus dem Zelt. Als
sie in ihrem eigenen angekommen war, ließ sie sich auf die Felle
fallen und war beinahe augenblicklich eingeschlafen. Jetzt bin
ich eine Arrowann, dachte sie noch kurz vorher. Sie lächelte,
denn es war ein gutes Gefühl.
Am nächsten Morgen wachte Rijana erst sehr spät
auf. Im Lager herrschte bereits reges Treiben. Rijana tastete nach
ihrer Schulter und zuckte vor Schmerz zusammen. Ihr Arm war
angeschwollen und feuerrot. Sie wusch sich kurz im Bach und ging
anschließend gleich zu Warga. Die sah sich ihren Arm an und nickte
zufrieden, obwohl Rijana nur geschwollene Wunden und getrocknetes
Blut sah. Sie wirkte etwas skeptisch.
»Das sieht sehr gut aus«, versicherte Warga und
begann Rijanas Arm vorsichtig abzuwaschen. Anschließend strich sie
eine kühlende Salbe auf.
»Lass den Verband drei Tage dran, dann werden wir
weitersehen.«
Rijana nickte und ging aus dem Zelt. Sie setzte
sich zunächst ans Kochfeuer, denn sie hatte großen Hunger. Gerade
verspeiste sie ihre zweite Schale mit einem Mus aus Früchten und
etwas Getreidebrei, als Ariac zu ihr kam.
Er lächelte erleichtert, als er sie sah.
»Gut, dass du endlich wach bist.« Er musterte sie
von oben bis unten. »Und zum Glück hast du Hunger.«
Rijana nickte grinsend.
»Was habt ihr denn die ganze Zeit getan?«
»Kräuter gesucht«, erwiderte Rijana mit vollem
Mund. »Es war schön, ich mag deine Schwester.«
Ariac nickte und wollte gerade noch etwas sagen,
doch da kam sein kleiner Bruder und zog ihn am Hemd.
»Jetzt kommst du aber mit mir auf die Jagd, du hast
es schon seit vier Tagen versprochen.« Ruric schob beleidigt die
Unterlippe vor.
Rijana lachte leise. »Bist du etwa nur wegen mir
nicht fortgeritten?«
Ariac errötete zu seinem Ärger ein wenig. »Ich
wollte wissen, ob ihr wohlbehalten zurückkehrt.«
Rijana zwinkerte Ruric zu. »Zum Ausgleich für das
lange Warten darfst du Lenya reiten.«
Die Augen des Kleinen begannen zu strahlen, und er
warf sich ihr an den Hals.
»Du bist toll, auch wenn du keine Arrowann
bist.«
Ariac entfuhr ein empörter Aufschrei. »Ruric, das
ist unhöflich!«
Aber Rijana winkte nur lachend ab.
»Aber jetzt reiten wir mindestens vier Tage fort«,
verlangte Ruric.
Ariac verdrehte die Augen. »Drei, das ist mein
letztes Wort.«
Ruric seufzte und nickte schließlich. Dann rannte
er fort, um seine Sachen zusammenzupacken.
»Der Kleine ist anstrengend«, sagte Ariac mit
zusammengezogenen Augenbrauen.
Rijana erhob sich und klopfte sich den Staub von
ihrer Hose.
»Er ist niedlich. So warst du sicher auch als
kleiner Junge.« Ariac nickte nachdenklich, und seine Augen schienen
in eine andere Zeit zu blicken, dann schüttelte er sich kurz und
sagte: »Wenn ich zurück bin, muss ich mit dir reden.«
Sie blickte ihn überrascht an. »Warum nicht
gleich?«
Er wand sich ein wenig verlegen. »Es … es geht
nicht so schnell, und ich möchte dann mit dir allein sein.«
Rijana hob die Schultern. »Na gut.«
Er lächelte ein wenig schüchtern und wollte sie
umarmen.
Als er ihre Schulter berührte, zuckte sie zusammen und stöhnte
leise auf.
»Was ist?«, fragte er erschrocken.
»Nichts«, erwiderte sie und blinzelte die Tränen
weg, die in ihre Augen getreten waren.
Er wollte ihren Hemdsärmel hochziehen, aber sie
hielt seine Hand fest.
»Es ist nichts Schlimmes, ich bin nur …«, sie rang
nach Worten und sagte schließlich, da ihr nichts Besseres einfiel:
»… vom Pferd gefallen.«
Rijana wurde ein wenig rot. Sie log Ariac wirklich
nicht gerne an.
Er runzelte misstrauisch die Stirn. »DU bist vom
Pferd gefallen?«, fragte er ungläubig. »Du reitest besser als die
meisten Männer hier im Clan.«
Rijana schüttelte den Kopf und wurde noch ein wenig
röter. »Es war eine blöde Geschichte. Lenya ist in ein Loch von
einem Steppenwolf getreten, und ich habe es zu spät gesehen, da bin
ich über ihren Kopf geflogen.«
Ariac sah noch immer nicht überzeugt aus. »Dann
lass es zumindest von Warga ansehen«, verlangte er.
Rijana nickte beruhigend. »Das hat sie
bereits.«
Ariac zog die Augenbrauen zusammen. »Ihr seid
sicher nicht in Schwierigkeiten gewesen mit Scurrs Männern oder
sonst jemandem?«
Rijana schüttelte den Kopf. In diesem Fall musste
sie zumindest nicht lügen. Sie streckte sich und gab dem
überraschten Ariac einen Kuss auf die Wange.
»Ich schwöre dir, dass niemand uns Schwierigkeiten
gemacht hat.« Damit lief sie mit federnden Schritten zu dem kleinen
Bach, um ihre Schüssel auszuwaschen.
Ariac blickte ihr verwirrt hinterher und legte eine
Hand auf die Stelle, wo sie ihm den Kuss hingedrückt hatte. Das
hatte sie noch nie getan.
Ich muss wirklich mit ihr reden, dachte er
und bereute es, seinem Bruder das Versprechen gegeben zu haben, mit
ihm jagen zu gehen.
Nach drei Tagen ging Rijana erneut zu Warga. Sie
war aufgeregt und gespannt, wie die Zeichen nun aussehen würden.
Die alte Frau entfernte vorsichtig den Verband, dann nahm sie ein
Tuch und wischte alles mit einer Flüssigkeit ab. Sie hob überrascht
die Augenbrauen.
»Was ist?«, fragte Rijana.
»Sieh selbst«, sagte die alte Hexe und drehte
Rijanas Arm ein wenig um, damit sie etwas sehen konnte.
Rijana staunte. Die Ränder leuchteten noch ein
wenig rot, aber die Zeichen auf ihrem Arm waren ein kunstvolles
Gemälde. Die verschlungenen Knoten, die Runen, Schwert und
Pfeilspitze und in der Mitte ganz filigran der Adler.
»Ich habe niemals schönere Tätowierungen gesehen«,
murmelte Warga. »Leá ist wahrlich eine Künstlerin.« Sie lächelte
Rijana zu, die noch immer auf ihren Arm blickte. »Bist du
zufrieden?«
Sie nickte ehrlich. »Es ist wunderschön geworden.«
Warga nickte ernst. »Nun bist du eine von uns, für den Rest deines
Lebens.«
Glücklich eilte Rijana zu Leá, um ihr ihren Arm zu
zeigen. Die beiden wanderten ein Stück auf die Steppe hinaus, und
Leá betrachtete kritisch ihr Werk.
»Hier, diese Linie hätte etwas mehr gebogen sein
müssen«, murmelte sie.
Rijana schüttelte lachend den Kopf. »Du meine Güte,
Leá, du hast das wunderschön gemacht. Ich habe niemals eine bessere
Arbeit gesehen.«
Leá sah nicht überzeugt aus. »Ich weiß
nicht.«
Rijana nahm sie am Arm. »Das hat Warga auch gesagt,
es ist wirklich wunderschön.«
Auf Leás Gesicht breitete sich nun ein vorsichtiges
Lächeln aus. »Also gut, wenn es dir gefällt und du zufrieden bist
…«
Rijana umarmte sie stürmisch. »Ich danke dir, ich
bin wirklich glücklich.«
Als die beiden lachend und miteinander redend
zurück ins Lager kamen, wendete Thyra sich an ihren Mann, der
gerade dabei war, ein Steppenreh auszunehmen.»Sie sind Freundinnen
geworden.«
Rudgarr nickte ernst. »Ja, das sind sie. Es ist
schade, dass Rijana keine von uns ist.«
Thyra nickte seufzend. Sie hatte Ariac häufig
beobachtet und bemerkt, dass Rijana ihm viel zu bedeuten
schien.
»Meinst du, sie werden hierbleiben?«, fragte Thyra
hoffnungsvoll.
Rudgarr schüttelte traurig den Kopf. »Nein, nicht
für immer, schließlich sind sie zwei der Sieben und haben noch eine
Aufgabe zu erfüllen.«
Thyra lehnte sich an die starke Schulter ihres
Mannes. »Aber vielleicht bleiben sie zumindest noch eine
Weile.«
»Das hoffe ich auch«, sagte er und gab seiner Frau
einen Kuss.
Nach drei Tagen kehrten Ariac und Ruric zurück.
Der Kleine zeigte allen stolz, wie viele Steppenhühner er erlegt
hatte.
»Und den Rehbock«, sagte er und richtete sich auf,
»den konnte Ariac nur deswegen erwischen, weil ich ihn angeschossen
habe.«
Ariac bemühte sich, das Grinsen zu unterdrücken,
und nickte ernst. Ruric hatte den Bock nicht einmal gestreift, aber
er sagte nichts, seine Eltern wussten wohl ohnehin Bescheid.
»Sehr gut«, sagte Rudgarr zu seinem jüngsten Sohn.
»Dann wirst du in zwei Jahren wohl deine Tätowierungen
erhalten.«
Ruric nickte begeistert und rannte davon, um seinen
gleichaltrigen Freunden im Lager von seinem Jagdausflug zu
berichten.
»Ruric ist tapfer«, sagte Ariac nachdenklich,
»mutig und klug. Er wird ein guter Anführer werden.«
»Das wärst du auch geworden«, erwiderte Rudgarr
ernst.
Ariac senkte den Blick. »Mein Schicksal ist wohl
ein anderes.«
Sein Vater legte ihm seine Hand tröstend auf die
Schulter. »Vielleicht solltest du deinem Bruder ein wenig Lesen und
Schreiben beibringen. Es ist zwar nicht üblich bei den Arrowann,
aber schaden kann es auch nicht.«
Ariac zuckte zusammen, und sein Gesicht verschloss
sich. »Das sollte lieber Rijana tun, ich habe nicht sehr viel
Talent dafür.«
Rudgarr zog die Augenbrauen zusammen und musterte
seinen Sohn nachdenklich. Immer wenn sie auf Camasann zu sprechen
kamen, wurde er so abweisend. Sicher, er hatte erzählt, dass ihn
die anderen für einen Mörder hielten, aber irgendwie hatte Rudgarr
das Gefühl, dass noch mehr dahintersteckte. Wie es aussah, wollte
Ariac jedoch nicht darüber reden.
So lächelte Rudgarr beruhigend. »Gut, dann werde
ich sie fragen.«
Ariac nickte und lief rasch davon.
Erst am Abend sah er Rijana wieder, obwohl er sie
den ganzen Tag gesucht hatte. Sie kam vom Bach her und hatte
klatschnasse Haare. Als sie ihn erblickte, zeichnete sich ein
erfreutes Lächeln auf ihrem von der Sonne gebräunten Gesicht ab.
Wären die hellen Haare nicht gewesen, hätte man sie für eine
Arrowann halten können. Aber solche Gedanken schüttelte Ariac rasch
ab. Das brachte ohnehin nichts.
»Hattet ihr eine gute Jagd?«, fragte sie
fröhlich.
Ariac nickte. »Ruric platzt beinahe vor Stolz.«
Dann wurde
er ernst und fragte: »Möchtest du morgen mit mir ausreiten? Wir
könnten etwas zu essen mitnehmen und bis zu den Bergen
reiten.«
»Natürlich, gerne«, antwortete sie lächelnd. »Ist
Lenya bei den anderen Pferden?«
Ariac nickte, dann verzog er das Gesicht. »Einmal
ist sie Ruric durchgegangen, aber er wollte es natürlich nicht
zugeben.«
Rijana lachte hell auf und ging zusammen mit Ariac
zu den Pferden. Lenya kam sogleich zu ihr und rieb ihren Kopf an
Rijanas Schulter.
»Na, meine Schöne, geht es dir gut?«
Die Stute schnaubte und schnupperte an Rijanas
Hals, die daraufhin kicherte.
»Man kann über Greedeon sagen, was man will«, sagte
sie plötzlich, »aber diese Pferde sind wunderbar.«
Ariacs Gesicht verfinsterte sich ein wenig.
»Sicher, aber er wird verbreiten, dass ich sie gestohlen hätte. Na
ja, es stimmt ja sogar irgendwie.«
Rijana schüttelte den Kopf, und ihre Haare flogen
im Wind. »Nein, er hat dir Nawárr geschenkt. Du hast nichts
Falsches getan.«
Ariac musterte sie nachdenklich. »Warum hast du mir
eigentlich als Einzige geglaubt? Deine anderen Freunde kennst du
doch schon viel länger.«
Rijana blickte ihm tief in die Augen, und Ariac
spürte ein Kribbeln.
»Weil ich wusste, dass es richtig ist, dir zu
vertrauen.«
Eine Weile musterte er sie stumm, dann wandte er
sich ab. Es brach ihm das Herz, aber er musste ihr endlich sagen,
dass sie niemals ein Paar werden würden.
Der nächste Morgen begann wunderbar sonnig, auch
wenn bereits ein Hauch von Spätsommer in der Luft lag. Leichte
Nebelschwaden hingen über der Steppe, und das Gras, das sich
bereits zu einem hellen Braun zu färben begann, war nass vom
Morgentau. Rijana und Ariac frühstückten gemeinsam, dann liefen sie
zu den Pferden, um sie zu satteln. Der letzte Nebel verzog sich,
als sie auf die Steppe hinaustrabten. Rijana wunderte sich. Ariac
wirkte heute so ernst und angespannt. So hatte sie ihn schon lange
nicht mehr gesehen. Eine Weile galoppierten sie Seite an Seite
durch das Steppengras, das im leichten Westwind wogte. Über ihnen
kreiste ein Bussard, und in der Ferne zog eine Herde Rehe vorbei.
Aber heute würden sie nicht jagen, sie hatten nicht einmal ihre
Bogen dabei. Kurz vor den ersten Bergausläufern hielt Ariac an und
führte Rijana in ein kleines Tal, in dem eine Menge ungewöhnlich
geformte Steine umherlagen. Eine kleine Quelle plätscherte aus den
Hügeln, und die Pferde tranken durstig daraus. Ariac sattelte
seinen Hengst umständlich ab und breitete anschließend eine Decke
auf dem Boden aus. Er winkte Rijana, sich zu ihm zu setzen. Sie
brachte Brot, Früchte und etwas Käse, den sie in den Satteltaschen
verstaut hatte, mit, aber Ariac hatte keinen Hunger. Sein Gesicht
wirkte angespannt. Er nahm ihre Hand und blickte sie unglücklich
an.
»Ich muss dir etwas sagen«, begann er.
Sie runzelte die Stirn und nickte.
»Es … es tut mir leid, ich meine …«, stammelte er
und rang nach Worten. »Du weißt, dass ich dich sehr gern habe,
oder?«
Rijana nickte, und ein leichtes Rot überzog ihre
Wangen. »Ich dich auch«, antwortete sie leise.
Er blickte zur Seite und fluchte lautlos. »Es … es
gibt ein Gesetz bei den Arrowann«, sagte er, ohne sie anzusehen.
Dann hob er den Blick und sah ihr betrübt in die Augen. »Wir dürfen
niemanden heiraten, der nicht zum Steppenvolk gehört.«
Rijana nickte atemlos. Jetzt wusste sie, was er ihr
sagen
wollte, und sie hatte Angst, wie er reagieren würde, wenn sie ihm
die Tätowierungen zeigte.
»Rijana, ich werde nur ein Mädchen aus der Steppe
heiraten können.«
»Ich weiß«, antwortete sie mit unsicherem
Lächeln.
»Du weißt es?«, fragte er überrascht.
»Leá hat es mir erzählt.«
»Oh«, antwortete Ariac. Dann senkte er den Blick.
»Es scheint dir ja nicht besonders viel auszumachen.«
Rijana lächelte und nahm seine Hand. »Hättest du
mich denn geheiratet, wenn es dieses Gesetz nicht geben
würde?«
Er nickte unsicher. »Ja, sicher, allerdings bin ich
auch ein gesuchter Mörder, ich meine, es wäre gefährlich für dich
…«
Sie schüttelte den Kopf. »Das meine ich alles
nicht.Vergiss doch mal die ganzen Schwierigkeiten.«
Er nickte ernst und blickte ihr tief in die Augen.
»Auf der Stelle.«
Glücklich lächelnd schob Rijana ihre weite
naturfarbene Bluse über die Schultern. »Dann tu es doch.«
Ariac schnappte nach Luft, blickte ungläubig von
ihrem Gesicht auf ihren Arm und wieder zurück.
»Was hast du getan?«, fragte er verblüfft.
Rijana lief rot an und wurde ziemlich verlegen. »Es
ist nicht so, dass ich dich zu etwas zwingen wollte, ich meine,
wenn du nichts gesagt hättest, hätte ich das für mich behalten
…«
Er unterbrach sie und legte ihr einen Finger auf
den Mund.
»Du hast das für mich getan?«, fragte er atemlos
und strich vorsichtig über die kunstvollen Zeichen auf ihrem
Arm.
Rijana nickte. »Für dich, für mich und für uns. Ich
fühle mich so wohl hier in der Steppe wie noch nie in meinem Leben.
Warga hat gesagt, wenn man wirklich überzeugt ist, eine Arrowann
werden zu wollen, dann kann man das tun. Man muss die Gesetze der
Steppe akzeptieren und auf die Suche
nach seiner Vision gehen.« Sie grinste unsicher. »Und in meinem
letzten Leben war ich ohnehin eine vom Steppenvolk, vielleicht
kommt daher mein Wunsch.«
Ariac nahm sie vorsichtig in den Arm, und seine
Stimme klang belegt, als er sagte: »Warum hast du mir denn nichts
erzählt? Du meine Güte, ich überlege seit einer halben Ewigkeit,
wie ich dir beibringen soll, dass es für uns keine gemeinsame
Zukunft gibt.«
Sie streichelte ihm lächelnd über das
Gesicht.
»Du wusstest nichts von der Möglichkeit?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich glaube, ich
hätte mich auch nicht getraut, dir das vorzuschlagen.« Ariac
streichelte über die Linien an ihrem Arm. »Du bist jetzt eine von
uns«, sagte er, noch immer etwas fassungslos. »Was hattest du denn
für eine Vision?«
Sie erzählte ihm alles bis auf die Sache mit den
Runen, die Warga ihr geworfen hatte.
Ariac staunte und bewunderte das kunstvolle
Gemälde. »Leá hat keinen Ton gesagt«, murmelte er
missbilligend.
»Deine Schwester ist in Ordnung«, sagte Rijana
bestimmt. »Sie weiß, wann sie schweigen muss.«
Ariac nickte vorsichtig und streichelte ihr sanft
über das Gesicht, dann gab er ihr einen etwas unsicheren Kuss, der
immer leidenschaftlicher wurde, als er merkte, dass sie ihn
erwiderte.
Er hielt inne und sagte ernst: »Aber wir können
noch nicht gleich heiraten, du bist noch zu jung. Erst mit neunzehn
Jahren bist du erwachsen, und wir müssen ohnehin das eine ›Jahr der
Bewährung‹ hinter uns bringen.«
»Was ist denn das?«, fragte sie überrascht.
Er lehnte sich an einen Stein und zog sie zu sich
herüber.
»Wir leben einige Monde zusammen, dann müssen wir
uns für einige Zeit trennen, und wenn wir dann noch immer heiraten
wollen, dann können wir das tun.«
Rijana zog die Augenbrauen zusammen. »Das mit dem
Trennen gefällt mir nicht.«
Er lächelte und drückte ihr einen Kuss auf die
Stirn. »Es müssen mindestens zwei Monde sein, oder auch mehr, das
kann jeder selbst entscheiden.«
Seufzend lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter.
»Na gut, von mir aus.« Dann grinste sie jedoch. »Aber die Gesetze
der Arrowann sind trotzdem besser als die der anderenVölker. Dort
hätte ich mindestens warten müssen, bis ich zwanzig bin.«
Ariac lächelte zufrieden und gab ihr einen Kuss.
»Dann können wir aber froh sein, dass wir in der Steppe
sind.«
»Ich bin glücklich«, sagte sie seufzend. »Ich
wünschte, wir könnten immer hierbleiben.«
Ariac nickte, das wünschte er sich ebenfalls, aber
er wollte jetzt nicht über traurige oder beunruhigende Dinge
nachdenken.
»Jetzt habe ich einen Bärenhunger«, sagte er
bestimmt und verzog anschließend das Gesicht. »Vorhin hatte ich
einen dicken Kloß im Hals.«
Rijana lachte leise, und sie machten sich über
ihren Proviant her, während die Pferde ganz in der Nähe grasten und
leiser Wind durch das Steppengras strich.
Es war ein wunderschöner, friedlicher Tag in dem
kleinen Tal. Ariac und Rijana lagen Arm in Arm in der Sonne und
beobachteten die Wolken, die am Himmel vorbeizogen.
Als die Schatten länger wurden, sagte Ariac
seufzend: »Wir müssen wohl langsam zurückreiten.«
»Schade«, sagte Rijana, »ich wäre gerne
hiergeblieben.«
»Wirklich?«, fragte er überrascht.
Sie nickte und sah ihm tief in die Augen.
»Wir könnten schon …«, begann er unsicher, »ich
meine, wenn du allein mit mir hierbleiben willst?«
Rijana grinste. »Ich war den ganzen Weg von
Balmacann her mit dir allein.«
»Das war etwas anderes«, erwiderte er ernst.
Rijana hob nun frech die Augenbrauen.
»Wirklich?«
Er schluckte. »Rijana, ich werde nichts tun, was du
nicht willst. Und ich weiß nicht, was dir in Grintal oder auf
Camasann beigebracht wurde …«
Sie unterbrach ihn und legte ihm einen schlanken
Finger auf die Lippen. »Ich bin jetzt eine Arrowann. Es ist
gleichgültig, was mir früher beigebracht wurde. Erzähle mir, wie es
bei euch Sitte ist.«
Zu seinem Ärger wurde Ariac ein wenig rot, was man
in der einsetzenden Dämmerung aber zum Glück nicht sah.
»Na ja, wenn man sich entschieden hat, das Jahr der
Bewährung zu beginnen, dann, ähm, na ja, also, es ist uns erlaubt,
wie Mann und Frau zu leben.« Er blickte sie erschrocken an. »Aber
wir können auch warten, bis wir verheiratet sind, wenn dir das
lieber ist.«
Sie blickte ihn kurz an und schüttelte dann den
Kopf. »Nein, das ist es mir nicht.«
Sie umarmte ihn fest. »Wir gehören doch
zusammen.«
Ein leiser, milder Wind strich durch das Gras, und
dies war eine der friedlichsten Nächte, welche die Länder in den
letzten Jahren gesehen hatten.
Als der Morgen dämmerte, streichelte Ariac Rijana
vorsichtig über das Gesicht. Sie drehte sich um und lächelte ihn
glücklich an.
»Siehst du«, sagte er lächelnd. »Ich habe immer
gesagt, dein Haar hat die Farbe vom Steppengras im Herbst.«
Rijana runzelte die Stirn und blickte von ihren
Haaren auf das hellbraune Gras, das im leisen Wind wogte.
»Hmm, aber ich hätte lieber Haare wie deine
Schwester.«
Ariac schüttelte missbilligend den Kopf und zwickte
sie in die Nase. »Du bist wunderschön, und zwar genau so, wie du
bist. Und lass dir nie wieder von irgendjemandem etwas anderes
einreden.«
Sie seufzte und setzte sich vorsichtig auf. Das
Morgenlicht tauchte die Steppe in ein magisches Licht. Ein einsamer
Adler zog über den nördlichen Bergen majestätisch seine
Kreise.
»Bist du durstig?«, fragte Ariac.
Rijana nickte. Ariac zog sich seine Hose an und
lief zu der Quelle, wo er die Wasserbeutel auffüllte. Als er
zurückkam, musterte Rijana Ariacs Wunden. Sie strich über die
Narben, die seinen Rücken und zum Teil auch seine Brust überzogen.
Sie blickte ihn erschrocken an.
Seine Augen wurden wieder hart und kalt, er zog
rasch sein Hemd an.
Rijana nahm seine Hand. »Kommen die Narben von
Kämpfen?«
Ariac blickte zu Boden und schüttelte den Kopf.
»Ich möchte nicht darüber reden.«
Sie gab ihm einen Kuss. »Ich liebe dich, und zwar
mit jeder einzelnen Narbe.«
Er lächelte unsicher und sagte schließlich: »Ich
hole ein paar Beeren.«
Damit sprang er auf und lief auf die ersten Hügel
zu. Rijana blickte ihm nachdenklich hinterher. Sie wusste noch
immer nicht alles über Ariacs Vergangenheit, aber sie wusste, dass
sie für immer zusammengehörten. Vielleicht konnte sie ihm ja
helfen, die Zeit bei König Scurr allmählich zu vergessen.
Ariac kehrte mit einigen süßen roten Früchten
zurück, und als die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte,
ritten sie zurück zum Lager.
»Meine Eltern werden sich freuen«, sagte Ariac
lächelnd.
»Bist du sicher?«, fragte Rijana, der nun ein wenig
mulmig wurde.
Ariac nickte. »Natürlich, du bist jetzt eine von
uns.« Er hob die Augenbrauen. »Und niemand würde es wagen, Wargas
Wort anzuzweifeln.«
Rijana grinste. »Weißt du eigentlich, dass Leá mir
die Tätowierungen gemacht hat?«
Ariac schüttelte überrascht den Kopf. »Nein, aber
ich habe niemals feinere und schönere Zeichnungen gesehen.« Er
lächelte sie an. »Sie passen zu dir.«
Rijana lächelte glücklich zurück, und als die
beiden Hand in Hand durch das Lager liefen, waren beinahe keine
Worte mehr nötig. Leá kam ihnen mit dem allerbreitesten Lächeln
entgegen, das man jemals bei ihr gesehen hatte. Sie umarmte die
beiden glücklich, und anschließend erzählten sie Ariacs
überraschter Familie, dass Rijana eine Arrowann geworden war. Auch
Warga gesellte sich zu ihnen und erzählte von dem uralten Gesetz,
das kaum noch einer kannte. Nach einem Augenblick der Überraschung
umarmten Thyra und Rudgarr Rijana und Ariac freudig.
»Du meine Güte, Ariac«, sagte Thyra, »und ich habe
mir schon Gedanken um dich gemacht.«
Auch Rudgarr freute sich für seinen Sohn und
verkündete lauthals: »Na, das sind doch gleich zwei gute Gründe, um
ein Fest abzuhalten.«
»Aber wir müssen unbedingt Lynn und ihrer Familie
Bescheid geben«, wandte Leá ein, »sonst ist sie beleidigt.«
»Ich hole sie«, schrie Ruric und wollte schon
davonlaufen.
Sein Vater hielt ihn jedoch fest. »Aber nicht
allein, junger Mann.«
Ruric schob seine Unterlippe vor. »Ich habe schon
beinahe meine ersten Tätowierungen.«
»Aber eben nur beinahe«, erwiderte Rudgarr. »Fodrac
wird dich begleiten.«
Ariacs zwei Jahre älterer Cousin, der bereits eine
Frau aus einem anderen Clan geheiratet hatte, nickte
zustimmend.
»Es wird mir eine Ehre sein.« Er klopfte Ariac auf
die Schulter. »Ich freue mich für dich.«
Also blieben den Arrowann noch einige Tage, um das
Fest vorzubereiten. Es wurde gejagt, frischer Wein hergestellt, und
Fische aus dem kleinen Fluss wurden geräuchert. Einige Tage lang
fegten wieder Stürme über die Steppe, und es regnete immer wieder
heftig. Eines Nachts bebte dann auch wieder die Erde, und Rijana,
die nun ein Zelt mit Ariac teilte, drückte sich erschrocken an ihn.
Er versuchte sie zu beruhigen, aber auch er machte sich Gedanken.
Er wurde den Eindruck nicht los, dass dieser unbeschwerte Sommer
nur ein kurzes Luftholen gewesen war.
Aber dann beruhigte sich das Wetter wieder. An
einem kühlen, aber sonnigen Spätsommertag trafen Lynn, ihre beiden
Kinder und ihr Mann Narinn ein.
Lynn sprang sofort von ihrem Pferd und umarmte
zuerst ihren Bruder und dann Rijana auf ihre typische stürmische
Art.
»Ich habe es gar nicht glauben können«, rief sie
und strahlte die beiden an. »Ich freue mich für euch.«
Anschließend musste Rijana ihr sofort ihre
Tätowierungen zeigen, und Lynn war begeistert. Das war eine
wirklich gute Arbeit.
Am Abend strahlten viele Lagerfeuer in den
Nachthimmel. Es wurde gegessen, getrunken, und Geschichten wurden
erzählt. Das junge Paar bekam von allen Geschenke, meist Decken
oder Felle. Rijana erhielt dazu noch eine Lederhose und ein
leinenes Hemd nach der Art der Arrowann, außerdem ein Kleid aus
hellem Rehleder.
»Falls du dich irgendwann einmal entschließen
solltest, keine Kriegerin mehr zu sein«, sagte Lynn mit einem
Augenzwinkern.
Rijanas Blick fiel auf ihren leicht gewölbten
Bauch, der ihr vorher noch gar nicht aufgefallen war. Lynn
grinste.
»Ja, ich bekomme wohl bald mein drittes
Kind.«
»Was hat Ariac damals gesagt?«, fragte Leá
fröhlich. »Die Steppe verträgt keine weiteren Lynns.«
Lynn streckte ihrer Schwester die Zunge heraus, und
Narinn nahm seine Frau seufzend in den Arm. »Ja, ich hoffe, das
nächste Kind wird etwas ruhiger. Celdea und der kleine Krommos sind
ziemliche Rabauken.«
Sein Blick fiel auf die beiden Kleinen, die gerade
versuchten, einem älteren Jungen seinen Hühnerschenkel
wegzunehmen.
Lynn grinste nur zufrieden. »Sie wissen es eben,
sich durchzusetzen.«
»Beim Wolfsclan ist es üblich, dass der älteste
Sohn nach dem Großvater benannt wird«, erklärte Ariac zu Rijana
gewandt.
Sie nickte lächelnd und beobachtete die beiden
Kleinen. Vielleicht würden sie und Ariac eines Tages auch Kinder
haben, aber jetzt war noch nicht die Zeit dazu, denn ihre Zukunft
war einfach zu ungewiss. Warga hatte ihr deshalb einige Kräuter
gegeben, die eine Schwangerschaft momentan verhinderten. Doch dann
musste sie an Rudrinn und ihre anderen Freunde denken, die sie gern
dabeigehabt hätte. Das machte sie traurig. Allerdings hätten sie
dann nicht so friedlich beisammensitzen können, denn Falkann wäre
wahrscheinlich vor Eifersucht geplatzt. Dann seufzte sie. Es war
wohl gut so, wie es war.
Ariacs Vater kam später zu ihr und legte ihr einen
Arm um die Schultern. »Ich freue mich, dass du nun zu uns
gehörst.«
Sie lächelte glücklich. »Ich mich auch.«
Rudgarr zog plötzlich die Augenbrauen zusammen.
»Was sagen denn deine Eltern dazu, wenn sie es erfahren? Ariac
sagte, du stammst aus Northfort.«
Rijanas Miene erstarrte. »Ich habe sie seit über
zehn Jahren nicht mehr gesehen. Sie haben mich nie sonderlich
gemocht.«
Rudgarr schüttelte fassungslos den Kopf. »Das kann
ich mir gar nicht vorstellen. Man muss dich doch einfach
mögen.«
Rijana senkte den Blick. »Vielleicht werde ich sie
eines Tages besuchen.«
Rudgarr nickte zufrieden und schenkte ihr ein Glas
Wein ein. »Aber heute wird gefeiert. Das ist nicht die Zeit, um
traurig zu sein.«
Und sie feierten bis in den frühen Morgen.
»Was haltet ihr davon, beim nächsten Herbstfest,
dem Treffen aller Stämme, zu heiraten?«, schlug Rudgarr vor.
Rijana und Ariac blickten sich an und waren
einverstanden. Auch wenn sie nicht wussten, was das nächste Jahr
bringen würde, jetzt hatten sie etwas, auf das sie sich freuen
konnten.
Als sie in ihrem Zelt waren und sich erschöpft auf
die weichen Felle sinken ließen, holte Ariac etwas aus seiner
Tasche heraus und gab es Rijana. Sie hielt einen kleinen, aus
Knochen geschnitzten Anhänger in der Hand, der die gleichen
verschlungenen Symbole darstellte, die neben Ariacs Schläfen
abgebildet waren.
»Es ist wunderschön«, sagte sie.
»Damit du mich nicht vergisst, wenn wir uns die
zwei Monde trennen müssen«, sagte er lächelnd.
Sie blickte ihn empört an. »Wie könnte ich dich
jemals vergessen?«
Er grinste nur, dann holte Rijana etwas unter ihren
Fellen hervor. Leá hatte ihr erzählt, dass es bei den Steppenleuten
Tradition war, dass die Frau dem Mann ein Armband aus Lederstreifen
herstellte, das mit Runen und Verzierungen versehen war. Also hatte
Rijana ein Armband aus unterschiedlichen hellen und dunklen
Lederstreifen angefertigt, das eingebeizte Muster als Verzierungen
hatte.
»Ich liebe dich.« Ariac küsste sie zärtlich.
Der letzte Mond des Sommers brach an, und es wurde
langsam kühler. Die Arrowann machten sich bereit, zum großen
Clantreffen zu reisen, das dieses Mal am östlichen Ufer des
Myrensees stattfinden sollte.
Die Zelte wurden an diesem Tag eingepackt, das Hab
und Gut auf die Pferde verstaut, als eine Gruppe von fünf Männern
angaloppiert kam. Rudgarr rief sofort einige Krieger zusammen, die
sich den anderen entgegenstellten. Es waren Männer vom Elch-Clan,
ganz aus dem Norden, die meist in der Nähe der Berge blieben. Sie
waren etwas hellhaariger als die anderen, und ihre Tätowierungen
stellten größtenteils Tiere dar. Sie wirkten sehr aufgeregt und
gestikulierten wild herum. Ariac, der gerade Nawárr und Lenya
bepackt hatte, kam langsam näher. Die anderen Steppenmänner eilten
allerdings bereits wieder davon.
Rudgarrs Gesicht war ernst, als er Ariac am Arm
packte und ihn etwas abseits der anderen zog.
»Wir werden nicht zum Clantreffen gehen können. Wir
müssen uns verstecken.«
»Wieso?«, fragte Ariac.
»Der Elch-Clan wurde beinahe vollständig
ausgelöscht. König Scurrs Männer durchstreifen die Steppe. Ich weiß
nicht warum, aber sie suchen dich.«
Ariac zuckte zusammen. Er hatte es schon lange
befürchtet, aber jetzt wurde es traurige Gewissheit.
»Ich werde gehen«, sagte er und blickte zu Boden.
»Ich bringe euch nur in Gefahr.«
Rudgarr schüttelte entschieden den Kopf. »Nein,
Ariac, es macht keinen Unterschied, ob du bei uns bist oder nicht.
Sie hatten es schon immer auf uns abgesehen.«
»Aber sie waren nie so gnadenlos. Ich muss gehen.«
Ariac blickte seinen Vater traurig an. »Ich weiß es schon lange,
ich habe es nur hinausgeschoben, weil ich zum ersten Mal seit
langer Zeit wieder glücklich war.«
»Aber …«, begann Rudgarr, doch er sprach nicht
weiter. Er wusste, dass sein Sohn Recht hatte.
Ariac dachte kurz nach. »Ich muss den anderen
beweisen, dass ich kein Verräter bin.«
»Aber wie willst du das schaffen?«
Ariacs Gesicht verschloss sich. Er wusste genau,
was er zu tun hatte. In vielen schlaflosen Nächten war ein Plan in
ihm gereift. Eigentlich hatte er bis zum Frühling warten wollen,
aber jetzt wurde er gezwungen, ihn schon früher umzusetzen.
»Mach dir keine Sorgen, ich werde einen Weg
finden«, antwortete er. Er konnte seinem Vater nicht die Wahrheit
sagen.
Rudgarr sah nicht sehr überzeugt aus. Ariac packte
seinen Vater an der Schulter. »Ich habe nur eine Bitte, kannst du
Rijana hierbehalten und auf sie aufpassen? Ich möchte sie nicht in
Gefahr bringen.« Er lächelte traurig. »Wir müssen uns ohnehin
einige Zeit trennen, dann können wir das genauso gut jetzt tun. Ich
hole sie wieder ab, sobald es mir möglich ist.«
»Natürlich«, versicherte Rudgarr. »Aber, Ariac,
bitte sei vorsichtig, und tu nichts Unüberlegtes. Ihr könnt auch
bei uns bleiben. Wir könnten uns weit in den Osten zurückziehen, in
die zerklüfteten Täler, wo uns niemand findet.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Es macht keinen Sinn,
sich ein Leben lang zu verstecken. Ich werde mich auf der
Handelsstraße sehen lassen, dann werden Scurrs Leute euch
hoffentlich in Ruhe lassen.«
Rudgarr war entsetzt. »Das ist doch viel zu
gefährlich! Du musst heimlich und unentdeckt reisen.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, sie müssen sehen,
dass ich nicht mehr in der Steppe bin, später kann ich mich ja dann
wieder verstecken.Vertraue mir, ich weiß genau, was ich tue. Und
bitte«, er blickte seinen Vater ernst an, »sag Rijana nichts, sie
soll sich keine Sorgen machen.«
Rudgarr seufzte und umarmte Ariac fest. »Sei
vorsichtig, und komm bald zurück!«
Ariac nickte und machte sich daran, Nawárr wieder
abzusatteln.
Er wollte nur wenige Sachen mitnehmen, damit er rasch
vorankam.
Rijana kam mit einem Lächeln auf den Lippen näher.
Sie hatte von alledem nichts mitbekommen.
»Was tust du?«, fragte sie überrascht, als sie sah,
dass Ariac die meisten Sachen wieder abgeladen hatte.
Ariac nahm sie in den Arm und blickte ihr dann
ernst in die Augen.
»Ich habe einen Entschluss gefasst. Da wir uns
ohnehin einige Zeit trennen müssen, sollten wir das am besten
gleich tun.«
Rijana hielt erschrocken die Luft an. »Aber warum
gerade jetzt?«
Er lächelte etwas gezwungen und sagte: »Jetzt ist
so gut wie jeder andere Zeitpunkt.«
»Aber wir wollten doch gemeinsam zum Clantreffen«,
sagte sie verwirrt. »Außerdem beginnt bald der Winter. Wo willst du
denn hin?«
»Ich gehe in die Berge, vielleicht überwintere ich
beim Elch-Clan.«
Rijanas Augen füllten sich mit Tränen. »Aber warum
so lange? Du sagtest doch, dass zwei Monde genügen. Ariac, ich
verstehe das nicht.«
Er nahm sie in den Arm und drückte sie an sich.
»Bitte vertrau mir. Wenn wir es jetzt tun, dann haben wir es hinter
uns.«
Sie blickte ihn verwirrt an, denn sie konnte
einfach nicht verstehen, warum Ariac sie so überstürzt verlassen
wollte.
Ariac nahm sie fest in den Arm und gab ihr
anschließend einen Kuss.
»Ich liebe dich, alles wird gut. Ich komme bald
wieder«, versprach er und schwang sich anschließend schnell auf
sein Pferd.
Ohne sich noch von den anderen zu verabschieden,
galoppierte er davon.
Rijana stand allein, verlassen und fassungslos im
kalten Herbstwind und blickte ihm hinterher. Sie zuckte zusammen,
als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Ariac war schon lange
am Horizont verschwunden.
»Was ist mit dir?«, fragte Leá lachend. Ihr Lächeln
verschwand, als sie sah, dass Rijana geweint hatte. »Was hast du
denn?«
Rijana biss sich auf die Lippe und sagte
anschließend mit zittriger Stimme: »Ariac ist einfach fortgeritten,
und ich weiß gar nicht warum.«
Leá blickte sie verwirrt an und nahm sie
anschließend in den Arm. Rijana weinte leise an ihrer Schulter.
Auch Leá verstand das Ganze nicht. Sie hatte ebenfalls nichts vom
Besuch des Elch-Clans mitbekommen.
»Was hat er gesagt?«, fragte sie ernst und zwang
Rijana, sie anzusehen.
Die wischte sich über die Augen und erzählte von
Ariacs Abschied. Leá hörte kopfschüttelnd zu.
»Das ist merkwürdig. Warte hier, ich werde meine
Eltern fragen«, sagte sie am Schluss.
Rijana sank traurig zu Boden. Leá rannte zu ihren
Eltern, die noch ihre Sachen zusammenpackten.
»Warum ist Ariac so plötzlich fortgegangen?«,
fragte sie atemlos.
Thyra schaute überrascht auf. »Er ist
fortgegangen?«
Rudgarr senkte den Blick, dann nahm er seine Frau
schuldbewusst an der Hand. »Ich wollte es dir erst später
sagen.«
»Was ist los?«, fragte Thyra mit vor Zorn bebender
Stimme.
Rudgarr seufzte und erzählte nun von der Warnung
des Elch-Clans. »Aber ich musste Ariac versprechen, dass ich Rijana
nichts sage. Er will sie nicht in Gefahr bringen.«
»Du meine Güte, Vater«, rief Leá empört. »Die
beiden gehören zusammen. Und nicht nur das, sie sind zwei der
Sieben. Sie muss es erfahren.«
»Ich kann ihn verstehen«, sagte Rudgarr ernst, »ich
hätte es auch so gemacht.«
»Männer!«, schimpfte Thyra und bedachte Rudgarr mit
einem vernichtenden Blick.
»Du musst es ihr ja nicht sagen«, rief Leá und
rannte davon.
»Warte«, rief Rudgarr ihr hinterher, aber Leá war
schon fort.
»Ich weiß, was los ist!«, rief Leá schon von
weitem, und Rijana sprang auf. »Los, nimm Lenya alles ab, was du
nicht unbedingt brauchst. Ich sattle mir rasch ein Pferd und
erzähle dir alles unterwegs.«
Rijana tat, wie Leá gesagt hatte. Die beiden
brauchten nicht lange, und schon galoppierten sie vom Lager fort in
Richtung Westen. Unterwegs berichtete Léa von dem Gespräch mit
ihren Eltern. Rijana wurde immer blasser.
»Warum hat er mir nur nichts gesagt?«, fragte sie
verstört.
Leá zuckte die Achseln. »Er wollte dich beschützen,
aber ich bin mir sicher, dass ihr lieber zusammenbleiben
solltet.«
Rijana nickte nachdrücklich, das fand sie
ebenfalls.
»Ich helfe dir, ihn zu finden, dann gehe ich
zurück«, sagte Leá ernst.
»Danke«, sagte Rijana erleichtert. Allein hätte sie
sich kaum in der Steppe zurechtgefunden.
Auch Leá wusste nicht genau, wo Ariac hingeritten
war. Rijana hatte ihr zwar die ungefähre Richtung beschrieben, aber
es dauerte lange, bis sie seine Spur fanden. Ariac legte scheinbar
ein rasches Tempo vor. Die beiden galoppierten die ganze Nacht
durch, sahen aber noch immer nichts von ihm, als der Morgen graute.
Leá war sich ziemlich sicher, dass er in
Richtung Northfort oder Gronsdale ritt, um Scurrs Soldaten von der
Steppe wegzulocken. Daher hielten die beiden Mädchen auf die
Handelsstraße zu.
»Northfort oder Gronsdale?«, fragte Leá an diesem
Abend, als die beiden ein kleines Feuer entzündet hatten. »Wo ist
es wahrscheinlicher, dass er auf Soldaten trifft?«
Rijana überlegte. Sie war unsicher. »Wahrscheinlich
Northfort«, antwortete sie schließlich. »Dort ist die Handelsstraße
stärker bereist.«
Leá lächelte aufmunternd. »Wir finden ihn
schon.«
Beinahe zehn Tage ritten die beiden in scharfem
Tempo nach Süden, dann nach Westen. Immer wieder fanden sie eilig
verwischte Spuren, die auf Ariac hindeuteten. Je näher sie der
Handelsstraße und dem Buschland kamen, umso öfter mussten sie
Soldaten ausweichen. Zum Glück war Leá in der Steppe aufgewachsen.
Sie sah schon von weitem, wenn etwas ungewöhnlich aussah.
Schließlich lag die braune, staubige Straße vor
ihnen.Viele Kutschen waren unterwegs, aber auch viele von König
Scurrs berittenen Soldaten in roten Umhängen.
Rijana holte ihren Elfenumhang heraus und gab ihn
Leá.
»Nimm du ihn, du fällst mehr auf.«
Leá zögerte. »Wir fallen ohnehin beide auf.
Normalerweise reisen Frauen doch nicht ohne männliche
Begleitung.«
Rijana war sich nicht sicher, was sie tun
sollten.
Schließlich entschlossen sie sich, ihre Pferde im
nahegelegenen Buschland zurückzulassen und zu Fuß auf die
Handelsstraße zuzulaufen. Rijana hielt einen der fahrenden Händler
an, der Felle geladen hatte.
»Was tut ihr beiden Mädchen denn hier so allein?«,
fragte er besorgt. »Das ist doch gefährlich.«
»Wir wohnen in der Nähe auf einem der Höfe«, log
Rijana, und der Händler schien ihr das zu glauben.
»Dann beeilt euch, nach Hause zu kommen. Die
Soldaten von König Scurr und die Krieger aus Camasann sind überall.
Viele von ihnen hatten seit langem keine Frau mehr«, sagte er mit
missbilligendem Blick.
»Was tun sie denn hier?«, fragte Rijana vorsichtig,
einen unschuldigen Blick aufgesetzt.
Der ältere Mann beugte sich nach vorn. »Das wisst
ihr nicht?«, flüsterte er. »Die nördlichen Länder sind von König
Scurr besetzt worden, und die Krieger von König Greedeon suchen
nach einem entflohenen Mörder, einem Steppenkrieger.« Der Mann
senkte die Stimme noch ein wenig mehr, sodass man ihn kaum noch
verstehen konnte. »Es wird gemunkelt, dass auch König Scurr hinter
ihm her ist. Der Steppenkrieger soll hier auf der Handelsstraße
zehn von Scurrs Männern getötet haben, vor nicht einmal zwei
Tagen.«
Rijana und Leá hielten die Luft an.
»Also, passt auf.« Er zog die Augenbrauen zusammen.
»Wollt ihr mit mir mitfahren?«
Rijana, die ihn noch immer erschrocken anstarrte,
schüttelte rasch den Kopf. »Nein, ich wollte mir nur Eure Felle
ansehen. Unsere Eltern brauchen welche.« Ihr fiel nichts Besseres
ein.
Der Händler blickte sie mitleidig an. »Aber,
Mädchen, so viel Silber hast du doch sowieso nicht, wenn du hier an
der Grenze wohnst.«
Rijana nickte gespielt traurig. Wenn der Mann
wüsste, dass sie sehr viel mehr Schmuck, Gold und Edelsteine von
König Greedeon bei sich trug, als er jemals gesehen hatte.
»Na los jetzt. Geht nach Hause«, sagte er
ungeduldig und schlug seinem Kutschpferd die Leinen auf den
Rücken.
»Ariac war also hier«, sagte Rijana mit ängstlicher
Stimme, »aber wo ist er jetzt?«
Sie gingen langsam zu ihren Pferden zurück und
waren so
in Gedanken, dass sie die drei Soldaten zu spät bemerkten, die
sich von hinten genähert hatten.
»Stehen bleiben!«, schrie ein Mann mit
kurzgeschorenen Haaren und rotem Umhang ungeduldig. Er war einer
von Scurrs Blutroten Schatten.
Rijana und Leá fuhren herum. Sie hatten ihre Waffen
bei den Pferden gelassen, da sie nicht auffallen wollten. Beide
trugen nur einen kleinen Dolch bei sich.
Die drei Soldaten trabten mit arrogantem Blick
näher und umkreisten die Mädchen. »Was tut ihr hier?«
»Wir sind auf dem Weg nach Hause«, sagte Rijana so
fest wie möglich, während Leá den Blick gesenkt hielt.
»Aha«, sagte der Soldat und sprang von seinem
Pferd. Er kam näher. Rijana legte ihre Hand an den Dolch.
»Du trägst komische Kleidung, so wie die
Steppenhuren.«
Leá entfuhr ein empörtes Geräusch, sodass ein
zweiter Soldat auf sie zukam und ihr die Kapuze vom Kopf riss.
Sofort hatte er ein Messer an der Kehle, doch der andere Soldat
hatte sich Rijana gepackt.
»Aha, die andere ist eine Steppenhure, auch
wenn sie ihr Gesicht unter einem Umhang versteckt«, rief der
Soldat, der Rijana festhielt, abfällig.
»Nimm diesen lächerlichen Dolch weg, sonst schneide
ich deiner kleinen Freundin die Kehle durch.«
Leá blitzte ihn wütend an, aber senkte schließlich
den Dolch, woraufhin ihr der Soldat, den sie bedroht hatte, eine
schallende Ohrfeige verpasste, sodass ihre Lippe aufplatzte.
»Los, wir nehmen sie jeder einmal und bringen sie
dann um«, schlug der dritte Soldat mit gierigem Blick vor. Die
anderen grunzten zustimmend. In Rijanas und Leás Blicken flammte
schon Panik auf, als der Soldat, der Rijana festgehalten hatte,
plötzlich stöhnend nach vorn kippte. Derjenige, der Leá gegriffen
hatte, wurde von hinten angesprungen. Sie hörten Ariac schreien:
»Lauft weg!«
Aber die beiden Mädchen, die zunächst wie erstarrt
stehen geblieben waren, gingen nun gemeinsam auf den dritten
Soldaten los. Rijana packte sich ein Schwert, und während Leá
versuchte, dem Mann ihren Dolch in den Rücken zu rammen, griff
Rijana ihn von vorn an. Ariac kämpfte nur kurz mit seinem Gegner.
Aber als dieser tot am Boden lag, hatten auch die beiden Mädchen
den letzten Soldaten erledigt. Ariac packte die beiden mit wütendem
Blick an den Armen und zerrte sie mit sich ins nahegelegene
Buschland. Als sie ein Stück gegangen waren, schrie er sie
an.
»Verdammt, was tut ihr beiden hier? Hätte ich mich
nicht hier in den Büschen versteckt, wärt ihr jetzt tot!« Seine
Stimme überschlug sich beinahe, und seine dunklen Augen funkelten
so zornig, wie Rijana es noch nie gesehen hatte.
»Wir hätten das schon geschafft«, sagte Leá
leichthin.
Ariac packte sie hart an den Schultern und
schüttelte sie. »Das hättet ihr nicht! Das waren Scurrs Soldaten,
verdammt. Ihr hattet nicht einmal ein Schwert oder einen Bogen
dabei.« So zornig wie er auch war, man sah genau, dass er
furchtbare Angst um die beiden gehabt hatte.
Leá schnaubte nur und rieb sich die Arme. »Du
hättest dich ja nicht einfach aus dem Staub machen müssen.«
»Jetzt soll ich noch schuld sein?«, fragte er mit
vor Zorn bebender Stimme.
»Ja«, erwiderte Leá gelassen.
Ariac schnaubte wütend und hieb mit seinem Schwert
auf den nächstbesten Busch ein. »Ihr reitet auf der Stelle
zurück!«
Rijana wehrte sich. »Nein, ich komme mit dir, wir
gehören zusammen.«
Er stieß einen mühsam unterdrückten Schrei aus und
atmete tief durch, um sich zu beruhigen.
»Ich muss allein gehen«, sagte er bestimmt. »Ich
hole dich, wenn ich so weit bin.«
Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was
du bezweckst, aber wir gehören doch zusammen, und nicht nur, weil
wir heiraten wollen.« Sie blickte ihn ernst an. »Wir sind zwei der
Sieben, wir müssen zusammenbleiben!«
Ariac schloss kurz die Augen. »Bitte, für das, was
ich vorhabe, muss ich allein sein.«
»Was hast du denn vor?«, fragte Leá.
Ariac zögerte, dann ließ er sich auf den Boden
fallen, und die Mädchen taten es ihm gleich.
»Ich werde das Schwert von König Scurr holen und es
deinen Freunden bringen, Rijana.«
Leá und Rijana blickten ihn ungläubig an. »Du
willst das letzte Schwert aus Ursann holen?«, fragte Rijana
entsetzt. »Das kann doch nicht dein Ernst sein.«
Ariac nickte. »Es ist die einzige Möglichkeit, dass
sie erkennen, dass ich kein Verräter bin.«
»Das kannst du nicht machen«, flüsterte Rijana. »Du
kannst nicht dorthin zurück …« Sie stockte, aber Leá hob beruhigend
die Hand.
»Ich weiß davon.«
Rijana nickte erleichtert, dann nahm sie Ariacs
Hand.
»Wenn es schon sein muss, dann helfe ich dir. Die
anderen werden dir eher glauben, wenn ich bei dir bin.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, ich kenne mich in
Ursann aus. Ich weiß, wie Scurr und Worran denken. Ich weiß, wo sie
Wachen aufstellen und wie man sie umgeht. Allein bin ich besser
dran.«
Rijana rang nach Worten. »Bis Catharga«, sagte sie
ernst. »Ich begleite dich bis Catharga, dann warte ich auf dich,
bis du mit dem Schwert zurück bist.«
Sie schloss kurz die Augen und hoffte, dass er
darauf eingehen würde. Wenn sie erst in Catharga wären, würde sie
eine Möglichkeit finden, ihn entweder zu begleiten oder von dieser
verrückten Idee abzubringen.
Ariac zögerte. Er wusste, was sie im Sinn
hatte.
Rijana kam ein weiterer Gedanke.
»Außerdem sind wir hier beinahe in Northfort. Ich
habe dich zu deinen Eltern begleitet, und du musst jetzt mit zu
meinen kommen.«
Ariac zögerte. »Aber dann bleibst du bei deinen
Eltern, in Ordnung?«
Rijana nickte langsam. Zumindest hatte er sie jetzt
nicht fortgeschickt. Leá erhob sich seufzend. »Gut, dann wäre das
geklärt, und ich kann zurückreiten.«
Ariac umarmte seine Schwester. »Aber sei vorsichtig
und sieh zu, dass du die Handelsstraße so schnell wie möglich
wieder verlässt.«
Leá nickte und drückte auch Rijana noch ein letztes
Mal.
»Passt gut aufeinander auf, und kommt zu uns, wenn
ihr erfolgreich wart«, sagte sie ernst.
Die beiden folgten Leá zu dem Versteck, wo die
beiden Pferde standen. Leá gab Rijana den Umhang zurück.
»Du wirst ihn besser gebrauchen können.«
Rijana kämpfte mit den Tränen. »Pass auf dich
auf!«
Leá lächelte beruhigend und führte ihr Pferd durch
die Büsche. Sie warf einen Blick auf die Ebene, aber alles schien
ruhig zu sein. Anschließend galoppierte sie rasch nach Nordosten
und war schon bald außer Sichtweite.
»Rijana, warum bist du nur nicht bei meiner Familie
geblieben?«, fragte Ariac unglücklich, umarmte sie jedoch
fest.
Die beiden zogen sich mit ihren Pferden noch
weiter ins Buschland zurück. Momentan schien sie niemand zu
verfolgen, aber sie trauten sich nicht, ein Feuer zu
entzünden.
»Du hättest mir sagen müssen, was du vorhast«,
sagte Rijana ernst, als es langsam dunkel wurde.
Ariac seufzte und wollte einen Arm um sie legen,
doch Rijana wich aus und blickte ihn ein wenig beleidigt an.
»Ich wollte dich nicht in Gefahr bringen.«
Sie schnaubte und schlang die Arme um ihre Beine.
»Du wärst einfach fortgeritten, und am Ende hätte Scurr dich
umgebracht, und ich hätte nicht einmal gewusst, warum du nicht
zurückkommst.«
Sie biss sich auf die Lippe, die zu zittern begann,
denn sie musste an Warga und die Runen denken. …es wird zwei
Männer in deinem Leben geben.
Ariac nickte nachdenklich, dann nahm er vorsichtig
ihre Hand.
»Du hast Recht, das war nicht richtig von mir.
Verzeihst du mir?«
Rijana nickte vorsichtig und umarmte ihn
anschließend fest. »Ich will nicht mehr ohne dich sein.«
Ariac lächelte und drückte sie an sich. Er hätte
niemals gedacht, dass er jemandem noch einmal so vertrauen könnte
wie Rijana. Er wollte auch nicht mehr ohne sie leben.
»Aber wir müssen vorsichtig sein«, sagte er
ernst.
Rijana nickte. »Ich kenne mich aus in Northfort.«
Sie war ein wenig aufgeregt. Was würden ihre Eltern sagen?
Ariac schien sich gerade die gleichen Gedanken zu
machen. Er hatte die Stirn gerunzelt und sagte: »Deine Eltern
werden nicht sehr erfreut sein, dass du einem vom Steppenvolk
versprochen bist. Vielleicht sollte ich etwas außerhalb
warten.«
»Nein, ich möchte, dass sie dich kennen lernen«,
erwiderte Rijana entschieden.
Ariac blickte sie unsicher an, ihm war nicht ganz
wohl bei der Sache.
Die Nacht war ereignislos vergangen, und am Morgen
ritten die beiden in Richtung Westen. Irgendwo würden sie die
Handelsstraße überqueren müssen, wenn sie nicht einen weiten Umweg
nach Norden in Kauf nehmen wollten. Die
Büsche waren dicht und dornig. Man konnte hier nicht reiten, sonst
zerkratzte man sich das Gesicht. Also führten Rijana und Ariac ihre
Pferde den ganzen Tag lang, machten kurz Pause und aßen ein wenig
von ihrem Proviant. Am Abend hatten sie den Rand des Buschlands
erreicht, aber auf der Ebene, die sie überqueren mussten, lagerte
eine ganze Gruppe von Soldaten in roten Umhängen.
Ariac fluchte leise.
»Du bringst sie aber nicht alle um«, flüsterte
Rijana ängstlich und hielt ihn an seinem Umhang fest. Ariac deutete
ein Grinsen an und schüttelte den Kopf. So verrückt war selbst er
nicht. Sie führten die Pferde noch ein klein wenig nach Süden, aber
es war hoffnungslos, Scurrs Soldaten würden sie sicher sehen.
»Wir müssen die Nacht hier verbringen«, seufzte
Ariac, und Rijana nickte. Auf einer kleinen Lichtung legten sie
ihre Decken auf den Boden. Die Pferde knabberten ohne große
Begeisterung an einigen Büschen herum. Als es dunkel wurde, hörte
man immer wieder unheilvolles Knacken. Lenya und Nawárr schnaubten
ängstlich, aber man sah nichts. Ariac stand auf und packte sein
Schwert fester. Auch Rijana, die eigentlich ziemlich müde gewesen
war, stellte sich neben ihn. »Was ist das? Sind das Soldaten?«,
flüsterte sie.
Ariac starrte angestrengt ins Halbdunkel und
schüttelte den Kopf. »Ich glaube kaum, dass sie ins Buschland
eindringen, ohne dass sie einen Grund haben.«
Einige Zeit blieb es ruhig, aber plötzlich war die
ganze Lichtung von unzähligen pelzigen, knurrenden Wesen umzingelt.
Sie hatten Keulen in der Hand, die teilweise mit Stacheln besetzt
waren, und kamen langsam näher. Die Pferde schnaubten nervös, und
Nawárr stieg.
»Was ist das?«, flüsterte Rijana.
»Finstergnome«, knurrte Ariac. »Das glaube ich
zumindest, ich habe noch nie welche gesehen.«
Die merkwürdigen Wesen kamen langsam näher. Sie
gingen Ariac gerade einmal bis zur Hüfte, aber man sah in ihren
Gesichtern kleine Reißzähne blitzen, und ihre Augen funkelten
zornig. Den Finstergnomen stand das struppige, graubraune Fell wirr
vom Körper und vom Kopf ab. Ein besonders großer Finstergnom
stellte sich vor sie und drohte mit seiner Keule. Er knurrte etwas
und gestikulierte wild herum. Die anderen taten es ihm
gleich.
Zu Ariacs Entsetzen legte Rijana plötzlich ihr
Schwert nieder und ging auf den größeren Finstergnom zu. Ariac
konnte sie nicht mehr rechtzeitig zurückhalten. Sie kniete sich hin
und sagte mit ihrer hellen Stimme: »Wir tun euch nichts, wir sind
nur vor den Soldaten in den roten Umhängen geflüchtet. Spätestens
morgen früh verschwinden wir wieder.«
Sie drehte sich um und sagte: »Ariac, leg dein
Schwert nieder.«
»Nichts dergleichen werde ich tun«, knurrte
er.
Der Finstergnom, der scheinbar der Anführer war,
legte den Kopf schief und blickte Rijana eindringlich an. Es
wirkte, als würde er überlegen.
Rijana hob ihre Arme, um erneut anzuzeigen, dass
sie unbewaffnet war, und wiederholte noch einmal langsam, was sie
gesagt hatte.
Der Finstergnom knurrte etwas nach hinten, und drei
weitere Gnome kamen zu ihm. Sie schienen etwas zu besprechen, aber
für menschliche Ohren war ihre Sprache nicht verständlich.
Schließlich kam der Anführer auf Rijana zu. Ariac trat einen
Schritt vor und drohte mit dem Schwert, woraufhin der Anführer
wütend zischte.
»Nicht, lass ihn«, schimpfte Rijana.
Ariac trat vorsichtig einen Schritt zurück, behielt
sein Schwert jedoch in der Hand. Der Finstergnom stellte sich in
seiner ganzen Größe vor Rijana, knurrte etwas und begann
dann, mit einem Stock etwas in die Erde zu zeichnen, bevor er zu
den anderen Gnomen etwas grummelte und sie wie Schatten in die
Büsche verschwanden.
Ariac stieß einen Stoßseufzer aus und kniete sich
neben Rijana, die auf den Boden blickte. Dort waren ein Mond und
etwas, das wie eine aufgehende Sonne aussah, eingeritzt.
Rijana lächelte zufrieden. »Sie geben uns bis
morgen nach Sonnenaufgang Zeit zu verschwinden.«
Ariac blickte sie verwirrt an. »Seit wann sprichst
du Finstergnomisch?«
Sie lachte leise auf und gab ihm einen Kuss.
»Zauberer Tomis, einer der Lehrer auf Camasann, hat die
Finstergnome studiert. Jeder fand seine Ausführungen furchtbar
langweilig. Aber ich habe mir zumindest gemerkt, dass er gesagt
hat, dass Finstergnome nur ihr Land verteidigen wollen. Wenn man
nur hindurchreist, lassen sie einen in Ruhe. Und – sie können zwar
die menschliche Sprache nicht aussprechen, aber die meisten Worte
angeblich verstehen.«
Ariac blickte Rijana bewundernd an. »Ihr habt
nützliche Dinge beigebracht bekommen.«
»Manchmal schon.«
Ariac blickte in die Büsche. »Ich weiß nicht sehr
viel von den Finstergnomen, nur, dass man das Buschland meiden
sollte.«
»Gut, bis morgen wird uns nichts geschehen, aber
wir sollten bald aufbrechen«, sagte Rijana und setzte sich auf ihre
Decke.
Ariac nickte und blickte weiter in die Dunkelheit.
»Schlaf du zuerst, ich halte Wache.«
Kurz vor der Morgendämmerung schlugen sich die
beiden weiter in Richtung Süden durch das Buschland. Man sah zwar
nichts, aber sowohl Rijana als auch Ariac hatten das Gefühl, dass
sie von vielen kleinen Augen beobachtet wurden.
Auch die beiden Pferde wirkten angespannt. Aber die Finstergnome
schienen Wort zu halten, denn niemand griff an.
Im Wald überquerten Rijana und Ariac die
Handelsstraße, die um diese frühe Zeit noch menschenleer war.
Endlich hatten sie das Buschreich verlassen und trabten durch einen
lichten Wald. Es war ziemlich gefährlich hier, denn die
Handelsstraßen, die von Gronsdale und Errindale nach Northfort
führten, kreuzten sich immer wieder. Aber Rijana und Ariac hatten
Glück. Sie konnten den vielen Soldaten in roten Umhängen und auch
einigen deutlich weniger häufig auftretenden Soldaten von König
Greedeon aus dem Weg gehen.
Endlich hatten sie die unbewohnten und verwachsenen
Wälder von Northfort erreicht, doch Rijana kam es nicht sehr
bekannt vor. Alles hatte sich in den letzten zehn Jahren verändert,
und sie war früher nie sehr weit aus Grintal fortgekommen. Das
Einzige, was sie wusste, war, dass Grintal ziemlich weit im Süden
abseits der Straßen an einem Fluss lag. Also ritten die beiden
viele Tage lang weiter nach Süden. Glücklicherweise trafen sie auf
keine weiteren Soldaten, die sich wohl auf den Norden beschränkt
hatten, um Ariac zu suchen. Die Wälder waren jetzt meist licht, mit
alten, knorrigen Bäumen. Es gab viele kleine Bäche, genügend Wild
zu jagen, Beeren und jede Menge Pilze.
»Es ist schön hier«, sagte Ariac lächelnd, als sie
durch den herbstlichen Wald trabten. Unter den Hufen der Pferde
raschelte das Laub. »Ich mag zwar die Weite der Steppe, aber hier
gibt es im Überfluss zu essen, und«, er grinste, »man braucht sich
nicht ständig Gedanken um Holz für ein Lagerfeuer zu machen.«
Rijana nickte. Auch sie fühlte sich hier wohl, aber
sie war in den letzten Tagen sehr nachdenklich geworden. Wie würden
ihre Eltern nach der langen Zeit reagieren?
Ariac schien ihr anzusehen, dass sie sich Gedanken
machte. Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Sie werden sich sicherlich
freuen, dich zu sehen. Und wie gesagt, ich muss ja nicht mit ins
Dorf kommen.«
Rijana schluckte, sie war sich nicht so sicher bei
ihren Eltern.
»Und ich habe dir schon gesagt, dass ich möchte,
dass du mitkommst.« Rijana blieb stur. »Entweder sie nehmen mich
mit dir zusammen, oder sie lassen es eben bleiben.«
Ariac ritt dichter zu ihr heran und nahm ihren Arm.
»Du denkst aber daran, dass du bei ihnen bleiben wirst.«
Daraufhin murmelte Rijana nur leise: »Wenn sie mich
überhaupt noch bei sich haben wollen.«
»Natürlich wollen sie das«, sagte Ariac mit einem
aufmunternden Lächeln. »Wer würde denn eine so hübsche Tochter
gehen lassen.«
Rijana war sich da nicht so sicher und blickte
stumm auf den Waldboden.
An diesem Abend erreichten die beiden im letzten
Licht das Ende des Waldes. Sie blickten auf eine grasbewachsene
Ebene. Nicht weit in der Ferne konnte man den langen Meeresarm
sehen – sie waren zu weit nach Süden geritten.
Rijana runzelte die Stirn und fluchte. »Mist, wir
müssen weiter nach Westen und dann wieder etwas nach Norden.«
Ariac nickte beruhigend. »Das macht nichts. Auf ein
oder zwei Tage kommt es nicht an.« Allerdings machte er sich
insgeheim Gedanken, denn er würde Ursann wohl kaum vor dem Winter
erreichen. Vielleicht sollte er den Winter doch noch irgendwo mit
Rijana verbringen und erst im Frühjahr aufbrechen. Die beiden zogen
sich wieder weiter in den Wald zurück, ritten bis zum Einbruch der
Dunkelheit nach Westen und ließen sich auf einer mit Moos
bewachsenen Lichtung für die Nacht nieder. Rijana und Ariac
sammelten Holz und entzündeten ein Feuer, auf dem sie in einem
kleinen Topf Pilze kochten, die Rijana während des Tages gesammelt
hatte.
»Ich hoffe, du kennst dich damit aus«, sagte Ariac
zweifelnd, als sie mehrere Pilze und Kräuter ins Wasser warf.
»Ich habe mir gedacht, dass du sie zuerst
versuchst, und wenn du bis zum Aufgang des Mondes noch lebst, dann
kann ich sie beruhigt auch selbst essen«, erwiderte Rijana mit
einem frechen Grinsen.
Ariac schnaubte empört, stürzte sich plötzlich auf
sie und drückte sie auf den weichen Waldboden.
»Geht man so mit seinem zukünftigen Ehemann
um?«
Rijana lachte leise und versuchte wieder
aufzustehen, aber Ariac hielt ihre Arme fest.
»Ich fordere sofortige Wiedergutmachung.«
»Und, was hast du dir da vorgestellt?«, fragte sie
herausfordernd.
Ariac tat so, als würde er nachdenken. Dann gab er
ihr einen langen und sehr leidenschaftlichen Kuss. Rijana erwiderte
diesen und sagte, als sie wieder Luft hatte: »Keine schlechte Idee.
Ich sollte es wohl noch ein wenig ausnutzen, bis du die Pilze
gegessen hast.«
Leise lachend schüttelte Ariac den Kopf und küsste
sie. Da es schon ziemlich kühl wurde, legte er die Decke über sie
beide. Als sie schließlich Arm in Arm in der Stille des Waldes
lagen, waren die Pilze schon lange zerkocht.
»Ich habe Hunger«, sagte Ariac und streichelte
Rijana über ihr Gesicht. Sie drehte sich zu ihm und erwiderte
grinsend: »Jetzt brauchst du die Pilze nicht mehr essen.«
Ariac nickte und sagte mit gerunzelter Stirn: »Das
hat mir vielleicht das Leben gerettet.«
Rijana kuschelte sich näher an ihn. »Dann könntest
du dir öfters das Leben retten. Aber ich kann dich beruhigen, ich
kenne mich wirklich mit Pilzen aus.«
»So?«, fragte er amüsiert.
»Ja, ich habe es schon als kleines Mädchen von
meiner Großmutter gelernt.« Ihr Blick wurde traurig. »Sie war die
Einzige in meiner Familie, die mich gemocht hat. Aber sie ist
gestorben, als ich sieben war.«
Ariac zog sie dichter an sich heran. »Was auch
immer deine Eltern damals gegen dich hatten«, sagte er ernst,
»jetzt werden sie dich mögen.« Er gab ihr einen Kuss auf die Wange
und sagte: »Dich kann man schließlich nur lieben.«
Sie lächelte zögernd und biss sich auf die
Lippe.
Ariac, der das sah, fügte noch hinzu: »Und für den
Fall, dass sie dich wirklich nicht bei sich behalten wollen, was
ich nicht glaube, dann verbringen wir den Winter gemeinsam irgendwo
anders.«
Rijana hob den Kopf und sah ihn erleichtert an.
»Danke, ich dachte schon, du lässt mich einfach irgendwo
zurück.«
Ariac schnaubte empört. »Was hältst du denn von
mir?«
Sie grinste, jetzt schon etwas fröhlicher.
»Schließlich bist du ein unberechenbarer Wilder!«
Er schüttelte lachend den Kopf und biss ihr
vorsichtig in den Hals, woraufhin sie leise aufschrie. »So wie du«,
knurrte er.
Rijana fuhr sich über die Linien auf ihrem Arm.
Jetzt war alles vollkommen verheilt, und man sah die kunstvollen
Linien und Zeichnungen genau.
Schließlich erhob sich Ariac, schüttete mit einem
gespielt vorwurfsvollen Blick auf Rijana die Pilze fort und holte
Brot und Käse aus dem Proviantsack. Die beiden aßen eine Weile
schweigend und lauschten den nächtlichen Geräuschen von Tieren auf
der Jagd. Die Pferde grasten friedlich in der Nähe. Sollte sich
Gefahr nähern, würden die sie warnen. Eine Eule flog dicht über
ihre Köpfe hinweg, und ein Käuzchen schrie unheimlich in der
Nähe.
»Hoffentlich ist Leá gut zurückgekommen«, sagte
Rijana unvermittelt.
»Sie kennt sich gut aus, ihr ist sicher nichts
geschehen«, erwiderte Ariac beruhigend.
»Ich mag sie sehr«, meinte Rijana seufzend und
lehnte ihren Kopf an Ariacs Schulter. »Hoffentlich können wir bald
in die Steppe zurückkehren.«
»Das hoffe ich auch«, antwortete Ariac, obwohl er
nicht glaubte, dass das so schnell geschehen würde.
Drei Tage lang ritten die beiden weiter nach
Westen und anschließend nach Norden. Rijana wurde zunehmend nervös,
doch dann glaubte sie, den Fluss zu erkennen, an dem sie als Kind
immer gespielt hatte. Sie folgten dem gewundenen kleinen Strom
wieder ein wenig nach Süden, und dann, an einem diesigen, kühlen
Tag, erblickten sie eine kleine Ansammlung von Hütten. In einem
Pferch waren einige Schafe eingesperrt. Ein paar Bauern ernteten
auf steinigen Äckern Kartoffeln, und Frauen wuschen ihre Wäsche im
Fluss. Rijana parierte Lenya hart durch, sodass die Stute
schnaubend stehen blieb.
»Ist das Grintal?«, fragte Ariac leise.
Rijana nickte und fuhr sich nervös mit der Zunge
über die Lippen.
»Sollen wir hinreiten?«, fragte Ariac und blickte
sich um. Soldaten schienen nicht in der Nähe zu sein, das Dorf war
ohnehin sehr einsam und weitab von der Handelsstraße gelegen.
»Ja«, sagte Rijana heiser.
Ariac zog sich die Kapuze über den Kopf. »Aber ich
warte besser ein wenig abseits, denn ich will deine Eltern nicht
erschrecken.«
Rijana nickte. Sie war viel zu nervös, um jetzt
noch zu widersprechen. Sie fuhr sich durch die Haare, warf sie nach
hinten über die Schultern und zog sich ebenfalls die Kapuze über
den Kopf. Dann ritt sie langsam auf das Dorf mit den ärmlichen
Hütten zu. Als eine magere Frau am Fluss sie erblickte, rannte sie
schreiend zu den Hütten. Sofort bildete
sich eine kleine Gruppe, die den Ankömmlingen mit einer Mischung
aus Angst und Misstrauen entgegenblickte. Ariac hielt seinen Hengst
bereits bei dem Schafspferch an. Rijana hingegen ritt weiter. Sie
erkannte ihre Eltern erst auf den zweiten Blick. Cadah und Hamaron
waren alt geworden. Ihre Haare waren komplett weiß, und ihre
faltigen Gesichter wirkten noch verhärmter und verbitterter, als
Rijana sie in Erinnerung hatte.
»Was wollt Ihr?«, fragte Hamaron und blickte auf
Ariac und Rijana. »Wir haben pünktlich unsere Abgaben
gezahlt.«
»Sie tragen keine roten Umhänge«, flüsterte ein
anderer greiser Bauer. Rijana konnte sich nicht mehr an seinen
Namen erinnern.
Vorsichtig zog sich Rijana die Kapuze vom Kopf. Die
Männer und Frauen stießen einen überraschten Laut aus.
»Eine junge Frau?«, fragte eine Bäuerin
überrascht.
Rijana war nervös. Sie blickte Hamaron und Cadah
nacheinander an, und diese musterten sie ebenfalls genau.
»Ich bin’s, Rijana«, sagte sie kaum hörbar.
Durch ihre Eltern ging ein Zucken. Sie starrten sie
mit offenen Mündern an.
»Rijana?«, fragte Hamaron, so als würde er ihren
Namen zum ersten Mal hören. »Was tust du hier?«
»Ich wollte … ich wollte … euch besuchen«,
antwortete sie unsicher.
»Du warst eine Ewigkeit nicht hier«, sagte Cadah,
und ihre Stirn verzog sich in viele kleine Falten.
Die Dorfbewohner zerstreuten sich langsam. Die
meisten eilten davon, um ihrer Familie zu sagen, dass die Tochter
von Cadah und Hamaron zurückgekehrt war, sogar in guten Kleidern
und mit einem edlen Pferd.
»Du scheinst in Wohlstand gelebt zu haben«, stellte
Hamaron fest, und seine Stimme und sein Gesichtsausdruck wirkten
dabei ein wenig missbilligend. »Du trägst teure Kleider und
hast ein gutes Pferd.« Er blickte zu ihr auf. »Hast du wenigstens
etwas Gold mitgebracht?«
Rijana schossen Tränen in die Augen, die sie nur
mühsam wieder hinunterschlucken konnte. Sie war so fassungslos,
dass sie nicht einmal einen Ton herausbrachte. Ariac kam langsam
näher geritten. Er sah Rijanas unglückliches Gesicht.
»Was erwartest du?«, fragte ihr Vater weiter. »Wir
hatten die letzten Jahre schlechte Ernten. Deine älteste Schwester
ist an einem Fieber gestorben, jetzt haben wir ihre Bälger am
Hals.« Er deutete auf einige kleine rotznasige Kinder, die im Dreck
spielten. »Ihr Mann treibt sich lieber in den Tavernen rum, als bei
uns zu arbeiten.« Hamaron spuckte angewidert auf den Boden. »Sie
haben dich zurückgeschickt, weil sie dich nicht mehr auf der Insel
haben wollten, nicht wahr?«
Rijana schüttelte mechanisch den Kopf und konnte
noch immer nichts sagen.
Hamaron seufzte. »Was willst du dann? Und wer ist
der Kerl da hinten?« Er deutete auf Ariac. »Ist er etwa einer
dieser Krieger von der Insel?«
Rijana schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals
herunter und richtete sich stolz auf. »Nein, er ist mein
Verlobter.«
Cadah entfuhr ein leiser Schrei, und Hamaron
fluchte: »Verdammt, dann ist er hier, weil er eine Mitgift will. Es
ist ein Kreuz, fünf Töchter zu haben.«
Ariac ritt näher an Rijanas Vater heran und sagte
ruhig und gelassen unter seiner Kapuze hervor: »Nein, ich will
keine Mitgift. Rijana ist der größte Schatz, den ein Mensch
überhaupt bekommen kann.«
Hamaron schnaubte abfällig und versuchte, Ariacs
Gesicht zu erkennen.
»Bei meinem Volk ist es ein Segen, wenn man viele
Töchter hat. Sie sind der Stolz eines jeden Vaters«, fügte Ariac
mit kalter Stimme hinzu.
»Was im Namen der Götter soll das für ein Volk
sein?«,
fragte Hamaron abfällig. »Und warum zeigst du dein Gesicht nicht?
Hast du etwas zu verbergen?«
Ariac warf Rijana einen Blick zu, die kaum merklich
nickte. Als Ariac seine Kapuze zurückschlug, wichen alle, die noch
in der Nähe gestanden hatten, ein paar Schritte zurück. Zwei von
Rijanas Schwestern, die jetzt aus den anderen Hütten kamen, blieben
wie gelähmt stehen.
»Einer vom Steppenvolk?«, fragte Cadah entsetzt,
und Hamaron polterte los.
»Verdammt noch mal, ausgerechnet ein Wilder. Du
bist eine verfluchte kleine Hure geworden!«
In Rijana kochte die Wut hoch. »Ich bin keine
Hure!«
»Was denn sonst?«, kreischte Cadah. »Seht nur, eure
Schwester ist eine Steppenhure.« Rijanas Schwestern schüttelten
fassungslos die Köpfe.
Rijana betrachtete die beiden älteren Schwestern.
Früher waren sie ihr so unglaublich schön vorgekommen, aber jetzt
sah sie die beiden etwas anders. Legene hatte eine ziemlich krumme
und breite Nase, Feligrah einen verbissenen, schmalen Mund und
kleine Schweinsaugen. Außerdem wirkten die strohblonden Haare der
beiden dünn und fettig.
»Ich verbiete dir, diesen Kerl zu heiraten«, schrie
Hamaron plötzlich. »Du bist doch gerade erst – äh, na ja, siebzehn
oder so. Du darfst ihn nicht heiraten.«
Cadah nickte nachdrücklich, und Hamaron kam mit
drohenden Gebärden auf Ariac zu. Der ließ seinen Hengst nur ein
paar Schritte vortreten. Nawárr spürte den Zorn seines Herrn und
legte die Ohren an. Er bleckte die Zähne und stampfte drohend, als
Hamaron näher kam.
»Er ist ein Barbar. Du wirst hierbleiben, und ich
suche dir einen anständigen Mann«, befahl Hamaron, wich jedoch
wieder zurück. Er hatte Angst vor dem großen Pferd. »Du bist ja
zumindest recht ansehnlich geworden, das muss man dir
lassen.«
Rijana blickte ihre Familie noch ein einziges Mal
an, dann sagte sie mit leiser Stimme: »Ihr habt mir gar nichts zu
befehlen. Ich gehöre nicht mehr zu euch, denn jetzt bin ich eine
Arrowann.« Sie warf den beiden einen kalten Blick zu und sagte:
»Und nur damit ihr es wisst, seit dem letzten Frühjahr bin ich
achtzehn Jahre alt.« Rijana wendete ihr Pferd und fasste in den
Beutel, den sie aus Balmacann mitgebracht hatte. Ohne sich noch
einmal umzudrehen, warf sie ihren Eltern einen Großteil des
Schmucks und des Goldes vor die Füße, dann ließ sie Lenya aus dem
Stand angaloppieren und schoss davon. Rijana hörte ihren Vater noch
etwas schreien, aber sie achtete nicht darauf. Sie hatte ihr altes
Leben hinter sich gelassen und wusste, dass sie niemals nach
Grintal zurückkehren würde. Ariac folgte ihr, konnte sie jedoch
kaum noch einholen. Rijana galoppierte halsbrecherisch über die
schmalen Waldpfade.
Eine lange Zeit ritt sie durch die Wälder, immer
nach Norden, ohne eigentlich zu wissen, wohin sie wollte. Ariac
folgte ihr. Er war selbst fassungslos über das Verhalten von
Rijanas Eltern. Irgendwann überquerten sie die Handelsstraße und
erschreckten ein altes Weib mit Reisig auf dem Rücken beinahe zu
Tode, als sie hinter ihr ins Gebüsch sprengten. Als es langsam
dunkel wurde, parierte Rijana endlich ihr schwitzendes und
schnaubendes Pferd durch. Sie ritt noch eine Weile mit starrer
Miene durch den Wald und hielt endlich an einem kleinen See an.
Ariac konnte in der Dämmerung ihr Gesicht kaum sehen. Sie sattelte
Lenya stumm ab. Die Stute trank gierig aus dem See. Anschließend
begann sie zu grasen. Rijana lehnte sich an den Stamm einer dicken
Eiche und schlang sich die Arme um die Knie. Noch immer war ihr
Gesicht unbewegt. Ariac setzte sich neben sie und reichte ihr einen
Apfel aus dem Proviantsack. Sie schüttelte stumm den Kopf.
Ariac legte einen Arm um sie, und plötzlich
begannen ihre
Schultern zu zucken. Sie versteckte das Gesicht in den Armen.
Leise weinte sie eine Zeit lang vor sich hin.
»Sie haben nicht einmal gefragt, wie es mir in den
letzten Jahren ergangen ist«, schluchzte sie irgendwann.
Ariac nickte und nahm sie fest in den Arm. Er
streichelte ihr über den Kopf. »Ich konnte es mir nicht vorstellen,
aber jetzt habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie kalt und herzlos
sie sind.«
Rijana nickte traurig und legte ihren Kopf an seine
Schulter. »Warum tun sie das? Warum haben sie sich nicht einmal ein
kleines bisschen gefreut, mich zu sehen?«
Er wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. »Ich
sage es nicht gern, aber ich glaube, deine Eltern sind einfach
dumme und gemeine Menschen.«
Rijana schniefte laut. Dann blickte sie ihn
nachdenklich an. »Warum sagen die Leute, dass die Steppenleute
Wilde sind? Warum halten sie dich für einen Barbaren, nur weil du
diese Zeichen trägst?« Sie strich ihm über die feinen Tätowierungen
neben seinen Schläfen. »Deine Eltern und die anderen aus deinem
Clan sind herzliche, freundliche und gute Menschen.« Rijana
streckte sich und wischte sich die letzten Tränen fort. »Leute wie
meine Eltern sollte man als Wilde bezeichnen, denn sie hätten das
verdient.«
Ariac nickte und gab ihr einen Kuss. »Sei nicht
traurig, Rijana, sie sind es nicht wert. Du hast jetzt eine andere
Familie – meine Familie.«
Nun lächelte Rijana zaghaft, dann umarmte sie Ariac
fest. »Ich bin so froh, dass ich dich habe und dass ich eine
Arrowann geworden bin.« Sie blickte ihn ernst an. »Hätte ich jemals
daran gezweifelt, dass es richtig war, dann wären spätestens jetzt
alle Zweifel verflogen.«
Ariac lächelte zurück und nickte. »Und ich bin
ebenfalls froh.« Dann blickte er sie nachdenklich an. »Die beiden
blonden Frauen, waren das deine Schwestern?«
Rijana nickte. »Wie bist du im Namen Nawárronns
darauf gekommen, dass sie hübsch sind?« Ariac machte ein so
verwirrtes Gesicht, dass Rijana lachen musste.
»Das weiß ich heute auch nicht mehr.«
Ariac grinste. »Man sollte wirklich eine Menge Gold
bekommen, wenn man sie heiratet.«
Rijana kicherte, aber Ariac sah noch immer den
verletzten Ausdruck in ihren Augen.
»Ist es wirklich üblich bei euch?«, fragte
er.
Rijana nickte. »Ja, schon. Bei den Arrowann
nicht?«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, das kennen wir
nicht, und es macht für mich auch keinen Sinn.«
Er hielt ihr erneut den Apfel hin. Diesmal nahm sie
ihn an und biss lautstark hinein.
»Es war trotzdem gut, dass ich noch einmal dort
war«, sagte sie nach einer Weile nachdenklich. »Jetzt kann ich mit
meiner Vergangenheit abschließen.«
»Gut, dann werden wir uns gemeinsam einen schönen,
gemütlichen Platz für den Winter suchen«, bestimmte Ariac.
Rijana lehnte sich an ihn und schlang ihre Arme um
seinen Oberkörper.
»Bitte lass mich mit dir gehen, egal wohin. Ich
will nie mehr ohne dich sein.«
»Nicht nach Ursann, überallhin, aber nicht nach
Ursann.«
Rijana biss sich auf die Lippe. Jetzt war wohl
nicht die Zeit für eine Diskussion. Daher nickte sie nur, schloss
ihre Augen und schlief mit dem Kopf auf Ariacs Schoß ein. Er
starrte eine lange Zeit in die Nacht hinaus. Er wusste nicht, was
mit Rijana geschehen sollte, wenn er nach Ursann ging. Aber dass
sie nicht bei ihren Eltern bleiben konnte, das war ihm auch
klar.
Vorsichtig streichelte er über ihre langen,
seidigen Haare. Er konnte ihre Eltern beim besten Willen nicht
verstehen.