KAPITEL 13
Steppe
Sieben Tage lang stiegen Rijana und Ariac stetig bergab. Am Anfang war es noch sehr steil, und viele Felsbrocken machten das Laufen schwer und das Reiten unmöglich. Einmal rutschte Rijanas Stute so unglücklich aus, dass sie den Abhang auf der Seite hinunterrutschte. Doch zum Glück trug Lenya außer einigen Schürfwunden keine Verletzungen davon. Ab dem vierten Tag wagten Rijana und Ariac es wieder zu reiten. Die Abhänge wurden ein wenig sanfter, die Wälder lichter. Dank der Zwerge hatten sie genügend zu essen, aber Ariac fing trotzdem immer wieder Wildhühner aus den Wäldern und manchmal auch Fische aus einem der klaren Bäche.
In der siebten Nacht, als sie schon beinahe im Tal angelangt waren, erschütterte erneut ein heftiges Erdbeben das Donnergebirge. Ariac fuhr aus seinem Schlaf hoch, und Rijana, die gerade auf einem Felsen gestanden und Ausschau gehalten hatte, kam erschrocken zurück. Die Bäume schwankten bedenklich, und als ein dicker morscher Stamm nicht weit von ihnen herunterkrachte, galoppierten die Pferde panisch davon. Ariac nahm Rijana an der Hand und rannte mit ihr unter den spärlichen Schutz eines vorstehenden Felsens. Überall krachten Steine und Äste herab, und der Boden bebte ohne Unterlass.
Als der Morgen dämmerte, war es endlich vorbei. Die ersten Vögel begannen zu zwitschern, und die beiden Pferde kehrten zurück. Nawárr hatte eine lange Schnittwunde an der linken Flanke, wahrscheinlich von einem heruntergefallenen Ast.
»Ich bin froh, wenn wir auf der Ebene sind«, sagte Ariac mit zusammengezogenen Augenbrauen und legte einige Kräuter auf die Wunde. Nawárr schnaubte, blieb jedoch stehen. »Dort unten kann uns zumindest kein Ast oder Felsen auf den Kopf fallen.«
Noch bis etwa zur Mittagszeit ritten sie die letzten, sanft verlaufenden Hügel hinab, dann erstreckte sich die Steppe vor ihnen. Hier, in der Nähe der Berge, war das Gras noch grün und saftig. Es reichte den Pferden bis weit die Beine hinauf. In der Ferne war ein großer See zu sehen.
Ariacs Augen begannen zu glänzen.
»Wollen wir galoppieren?«, fragte er.
Rijana nickte, und schon stoben die beiden Pferde davon durch das wogende grüne Meer, das sich vor ihnen erstreckte. Wie Pfeile schossen Nawárr und Lenya nebeneinanderher. Ihre Hufe schienen kaum den Boden zu berühren. Nach einiger Zeit ließen Rijana und Ariac ihre Pferde wieder in einen raschen Trab und schließlich in Schritt fallen. Sie blickten sich um. Die Berge waren nun schon ein ganzes Stück entfernt, sie hatten eine gute Strecke hinter sich gebracht. Die Sonne wanderte langsam am westlichen Horizont entlang und tauchte das Gras in ein weiches Licht. Nicht weit entfernt sah man die Ruine einer lange verlassenen Burg.
»Weißt du, was das ist?«, fragte Rijana.
Ariac nickte. Er war zwar noch nie dort gewesen, aber er kannte die Ruine aus Erzählungen.
»Der südliche Rand der Steppe, die Donnerberge und auch der Myrensee sollen vor langer Zeit ein Königreich gewesen sein. Das hier ist die Ruine der Burg. Wir können dort die Nacht verbringen.«
Rijana blickte neugierig auf die Überreste zweier Türme. Als sie näher kamen, sahen sie, dass es eine große Burganlage gewesen sein musste. Mit vier runden Türmen, einem großen Innenhof und mehreren Wirtschaftsgebäuden. Aber jetzt war alles verfallen. Gras und Moos überwucherten die Steine, und auf den Türmen hausten die Krähen. Ariac blickte in den Himmel.
»Gut, dass wir heute Nacht ein Dach über dem Kopf haben, es sieht nach Regen aus.«
Rijana sah zum Himmel hinauf, aber sie konnte beim besten Willen nichts erkennen, was nach Regenwolken aussah.
Als Ariac das bemerkte, meinte er lächelnd: »Die Nebelschleier über dem östlichen Rand des Myrensees bedeuten immer Regen.«
Rijana zuckte die Achseln. »Du musst es ja wissen.«
Sie führten die Pferde in den Innenhof und suchten sich den untersten Raum des am wenigsten verfallenen Turmes aus. Dort wollten sie schlafen. Ariac sammelte noch ein wenig Holz und entzündete ein Feuer. Die beiden aßen geräucherten Schinken und das Brot der Zwerge, dann blickten sie eine Weile in die Flammen.
»Wie willst du deine Leute eigentlich finden?«, fragte Rijana plötzlich vorsichtig. Diese Frage hatte ihr schon lange Zeit auf der Seele gelegen, sie hatte sich jedoch bisher nicht getraut zu fragen.
Ariacs Gesicht spannte sich augenblicklich an, und seine Augen wurden hart. »Wenn sie überhaupt noch leben und die Zwerge Recht damit hatten, dass starke Stürme über das Land fegen, dann werden sie in den östlichen Senken lagern, nicht weit vom Myrensee.«
Rijana nickte, dann schluckte sie: »Falls … falls sich herausstellt, dass wirklich Krieger aus Camasann die Arrowann getötet haben … wirst … wirst du mich dann hassen?«, fragte sie stockend und mit Tränen in den Augen. Sie biss sich auf die Lippe, nachdem es heraus war.
Ariacs harte Augen wurden plötzlich wieder weich. Er nahm sie vorsichtig in den Arm. »Nein, das werde ich nicht, denn du kannst nichts dafür.«
Er wischte ihr die Tränen von den Wangen. »Du hasst mich ja schließlich auch nicht, weil Scurrs Soldaten einige deiner Freunde getötet haben, oder?«
Sie schniefte einmal und schüttelte dann den Kopf. Sie nahm seine Hand und drückte sie. »Ich wünsche mir sehr, dass deine Familie noch lebt.«
Er nickte und lehnte seinen Kopf an die Mauer. Das wünschte er sich auch, aber wirklich darauf zu hoffen traute er sich nicht.
Sie hielten in der Nacht abwechselnd Wache, und als der Mond bereits hoch am Himmel stand, zogen tatsächlich Regenwolken auf. Ein heftiger Sturm erhob sich, der die alten Mauern erbeben ließ. Der Regen prasselte unerbittlich herab. Selbst die Pferde hatten sich unter den Mauerbogen einer Galerie zurückgezogen. Am Morgen regnete es noch so stark, dass Rijana und Ariac beschlossen, abzuwarten. Als die Wolken endlich weitergezogen waren, tobte der heftige Sturm jedoch noch immer.
»Sollen wir weiter?«, fragte Ariac vorsichtig.
Rijana nickte zögernd. Sie würden nicht ewig warten können. Also stiegen sie auf ihre Pferde, zogen sich die Kapuzen weit ins Gesicht und trabten im Sturmwind über die aufgeweichten Wiesen. Zum Glück kam der Wind von hinten, und die Elfenmäntel ließen zu ihrer Überraschung kein Lüftchen durch. Sie schienen ein Teil des Windes zu sein. Die Pferde griffen weit aus und hatten offensichtlich Spaß an dem rasenden Galopp. Am Abend war der Myrensee schon nicht mehr fern. Rijana und Ariac verbrachten eine stürmische und ziemlich unangenehm feuchte Nacht in einer kleinen Senke, sodass sie am nächsten Morgen schon vor Sonnenaufgang aufbrachen.
Als sie am Ufer des Sees entlangritten, war außer einigen Enten, Gänsen und sonstigen Wasservögeln nichts zu sehen. Alles wirkte friedlich und still. Nur zweimal bebte die Erde noch, aber auf der Ebene war das nicht so beängstigend wie in den Bergen. Zum Glück hatte auch der Sturm nachgelassen.
An einem warmen, sonnigen Tag sagte Rijana, als sie abends Rast gemacht hatten: »Ich gehe jetzt baden.«
Ariac nickte. Er hatte vor nicht allzu langer Zeit eine der trägen Schilfenten gefangen, die hier immer am Ufer saßen.
»Ich brate so lange die Ente, aber pass auf. Der See hat tückische Strömungen, schwimm nicht zu weit hinaus!«
Rijana versprach es und zog sich im Schutze des mehr als mannshohen, dicken Schilfs aus. Ihre verdreckten Kleider wusch sie gleich mit. Sie biss die Zähne zusammen, als sie in das eiskalte Wasser tauchte, aber nach kurzer Zeit hatte sie sich daran gewöhnt. Rijana schwamm einige Zeit am Ufer entlang und kam schließlich sauber und zufrieden wieder heraus. Da ihre Kleider noch nicht getrocknet waren, wickelte sie sich in ihre Decke und setzte sich zu Ariac ans Feuer.
Der lächelte sie an. »Na, dann werde ich auch mal baden gehen, sonst schäme ich mich, wenn du so schön sauber bist.«
Sie grinste und drehte die Ente um, die über einem brennenden Haufen getrocknetem Schilf briet. Die beiden Pferde grasten derweil friedlich in der Nähe.
Ariac blieb eine ganze Weile verschwunden. Rijanas Hemd und Unterwäsche waren mittlerweile getrocknet, und sie zog sich gerade an, als Ariac in nassen Kleidern zurückgerannt kam und sein Schwert packte.
»Es sind Soldaten, östlich von uns. Sie lagern auch am See.«
Erschrocken riss Rijana die Augen auf und band sich ihren Schwertgurt wieder um, doch Ariac rief ihr zu: »Nein, bleib hier, ich mache das allein. Lösch das Feuer, damit sie uns nicht entdecken.«
»Wie viele sind es denn?«
»Nicht so viele«, antwortete Ariac und rannte auch schon fort.
»Warte«, rief Rijana leise. »Du kannst doch nicht ganz allein gehen.«
Er zögerte kurz, denn eigentlich hätte er das lieber allein erledigt.
»Also gut, aber halte dich zurück.«
Die beiden schlichen leise durch das Schilf. Schließlich hörten sie von weitem Stimmen. Die Soldaten schienen keine Angst zu haben, entdeckt zu werden. Es waren zehn Männer, allesamt in den Umhängen der Blutroten Schatten König Scurrs gekleidet. Ariac erstarrte. In seinen Augen loderte der blanke Hass.
Rijana griff ihr Schwert fester und packte Ariac am Arm. Kaum hörbar flüsterte sie: »Es sind zu viele.«
Doch Ariac schüttelte den Kopf. »Bleib hier, ich mach das allein.«
»Das kannst du nicht«, erwiderte sie entsetzt.
Er zog sie am Arm nach unten auf den Boden. »Du weißt nicht, wie Scurrs Leute kämpfen. Sie sind gnadenlos und machen auch vor Frauen und Kindern nicht halt.«
»Ich habe schon gegen sie gekämpft«, erwiderte Rijana. »Dich werden sie genauso umbringen. Zu zweit haben wir bessere Chancen.«
Ariac schnaubte. »Aber wenn ich sage, du sollst weglaufen, dann musst du das tun. Und zwar sofort. Schlag dich ins Schilf und schwimm, wenn möglich, zu unserem Lagerplatz. Die meisten von Scurrs Leuten können nicht schwimmen. Dann steigst du auf Lenya und reitest, so schnell du kannst, fort.«
Rijana nickte nervös und wischte sich ihre feuchte Hand ab.
Ariac schlich leise weiter und winkte Rijana zu sich. Bald waren sie den Soldaten ganz nah, die sich laut grölend unterhielten. Anscheinend waren einige betrunken. Das hätte es in Worrans oder Scurrs Beisein nicht gegeben.
»Ich habe drei von diesen schwarzhaarigen Schlampen hintereinander genommen«, prahlte nun ein Soldat mit kurzgeschorenen blonden Haaren.
»Drei, pah! Ich hatte fünf …«, lallte ein weiterer, »… haben ganz schön geschrien, bevor ich ihnen die Kehle durchgeschnitten habe.«
»Endlich können wir diese lächerliche blau-weiße Kleidung ablegen«.
Ariacs Gesicht verzerrte sich zu einer hasserfüllten Maske. Scurr hatte ihn also tatsächlich angelogen.
»Gibst du mir deinen Dolch?«, fragte Ariac kaum hörbar und zog seinen eigenen.
Sie reichte ihm mit zitternden Händen den schlanken Silberdolch.
Ariac sprang flink auf, und bevor einer der betrunkenen Soldaten reagieren konnte, hatten zwei von ihnen die beiden Dolche bis zum Heft im Hals stecken. Dann rammte Ariac einem der Männer sein Schwert in die Seite und ging gleich auf den nächsten los.
Scurrs Soldaten waren kurzzeitig wie gelähmt, doch dann formierten sie sich. Vier der sechs gingen auf Ariac los, die restlichen zwei auf Rijana, die sich tapfer wehrte.
Sie war selbst ein wenig überrascht, aber sie hatte kaum Schwierigkeiten, die Soldaten in Schach zu halten. Durch das magische Schwert schien sie sehr viel stärker und schneller zu sein, auch wenn die Männer gnadenlos zuschlugen. Bald hatte sie einen der Männer besiegt und den zweiten so schwer verwundet, dass er nicht mehr weiterkämpfen konnte. Sie warf Ariac einen Blick zu, der ein furchtbares Gemetzel veranstaltete. Drei der Soldaten lagen bereits tot am Boden, dem vierten hatte Ariac gerade den linken Arm abgetrennt, aber der Soldat gab nicht auf, sondern kämpfte noch immer mit voller Kraft. Schließlich, als er strauchelte, stieß ihm Ariac das Schwert in den Rücken. Als der Mann sich noch einmal mühsam erheben wollte, stach Ariac erneut verbissen zu und dann noch einmal und immer wieder. Auch als Scurrs Soldat sich schon lange nicht mehr rührte, machte Ariac weiter. Schließlich musste Rijana zu ihm gehen und ihn zurückhalten, damit er endlich aufhörte.
Wütend fuhr er herum, ließ aber dann sein Schwert sinken und torkelte erschöpft zurück. Er war über und über mit Blut bespritzt, jedoch weitestgehend unverletzt. Er packte den Soldaten, den Rijana nicht vollständig getötet hatte, und zog ihn an seinem Hemd nach oben.
»Habt ihr die Steppenleute getötet?«, schrie er hasserfüllt. »Seid ihr dafür verantwortlich?«
Der Krieger hustete etwas Blut, dann verzerrte sich sein Gesicht zu einer Grimasse. »König Scurr ist der Herrscher über alles. Er kann tun und lassen, was er will.«
Ariac stieß einen Schrei aus und trennte dem Mann den Kopf von den Schultern. Blut spritzte zu allen Seiten. Rijana wandte rasch den Blick ab. In Momenten wie diesem schien Ariac ihr so fremd zu sein, dass sie sogar ein wenig Angst vor ihm hatte.
Schließlich stapfte er davon und stieg mitsamt seinen blutbespritzten Kleidern erneut in den See. Rijana ging nachdenklich zurück zum Lagerplatz, säuberte ihr Schwert und wusch sich eine Schnittwunde am Arm aus.
Nach einer Weile kehrte Ariac zurück. Seine Kleider und Haare waren nass. Wortlos ging er zu seinen Satteltaschen und nahm sich Kleidung zum Umziehen. Kurz verschwand er im Schilf und setzte sich anschließend neben Rijana, die gerade versuchte, die Überreste des Feuers wieder in Gang zu bekommen.
»Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe«, sagte er schuldbewusst.
Rijana nickte, ohne den Blick zu heben. »Du musstest es wohl tun.«
Ariac seufzte und fuhr sich durch die schulterlangen Haare.
»Wenn man gegen Scurrs Soldaten kämpft, dann darf man keine Gnade kennen, so wie auch sie keine Gnade erteilen werden. Du darfst nur daran denken, den anderen zu töten, sonst bist du selbst tot.«
Rijana erschütterten die harten Worte. »Wenn du mich damals nicht an der Kette erkannt hättest, dann hättest du mich wohl auch einfach umgebracht, oder?«
Ariac konnte das leider nicht abstreiten.Vorsichtig nahm er die Pfeilspitze an Rijanas Lederband in die Hand.
Dann blickte er sie ernst an und erwiderte: »Hättest du mich nicht an meinen Tätowierungen erkannt, hättest du mich auch getötet.«
Tränen traten in Rijanas blaue Augen, denn sie wusste, dass er Recht hatte. Dann nahm sie Ariacs Hand und fragte mit zittriger Stimme: »Was haben sie nur aus uns gemacht?«
Ariac nahm sie wortlos in den Arm und streichelte ihr über die langen, seidigen Haare.
 
Am nächsten Morgen erhob sich erneut ein starker Westwind. Die beiden packten ihre Sachen zusammen und sattelten ihre Pferde. Sie vermieden bewusst den Blick auf die toten Soldaten am Ufer des Sees. In raschem Trab ritten sie weiter über die Steppe. Am Ende des Tages hatten sie den Myrensee hinter sich gelassen. Mit dem Wind galoppierten sie nach Osten über das zunehmend trockenere Gras. So ging es weitere drei Tage. Es gab immer weniger Wasser, aber Ariac kannte sich gut aus. Er fand die Stellen, wo man graben musste, um eine Wasserader zu finden.
Dann, eines Morgens, sah man in der Ferne, versteckt in einer kleinen Senke, eine Ansammlung von Zelten, die sich beinahe perfekt der Umgebung anpassten. Ariac zügelte seinen Hengst hart und kniff die Augen zusammen.
»Wer ist das?«, fragte Rijana vorsichtig.
»Der Wolfsclan«, antwortete Ariac knapp.
»Und, sind sie gefährlich?«
Ariac schüttelte den Kopf. »Nein, es sind Freunde der Arrowann.«
Rijana konnte verstehen, dass Ariac zögerte. Jetzt würde sich herausstellen, ob seine Familie noch lebte oder tot war.
Schließlich atmete er einmal tief durch und trieb sein Pferd an. Rijana folgte ihm. Sie trabten einen kleinen Abhang hinunter, einen Hügel hinauf, und schon stellte sich ihnen, wie aus dem Nichts, eine Gruppe von fünfzehn Männern in den Weg. Sie waren mit Bögen und Speeren bewaffnet und hatten auffällige Tätowierungen.
Ariac hob beide Hände. »Ich bin Ariac, Sohn von Rudgarr, dem Oberhaupt der Arrowann«, sagte er laut und deutlich. »Wir kommen in friedlicher Absicht.«
Sofort senkten alle Krieger ihre Waffen und blickten Ariac mit einer Mischung aus Unglauben und Neugier an. Sicher, dieser junge Mann hier war einer von ihnen, aber er hatte kürzere Haare und kaum Tätowierungen. Auf der anderen Seite hatten alle von der Geschichte gehört, dass der Sohn des Oberhauptes der Arrowann nach Camasann auf die Insel der Zauberer gebracht worden war.
»Wer ist das Mädchen?«, fragte ein Mann mit dunkler Haut und Tätowierungen im Gesicht und auf den Armen.
Rijana blickte ihn fasziniert an. Außer Ariac hatte sie noch keinen Steppenmann gesehen, und die Tätowierungen erschreckten sie ein wenig.
»Rijana«, sagte Ariac kurz angebunden und warf dabei einen wilden Blick in die Runde. »Sie steht unter meinem Schutz.«
»Mein Name ist Nelos«, sagte der Mann und bedeutete Rijana und Ariac, mit ihm zu kommen. Die Steppenkrieger musterten Ariac mehr als neugierig, dem unter ihren Blicken ziemlich unbehaglich zumute wurde.
Schließlich kamen sie beim größten der Zelte an. Ariac stieg mit zitternden Beinen von seinem Pferd, das von allen Frauen und Männern bewundernd gemustert wurde. Rijana folgte ihm in das große, mit Fellen ausgelegte Zelt, in dem ein älterer Mann mit hüftlangen, grauen Haaren am Feuer saß.
»Das ist Ariac, der Sohn von Rudgarr, vom Clan der Arrowann«, erklärte Nelos.
Der alte Mann stand auf und hob überrascht die Augenbrauen. Auch er war im ganzen Gesicht tätowiert.
»Ariac von den Arrowann«, murmelte er und bedeutete Ariac und Rijana, sich hinzusetzen. »Ich bin Krommos.«
Ariac kannte den alten Mann schon, seitdem er ein kleiner Junge war.
»Es wird dich freuen, dass deine Schwester mit meinem Sohn verheiratet ist«, sagte Krommos und bot den beiden etwas zu trinken an.
»Meine Schwester?«, fragte Ariac atemlos, und aus seinem Gesicht wich jegliche Farbe. »Ist sie nicht tot?«
»Nein, warum sollte sie das?«
»Sind … sind die Arrowann nicht ausgelöscht worden?«, fragte Ariac mit zitternder Stimme.
Krommos schüttelte den Kopf. »Nein, die Arrowann nicht. Unter dem Seeclan und den Falcanen haben Scurrs Soldaten übel gewütet, aber die Arrowann haben sich immer gut versteckt gehalten ebenso wie wir.«
In Ariacs Kopf drehte sich alles. Er stützte das Gesicht in die Hände und konnte gar nicht glauben, was er da gehört hatte. Rijana nahm ihn vorsichtig am Arm und lächelte ihm aufmunternd zu.
»Siehst du, ich habe die Wahrheit gesagt.«
Er hob den Kopf und nickte zögernd.
»Und wer bist du, mein Kind?«, fragte der alte Clanführer freundlich.
Rijana wich unwillkürlich ein wenig zurück. »Rijana, ich komme aus Camasann«, antwortete sie mit unsicherer Stimme.
»Dann seid ihr wohl gemeinsam ausgebildet worden«, vermutete der alte Mann.
Ariac schüttelte den Kopf und murmelte: »Nicht ganz.«
Der Clanführer wollte wohl noch etwas fragen, doch da wurde das Zelt aufgerissen, und eine hochgewachsene, sehr hübsche junge Frau mit rabenschwarzen Haaren und Tätowierungen an den bloßen Armen kam hereingestürzt.
»Ariac?«, rief sie mit überschlagender Stimme. »Bist du’s wirklich?«
Er war bereits aufgesprungen, sodass sich seine Schwester ihm nun an den Hals warf. Sie lachte und weinte gleichzeitig.
Ariac hielt sie ein Stück von sich weg und betrachtete sie genau. »Lynn?«, fragte er unsicher.
Sie nickte unter Tränen. »Du bist wirklich zurückgekommen!«
Lynn war nun eine erwachsene Frau, drei Jahre älter als er selbst. Er konnte es kaum fassen.
»Du meine Güte«, sagte sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Jetzt ist doch tatsächlich aus diesem dürren und ungelenken Jungen ein gutaussehender, erwachsener Mann geworden«, sagte sie mit in die Hüften gestützten Händen. Das war wieder die Lynn, die er gekannt hatte.
Zum ersten Mal, seitdem Ariac bei König Scurr gelandet war, konnte er wieder aus tiefstem Herzen lachen. Seine freche Schwester hatte sich nicht geändert.
Dann blieb Lynns Blick an seinen Haaren hängen. »Was ist denn mit deinen Haaren passiert?«
Ariacs Gesicht verfinsterte sich wieder. »Das ist eine lange Geschichte.«
Lynn bemerkte erst jetzt Rijana, die etwas verlegen auf den Fellen saß.
»Und wen hast du da mitgebracht?«, fragte Lynn und sah Rijana neugierig an. »Sie ist ziemlich hübsch, auch wenn sie nicht vom Steppenvolk ist.«
Rijana lief knallrot an und biss sich auf die Lippen.
»Sie heißt Rijana«, sagte Ariac mit einem angedeuteten Lächeln, »und kommt aus Camasann.«
Rijana stand unsicher auf und wurde von Lynn sofort stürmisch umarmt.
»Ariacs Freunde sind auch meine Freunde«, sagte sie herzlich. »Kommt, ich stelle euch meinen Mann vor.« Sie grinste. »Und eine Nichte und einen Neffen hast du auch schon, Ariac.«
Überrascht schaute er sie an und gratulierte ihr dann. Vor sich hin schwatzend führte Lynn die beiden zu einem etwas kleineren Zelt, vor dem ein kleiner Junge von vielleicht drei Jahren und ein noch etwas jüngeres Mädchen im Sand spielten.
Als Ariac sich zu den beiden herunterbeugte, traten ihm Tränen in die Augen. Auch Lynn beugte sich hinab. »Seht mal, das ist euer Onkel. Ich hätte es nie gedacht, aber aus ihm ist tatsächlich ein Krieger geworden.«
Ariac lächelte halbherzig, und das kleine Mädchen kletterte sogleich auf seinen Schoß und begann, an seinen Haaren herumzuziehen.
»Wie ist es dir auf der Insel ergangen?«, fragte Lynn.
»Ich war nicht …«, begann Ariac, doch da sprang Lynn schon wieder auf. Ein Mann mit einem dunkelbraunen Pferd kam ins Lager galoppiert und stieg geschmeidig aus dem Sattel. Offensichtlich hatte er eine gute Jagd hinter sich, denn an seinem Sattel hingen mehrere Hühner und ein Reh. Lynn warf sich ihm um den Hals und zog ihn vor das Zelt.
»Das ist Narinn«, sagte Lynn und lächelte zu ihrem Mann auf.
Er war etwas größer als sie, gutaussehend mit den typischen Tätowierungen.
»Und das ist mein Bruder Ariac.«
Narinn war kurz überrascht und fasste Ariac dann nach der Art der Steppenleute zum Gruß an der Schulter.
»Willkommen, ich habe schon einiges über dich gehört«, sagte er mit einer angenehmen Stimme. Er blickte stolz auf seine beiden Kinder, die sich an sein Bein hängten. »Und unseren Nachwuchs hast du ja bereits kennen gelernt.«
Ariac nickte, dann ging Narinn schwingenden Schrittes zu Rijana und begrüßte auch sie freundlich. Langsam entspannte diese sich ein wenig. Diese tätowierten, hochgewachsenen Männer wirkten zwar auf den ersten Blick furchteinflößend, aber sie waren bisher alle sehr nett zu ihr gewesen.
»Unsere Eltern«, sagte Ariac plötzlich, »wo sind sie? Man hat mir gesagt, die Arrowann wären alle getötet worden.«
Lynn und Narinn blickten sich verwirrt an. »Nein, sie lagern vielleicht zwei Tagesritte von hier.«
Lynns Augen begannen zu glänzen. »Wenn du willst, können wir hinreiten. Ich war schon lange nicht mehr fort.«
Narinn seufzte genervt. »Lange nicht mehr fort? Erst im letzten Mond warst du beinahe zehn Tage auf der Jagd.«
Lynn lachte hell auf. »Na und, ich brauch eben meine Freiheit.«
»Deine Schwester ist nicht gerade das, was man eine gefügige Ehefrau nennt«, sagte Narinn zu Ariac und verdrehte dabei die Augen.
Der grinste verständnisvoll. »Wem sagst du das?«
Narinn lachte herzlich und umarmte seine Frau. »Also von mir aus, dann reitet ruhig zu euren Eltern.«
»Wann wollen wir?«, fragte Lynn mit blitzenden Augen.
Ariac warf Rijana einen unsicheren Blick zu. »Wenn du nicht zu müde bist, dann würde ich gerne sofort reiten.«
Sie lächelte beruhigend. »Natürlich, das macht mir nichts aus.«
Lynn war begeistert. »Gut, ich hole mir ein Pferd, und dann kann es losgehen.« Sie rannte davon, und Narinn blickte ihr grinsend hinterher.
»Vielleicht hätte ich doch lieber Leá heiraten sollen.«
Als er Rijanas fragenden Blick sah, erklärte er: »Ihre Zwillingsschwester.«
Die nickte und beobachtete Ariac besorgt, in dessen Gesicht sich widerstrebende Gefühle abzeichneten. Er konnte wohl noch immer nicht glauben, dass seine Familie lebte.
»Wollen wir unsere Pferde holen?«, fragte Rijana vorsichtig.
Ariac stimmte zu, und die beiden gingen zu dem Pferch, wo die Stute und der Hengst standen. Sie sattelten gerade auf, als Lynn auch schon mit einer zotteligen Schimmelstute und den beiden Kindern vor sich auf einem weichen Sattelkissen angaloppiert kam.
»Du meine Güte«, rief sie aus, »ich dachte schon, die anderen würden übertreiben. Diese Pferde sind ja wirklich wunderschön!«
Ariac nickte und streichelte seinem Hengst stolz über den Hals.
»Du willst die Kleinen wirklich auf den langen Ritt mitnehmen?«, fragte Rijana überrascht.
Lynn grinste sie an und nickte. »Natürlich, wir Steppenleute können meist reiten, bevor wir laufen können.«
Rijana hob überrascht die Augenbrauen und staunte, die beiden Kleinen vor Freude jauchzen zu sehen, als Lynn ihr Pferd angaloppieren ließ.
Sie ritten auf die Steppe hinaus. Lynn führte sie zielsicher durch die vielen Hügel und über die Ebenen, die teilweise von hohen Büschen gesäumt waren.
»Wie kommst du eigentlich darauf, dass die Arrowann umgebracht worden wären?«, fragte Lynn am Abend, als sie ein Feuer entzündeten. Es war eine milde, sternenklare Nacht. Die beiden Kleinen schliefen bereits in dicke Felle gewickelt.
Ariac seufzte und blickte mit seinen dunklen Augen ins Feuer.
»Das ist eine lange Geschichte. Ich werde dir alles erzählen, wenn wir bei unseren Eltern sind.«
Lynn nickte zögernd. Normalerweise hätte sie nicht so leicht lockergelassen, aber ihr Bruder wirkte zu fremd, so hart und verschlossen. So kannte sie Ariac gar nicht.
»Wie geht es denn unseren Eltern und Leá?«, fragte er nach einer Weile.
Lynn seufzte. »Leá geht es nicht so gut. Sie war einem Krieger von den nördlichen Steppen versprochen, aber er wurde bei einem Jagdunfall getötet.«
»Das tut mir leid«, sagte Ariac aufrichtig.
»Es ist schon vier Jahre her, aber sie wollte seitdem keinen anderen Mann mehr. Aber unsere Eltern … na ja,« Lynn lächelte bereits wieder, »die haben wohl eine Überraschung für dich.«
Ariac sah sie fragend an, aber Lynn wollte nichts mehr sagen.
Irgendwie kam sich Rijana plötzlich ein wenig ausgeschlossen vor. Sicher, Lynn war nett, aber sie befand sich in einer ganz anderen Welt, in der sie sich nicht auskannte. Aber es ist sicherlich nicht die schlechteste Welt, dachte sie, bevor sie einschlief.
Der nächste Tag brachte wieder stürmisches Wetter. Den ganzen Tag zogen die drei Reiter über die menschenleeren Ebenen. Auch Lynns Kinder zogen inzwischen den Kopf ein und versteckten sich unter ihren Kapuzen.
»Es ist merkwürdig mit dem Wetter in den letzten Jahren«, rief Lynn gegen den heftigen Wind an.
Ariac und Rijana blickten sich an, sie dachten wohl beide an die Elfen. Es war bereits kurz vor der Abenddämmerung, als sie in einer schmalen, grasbewachsenen Senke Zelte stehen sahen.
Ariac war mulmig zumute. Jetzt, nach zehn Jahren, würde er seine Eltern wiedersehen. Rijana lächelte ihm aufmunternd zu, als Lynn mit ihren Kindern bereits auf das Lager zugaloppierte. Sie rief den Wachen etwas entgegen, und nur wenig später standen Ariacs Eltern sprachlos vor den Zelten.
Ariac hielt seinen Hengst vor ihnen an und brachte selbst keinen Ton heraus. Schließlich stieg er ab und wurde sogleich von seiner Mutter umarmt. Auch sein Vater nahm ihn in den Arm.
»Du meine Güte, ich hätte nicht gedacht, dass wir dich noch einmal wiedersehen«, sagte Rudgarr mit zitternder Stimme.
Ariac betrachtete seine Eltern genau. Sie waren ein wenig älter geworden, aber so sehr hatten sie sich nicht verändert. Hinter ihnen tauchte plötzlich ein kleiner Junge mit dunklen Augen auf, der ihn neugierig musterte. Lynn nahm ihn grinsend an der Hand und sagte: »Sieh mal, Ruric, das ist dein älterer Bruder.«
»Du bist Ariac?«, fragte der Kleine mit großen Augen.
Ariac nickte und blickte seine Eltern verwirrt an.
»Im Sommer, nachdem du nach Camasann gegangen bist, haben wir noch ein Kind bekommen«, erklärte seine Mutter. Thyra »Ich wusste damals noch gar nicht, dass ich schwanger war.«
Ariac lächelte halbherzig. Camasann, dachte er, das wäre schön gewesen.
Zu seinen Eltern sagte er: »Das freut mich, dann kann er der neue Anführer der Arrowann werden.«
»Du kannst also nicht bleiben?«, fragte seine Mutter traurig.
Ariac schüttelte den Kopf und umarmte seinen kleinen Bruder zärtlich.
»Du wirst ein wunderbarer Anführer werden.«
Ruric nickte begeistert. »Willst du mal mein Pferd sehen, Ariac?«
Ariac nickte lächelnd, und sein kleiner Bruder zog ihn mit zu der Pferdeherde, die nicht weit entfernt graste.
Der Blick von Thyra und Rudgarr fiel nun auf Rijana, die verlegen neben ihrer Stute stand.
Lynn kam zu ihr. »Und das ist Rijana, sie war mit Ariac zusammen auf Camasann«, erklärte sie ihren Eltern und lächelte dabei freundlich.
Rijana, die den Irrtum nicht aufklären wollte, begrüßte Ariacs Eltern ein wenig unsicher. Aber Rudgarr nahm sie gleich in den Arm.
»Wenn es auf Camasann noch mehr solch hübsche Mädchen gibt, dann wundert es mich nicht, dass er so lange nicht nach Hause gekommen ist«, sagte er mit einem Lächeln, das seine wilden Tätowierungen viel weniger bedrohlich wirken ließ.
Thyra verpasste ihrem Mann einen Seitenhieb. »Willkommen Rijana, komm, setz dich mit ans Feuer. Du bist sicher hungrig.«
»Kann ich Lenya irgendwo unterbringen?«, fragte sie mit einem Blick auf die Stute.
Lynn nahm die Zügel. »Ich bringe sie zu den anderen Pferden.«
Nun folgte Rijana Ariacs Eltern zu dem großen Kochfeuer, wo schon eine Menge Arrowann saßen. Alle musterten Rijana neugierig, aber sehr freundlich. Beim Steppenvolk gab es kaum Frauen mit so hellbraunem Haar, wie Rijana es hatte. Aber zu ihrer eigenen Verwunderung waren die Blicke ihr nicht einmal sonderlich unangenehm.
Als sie eine Zeit lang beisammengesessen hatten, Lynn war inzwischen auch wieder zu ihnen gestoßen, näherte sich eine schlanke Gestalt dem Feuer. Sofort sprang Lynn auf und umarmte sie. Die Zwillinge kamen nun näher. Sie sahen sich wirklich unheimlich ähnlich, nur dass Leá etwas schmaler im Gesicht war und ernster wirkte als ihre Schwester.
»Wo ist Ariac?«, fragte Leá aufgeregt.
»Ruric zeigt ihm gerade sein Pferd. Ich befürchte, er muss es reiten«, erklärte Thyra mit einem Seufzen.
Auf Leás Gesicht zeichnete sich ein Grinsen ab. »Seit er im letzten Herbst ein Pferd bekommen hat, muss er ständig jedem zeigen, was er ihm beigebracht hat«, erzählte Leá ihrer Schwester.
Dann ging Leá zu Rijana und begrüßte auch sie. Sie musterte das hübsche Mädchen eingehend und setzte sich neben sie.
»Wart ihr schon auf Camasann Freunde?«, fragte sie nach dem Essen.
»Wir haben uns auf der Reise dorthin kennen gelernt«, antwortete Rijana ausweichend.
Leá blickte sie durchdringend an, und Rijana wurde den Eindruck nicht los, dass Leá genau wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Doch in dem Augenblick kam Ariac zum Glück zurück. Rijana hatte ihn noch nie so gelöst und fröhlich gesehen. Sein kleiner Bruder erzählte ihm scheinbar gerade etwas, und Ariac lachte herzlich. Langsam konnte Rijana sich vorstellen, wie er gewesen war, als er noch bei seinen Leuten gelebt hatte. Er begrüßte nun auch seine zweite Schwester und setzte sich neben sie und Rijana. Auch Ariac bekam von dem frisch gebratenen Fleisch und dem Fladenbrot zu essen. Zur Nachspeise gab es Früchte. Alle bestürmten ihn mit Fragen, doch Ariac blieb sehr einsilbig und antwortete nur ausweichend.
»Nun erzähl uns doch von Camasann«, verlangte Halran, einer der älteren Jäger, und auch die anderen nickten auffordernd. Das Steppenvolk liebte Geschichten am Lagerfeuer.
Ariac verschlug es die Sprache, und sein Gesicht war blass geworden.
Rijana packte Ariac beruhigend am Arm. »Ariac hat schon so viel erzählt, wenn es euch nichts ausmacht, dann werde ich etwas von der Insel berichten.«
Nun blickten alle zu ihr und nickten begeistert. Kaum einer vom Steppenvolk kam jemals in die anderen Länder.
Rijana erzählte von der sturmumtosten Insel, von den langen Sandstränden, dem riesigen Schloss und den grünen Weiden. Sie berichtete von ihrer Ausbildung im Reiten, Schwertkampf und den teilweise sehr ermüdenden Lehrstunden von Zauberer Tomis. Alle lachten, als Rijana die schnarrende Stimme des kleinen Zauberers nachmachte.
»Rudrinn, du verdammter Pirat, du wirst es nie fertigbringen, einen anständigen Brief zu schreiben!«, schnarrte sie.
Lynn wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. »Ariac, dann kannst du ja sogar meinen Kindern das Lesen und Schreiben beibringen.«
Ariac stand ruckartig auf. »Ich bin müde. Habt ihr ein Zelt für uns?«
»Natürlich, entschuldigt«, sagte Thyra lächelnd. »Ihr habt einen langen Ritt hinter euch. Rijana kann in Leás Zelt schlafen, zusammen mit Lynn«, sie lächelte ihrer Tochter zu, »das kann ich wohl ohnehin nicht verhindern.«
Diese legte ihrer Zwillingsschwester lachend einen Arm um die Schulter. »Nein, sie hat mir furchtbar gefehlt.«
»Ariac soll mit bei mir schlafen«, verlangte Ruric entschieden.
»Nun gut, dann wäre das geklärt«, sagte Rudgarr und erhob sich. »Rijana, falls du Wasser brauchst, hinter den Zelten ist eine Wasserstelle.«
Sie nickte und machte sich auf den Weg dorthin. Kurz hinter den Zelten holte Ariac sie atemlos ein und hielt sie am Arm fest.
»Danke«, sagte er.
»Wofür?«
»Dass du nichts verraten hast«, fügte Ariac hinzu, und seine dunklen Augen glänzten. Er rang nach Worten. »Ich kann meinen Eltern nicht sagen, dass ich bei König Scurr war, das würde ihnen das Herz brechen.«
Rijana nickte verständnisvoll. Sie nahm seine Hand und drückte sie.
»Keine Sorge, von mir erfährt niemand etwas.«
»Danke«, sagte er noch einmal und verschwand wie ein Schatten in der Dunkelheit.
Rijana wusch sich das Gesicht und kehrte anschließend zu dem Zelt zurück, in dem Lynn und Leá sich gerade aufgeregt unterhielten. Rijana wurde ein wenig traurig. Sie dachte an Saliah. Ihr hatte sie auch immer alles anvertrauen können. Nachdenklich legte sie sich auf ein paar weiche Felle und war bald darauf eingeschlafen.
 
Am nächsten Morgen kam Rudgarr zu seinem Sohn, der sich gerade an der Wasserstelle wusch.
»Möchtest du mit mir ausreiten?«, fragte er. »Dein Hengst ist wunderschön.«
»Du kannst Nawárr gerne reiten, wenn du möchtest.«
Rudgarr nickte und sattelte den edlen Hengst ehrfurchtsvoll. Die beiden ritten aus dem Lager heraus und stürmten eine Weile über die Ebenen. Dann ließen sie ihre Pferde im Schritt gehen.
»Warum hast du dir die Haare abgeschnitten?«, fragte Rudgarr plötzlich ernst. »Hat man das von euch verlangt?«
Ariac musste schlucken und nickte anschließend. In die Augen konnte er seinem Vater allerdings nicht sehen.
Rudgarr musterte seinen Sohn nachdenklich. Ariac hatte sich sehr verändert, und das nicht nur äußerlich.
»Ist es dir gut ergangen auf Camasann?«, fragte er weiter.
Erneut nickte Ariac. Er wusste nicht, was er sagen sollte.
»Warum bist du nicht früher zurückgekehrt?«
Ariac blickte seinen Vater nun mit einem Anflug von Verzweiflung an.
»Ich bin einer der Sieben und Rijana ebenfalls.«
Rudgarr riss die Augen auf und wusste zunächst nicht, was er sagen sollte.
»Ja … ja aber, warum bist du denn dann nicht bei den anderen?«, fragte er.
Ariac fuhr sich durch die halblangen Haare, die im leichten Steppenwind wehten.
»Ich wurde fälschlicherweise eines Mordes beschuldigt«, sagte er, zumindest jetzt musste er nicht lügen. »Außerdem ging das Gerücht um, dass die Arrowann ausgerottet worden wären, und ich musste mir Gewissheit verschaffen, dass das nicht stimmt.«
Rudgarr blickte seinen Sohn entsetzt an. »Nein, viele Stämme haben Ärger mit Soldaten, aber wir konnten immer entkommen. Aber im Namen von Nawárronn, wie kam denn das Gerücht mit dem Mord zustande?«
Ariac erzählte zögerlich und in Kurzfassung von der Sache mit Rijana und Berater Flanworn.
Rudgarr nickte nachdenklich. »Ich glaube dir. Es wäre in Ordnung gewesen, wenn du den Kerl im Kampf getötet hättest. Aber haben dir deine Freunde nicht geglaubt?«
Ariac senkte den Blick. »Keiner außer Rijana und Brogan, dem Zauberer.«
Rudgarr betrachtete Ariac nachdenklich. »Das Mädchen bedeutet dir viel, nicht wahr?«
Ariac nickte mit gesenktem Kopf.
Sein Vater legte seine Hand auf Ariacs Arm. »Aber du weißt, dass du sie nicht heiraten kannst. Sie ist keine vom Steppenvolk.«
Ariac nickte erneut, dann warf er seinem Vater einen Blick zu, der diesem durch Mark und Bein ging. »Bin ich es denn noch?«
 
Rijana verbrachte den Morgen gemeinsam mit Lynn und Leá. Die beiden waren sehr nett und zeigten ihr die Zelte und ihre Pferde. Allerdings antwortete sie auf die Fragen der Zwillinge über die gemeinsame Zeit von ihr und Ariac auf Camasann erneut nur sehr ausweichend, und Leá bedachte sie wieder mit diesem misstrauischen Blick.
Später kamen Ariac und sein Vater von ihrem Ausritt zurück, und Rijana empfing ihn erleichtert. Sie hoffte, dass er seiner Familie vielleicht doch noch die Sache mit König Scurr gestehen würde, sonst hätten sie wohl bald ernsthafte Probleme damit, immer wieder Ausreden zu finden.
»Eure Pferde sind wirklich wunderschön«, sagte Rudgarr gerade.
Ariac nickte. »Nawárr kann einige eurer Stuten decken, dann habt ihr im nächsten Frühjahr gute Fohlen.«
»Das ist eine wunderbare Idee«, rief Rudgarr begeistert und schlug seinem Sohn auf die Schulter.
Beim gemeinsamen Essen ging es zum Glück hauptsächlich um die geplante Jagd, die in einigen Tagen stattfinden sollte, und die bevorstehende Hochzeit von zwei jungen Männern. Erneut fiel Rijana auf, wie viel gelöster und fröhlicher Ariac hier zwischen seinen eigenen Leuten war.
 
Die Tage vergingen. Rijana und Ariac nahmen an der Jagd auf die scheuen Steppenrehe teil, und für Rijana war es ein wunderbares Erlebnis, in der Gruppe über die Ebene zu stürmen. Sie machten gute Beute, nahmen sich aber nur so viele Tiere, wie benötigt wurden.
Am Abend gab es ein großes Fest zu Ehren von Nawárronn, dem Gott des Sturmes. Der schwere Wein aus den dunklen Trauben des Steppenbusches floss an diesem Tag in Strömen, und Rijana war schon bald total beschwipst. Nur Ariac rührte kaum etwas an und starrte am Abend nachdenklich ins Feuer.
Schließlich kam Leá zu ihm. »Kommst du mit mir?«, fragte sie lächelnd.
Er runzelte die Stirn und nickte. Die beiden gingen im Licht des Mondes ein Stück auf die Steppe hinaus. Ariac sog den klaren, kalten Duft der Steppe ein. Das hatte ihm immer gefehlt. Jetzt im Frühling duftete alles nach Gras und Blumen.
»Es tut mir leid, dass dein Verlobter gestorben ist«, sagte Ariac nach einer Weile.
Leá biss sich auf die Lippe und nickte. »Es tut noch immer weh«, erwiderte sie mit gesenktem Blick, doch dann lächelte sie ihren Bruder an. »Aber Warga hat bei mir ein Talent zum Lesen der Runen entdeckt, außerdem kann ich ganz gut mit Heilkräutern umgehen. Vielleicht werde ich nun eine Kräuterfrau. Obwohl sie immer zu mir sagt, das sei nicht mein Schicksal, denn ich sei zur Kriegerin geboren.«
Ariac blickte seine Schwester nachdenklich an. »Wargas Vorhersagen sind meist sehr treffend.«
»Hat sie dir prophezeit, dass du nach Camasann gehen wirst?«
»So ähnlich«, murmelte Ariac. »Sie sagte, mein Schicksal sei mit dem der Sieben verbunden.«
»Du bist einer von ihnen, nicht wahr?«, fragte Leá leise.
Ariac nickte. »Rijana ebenfalls.«
»Ich habe ihr Schwert gesehen«, sagte Leá lächelnd. »Es ist beeindruckend.«
»Meines ist verschwunden«, fügte Ariac nachdenklich hinzu.
Leá nickte. Plötzlich nahm sie ihren Bruder an der Schulter.
»Was ist los, Ariac? Was ist mit dir geschehen? Du bist so ganz anders als früher. Was bedrückt dich?«
Ariac war zusammengezuckt und kurz davor, die Flucht zu ergreifen. Dann überlegte er es sich jedoch anders.
»Nichts«, sagte er abweisend. »Ich war lange fort.«
Leá lächelte ihn im Mondlicht an. »Das ist es nicht, ich kenne dich.«
Ariac senkte den Kopf. Leá hatte ihn immer gut verstanden. Eine Weile sagte er gar nichts, sodass Leá schon die Hoffnung aufgegeben hatte, etwas aus ihm herauszubekommen. Doch dann begann er leise und kaum verständlich zu reden.
»Ich war niemals auf Camasann.«
Leá blickte überrascht auf, unterbrach ihren Bruder jedoch nicht.
»In dem Frühling, als Brogan, der Zauberer, mich mitgenommen hat, sind wir über die Handelsstraße nach Gronsdale, Errindale und Northfort gezogen.«
Leá hörte gespannt zu.
»In Northfort kam Rijana zu uns.« Ein leichtes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. »Sie war die Einzige, die mich nicht für einen Wilden gehalten hat. Wir sind Freunde geworden.«
Ariac seufzte und legte sich in das weiche Steppengras. Mit offenen Augen blickte er in die Sterne und ließ noch einmal alles vor seinem geistigen Auge ablaufen. Er erzählte seiner Schwester von dem Überfall von Scurrs Soldaten und wie er nach Naravaack gebracht worden war. Und ansatzweise von den vielen furchtbaren Jahren der Ausbildung unter Worran.
Mit jedem Wort war Leá ein wenig bleicher geworden. Sie konnte gar nicht glauben, was Ariac ihr erzählte.
»… aber Leá, du musst mir versprechen, es niemandem zu erzählen. Ich möchte nicht, dass unsere Eltern oder die anderen davon erfahren«, sagte er zum Schluss und blickte sie eindringlich an.
Leá nahm ihn in den Arm und sagte mit erschütterter Stimme: »Du meine Güte, Ariac, wie hast du das denn nur überstanden? Wenn wir das gewusst hätten …«
Er schüttelte den Kopf und unterbrach sie. »Das hätte auch nichts geändert.«
»Wir hätten versucht, dich zu befreien«, sagte sie bestimmt.
Ariac schüttelte erneut den Kopf. »Das wäre euch nicht gelungen. Die Berge von Ursann sind unwirtlich und grausam. Es gibt Orks, Trolle und andere finstere Wesen. Außerdem wird alles von Scurrs Soldaten kontrolliert.«
»Es tut mir so leid für dich«, sagte Leá mit Tränen in den Augen, während sie ihm zärtlich über das Gesicht streichelte.
»Es ist jetzt vorbei!« Aber tief in sich drinnen wusste er, dass es wohl niemals vorbei sein würde.
»Und wie bist du auf Rijana und die anderen getroffen?«
Ariac erzählte seiner Schwester bis tief in die Nacht hinein auch noch den Rest der Geschichte und auch von der falschen Mordanklage. Sie konnte das alles kaum glauben.
»Aber wie soll es denn jetzt weitergehen?«, fragte sie am Schluss.
Ariac zuckte die Achseln. »Das weiß ich nicht, aber jetzt, wo ich gesehen habe, dass ihr noch lebt, weiß ich zumindest, dass ich den anderen trauen kann.« Er verzog den Mund. »Aber sie trauen mir nicht.«
Leá nahm seine Hand. »Du weißt, dass ihr unsere Welt nur zu einem besseren Ort machen könnt, wenn ihr gemeinsam kämpft.«
»Das ist mir klar, und ich weiß auch, dass Rijana ihre Freunde vermisst, selbst wenn sie es nicht sagt.«
»Sie ist sehr hübsch«, meinte Leá lächelnd, und zwei süße Grübchen zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab.
»Ja, aber sie ist keine von uns«, fügte er traurig hinzu.
Leá hob nur die Augenbrauen. »Es gibt immer einen Weg.«
Ariac konnte dem nicht zustimmen, aber er hatte ohnehin keine Ahnung, wie sein Leben weitergehen sollte.
»Komm«, Leá zog ihn auf die Beine, »jetzt bist du erst mal hier bei uns. Ruh dich aus, und denk ausgiebig nach! Wir werden dir helfen, wo wir können.«
»Aber du …«
Leá packte ihn beruhigend an der Schulter. »Keine Angst, kleiner Bruder, ich werde nichts sagen.«
»KLEINER Bruder?«, fragte er belustigt.
Leá musste lachen. Er überragte sie um mehr als einen halben Kopf.»Du wirst immer mein kleiner Bruder bleiben«, sagte sie und verstrubbelte ihm die Haare.
Ariac verzog das Gesicht. »Das war auch Scurrs Werk.«
Leá nickte und sagte ernst: »Aber tief in dir drin, da bist du ein Arrowann geblieben, das hat er dir nicht nehmen können.«
 
Die Tage zogen dahin. Rijana und Ariac genossen die regelmäßige Jagd in der Gruppe. Eines Tages trafen sie auf den Wolfsclan, der gekommen war, um Lynn wieder abzuholen.
Ihr Mann schimpfte scherzhaft, dass man Lynn kaum von ihrer Familie fortbringen konnte. Aber wirklich ernst meinte Narinn das nicht, denn Lynn hatte sich gut im Wolfsclan eingelebt.
Der Frühling ging langsam in den Sommer über. Rijana und Ariac fügten sich in das Leben im Lager der Arrowann ein. Sie wussten beide nicht, wie alles weitergehen sollte, aber es schien ein stilles Einverständnis zwischen ihnen zu bestehen, dass sie eine Weile hierbleiben wollten. Rijana gefiel es immer besser zwischen den Steppenleuten, und häufig fragte sie sich, ob das vielleicht daran lag, dass sie in ihrem früheren Leben eine von ihnen gewesen war. Auf Camasann hatte sie sich wohlgefühlt, aber hier, in der Weite der Steppe, hatte sie das erste Mal das Gefühl, richtig zu Hause zu sein. Alle waren sehr nett zu ihr und behandelten sie überhaupt nicht wie eine Fremde. Die Jäger staunten über ihre Fähigkeit, mit dem Bogen umzugehen, und Ariacs Mutter schenkte ihr sogar den Jagdbogen, den sie selbst als junges Mädchen gehabt hatte. Heute ging Thyra nicht mehr auf die Jagd.
Immer wieder zog der kleine Clan weiter, wenn die Pferde das Gras abgeweidet hatten oder das Wild knapp wurde. Hin und wieder bebte die Erde, aber es schien weit entfernt zu sein. Auch die Stürme waren nicht mehr so bedrohlich.
Da alle gemerkt hatten, dass Ariac nicht gerne von Camasann oder den anderen der Sieben redete, ließen sie ihn in Ruhe. Mit der Zeit wurde er etwas entspannter, und Rijana stellte erleichtert fest, dass er jetzt auch immer häufiger lachte und sich wohlzufühlen schien. So musste er früher gewesen sein, als er ein Junge gewesen war.
Rijana musste sich eingestehen, dass sie sich noch viel mehr in ihn verliebt hatte, aber irgendwie war er noch immer auffällig zurückhaltend zu ihr.
 
Es wurde Hochsommer, und die Arrowann zogen weiter nach Norden, wo es mehrere kleine Bäche gab und der Wind aus den Bergen Kühlung brachte. Von Scurrs Soldaten sah man zum Glück weit und breit nichts. Es war eine Reise, die den ganzen zweiten Sommermond in Anspruch nahm, da viele Kinder und Alte mit unterwegs waren.
Rijana ritt mit Ariac zusammen an der Spitze. Er trug nun wieder die helle Lederkleidung der Arrowann, und seine Haare waren noch länger geworden. Sein Gesicht wirkte entspannt, so wie er es in den warmen Sommerwind hielt. Auch Rijana war so glücklich wie selten in ihrem Leben.
Lynn und ihre Kinder waren nun wieder zum Wolfsclan zurückgekehrt. Sie würden sich wohl erst wieder zum Herbstfest sehen. Mit Leá hatte Rijana sich angefreundet, und auch die anderen Arrowann mochte sie wirklich gerne. Ariacs kleiner Bruder war immer ganz begeistert, wenn sie ihn auf ihrer Stute reiten ließ.
Die Steppenleute hatten gerade ihre Zelte neben einem kleinen Bachlauf aufgebaut, als eine gebeugte Gestalt langsam näher kam.
Rijana lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie wusste nicht warum, aber ihr wurde unheimlich zumute.
Leá, die gerade mit ihr zusammen die letzten Zeltschnüre gespannt hatte, winkte freudig mit der Hand.
»Wer ist das?«, fragte Rijana.
»Das ist Warga.«
»Die Hexe?«, fragte Rijana gespannt.
Leá nickte. »Komm mit, du brauchst keine Angst vor ihr zu haben.«
Rijana folgte ihr zögerlich. »Ist sie nicht immer bei den Arrowann?«
Leá schüttelte den Kopf. »Nein, sie hat keinen eigenen Clan. Sie zieht umher und verbringt mal hier, mal dort ein paar Monde.«
Bald hatten sie die uralte, gebeugte Frau mit der runzligen Haut erreicht. Lange, dünne weiße Haare hingen ihr ins Gesicht. Rijana wich unwillkürlich zurück, als Wargas stechend blaue Augen sie trafen, aber Leá nahm sie beruhigend an der Hand.
»Das ist Rijana, sie ist mit Ariac hergekommen«, erklärte sie, zu der Alten gewandt.
Die nickte bedächtig und nahm Rijanas Gesicht in ihre knorrigen Hände.
»Sie war einmal eine von uns.«
Rijana stolperte nach hinten. Woher wusste die alte Hexe das?
Auch Leá sah überrascht aus, denn Rijana hatte ihr davon nichts erzählt.
»Du bist unhöflich geworden, Leá«, schimpfte Warga. »Du solltest einer alten Frau zunächst etwas zu trinken anbieten.«
Leá lachte leise und ging voran zu den Zelten. Ariac hatte gerade ein Steppenreh gehäutet und sprang auf, als er Warga heranhumpeln sah. Die blickte ihn mit ihren durchdringenden Augen an, sagte jedoch nichts und setzte sich ans Feuer. Sofort liefen einige der jüngeren Frauen los und holten Warga frischen Kräutertee.
Die alte Frau erzählte von ihrer Zeit bei den verschiedenen Stämmen und was es für Neuigkeiten aus der Steppe gab.
»… die Stämme, die in der Nähe der Handelsstraße unterwegs waren, hatten in diesem Frühling schwer zu kämpfen. Immer wieder wurden sie von Soldaten in blau-weißer Kleidung aufgespürt und angegriffen. Der Myren-Clan wurde beinahe vollständig ausgelöscht.«
»Es waren keine Krieger aus Camasann«, stellte Ariac richtig. »Das ist nur eine List von Scurr, seine Leute haben sich verkleidet. Eines Tages werden Scurr und Worran dafür bezahlen«, knurrte er, und Rijana blickte ihn nachdenklich an.
»Immer wieder fragen sie nach dem Clan der Arrowann«, fuhr Warga fort. »Ihr müsst gut Acht geben, haltet euch versteckt und kommt nicht in die Nähe der Straße!«
Nun brachen heftige Diskussionen aus, denn eigentlich wollten die Arrowann im Herbst Handel treiben, aber das war in der gegebenen Situation wohl zu gefährlich. Sie würden diesen Winter wohl ohne Reis, Mehl und andere Annehmlichkeiten auskommen müssen.
Später kam Leá zu Ariac und bedeutete ihm, mit ihr zu kommen. Er folgte ihr hinter eines der Zelte.
»Du solltest mit Warga reden, vielleicht kann sie dir helfen.«
Ariacs Gesicht verfinsterte sich. »Nein, sie hat mit ihrer Vorhersage schon genügend Unheil angerichtet.«
Leá nahm seine Hand. »Es ist nicht ihre Schuld gewesen. Warga sieht nur die Dinge, so wie sie sind.« Leá blickte ihn eindringlich an. »Ich könnte dir zwar auch die Runen legen, aber ich kann sie noch nicht so gut deuten.«
Ariac schüttelte entschieden den Kopf. Leá hatte es ihm schon einige Male angeboten, aber er hatte immer abgelehnt.
Leá seufzte. »Überleg es dir!«
In den folgenden Tagen ging Ariac der alten Frau jedoch so gut es ging aus dem Weg. Ihre stechend blauen Augen verfolgten ihn allerdings bis in seine Träume.
 
Rijana dagegen begleitete Leá häufig zu der alten Warga, die ihnen immer wieder etwas Neues zu zeigen wusste. Sie belehrte sie über Kräuter und deren Wirkung gegen verschiedenste Beschwerden, unterwies Leá weiterhin im Werfen der Runen und erzählte viele Geschichten über die Stämme der Steppe. Eines Tages saß Rijana mal wieder in der warmen Sommersonne vor ihrem Zelt. Sie half Warga, die gerade im Zelt war, die Wurzel einer Steppenblume zu zermahlen. Diese sollte gegen Zahnschmerzen helfen. Leá war gerade unterwegs und behandelte ein krankes Pferd.
Gerade kam Ariac mit einigen anderen Arrowann von der Jagd zurück. Sein Gesicht wirkte glücklich und entspannt. Er winkte Rijana freudig zu, als er sie sah. Doch dann kam Warga aus dem Zelt, und sein Gesicht verfinsterte sich. Er wendete Nawárr rasch und ritt davon.
Rijana seufzte und wandte sich wieder der Pflanze zu.
»Ariac liebt dich«, sagte Warga plötzlich mit ihrer krächzenden Stimme.
Rijana zuckte zusammen und lief knallrot an.
»Ich weiß nicht«, murmelte sie.
Doch die alte Frau nickte. »Das sieht doch jeder. Weißt du, warum er so zurückhaltend ist?«
Rijana zuckte erneut die Achseln.
Warga zeigte ein zahnloses Lächeln. »Den Steppenleuten ist es nur erlaubt, eine der ihren zu heiraten.«
Rijana blickte überrascht auf, das hatte sie nicht gewusst.
»Wie alt bist du, mein Kind?«
»Ich bin im dritten Frühlingsmond geboren, also achtzehn Jahre alt.«
Warga nickte. »Dann bist du ohnehin noch ein wenig zu jung. Erst mit neunzehn könnte er dich zur Frau nehmen.«
»Das kann er doch ohnehin nicht«, sagte sie traurig und schluckte mühsam die aufsteigenden Tränen hinunter.
Wargas knorrige Hand packte sie am Unterarm. »Du bist eine der Sieben, hat Leá gesagt, und in deinem früheren Leben warst du ein Mädchen aus der Steppe.«
»Aber in diesem Leben nicht«, erwiderte Rijana betrübt.
»Fühlst du dich hier wohl?«, fragte Warga ernst.
Rijana nickte und antwortete ehrlich: »Ich habe mich nie wohler gefühlt.«
Die alte Hexe war mit der Antwort zufrieden. »Dann könntest du eine von uns werden, wenn du das möchtest.«
Rijanas Kopf fuhr nach oben. »Wie denn das?«, fragte sie atemlos.
»Du müsstest dich mit unseren Bräuchen und Sitten einverstanden erklären. Aber ich denke, dass das für dich kein Problem wäre.« Warga grinste. »Du bist bereits eine Kriegerin. Ich habe dich Bogenschießen gesehen, das war beeindruckend.«
Rijana lief erneut rot an. Lob machte sie immer verlegen.
»Steppenleute leben im Einklang mit der Natur. Wir bemühen uns, nichts zum Schaden unserer Mitmenschen zu tun, und kämpfen nur dann, wenn jemand unsere Existenz oder unsere Familie bedroht.«
Rijana nickte. »Das ist auch meine Einstellung. Obwohl -«, sie dachte kurz nach, »ich habe für König Greedeon gekämpft, und ich weiß nicht, ob das richtig war.«
Warga lächelte. »Du bist noch sehr jung, und auch Ariac wird bereits gekämpft haben, auch wenn er von dessen Nutzen nicht überzeugt war. Aber nun könnt ihr euer Leben ändern.«
»Was müsste ich noch tun?«
»Du müsstest drei Tage fasten, allein auf die Ebene hinausreiten und anschließend deine Vision erhalten. Dann kommst du zurück und wirst tätowiert.«
Rijana zuckte zusammen. Sie hatte sich mittlerweile an den Anblick des ungewöhnlichen Körperschmucks gewöhnt, aber selbst fremde Schriftzeichen auf der Haut zu haben, das fand sie doch noch ein wenig erschreckend.
Warga nahm ihre Hand. »Du musst es nicht tun, es ist eine Entscheidung, die du in deinem Herzen treffen musst. Ariac war lange fort. Sicher, er wird immer ein Arrowann bleiben, aber nun gehört er auch zu einer anderen Welt.«
Rijana schluckte. »Ich werde darüber nachdenken.«
Warga klopfte ihr zufrieden auf die Schulter. »Tu das, mein Kind, tu das.«
 
Auch Ariac redete einige Tage später mit seinem Vater. Er fragte, ob er nun, wo er wieder zurück war, die restlichen Tätowierungen erhalten würde, die ihn zum Krieger machten.
»Ariac, du bist bereits ein Krieger«, meinte Rudgarr zögernd. »Wenn auch auf eine andere Art als wir übrigen.«
Daraufhin warf Ariac sein Schwert fort. »Ich bin wieder hier. Ich brauche das nicht mehr.«
Rudgarr nahm ihn beruhigend am Arm. »Es wird immer ein Teil von dir sein, und eines Tages wirst du dich deinem Schicksal stellen müssen.«
»Mein Schicksal«, Ariac schnaubte und blickte auf die weite Steppe hinaus, die in der Sommerhitze flirrte. »Willst du, dass ich gehe?«
»Nein, natürlich nicht«, antwortete Rudgarr entschieden. »Aber, Ariac, du bist einer der Sieben. Eines Tages werdet ihr gemeinsam kämpfen müssen.« Ariacs Gesicht wurde immer abweisender. »Und wegen der Tätowierungen, geh zu Warga, sie wird wissen, was das Richtige ist.«
Ariac schnaubte und lief wütend davon zu den Pferden. Ohne Sattel schwang er sich auf seinen Hengst und preschte auf die Steppe hinaus.
 
Rijana saß währenddessen nachdenklich am Bach und spielte mit einer Hand im Wasser. Die letzten Tage über hatte sie beinahe ununterbrochen über das nachgedacht, was Warga ihr vorgeschlagen hatte, aber sie konnte sich einfach nicht entscheiden.
Leá kam dazu und setzte sich lächelnd neben sie. Sie zog ihre halbhohen Wildlederstiefel aus. Mit einem erleichterten Seufzen ließ sie ihre Füße in das klare, kalte Wasser gleiten.
»Was ist denn los?«, fragte sie. »Du bist in den letzten Tagen so nachdenklich. Ariac hat mich auch schon gefragt, ob ich weiß, was mit dir ist.«
Rijana errötete ein wenig. Tatsächlich war sie ihm aus dem Weg gegangen.
»Ich weiß nicht …«, begann sie zögernd, dann fasste sie sich ein Herz. »Versprichst du mir, nichts zu verraten?«
»Natürlich, ich kann schweigen.«
Rijana zögerte noch immer und rang ganz offensichtlich nach Worten. »Warga hat mir einen Vorschlag gemacht.«
Leá nickte ihr aufmunternd zu.
»Sie … sie meinte, ich könnte … ich meine, ich weiß ja gar nicht, ob Ariac das überhaupt will …«
Leá lachte leise auf. »Tut mir leid, aber ich verstehe nicht.«
Rijana senkte den Blick, und ihre langen hellbraunen Haare fielen ihr vors Gesicht. »Warga meinte, ich könnte eine von euch werden, falls ich das wollte, weil Steppenmänner doch keine anderen Frauen …«
Leá runzelte die Stirn und dachte nach. Sie hatte an so etwas noch gar nicht gedacht, aber Warga hatte Recht.Vor vielen hundert Jahren war einmal eine junge Frau aus Errindale zu den Arrowann gekommen und war eine von ihnen geworden.
Leá nahm Rijanas Hand. »Das wäre ja wunderbar, dann könnte Ariac dich heiraten. Es würde mich sehr freuen.«
»Aber ich weiß doch gar nicht, ob er das will«, erwiderte sie weinerlich und schielte verlegen unter ihren Haaren hervor. »Und ich möchte ihn auch nicht unter Druck setzen.«
Leá nickte und dachte kurz nach. »Das kann ich verstehen. Aber ich bin mir sicher, dass er dich sehr gerne hat.«
Rijana zuckte die Achseln und machte ein unschlüssiges Gesicht.
»Natürlich«, sagte Leá nachdrücklich. Dann wurde sie ernst. »Aber es geht auch nicht allein darum, ob Ariac dich heiraten will oder nicht. Die Entscheidung, eine Arrowann zu werden, muss aus einem tiefen Wunsch heraus kommen.«
Rijana blickte auf und dachte kurz nach. »Ich habe mich niemals wohler gefühlt als hier bei euch. Ich habe mich immer danach gesehnt, endlich mein richtiges Zuhause zu finden, und ich denke, dass ich es nun gefunden habe. Ich fühle eine tiefe Verbindung zu den Menschen hier.«
»Das ist schön«, sagte Leá mit einem aufrechten Lächeln.
Rijana zögerte kurz, dann sagte sie stockend: »Ich, ich habe es nie erzählt, aber ich war in meinem letzten Leben wohl Nariwa, und die kam aus der Steppe.«
»Na, dann ist es umso verständlicher, dass du dich hier wohlfühlst«, sagte Leá, blickte sie ernst an und fuhr fort: »Wenn du eine Arrowann werden möchtest, dann kannst du das, auch ohne es Ariac sofort sagen zu müssen.« Sie krempelte ihre lange erdfarbene Bluse hoch. »Wir Frauen haben es einfacher, denn wir können unsere Tätowierungen verstecken.« Leá zwinkerte ihr zu. »Und wenn mein kleiner Bruder eines Tages den Mut aufbringen sollte, dich heiraten zu wollen, dann werdet ihr keine Probleme bekommen.«
Rijana lächelte nun erleichtert. Jetzt wusste sie, dass sie wirklich eine Arrowann werden wollte. Es hatte sie nur gestört, dass Ariac denken könnte, sie würde es nur für ihn tun. Sie umarmte Leá stürmisch. »Vielen Dank, du bist wirklich eine gute Freundin.«
»Gut, kann ich Warga dann Bescheid geben?«, fragte Leá leise lachend.
»Aber Ariac, er wird merken, wenn ich fort bin«, wandte Rijana ein.
Lea schüttelte den Kopf. »Ich werde ihm sagen, dass wir gemeinsam fortreiten und Kräuter sammeln, dann merkt er nichts. Ich werde an einer bestimmten Stelle auf dich warten. Wenn du deine Vision hattest, kommst du zu mir, und Warga wird dir die Tätowierungen machen.«
Rijana nickte dankbar. Jetzt war sie sich sicher, dass es die richtige Entscheidung war.
 
Am Abend, als alle gemeinsam aßen, erzählte Leá von dem gemeinsamen Ausflug zum Kräutersammeln.
Ariac, der neben Rijana saß, musterte sie ein wenig besorgt. »Aber seid vorsichtig, und pass auf sie auf, Leá!«
Die lachte leise auf. »Rijana hatte mit Sicherheit eine sehr viel bessere Ausbildung als ich. Wahrscheinlicher ist, dass Rijana auf mich aufpassen wird.«
Die grinste zustimmend, aber Ariac sah nicht sehr überzeugt aus. »Nehmt doch bitte zumindest einen der Jäger mit. Nicht, dass Scurrs Soldaten …«
Rijana hielt erschrocken die Luft an, am Ende würde ihr ganzer schöner Plan zerstört werden.
Aber Leá beruhigte ihren Bruder. »Es sind weit und breit keine Soldaten in der Nähe, und wir gehen nicht sehr weit fort, keine Angst.«
Ariac runzelte die Stirn. »Gut«, sagte er schließlich. »Aber seid vorsichtig!«
Rijana und Leá versicherten es ihm. Als sie am Morgen fortreiten wollten, nahm Ariac Rijana beiseite.
»Pass gut auf dich auf, und komm bald zurück!«
»Und du sei vorsichtig bei der Jagd«, verlangte Rijana.
»Nimm du Nawárr«, sagte Ariac plötzlich zu seiner Schwester. »Falls ihr in Schwierigkeiten geraten solltet, dann seid ihr schneller.«
»Oh, sehr gut«, antwortete seine Schwester. »Den wollte ich schon immer mal reiten.«
Als die beiden das Lager verließen, winkten sie Ariac noch einmal zu, der nachdenklich zurückblieb.
»Siehst du«, sagte Leá augenzwinkernd. »Wenn ich mit Warga allein auf Kräutersuche bin, macht er sich nie solche Gedanken.«
Rijana lächelte zögernd, und die beiden ritten den ganzen Tag lang auf die Steppe hinaus. Schließlich hielten sie in einer Senke in der Nähe der Berge an.
»Gut«, sagte Leá. »Ich werde hier warten. Du kannst die Stelle leicht wiederfinden. Du musst nur auf den höchsten Gipfel des nördlichen Gebirges zuhalten, dann findest du mich.« Sie holte eine Flasche mit einer Flüssigkeit aus der Satteltasche. »Lass dich einfach treiben, und wähle die Richtung, zu der du dich hingezogen fühlst. Bleibe dort, wo du denkst, es ist richtig. Dann trinke an jedem Abend einige Schlucke aus der Flasche, ansonsten nur Wasser.«
Rijana nickte und hängte sich den Trinkbeutel um. Sie schwang sich auf Lenya und galoppierte auf die Ebene hinaus. Zunächst gelang es ihr nicht, ihre Gedanken ziehen zu lassen. Sie wusste nicht, wo sie hinreiten sollte, aber dann entspannte sie sich und galoppierte einfach mit dem Wind, immer in Richtung der Berge. Als es Abend wurde, hatte sie die ersten Ausläufer des nördlichen Gebirges erreicht. Rijana trabte noch eine Weile durch die Hügel und fand schließlich ein Tal, an dessen Ende ein Wasserfall in die Tiefe stürzte. Hier ließ sie sich auf den Boden sinken. Lenya fraß derweil das frische, saftige Gras, das hier wuchs. Rijana war auch hungrig, aber sie begnügte sich mit einem Schluck Wasser aus dem Bach, der von dem Wasserfall gespeist wurde. Sie setzte sich in die warme Sonne und genoss die Ruhe und den Frieden in dem Tal. Als die Schatten länger wurden, nahm sie einen Schluck von dem Gebräu. Es schmeckte ein wenig bitter, aber nicht unangenehm. Auch der Hunger ließ nun ein wenig nach.
In dieser Nacht hatte Rijana wirre Träume, konnte sich jedoch nicht an sie erinnern, als sie am nächsten Morgen aufwachte. Den ganzen Tag blieb sie in dem Tal, setzte sich auf einen Felsen, beobachtete die Vögel und Insekten, lauschte dem Wind und blickte auf die Wolken, die am Himmel vorbeizogen. Es fiel ihr sehr schwer, nichts zu essen. Gegen Mittag knurrte Rijanas Magen so heftig, dass sie glaubte, jeder müsste sie im Umkreis mehrerer Meilen hören. Aber sie beherrschte sich, trank erneut nur etwas Wasser und am Abend von dem Trank. Auch in dieser Nacht hatte sie merkwürdige Träume. Rijana glaubte, von längst vergangenen Schlachten geträumt zu haben, wahrscheinlich aus ihren früheren Leben. Am Morgen wusste sie nicht, ob das die Visionen sein sollten, von denen Leá geredet hatte, und überlegte zurückzureiten. Aber schließlich entschied sie sich dagegen.
Ariac blieb in dieser Zeit hauptsächlich im Lager. Er machte sich Sorgen um Rijana und Leá und wartete ungeduldig auf ihre Rückkehr. Noch immer wusste er nicht, was er wegen seiner Tätowierungen machen sollte. Wahrscheinlich würde ihm wirklich nichts anderes übrigbleiben, als mit Warga zu sprechen. Er zögerte noch drei Tage, dann ging er eines Abends zu der alten Hexe.
Warga saß in ihrem Zelt und bereitete einen eigenartigen Kräutertrank zu.
»Aha, nun hast du also doch deinen Weg zu mir gefunden«, krächzte sie.
Ariac war angespannt. »Ich wollte dich nur etwas fragen.«
Mit einem Nicken deutete Warga auf die Felle, die auf dem Boden ausgebreitet lagen.
Ariac setzte sich. »Ich habe noch immer nicht alle Tätowierungen, die anzeigen, dass ich ein Krieger bin.«
Warga nickte. »Und, bist du deswegen keiner?«
»Doch«, erwiderte Ariac verwirrt. »Aber alle Männer bekommen sie, wenn sie alt genug sind.«
Die alte Frau seufzte und begann in dem Kessel zu rühren. »Sicher, Ariac, sicher, aber du warst eine lange Zeit fort.« Er machte den Mund auf, doch Warga hob die Hand und sprach weiter. »Wir alle wissen, dass du ein guter Krieger bist, aber du hast in einer anderen Welt gelebt. Du kämpfst nun mit dem Schwert. Sicher, du bist ein Arrowann, aber du gehörst auch zu den anderen Menschen.«
»Und deswegen darf ich wohl nicht tätowiert werden, oder was?«, brauste er auf, seine dunklen Augen funkelten zornig.
Warga blickte ihn eine ganze Weile schweigend an, bis Ariac schließlich den Blick senkte. »Natürlich kann ich dir die restlichen Tätowierungen anbringen. Aber bist du sicher, dass du sie nicht nur deswegen willst, weil du dein Schicksal verleugnen möchtest?«
Ariac funkelte sie erneut wütend an. »Ich verfluche den Tag, an dem du mir mein Schicksal gedeutet hast.«
»Hätte es etwas geändert, wenn ich es nicht getan hätte?«, fragte sie ernst.
Ariac wollte schon wieder aufbrausen, aber dann zuckte er die Achseln.
»Wahrscheinlich nicht.«
Warga packte ihn mit ihrer knochigen Hand am Arm. »Ariac, du gehörst nun in beide Welten. In die der Steppenleute und die der übrigen. Soll ich dir erneut die Runen werfen? Vielleicht wird dir dein Weg dann klarer.«
Ariac zuckte zurück und schüttelte den Kopf. Aber dann besann er sich, vielleicht war es besser zu wissen, was ihn erwartete.
Warga warf einige Kräuter ins Feuer und begann, fremde Worte vor sich hinzumurmeln. Dann holte sie einen alten, abgegriffenen Lederbeutel heraus, sprach einige Worte und warf die Runen auf die Decke vor sich. Sie beugte sich vor und murmelte: »Erneut das Zeichen der Sieben, das wundert mich nicht.«
Ariacs Mund war trocken. Warga warf die Runen noch einmal, dann runzelte sie die Stirn.
»Ich sehe Verrat, ich sehe Kämpfe und Tod.«
»Ich bin kein …«, begann Ariac zornig, doch Warga hob die Hand.
»Das sagte ich nicht.« Sie schüttelte die Runen noch einmal und blickte auf die Konstellation vor sich. »Wie ich mir schon gedacht habe: Du bist der Mittler zwischen mehreren Welten. Du musst die Völker versöhnen, aber du bist nicht allein.«
»Rijana?«, fragte er unsicher.
Warga hob die Schultern. »Das weiß ich nicht, aber es ist wahrscheinlich.«
»Aber was soll ich tun?«, fragte er verzweifelt.
Warga seufzte und blickte ihn ernst an. »Du musst die anderen davon überzeugen, dass du auf ihrer Seite stehst, dass du zu ihnen gehörst und es ehrlich meinst.«
»Aber wie?«, fragte er verzweifelt. »Sie halten mich für einen Mörder und …« Er stockte. »… Schlimmeres.«
»Was ist geschehen, Ariac?«, fragte Warga ernst.
Er versteifte sich, und Panik trat in seinen Blick, er wollte nicht über Ursann reden.
»Du musst es mir nicht sagen, aber ich sehe, dass es schlimm gewesen sein muss.«
Ariac nickte zögernd und senkte den Blick.
Warga fasste ihn erneut fest am Arm. »In dir ist so viel Hass und so viel Schmerz, den musst du loslassen und überwinden. Öffne dich den schönen Dingen im Leben! Freundschaft, Liebe, Vertrauen.«
»Ich kann niemandem mehr vertrauen«, murmelte er.
»Wirklich niemandem?«, fragte Warga ernst.
Ariac hob die Schultern. »Zumindest nicht sehr vielen.«
»Dann konzentriere dich auf die, bei denen du sicher bist, und halte sie fest.« Sie blickte ihn eindringlich an. »Und gib auch ihnen das Gefühl, dass sie dir trauen können.«
Ariac dachte an Rijana. Häufig war er viel zu abweisend gewesen. Er musste ihr zumindest sagen, dass er sie nicht heiraten konnte, aber dass er immer ihr Freund bleiben würde. Ariac seufzte. Nun war er ein wenig erleichtert und wollte sich erheben. Doch Warga hielt ihn zurück.
»Damals, als du deine ersten Tätowierungen erhalten hast, hast du mir da von deiner ganzen Vision erzählt?«
Ariac wurde bleich und zuckte zusammen. »Woher weißt du das?«
Sie grinste, und ihr beinahe zahnloser Mund zeigte sich. »Du hast ein bedeutendes Schicksal, und sicher hast du schon damals etwas gesehen.«
»Ich habe fremde Schlachten gesehen und mich selbst, wie ich mit einem Schwert gekämpft habe«, gab er zu und setzte sich wieder. »Ich habe es verdrängt, weil ich es nicht glauben wollte.«
Warga nickte, dann grinste sie. »Wenn du möchtest, dann kann ich dir das Schwert auf den Arm tätowieren, denn du bist der Mittler zwischen den Völkern.«
Einen Augenblick zögerte Ariac, dann willigte er ein. Es war wohl, wie Warga sagte. Er konnte seinem Schicksal nicht entkommen. Also tätowierte die alte Hexe in dieser Nacht ein schmales Schwert auf Ariacs Arm. Genau in die Mitte der verschlungenen Linien mit den Pfeilspitzen am Ende.