KAPITEL 2
Die Insel Camasann
Brogan und Rijana ritten, so schnell ihr Pferd sie trug, durch Catharga. Bald hatten sie die riesige steinerne Brücke erreicht, die schwer bewacht wurde. Krieger, die das Wappen König Hylonns trugen, ein Greif über einem Felsmassiv, verlangten von den heranrollenden Händlern Zoll. Rijana staunte, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Meer sah, das an diesem Tag nur träge gegen das sandige Ufer brandete. Für ihre Begriffe schien selbst diese Meerenge, die nach Westen ein wenig weiter wurde, unendlich zu sein. Auch das gewaltige Bauwerk der Brücke faszinierte sie. Die Steinbrücke hatte auf beiden Seiten Zinnen. Brogan erklärte, dass das wegen der Piraten sei, die gelegentlich die Küste heimsuchten.
»So können die Bogenschützen auf sie schießen, ohne selbst in Gefahr zu kommen«, erklärte Brogan.
Rijana nickte fasziniert, die ganze Reise kam ihr vor wie ein unglaublicher, nicht enden wollender Traum. Der Zauberer warf einen Blick zum Himmel und seufzte. Heute würden sie die Brücke nicht mehr überqueren, sonst wäre es dunkel, bis sie die andere Seite erreichten. Er ritt mit der Kleinen zu einem Gasthaus, wo er Eintopf und frisches Quellwasser für Rijana bestellte. Er selbst genehmigte sich ein kühles Bier. Die schmuddelige Taverne war gut besucht, und eine Menge betrunkener Männer spielten an einem Tisch Karten. Immer wieder ertönte lautes Gejohle. Plötzlich ging die Tür auf, und eine Gruppe von vier dunkelhaarigen Männern und einem Jungen erschien. Alle trugen bunte Kleider und Stulpenstiefel. Sie hatten Säbel an den Gürteln hängen und machten düstere Gesichter. Der Wirt verschwand sofort hinter seiner Theke, und von überall her hörte man abfälliges Gemurmel: »Piraten!«
Einige Bauern verschwanden rasch aus der Taverne. Wenn Piraten anwesend waren, konnte das nur Ärger bedeuten.
Ein großer, schwarzhaariger Mann, der eine Augenklappe trug, stieß seinen Säbel in die Theke und rief lauthals: »Gibt es in diesem stinkenden Loch etwas zu trinken?«
Der zitternde Wirt kam unter seiner Theke hervor und nickte hastig, dann gab er den vier Piraten und schließlich auch dem schwarzhaarigen Jungen einen Becher mit Schnaps, den alle herunterstürzten. Nur der Junge, der wohl nur einige Jahre älter als Rijana, jedoch bereits ziemlich hochgewachsen war, bemühte sich verzweifelt, einen Hustenanfall zu unterdrücken.
»Komm schon, mein Sohn«, rief der Pirat mit der Augenklappe und schlug dem Jungen heftig auf den Rücken. »Man kann nicht früh genug damit anfangen.«
Die anderen Piraten lachten dreckig und bestellten weiteres Bier und Schnaps. Sie gesellten sich zu den Kartenspielern, die sie misstrauisch beäugten. Plötzlich entstand ein Tumult, und einer der Kartenspieler schrie auf. Ein Pirat hatte ihm ein Messer in den Handrücken gejagt.
»Ich habe nicht betrogen«, rief der Pirat wütend und blickte wild in die Runde. Sofort stellten sich die anderen Piraten neben ihn, und kurz darauf begann eine heftige Schlägerei.
»Zeit zu verschwinden«, sagte Brogan und nahm Rijana an der Hand. Gerade wollte er mit dem Mädchen aus der Tür treten, als ihn etwas innehalten ließ. Er sah, wie der Piratenjunge mit unglaublicher Geschicklichkeit mit dem Säbel kämpfte und einen wesentlich größeren und breiteren Mann beinahe mühelos besiegte. Man konnte den wirbelnden Bewegungen des Jungen kaum folgen.
»Komm, Rijana, wir warten draußen«, sagte Brogan und zog die Kleine mit sich durch die knarrende Holztür hinaus.
Sie blieben eine ganze Weile im Freien stehen, bis letztendlich die fünf zum Teil übel zugerichteten Piraten vor die Tür geworfen wurden.
»So eine verfluchte Scheiße! Die aus Catharga haben noch nie Spaß verstanden«, lallte der schwarzhaarige Pirat mit der Augenklappe, welcher der Kapitän der übrigen Männer war. Zustimmendes, raues Gelächter war zu hören
»Aber Rudrinn hat sich gut gehalten«, sagte einer der anderen Männer. »Er wird ein prächtiger Pirat werden.«
Der Schwarzhaarige lachte laut auf. »Ist ja auch mein Sohn!«
Der Junge schien mit jedem Wort zu wachsen. Im Gegensatz zu den anderen hatte er kaum Verletzungen. Brogan löste sich aus dem Schatten. Er bedeutete Rijana zu warten und hob die Hände zum Zeichen, dass er unbewaffnet war. Die Piraten schlossen sofort den Kreis um ihn und runzelten die Stirn.
»Ich muss mit Euch reden«, sagte Brogan ruhig und bestimmt zu dem schwarzhaarigen Piraten.
»Ich bin Kapitän Norwinn, der Schrecken der Meere!«
Zustimmendes Gejohle erhob sich. Brogan nickte, wirkte jedoch nicht sehr beeindruckt.
»Darf ich allein mit Euch sprechen, Kapitän Norwinn, Schrecken der Meere?«
Der Pirat runzelte überrascht die Stirn, folgte jedoch dem Zauberer, und beide unterhielten sich ein wenig abseits. Seine Männer beobachteten alles genau.
»Euer Sohn hat ein ungewöhnliches Kampfgeschick«, begann Brogan.
Kapitän Norwinn warf sich in die Brust. »Natürlich, er ist mein Nachfahre!«
Brogan schüttelte den Kopf. »Das ist es nicht allein. Ihr werdet doch sicher bemerkt haben, dass er für einen Jungen seines Alters viel zu ausgeprägte Fähigkeiten mit dem Säbel hat.«
Der Pirat grummelte etwas vor sich hin. Natürlich hatte er das gemerkt, doch er wusste nicht, worauf der alte Mann hinauswollte.
»Meine Name ist Brogan«, begann der Zauberer. »Ich bin ein Sucher von der Insel Camasann. Sicher habt Ihr schon von uns gehört?«
Kapitän Norwinn hob überrascht die buschigen, nachtschwarzen Augenbrauen. »Natürlich«, knurrte er, »ihr rennt dieser dämlichen Legende von den Kindern Thondras hinterher.«
Brogan lächelte müde.Viele Menschen glaubten dieser Tage nicht mehr daran, zu lange waren die Sieben nicht mehr erschienen.
»Das ist keine Legende, es gibt sie wirklich«, erklärte der Zauberer gelassen, und der Pirat spuckte auf den Boden. »Ich würde Euren Sohn gerne mit in unsere Schule nach Camasann nehmen«, fuhr Brogan fort.
»Ha!« Der Pirat lachte dröhnend und schüttelte den Kopf. »Mein Sohn? Er ist ein Pirat und nicht einer von euren …«, er verzog spöttisch seinen Mund, »… edlen Kriegern, die im Sinne der Gerechtigkeit kämpfen. Nein, vergesst das gleich!«
Brogan betrachtete den Piraten eindringlich, sodass dieser die Stirn runzelte.
»Euer Sohn hat ein seltenes Kampfgeschick, das sicher bekannt werden wird. Auch König Scurr wird davon erfahren und ihn dann zu sich holen. Und, glaubt mir, Scurr fragt nicht, er nimmt. Möchtet Ihr wirklich, dass Euer Sohn nach Naravaack kommt?«
Der Pirat fuhr sich über den schwarzen Bart und runzelte angestrengt die Stirn. »Wir werden zu den Ayrenn-Inseln zurückkehren, Scurr wird nicht von uns hören«, erwiderte er, obwohl das jetzt schon nicht mehr so selbstsicher klang.
Brogan blickte dem Piraten noch eindringlicher in die Augen. »Scurr hat seine Spitzel überall. Er wird den Jungen finden, seinen Willen brechen und ihn zu einer hirnlosen Tötungsmaschine machen, so wie er es mit allen Jungen vorher getan hat.«
Kapitän Norwinn schluckte. Selbstverständlich kannte er die Geschichten, und das eine oder andere Mal hatte er die »Blutroten Schatten« auch bereits gesehen. Sie waren gnadenlos und dienten ihrem König mit Leib und Seele. Der Pirat war hin- und hergerissen. Natürlich wollte er nicht, dass Rudrinn in König Scurrs Hände fiel, aber nach Camasann wollte er ihn genauso wenig schicken. Er dachte angestrengt nach.
»Rudrinn soll selbst entscheiden«, verkündete der Kapitän schließlich.
Brogan nickte zufrieden. Er ließ den Jungen holen und erzählte ihm alles ohne Umschweife. Am Ende sagte er: »Solltest du keiner der Sieben sein, wird dich niemand aufhalten, wenn du deinen siebzehnten Geburtstag gefeiert hast und zurück zu den Piraten möchtest. Wie alt bist du denn, mein Junge?«
Rudrinn hatte das alles fassungslos mit angehört. »Zwölf Jahre«, stammelte er.
Brogan nickte. »Gut, dann sind es nur fünf Jahre auf der Insel für dich. Du wirst ein guter Kämpfer werden, danach kannst du tun, was du willst. Findet Scurr dich, wirst du für immer sein Sklave sein.«
Der junge Pirat wusste gar nicht, was er denken sollte. Er hatte nie Zweifel daran gehegt, wie sein Vater und Generationen vor ihm Pirat zu werden. Auch er wollte Handelsschiffe ausrauben, welche die Hafenstädte von Balmacann ansteuerten, oder die großen Frachtschiffe überfallen, die Silversgaard verließen, wo Eisen, Gold, Silber und Kupfer abgebaut wurde. Ein Krieger in Camasann zu werden, der für Gerechtigkeit kämpfte, das konnte er sich nicht vorstellen. Hilfesuchend blickte er seinen Vater an, doch der wusste selbst nicht, was er sagen sollte.
»Ich will ein Pirat sein! Das ist mein Leben!«, sagte der schwarzhaarige Junge mit den zotteligen Haaren überzeugt.
»Wie gesagt«, erwiderte Brogan ernst. »Niemand wird dir bei uns auf Camasann verbieten, dieses Leben erneut aufzunehmen, wenn du erst siebzehn Jahre alt bist und du es dann noch immer führen willst.«
Rudrinn kämpfte mit sich, was man an seinen Gesichtszügen genau sehen konnte. Schließlich blickte er seinen Vater ein wenig ängstlich an. »Vater, soll ich mit ihm gehen?«
Der Pirat fluchte leise vor sich hin und spuckte auf den Boden. Schließlich nickte er, konnte seinem Sohn aber nicht in die Augen sehen, als er sagte: »Besser Camasann als Naravaack. Und du wirst zu uns zurückkommen, du weißt ja, wo du uns findest.«
Brogan schloss für einen Augenblick dankbar die Augen. Er hatte schon befürchtet, dass der Pirat sich dagegen entscheiden würde.
Rudrinn schluckte ein paar Mal schwer, dann richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. »Gut, ich gehe mit Euch, aber nur für fünf Jahre«, sagte er fest.
Brogan nickte freundlich. »Sehr gut, ich werde dir ein Pferd besorgen, dann brechen wir gleich auf.«
»Ich stehle ihm eins«, knurrte sein Vater, doch Brogan hielt ihn auf.
»Nein«, meinte er lächelnd, »dort, wo Euer Sohn hinkommt, ist so etwas nicht üblich. Ich werde eines kaufen.«
Kapitän Norwinn verzog angewidert den Mund und umarmte seinen Sohn fest. »Aber lass so etwas nicht einreißen, und bleib, wie du bist!«
Rudrinn nickte, dann ging er mit dem Zauberer, der die kleine Rijana aus ihrem Versteck holte. Selbstverständlich ließ es der Stolz des Jungen nicht zu, dass er sich noch einmal nach seinem Vater umblickte, so gerne er es auch getan hätte.
Brogan kaufte einem Händler ein zotteliges Pferd ab, und sie ritten zu dritt ans Meer, wo sie die Nacht verbringen würden. Rudrinn musterte das kleine Mädchen neugierig, und Rijana wurde es unter dem Blick des Piratenjungen ein wenig unheimlich. Sie drückte sich an den Zauberer.
Der lächelte freundlich. »Das ist Rudrinn. Er wird mit dir zur Schule gehen.«
»Aber … aber, er ist … ein Pirat«, stammelte sie.
Rudrinn schnaubte verächtlich und biss in ein Stück gebratenes Fleisch, das er zuvor übers Feuer gehalten hatte.
Brogan lächelte gütig. »Ja, das ist er, aber er hat ungewöhnliche Fähigkeiten, so wie du.«
Rijana nickte. Tränen traten in ihre dunkelblauen Augen. »So wie Ariac. Meine Eltern haben immer gesagt Steppenmenschen seien Wilde und Gesindel, aber Ariac ist mein bester Freund.«
Brogan schloss kurz die Augen und nahm die Kleine in den Arm. In den letzten Tagen hatte er jeden Gedanken an den Jungen verdrängt. »Sicher, Rijana, und jetzt solltest du schlafen.«
Die Kleine nickte, rollte sich in eine grobe Wolldecke ein und schlief wenig später tief und fest.
 
Am nächsten Tag ritten sie zu der großen Brücke, die Nord mit Süd verband. Brogan und die beiden Kinder wurden nach vorn gewunken, was einige Händler zu unwilligem Gemurre verleitete, denn die Schlange an Wagen, die über die Brücke nach Balmacann wollten, war lang. Die Brückenwächter nickten Brogan freundlich zu. Dieser bezahlte ein Goldstück und ritt mit den beiden Kindern über die Brücke. Die kleine Rijana konnte selbst von dem Pferd aus kaum über die Zinnen blicken. Sie streckte sich und sah, wie das blaue Meer unter ihnen nach Westen davonfloss. Im Moment war Ebbe.
Die steinerne Brücke war ziemlich breit, sodass zwei Wagen bequem aneinander vorbeikamen. Ständig begegneten ihnen Händler, Reiter und auch einige Menschen zu Fuß. Rudrinn seufzte immer wieder, dass seine Leute hier reiche Beute hätten machen können, obwohl überall Brückenwächter standen. Es war beinahe Mittag, als sie endlich das andere Ende der Brücke erreicht hatten. Als sie angekommen waren und etwas abseits im Gras Rast machten, ging Rudrinn mit breitem Grinsen zu Brogan und reichte ihm einen silbernen Becher.
»Hier, jetzt war die Überquerung zumindest nicht ganz so teuer«, sagte er stolz.
Der Zauberer runzelte die Stirn. »Wo hast du den denn her?«
Rudrinn grinste über das ganze Gesicht. »Ein Händler kam zu dicht an mir vorbei.«
Brogan fluchte leise. »Du sollst aber keine ehrlichen Leute bestehlen!«
Rudrinn zuckte die Achseln und sah nicht sehr schuldbewusst aus. »Händler sind doch selbst selten ehrliche Männer. Nehmt es nicht so schwer.«
Brogan schüttelte den Kopf. Mit dem Jungen würde es nicht einfach werden.
»Gut, wir werden den Becher in einem der ärmeren Dörfer verschenken, und ich verbiete dir, noch einmal etwas zu stehlen, Rudrinn!«
Dieser zuckte die Achseln und wandte sich einem Stück hartem Käse zu.
Rijana betrachtete den Piratenjungen fasziniert. Rudrinn zwinkerte ihr zu und führte einen Taschenspielertrick mit einer kleinen Kupfermünze vor. Kurz darauf erzählte Rudrinn ihr von seiner Zeit bei den Piraten.
Brogan seufzte, aber er wollte der Kleinen nicht verbieten, mit dem Jungen zu reden. Das lenkte sie zumindest davon ab, dass ihr Freund Ariac nicht mehr bei ihnen war.
 
Die Tage zogen sich dahin. Der Zauberer und die Kinder ritten auf der sandigen Handelsstraße, die Balmacann durchzog. Überall sah man Dörfer und kleinere Städte. Irgendwann konnte man hinter hohen Hecken und Bäumen ein großes, schneeweißes Schloss erahnen. Hinter dem Tor erstreckte sich eine gepflegte Allee bis zum Schloss.
»Das ist das Schloss von König Greedeon«, erzählte Brogan.
Rudrinn, der gerade in einen Apfel biss, den er unterwegs gepflückt hatte, sagte mit vollem Mund: »Mein Vater sagt, Greedeon ist ein Verbrecher. Er lässt andere für sich schuften und setzt nur seinen faulen Arsch in seinen goldenen Thron.«
Rijana musste kichern. Brogan hingegen war empört. »So etwas möchte ich nicht mehr hören!«, rief er. »König Greedeon ist ein ehrenhafter Mann und unterstützt unsere Schule. Nur durch ihn können wir uns die vielen Reisen leisten und all die Kinder durchfüttern. Etwas mehr Respekt bitte!«
Wenig beeindruckt zuckte Rudrinn die Achseln und spuckte den Rest seines Apfels ungerührt auf das mit Gold verzierte Tor, vor dem einige Wachen standen. Der Zauberer verdrehte die Augen, aber er sagte nichts weiter dazu. Sollte Tharn, einer der Ausbilder von Camasann, dem Jungen Manieren beibringen. Er, Brogan, war in diesem Sommer nur für die Suche von Kindern zuständig und hin und wieder für das Schwertkampftraining.
 
Viele weitere Tage ritten sie über die Straße. Dörfer und Städte wurden seltener, und schließlich erstreckte sich vor ihnen nur noch endloses Grasland, auf dem hier und da halbwilde Pferde grasten. Irgendwann passierten sie ein finsteres Waldstück, in dessen Mitte sich ein hoher Hügel erhob. Ansonsten war das ganze Land eher flach. Brogan trieb die Pferde an, um schneller vorwärtszukommen.
»Was ist das für ein Wald?«, fragte Rijana, die mittlerweile hinter Rudrinn auf dem Pferd ritt. Die beiden hatten sich ein wenig angefreundet.
Der Piratenjunge zuckte die Achseln. Er war noch nicht sehr oft auf dem Festland gewesen.
»Hey, Zauberer, was ist das für ein Hügel?«, rief er nach vorne.
Brogan drehte sich um, und sein Gesicht verzog sich missbilligend. »Es heißt: Meister Brogan oder Zauberer Brogan. Das habe ich dir in den vergangenen Tagen schon hundertmal gesagt!«
Rudrinn grinste nur, denn eigentlich hatte er vor nichts und niemandem wirklich Respekt. Er verbeugte sich jedoch, was allerdings eine Spur zu übertrieben wirkte, und fragte betont höflich: »Meister Brogan, würdet Ihr die Ehre haben, uns unwürdigem Volk mitzuteilen, was dies für eine Erhebung ist?«
Rijana lachte hell auf. Brogan unterdrückte einen Fluch.
»Das, du kleiner Rotzlöffel, ist Tirman’oc. Es ist verboten, dort hinzugehen«, sagte der Zauberer ohne weitere Erklärung und trieb sein Pferd rasch an.
»Dann ist es bestimmt interessant, den Wald ein wenig zu erforschen«, flüsterte Rudrinn und grinste Rijana zu.
Diese nickte begeistert. »Jetzt gleich?«, fragte sie aufgeregt.
Rudrinn zuckte die Achseln und nickte dann. Er warf noch einen Blick nach vorn, doch der Zauberer trabte rasch voraus. So lenkte Rudrinn das Pferd in das dichte Unterholz. Der Wallach schnaubte nervös und tänzelte. Die Bäume waren dicht verwachsen, und irgendwie schien ein Raunen durch sie zu gehen. Rijana bekam Gänsehaut. Sie fröstelte plötzlich, wollte sich vor Rudrinn jedoch keine Blöße geben. Aber auch der Piratenjunge war angespannt und lauschte nervös. Er trieb das schnaubende und ständig zusammenzuckende Pferd energisch weiter. Schon nach kurzer Zeit sah man die Straße nicht mehr. Plötzlich, als eine Art Windstoß durch die Bäume fegte, der etwas zu flüstern schien, stieg der Wallach erschrocken und warf die beiden Kinder ab. Sie landeten unsanft auf dem Waldboden. Das Pferd galoppierte währenddessen mit wehenden Steigbügeln davon.
»Hast du dir wehgetan?«, fragte Rudrinn erschrocken und half Rijana auf, die dabei das Gesicht verzog.
»Nein«, sagte sie tapfer, wobei sie ein Stöhnen unterdrückte. Der Wald war düster, und die beiden Kinder hatten beinahe den Eindruck, als würden die Bäume und Büsche sie bedrängen. Rijana ging näher zu Rudrinn hinüber, der ihr beschützend einen Arm um die Schultern legte. Doch auch der Piratenjunge sah unter seiner Sonnenbräune ein wenig bleich aus.
»Wir … wir sollten vielleicht lieber nach draußen gehen«, schlug er stockend vor.
Rijana nickte erleichtert. Sie hatte es sich nicht getraut, das vorzuschlagen, da sie Angst gehabt hatte, dass Rudrinn sie für einen Feigling hielt. Sie folgte dem Piratenjungen dichtauf, um ihn ja nicht zu verlieren. Immer wieder kratzten Dornenbüsche an den Kleidern der Kinder, und sie stolperten ständig über Wurzeln, die sich urplötzlich vor ihren Füßen auftaten. Eigentlich konnten die beiden nicht sehr weit von der Straße entfernt sein, aber irgendwie kamen sie dem Waldrand nicht wirklich näher. Die beiden liefen immer weiter, während der Wald ihnen etwas zuzuflüstern schien. Unheimlich rauschte es in den Bäumen, und man konnte durch das dichte Laub kaum den Himmel erkennen. Urplötzlich standen die beiden vor einem Hügel, auf dem ein unglaublich schönes Schloss gebaut war. Viele helle Türme wurden von hohen Zinnen umrahmt, und Bäume schmiegten sich an den Felsen heran. Doch irgendwie wirkte alles verlassen und verwunschen.
»Wollen wir hochklettern?«, fragte Rudrinn, den plötzlich wieder die Abenteuerlust gepackt hatte.
Rijana nickte unsicher, doch als der Junge seinen Fuß auf den Hügel setzte, erbebte die Erde, und die Bäume neigten ihre Kronen drohend in Richtung der Kinder. Ein schneeweißer Wolf erschien und stellte sich knurrend vor Rudrinn, der die kleine Rijana erschrocken hinter sich schob und seinen kurzen Säbel zog.
»Wenn ich es dir sage, musst du wegrennen«, flüsterte er, und Rijana nickte verängstigt, wobei sie nicht wusste, was ihr mehr Furcht einflößte: der Wolf oder allein durch den Wald rennen zu müssen.
Mit angelegten Ohren und gefletschten Zähnen kam der große Wolf näher und funkelte die Kinder aus ungewöhnlich blauen Augen an, die weder wild noch gefährlich wirkten. Man hatte beinahe den Eindruck, dass der Wolf sie gar nicht angreifen, sondern nur daran hindern wollte, das Schloss zu betreten. Doch bevor etwas passieren konnte, schoss ein gleißender Blitzstrahl aus dem nächsten Gebüsch, und der Wolf verschwand, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Brogan stand mit vor Zorn funkelnden Augen vor den beiden Kindern. Weder Rijana noch Rudrinn hatten ihn jemals so gesehen. Bisher war er immer sehr freundlich zu ihnen gewesen, doch jetzt schien er vor Wut zu kochen.
»Was fällt euch ein, einfach allein in diesen Wald zu gehen?«, schrie er vor Zorn bebend. »Dieser Wald ist gefährlich – vor allem für einen dämlichen kleinen Jungen, der sich für einen Mann hält!« Brogan hielt Rudrinn den Finger entgegen, und der Junge kroch erschrocken zurück. »Dass du dich in Gefahr bringst, ist schon dumm genug, aber wenn Rijana etwas passiert wäre, hätte ich dich eigenhändig bei König Scurr abgeliefert! Tu so etwas noch ein einziges Mal, und du wirst es bereuen«, schrie der Zauberer, der vollkommen die Fassung verloren zu haben schien.
Rudrinn nickte verstört und wagte nicht, etwas zu erwidern. Brogan warf einen Blick zu dem Schloss hinauf, funkelte den Piratenjungen noch einmal wütend an und nahm anschließend Rijana an der Hand. Ohne auf Rudrinn zu achten, lief er in den Wald hinein, der sich merkwürdigerweise vor ihm zu teilen schien.
Rijana blickte den Zauberer erstaunt an. Sie verstand das alles nicht. »Was ist das für ein Schloss?«, fragte sie vorsichtig.
»Das geht dich nichts an!«
Sie zog den Kopf ein und fragte nicht weiter nach.
Die nächsten Tage redete der Zauberer nicht mit den Kindern. Er schien noch immer wütend zu sein, und Rijana und Rudrinn fragten sich immer wieder, wenn sie allein waren, was denn so geheim und gefährlich an dem Schloss gewesen war. Doch keiner traute sich, Brogan noch einmal darauf anzusprechen.
Als sie sich der Küste näherten, begann der Zauberer zumindest wieder über belanglose Sachen zu reden. Sie ritten über grüne, menschenleere Hügel, und schließlich tauchte in der Ferne ein hoher, grauer Turm auf, auf dem Soldaten patrouillierten.
»Das ist Islagaard«, erklärte Brogan mit dem Anflug eines Lächelns, als er die fragenden Gesichter der Kinder sah, »einer der sieben Türme, die die Küste Balmacanns beschützen. Wird das Land angegriffen, werden Leuchtfeuer entzündet, und alle Krieger sammeln sich.«
»Mein Ururgroßvater hat einmal versucht, eine der Städte an der Küste anzugreifen«, erzählte Rudrinn mit einem unsicheren Grinsen.
Der Zauberer hob die Augenbrauen. »Und er ist gescheitert?«
Rudrinn nickte seufzend.
Rijana, die schon über die Meerenge zwischen Catharga und Balmacann gestaunt hatte, war überwältigt, als sie den langen Sandstrand sah und die hohen Wellen, die gegen die Felsen im Meer brandeten.
Brogan hielt weiter auf den Turm zu, und zwei bewaffnete Krieger in Rüstungen kamen zu der kleinen Holztür heraus.
»Brogan, schön dich zu sehen«¸ sagte ein hochgewachsener Krieger mit blonden Haaren. Dann fiel sein Blick auf die beiden Kinder. »Mehr waren es nicht? Und wo sind Adeon und die anderen?«
»Wir sind angegriffen worden«, berichtete Brogan seufzend.
Der Krieger fluchte. »Die Blutroten Schatten?«
Brogan nickte und blickte zu Boden. »Ich kam zu spät, nur das kleine Mädchen konnte fliehen. Den Piratenjungen habe ich erst später in Catharga entdeckt.«
Der blonde Krieger schüttelte gramvoll den Kopf. Adeon und zwei weitere Männer waren gute Freunde von ihm gewesen.
»Liegt ein Boot bereit?«, fragte Brogan ernst, und der Krieger nickte.
»Ja, in der Bucht hinter den Felsen, aber beeilt euch, es zieht ein Gewitter auf.«
Weit im Westen konnte man dunkle Wolken sehen. Rijana war etwas mulmig zumute. Sie war noch nie in einem Boot gefahren. Rudrinn hingegen, der auf dem Meer aufgewachsen war, schien sich zu freuen. Der Zauberer führte die beiden Kinder einen kleinen Berg hinauf. Eine schmale Bucht spaltete den Felsen, und weit unten sah man ein Ruderboot liegen. Normalerweise wäre jetzt einer der Turmwächter nach Camasann gerudert und hätte ein größeres Segelboot geholt, doch da sie nur zu dritt waren, war das nicht nötig. Sie kletterten einen schmalen Pfad hinab, und Brogan hob Rijana in das Ruderboot, das in den Wellen schwankte. Rudrinn sprang geschickt hinein und griff sich grinsend ein Ruder. Die Kleine hielt sich krampfhaft am Rand des Bootes fest. Ihr schien das Ganze überhaupt nicht geheuer zu sein.
»Bis wir aus der Bucht hinaus sind, müssen wir rudern«, erklärte Brogan, »anschließend kann ich mit Magie nachhelfen.«
Rudrinn nickte überrascht und tauchte sein Ruder ins Wasser. Das Meer warf gewaltige Wellen, aber als sie die Bucht verlassen hatten, wurde es ein wenig ruhiger. Rijana warf einen letzten Blick aufs Festland und hatte das Gefühl, ihr ganzes bisheriges Leben hinter sich zu lassen.
Das Boot fuhr nun zielstrebig nach Südwesten, und Brogan legte seinen Arm um das kleine Mädchen. »Dir wird es auf Camasann gefallen, Rijana, da bin ich mir sicher.«
Sie nickte unsicher, während ihr Blick die langsam schwindende Küste nicht loslassen wollte. Wie von Geisterhand gezogen, glitt das Boot durch die Wellen. Am Himmel kreisten Seevögel, und Delfine schwammen um das Boot herum. Rijana erfüllte das alles mit Staunen, während Rudrinn überhaupt nicht beeindruckt war. Das Boot pflügte eine lange Zeit durch das Wasser. Fast einen halben Tag brauchten sie. In der Abenddämmerung tauchte wie aus dem Nichts eine größere Insel auf. Hohe Felsen, an denen sich die Wellen brachen, bildeten das nördliche Ende von Camasann. Weiter entfernt, auf einem Hügel, thronte ein gewaltiges Schloss aus grauem Gestein. Rudrinn und Rijana staunten, als Brogan das Boot zielstrebig in einen nadelöhrartigen Felskanal steuerte.
»Hilf mir zu rudern«, verlangte er von Rudrinn, der mit offenem Mund alles bestaunte.
Der Kanal führte weit in den Fels hinein, und schließlich hielt das Boot an einem aus Stein gehauenen Landesteg. Fünf jüngere Krieger halfen dem Zauberer und den Kindern aus dem Boot. Als Brogan den fragenden Blick der jungen Krieger sah, schüttelte er traurig den Kopf, und diese machten betretene Gesichter. Brogan führte Rijana und Rudrinn in eine kleine Höhle, von der aus eine sehr schmale, gewundene Steintreppe endlos nach oben zu führen schien. In regelmäßigen Abständen hingen Fackeln, die den Weg allerdings nur spärlich beleuchteten. Rijana mit ihren kurzen Beinen fiel schon nach kurzer Zeit zurück.
»Soll ich dich tragen?«, fragte Brogan nach hinten. Seine Stimme hallte merkwürdig von den dunklen Steinen wider.
Sie schüttelte tapfer den Kopf, obwohl sie zum Umfallen müde war. Immer weiter stiegen sie hinauf, und auch Rudrinn keuchte, während Brogan keine Anzeichen von Müdigkeit zeigte. Endlich leuchtete fahles Abendlicht durch ein Loch in der Decke. Über eine Strickleiter kletterten die drei auf ein Felsplateau. Sie hatten die hohen Steilklippen überwunden. In der Ferne konnte man nun wieder das Schloss sehen. Weiche, grüne Hügel führten in sanften Wellen direkt auf die Anhöhe zu, auf der die Festung erbaut war. Im Osten lag ein ausgedehnter Wald, während im Westen weite Grasflächen zu sehen waren. Brogan blickte auf die beiden Kinder, die sich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten konnten. »Ich werde eine Kutsche holen, wartet hier«, sagte er freundlich.
Nachdem es beinahe komplett finster war, tauchte Brogan mit einer einfachen, offenen Kutsche auf, vor die ein kleines, stämmiges Pferd gespannt war. Die Kinder stiegen auf, und der Wagen setzte sich langsam in Bewegung. Ein sandiger Weg führte über die Hügel, und hier und da tauchten kleine Holzhütten auf. Immer wieder sah man bestellte Felder, auf denen sogar noch einige Bauern arbeiteten. Sosehr Rijana sich auch dagegen wehrte, sie schlief schließlich an Brogan gelehnt ein, noch bevor sie das Schloss erreichten.
Die Kutsche fuhr schließlich einen steinigen Weg hinauf und passierte ein schwerbewachtes Tor, bevor sie vor der gewaltigen Festung von Camasann anhielt. Zwei müde Stallburschen erschienen, und zwei Wächter öffneten die schweren Eingangstore. Brogan hob die fest schlafende Rijana auf seine Arme, und Rudrinn lief hinter ihm her. Jetzt war er wieder hellwach und betrachtete alles mit größtem Interesse. Sie traten in eine hohe Eingangshalle, von der aus Treppen auf eine Galerie führten. Brogan betrat gerade die rechte Steintreppe mit dem breiten Geländer, als eine mächtige Stimme ertönte.
»Du kommst spät, Brogan!«
Rudrinn fuhr erschrocken herum, und auch Rijana wachte in Brogans Armen auf. Sie zappelte, und er ließ sie auf den steinernen Boden sinken.
Ein großer, sehr beeindruckend wirkender Mann kam auf sie zu. Er hatte dunkelgraue Haare und einen kurzen Bart. Seine Augen wirkten streng und hart, und er ging sehr aufrecht. In der Hand hielt er einen langen Stock, in den Runen geschnitzt waren. Doch das Ungewöhnlichste an ihm war sein Umhang, der die Farbe ständig zu verändern schien. Rudrinn blinzelte. Er glaubte, dass es an seiner Müdigkeit liegen würde.
»Lasst die Kinder schlafen gehen. Ich erkläre morgen alles«, meinte Brogan, der selbst müde war.
Hawionn, das Oberhaupt der Schule von Camasann, betrachtete die Kinder eindringlich, und Rudrinn und Rijana hatten plötzlich das schlechte Gefühl, als wären sie ein Stück Handelsware, das abschätzend betrachtet wurde.
»Nun gut«, meinte Zauberer Hawionn streng und wandte sich ab. »Bring sie in eines der Gästezimmer.«
Brogan nickte erleichtert, denn er war froh, dass Hawionn den beiden eine anstrengende Musterung ersparte. Der Zauberer führte die Kinder in den ersten Stock und öffnete die Holztür eines Zimmers, in dem sich zwei schmale Betten und ein Tisch befanden, auf dem ein tönerner Krug mit Wasser stand.
»Gut, morgen bekommt ihr eure Zimmer zu sehen«, meinte der Zauberer mit einem aufmunternden Lächeln. »Schlaft nun, ich hole euch morgen früh.« Damit verschwand er aus dem Raum, und Rijana und Rudrinn blieben ein wenig verlegen zurück. Rudrinn war unruhig. Er hatte noch nie in einem steinernen Raum geschlafen. Bisher hatte er die Nächte entweder im Freien oder auf einem Schiff verbracht. Rijana hingegen ließ sich einfach auf das Bett fallen und war wenige Augenblicke später eingeschlafen.
Rudrinn trat zu dem schmalen Fenster und zog den dicken Vorhang zur Seite. Blitze zuckten in der Ferne, und die Sterne waren von Wolken verdeckt.
»Rammatoch, Gott des Meeres, bring mich bald wieder zurück auf die See«, flüsterte der Piratenjunge hinaus in die Finsternis, doch schließlich legte auch er sich schlafen.