KAPITEL 14
Die Vision
Seit vier Tagen war Rijana nun schon in dem Tal. Beinahe hatte sie die Hoffnung schon aufgegeben, noch eine Vision zu erhalten. An diesem Abend versuchte sie ganz bewusst, Gedanken und Befürchtungen aus ihrem Geist zu verbannen, trank ein paar Schlucke von dem Trank und blickte in den sich rötlich färbenden Himmel.
Sie wusste nicht genau, ob sie eingeschlafen war oder nicht, aber plötzlich sah sie ein Schlachtfeld mit Männern in roten Umhängen. Anschließend sich selbst, Ariac, Saliah, Rudrinn und die anderen. Dann folgten das Bild eines ausbrechenden Vulkans und das von einer riesigen Flutwelle, die mehrere Städte fortspülte. Rijana sah Menschen, Zwerge und Elfen und andere Wesen gemeinsam gegen Orks, Trolle und sonstige Ausgeburten der Finsternis kämpfen. Dann erschien plötzlich ein gigantischer Adler, der einen Schrei ausstieß und seine Flügel über alle Länder ausbreitete.
Rijana riss die Augen auf. Sie war schweißgebadet. Plötzlich beruhigte sich alles wieder vor ihrem inneren Auge, und es war stockdunkel in dem kleinen Tal. Lenya döste friedlich nicht weit von ihr entfernt. Rijana stand schwankend auf und stolperte zu dem kleinen Bach. Sie kühlte ihr Gesicht mit dem kalten Wasser, das sie wieder ein wenig in die richtige Welt zurückbrachte. Das musste wohl eine Vision gewesen sein, aber was sie bedeuten sollte, wusste Rijana nicht. Noch in der Nacht packte sie ihre wenigen Sachen zusammen, schwang sich auf ihr Pferd und ritt zurück zu Leá. Im Morgengrauen erreichte Rijana den Lagerplatz. Die hübsche schwarzhaarige Steppenfrau sprang auf, als Rijana mit Lenya angetrabt kam.
»Und hattest du eine Vision?«, fragte sie aufgeregt.
Rijana nickte müde und ließ sich vom Pferd sinken. Leá reichte ihr einen Wasserbeutel und einige Früchte.
»Aber iss langsam, sonst wird dir schlecht.« Leá grinste. »Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Als ich aus der Steppe zurückgekommen bin – ich glaube, ich war damals etwa vierzehn -, habe ich einen ganzen Topf mit Haferbrei gegessen.« Sie verzog das Gesicht. »Natürlich kam alles wieder raus.«
Rijana grinste. Sie hatte tatsächlich furchtbaren Hunger, zwang sich jedoch, alles richtig zu kauen und langsam zu schlucken. Anschließend erzählte sie Leá, die aufmerksam zuhörte, von ihrer Vision.
»Warga wird mehr dazu wissen«, sagte sie am Ende. »Ruh dich ein wenig aus und iss noch etwas, dann reiten wir zurück.«
Rijana ließ sich zurück in das trockene Gras der Steppe sinken. Sie war wirklich sehr müde.
»Was bedeuten deine Zeichen?«, fragte Rijana, woraufhin Leá die Ärmel ihrer Bluse hochschob.
»Hier, auf dem rechten Arm, das sind die Zeichen der Arrowann.« Sie deutete auf die verschlungenen Linien, die in zwei Pfeilspitzen endeten. »Eigentlich nichts Besonderes. Es sind die Zeichen für den Fluss des Lebens und die ewige Wiederkehr. Aber das hier«, sie zeigte auf die Lanze auf ihrem linken Arm, um die sich eine Schlange wand, »das ist das Zeichen dafür, das ich sowohl eine Kriegerin als auch eine Heilerin sein kann.«
Rijana nickte, obwohl ihr das alles noch immer etwas fremd war. Sie überlegte sich, welche Zeichen sie wohl bekommen würde.
»Ich habe Kräuter gesammelt«, meinte Leá, als die beiden gegen Mittag aufbrachen. »Dann fällt unser kleiner Pakt nicht gleich auf.«
Rijana lächelte, sie war noch immer ein wenig schwach. »Danke, Leá«, sagte sie aufrichtig, »du bist wirklich eine gute Freundin.«
Es war schon dunkel, als sie die Kochfeuer vor den Zelten erblickten. Ariac kam ihnen entgegengerannt.
»Na endlich seid ihr da«, rief er aus. »Wie kann man denn so lange Kräuter sammeln?«
Leá zog ihren Bruder am Ohr, wobei sie sich strecken musste. »Davon verstehen Männer nichts.«
Er winkte ab und nahm Rijanas Hand. »Du siehst blass aus, bist du krank?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, mir geht es gut, bin nur etwas müde.«
Ariac beobachtete sie kritisch, aber in dem Augenblick nahm Leá sie bereits an der Hand mit sich. »Wir gehen jetzt schlafen. Ihr könnt euch ja morgen unterhalten.«
Als sie ein wenig außer Hörweite waren, flüsterte sie: »Wir gehen gleich zu Warga. Du musst noch heute deine Tätowierungen bekommen.«
Rijana unterdrückte ein Gähnen, denn sie war zum Umfallen erschöpft.
Die alte Hexe saß in ihrem Zelt und lächelte, als die beiden Mädchen hereinkamen.
»Ich habe gespürt, dass ihr heute kommt. Setzt euch«, sagte sie und reichte den beiden einen Kräutertee, woraufhin auch Rijana nach kurzer Zeit wieder munter wurde. Sie musste Warga alles genau erzählen. Als Rijana von dem Adler berichtete, hob sie überrascht die Augenbrauen. »Valwahir, der mächtige Adler«, murmelte sie.
Leá zuckte neben Rijana zusammen. »Bist du sicher?«, fragte sie.
Warga warf einen missbilligenden Blick auf Leá. »Natürlich, ein riesiger Adler, der seine Schwingen über die gesamten Länder ausbreitet – was soll das sonst sein?«
»Und was bedeutet das?«, fragte Rijana mit großen Augen.
Warga beugte sich vor und sagte mit bedeutsamer Stimme: »Das Ende der Welt.«
Rijana schluckte und riss die Augen auf. Eine Weile knackte nur das Feuer, dann begann die Hexe zu reden.
»Es gibt eine uralte Legende beim Steppenvolk, dass, wenn die Menschen sich zu sehr gegen die Natur stellen und die Völker verfeindet sind, Valwahir erscheint und das Ende der Welt ankündigt. Die Berge werden Feuer speien, die Meere sich erheben, und dann, dann soll der Beginn eines neuen Zeitalters anbrechen.«
»So wie damals, als der lange Winter anbrach?«, fragte Rijana atemlos.
Warga schüttelte den Kopf. »Der lange Winter war dagegen ein Kinderspiel. Nein, es wird alles zerstört, damit es wieder neu entstehen kann.«
»Ist das wahr?«, fragte Rijana und blickte nacheinander Warga und Leá an, die beide ernste Gesichter machten.
»Das weiß auch ich nicht. Es ist, wie gesagt, eine Legende«, antwortete die Hexe. Dann lächelte sie. »Bist du bereit, deine Zeichen zu erhalten?«
Rijana nickte und zog ihr Hemd aus.
»Gut, dann kann Leá die Tätowierungen anbringen.«
»Ich?« Leá blickte die Hexe entsetzt an.
Warga nickte. »Natürlich, du bist so weit, ich habe dich unterwiesen.«
»Aber … aber ich kann es nicht so gut wie du«, stammelte die junge Steppenfrau und blickte Rijana verzweifelt an. »Ich möchte nichts verderben.«
Die alte Frau kicherte. »Du bist die beste Künstlerin, die ich jemals gesehen habe. Deine Schnitzereien und Bemalungen sind wunderbar, und du hast doch bereits einigen Kindern die ersten Tätowierungen gemacht.« Warga grinste Rijana an, die ein wenig unsicher aussah. »Leás Hand ist ruhiger als die zittrige einer uralten Frau.«
Leá sah noch immer sehr erschrocken aus. »Ich weiß nicht«, murmelte sie.
Doch Rijana fasste sich ein Herz und nahm Leás Hand in ihre. »Ich vertraue dir.«
»Bist du sicher?«, fragte sie, und Rijana nickte, obwohl sie überzeugter wirkte, als sie wirklich war.
Warga wirkte zufrieden. »Du kannst die Zeichen zunächst aufmalen und später einbrennen. Wenn du nicht weiterweißt, werde ich dir helfen«, versprach Warga Leá, die sehr unglücklich wirkte.
Rijana schluckte, und Warga sagte beruhigend: »Ich werde dir einen Trank geben, dann tut es nicht so weh, aber ein wenig musst du es spüren, das gehört dazu.«
Rijana nahm den Trank entgegen, den Warga ihr reichte.
Leá atmete tief durch und nahm von Warga eine Nadel an, die sie ins Feuer legte. Sie lächelte Rijana noch einmal unsicher zu. »Die verschlungenen Pfade von Schwert und Pfeil, die ihre Zugehörigkeit zu beiden Völkern anzeigen …«, sagte sie halb zu sich, halb zu der Hexe gewandt.
Warga nickte zufrieden, und Leá begann mit einem feinen Pinsel Linien auf Rijanas Oberarm zu zeichnen.
»… elfische Runen, die der Menschen und der Zwerge …«, murmelte sie und malte feine Runen zwischen die verschlungenen Linien, die Schwert und Pfeilspitze verbanden.
»… in der Mitte Valwahir, der Überbringer von Zerstörung und Neubeginn.«
Sie zeichnete konzentriert einen Adler in die Mitte. Es nahm einige Zeit in Anspruch, und Rijana verrenkte sich den Hals, um etwas zu sehen.
»Du musst stillhalten«, schimpfte Leá, »besonders, wenn ich später mit der Nadel arbeite.«
 
Schließlich war Leá fertig, nahm unsicher die glühende Nadel in die Hand und warf Warga noch einen verzweifelten Blick zu, doch diese nickte nur beruhigend.
»Sag, wenn du nicht mehr kannst«, sagte Leá besorgt zu Rijana.
»Hmm«, murmelte diese vom Trank leicht betäubt und legte sich auf einen Haufen Felle. Die ersten Stiche taten ziemlich weh, und Rijana biss sich auf die Lippen, aber mit der Zeit wurde es ein wenig erträglicher. Alles verschwamm zu einem diffusen Licht, und Rijana verspürte nur hin und wieder ein schwaches Pieksen.
Leá arbeitete andächtig, und es war bereits spät in der Nacht, als sie den dunklen Saft der Halkawann-Wurzel in die Wunden laufen ließ, die später die Linien bilden würden. Rijana zuckte zusammen – es brannte wie Feuer.
Leá nahm sie in den Arm. »Es tut mir leid, dass ich dir wehgetan habe«, sagte sie schuldbewusst.
»Das macht nichts«, sagte Rijana ehrlich. »Es hat weniger wehgetan, als ich gedacht hätte.«
Von der Tätowierung war noch nicht viel zu sehen. Die Haut war noch blutig und mit dem schwarzen Saft verschmiert, außerdem begann Rijanas Schulter anzuschwellen. Warga nahm einen Verband und wickelte ihn ihr um den Arm.
»So, es wird noch ein paar Tage wehtun. Komm morgen zu mir, dann werde ich dir eine Kräutersalbe geben.«
Die Hexe blickte sie ernst an. »Soll ich dir noch die Runen werfen? Heute ist eine wichtige Nacht für dich.«
Rijana zögerte, denn sie war unglaublich müde, aber Leá lächelte ihr so aufmunternd zu, dass sie sich dafür entschied. Warga warf erneut Kräuter ins Feuer, und ein betörender Duft lag in der Luft. Schwer und süß zugleich, aber auch erdig und ätherisch. Die alte Frau begann, die Steine im Beutel zu schütteln, dann blickte sie Rijana tief in die Augen und warf die Runen. Anschließend beugte sie sich vor und runzelte ihre Stirn.
»Ich sehe ähnliche Zeichen wie damals bei Ariac«, murmelte die Hexe. »Liebe und Krieg, Tod und Schmerz, aber auch Freundschaft und Hoffnung.«
Rijana schluckte, dann begann Warga noch einmal die Runen zu werfen.
»Und ich sehe zwei Männer in deinem Leben, die dir sehr wichtig sind.«
Rijana verstand nicht. Warga blickte sie ernst an.
»Du wirst dich entscheiden müssen und wahrscheinlich sogar zwei Mal den Bund der Ehe eingehen, aber es ist etwas undeutlich. Ich kann die Runen nicht immer eindeutig auslegen.«
Erschrocken riss Rijana die Augen auf. »Aber … aber ich habe mich doch schon entschieden.« Tränen füllten ihre Augen. »Und heißt das, dass einer, ich meine, dass vielleicht einer stirbt?«
Die alte Frau blickte sie mitleidig an. »Wie gesagt, es ist etwas undeutlich, und vielleicht hat es auch nur eine Entscheidung in der Vergangenheit angezeigt.«
Rijana nickte unsicher, aber sie hatte Angst. Leá half ihr aufzustehen.
»Ich will nicht, dass Ariac etwas passiert«, sagte Rijana leise, und in ihren Augen spiegelte sich Panik wider.
»Das muss es ja nicht heißen«, sagte Leá beruhigend. »Hat es denn schon einen anderen Mann in deinem Leben gegeben?«
Rijana nickte. »Falkann – er war mit mir auf Camasann.«
»Na also«, sagte Leá lächelnd. »Dann ist ja alles gut.«
»Aber sie sagte doch …«
Leá schüttelte den Kopf. »Sie wusste es nicht genau, also mach dir nicht so viele Gedanken.«
Mit Leás Hilfe schwankte Rijana aus dem Zelt. Als sie in ihrem eigenen angekommen war, ließ sie sich auf die Felle fallen und war beinahe augenblicklich eingeschlafen. Jetzt bin ich eine Arrowann, dachte sie noch kurz vorher. Sie lächelte, denn es war ein gutes Gefühl.
 
Am nächsten Morgen wachte Rijana erst sehr spät auf. Im Lager herrschte bereits reges Treiben. Rijana tastete nach ihrer Schulter und zuckte vor Schmerz zusammen. Ihr Arm war angeschwollen und feuerrot. Sie wusch sich kurz im Bach und ging anschließend gleich zu Warga. Die sah sich ihren Arm an und nickte zufrieden, obwohl Rijana nur geschwollene Wunden und getrocknetes Blut sah. Sie wirkte etwas skeptisch.
»Das sieht sehr gut aus«, versicherte Warga und begann Rijanas Arm vorsichtig abzuwaschen. Anschließend strich sie eine kühlende Salbe auf.
»Lass den Verband drei Tage dran, dann werden wir weitersehen.«
Rijana nickte und ging aus dem Zelt. Sie setzte sich zunächst ans Kochfeuer, denn sie hatte großen Hunger. Gerade verspeiste sie ihre zweite Schale mit einem Mus aus Früchten und etwas Getreidebrei, als Ariac zu ihr kam.
Er lächelte erleichtert, als er sie sah.
»Gut, dass du endlich wach bist.« Er musterte sie von oben bis unten. »Und zum Glück hast du Hunger.«
Rijana nickte grinsend.
»Was habt ihr denn die ganze Zeit getan?«
»Kräuter gesucht«, erwiderte Rijana mit vollem Mund. »Es war schön, ich mag deine Schwester.«
Ariac nickte und wollte gerade noch etwas sagen, doch da kam sein kleiner Bruder und zog ihn am Hemd.
»Jetzt kommst du aber mit mir auf die Jagd, du hast es schon seit vier Tagen versprochen.« Ruric schob beleidigt die Unterlippe vor.
Rijana lachte leise. »Bist du etwa nur wegen mir nicht fortgeritten?«
Ariac errötete zu seinem Ärger ein wenig. »Ich wollte wissen, ob ihr wohlbehalten zurückkehrt.«
Rijana zwinkerte Ruric zu. »Zum Ausgleich für das lange Warten darfst du Lenya reiten.«
Die Augen des Kleinen begannen zu strahlen, und er warf sich ihr an den Hals.
»Du bist toll, auch wenn du keine Arrowann bist.«
Ariac entfuhr ein empörter Aufschrei. »Ruric, das ist unhöflich!«
Aber Rijana winkte nur lachend ab.
»Aber jetzt reiten wir mindestens vier Tage fort«, verlangte Ruric.
Ariac verdrehte die Augen. »Drei, das ist mein letztes Wort.«
Ruric seufzte und nickte schließlich. Dann rannte er fort, um seine Sachen zusammenzupacken.
»Der Kleine ist anstrengend«, sagte Ariac mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Rijana erhob sich und klopfte sich den Staub von ihrer Hose.
»Er ist niedlich. So warst du sicher auch als kleiner Junge.« Ariac nickte nachdenklich, und seine Augen schienen in eine andere Zeit zu blicken, dann schüttelte er sich kurz und sagte: »Wenn ich zurück bin, muss ich mit dir reden.«
Sie blickte ihn überrascht an. »Warum nicht gleich?«
Er wand sich ein wenig verlegen. »Es … es geht nicht so schnell, und ich möchte dann mit dir allein sein.«
Rijana hob die Schultern. »Na gut.«
Er lächelte ein wenig schüchtern und wollte sie umarmen. Als er ihre Schulter berührte, zuckte sie zusammen und stöhnte leise auf.
»Was ist?«, fragte er erschrocken.
»Nichts«, erwiderte sie und blinzelte die Tränen weg, die in ihre Augen getreten waren.
Er wollte ihren Hemdsärmel hochziehen, aber sie hielt seine Hand fest.
»Es ist nichts Schlimmes, ich bin nur …«, sie rang nach Worten und sagte schließlich, da ihr nichts Besseres einfiel: »… vom Pferd gefallen.«
Rijana wurde ein wenig rot. Sie log Ariac wirklich nicht gerne an.
Er runzelte misstrauisch die Stirn. »DU bist vom Pferd gefallen?«, fragte er ungläubig. »Du reitest besser als die meisten Männer hier im Clan.«
Rijana schüttelte den Kopf und wurde noch ein wenig röter. »Es war eine blöde Geschichte. Lenya ist in ein Loch von einem Steppenwolf getreten, und ich habe es zu spät gesehen, da bin ich über ihren Kopf geflogen.«
Ariac sah noch immer nicht überzeugt aus. »Dann lass es zumindest von Warga ansehen«, verlangte er.
Rijana nickte beruhigend. »Das hat sie bereits.«
Ariac zog die Augenbrauen zusammen. »Ihr seid sicher nicht in Schwierigkeiten gewesen mit Scurrs Männern oder sonst jemandem?«
Rijana schüttelte den Kopf. In diesem Fall musste sie zumindest nicht lügen. Sie streckte sich und gab dem überraschten Ariac einen Kuss auf die Wange.
»Ich schwöre dir, dass niemand uns Schwierigkeiten gemacht hat.« Damit lief sie mit federnden Schritten zu dem kleinen Bach, um ihre Schüssel auszuwaschen.
Ariac blickte ihr verwirrt hinterher und legte eine Hand auf die Stelle, wo sie ihm den Kuss hingedrückt hatte. Das hatte sie noch nie getan.
Ich muss wirklich mit ihr reden, dachte er und bereute es, seinem Bruder das Versprechen gegeben zu haben, mit ihm jagen zu gehen.
 
Nach drei Tagen ging Rijana erneut zu Warga. Sie war aufgeregt und gespannt, wie die Zeichen nun aussehen würden. Die alte Frau entfernte vorsichtig den Verband, dann nahm sie ein Tuch und wischte alles mit einer Flüssigkeit ab. Sie hob überrascht die Augenbrauen.
»Was ist?«, fragte Rijana.
»Sieh selbst«, sagte die alte Hexe und drehte Rijanas Arm ein wenig um, damit sie etwas sehen konnte.
Rijana staunte. Die Ränder leuchteten noch ein wenig rot, aber die Zeichen auf ihrem Arm waren ein kunstvolles Gemälde. Die verschlungenen Knoten, die Runen, Schwert und Pfeilspitze und in der Mitte ganz filigran der Adler.
»Ich habe niemals schönere Tätowierungen gesehen«, murmelte Warga. »Leá ist wahrlich eine Künstlerin.« Sie lächelte Rijana zu, die noch immer auf ihren Arm blickte. »Bist du zufrieden?«
Sie nickte ehrlich. »Es ist wunderschön geworden.« Warga nickte ernst. »Nun bist du eine von uns, für den Rest deines Lebens.«
Glücklich eilte Rijana zu Leá, um ihr ihren Arm zu zeigen. Die beiden wanderten ein Stück auf die Steppe hinaus, und Leá betrachtete kritisch ihr Werk.
»Hier, diese Linie hätte etwas mehr gebogen sein müssen«, murmelte sie.
Rijana schüttelte lachend den Kopf. »Du meine Güte, Leá, du hast das wunderschön gemacht. Ich habe niemals eine bessere Arbeit gesehen.«
Leá sah nicht überzeugt aus. »Ich weiß nicht.«
Rijana nahm sie am Arm. »Das hat Warga auch gesagt, es ist wirklich wunderschön.«
Auf Leás Gesicht breitete sich nun ein vorsichtiges Lächeln aus. »Also gut, wenn es dir gefällt und du zufrieden bist …«
Rijana umarmte sie stürmisch. »Ich danke dir, ich bin wirklich glücklich.«
Als die beiden lachend und miteinander redend zurück ins Lager kamen, wendete Thyra sich an ihren Mann, der gerade dabei war, ein Steppenreh auszunehmen.»Sie sind Freundinnen geworden.«
Rudgarr nickte ernst. »Ja, das sind sie. Es ist schade, dass Rijana keine von uns ist.«
Thyra nickte seufzend. Sie hatte Ariac häufig beobachtet und bemerkt, dass Rijana ihm viel zu bedeuten schien.
»Meinst du, sie werden hierbleiben?«, fragte Thyra hoffnungsvoll.
Rudgarr schüttelte traurig den Kopf. »Nein, nicht für immer, schließlich sind sie zwei der Sieben und haben noch eine Aufgabe zu erfüllen.«
Thyra lehnte sich an die starke Schulter ihres Mannes. »Aber vielleicht bleiben sie zumindest noch eine Weile.«
»Das hoffe ich auch«, sagte er und gab seiner Frau einen Kuss.
 
Nach drei Tagen kehrten Ariac und Ruric zurück. Der Kleine zeigte allen stolz, wie viele Steppenhühner er erlegt hatte.
»Und den Rehbock«, sagte er und richtete sich auf, »den konnte Ariac nur deswegen erwischen, weil ich ihn angeschossen habe.«
Ariac bemühte sich, das Grinsen zu unterdrücken, und nickte ernst. Ruric hatte den Bock nicht einmal gestreift, aber er sagte nichts, seine Eltern wussten wohl ohnehin Bescheid.
»Sehr gut«, sagte Rudgarr zu seinem jüngsten Sohn. »Dann wirst du in zwei Jahren wohl deine Tätowierungen erhalten.«
Ruric nickte begeistert und rannte davon, um seinen gleichaltrigen Freunden im Lager von seinem Jagdausflug zu berichten.
»Ruric ist tapfer«, sagte Ariac nachdenklich, »mutig und klug. Er wird ein guter Anführer werden.«
»Das wärst du auch geworden«, erwiderte Rudgarr ernst.
Ariac senkte den Blick. »Mein Schicksal ist wohl ein anderes.«
Sein Vater legte ihm seine Hand tröstend auf die Schulter. »Vielleicht solltest du deinem Bruder ein wenig Lesen und Schreiben beibringen. Es ist zwar nicht üblich bei den Arrowann, aber schaden kann es auch nicht.«
Ariac zuckte zusammen, und sein Gesicht verschloss sich. »Das sollte lieber Rijana tun, ich habe nicht sehr viel Talent dafür.«
Rudgarr zog die Augenbrauen zusammen und musterte seinen Sohn nachdenklich. Immer wenn sie auf Camasann zu sprechen kamen, wurde er so abweisend. Sicher, er hatte erzählt, dass ihn die anderen für einen Mörder hielten, aber irgendwie hatte Rudgarr das Gefühl, dass noch mehr dahintersteckte. Wie es aussah, wollte Ariac jedoch nicht darüber reden.
So lächelte Rudgarr beruhigend. »Gut, dann werde ich sie fragen.«
Ariac nickte und lief rasch davon.
Erst am Abend sah er Rijana wieder, obwohl er sie den ganzen Tag gesucht hatte. Sie kam vom Bach her und hatte klatschnasse Haare. Als sie ihn erblickte, zeichnete sich ein erfreutes Lächeln auf ihrem von der Sonne gebräunten Gesicht ab. Wären die hellen Haare nicht gewesen, hätte man sie für eine Arrowann halten können. Aber solche Gedanken schüttelte Ariac rasch ab. Das brachte ohnehin nichts.
»Hattet ihr eine gute Jagd?«, fragte sie fröhlich.
Ariac nickte. »Ruric platzt beinahe vor Stolz.« Dann wurde er ernst und fragte: »Möchtest du morgen mit mir ausreiten? Wir könnten etwas zu essen mitnehmen und bis zu den Bergen reiten.«
»Natürlich, gerne«, antwortete sie lächelnd. »Ist Lenya bei den anderen Pferden?«
Ariac nickte, dann verzog er das Gesicht. »Einmal ist sie Ruric durchgegangen, aber er wollte es natürlich nicht zugeben.«
Rijana lachte hell auf und ging zusammen mit Ariac zu den Pferden. Lenya kam sogleich zu ihr und rieb ihren Kopf an Rijanas Schulter.
»Na, meine Schöne, geht es dir gut?«
Die Stute schnaubte und schnupperte an Rijanas Hals, die daraufhin kicherte.
»Man kann über Greedeon sagen, was man will«, sagte sie plötzlich, »aber diese Pferde sind wunderbar.«
Ariacs Gesicht verfinsterte sich ein wenig. »Sicher, aber er wird verbreiten, dass ich sie gestohlen hätte. Na ja, es stimmt ja sogar irgendwie.«
Rijana schüttelte den Kopf, und ihre Haare flogen im Wind. »Nein, er hat dir Nawárr geschenkt. Du hast nichts Falsches getan.«
Ariac musterte sie nachdenklich. »Warum hast du mir eigentlich als Einzige geglaubt? Deine anderen Freunde kennst du doch schon viel länger.«
Rijana blickte ihm tief in die Augen, und Ariac spürte ein Kribbeln.
»Weil ich wusste, dass es richtig ist, dir zu vertrauen.«
Eine Weile musterte er sie stumm, dann wandte er sich ab. Es brach ihm das Herz, aber er musste ihr endlich sagen, dass sie niemals ein Paar werden würden.
 
Der nächste Morgen begann wunderbar sonnig, auch wenn bereits ein Hauch von Spätsommer in der Luft lag. Leichte Nebelschwaden hingen über der Steppe, und das Gras, das sich bereits zu einem hellen Braun zu färben begann, war nass vom Morgentau. Rijana und Ariac frühstückten gemeinsam, dann liefen sie zu den Pferden, um sie zu satteln. Der letzte Nebel verzog sich, als sie auf die Steppe hinaustrabten. Rijana wunderte sich. Ariac wirkte heute so ernst und angespannt. So hatte sie ihn schon lange nicht mehr gesehen. Eine Weile galoppierten sie Seite an Seite durch das Steppengras, das im leichten Westwind wogte. Über ihnen kreiste ein Bussard, und in der Ferne zog eine Herde Rehe vorbei. Aber heute würden sie nicht jagen, sie hatten nicht einmal ihre Bogen dabei. Kurz vor den ersten Bergausläufern hielt Ariac an und führte Rijana in ein kleines Tal, in dem eine Menge ungewöhnlich geformte Steine umherlagen. Eine kleine Quelle plätscherte aus den Hügeln, und die Pferde tranken durstig daraus. Ariac sattelte seinen Hengst umständlich ab und breitete anschließend eine Decke auf dem Boden aus. Er winkte Rijana, sich zu ihm zu setzen. Sie brachte Brot, Früchte und etwas Käse, den sie in den Satteltaschen verstaut hatte, mit, aber Ariac hatte keinen Hunger. Sein Gesicht wirkte angespannt. Er nahm ihre Hand und blickte sie unglücklich an.
»Ich muss dir etwas sagen«, begann er.
Sie runzelte die Stirn und nickte.
»Es … es tut mir leid, ich meine …«, stammelte er und rang nach Worten. »Du weißt, dass ich dich sehr gern habe, oder?«
Rijana nickte, und ein leichtes Rot überzog ihre Wangen. »Ich dich auch«, antwortete sie leise.
Er blickte zur Seite und fluchte lautlos. »Es … es gibt ein Gesetz bei den Arrowann«, sagte er, ohne sie anzusehen. Dann hob er den Blick und sah ihr betrübt in die Augen. »Wir dürfen niemanden heiraten, der nicht zum Steppenvolk gehört.«
Rijana nickte atemlos. Jetzt wusste sie, was er ihr sagen wollte, und sie hatte Angst, wie er reagieren würde, wenn sie ihm die Tätowierungen zeigte.
»Rijana, ich werde nur ein Mädchen aus der Steppe heiraten können.«
»Ich weiß«, antwortete sie mit unsicherem Lächeln.
»Du weißt es?«, fragte er überrascht.
»Leá hat es mir erzählt.«
»Oh«, antwortete Ariac. Dann senkte er den Blick. »Es scheint dir ja nicht besonders viel auszumachen.«
Rijana lächelte und nahm seine Hand. »Hättest du mich denn geheiratet, wenn es dieses Gesetz nicht geben würde?«
Er nickte unsicher. »Ja, sicher, allerdings bin ich auch ein gesuchter Mörder, ich meine, es wäre gefährlich für dich …«
Sie schüttelte den Kopf. »Das meine ich alles nicht.Vergiss doch mal die ganzen Schwierigkeiten.«
Er nickte ernst und blickte ihr tief in die Augen. »Auf der Stelle.«
Glücklich lächelnd schob Rijana ihre weite naturfarbene Bluse über die Schultern. »Dann tu es doch.«
Ariac schnappte nach Luft, blickte ungläubig von ihrem Gesicht auf ihren Arm und wieder zurück.
»Was hast du getan?«, fragte er verblüfft.
Rijana lief rot an und wurde ziemlich verlegen. »Es ist nicht so, dass ich dich zu etwas zwingen wollte, ich meine, wenn du nichts gesagt hättest, hätte ich das für mich behalten …«
Er unterbrach sie und legte ihr einen Finger auf den Mund.
»Du hast das für mich getan?«, fragte er atemlos und strich vorsichtig über die kunstvollen Zeichen auf ihrem Arm.
Rijana nickte. »Für dich, für mich und für uns. Ich fühle mich so wohl hier in der Steppe wie noch nie in meinem Leben. Warga hat gesagt, wenn man wirklich überzeugt ist, eine Arrowann werden zu wollen, dann kann man das tun. Man muss die Gesetze der Steppe akzeptieren und auf die Suche nach seiner Vision gehen.« Sie grinste unsicher. »Und in meinem letzten Leben war ich ohnehin eine vom Steppenvolk, vielleicht kommt daher mein Wunsch.«
Ariac nahm sie vorsichtig in den Arm, und seine Stimme klang belegt, als er sagte: »Warum hast du mir denn nichts erzählt? Du meine Güte, ich überlege seit einer halben Ewigkeit, wie ich dir beibringen soll, dass es für uns keine gemeinsame Zukunft gibt.«
Sie streichelte ihm lächelnd über das Gesicht.
»Du wusstest nichts von der Möglichkeit?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich glaube, ich hätte mich auch nicht getraut, dir das vorzuschlagen.« Ariac streichelte über die Linien an ihrem Arm. »Du bist jetzt eine von uns«, sagte er, noch immer etwas fassungslos. »Was hattest du denn für eine Vision?«
Sie erzählte ihm alles bis auf die Sache mit den Runen, die Warga ihr geworfen hatte.
Ariac staunte und bewunderte das kunstvolle Gemälde. »Leá hat keinen Ton gesagt«, murmelte er missbilligend.
»Deine Schwester ist in Ordnung«, sagte Rijana bestimmt. »Sie weiß, wann sie schweigen muss.«
Ariac nickte vorsichtig und streichelte ihr sanft über das Gesicht, dann gab er ihr einen etwas unsicheren Kuss, der immer leidenschaftlicher wurde, als er merkte, dass sie ihn erwiderte.
Er hielt inne und sagte ernst: »Aber wir können noch nicht gleich heiraten, du bist noch zu jung. Erst mit neunzehn Jahren bist du erwachsen, und wir müssen ohnehin das eine ›Jahr der Bewährung‹ hinter uns bringen.«
»Was ist denn das?«, fragte sie überrascht.
Er lehnte sich an einen Stein und zog sie zu sich herüber.
»Wir leben einige Monde zusammen, dann müssen wir uns für einige Zeit trennen, und wenn wir dann noch immer heiraten wollen, dann können wir das tun.«
Rijana zog die Augenbrauen zusammen. »Das mit dem Trennen gefällt mir nicht.«
Er lächelte und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Es müssen mindestens zwei Monde sein, oder auch mehr, das kann jeder selbst entscheiden.«
Seufzend lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. »Na gut, von mir aus.« Dann grinste sie jedoch. »Aber die Gesetze der Arrowann sind trotzdem besser als die der anderenVölker. Dort hätte ich mindestens warten müssen, bis ich zwanzig bin.«
Ariac lächelte zufrieden und gab ihr einen Kuss. »Dann können wir aber froh sein, dass wir in der Steppe sind.«
»Ich bin glücklich«, sagte sie seufzend. »Ich wünschte, wir könnten immer hierbleiben.«
Ariac nickte, das wünschte er sich ebenfalls, aber er wollte jetzt nicht über traurige oder beunruhigende Dinge nachdenken.
»Jetzt habe ich einen Bärenhunger«, sagte er bestimmt und verzog anschließend das Gesicht. »Vorhin hatte ich einen dicken Kloß im Hals.«
Rijana lachte leise, und sie machten sich über ihren Proviant her, während die Pferde ganz in der Nähe grasten und leiser Wind durch das Steppengras strich.
Es war ein wunderschöner, friedlicher Tag in dem kleinen Tal. Ariac und Rijana lagen Arm in Arm in der Sonne und beobachteten die Wolken, die am Himmel vorbeizogen.
Als die Schatten länger wurden, sagte Ariac seufzend: »Wir müssen wohl langsam zurückreiten.«
»Schade«, sagte Rijana, »ich wäre gerne hiergeblieben.«
»Wirklich?«, fragte er überrascht.
Sie nickte und sah ihm tief in die Augen.
»Wir könnten schon …«, begann er unsicher, »ich meine, wenn du allein mit mir hierbleiben willst?«
Rijana grinste. »Ich war den ganzen Weg von Balmacann her mit dir allein.«
»Das war etwas anderes«, erwiderte er ernst.
Rijana hob nun frech die Augenbrauen. »Wirklich?«
Er schluckte. »Rijana, ich werde nichts tun, was du nicht willst. Und ich weiß nicht, was dir in Grintal oder auf Camasann beigebracht wurde …«
Sie unterbrach ihn und legte ihm einen schlanken Finger auf die Lippen. »Ich bin jetzt eine Arrowann. Es ist gleichgültig, was mir früher beigebracht wurde. Erzähle mir, wie es bei euch Sitte ist.«
Zu seinem Ärger wurde Ariac ein wenig rot, was man in der einsetzenden Dämmerung aber zum Glück nicht sah.
»Na ja, wenn man sich entschieden hat, das Jahr der Bewährung zu beginnen, dann, ähm, na ja, also, es ist uns erlaubt, wie Mann und Frau zu leben.« Er blickte sie erschrocken an. »Aber wir können auch warten, bis wir verheiratet sind, wenn dir das lieber ist.«
Sie blickte ihn kurz an und schüttelte dann den Kopf. »Nein, das ist es mir nicht.«
Sie umarmte ihn fest. »Wir gehören doch zusammen.«
Ein leiser, milder Wind strich durch das Gras, und dies war eine der friedlichsten Nächte, welche die Länder in den letzten Jahren gesehen hatten.
Als der Morgen dämmerte, streichelte Ariac Rijana vorsichtig über das Gesicht. Sie drehte sich um und lächelte ihn glücklich an.
»Siehst du«, sagte er lächelnd. »Ich habe immer gesagt, dein Haar hat die Farbe vom Steppengras im Herbst.«
Rijana runzelte die Stirn und blickte von ihren Haaren auf das hellbraune Gras, das im leisen Wind wogte.
»Hmm, aber ich hätte lieber Haare wie deine Schwester.«
Ariac schüttelte missbilligend den Kopf und zwickte sie in die Nase. »Du bist wunderschön, und zwar genau so, wie du bist. Und lass dir nie wieder von irgendjemandem etwas anderes einreden.«
Sie seufzte und setzte sich vorsichtig auf. Das Morgenlicht tauchte die Steppe in ein magisches Licht. Ein einsamer Adler zog über den nördlichen Bergen majestätisch seine Kreise.
»Bist du durstig?«, fragte Ariac.
Rijana nickte. Ariac zog sich seine Hose an und lief zu der Quelle, wo er die Wasserbeutel auffüllte. Als er zurückkam, musterte Rijana Ariacs Wunden. Sie strich über die Narben, die seinen Rücken und zum Teil auch seine Brust überzogen. Sie blickte ihn erschrocken an.
Seine Augen wurden wieder hart und kalt, er zog rasch sein Hemd an.
Rijana nahm seine Hand. »Kommen die Narben von Kämpfen?«
Ariac blickte zu Boden und schüttelte den Kopf. »Ich möchte nicht darüber reden.«
Sie gab ihm einen Kuss. »Ich liebe dich, und zwar mit jeder einzelnen Narbe.«
Er lächelte unsicher und sagte schließlich: »Ich hole ein paar Beeren.«
Damit sprang er auf und lief auf die ersten Hügel zu. Rijana blickte ihm nachdenklich hinterher. Sie wusste noch immer nicht alles über Ariacs Vergangenheit, aber sie wusste, dass sie für immer zusammengehörten. Vielleicht konnte sie ihm ja helfen, die Zeit bei König Scurr allmählich zu vergessen.
Ariac kehrte mit einigen süßen roten Früchten zurück, und als die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte, ritten sie zurück zum Lager.
»Meine Eltern werden sich freuen«, sagte Ariac lächelnd.
»Bist du sicher?«, fragte Rijana, der nun ein wenig mulmig wurde.
Ariac nickte. »Natürlich, du bist jetzt eine von uns.« Er hob die Augenbrauen. »Und niemand würde es wagen, Wargas Wort anzuzweifeln.«
Rijana grinste. »Weißt du eigentlich, dass Leá mir die Tätowierungen gemacht hat?«
Ariac schüttelte überrascht den Kopf. »Nein, aber ich habe niemals feinere und schönere Zeichnungen gesehen.« Er lächelte sie an. »Sie passen zu dir.«
Rijana lächelte glücklich zurück, und als die beiden Hand in Hand durch das Lager liefen, waren beinahe keine Worte mehr nötig. Leá kam ihnen mit dem allerbreitesten Lächeln entgegen, das man jemals bei ihr gesehen hatte. Sie umarmte die beiden glücklich, und anschließend erzählten sie Ariacs überraschter Familie, dass Rijana eine Arrowann geworden war. Auch Warga gesellte sich zu ihnen und erzählte von dem uralten Gesetz, das kaum noch einer kannte. Nach einem Augenblick der Überraschung umarmten Thyra und Rudgarr Rijana und Ariac freudig.
»Du meine Güte, Ariac«, sagte Thyra, »und ich habe mir schon Gedanken um dich gemacht.«
Auch Rudgarr freute sich für seinen Sohn und verkündete lauthals: »Na, das sind doch gleich zwei gute Gründe, um ein Fest abzuhalten.«
»Aber wir müssen unbedingt Lynn und ihrer Familie Bescheid geben«, wandte Leá ein, »sonst ist sie beleidigt.«
»Ich hole sie«, schrie Ruric und wollte schon davonlaufen.
Sein Vater hielt ihn jedoch fest. »Aber nicht allein, junger Mann.«
Ruric schob seine Unterlippe vor. »Ich habe schon beinahe meine ersten Tätowierungen.«
»Aber eben nur beinahe«, erwiderte Rudgarr. »Fodrac wird dich begleiten.«
Ariacs zwei Jahre älterer Cousin, der bereits eine Frau aus einem anderen Clan geheiratet hatte, nickte zustimmend.
»Es wird mir eine Ehre sein.« Er klopfte Ariac auf die Schulter. »Ich freue mich für dich.«
Also blieben den Arrowann noch einige Tage, um das Fest vorzubereiten. Es wurde gejagt, frischer Wein hergestellt, und Fische aus dem kleinen Fluss wurden geräuchert. Einige Tage lang fegten wieder Stürme über die Steppe, und es regnete immer wieder heftig. Eines Nachts bebte dann auch wieder die Erde, und Rijana, die nun ein Zelt mit Ariac teilte, drückte sich erschrocken an ihn. Er versuchte sie zu beruhigen, aber auch er machte sich Gedanken. Er wurde den Eindruck nicht los, dass dieser unbeschwerte Sommer nur ein kurzes Luftholen gewesen war.
Aber dann beruhigte sich das Wetter wieder. An einem kühlen, aber sonnigen Spätsommertag trafen Lynn, ihre beiden Kinder und ihr Mann Narinn ein.
Lynn sprang sofort von ihrem Pferd und umarmte zuerst ihren Bruder und dann Rijana auf ihre typische stürmische Art.
»Ich habe es gar nicht glauben können«, rief sie und strahlte die beiden an. »Ich freue mich für euch.«
Anschließend musste Rijana ihr sofort ihre Tätowierungen zeigen, und Lynn war begeistert. Das war eine wirklich gute Arbeit.
Am Abend strahlten viele Lagerfeuer in den Nachthimmel. Es wurde gegessen, getrunken, und Geschichten wurden erzählt. Das junge Paar bekam von allen Geschenke, meist Decken oder Felle. Rijana erhielt dazu noch eine Lederhose und ein leinenes Hemd nach der Art der Arrowann, außerdem ein Kleid aus hellem Rehleder.
»Falls du dich irgendwann einmal entschließen solltest, keine Kriegerin mehr zu sein«, sagte Lynn mit einem Augenzwinkern.
Rijanas Blick fiel auf ihren leicht gewölbten Bauch, der ihr vorher noch gar nicht aufgefallen war. Lynn grinste.
»Ja, ich bekomme wohl bald mein drittes Kind.«
»Was hat Ariac damals gesagt?«, fragte Leá fröhlich. »Die Steppe verträgt keine weiteren Lynns.«
Lynn streckte ihrer Schwester die Zunge heraus, und Narinn nahm seine Frau seufzend in den Arm. »Ja, ich hoffe, das nächste Kind wird etwas ruhiger. Celdea und der kleine Krommos sind ziemliche Rabauken.«
Sein Blick fiel auf die beiden Kleinen, die gerade versuchten, einem älteren Jungen seinen Hühnerschenkel wegzunehmen.
Lynn grinste nur zufrieden. »Sie wissen es eben, sich durchzusetzen.«
»Beim Wolfsclan ist es üblich, dass der älteste Sohn nach dem Großvater benannt wird«, erklärte Ariac zu Rijana gewandt.
Sie nickte lächelnd und beobachtete die beiden Kleinen. Vielleicht würden sie und Ariac eines Tages auch Kinder haben, aber jetzt war noch nicht die Zeit dazu, denn ihre Zukunft war einfach zu ungewiss. Warga hatte ihr deshalb einige Kräuter gegeben, die eine Schwangerschaft momentan verhinderten. Doch dann musste sie an Rudrinn und ihre anderen Freunde denken, die sie gern dabeigehabt hätte. Das machte sie traurig. Allerdings hätten sie dann nicht so friedlich beisammensitzen können, denn Falkann wäre wahrscheinlich vor Eifersucht geplatzt. Dann seufzte sie. Es war wohl gut so, wie es war.
Ariacs Vater kam später zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schultern. »Ich freue mich, dass du nun zu uns gehörst.«
Sie lächelte glücklich. »Ich mich auch.«
Rudgarr zog plötzlich die Augenbrauen zusammen. »Was sagen denn deine Eltern dazu, wenn sie es erfahren? Ariac sagte, du stammst aus Northfort.«
Rijanas Miene erstarrte. »Ich habe sie seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Sie haben mich nie sonderlich gemocht.«
Rudgarr schüttelte fassungslos den Kopf. »Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Man muss dich doch einfach mögen.«
Rijana senkte den Blick. »Vielleicht werde ich sie eines Tages besuchen.«
Rudgarr nickte zufrieden und schenkte ihr ein Glas Wein ein. »Aber heute wird gefeiert. Das ist nicht die Zeit, um traurig zu sein.«
Und sie feierten bis in den frühen Morgen.
»Was haltet ihr davon, beim nächsten Herbstfest, dem Treffen aller Stämme, zu heiraten?«, schlug Rudgarr vor.
Rijana und Ariac blickten sich an und waren einverstanden. Auch wenn sie nicht wussten, was das nächste Jahr bringen würde, jetzt hatten sie etwas, auf das sie sich freuen konnten.
Als sie in ihrem Zelt waren und sich erschöpft auf die weichen Felle sinken ließen, holte Ariac etwas aus seiner Tasche heraus und gab es Rijana. Sie hielt einen kleinen, aus Knochen geschnitzten Anhänger in der Hand, der die gleichen verschlungenen Symbole darstellte, die neben Ariacs Schläfen abgebildet waren.
»Es ist wunderschön«, sagte sie.
»Damit du mich nicht vergisst, wenn wir uns die zwei Monde trennen müssen«, sagte er lächelnd.
Sie blickte ihn empört an. »Wie könnte ich dich jemals vergessen?«
Er grinste nur, dann holte Rijana etwas unter ihren Fellen hervor. Leá hatte ihr erzählt, dass es bei den Steppenleuten Tradition war, dass die Frau dem Mann ein Armband aus Lederstreifen herstellte, das mit Runen und Verzierungen versehen war. Also hatte Rijana ein Armband aus unterschiedlichen hellen und dunklen Lederstreifen angefertigt, das eingebeizte Muster als Verzierungen hatte.
»Ich liebe dich.« Ariac küsste sie zärtlich.
 
Der letzte Mond des Sommers brach an, und es wurde langsam kühler. Die Arrowann machten sich bereit, zum großen Clantreffen zu reisen, das dieses Mal am östlichen Ufer des Myrensees stattfinden sollte.
Die Zelte wurden an diesem Tag eingepackt, das Hab und Gut auf die Pferde verstaut, als eine Gruppe von fünf Männern angaloppiert kam. Rudgarr rief sofort einige Krieger zusammen, die sich den anderen entgegenstellten. Es waren Männer vom Elch-Clan, ganz aus dem Norden, die meist in der Nähe der Berge blieben. Sie waren etwas hellhaariger als die anderen, und ihre Tätowierungen stellten größtenteils Tiere dar. Sie wirkten sehr aufgeregt und gestikulierten wild herum. Ariac, der gerade Nawárr und Lenya bepackt hatte, kam langsam näher. Die anderen Steppenmänner eilten allerdings bereits wieder davon.
Rudgarrs Gesicht war ernst, als er Ariac am Arm packte und ihn etwas abseits der anderen zog.
»Wir werden nicht zum Clantreffen gehen können. Wir müssen uns verstecken.«
»Wieso?«, fragte Ariac.
»Der Elch-Clan wurde beinahe vollständig ausgelöscht. König Scurrs Männer durchstreifen die Steppe. Ich weiß nicht warum, aber sie suchen dich.«
Ariac zuckte zusammen. Er hatte es schon lange befürchtet, aber jetzt wurde es traurige Gewissheit.
»Ich werde gehen«, sagte er und blickte zu Boden. »Ich bringe euch nur in Gefahr.«
Rudgarr schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, Ariac, es macht keinen Unterschied, ob du bei uns bist oder nicht. Sie hatten es schon immer auf uns abgesehen.«
»Aber sie waren nie so gnadenlos. Ich muss gehen.« Ariac blickte seinen Vater traurig an. »Ich weiß es schon lange, ich habe es nur hinausgeschoben, weil ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich war.«
»Aber …«, begann Rudgarr, doch er sprach nicht weiter. Er wusste, dass sein Sohn Recht hatte.
Ariac dachte kurz nach. »Ich muss den anderen beweisen, dass ich kein Verräter bin.«
»Aber wie willst du das schaffen?«
Ariacs Gesicht verschloss sich. Er wusste genau, was er zu tun hatte. In vielen schlaflosen Nächten war ein Plan in ihm gereift. Eigentlich hatte er bis zum Frühling warten wollen, aber jetzt wurde er gezwungen, ihn schon früher umzusetzen.
»Mach dir keine Sorgen, ich werde einen Weg finden«, antwortete er. Er konnte seinem Vater nicht die Wahrheit sagen.
Rudgarr sah nicht sehr überzeugt aus. Ariac packte seinen Vater an der Schulter. »Ich habe nur eine Bitte, kannst du Rijana hierbehalten und auf sie aufpassen? Ich möchte sie nicht in Gefahr bringen.« Er lächelte traurig. »Wir müssen uns ohnehin einige Zeit trennen, dann können wir das genauso gut jetzt tun. Ich hole sie wieder ab, sobald es mir möglich ist.«
»Natürlich«, versicherte Rudgarr. »Aber, Ariac, bitte sei vorsichtig, und tu nichts Unüberlegtes. Ihr könnt auch bei uns bleiben. Wir könnten uns weit in den Osten zurückziehen, in die zerklüfteten Täler, wo uns niemand findet.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Es macht keinen Sinn, sich ein Leben lang zu verstecken. Ich werde mich auf der Handelsstraße sehen lassen, dann werden Scurrs Leute euch hoffentlich in Ruhe lassen.«
Rudgarr war entsetzt. »Das ist doch viel zu gefährlich! Du musst heimlich und unentdeckt reisen.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, sie müssen sehen, dass ich nicht mehr in der Steppe bin, später kann ich mich ja dann wieder verstecken.Vertraue mir, ich weiß genau, was ich tue. Und bitte«, er blickte seinen Vater ernst an, »sag Rijana nichts, sie soll sich keine Sorgen machen.«
Rudgarr seufzte und umarmte Ariac fest. »Sei vorsichtig, und komm bald zurück!«
Ariac nickte und machte sich daran, Nawárr wieder abzusatteln. Er wollte nur wenige Sachen mitnehmen, damit er rasch vorankam.
 
Rijana kam mit einem Lächeln auf den Lippen näher. Sie hatte von alledem nichts mitbekommen.
»Was tust du?«, fragte sie überrascht, als sie sah, dass Ariac die meisten Sachen wieder abgeladen hatte.
Ariac nahm sie in den Arm und blickte ihr dann ernst in die Augen.
»Ich habe einen Entschluss gefasst. Da wir uns ohnehin einige Zeit trennen müssen, sollten wir das am besten gleich tun.«
Rijana hielt erschrocken die Luft an. »Aber warum gerade jetzt?«
Er lächelte etwas gezwungen und sagte: »Jetzt ist so gut wie jeder andere Zeitpunkt.«
»Aber wir wollten doch gemeinsam zum Clantreffen«, sagte sie verwirrt. »Außerdem beginnt bald der Winter. Wo willst du denn hin?«
»Ich gehe in die Berge, vielleicht überwintere ich beim Elch-Clan.«
Rijanas Augen füllten sich mit Tränen. »Aber warum so lange? Du sagtest doch, dass zwei Monde genügen. Ariac, ich verstehe das nicht.«
Er nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. »Bitte vertrau mir. Wenn wir es jetzt tun, dann haben wir es hinter uns.«
Sie blickte ihn verwirrt an, denn sie konnte einfach nicht verstehen, warum Ariac sie so überstürzt verlassen wollte.
Ariac nahm sie fest in den Arm und gab ihr anschließend einen Kuss.
»Ich liebe dich, alles wird gut. Ich komme bald wieder«, versprach er und schwang sich anschließend schnell auf sein Pferd.
Ohne sich noch von den anderen zu verabschieden, galoppierte er davon.
Rijana stand allein, verlassen und fassungslos im kalten Herbstwind und blickte ihm hinterher. Sie zuckte zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Ariac war schon lange am Horizont verschwunden.
»Was ist mit dir?«, fragte Leá lachend. Ihr Lächeln verschwand, als sie sah, dass Rijana geweint hatte. »Was hast du denn?«
Rijana biss sich auf die Lippe und sagte anschließend mit zittriger Stimme: »Ariac ist einfach fortgeritten, und ich weiß gar nicht warum.«
Leá blickte sie verwirrt an und nahm sie anschließend in den Arm. Rijana weinte leise an ihrer Schulter. Auch Leá verstand das Ganze nicht. Sie hatte ebenfalls nichts vom Besuch des Elch-Clans mitbekommen.
»Was hat er gesagt?«, fragte sie ernst und zwang Rijana, sie anzusehen.
Die wischte sich über die Augen und erzählte von Ariacs Abschied. Leá hörte kopfschüttelnd zu.
»Das ist merkwürdig. Warte hier, ich werde meine Eltern fragen«, sagte sie am Schluss.
Rijana sank traurig zu Boden. Leá rannte zu ihren Eltern, die noch ihre Sachen zusammenpackten.
»Warum ist Ariac so plötzlich fortgegangen?«, fragte sie atemlos.
Thyra schaute überrascht auf. »Er ist fortgegangen?«
Rudgarr senkte den Blick, dann nahm er seine Frau schuldbewusst an der Hand. »Ich wollte es dir erst später sagen.«
»Was ist los?«, fragte Thyra mit vor Zorn bebender Stimme.
Rudgarr seufzte und erzählte nun von der Warnung des Elch-Clans. »Aber ich musste Ariac versprechen, dass ich Rijana nichts sage. Er will sie nicht in Gefahr bringen.«
»Du meine Güte, Vater«, rief Leá empört. »Die beiden gehören zusammen. Und nicht nur das, sie sind zwei der Sieben. Sie muss es erfahren.«
»Ich kann ihn verstehen«, sagte Rudgarr ernst, »ich hätte es auch so gemacht.«
»Männer!«, schimpfte Thyra und bedachte Rudgarr mit einem vernichtenden Blick.
»Du musst es ihr ja nicht sagen«, rief Leá und rannte davon.
»Warte«, rief Rudgarr ihr hinterher, aber Leá war schon fort.
 
»Ich weiß, was los ist!«, rief Leá schon von weitem, und Rijana sprang auf. »Los, nimm Lenya alles ab, was du nicht unbedingt brauchst. Ich sattle mir rasch ein Pferd und erzähle dir alles unterwegs.«
Rijana tat, wie Leá gesagt hatte. Die beiden brauchten nicht lange, und schon galoppierten sie vom Lager fort in Richtung Westen. Unterwegs berichtete Léa von dem Gespräch mit ihren Eltern. Rijana wurde immer blasser.
»Warum hat er mir nur nichts gesagt?«, fragte sie verstört.
Leá zuckte die Achseln. »Er wollte dich beschützen, aber ich bin mir sicher, dass ihr lieber zusammenbleiben solltet.«
Rijana nickte nachdrücklich, das fand sie ebenfalls.
»Ich helfe dir, ihn zu finden, dann gehe ich zurück«, sagte Leá ernst.
»Danke«, sagte Rijana erleichtert. Allein hätte sie sich kaum in der Steppe zurechtgefunden.
Auch Leá wusste nicht genau, wo Ariac hingeritten war. Rijana hatte ihr zwar die ungefähre Richtung beschrieben, aber es dauerte lange, bis sie seine Spur fanden. Ariac legte scheinbar ein rasches Tempo vor. Die beiden galoppierten die ganze Nacht durch, sahen aber noch immer nichts von ihm, als der Morgen graute. Leá war sich ziemlich sicher, dass er in Richtung Northfort oder Gronsdale ritt, um Scurrs Soldaten von der Steppe wegzulocken. Daher hielten die beiden Mädchen auf die Handelsstraße zu.
»Northfort oder Gronsdale?«, fragte Leá an diesem Abend, als die beiden ein kleines Feuer entzündet hatten. »Wo ist es wahrscheinlicher, dass er auf Soldaten trifft?«
Rijana überlegte. Sie war unsicher. »Wahrscheinlich Northfort«, antwortete sie schließlich. »Dort ist die Handelsstraße stärker bereist.«
Leá lächelte aufmunternd. »Wir finden ihn schon.«
 
Beinahe zehn Tage ritten die beiden in scharfem Tempo nach Süden, dann nach Westen. Immer wieder fanden sie eilig verwischte Spuren, die auf Ariac hindeuteten. Je näher sie der Handelsstraße und dem Buschland kamen, umso öfter mussten sie Soldaten ausweichen. Zum Glück war Leá in der Steppe aufgewachsen. Sie sah schon von weitem, wenn etwas ungewöhnlich aussah.
Schließlich lag die braune, staubige Straße vor ihnen.Viele Kutschen waren unterwegs, aber auch viele von König Scurrs berittenen Soldaten in roten Umhängen.
Rijana holte ihren Elfenumhang heraus und gab ihn Leá.
»Nimm du ihn, du fällst mehr auf.«
Leá zögerte. »Wir fallen ohnehin beide auf. Normalerweise reisen Frauen doch nicht ohne männliche Begleitung.«
Rijana war sich nicht sicher, was sie tun sollten.
Schließlich entschlossen sie sich, ihre Pferde im nahegelegenen Buschland zurückzulassen und zu Fuß auf die Handelsstraße zuzulaufen. Rijana hielt einen der fahrenden Händler an, der Felle geladen hatte.
»Was tut ihr beiden Mädchen denn hier so allein?«, fragte er besorgt. »Das ist doch gefährlich.«
»Wir wohnen in der Nähe auf einem der Höfe«, log Rijana, und der Händler schien ihr das zu glauben.
»Dann beeilt euch, nach Hause zu kommen. Die Soldaten von König Scurr und die Krieger aus Camasann sind überall. Viele von ihnen hatten seit langem keine Frau mehr«, sagte er mit missbilligendem Blick.
»Was tun sie denn hier?«, fragte Rijana vorsichtig, einen unschuldigen Blick aufgesetzt.
Der ältere Mann beugte sich nach vorn. »Das wisst ihr nicht?«, flüsterte er. »Die nördlichen Länder sind von König Scurr besetzt worden, und die Krieger von König Greedeon suchen nach einem entflohenen Mörder, einem Steppenkrieger.« Der Mann senkte die Stimme noch ein wenig mehr, sodass man ihn kaum noch verstehen konnte. »Es wird gemunkelt, dass auch König Scurr hinter ihm her ist. Der Steppenkrieger soll hier auf der Handelsstraße zehn von Scurrs Männern getötet haben, vor nicht einmal zwei Tagen.«
Rijana und Leá hielten die Luft an.
»Also, passt auf.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Wollt ihr mit mir mitfahren?«
Rijana, die ihn noch immer erschrocken anstarrte, schüttelte rasch den Kopf. »Nein, ich wollte mir nur Eure Felle ansehen. Unsere Eltern brauchen welche.« Ihr fiel nichts Besseres ein.
Der Händler blickte sie mitleidig an. »Aber, Mädchen, so viel Silber hast du doch sowieso nicht, wenn du hier an der Grenze wohnst.«
Rijana nickte gespielt traurig. Wenn der Mann wüsste, dass sie sehr viel mehr Schmuck, Gold und Edelsteine von König Greedeon bei sich trug, als er jemals gesehen hatte.
»Na los jetzt. Geht nach Hause«, sagte er ungeduldig und schlug seinem Kutschpferd die Leinen auf den Rücken.
»Ariac war also hier«, sagte Rijana mit ängstlicher Stimme, »aber wo ist er jetzt?«
Sie gingen langsam zu ihren Pferden zurück und waren so in Gedanken, dass sie die drei Soldaten zu spät bemerkten, die sich von hinten genähert hatten.
»Stehen bleiben!«, schrie ein Mann mit kurzgeschorenen Haaren und rotem Umhang ungeduldig. Er war einer von Scurrs Blutroten Schatten.
Rijana und Leá fuhren herum. Sie hatten ihre Waffen bei den Pferden gelassen, da sie nicht auffallen wollten. Beide trugen nur einen kleinen Dolch bei sich.
Die drei Soldaten trabten mit arrogantem Blick näher und umkreisten die Mädchen. »Was tut ihr hier?«
»Wir sind auf dem Weg nach Hause«, sagte Rijana so fest wie möglich, während Leá den Blick gesenkt hielt.
»Aha«, sagte der Soldat und sprang von seinem Pferd. Er kam näher. Rijana legte ihre Hand an den Dolch.
»Du trägst komische Kleidung, so wie die Steppenhuren.«
Leá entfuhr ein empörtes Geräusch, sodass ein zweiter Soldat auf sie zukam und ihr die Kapuze vom Kopf riss. Sofort hatte er ein Messer an der Kehle, doch der andere Soldat hatte sich Rijana gepackt.
»Aha, die andere ist eine Steppenhure, auch wenn sie ihr Gesicht unter einem Umhang versteckt«, rief der Soldat, der Rijana festhielt, abfällig.
»Nimm diesen lächerlichen Dolch weg, sonst schneide ich deiner kleinen Freundin die Kehle durch.«
Leá blitzte ihn wütend an, aber senkte schließlich den Dolch, woraufhin ihr der Soldat, den sie bedroht hatte, eine schallende Ohrfeige verpasste, sodass ihre Lippe aufplatzte.
»Los, wir nehmen sie jeder einmal und bringen sie dann um«, schlug der dritte Soldat mit gierigem Blick vor. Die anderen grunzten zustimmend. In Rijanas und Leás Blicken flammte schon Panik auf, als der Soldat, der Rijana festgehalten hatte, plötzlich stöhnend nach vorn kippte. Derjenige, der Leá gegriffen hatte, wurde von hinten angesprungen. Sie hörten Ariac schreien: »Lauft weg!«
Aber die beiden Mädchen, die zunächst wie erstarrt stehen geblieben waren, gingen nun gemeinsam auf den dritten Soldaten los. Rijana packte sich ein Schwert, und während Leá versuchte, dem Mann ihren Dolch in den Rücken zu rammen, griff Rijana ihn von vorn an. Ariac kämpfte nur kurz mit seinem Gegner. Aber als dieser tot am Boden lag, hatten auch die beiden Mädchen den letzten Soldaten erledigt. Ariac packte die beiden mit wütendem Blick an den Armen und zerrte sie mit sich ins nahegelegene Buschland. Als sie ein Stück gegangen waren, schrie er sie an.
»Verdammt, was tut ihr beiden hier? Hätte ich mich nicht hier in den Büschen versteckt, wärt ihr jetzt tot!« Seine Stimme überschlug sich beinahe, und seine dunklen Augen funkelten so zornig, wie Rijana es noch nie gesehen hatte.
»Wir hätten das schon geschafft«, sagte Leá leichthin.
Ariac packte sie hart an den Schultern und schüttelte sie. »Das hättet ihr nicht! Das waren Scurrs Soldaten, verdammt. Ihr hattet nicht einmal ein Schwert oder einen Bogen dabei.« So zornig wie er auch war, man sah genau, dass er furchtbare Angst um die beiden gehabt hatte.
Leá schnaubte nur und rieb sich die Arme. »Du hättest dich ja nicht einfach aus dem Staub machen müssen.«
»Jetzt soll ich noch schuld sein?«, fragte er mit vor Zorn bebender Stimme.
»Ja«, erwiderte Leá gelassen.
Ariac schnaubte wütend und hieb mit seinem Schwert auf den nächstbesten Busch ein. »Ihr reitet auf der Stelle zurück!«
Rijana wehrte sich. »Nein, ich komme mit dir, wir gehören zusammen.«
Er stieß einen mühsam unterdrückten Schrei aus und atmete tief durch, um sich zu beruhigen.
»Ich muss allein gehen«, sagte er bestimmt. »Ich hole dich, wenn ich so weit bin.«
Aber sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was du bezweckst, aber wir gehören doch zusammen, und nicht nur, weil wir heiraten wollen.« Sie blickte ihn ernst an. »Wir sind zwei der Sieben, wir müssen zusammenbleiben!«
Ariac schloss kurz die Augen. »Bitte, für das, was ich vorhabe, muss ich allein sein.«
»Was hast du denn vor?«, fragte Leá.
Ariac zögerte, dann ließ er sich auf den Boden fallen, und die Mädchen taten es ihm gleich.
»Ich werde das Schwert von König Scurr holen und es deinen Freunden bringen, Rijana.«
Leá und Rijana blickten ihn ungläubig an. »Du willst das letzte Schwert aus Ursann holen?«, fragte Rijana entsetzt. »Das kann doch nicht dein Ernst sein.«
Ariac nickte. »Es ist die einzige Möglichkeit, dass sie erkennen, dass ich kein Verräter bin.«
»Das kannst du nicht machen«, flüsterte Rijana. »Du kannst nicht dorthin zurück …« Sie stockte, aber Leá hob beruhigend die Hand.
»Ich weiß davon.«
Rijana nickte erleichtert, dann nahm sie Ariacs Hand.
»Wenn es schon sein muss, dann helfe ich dir. Die anderen werden dir eher glauben, wenn ich bei dir bin.«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, ich kenne mich in Ursann aus. Ich weiß, wie Scurr und Worran denken. Ich weiß, wo sie Wachen aufstellen und wie man sie umgeht. Allein bin ich besser dran.«
Rijana rang nach Worten. »Bis Catharga«, sagte sie ernst. »Ich begleite dich bis Catharga, dann warte ich auf dich, bis du mit dem Schwert zurück bist.«
Sie schloss kurz die Augen und hoffte, dass er darauf eingehen würde. Wenn sie erst in Catharga wären, würde sie eine Möglichkeit finden, ihn entweder zu begleiten oder von dieser verrückten Idee abzubringen.
Ariac zögerte. Er wusste, was sie im Sinn hatte.
Rijana kam ein weiterer Gedanke.
»Außerdem sind wir hier beinahe in Northfort. Ich habe dich zu deinen Eltern begleitet, und du musst jetzt mit zu meinen kommen.«
Ariac zögerte. »Aber dann bleibst du bei deinen Eltern, in Ordnung?«
Rijana nickte langsam. Zumindest hatte er sie jetzt nicht fortgeschickt. Leá erhob sich seufzend. »Gut, dann wäre das geklärt, und ich kann zurückreiten.«
Ariac umarmte seine Schwester. »Aber sei vorsichtig und sieh zu, dass du die Handelsstraße so schnell wie möglich wieder verlässt.«
Leá nickte und drückte auch Rijana noch ein letztes Mal.
»Passt gut aufeinander auf, und kommt zu uns, wenn ihr erfolgreich wart«, sagte sie ernst.
Die beiden folgten Leá zu dem Versteck, wo die beiden Pferde standen. Leá gab Rijana den Umhang zurück.
»Du wirst ihn besser gebrauchen können.«
Rijana kämpfte mit den Tränen. »Pass auf dich auf!«
Leá lächelte beruhigend und führte ihr Pferd durch die Büsche. Sie warf einen Blick auf die Ebene, aber alles schien ruhig zu sein. Anschließend galoppierte sie rasch nach Nordosten und war schon bald außer Sichtweite.
»Rijana, warum bist du nur nicht bei meiner Familie geblieben?«, fragte Ariac unglücklich, umarmte sie jedoch fest.
 
Die beiden zogen sich mit ihren Pferden noch weiter ins Buschland zurück. Momentan schien sie niemand zu verfolgen, aber sie trauten sich nicht, ein Feuer zu entzünden.
»Du hättest mir sagen müssen, was du vorhast«, sagte Rijana ernst, als es langsam dunkel wurde.
Ariac seufzte und wollte einen Arm um sie legen, doch Rijana wich aus und blickte ihn ein wenig beleidigt an.
»Ich wollte dich nicht in Gefahr bringen.«
Sie schnaubte und schlang die Arme um ihre Beine. »Du wärst einfach fortgeritten, und am Ende hätte Scurr dich umgebracht, und ich hätte nicht einmal gewusst, warum du nicht zurückkommst.«
Sie biss sich auf die Lippe, die zu zittern begann, denn sie musste an Warga und die Runen denken. …es wird zwei Männer in deinem Leben geben.
Ariac nickte nachdenklich, dann nahm er vorsichtig ihre Hand.
»Du hast Recht, das war nicht richtig von mir. Verzeihst du mir?«
Rijana nickte vorsichtig und umarmte ihn anschließend fest. »Ich will nicht mehr ohne dich sein.«
Ariac lächelte und drückte sie an sich. Er hätte niemals gedacht, dass er jemandem noch einmal so vertrauen könnte wie Rijana. Er wollte auch nicht mehr ohne sie leben.
»Aber wir müssen vorsichtig sein«, sagte er ernst.
Rijana nickte. »Ich kenne mich aus in Northfort.« Sie war ein wenig aufgeregt. Was würden ihre Eltern sagen?
Ariac schien sich gerade die gleichen Gedanken zu machen. Er hatte die Stirn gerunzelt und sagte: »Deine Eltern werden nicht sehr erfreut sein, dass du einem vom Steppenvolk versprochen bist. Vielleicht sollte ich etwas außerhalb warten.«
»Nein, ich möchte, dass sie dich kennen lernen«, erwiderte Rijana entschieden.
Ariac blickte sie unsicher an, ihm war nicht ganz wohl bei der Sache.
 
Die Nacht war ereignislos vergangen, und am Morgen ritten die beiden in Richtung Westen. Irgendwo würden sie die Handelsstraße überqueren müssen, wenn sie nicht einen weiten Umweg nach Norden in Kauf nehmen wollten. Die Büsche waren dicht und dornig. Man konnte hier nicht reiten, sonst zerkratzte man sich das Gesicht. Also führten Rijana und Ariac ihre Pferde den ganzen Tag lang, machten kurz Pause und aßen ein wenig von ihrem Proviant. Am Abend hatten sie den Rand des Buschlands erreicht, aber auf der Ebene, die sie überqueren mussten, lagerte eine ganze Gruppe von Soldaten in roten Umhängen.
Ariac fluchte leise.
»Du bringst sie aber nicht alle um«, flüsterte Rijana ängstlich und hielt ihn an seinem Umhang fest. Ariac deutete ein Grinsen an und schüttelte den Kopf. So verrückt war selbst er nicht. Sie führten die Pferde noch ein klein wenig nach Süden, aber es war hoffnungslos, Scurrs Soldaten würden sie sicher sehen.
»Wir müssen die Nacht hier verbringen«, seufzte Ariac, und Rijana nickte. Auf einer kleinen Lichtung legten sie ihre Decken auf den Boden. Die Pferde knabberten ohne große Begeisterung an einigen Büschen herum. Als es dunkel wurde, hörte man immer wieder unheilvolles Knacken. Lenya und Nawárr schnaubten ängstlich, aber man sah nichts. Ariac stand auf und packte sein Schwert fester. Auch Rijana, die eigentlich ziemlich müde gewesen war, stellte sich neben ihn. »Was ist das? Sind das Soldaten?«, flüsterte sie.
Ariac starrte angestrengt ins Halbdunkel und schüttelte den Kopf. »Ich glaube kaum, dass sie ins Buschland eindringen, ohne dass sie einen Grund haben.«
Einige Zeit blieb es ruhig, aber plötzlich war die ganze Lichtung von unzähligen pelzigen, knurrenden Wesen umzingelt. Sie hatten Keulen in der Hand, die teilweise mit Stacheln besetzt waren, und kamen langsam näher. Die Pferde schnaubten nervös, und Nawárr stieg.
»Was ist das?«, flüsterte Rijana.
»Finstergnome«, knurrte Ariac. »Das glaube ich zumindest, ich habe noch nie welche gesehen.«
Die merkwürdigen Wesen kamen langsam näher. Sie gingen Ariac gerade einmal bis zur Hüfte, aber man sah in ihren Gesichtern kleine Reißzähne blitzen, und ihre Augen funkelten zornig. Den Finstergnomen stand das struppige, graubraune Fell wirr vom Körper und vom Kopf ab. Ein besonders großer Finstergnom stellte sich vor sie und drohte mit seiner Keule. Er knurrte etwas und gestikulierte wild herum. Die anderen taten es ihm gleich.
Zu Ariacs Entsetzen legte Rijana plötzlich ihr Schwert nieder und ging auf den größeren Finstergnom zu. Ariac konnte sie nicht mehr rechtzeitig zurückhalten. Sie kniete sich hin und sagte mit ihrer hellen Stimme: »Wir tun euch nichts, wir sind nur vor den Soldaten in den roten Umhängen geflüchtet. Spätestens morgen früh verschwinden wir wieder.«
Sie drehte sich um und sagte: »Ariac, leg dein Schwert nieder.«
»Nichts dergleichen werde ich tun«, knurrte er.
Der Finstergnom, der scheinbar der Anführer war, legte den Kopf schief und blickte Rijana eindringlich an. Es wirkte, als würde er überlegen.
Rijana hob ihre Arme, um erneut anzuzeigen, dass sie unbewaffnet war, und wiederholte noch einmal langsam, was sie gesagt hatte.
Der Finstergnom knurrte etwas nach hinten, und drei weitere Gnome kamen zu ihm. Sie schienen etwas zu besprechen, aber für menschliche Ohren war ihre Sprache nicht verständlich. Schließlich kam der Anführer auf Rijana zu. Ariac trat einen Schritt vor und drohte mit dem Schwert, woraufhin der Anführer wütend zischte.
»Nicht, lass ihn«, schimpfte Rijana.
Ariac trat vorsichtig einen Schritt zurück, behielt sein Schwert jedoch in der Hand. Der Finstergnom stellte sich in seiner ganzen Größe vor Rijana, knurrte etwas und begann dann, mit einem Stock etwas in die Erde zu zeichnen, bevor er zu den anderen Gnomen etwas grummelte und sie wie Schatten in die Büsche verschwanden.
Ariac stieß einen Stoßseufzer aus und kniete sich neben Rijana, die auf den Boden blickte. Dort waren ein Mond und etwas, das wie eine aufgehende Sonne aussah, eingeritzt.
Rijana lächelte zufrieden. »Sie geben uns bis morgen nach Sonnenaufgang Zeit zu verschwinden.«
Ariac blickte sie verwirrt an. »Seit wann sprichst du Finstergnomisch?«
Sie lachte leise auf und gab ihm einen Kuss. »Zauberer Tomis, einer der Lehrer auf Camasann, hat die Finstergnome studiert. Jeder fand seine Ausführungen furchtbar langweilig. Aber ich habe mir zumindest gemerkt, dass er gesagt hat, dass Finstergnome nur ihr Land verteidigen wollen. Wenn man nur hindurchreist, lassen sie einen in Ruhe. Und – sie können zwar die menschliche Sprache nicht aussprechen, aber die meisten Worte angeblich verstehen.«
Ariac blickte Rijana bewundernd an. »Ihr habt nützliche Dinge beigebracht bekommen.«
»Manchmal schon.«
Ariac blickte in die Büsche. »Ich weiß nicht sehr viel von den Finstergnomen, nur, dass man das Buschland meiden sollte.«
»Gut, bis morgen wird uns nichts geschehen, aber wir sollten bald aufbrechen«, sagte Rijana und setzte sich auf ihre Decke.
Ariac nickte und blickte weiter in die Dunkelheit. »Schlaf du zuerst, ich halte Wache.«
 
Kurz vor der Morgendämmerung schlugen sich die beiden weiter in Richtung Süden durch das Buschland. Man sah zwar nichts, aber sowohl Rijana als auch Ariac hatten das Gefühl, dass sie von vielen kleinen Augen beobachtet wurden. Auch die beiden Pferde wirkten angespannt. Aber die Finstergnome schienen Wort zu halten, denn niemand griff an.
Im Wald überquerten Rijana und Ariac die Handelsstraße, die um diese frühe Zeit noch menschenleer war. Endlich hatten sie das Buschreich verlassen und trabten durch einen lichten Wald. Es war ziemlich gefährlich hier, denn die Handelsstraßen, die von Gronsdale und Errindale nach Northfort führten, kreuzten sich immer wieder. Aber Rijana und Ariac hatten Glück. Sie konnten den vielen Soldaten in roten Umhängen und auch einigen deutlich weniger häufig auftretenden Soldaten von König Greedeon aus dem Weg gehen.
Endlich hatten sie die unbewohnten und verwachsenen Wälder von Northfort erreicht, doch Rijana kam es nicht sehr bekannt vor. Alles hatte sich in den letzten zehn Jahren verändert, und sie war früher nie sehr weit aus Grintal fortgekommen. Das Einzige, was sie wusste, war, dass Grintal ziemlich weit im Süden abseits der Straßen an einem Fluss lag. Also ritten die beiden viele Tage lang weiter nach Süden. Glücklicherweise trafen sie auf keine weiteren Soldaten, die sich wohl auf den Norden beschränkt hatten, um Ariac zu suchen. Die Wälder waren jetzt meist licht, mit alten, knorrigen Bäumen. Es gab viele kleine Bäche, genügend Wild zu jagen, Beeren und jede Menge Pilze.
»Es ist schön hier«, sagte Ariac lächelnd, als sie durch den herbstlichen Wald trabten. Unter den Hufen der Pferde raschelte das Laub. »Ich mag zwar die Weite der Steppe, aber hier gibt es im Überfluss zu essen, und«, er grinste, »man braucht sich nicht ständig Gedanken um Holz für ein Lagerfeuer zu machen.«
Rijana nickte. Auch sie fühlte sich hier wohl, aber sie war in den letzten Tagen sehr nachdenklich geworden. Wie würden ihre Eltern nach der langen Zeit reagieren?
Ariac schien ihr anzusehen, dass sie sich Gedanken machte. Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Sie werden sich sicherlich freuen, dich zu sehen. Und wie gesagt, ich muss ja nicht mit ins Dorf kommen.«
Rijana schluckte, sie war sich nicht so sicher bei ihren Eltern.
»Und ich habe dir schon gesagt, dass ich möchte, dass du mitkommst.« Rijana blieb stur. »Entweder sie nehmen mich mit dir zusammen, oder sie lassen es eben bleiben.«
Ariac ritt dichter zu ihr heran und nahm ihren Arm. »Du denkst aber daran, dass du bei ihnen bleiben wirst.«
Daraufhin murmelte Rijana nur leise: »Wenn sie mich überhaupt noch bei sich haben wollen.«
»Natürlich wollen sie das«, sagte Ariac mit einem aufmunternden Lächeln. »Wer würde denn eine so hübsche Tochter gehen lassen.«
Rijana war sich da nicht so sicher und blickte stumm auf den Waldboden.
An diesem Abend erreichten die beiden im letzten Licht das Ende des Waldes. Sie blickten auf eine grasbewachsene Ebene. Nicht weit in der Ferne konnte man den langen Meeresarm sehen – sie waren zu weit nach Süden geritten.
Rijana runzelte die Stirn und fluchte. »Mist, wir müssen weiter nach Westen und dann wieder etwas nach Norden.«
Ariac nickte beruhigend. »Das macht nichts. Auf ein oder zwei Tage kommt es nicht an.« Allerdings machte er sich insgeheim Gedanken, denn er würde Ursann wohl kaum vor dem Winter erreichen. Vielleicht sollte er den Winter doch noch irgendwo mit Rijana verbringen und erst im Frühjahr aufbrechen. Die beiden zogen sich wieder weiter in den Wald zurück, ritten bis zum Einbruch der Dunkelheit nach Westen und ließen sich auf einer mit Moos bewachsenen Lichtung für die Nacht nieder. Rijana und Ariac sammelten Holz und entzündeten ein Feuer, auf dem sie in einem kleinen Topf Pilze kochten, die Rijana während des Tages gesammelt hatte.
»Ich hoffe, du kennst dich damit aus«, sagte Ariac zweifelnd, als sie mehrere Pilze und Kräuter ins Wasser warf.
»Ich habe mir gedacht, dass du sie zuerst versuchst, und wenn du bis zum Aufgang des Mondes noch lebst, dann kann ich sie beruhigt auch selbst essen«, erwiderte Rijana mit einem frechen Grinsen.
Ariac schnaubte empört, stürzte sich plötzlich auf sie und drückte sie auf den weichen Waldboden.
»Geht man so mit seinem zukünftigen Ehemann um?«
Rijana lachte leise und versuchte wieder aufzustehen, aber Ariac hielt ihre Arme fest.
»Ich fordere sofortige Wiedergutmachung.«
»Und, was hast du dir da vorgestellt?«, fragte sie herausfordernd.
Ariac tat so, als würde er nachdenken. Dann gab er ihr einen langen und sehr leidenschaftlichen Kuss. Rijana erwiderte diesen und sagte, als sie wieder Luft hatte: »Keine schlechte Idee. Ich sollte es wohl noch ein wenig ausnutzen, bis du die Pilze gegessen hast.«
Leise lachend schüttelte Ariac den Kopf und küsste sie. Da es schon ziemlich kühl wurde, legte er die Decke über sie beide. Als sie schließlich Arm in Arm in der Stille des Waldes lagen, waren die Pilze schon lange zerkocht.
»Ich habe Hunger«, sagte Ariac und streichelte Rijana über ihr Gesicht. Sie drehte sich zu ihm und erwiderte grinsend: »Jetzt brauchst du die Pilze nicht mehr essen.«
Ariac nickte und sagte mit gerunzelter Stirn: »Das hat mir vielleicht das Leben gerettet.«
Rijana kuschelte sich näher an ihn. »Dann könntest du dir öfters das Leben retten. Aber ich kann dich beruhigen, ich kenne mich wirklich mit Pilzen aus.«
»So?«, fragte er amüsiert.
»Ja, ich habe es schon als kleines Mädchen von meiner Großmutter gelernt.« Ihr Blick wurde traurig. »Sie war die Einzige in meiner Familie, die mich gemocht hat. Aber sie ist gestorben, als ich sieben war.«
Ariac zog sie dichter an sich heran. »Was auch immer deine Eltern damals gegen dich hatten«, sagte er ernst, »jetzt werden sie dich mögen.« Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte: »Dich kann man schließlich nur lieben.«
Sie lächelte zögernd und biss sich auf die Lippe.
Ariac, der das sah, fügte noch hinzu: »Und für den Fall, dass sie dich wirklich nicht bei sich behalten wollen, was ich nicht glaube, dann verbringen wir den Winter gemeinsam irgendwo anders.«
Rijana hob den Kopf und sah ihn erleichtert an. »Danke, ich dachte schon, du lässt mich einfach irgendwo zurück.«
Ariac schnaubte empört. »Was hältst du denn von mir?«
Sie grinste, jetzt schon etwas fröhlicher. »Schließlich bist du ein unberechenbarer Wilder!«
Er schüttelte lachend den Kopf und biss ihr vorsichtig in den Hals, woraufhin sie leise aufschrie. »So wie du«, knurrte er.
Rijana fuhr sich über die Linien auf ihrem Arm. Jetzt war alles vollkommen verheilt, und man sah die kunstvollen Linien und Zeichnungen genau.
Schließlich erhob sich Ariac, schüttete mit einem gespielt vorwurfsvollen Blick auf Rijana die Pilze fort und holte Brot und Käse aus dem Proviantsack. Die beiden aßen eine Weile schweigend und lauschten den nächtlichen Geräuschen von Tieren auf der Jagd. Die Pferde grasten friedlich in der Nähe. Sollte sich Gefahr nähern, würden die sie warnen. Eine Eule flog dicht über ihre Köpfe hinweg, und ein Käuzchen schrie unheimlich in der Nähe.
»Hoffentlich ist Leá gut zurückgekommen«, sagte Rijana unvermittelt.
»Sie kennt sich gut aus, ihr ist sicher nichts geschehen«, erwiderte Ariac beruhigend.
»Ich mag sie sehr«, meinte Rijana seufzend und lehnte ihren Kopf an Ariacs Schulter. »Hoffentlich können wir bald in die Steppe zurückkehren.«
»Das hoffe ich auch«, antwortete Ariac, obwohl er nicht glaubte, dass das so schnell geschehen würde.
 
Drei Tage lang ritten die beiden weiter nach Westen und anschließend nach Norden. Rijana wurde zunehmend nervös, doch dann glaubte sie, den Fluss zu erkennen, an dem sie als Kind immer gespielt hatte. Sie folgten dem gewundenen kleinen Strom wieder ein wenig nach Süden, und dann, an einem diesigen, kühlen Tag, erblickten sie eine kleine Ansammlung von Hütten. In einem Pferch waren einige Schafe eingesperrt. Ein paar Bauern ernteten auf steinigen Äckern Kartoffeln, und Frauen wuschen ihre Wäsche im Fluss. Rijana parierte Lenya hart durch, sodass die Stute schnaubend stehen blieb.
»Ist das Grintal?«, fragte Ariac leise.
Rijana nickte und fuhr sich nervös mit der Zunge über die Lippen.
»Sollen wir hinreiten?«, fragte Ariac und blickte sich um. Soldaten schienen nicht in der Nähe zu sein, das Dorf war ohnehin sehr einsam und weitab von der Handelsstraße gelegen.
»Ja«, sagte Rijana heiser.
Ariac zog sich die Kapuze über den Kopf. »Aber ich warte besser ein wenig abseits, denn ich will deine Eltern nicht erschrecken.«
Rijana nickte. Sie war viel zu nervös, um jetzt noch zu widersprechen. Sie fuhr sich durch die Haare, warf sie nach hinten über die Schultern und zog sich ebenfalls die Kapuze über den Kopf. Dann ritt sie langsam auf das Dorf mit den ärmlichen Hütten zu. Als eine magere Frau am Fluss sie erblickte, rannte sie schreiend zu den Hütten. Sofort bildete sich eine kleine Gruppe, die den Ankömmlingen mit einer Mischung aus Angst und Misstrauen entgegenblickte. Ariac hielt seinen Hengst bereits bei dem Schafspferch an. Rijana hingegen ritt weiter. Sie erkannte ihre Eltern erst auf den zweiten Blick. Cadah und Hamaron waren alt geworden. Ihre Haare waren komplett weiß, und ihre faltigen Gesichter wirkten noch verhärmter und verbitterter, als Rijana sie in Erinnerung hatte.
»Was wollt Ihr?«, fragte Hamaron und blickte auf Ariac und Rijana. »Wir haben pünktlich unsere Abgaben gezahlt.«
»Sie tragen keine roten Umhänge«, flüsterte ein anderer greiser Bauer. Rijana konnte sich nicht mehr an seinen Namen erinnern.
Vorsichtig zog sich Rijana die Kapuze vom Kopf. Die Männer und Frauen stießen einen überraschten Laut aus.
»Eine junge Frau?«, fragte eine Bäuerin überrascht.
Rijana war nervös. Sie blickte Hamaron und Cadah nacheinander an, und diese musterten sie ebenfalls genau.
»Ich bin’s, Rijana«, sagte sie kaum hörbar.
Durch ihre Eltern ging ein Zucken. Sie starrten sie mit offenen Mündern an.
»Rijana?«, fragte Hamaron, so als würde er ihren Namen zum ersten Mal hören. »Was tust du hier?«
»Ich wollte … ich wollte … euch besuchen«, antwortete sie unsicher.
»Du warst eine Ewigkeit nicht hier«, sagte Cadah, und ihre Stirn verzog sich in viele kleine Falten.
Die Dorfbewohner zerstreuten sich langsam. Die meisten eilten davon, um ihrer Familie zu sagen, dass die Tochter von Cadah und Hamaron zurückgekehrt war, sogar in guten Kleidern und mit einem edlen Pferd.
»Du scheinst in Wohlstand gelebt zu haben«, stellte Hamaron fest, und seine Stimme und sein Gesichtsausdruck wirkten dabei ein wenig missbilligend. »Du trägst teure Kleider und hast ein gutes Pferd.« Er blickte zu ihr auf. »Hast du wenigstens etwas Gold mitgebracht?«
Rijana schossen Tränen in die Augen, die sie nur mühsam wieder hinunterschlucken konnte. Sie war so fassungslos, dass sie nicht einmal einen Ton herausbrachte. Ariac kam langsam näher geritten. Er sah Rijanas unglückliches Gesicht.
»Was erwartest du?«, fragte ihr Vater weiter. »Wir hatten die letzten Jahre schlechte Ernten. Deine älteste Schwester ist an einem Fieber gestorben, jetzt haben wir ihre Bälger am Hals.« Er deutete auf einige kleine rotznasige Kinder, die im Dreck spielten. »Ihr Mann treibt sich lieber in den Tavernen rum, als bei uns zu arbeiten.« Hamaron spuckte angewidert auf den Boden. »Sie haben dich zurückgeschickt, weil sie dich nicht mehr auf der Insel haben wollten, nicht wahr?«
Rijana schüttelte mechanisch den Kopf und konnte noch immer nichts sagen.
Hamaron seufzte. »Was willst du dann? Und wer ist der Kerl da hinten?« Er deutete auf Ariac. »Ist er etwa einer dieser Krieger von der Insel?«
Rijana schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals herunter und richtete sich stolz auf. »Nein, er ist mein Verlobter.«
Cadah entfuhr ein leiser Schrei, und Hamaron fluchte: »Verdammt, dann ist er hier, weil er eine Mitgift will. Es ist ein Kreuz, fünf Töchter zu haben.«
Ariac ritt näher an Rijanas Vater heran und sagte ruhig und gelassen unter seiner Kapuze hervor: »Nein, ich will keine Mitgift. Rijana ist der größte Schatz, den ein Mensch überhaupt bekommen kann.«
Hamaron schnaubte abfällig und versuchte, Ariacs Gesicht zu erkennen.
»Bei meinem Volk ist es ein Segen, wenn man viele Töchter hat. Sie sind der Stolz eines jeden Vaters«, fügte Ariac mit kalter Stimme hinzu.
»Was im Namen der Götter soll das für ein Volk sein?«, fragte Hamaron abfällig. »Und warum zeigst du dein Gesicht nicht? Hast du etwas zu verbergen?«
Ariac warf Rijana einen Blick zu, die kaum merklich nickte. Als Ariac seine Kapuze zurückschlug, wichen alle, die noch in der Nähe gestanden hatten, ein paar Schritte zurück. Zwei von Rijanas Schwestern, die jetzt aus den anderen Hütten kamen, blieben wie gelähmt stehen.
»Einer vom Steppenvolk?«, fragte Cadah entsetzt, und Hamaron polterte los.
»Verdammt noch mal, ausgerechnet ein Wilder. Du bist eine verfluchte kleine Hure geworden!«
In Rijana kochte die Wut hoch. »Ich bin keine Hure!«
»Was denn sonst?«, kreischte Cadah. »Seht nur, eure Schwester ist eine Steppenhure.« Rijanas Schwestern schüttelten fassungslos die Köpfe.
Rijana betrachtete die beiden älteren Schwestern. Früher waren sie ihr so unglaublich schön vorgekommen, aber jetzt sah sie die beiden etwas anders. Legene hatte eine ziemlich krumme und breite Nase, Feligrah einen verbissenen, schmalen Mund und kleine Schweinsaugen. Außerdem wirkten die strohblonden Haare der beiden dünn und fettig.
»Ich verbiete dir, diesen Kerl zu heiraten«, schrie Hamaron plötzlich. »Du bist doch gerade erst – äh, na ja, siebzehn oder so. Du darfst ihn nicht heiraten.«
Cadah nickte nachdrücklich, und Hamaron kam mit drohenden Gebärden auf Ariac zu. Der ließ seinen Hengst nur ein paar Schritte vortreten. Nawárr spürte den Zorn seines Herrn und legte die Ohren an. Er bleckte die Zähne und stampfte drohend, als Hamaron näher kam.
»Er ist ein Barbar. Du wirst hierbleiben, und ich suche dir einen anständigen Mann«, befahl Hamaron, wich jedoch wieder zurück. Er hatte Angst vor dem großen Pferd. »Du bist ja zumindest recht ansehnlich geworden, das muss man dir lassen.«
Rijana blickte ihre Familie noch ein einziges Mal an, dann sagte sie mit leiser Stimme: »Ihr habt mir gar nichts zu befehlen. Ich gehöre nicht mehr zu euch, denn jetzt bin ich eine Arrowann.« Sie warf den beiden einen kalten Blick zu und sagte: »Und nur damit ihr es wisst, seit dem letzten Frühjahr bin ich achtzehn Jahre alt.« Rijana wendete ihr Pferd und fasste in den Beutel, den sie aus Balmacann mitgebracht hatte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, warf sie ihren Eltern einen Großteil des Schmucks und des Goldes vor die Füße, dann ließ sie Lenya aus dem Stand angaloppieren und schoss davon. Rijana hörte ihren Vater noch etwas schreien, aber sie achtete nicht darauf. Sie hatte ihr altes Leben hinter sich gelassen und wusste, dass sie niemals nach Grintal zurückkehren würde. Ariac folgte ihr, konnte sie jedoch kaum noch einholen. Rijana galoppierte halsbrecherisch über die schmalen Waldpfade.
Eine lange Zeit ritt sie durch die Wälder, immer nach Norden, ohne eigentlich zu wissen, wohin sie wollte. Ariac folgte ihr. Er war selbst fassungslos über das Verhalten von Rijanas Eltern. Irgendwann überquerten sie die Handelsstraße und erschreckten ein altes Weib mit Reisig auf dem Rücken beinahe zu Tode, als sie hinter ihr ins Gebüsch sprengten. Als es langsam dunkel wurde, parierte Rijana endlich ihr schwitzendes und schnaubendes Pferd durch. Sie ritt noch eine Weile mit starrer Miene durch den Wald und hielt endlich an einem kleinen See an. Ariac konnte in der Dämmerung ihr Gesicht kaum sehen. Sie sattelte Lenya stumm ab. Die Stute trank gierig aus dem See. Anschließend begann sie zu grasen. Rijana lehnte sich an den Stamm einer dicken Eiche und schlang sich die Arme um die Knie. Noch immer war ihr Gesicht unbewegt. Ariac setzte sich neben sie und reichte ihr einen Apfel aus dem Proviantsack. Sie schüttelte stumm den Kopf.
Ariac legte einen Arm um sie, und plötzlich begannen ihre Schultern zu zucken. Sie versteckte das Gesicht in den Armen. Leise weinte sie eine Zeit lang vor sich hin.
»Sie haben nicht einmal gefragt, wie es mir in den letzten Jahren ergangen ist«, schluchzte sie irgendwann.
Ariac nickte und nahm sie fest in den Arm. Er streichelte ihr über den Kopf. »Ich konnte es mir nicht vorstellen, aber jetzt habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie kalt und herzlos sie sind.«
Rijana nickte traurig und legte ihren Kopf an seine Schulter. »Warum tun sie das? Warum haben sie sich nicht einmal ein kleines bisschen gefreut, mich zu sehen?«
Er wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. »Ich sage es nicht gern, aber ich glaube, deine Eltern sind einfach dumme und gemeine Menschen.«
Rijana schniefte laut. Dann blickte sie ihn nachdenklich an. »Warum sagen die Leute, dass die Steppenleute Wilde sind? Warum halten sie dich für einen Barbaren, nur weil du diese Zeichen trägst?« Sie strich ihm über die feinen Tätowierungen neben seinen Schläfen. »Deine Eltern und die anderen aus deinem Clan sind herzliche, freundliche und gute Menschen.« Rijana streckte sich und wischte sich die letzten Tränen fort. »Leute wie meine Eltern sollte man als Wilde bezeichnen, denn sie hätten das verdient.«
Ariac nickte und gab ihr einen Kuss. »Sei nicht traurig, Rijana, sie sind es nicht wert. Du hast jetzt eine andere Familie – meine Familie.«
Nun lächelte Rijana zaghaft, dann umarmte sie Ariac fest. »Ich bin so froh, dass ich dich habe und dass ich eine Arrowann geworden bin.« Sie blickte ihn ernst an. »Hätte ich jemals daran gezweifelt, dass es richtig war, dann wären spätestens jetzt alle Zweifel verflogen.«
Ariac lächelte zurück und nickte. »Und ich bin ebenfalls froh.« Dann blickte er sie nachdenklich an. »Die beiden blonden Frauen, waren das deine Schwestern?«
Rijana nickte. »Wie bist du im Namen Nawárronns darauf gekommen, dass sie hübsch sind?« Ariac machte ein so verwirrtes Gesicht, dass Rijana lachen musste.
»Das weiß ich heute auch nicht mehr.«
Ariac grinste. »Man sollte wirklich eine Menge Gold bekommen, wenn man sie heiratet.«
Rijana kicherte, aber Ariac sah noch immer den verletzten Ausdruck in ihren Augen.
»Ist es wirklich üblich bei euch?«, fragte er.
Rijana nickte. »Ja, schon. Bei den Arrowann nicht?«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, das kennen wir nicht, und es macht für mich auch keinen Sinn.«
Er hielt ihr erneut den Apfel hin. Diesmal nahm sie ihn an und biss lautstark hinein.
»Es war trotzdem gut, dass ich noch einmal dort war«, sagte sie nach einer Weile nachdenklich. »Jetzt kann ich mit meiner Vergangenheit abschließen.«
»Gut, dann werden wir uns gemeinsam einen schönen, gemütlichen Platz für den Winter suchen«, bestimmte Ariac.
Rijana lehnte sich an ihn und schlang ihre Arme um seinen Oberkörper.
»Bitte lass mich mit dir gehen, egal wohin. Ich will nie mehr ohne dich sein.«
»Nicht nach Ursann, überallhin, aber nicht nach Ursann.«
Rijana biss sich auf die Lippe. Jetzt war wohl nicht die Zeit für eine Diskussion. Daher nickte sie nur, schloss ihre Augen und schlief mit dem Kopf auf Ariacs Schoß ein. Er starrte eine lange Zeit in die Nacht hinaus. Er wusste nicht, was mit Rijana geschehen sollte, wenn er nach Ursann ging. Aber dass sie nicht bei ihren Eltern bleiben konnte, das war ihm auch klar.
Vorsichtig streichelte er über ihre langen, seidigen Haare. Er konnte ihre Eltern beim besten Willen nicht verstehen.