KAPITEL 12
Der Verrat
Am nächsten Morgen, als alle gemeinsam beim
Frühstück saßen, hatte Falkann dunkle Ringe unter den Augen und
konnte nichts essen. Außerdem wirkte er nervös und zuckte bei jedem
unerwarteten Geräusch zusammen.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Saliah, die
neben ihm saß. »Geht’s dir nicht gut?«
Falkann schüttelte den Kopf. »Ich habe schlecht
geschlafen.«
Kurz darauf ging die Tür auf, und König Greedeon
begleitet von fünf bewaffneten Soldaten trat ein. Die Soldaten
ergriffen den überraschten Ariac und schleiften ihn hinaus. Die
anderen sprangen auf.
»Was soll das?«, rief Rijana und erhaschte einen
letzten Blick auf Ariac, der sich gegen die Soldaten zu wehren
versuchte.
»Er hat Berater Flanworn ermordet«, sagte der König
mit wütendem Blick.
Nun blickten sich alle Freunde fassungslos an.
Falkann gelang es nur mit einiger Mühe, nicht vollkommen
schuldbewusst zu wirken.
»Wie kommt Ihr darauf?«, fragte Rudrinn. »Habt Ihr
Beweise?«
Der König fuhr wütend zu ihm herum. »Er hat ganz
öffentlich gedroht, ihn zu ermorden, und heute hat man Berater
Flanworn tot in einem der unbenutzten Zimmer gefunden.«
»Hat er dich noch einmal belästigt?«, fragte
Rudrinn zu Rijana gewandt.
Die war ziemlich blass, schüttelte jedoch den
Kopf.
»Das ist doch noch kein Beweis«, erwiderte Tovion
ernst. »Es kann auch jemand anderes gewesen sein.«
Der König hob missbilligend die Augenbrauen. »Bis
der letzte Beweis erbracht ist, wird er eingesperrt.«
Damit rauschte der König aus dem Raum. Rijana
rannte ebenfalls hinaus, bevor sie jemand aufhalten konnte. Sie
wollte Brogan suchen. Vielleicht konnte er helfen.
Die anderen setzten sich wieder an den Tisch,
allerdings dachte nun niemand mehr an Frühstück. Sie diskutierten
heftig darüber, ob Ariac tatsächlich schuldig sein konnte.
»Ich glaube nicht, dass er es war«, sagte Rudrinn,
der Ariac mittlerweile eigentlich ganz gerne mochte.
»Er ist einer von Scurrs Leuten«, gab Broderick zu
bedenken.
»Aber warum hat er dann ausgerechnet Flanworn
getötet? Warum nicht einen von uns oder von mir aus König
Greedeon?«, wandte Tovion ein.
»Er hat sich wohl nicht immer unter Kontrolle«,
sagte Saliah und dachte dabei an den Kampf mit Falkann.
Der machte ein angespanntes Gesicht und meinte
schließlich: »Einmal Scurrs Scherge, immer Scurrs Scherge. Ich habe
ihn nie gemocht.«
»Das hat aber wohl weniger mit König Scurr zu tun«,
murmelte Broderick vor sich hin und betrachtete seinen besten
Freund durchdringend. Falkann verhielt sich in seinen Augen sehr
eigenartig.
Rijana rannte durch das ganze Schloss, aber es
dauerte einige Zeit, bis sie Brogan fand, der gerade im Hof vor dem
Schloss stand und sich die erste Frühlingssonne ins Gesicht
scheinen ließ.
Atemlos packte sie ihn an seinem Umhang.
»Na, na, was ist denn los?«, fragte er
lächelnd.
Rijana blickte ihn mit erschrocken aufgerissenen
Augen an. »Ariac ist verhaftet worden, er soll Berater Flanworn
umgebracht haben.«
Brogan zog die Augenbrauen zusammen und drückte
Rijana sanft auf einen Stein.
»Setz dich, und erzähle mir alles«, verlangte der
Zauberer.
Rijana berichtete ihm nun von Flanworn, wie der ihr
schon seit so langer Zeit nachstellte, von der Nacht, in der er sie
belästigt hatte, und wie Ariac ihr geholfen hatte.
»Aber Flanworn hat mir doch gar nichts mehr getan.
Ariac hätte ihn doch nicht einfach so ermordet.«
Brogan nickte bedächtig und legte seinen Arm um das
aufgebrachte Mädchen.
»Bist du dir da wirklich sicher?«
Sie wollte empört ja sagen, doch dann hob sie die
Schultern. »Ich weiß es nicht, aber er ist kein schlechter Mensch«,
sagte sie unglücklich.
Brogan deutete ein Lächeln an. »Das denke ich
eigentlich auch. Aber er wurde in Naravaack ausgebildet, das dürfen
wir niemals vergessen. Vielleicht hat Flanworn ihn provoziert,
vielleicht hat er dich beleidigt, und Ariac hatte sich nicht mehr
unter Kontrolle.«
Rijana machte ein furchtbar unglückliches Gesicht.
»Ich muss mit ihm sprechen, damit ich ihn fragen kann.«
Brogan nickte zustimmend. »Ich werde mit König
Greedeon reden. Wenn Ariac einem Menschen die Wahrheit sagt, dann
bist du es, Rijana.«
Es war später Abend, als Rijana mit Brogan durch
die Kerker lief. Es hatte den Zauberer einiges an
Überredungskünsten gekostet, dass Greedeon das Mädchen hinunter zu
den Kerkern ließ. An der Treppe blieb Brogan stehen.
»Geh allein, das wird besser sein«, sagte er und
lächelte ihr aufmunternd zu.
Rijana nickte und ging mit unsicheren Schritten den
düsteren Gang entlang zu der Zelle, wo Ariac in einer Ecke saß. Als
er sie sah, sprang er sofort auf und kam zu den Gittern.
»Ich war es nicht, ich habe ihn nicht umgebracht«,
rief er sogleich.
Rijana nickte und nahm seine Hand.
»Aber wer war es dann?«
Ariac hob die Schultern. »Das weiß ich nicht. Ich
meine, Flanworn hat es sicherlich verdient, aber…« Er blickte sie
ernst an. »Ich hätte nicht gezögert ihn zu töten, wenn er dich
angefasst hätte, aber einfach so, das würde ich nicht tun.«
Sie nickte, und Tränen traten in ihre Augen. »Aber
wie sollen wir das denn beweisen? Was kann ich tun?«
Er seufzte und nahm ihre kleine Hand fest in seine.
»Vertraust du mir?«
Sie nickte nachdrücklich.
»Dann habe ich schon viel gewonnen«, sagte er
lächelnd.
»Brogan kann dir vielleicht helfen«, meinte Rijana
und drückte aufmunternd seine Hand.
Ariac nickte, und Rijana wurde schließlich von den
Wachen zurückgeholt. Sie erzählte Brogan, was Ariac gesagt hatte.
Der Zauberer blieb ein wenig misstrauisch.
»Rijana, ich weiß, dass du in ihn verliebt
bist.«
Sie errötete ein wenig, doch er hob ihren Kopf und
blickte sie eindringlich an.
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, sagte der
Zauberer ernst, »aber ich werde mich bemühen, die Wahrheit
herauszufinden.«
Rijana seufzte unglücklich und ging schließlich zu
den anderen zurück, denen sie ebenfalls erzählte, was Ariac ihr
gesagt hatte. Daraufhin geriet sie mit Falkann in Streit, der
wütend darüber war, dass sie Ariac so vehement verteidigte.
Noch an diesem Abend kam König Greedeon zu den
Freunden. Er hatte ein ernstes Gesicht und berichtete, dass in
Ariacs Zimmer ein blutgetränktes Hemd gefunden worden war.
Daraufhin waren natürlich alle schockiert. Nun hatte kaum einer
noch Zweifel daran, dass Ariac wirklich der Mörder war. Doch Rijana
rannte fort und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Sie wusste nicht,
was sie glauben sollte.
In den folgenden Tagen versuchte Rijana immer
wieder, noch einmal mit Ariac zu reden, aber die Wachen ließen sie
nicht zu ihm. Brogan ging noch einmal in den Kerker.
Ariac war verschlossen und wollte nicht reden. Ganz
am Schluss sagte er nur noch: »Ihr glaubt mir doch ohnehin alle
nicht. Ich bin doch nur einer von Scurrs verdammten
Spitzeln.«
Brogan, der schon gehen wollte, kam noch einmal
zurück und sah Ariac tief in die Augen. Auch wenn alles gegen den
Jungen sprach, der Zauberer konnte keine Lüge in seinen Augen
erkennen.
»Wer war es dann?«
Ariac hob die Schultern. Darüber zerbrach er sich
schon lange den Kopf.
»Flanworn war in Scurrs Schloss«, sagte Ariac
plötzlich. »Ich weiß nicht, was hier vorgeht, aber bitte«, er sah
den Zauberer verzweifelt an, »pass auf Rijana auf.«
Der Zauberer nickte ernst und ging nachdenklich
durch das Schloss zurück in sein Gemach.Vieles passte nicht
zusammen. Warum hatte Ariac, falls er denn wirklich der Mörder war,
das blutige Hemd nicht verschwinden lassen? Warum hatte er nicht,
falls er wirklich Scurrs Spitzel war, gleich die Gunst der Stunde
genutzt und noch weitere Menschen getötet, wenn er schon Flanworn
umgebracht hatte? Das alles beschäftigte den Zauberer während der
nächsten Tage.
Rijana hingegen war furchtbar wütend auf ihre
Freunde.
Keiner glaubte ihr, dass Ariac unschuldig war. Merkwürdigerweise
war es nicht einmal Falkann, der gegen Ariac hetzte. Er versuchte
nur immer wieder, Rijana zu trösten, doch die wollte keinen Trost,
sie wollte die Wahrheit.
Traurig saß sie unter einer großen Eiche, während
der Regen neben ihr auf den Boden prasselte. Unter den dicken
Blättern merkte sie davon nichts. Falkann kam auf sie zugelaufen
und setzte sich neben sie. Rijana fühlte sich unwohl, als er den
Arm um sie legte.
»Jetzt sei doch bitte nicht so traurig. Du hast
dich einfach in ihm getäuscht.« Er blickte ihr ernst ins Gesicht.
»Oder bedeuten wir anderen dir überhaupt nichts mehr?«
Sie runzelte die Stirn. »Natürlich bedeutet ihr mir
etwas«, dann sah sie Falkann an, »aber er war es nicht. Ariac lügt
mich nicht an, da bin ich mir sicher.«
Falkann durchschoss das schlechte Gewissen wie ein
Pfeil. Aber er redete sich ein, das Richtige zu tun. Ariac war
nicht gut für Rijana, und höchstwahrscheinlich spielte er wirklich
ein falsches Spiel.
Falkann stand auf. »Naravaack übersteht niemand,
ohne Schaden davonzutragen. Er ist einer von Scurrs Männern, du
musst ihn vergessen«, verlangte er.
Rijanas Augen füllten sich mit Tränen. Sie rannte
an Falkann vorbei zurück ins Schloss und warf sich auf ihr Bett.
Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte.
Hawionn hatte Nachricht von König Greedeon
erhalten, der seinen Rat erbat. Nach einigen Tagen traf der
Zauberer mit einer Eskorte aus fünfzig Kriegern aus Camasann ein.
Sogleich ging er mit dem König in sein Arbeitszimmer. Den ganzen
Nachmittag beratschlagten sie, was nun mit Ariac geschehen
sollte.
»Ich habe ihm nie getraut«, sagte der König mit
gerunzelter Stirn. »Er wollte sich nie unterordnen.«
Hawionn nickte ernst. Er war ein wenig unsicher. Im
Moment hatten sie ganz offensichtlich alle sieben Kinder Thondras,
was ein Vorteil war. Ariac hingegen war eine Gefahr, das stand
ebenfalls fest.
»Wollt Ihr ihn hinrichten lassen?«, fragte Hawionn
ohne Umschweife.Vielleicht war es besser, nur sechs der Sieben zu
haben, diese aber alle unter Kontrolle.
»Ich habe auch schon daran gedacht«, gab Greedeon
zu. Dann zeichnete sich jedoch ein verschlagenes Lächeln auf seinem
Gesicht ab. »Aber vielleicht habe ich eine bessere Verwendung für
ihn.«
Brogan hatte erst ziemlich spät erfahren, dass
Hawionn eingetroffen war. Nun eilte er zum Arbeitszimmer des
Königs. Er wollte gerade die Tür öffnen, als ihn etwas innehalten
ließ. So blieb er stehen und lauschte durch den schmalen Spalt, den
er gerade eben geöffnet hatte.
»… vielleicht wird Scurr darauf eingehen, wenn wir
ihm dafür den Jungen ausliefern«, sagte König Greedeon
gerade.
Von Hawionn war Zustimmung zu hören. Brogan stand
wie erstarrt im Gang. Er wusste nicht, was die beiden ausgeheckt
hatten, doch das, was er gehört hatte, konnte er kaum
glauben.
Brogan klopfte schließlich an der großen schweren
Tür und trat auf König Greedeons Befehl hin ein. Doch die beiden
Männer redeten nun nur noch über belanglose Dinge. In Bezug auf
Ariac sagten sie Brogan, dass sie noch eine Weile darüber
nachdenken müssten.
Einige Tage lang grübelte Brogan darüber, was er
gehört hatte. Er versuchte sogar, Hawionn von Ariacs Unschuld zu
überzeugen, doch der wollte nicht hören. Das Wort »Scurr« fiel in
Brogans Anwesenheit überhaupt nicht, was ihn ziemlich nervös
machte.
Eines Nachts hatte Brogan eine Entscheidung
gefällt. Der
Mond stand hoch am Himmel, als er durch die Gänge des Schlosses
schlich und schließlich an Rijanas Tür klopfte.
»Ich bin es, Brogan«, flüsterte er, und schließlich
hörte er den Riegel, der sich nach hinten schob. Rijana öffnete mit
verschlafenem Blick.
Der Zauberer guckte sich nervös um und schob das
Mädchen nach innen.
»Ich muss mit dir reden.«
Sie nickte und setzte sich auf einen der Stühle.
Brogan setzte sich neben sie, nahm ihre Hand und blickte ihr
eindringlich in die Augen. »Bist du dir wirklich sicher, dass Ariac
unschuldig ist?«, fragte er.
Rijana nickte bestimmt und sah den Zauberer
verwirrt an. Was wollte er von ihr?
»Ich habe durch Zufall etwas mitgehört, aber du
darfst niemandem davon erzählen.«
Rijana nickte erneut und beugte sich gespannt nach
vorn.
»König Greedeon will Ariac an König Scurr
ausliefern.«
Rijana entfuhr ein leiser Schrei des Entsetzens,
und sie presste eine Hand vor den Mund. »Das kann doch nicht sein«,
flüsterte sie.
Brogan drückte ihre Hand fest. »Ich weiß nicht, was
dahintersteckt, ich konnte nicht alles hören.«
»Was machen wir denn jetzt?«, flüsterte sie
entsetzt.
»Wenn du ihm wirklich traust, dann werde ich ihm
helfen zu entkommen.«
Hoffnung keimte in Rijana auf, und sie nickte
nachdrücklich.
»Es ist ein Risiko«, sagte der Zauberer, »ich kann
auch nicht sagen, ob es klappen wird, aber Ariac muss erst einmal
verschwinden.«
»Dann kann er endlich in die Steppe gehen und
sehen, dass wir seine Leute nicht ermordet haben«, flüsterte
sie.
Brogan lächelte sie an. »Ja, das kann er. Morgen
Nacht werde
ich den Wachmännern einen Schlaftrunk in ihr Wasser geben, dann
lasse ich Ariac frei. Ich werde ihm meinen magischen Umhang, der
sich farblich der Umgebung anpasst, und ein Schwert geben.«
»Aber er kommt doch aus dem Schlossgelände nicht
raus«, wandte Rijana ein. Die Mauern waren mehr als mannshoch und
wurden streng bewacht.
»Er muss es versuchen, vielleicht kann er über die
Mauer klettern. Nicht überall sind Wächter«, er sah sie ernst an,
»eine andere Chance hat er nicht.«
Rijana nickte und schluckte anschließend heftig.
»Kann ich ihn noch einmal sehen?«
Brogan nickte ernst. »Das musst du sogar. Wenn ich
allein kommen würde, würde er mir vielleicht nicht glauben.«
»Gut, dann morgen Nacht«, sagte Rijana.
Den ganzen nächsten Tag über musste sich Rijana
sehr zusammenreißen, denn sie war furchtbar nervös. Endlich wurde
es Abend, und Rijana entschuldigte sich damit, Kopfschmerzen zu
haben, und ging bald auf ihr Zimmer. Dort lief sie bis Mitternacht
unruhig auf und ab. Der Regen des Tages hatte sich verzogen, und
nun hing Nebel über dem Land.
Das ist gut für Ariac, dachte Rijana,
dann sehen die Wachen ihn nicht gleich.
Etwa um Mitternacht klopfte es leise an der Tür,
und Brogan stand mit einem Bündel unter dem Arm vor ihr.
»Bist du bereit?«, fragte er ernst.
Rijana nickte aufgeregt und folgte dem Zauberer
durch das ruhige Schloss. Die Wachen vor den Kerkern schnarchten
tief und fest, als die beiden über sie hinwegstiegen. Lautlos
schlichen sie in den Kerker, wo Ariac schlafend im Stroh lag.
»Wach auf«, rief Rijana, so laut sie es sich
traute.
Ariac fuhr auf, blinzelte im trüben Licht der
Fackeln und kam langsam näher.
»Brogan befreit dich. Du musst verschwinden! König
Greedeon will dich König Scurr ausliefern«, berichtete sie
aufgeregt.
Ariac zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen und
blickte auf den Zauberer. »Warum willst du mir helfen?«
»Weil Rijana dir traut«, erwiderte der Zauberer.
»Und ich glaube, dass ein guter Mensch in dir steckt. Auch wenn ich
niemals geglaubt hätte, dass jemand Scurrs Ausbildung übersteht,
ohne verrückt zu werden.«
Ariac deutete ein Lächeln an. »Das habe ich auch
beinahe nicht.«
»Du musst verschwinden, Ariac«, sagte Brogan. »Ich
weiß nicht, was Hawionn und Greedeon ausgeheckt haben und ob Scurr
darauf eingeht. Aber es ist sicherlich nichts Gutes für
dich.«
Ariac nickte und blickte dem Zauberer in die Augen.
»Ich habe Flanworn nicht getötet, aber wenn er Rijana etwas angetan
hätte, hätte ich nicht gezögert.«
Der Zauberer lächelte. »Das hätte ich ebenfalls
nicht.« Schließlich öffnete er den Riegel, gab Ariac den Umhang,
das Bündel mit Essen und das Schwert.
»Rijana, geh zurück. Ich bringe ihn zu den Pferden.
Er soll so weit es geht reiten und dann über die Mauer
klettern.«
Sie nickte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Ariac nahm sie noch einmal in den Arm und streichelte über ihre
Wange.
»Mach dir keine Sorgen, ich komme zurecht.« Er
holte den kleinen Stein aus seiner Tasche. »Das wird mir Glück
bringen.«
Sie nickte unter Tränen und umarmte ihn noch einmal
fest, dann rannte sie die Treppe hinauf.
Rijana warf sich auf ihr Bett. Sie war froh, dass
Brogan Ariac half, aber jetzt würde sie ihn nicht mehr sehen,
vielleicht nie wieder.
Er geht zurück in die Steppe, zu seinen
Leuten, sagte sie sich immer wieder und fuhr über den Anhänger
mit der Pfeilspitze, der an ihrem Hals hing. Darunter hing die
Kette von Falkann.
Plötzlich wusste sie, dass auch sie nicht
hierbleiben konnte. Die anderen glaubten ihr nicht, König Greedeon
spielte ein falsches Spiel, und Brogan würde auch nicht ewig
bleiben können. Sie sprang auf und zog aus ihrem Schrank die
Kleidung heraus, mit der sie aus Camasann gekommen war. Dann
kritzelte sie noch rasch eine Nachricht auf einen Zettel und rannte
durch das Schloss, dann durch die Gärten und schließlich zu den
Stallungen.
Ariacs Hengst war bereits fort. In fliegender Eile
sattelte Rijana ihre Stute und ritt nach draußen. Ein Stallknecht,
den Brogan wohl auch betäubt hatte, schnarchte im Stroh. Im nassen
Gras konnte man Spuren eines galoppierenden Pferdes sehen, doch es
war sehr neblig. Rijana trabte der Spur nach und blickte immer
wieder angestrengt auf den Boden. Lenya wieherte plötzlich leise,
und Rijana galoppierte an. Vielleicht würde ihr Pferd Ariacs Hengst
ja hinterherlaufen. Nach einer Weile sah sie vor sich eine
schemenhafte Gestalt im Nebel und trieb ihre Stute an. Doch auch
der andere schien zu fliehen. Ariac hielt sie wohl für einen
Verfolger. Rijana traute sich nicht, laut zu rufen, da sie Angst
hatte, von Wachen entdeckt zu werden. Schließlich hielt der Reiter
vor ihr an und stellte sich ihr mit gezogenem Schwert in den
Weg.
»Ich bin’s nur«, rief sie leise.
Ariac senkte das Schwert und ritt näher zu ihr
hin.
»Was in aller Welt tust du hier?«, flüsterte er
gereizt. »Ich hätte dich beinahe umgebracht.«
»Ich komme mit«, sagte sie fest.
»Das kannst du nicht, denn es ist zu gefährlich,
und du gehörst hierher«, erwiderte er leise und blickte sich nervös
um.
»Nein, das tue ich nicht, und wie du siehst, ist es
hier auch nicht ganz ungefährlich«, sagte sie nachdrücklich.
»Rijana, bitte«, begann er, doch da sah man zwei
berittene Gestalten im Nebel auftauchen.
Ariac fluchte leise und machte Rijana ein Zeichen,
ihm zu folgen. Vorsichtig ritten sie hinter ein Gebüsch und blieben
stehen, bis die Wachen außer Sichtweite waren.
»Rijana, bitte geh jetzt«, flüsterte Ariac, »ich
muss weiter, und es wird bald hell.«
Sie schüttelte stur den Kopf.
»Ich will nicht bei König Greedeon bleiben. Er ist
nicht ehrlich, und Hawionn spielt auch ein falsches Spiel.«
»Brogan wird auf dich achten und deine Freunde
ebenso«, erwiderte Ariac.
»Brogan wird bestimmt zurück nach Camasann
geschickt, und die anderen vertrauen mir nicht«, sagte Rijana, nun
ein wenig traurig.
Ariac nahm ihre Hand und blickte sie eindringlich
an. »Ich bin ein gesuchter Mörder, einer von Scurrs Männern und
einer vom Steppenvolk. Ich bin nirgends sicher, deshalb kannst du
mich nicht begleiten.«
»Das einzig Wahre von dem, was du gesagt hast, ist,
dass du aus der Steppe kommst. Sieh doch ein, ich will dir nur
dabei helfen zu erkennen, dass keiner von uns dein Volk ermordet
hat.«
Ariac schloss kurz die Augen, doch bevor er etwas
erwidern konnte, hörten sie schon wieder Hufschläge hinter sich.
Ariac trieb sein Pferd an, und Rijana folgte ihm. Doch es war
bereits zu spät. Durch die Nebelschwaden, die hier und da
aufrissen, sah man fünf von König Greedeons Soldaten.
»Da ist etwas«, schrie einer.
Rijana und Ariac galoppierten an.
»Wohin?«, fragte sie erschrocken.
Ariac deutete in Richtung der Mauer. »Etwas weiter
östlich ist die Mauer ein wenig eingebrochen, vielleicht können wir
hinüberspringen.«
Rijana hob überrascht die Augenbrauen. Scheinbar
hatte Ariac seine Flucht schon lange geplant. Seite an Seite
galoppierten sie weiter, die Schreie der Soldaten hinter sich. Kurz
vor der Mauer hielten sie noch einmal an.
»Bitte bleib hier«, bat Ariac verzweifelt.
Rijana schüttelte den Kopf. »Sie haben mich schon
gesehen.«
Er fluchte leise und deutete auf die Mauer vor
sich, die tatsächlich etwas eingestürzt war.
»Wir müssen springen.«
Rijana schluckte. Das war ziemlich hoch. Ariac
blickte sie noch einmal fragend an, dann drückte er seinem Pferd
die Fersen in die Seite und galoppierte los. Rijana folgte ihm, und
als Lenya zu einem gewaltigen Sprung ansetzte, schloss sie kurz die
Augen. Doch schon waren sie auf der Grasebene, die sich hinter dem
Anwesen des Königs erstreckte, und jagten in Richtung Norden.
Am nächsten Morgen herrschte helle Aufregung im
Schloss von Balmacann, denn es hatte die Runde gemacht, dass der
Gefangene entkommen war. Dass auch Rijana fehlte, fiel erst auf,
als sich die anderen versammelt hatten. Auch Brogan war anwesend,
hatte sich jedoch gut unter Kontrolle.
»Jemand hat ihm geholfen«, rief König Greedeon
außer sich vor Wut.
Hawionn ließ derweil seinen stechenden Blick über
die Gesichter der Anwesenden streifen, aber die schienen ebenso
überrascht wie alle anderen.
»Wo bleibt denn Rijana?«, fragte Falkann
nervös.
»Ich weiß nicht, ich dachte, sie wäre bereits
hier«, erwiderte Saliah. »In ihrem Zimmer war sie nicht
mehr.«
Zwei Soldaten kamen herein und berichteten, dass
sie zwei unbekannte Personen bis weit hinter die Mauern verfolgt
hatten, doch dann waren sie ihnen im Nebel entwischt.
»Sie sind einfach über die Mauer gesprungen. Wir
mussten erst durch das Tor durch, daher hat es etwas länger
gedauert«, berichtete der eine Soldat.
»Warum seid ihr nicht hinterhergesprungen?«, fragte
König Greedeon ungehalten.
Der Soldat wand sich ein wenig verlegen. »Es war zu
gefährlich, mein Herr.«
Greedeon machte eine unwillige Handbewegung, und
Hawionn fragte drängend: »Habt ihr erkannt, wer es war?«
»Nein, mein Herr, aber es war eindeutig der
Gefangene, denn sein Pferd ist fort.«
Falkann wurde plötzlich von einem unguten Gefühl
befallen. Er rannte hinaus. Auch die anderen waren sich ziemlich
sicher, dass Rijana mit Ariac gegangen war und ihm geholfen hatte.
Broderick ging in ihr Zimmer und kehrte kurze Zeit später zurück,
als Falkann vor Wut schäumend in der großen Eingangshalle
stand.
»Rijanas Pferd ist fort«, rief er und trat mit dem
Fuß immer wieder gegen einen der hohen, verzierten Pfosten. »Er hat
sie entführt, verdammt.«
Broderick schüttelte den Kopf, packte seinen Freund
am Arm und hielt ihm einen Zettel und die Kette hin, die Falkann
Rijana vor einiger Zeit geschenkt hatte.
»Es tut mir leid«, stand darauf.
Falkann fluchte und warf die Kette an die
Wand.
Beinahe ohne Pause galoppierten Rijana und Ariac
in Richtung Norden. Sie hielten nur kurz an, um die Pferde zu
tränken und selbst etwas zu essen. Immer wieder versuchte Ariac,
Rijana zu überzeugen, doch noch umzudrehen, aber sie weigerte sich
hartnäckig. Zwar hatten sie die Verfolger bald abgeschüttelt,
aber Ariac war sich sicher, dass man sie weiterhin verfolgen
würde.
Am Abend hatten sie den Donnerfluss erreicht, der
sich mit lautem Rauschen seinen Weg durch das Land bahnte. Weiter
im Süden gab es eine Brücke, doch die war zu weit entfernt und
würde sicherlich bewacht werden.
Rijana und Ariac ritten etwas nach Süden, denn im
Norden wurde der reißende Fluss noch wesentlich breiter.
»Wie sollen wir denn da hinüberkommen?«, fragte
Rijana und blickte in die tosenden Wasser des Donnerflusses.
Ariac hob die Schultern, denn das wusste auch er
nicht so genau. Schließlich verbrachten sie die Nacht in der Nähe
des Flusses in einem Gebüsch. Sie trauten sich nicht, ein Feuer zu
entzünden, denn das wäre zu auffällig gewesen. Rijana hatte wegen
ihrer überstürzten Flucht keine Decke dabei, daher gab Ariac ihr
seine.
»Nimm sie, mir ist nicht kalt«, sagte er
aufmunternd.
»Wenn wir in eine Stadt oder ein Dorf kommen, dann
kaufe ich mir eine eigene«, versprach sie und deutete auf den
Beutel mit Gold, der an ihrem Gürtel hing. Den hatte sie zum Glück
noch rasch mitgenommen.
Ariac nickte. Auch Brogan hatte ihm etwas Gold
mitgegeben.
»Ich halte Wache, damit du schlafen kannst«, sagte
er und gab ihr noch etwas aus dem Proviantsack.
Rijana nickte und wickelte sich in ihre Decke. In
den Nächten wurde es empfindlich kalt. Das Jahr war noch jung.
Ariac stellte sich auf einen Hügel in der Nähe und spähte in die
hereinbrechende Dunkelheit. Er wusste nicht, was er von alldem
halten sollte. Hatte Greedeon ihn wirklich verkaufen wollen? Und
was wäre passiert, wenn Scurr ihn tatsächlich in die Finger
bekommen hätte? Dann fiel sein Blick auf die Stelle, wo Rijana
schlief. Einerseits freute er sich, dass sie bei ihm war,
andererseits wollte er sie nicht in Gefahr bringen.
Einen Augenblick lang erwägte er, sie allein zu lassen und
weiterzuziehen. Aber diesen Gedanken verwarf er rasch wieder. Wer
wusste, was Greedeons Männer mit ihr machen würden.
Ariac seufzte. Er hatte keine Ahnung, wie sein
Leben weitergehen sollte. Zunächst musste er in die Steppe und mit
eigenen Augen sehen, was mit seinem Clan geschehen war.
Später in der Nacht hörte er leise Schritte. Rijana
kam zu ihm.
»Jetzt kannst du schlafen«, sagte sie
gähnend.
»Du musst nicht Wache halten«, erwiderte er.
Doch Rijana schüttelte den Kopf. »Das macht mir
nichts aus, wir haben das oft tun müssen, als wir noch auf Camasann
waren.« Sie biss sich auf die Lippe, denn sie musste an ihre
Freunde denken. Etwas unwohl fühlte sie sich schon dabei, so ganz
ohne ein Wort gegangen zu sein.
Ariac nahm sie in den Arm. »Du kannst noch
umdrehen. Ich bin dir nicht böse, wenn du es tust.«
Doch Rijana schüttelte den Kopf und postierte sich
nun ihrerseits auf dem Hügel. Unter ihr grasten die beiden Pferde,
die nach dem anstrengenden Ritt müde wirkten.
Auch Rijana machte sich ihre Gedanken. Ihre Flucht
war ein wenig unüberlegt und eilig gewesen, eigentlich wusste sie
doch sehr wenig von Ariac. War es wirklich richtig gewesen, mit ihm
zu gehen? Aber dann atmete sie die frische klare Nachtluft ein und
musste sich eingestehen, dass sie sich erst jetzt richtig frei
fühlte. Dieses Gefühl hatte sie weder auf Camasann noch auf dem
Schloss gehabt.
In der Morgendämmerung brachen die beiden nach
einem eiligen Frühstück auf. Es war erneut ein nebliger Morgen, und
leichter Nieselregen fiel vom Himmel. Ein Stück flussabwärts fanden
sie einen Abschnitt, der etwas seichter und weniger reißend
wirkte.
»Wir sollten es versuchen, etwas Besseres werden
wir wohl
nicht finden«, meinte Ariac und blickte skeptisch ins Wasser. »Du
wartest, bis ich drüben bin.«
Rijana nickte zustimmend und sah, wie Ariac seinen
Hengst ins Wasser trieb. Der schnaubte ein paar Mal aufgeregt, aber
dann lief er in die reißenden Fluten. Das Pferd war schon nach
einem kurzen Stück bis zur Brust versunken und begann schließlich
zu schwimmen. Rijana hielt die Luft an, als die beiden ein Stück
flussabwärts getrieben wurden, doch dann hatte der Hengst wieder
festen Boden unter den Füßen und galoppierte den Abhang
hinauf.
»Sei vorsichtig«, schrie Ariac zu ihr hinüber und
stieg von seinem Pferd.
Lenya zögerte. Scheinbar gefiel auch der Stute der
rutschige Untergrund nicht, aber schließlich trat auch sie in die
Strömung. Das Wasser war eiskalt, und Rijana sog die Luft scharf
ein, als das Pferd ins Wasser tauchte. Eine Weile kämpfte sie mit
dem Pferd gegen die Strömung, dann war sie bei Ariac angelangt, der
ein erleichtertes Gesicht machte.
»Komm, wir müssen weiter, bis zum Abend sollten wir
die Handelsstraße erreicht haben.«
Rijana nickte, und die beiden galoppierten Seite an
Seite durch das hügelige und menschenleere Land. Hin und wieder sah
man kleine Haine und hier und da sogar einen verlassenen Hof, aber
sie trafen zu ihrem Glück auf keine Wachen. Die Straße war weiter
entfernt, als es die Karte, die Brogan Ariac gegeben hatte, Glauben
machen wollte. So mussten sie weitere zwei Tage durch das Land
reiten. Ariac war nachdenklich und redete nicht viel. Er war immer
noch etwas durcheinander.
Nach einer Nacht im Schutz eines schmalen
Waldstücks stiegen Rijana und Ariac wieder einmal in den Sattel. Es
regnete schon seit dem letzten Abend, und sowohl Mensch als auch
Tier waren ziemlich nass. Mit gesenkten Köpfen ritten sie
weiter durch das hügelige Land. Mittags schien es ein wenig
aufzureißen, und Rijana und Ariac hängten ihre Umhänge zum Trocknen
auf. Ariac gab Rijana etwas von dem letzten Brot. Er würde bald
jagen gehen müssen, denn der Proviant ging zur Neige.
»Was sind das eigentlich für Umhänge?«, fragte er
und nahm einen Schluck aus seinem Wasserschlauch.
Rijana hob die Schultern. »Ich weiß nicht genau,
aber alle Zauberer tragen sie, und wir haben welche bekommen, als
sich herausstellte, dass wir Thondras Kinder sind.«
Ariac nickte. »Sie sind praktisch«, sagte er mit
der Andeutung eines Lächelns. »Ich möchte wissen, wie sie gefertigt
sind.«
»Keine Ahnung«, seufzte Rijana und wischte sich
eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie hätte es niemals
zugegeben, aber sie war müde, ihr war kalt, und sie war erschöpft.
Vier Tage waren sie nun auf der Flucht und wussten nicht, ob König
Greedeons Männer noch hinter ihnen her waren.
»Wollen wir weiterreiten?«, fragte Ariac und warf
einen besorgten Blick auf den Himmel. Der Wind hatte aufgefrischt,
doch er schien die Wolken nicht wegzublasen, sondern eher neue aus
dem Osten herzubringen.
Rijana nickte und lief zu ihrem Pferd, welches sie
an der Schulter anstupste.
»Wie heißt dein Hengst eigentlich?«, fragte
Rijana.
Ariac blickte sie überrascht an, dann antwortete
er: »Nawárr, nach dem Gott des Windes, denn er ist genauso
schnell.« Er streichelte seinem schwarzen Hengst über das mit roten
Stichelhaaren durchzogene Fell.
Rijana nickte lächelnd. »Er ist wirklich sehr
schön.«
»Deine Stute auch. Wie hast du sie genannt?«
»Lenya«, sie grinste verlegen, »nach einem der
ersten sieben Kinder Thondras. Ich dachte, das wäre passend.«
Beide stiegen auf ihre Pferde. Im Laufe des Tages
nahm der Wind an Stärke zu, und es begann wieder zu regnen. Die
beiden zogen sich ihre Umhänge weit ins Gesicht, und einige Zeit
hielten sie auch den Regen ab, aber als dieser mit aller Macht auf
sie niederprasselte, waren auch die Kleider bald durchgeweicht. Als
es dunkel wurde, hielt Ariac verzweifelt nach einem Unterschlupf
Ausschau, aber außer ein paar weit auseinanderstehenden Bäumen fand
er nichts. Als es zu dunkel zum Reiten wurde, hielten sie im
spärlichen Schutz einiger Felsen an. Rijana stieg steifgefroren von
ihrer Stute, sattelte sie mit klammen Händen ab und kauerte sich
neben einen der Felsen. Ariac kniete sich neben sie und gab ihr die
beinahe schon vollkommen durchweichte Decke.
»Nimm sie«, sagte er und betrachtete das Mädchen
besorgt. Ihm selbst war zwar auch kalt, aber er konnte nicht
ertragen, dass Rijana so leiden musste.
Rijana schlang die Decke um sich und versuchte,
ihre Zähne nicht allzu sehr klappern zu lassen. Ariac gab ihr etwas
zu essen und legte anschließend zögernd seinen Arm um sie.
»Darf ich? Dann ist es vielleicht etwas
wärmer.«
Sie nickte und hob die feuchte Decke ein wenig an.
Er setzte sich neben sie auf den ebenfalls nassen Boden und
versuchte, ihr etwas von seiner Körperwärme abzugeben. Auch wenn
sie tapfer zu lächeln versuchte, konnte er spüren, wie sehr sie
zitterte.
»Jetzt bereust du es, mit mir gegangen zu sein,
oder?«
Sie schüttelte den Kopf, obwohl ihr an diesem Tag
schon des Öfteren das Zimmer im Schloss von Balmacann in der
Erinnerung zum Paradies geworden war.
»Nein, das macht mir nichts aus«, behauptete sie
bibbernd und lehnte sich an Ariacs Schulter.
Der hielt in dieser Nacht keine Wache. Er blieb bei
Rijana sitzen, die irgendwann zitternd eingeschlafen war. Noch vor
der Morgendämmerung brachen sie auf. Es regnete noch
immer, und im Laufe des Tages mischte sich sogar ein wenig Schnee
unter die Tropfen. Rijana hielt sich mit eiskalten Fingern am
Sattel fest. Sie fror erbärmlich und glaubte irgendwann, einfach
vom Pferd kippen zu müssen, aber sie ritt Ariac tapfer hinterher.
Der warf immer wieder besorgte Blicke nach hinten.
»Wir suchen uns besser ein Dorf«, sagte er
irgendwann. Bisher hatten sie sich abseits der Straße gehalten, da
sie Angst vor König Greedeons Soldaten hatten.
»Zzzuu geffährlich«, erwiderte Rijana undeutlich
und wischte sich mit einer steifgefrorenen Hand die Nässe aus dem
Gesicht.
Ariac ritt neben sie und legte ihr einen Arm um die
Schultern. »Es ist einfach zu kalt. Wir müssen einen warmen Platz
finden.«
Doch sie schüttelte weiterhin den Kopf.
»Kannst du wirklich noch weiter?«, fragte Ariac
seufzend.
Rijana versicherte es und kauerte sich im Sattel
zusammen.
Dicke Wolken hingen über dem Land, die von Schnee
und Regen kündeten. Durch die schlechte Sicht hatten sie sich wohl
etwas zu sehr von der Straße entfernt, denn nun ging es wieder
durch buschreiches Land. Irgendwann hielt Ariac an, half der
unkontrolliert zitternden Rijana vom Pferd und führte sie unter den
spärlichen Schutz eines leicht überhängenden Felsens. Mit seinen
kalten, beinahe gefühllosen Händen versuchte er, ihr die Arme und
Hände warm zu reiben.
»Es tut mir so leid«, flüsterte er mit klappernden
Zähnen in ihre durchnässten Haare und drückte sie fest an
sich.
Rijana hatte keine Kraft mehr, etwas zu erwidern.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals so erbärmlich gefroren
zu haben.
»Komm, wir suchen jetzt ein Dorf«, bestimmte Ariac,
als sich das Wetter nicht besserte.
Rijana brachte die Zähne nicht mehr weit genug auf,
um zu widersprechen. Sie ließ sich von Ariac zu ihrem Pferd führen.
Schließlich nahm er ihre Zügel und ritt weiter, wie er hoffte, in
Richtung der Straße. Es schneite und regnete ununterbrochen fort.
Ariac machte sich wirklich Sorgen um Rijana, die zusammengekauert
auf ihrer Stute saß und sich gerade so am Sattel festhalten konnte.
Als es schon beinahe dunkel war, sah er in der Ferne etwas
aufleuchten. Aus dem Kamin eines kleinen Holzhauses stieg Rauch
auf. Ariac half Rijana vom Pferd. Diese konnte mit ihren
eingefrorenen Füßen kaum noch laufen. Anschließend sattelte er die
Pferde ab und ließ sie frei. Ariac hoffte, dass die beiden nicht
fortlaufen und hier grasen würden. Mitnehmen wollte er die edlen
Pferde nicht, sie würden zu sehr auffallen.
Er packte Rijana am Arm und zog sie mit sich in
Richtung des Hauses. Vor der Tür hielt er sie ganz fest, denn ihr
drohten die Beine wegzuknicken. Dann klopfte er an. Nach einer
Weile hörte er Schritte, und ein Mann mittleren Alters mit grauen
Haaren und einem Stoppelbart öffnete. Er trug die Kleidung eines
Bauern. Ein großer schwarzer Hund stand knurrend hinter ihm.
»Was tut ihr hier, und was wollt ihr?«, fragte er
misstrauisch, während er versuchte, einen Blick auf die Gesichter
unter den Kapuzen der beiden zu erhaschen.
»Bitte, können wir in Eure Hütte gehen, bis das
Wetter sich bessert?«, fragte Ariac undeutlich.
Der Mann runzelte die Stirn. »Was tut ihr so weit
von der Handelsstraße entfernt und noch dazu bei diesem
Wetter?«
»Bitte, dem Mädchen ist furchtbar kalt«, bat Ariac
mit zitternder Stimme.
»Ich will dein Gesicht sehen«, befahl der
Bauer.
Ariac zog seufzend die Kapuze nach hinten, und der
Bauer wich einen Schritt zurück, woraufhin der Hund noch
bedrohlicher zu knurren begann.
»Verschwinde, du bist einer vom Steppenvolk.«
Ariac schloss kurz die Augen. »Dann lasst zumindest
das Mädchen hinein, ihr ist kalt, ich möchte nicht, dass sie krank
wird. Ich bleibe draußen. Sie ist keine vom Steppenvolk.«
»Nein«, murmelte Rijana undeutlich, denn sie wollte
nicht, dass Ariac sie allein ließ, doch der Bauer machte ohnehin
ein unwilliges Gesicht.
Er blickte in den mit Schnee durchsetzten Regen
hinaus und sagte schließlich seufzend: »Von mir aus könnt ihr in
der Scheune schlafen.« Er runzelte die Stirn. »Aber wehe, morgen
früh fehlt etwas.«
Ariac hätte ihn für diese Äußerung zwar gerne
geschlagen, aber im Moment war er einfach nur dankbar, dass Rijana
ins Trockene kam.
»Könnt Ihr meiner Gefährtin etwas Trockenes zum
Anziehen geben?«, bat er und fügte rasch hinzu, als er das
unwillige Gesicht des Bauern sah: »Ich kann bezahlen.«
Mit klammen Fingern holte er ein kleines Goldstück
hervor, welches der Bauer mit großen Augen ansah. Das war
selbstverständlich viel zu viel Bezahlung, aber Ariac war das im
Moment egal.
»Um die Ecke, hinterm Haus«, knurrte der Bauer und
biss auf das Goldstück, das echt zu sein schien. »Ich bringe euch
nachher frische Kleidung.«
Ariac nickte und führte Rijana durch den Regen.
Bald waren sie in der alten Scheune angekommen, die zwar auch ein
wenig zugig, aber zumindest trocken war. Er führte Rijana in eine
Ecke mit Stroh und legte beide Arme um sie. Sie lehnte sich
erschöpft und durchgefroren an ihn.
»Gleich wird es wärmer«, versprach er, »der Bauer
bringt dir frische Kleidung, dann wird alles gut.«
Der Bauer, Jorn, hatte rasch ein paar alte Kleider
und sogar etwas zu essen geholt und war zur Scheune gelaufen.
Dieser
junge Steppenmann war ihm zwar nicht ganz geheuer, aber ihm hatte
das Mädchen leidgetan. Er stand gerade in der offenen Scheunentür,
als er sah, wie liebevoll sich der junge Mann um das Mädchen
bemühte, das ganz offensichtlich furchtbar fror.
So geht doch keiner der Wilden mit einer Frau
um, dachte Jorn verwundert. Die Steppenleute sind doch
angeblich grausam und ungebildet.
Er zuckte die Achseln und ging näher. Jorn sah, wie
besorgt das fremdländische Gesicht des jungen Mannes mit den
merkwürdigen Tätowierungen wirkte.
Schließlich gab sich Jorn einen Ruck. »Na ja, von
mir aus könnt ihr auch mit ins Haus kommen«, knurrte er. »Ich will
gar nicht wissen, wo du das Gold herhast, aber das ist mehr als
genug Bezahlung für einen Schlafplatz und ein warmes Essen.«
Ariac stand erleichtert auf und nahm Rijana, die
sich vor Kälte wirklich nicht mehr bewegen konnte, auf seine Arme.
Jorn führte die beiden in die Wohnstube und befahl dem großen Hund,
ruhig zu sein. Ariac setzte Rijana auf den Boden neben das Feuer.
Aus dem Nebenraum tauchte eine Frau mit leicht ergrauten blonden
Haaren auf.
»Wir haben wohl Besuch«, sagte sie überrascht. Als
Ariac den Kopf drehte und sie sein Gesicht sah, schrak sie
zurück.
»Ich tue Euch nichts, keine Sorge«, sagte Ariac
beruhigend, und auch Jorn nickte seiner Frau zu.
»Du musst dich umziehen, Rijana«, sagte Ariac
eindringlich und rüttelte sie an der Schulter, denn Rijana war kurz
davor einzuschlafen.
Sie nickte müde, und Ariac verließ mit Jorn den
Raum. In dem winzigen Nebenraum, der die Küche war, stand dessen
Frau am Herd.
»Wo in aller Welt seid ihr denn hergekommen bei
diesem schlechten Wetter?«, fragte Freeda, die Bäuerin,
kopfschüttelnd.
»Wir sind etwas von der Straße abgekommen«, log
Ariac, und Jorn sah man ganz deutlich an, dass er das nicht
glaubte.
Nach kurzer Zeit gingen sie wieder hinein, und
Rijana saß in eine Decke gewickelt am Feuer und sah nun wieder
etwas lebendiger aus.
»Aber jetzt musst du dich umziehen«, verlangte sie
entschieden, als Ariac sich neben sie setzte.
Er nickte und reichte ihr eine der dampfenden
Teetassen, die Freeda ihm gegeben hatte. Anschließend verschwand er
im Nebenraum, um die alten Kleider von Jorn anzuziehen.
Freeda betrachtete das Mädchen kritisch, das mit
eiskalten Händen die Tasse umklammerte. Selbst mit den
klatschnassen Haaren und dem erfrorenen Gesicht wirkte sie sehr
hübsch.
Freeda beugte sich zu ihr herunter. »Hat er dich
entführt oder sonst etwas? Dann kann Jorn ihn sicher leicht
überwältigen«, flüsterte sie.
Rijana machte ein empörtes Gesicht und stellte die
Tasse weg. »Er ist mein Freund!«
»Oh«, sagte die Bäuerin erschrocken. »Aber warum
bist du mit ihm unterwegs?«
Rijanas Gesicht verschloss sich. »Das ist unsere
Sache.«
Freeda hob die Schultern und ging zurück in die
Küche, wobei sie Ariac einen kritischen Blick zuwarf. Rijana musste
lachen. Die alten, ausgeblichenen Kleider waren Ariac viel zu weit
und zu kurz.
Er setzte sich neben sie und legte einen Arm um
sie. »Ist es jetzt besser?«
»Viel besser«, antwortete sie mit einem
erleichterten Lächeln.
Jorn betrachtete die beiden verwirrt. Was hatte
dieses junge Mädchen mit dem Steppenmann zu schaffen? Freeda
brachte schließlich sogar noch zwei Schüsseln mit
Lammfleischeintopf, was beide gerne annahmen, doch Rijana fielen
beim Essen
immer wieder die Augen zu, so erschöpft war sie. Kaum hatte sie
die hölzerne Schüssel zur Seite gestellt, war sie auch schon an
Ariacs Schulter gelehnt eingeschlafen.
»Wir bringen euch noch Stroh und ein paar Decken«,
versprach Freeda leise, um Rijana nicht zu wecken.
Ariac nickte dankbar, und als die Bäuerin und der
Bauer etwas Stroh und zwei grobe Wolldecken gebracht hatten, legte
er Rijana ganz vorsichtig auf das behelfsmäßige Bett neben dem
Feuer. Anschließend streichelte er ihr liebevoll über die jetzt
schon beinahe getrockneten Haare.
»Danke«, flüsterte er den beiden Bauern zu, die ihn
verwirrt beobachteten.
»Wir gehen ins Bett«, sagte Jorn und warf noch
einen Blick in die kleine Wohnstube. Wahrscheinlich um zu sehen,
was Ariac in der Nacht alles stehlen könnte. Doch dann erinnerte
sich Jorn an das Goldstück und ging mit seiner Frau in die Küche,
um die schmale Stiege zum Dachboden hinaufzuklettern, wo sie
schliefen.
Ariac lehnte sich gegen die hölzerne Wand und
starrte in die Flammen. Er war froh, dass sie jetzt im Warmen
waren, vor allem um Rijanas willen, die friedlich neben ihm
schlief. Er selbst traute sich nicht zu schlafen, da er dem Bauern
gegenüber ein wenig misstrauisch war.
Die Morgendämmerung war wohl nicht mehr fern, als
Rijana erwachte. Zunächst wollte sie sich wieder umdrehen, doch
dann sah sie, dass Ariac mit offenen Augen neben ihr saß.
Sie streckte sich ein wenig. »Hast du noch gar
nicht geschlafen?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob wir den
Bauern trauen können.«
»Dann passe ich jetzt auf«, versprach sie.
Ariac zögerte und streichelte über ihre Haare. »Ist
dir wieder warm?«
Sie nickte grinsend und machte Platz, damit er sich
hinlegen konnte. Es dauerte nicht lange, bis er eingeschlafen war.
Bald kam Freeda leise herunter und sah, dass das Mädchen wach war.
Rijana versuchte gerade vergeblich, ihre Haare zu entwirren.
»Möchtest du einen Kamm haben?«, fragte die Bäuerin
freundlich.
Rijana nickte, und als Ariac, der wohl im Schlaf
die Stimme der anderen Frau gehört hatte, zusammenzuckte, beugte
sie sich zu ihm hinab und flüsterte: »Alles in Ordnung, du kannst
weiterschlafen.«
Daraufhin entspannte er sich wieder. Rijana stand
lächelnd auf und folgte der Bäuerin in die Küche. Die gab ihr einen
hölzernen Kamm und betrachtete Rijana verwirrt.
»Du bist ein so hübsches Mädchen«, sagte Freeda
bewundernd, dann blickte sie Rijana ernst an. »Bist du wegen ihm
von zu Hause weggelaufen?«
Rijana hielt mit dem Kämmen inne und überlegte, was
sie darauf antworten sollte. »Na ja, so ähnlich.«
»Aber, Kind, er ist doch ein Wilder! Deine Eltern
werden sich fürchterliche Sorgen machen.« Freeda blickte sie
eindringlich an. »Du bist wahrscheinlich nicht einmal
volljährig.«
Rijana schüttelte den Kopf. Erst mit einundzwanzig
Jahren galt man in diesen Zeiten als volljährig. »Das macht nichts,
ich weiß, was für mich gut ist. Und Ariac ist ein guter
Mensch.«
»Aber wo wollt ihr denn hin, Kind?«, fragte die
Bäuerin besorgt. »Du kannst doch nicht wie eine Wilde in der Steppe
leben.«
Rijana konnte Freeda wohl kaum alles erzählen. »Ich
kann tun und lassen, was ich will.«
Die Bäuerin wollte noch etwas erwidern, doch da kam
Ariac in den Raum. Er trug nun wieder seine eigene Kleidung, die
zum Glück getrocknet war.
»Wir können aufbrechen. Es regnet nicht mehr so
stark«, sagte Ariac.
»Ihr könnt auch noch bleiben«, beeilte sich die
Bäuerin zu sagen, und auch Jorn, der gerade zur Tür hereinkam,
nickte.
Doch Ariac wollte weiter, sie hatten sich ohnehin
schon zu lange aufgehalten.
»Können wir etwas Proviant von euch kaufen?«,
fragte er.
Jorn nickte bedächtig. »Du hast uns ohnehin viel zu
viel Gold gegeben. Ich werde einpacken, was wir entbehren
können.«
»Ich habe das Gold nicht gestohlen«, sagte Ariac
mit zusammengezogenen Augenbrauen, als er Jorns Blick sah.
Der hob die Achseln. »Und wenn schon, solange du es
nicht von den Armen nimmst – Greedeon und die Lords haben ohnehin
mehr als genug.«
Freeda machte ein erschrockenes Gesicht. »Sag doch
nicht so etwas.«
»Wer soll uns denn hören?«, knurrte Jorn.
Rijana und Ariac blickten sich verwirrt an. Sie
waren eigentlich der Meinung gewesen, dass König Greedeon durchaus
beliebt war.
»Seitdem er mit Catharga verbündet ist, ist alles
nur noch schlimmer«, fuhr Jorn fort, doch dann seufzte er. »Obwohl
es uns ja noch vergleichsweise gut geht. In den anderen Ländern ist
es noch übler.« Er schimpfte leise vor sich hin. »Wir dachten
eigentlich, dass, wenn Thondras Kinder wiedergeboren werden, sich
die Zustände bessern, aber nichts ist besser geworden. Sie sind
doch auch nur Greedeons Sklaven.«
Rijana und Ariac blickten sich an – das dachten die
Leute also von ihnen. Sie hatten außerdem gar nicht gewusst, dass
Catharga und Balmacann nun verbündet waren. Sicher, König Greedeon
hatte von jeher seine Krieger im Kampf gegen König Scurr zur
Verfügung gestellt, aber an sich herrschte eine gewisse Rivalität
zwischen den Ländern.
Schließlich packte Ariac das harte dunkle Brot,
etwas Käse und die geräucherten Würste ein. Rijana zog sich in
dieser Zeit wieder um.
»Willst du das Mädchen nicht lieber hierlassen,
junger Mann?«, fragte Jorn ernst. »Wir könnten sie zu ihren Eltern
zurückbringen.«
Ariac seufzte. »Nein, das macht leider keinen Sinn,
aber danke für eure Hilfe.«
Jorn und Freeda blickten sich besorgt an, aber sie
würden wohl kaum etwas ausrichten können. Schließlich war Rijana
fertig und verabschiedete sich von den Bauern. Draußen nieselte es
noch ein wenig. Rijana und Ariac eilten in Richtung der Bäume, wo
sie die Pferde zurückgelassen hatten. Das kleine Haus war bald
außer Sichtweite.
Zu ihrer Erleichterung kamen die Pferde ihnen schon
bald entgegen. Sie hatten unter den Bäumen gegrast und wirkten
ausgeruht. Rasch holte Ariac die Sättel, und die beiden ritten
weiter.
»Falkann hat nie etwas davon gesagt, dass sein
Vater sich mit König Greedeon verbündet hat«, sagte Rijana
nachdenklich, und der Gedanke an Falkann versetzte ihr einen
leichten Stich.
»Vielleicht wusste er es nicht«, erwiderte Ariac
und blickte angestrengt auf die Karte. Sie mussten wohl etwas
weiter nach Osten reiten, um in die Nähe der Straße zu gelangen,
die nach Norden führte.
»Denkst du auch, dass wir König Greedeons Sklaven
sind?«, fragte Rijana.
»Jetzt nicht mehr«, erwiderte Ariac mit einem
leicht zynischen Grinsen, doch dann wurde er ernst. »Na ja, ich
glaube zumindest nicht, dass er der ehrenhafte Mann ist, für den
ihr ihn gehalten habt.«
Den Rest des Tages trabten sie durch das hügelige
Land. Dann erblickten sie endlich die Straße.
»Wir müssen uns abseits der Straße halten, dürfen
sie aber nicht aus dem Blick verlieren«, sagte Ariac nachdenklich.
Endlich hatte es aufgehört zu regnen, und den beiden war eine
halbwegs trockene Nacht unter einem Felsüberhang vergönnt. Rijana,
die von den Bauern eine Decke bekommen hatte, kuschelte sich
behaglich hinein. Es war wieder ein anstrengender Tag
gewesen.
»Ich hoffe, Brogan hat keinen Ärger bekommen«,
sagte sie plötzlich besorgt.
Ariac, der am Felsen gelehnt hatte, setzte sich zu
ihr auf den Boden.
»Warum hat er mir geholfen?«
Rijana nahm vorsichtig seine Hand in ihre. »Er
vertraut dir eben auch.«
Ariac, der sich das kaum vorstellen konnte, zog
seine Hand wieder weg. »Das glaube ich nicht, schließlich bin ich
bei seinem Feind ausgebildet worden.«
Doch Rijana schüttelte den Kopf. »Brogan ist anders
als Hawionn. Er denkt nicht zuerst an das Wohl der Schule oder an
das von König Greedeon. Brogan hat sich auch immer um uns Kinder
Gedanken gemacht.«
Sie lächelte, als sie daran zurückdachte, wie sie
in Camasann angekommen und als Erstes gleich in den Fluss geworfen
worden war.
»Was ist denn?«, fragte Ariac und betrachtete sie
eindringlich.
Sie erzählte von ihrer ersten Zeit in Camasann, und
Ariac wurde sehr ruhig.
»In Naravaack hat es so etwas nicht gegeben«,
murmelte er.
»Sei froh«, erwiderte sie grinsend. »Es war
reichlich kalt.« Er blitzte sie plötzlich zornig an. »In Naravaack
hätten sie dich ertrinken lassen.«
Rijana zuckte erschrocken zusammen. »Das tut mir
leid. Es war sicherlich schlimm dort.«
Ariac, der sich wieder unter Kontrolle hatte, legte
einen Arm um ihre Schultern. »Entschuldige, ich wollte dich nicht
erschrecken.«
Zögernd lehnte sie sich wieder an ihn. Rijana hatte
häufig darüber nachgedacht, wie es wohl in Naravaack gewesen war,
tat sich jedoch schwer, sich das wirklich vorzustellen, da Ariac
kaum darüber redete.
Drei Tage lang ritten sie unweit der Straße
entlang. Hin und wieder sahen sie bewaffnete Soldaten, die sie aber
nicht entdeckten. Dann wurde das Unterholz jedoch so dicht, dass
sie nicht mehr mit ihren Pferden hindurchkamen. Das mächtige
Donnergebirge war nun nicht mehr weit entfernt.
»So ungern ich es tue, aber wir müssen wohl auf die
Straße und versuchen, uns auf der anderen Seite durchzuschlagen«,
sagte Ariac am vierten Tag. Heute schien sogar die Sonne, und die
Vögel zwitscherten in den Bäumen.
Rijana nickte und trieb ihre Stute durch das dichte
Unterholz über den Abhang auf die steinige Straße. Dabei zerkratzte
sie sich das Gesicht. Die beiden zogen sich die Umhänge über den
Kopf und ritten vorsichtig weiter. Die große Kutsche eines Händlers
kam an ihnen vorbei, dann ein Trupp von drei Soldaten aus Richtung
Norden. Ariac war angespannt, doch die Männer ritten vorbei, ohne
ihn weiter zu beachten.
Gegen Ende des Tages hörten sie jedoch
galoppierende Hufe von Süden. Über dreißig Soldaten, in König
Greedeons Uniform gekleidet, näherten sich in raschem Tempo.
»Was jetzt?«, fragte Rijana erschrocken.
»Wenn wir flüchten, werden sie uns verfolgen. Wenn
wir stehen bleiben, werden sie uns höchstwahrscheinlich erkennen«,
sagte Ariac gehetzt.
Rijana nickte ängstlich. »Unsere Pferde sind
schnell«, sagte sie so bestimmt wie möglich, und Ariac stimmte ihr
zu.
Sie trieben die Pferde an, und hinter sich hörten
sie bereits laute Rufe.
»Bleibt stehen, im Namen König Greedeons!«
In rasendem Galopp flohen sie über die
Handelsstraße. Eine Zeit lang behielten Rijana und Ariac ihren
Vorsprung bei, doch dann kamen ihnen immer wieder Fußgänger oder
Wagen in den Weg, und die Soldaten holten auf.
»Wir müssen vom Weg runter«, schrie Ariac über
seine Schulter Rijana zu, lenkte seinen Hengst im Galopp nach
rechts und sprang über einen kleinen Abhang in das nächste Gebüsch.
Rijana folgte ihm auf Lenya. Sie jagten durch das Unterholz und die
Bäume. Hinter sich hörten sie krachende Geräusche. Die Soldaten
folgten ihnen. Das Gebüsch hörte bald auf und ging in eine
langgezogene Wiese über. Ariac und Rijana stürmten Seite an Seite
in Richtung Norden, doch schon brachen aus verschiedenen Stellen
des Waldes Soldaten hervor und nach einiger Zeit sogar nördlich von
ihnen. Offensichtlich waren einige weiter auf der Straße galoppiert
und versuchten nun, ihnen den Weg abzuschneiden. Ariac parierte
seinen Hengst hart durch, dessen Hufe einen breiten Streifen auf
der Wiese hinterließen.
»Wir müssen in den Wald«, keuchte Ariac.
Rijana riss erschrocken die Augen auf und blickte
nach Osten. »Die östlichen Wälder sind verflucht.«
»Nicht mehr als wir, wenn König Greedeon uns
erwischt«, widersprach er und galoppierte auch schon los.
Rijana zögerte kurz, folgte ihm jedoch schließlich.
Die beiden hielten auf die weit auseinanderstehenden Bäume zu, doch
sobald sie darin eintauchten, war es, als würde der gesamte Wald
sie verschlucken. Man konnte nichts mehr von der Wiese erkennen,
auf der sie vor wenigen Augenblicken noch galoppiert waren.
»Was ist das?«, fragte Rijana erschrocken und hielt
ihr Pferd an.
»Ich weiß nicht, los, komm weiter«, verlangte
Ariac, der befürchtete, verfolgt zu werden. Sie trabten durch den
Wald, der hell und freundlich, zugleich aber auch irgendwie
unheimlich war. Das Licht wirkte gedämpft und ließ geheimnisvolle
Schatten entstehen, die zwischen den Bäumen tanzten. Die Soldaten
schienen ihnen nicht gefolgt zu sein, aber Ariac wollte dennoch
nicht anhalten. Man konnte kaum erahnen, in welche Richtung man
ritt. Sie ritten über ungewöhnlich saftige, mit Frühlingsblumen
übersäte Wiesen, durch die kleine Bäche plätscherten, in denen
merkwürdig geformte Steine immer wieder aufschienen. Ein mystisches
Dämmerlicht lag über dem Wald, als Rijana und Ariac an einem
umgestürzten Baum anhielten und ihre Pferde absattelten. Lenya und
Nawárr begannen sogleich, das saftige Gras zu rupfen. Rijana und
Ariac füllten währenddessen ihre Wasserbeutel auf und setzten sich
anschließend an den mächtigen umgekippten Baumstamm. Er war über
und über mit weichem Moos bedeckt. Rijana schob ihre Kapuze aus dem
Gesicht, und Ariac, der sie erst jetzt richtig sah, rief
erschrocken: »Du meine Güte, dein ganzes Gesicht ist
zerkratzt.«
Er streichelte ihr vorsichtig über die Wange, und
Rijana schnitt eine Grimasse. »Nicht so schlimm.«
Er schüttelte den Kopf und suchte nach einer
Heilpflanze, doch hier wuchsen nur ihm fremde Pflanzen. Schließlich
wischte er ihr nur vorsichtig mit dem Ende seines Umhangs den
Schmutz aus dem Gesicht.
»Es tut mir leid«, begann er, doch Rijana
schüttelte den Kopf.
»Es ist nicht deine Schuld, das heilt schon
wieder.«
Ariac seufzte und betrachtete sie kopfschüttelnd.
Eine andere Frau hätte jetzt wohl hysterische Anfälle bekommen und
sich furchtbare Sorgen um ihre Schönheit gemacht. Aber Rijana
kramte nur in ihren Satteltaschen und hielt Ariac Brot
und Käse hin. Schweigend aßen sie und lehnten sich anschließend
dicht nebeneinander an den Baumstamm.
Rijana blickte staunend um sich. Das alles kam ihr
so merkwürdig und fremdartig vor.
»Hast du Angst?«, fragte Ariac und legte ihr einen
Arm um die Schultern.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, komischerweise
nicht. Obwohl ich es hier schon ein wenig seltsam finde.«
Ariac nickte, denn es ging ihm genauso. Dann
seufzte er. »Die Ältesten der Arrowann haben immer erzählt, dass in
den Wäldern noch heute Elfen leben würden«, erinnerte er
sich.
Rijana lachte leise auf. »Das ist doch nur ein
Märchen.«
Ariac hob die Augenbrauen. »Ich weiß nicht, diese
Wälder sind riesig. Ich habe sie zwar nie zuvor selbst gesehen,
aber mein Onkel erzählte mir, dass er einmal mit Jägern ins
Donnergebirge gezogen sei, als das Wild auf der Steppe knapp war.
Er sagte, die Wälder und Flüsse würden sich bis weit zum Meer
hinunterziehen.« Ariacs Blick wurde traurig, und er verstummte.
Rijana wusste, dass er an seinen Clan dachte.
Sie nahm seine Hand und drückte sie.
»Ich habe gelesen, dass die Elfen schon vor sehr
langer Zeit verschwunden sind«, erzählte sie dann.
»Du kannst lesen?«, fragte Ariac überrascht.
»Du etwa nicht?«
Ariac schüttelte den Kopf. »Man braucht das nicht,
um ein guter Jäger zu sein. Außerdem kann man viele Lügen in Bücher
schreiben.«
Rijana nickte nachdenklich. »Ich finde es nicht
schlimm, dass du nicht lesen kannst. Wäre ich in Grintal geblieben,
hätte ich es auch nicht gelernt. Aber hat man euch in Naravaack
…«
Ariac unterbrach sie barsch und sprang auf. »In
Naravaack lernt man nur zu töten und, wenn man Glück hat, zu
überleben,
sonst nichts.« Er sprang auf den dicken Stamm. »Schlaf jetzt, ich
halte Wache.«
Rijana blickte ihn erschrocken an. »Entschuldige,
ich wollte nicht …«, begann sie unsicher, doch er winkte ungeduldig
ab und balancierte auf dem Baumstamm entlang.
Seufzend wickelte sie sich in ihre Decke und war
bald darauf eingeschlafen.
Ariac starrte in die Dunkelheit und versuchte, alle
Gedanken an Naravaack oder an seine Verwandten in der Steppe zu
verdrängen. Er hatte Rijana nicht anfahren wollen, aber das alles
beschäftigte ihn einfach zu sehr.
Irgendwann wurde Ariac furchtbar müde. Er wusste
gar nicht warum und wollte eigentlich zu Rijana gehen und sie
wecken. Doch er sank auf den Boden und schlief sofort ein.
Ein leiser Wind hatte sich erhoben, der einen
süßlichen, leichten Duft mit sich brachte. Er fuhr durch Bäume und
Büsche, über Blumen und Steine. Er wirbelte um das schlafende junge
Mädchen und den jungen Mann und bescherte beiden einen erholsamen
und ruhigen Schlaf.
Eine schlanke Gestalt schlich in dieser Nacht durch
die Büsche. Man sah sie kaum, hielt sie wohl mehr für einen
Schatten. Nur die beiden Pferde bemerkten etwas und hoben die
Köpfe. Die Gestalt kam näher, flüsterte etwas in einer fremden
Sprache, und die Pferde schnaubten entspannt. Anschließend schlich
die Gestalt näher und betrachtete die beiden jungen Menschen
neugierig, die schlafend am Boden lagen.
So sieht also ein Mensch aus, dachte das
Wesen verwirrt, ich werde es berichten müssen.
Die Gestalt lief leichtfüßig davon, und die beiden
Pferde folgten ihr.
Rijana wachte am nächsten Morgen erholt auf. So
gut hatte sie lange nicht mehr geschlafen. Sie streckte sich und
sah
verwundert, dass auch Ariac fest schlief. Sie blickte sich um und
rüttelte ihn erschrocken an der Schulter. Hektisch fuhr Ariac
auf.
»Die Pferde sind weg«, rief sie.
Nach einem Augenblick der Verwirrung sprang Ariac
auf und rannte ein Stück in den Wald. Doch die Pferde waren
tatsächlich verschwunden, man sah auch keine Spuren in dem mit Tau
benetzten Gras.
Ariac lief leise fluchend herum.
»Verdammt, warum bin ich denn eingeschlafen?«,
fragte er wütend. »So etwas ist mir noch nie passiert.«
»Du hättest mich wecken können«, meinte
Rijana.
»Das wollte ich«, erwiderte Ariac mit gerunzelter
Stirn. »Ich weiß auch nicht, ich kann mich gar nicht mehr richtig
erinnern.«
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Rijana
unglücklich.
Ariac hob die Schultern. »Wir werden wohl laufen
müssen.«
»Warum sind die Pferde weggelaufen?«, fragte Rijana
wütend. Eigentlich waren die beiden Kriegspferde sehr gut
ausgebildet und blieben bei ihrem Herrn.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Ariac, nahm sein
Schwert und legte sich die Satteltaschen mit dem Proviant und seine
Decke über die Schulter.
»Also los.«
Rijana seufzte und machte sich daran, Ariac durch
den Wald zu folgen. Alles wirkte wild und unberührt, zugleich
jedoch sehr harmonisch. Jeder Stein und jede Pflanze schienen ganz
einfach dort hinzugehören, wo sie waren, ob es nun die uralte Weide
war, die wie ein Tor wirkte und auf eine kleine Lichtung führte,
oder die zwei Buchen, die ineinander verschlungen waren und in
deren Mitte ein großes Vogelnest gebaut war. Rijana und Ariac
betrachteten das alles fasziniert. Sie waren von einem ganz
merkwürdigen Gefühl ergriffen.
Das Wasser des kleinen Bachs, an dem sie Rast machten, schmeckte
wunderbar erfrischend, und die roten Beeren, die an einem Strauch
wuchsen, waren wohl so ziemlich die besten, die sie jemals gegessen
hatten. Trotzdem wurde Ariac nervös. Er konnte sich kaum nach der
Sonne richten, denn die Bäume bildeten hier wieder ein dichtes
Blätterdach.
»Ich habe keine Ahnung, wo wir hingehen«, sagte er
plötzlich wütend und warf die Satteltaschen auf den Boden.
Rijana ließ sich seufzend auf einen Stein sinken.
»Ich auch nicht.«
Ariac begann auf einen der hohen Bäume zu klettern,
doch er kam bald wieder herunter, denn die Äste wurden weiter oben
viel zu dünn. Fluchend sprang er auf den Boden und trat gegen einen
Stein.
»Man kann sich nicht einmal nach dem Moos richten«,
murmelte Rijana, die in ihrer Zeit in Grintal gelernt hatte, dass
dort, wo das Moos am dichtesten war, Westen lag. Doch hier waren
viele Bäume vollständig mit Moos bedeckt, andere überhaupt
nicht.
So liefen Rijana und Ariac schließlich reichlich
unüberlegt weiter, sprangen über kleine Bäche, liefen durch mal
dicht, mal weit auseinander stehende Bäume und erreichten gegen
Abend einen breiten Fluss, der sich seinen Weg durch das Land
bahnte.
Ariac seufzte erleichtert. »Die Flüsse entspringen
alle dem Donnergebirge, wir müssen nur flussaufwärts gehen.«
Rijana lächelte ihm aufmunternd zu, und sie liefen
flussaufwärts, bis es dunkel wurde. Anschließend fing Ariac im
Fluss eine Forelle, die sie dann auf einem kleinen Feuer grillten.
Rijana lehnte am Stamm einer mächtigen Eiche, die vollständig mit
Moos bewachsen war.
»Es ist schön hier«, sagte sie.
Ariac nickte, auch er fand es schön, obwohl dieser
Wald für ihn als ein Kind der Steppe gewöhnungsbedürftig war. An
sich bevorzugte er weites Land, das man überblicken konnte. Er
setzte sich neben Rijana und beobachtete den schäumenden
Fluss.
Wie schon in der Nacht zuvor erhob sich ein sanfter
Wind, und ehe es die beiden bemerkten, waren sie aneinandergelehnt
eingeschlafen. In dieser Nacht waren es zwei Gestalten, die durch
den Wald schlichen. Sie überquerten den Fluss über eine hoch in den
Bäumen hängende Leiter, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen war,
und blieben vor den beiden Menschen stehen, die so friedlich
schliefen.
»Sie sehen fremdländisch aus«, sagte Bali’an mit
neugierigem Blick. »Haben alle Menschen diese Zeichen um die Augen?
Das Mädchen sieht ganz zerkratzt aus.«
Elli’vin schüttelte lächelnd den Kopf. »Nein, nur
die Steppenmenschen haben die Tätowierungen, soviel ich weiß.« Dann
nahm sie vorsichtig eine weiße Blume in die Hand, entlockte ihr
etwas Blütensaft und strich ihn Rijana vorsichtig über das
Gesicht.
»Werden sie über den Fluss kommen?«, fragte Bali’an
aufgeregt.
Elli’vin schüttelte entschieden den Kopf. »Das
dürfen sie nicht! Unser Reich muss geheim bleiben!«
Bali’an seufzte enttäuscht, denn er hätte gerne
mehr über die jungen Leute erfahren.
»Du musst ihnen die Pferde zurückgeben«, verlangte
Elli’vin streng.
»Sie mögen mich und sind freiwillig mit mir
gekommen«, murmelte Bali’an beleidigt. Er hätte gerne ein eigenes
Pferd gehabt, doch man hatte ihm immer wieder gesagt, dass er
keines brauchte. »Nun gut, ich schicke sie bald zurück«, versprach
er, als er Elli’vins missbilligendes Gesicht sah.
Damit verschwanden die beiden geheimnisvollen Wesen
wieder.
Auch an diesem Morgen wunderten sich Rijana und
Ariac, dass sie beide eingeschlafen waren. Ariac blickte Rijana
verwirrt an und streichelte über ihr Gesicht. »Die Kratzer sind
verschwunden.«
Sie fuhr sich über ihre Wangen und konnte es selbst
kaum glauben.
»Ich verstehe das nicht«, sagte er. »Es passieren
so seltsame Dinge.«
Den ganzen Tag wanderten sie flussaufwärts, bis das
Gebüsch so dicht war, dass sie sich nur mit Mühe hindurchkämpfen
konnten. Schließlich blieben sie stehen.
»Wir sollten über den Fluss gehen«, schlug Ariac
vor, während er sich einen dicken Dorn aus dem Arm zog. »Auf der
anderen Seite scheint es einfacher zu sein. Aber wir sollten
unbedingt in der Nähe des Flusses bleiben, damit wir nicht in die
falsche Richtung laufen.«
Rijana stimmte zu, und die beiden machten sich auf
die Suche nach einer geeigneten Stelle, wo sie den Fluss überqueren
konnten. Das stellte sich allerdings als gar nicht so einfach
heraus. An den meisten Stellen war der Fluss sehr tief und reißend.
Nur an einer Biegung schien das Wasser etwas langsamer zu fließen.
Außerdem ragten dort Felsen aus dem Wasser heraus, die eine
Überquerung erleichtern konnten.
»Hier sollten wir es versuchen«, schlug Rijana vor
und blickte misstrauisch ins Wasser.
Ariac nickte und ging vorsichtig voran. Doch sobald
er einen Fuß in den Fluss gesetzt hatte, erhob sich ein so
gewaltiger Wind, dass die Bäume bedrohlich schwankten. Ariac
blickte überrascht nach oben. Er tastete sich langsam voran, aber
der Wind nahm an Stärke nur noch mehr zu. Ariac warf einen Blick
nach hinten und sah, dass auch Rijana bereits im Wasser war und
durch den Fluss watete. Der Wind wurde mit jedem Schritt, den sie
durch den Fluss machten, heftiger. Schnell hatte sich ein
ungeheurer Sturm daraus entwickelt.
»Beeil dich«, schrie Ariac über seine Schulter. Ihm
wurde es langsam unheimlich. Als sie etwa in der Mitte des Flusses
bei den Felsen angekommen waren, begann das Wasser zu brodeln.
Urplötzlich bildeten sich Strudel um sie herum, während der Wind
gespenstisch aufheulte.
Ariac zog Rijana zu sich heran und versuchte, sie
beide an dem Felsen festzuhalten, während der Wind an ihren
Kleidern zerrte.
»Was ist das?«, fragte Rijana ängstlich und blickte
dabei in den Strudel, der ihr wie das geöffnete Maul eines
Ungeheuers vorkam.
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete er.
Es schien keinen Ausweg zu geben. Sie konnten sich
auf keinen Fall weiter in den Fluss vorwagen und waren auf dem
Felsen gefangen. Der Fluss tobte und brodelte um sie herum. Sie
konnten weder vor noch zurück. Aber dann, ganz plötzlich,
verstummte der Wind, und auch der Fluss schien sich zu beruhigen.
Rijana und Ariac glaubten, eine schattenhafte Bewegung am anderen
Ufer zu sehen, die aber schnell wieder verschwunden war.
»Sollen wir weitergehen?«, fragte Rijana
vorsichtig.
Ariac zögerte, denn so recht traute er der Ruhe
nicht. Schließlich trat er doch vorsichtig in den Fluss, und
diesmal geschah überhaupt nichts.
»Beeil dich«, verlangte er und hielt ihr die Hand
hin. Die beiden mussten zwar das letzte Stück schwimmen, hatten
dann aber endlich das andere Ufer erreicht. Aufatmend ließen sie
sich auf der Wiese nieder.
»Das war seltsam«, sagte Ariac und legte sich neben
Rijana in die Sonne, die durch die Baumkronen schien.
Sie nickte und betrachtete die Umgebung genauer.
Auf dieser Seite des Flusses wirkte alles noch viel schöner, noch
märchenhafter und idyllischer als auf der anderen Seite. Die Büsche
und Blumen blühten strahlend schön, und ein paar
Wildkaninchen hoppelten nicht weit von ihnen entfernt durch das
Gras.
»Wenn ich einen Bogen hätte, dann könnte ich uns
jetzt eines schießen«, sagte Ariac nachdenklich.
Rijana schüttelte den Kopf. »Nein, das wäre nicht
richtig, sie gehören hierher.« Eigentlich wusste sie selbst nicht,
warum sie das sagte, aber sie spürte genau, dass es so war.
Als ihre Kleider einigermaßen trocken waren, gingen
sie vorsichtig weiter. Der Wald blühte in den schönsten Farben.
Bald wurde der Boden moosiger, und riesige Pilze waren überall zu
sehen.
»Es ist doch noch gar nicht Herbst, warum gibt es
denn schon Pilze?«, fragte Rijana verwirrt.
Ariac verstand das auch nicht. Seit einiger Zeit
fühlte er sich beobachtet, aber immer wenn er sich umdrehte, war
niemand zu sehen. Rijana schien es genauso zu gehen, denn sie hielt
plötzlich Ariac fest und flüsterte: »Ich habe etwas gesehen.«
Er nickte, zog sein Schwert, und schob Rijana
hinter sich. Aber erneut zeigte sich niemand. Die beiden gingen
langsam weiter. Schließlich glaubten sie, dass es wohl nur ein
Wildtier gewesen war.
Drei Tage lang wanderten sie weiter flussaufwärts.
Während der nächsten Nächte schliefen sie jedoch nicht gegen ihren
Willen ein. Der Wald wurde mit jedem Schritt märchenhafter. Die
uralten Bäume bogen sich zu grotesken Formen. Hier und da
begegneten sie Wildtieren, die nicht einmal aufschreckten und
davonliefen, sondern die beiden nur still beobachteten. Nur ein
einziges Mal sahen sie, wie sich etwas bewegte. Es war ein kleines,
verhutzeltes Wesen mit bräunlicher Haut, das beinahe selbst aussah
wie eine Wurzel, aber bevor sie es betrachten konnten, verschwand
es blitzschnell in einer Höhle unter der riesigen Wurzel einer
Eiche.
Rijana blieb überrascht stehen. »Das war ein
Waldling!«, rief sie überrascht aus.
»Was?«, fragte Ariac, der dieses Wesen selbst noch
nie gesehen hatte.
»Sie sollen früher in allen Wäldern gehaust haben«,
erzählte Rijana nachdenklich. »Als ich noch sehr klein war, hat mir
meine Großmutter von ihnen erzählt. Aber selbst in den Bibliotheken
von Camasann stand, dass es Waldlinge schon viele Jahrhunderte
nicht mehr gibt.«
»Sind sie gefährlich?«
Rijana schüttelte den Kopf. »Nein, sie ernähren
sich angeblich nur von Beeren und Pilzen.«
Ariac war beruhigt, und die beiden setzten ihren
Weg fort.
An einem milden Frühlingstag stießen sie plötzlich
auf eine Flussgabelung. Der breite Hauptfluss verlief weiter nach
Norden, doch der Arm, der nach Südosten floss, versperrte ihnen den
weiteren Weg.
»Mist, wir kommen nicht weiter«, schimpfte Ariac
und starrte wütend in den Fluss.
»Sollen wir durchschwimmen?«, fragte Rijana
unsicher. Der Fluss schien nicht sehr breit zu sein, dafür aber
umso tiefer.
»Ich befürchte es.« Mit diesen Worten warf er sein
Bündel ans andere Ufer und stieg ins Wasser.
Rijana folgte ihm und biss die Zähne zusammen, denn
das Wasser war eiskalt. Sie waren noch nicht sehr weit geschwommen,
als das Wasser zu gurgeln und zu brodeln begann. Der eben noch
ruhige Fluss schäumte plötzlich auf.
»Nicht schon wieder!«, rief Ariac und packte Rijana
gerade noch am Arm, bevor sie auch schon flussabwärts gespült
wurden. Das Wasser schäumte und wirbelte so kräftig um sie herum,
dass beide mit voller Wucht gegen einen Felsen knallten. Rijana
verlor das Bewusstsein und drückte Ariac unter
Wasser. Er versuchte verzweifelt, nach oben zu kommen, aber ein
Strudel zog ihn in die Tiefe. Er verlor das Bewusstsein. Das
Nächste, was er undeutlich wahrnehmen konnte, war, wie ihm jemand
auf den Rücken schlug, während er auf weichem Moos lag, und wie ihm
dann etwas in den Mund gegossen wurde.
»Rijana?«, murmelte er und hob den Kopf. Doch dann
schrak er zurück.
Ein schlankes Wesen, in den Farben des Waldes
gekleidet, mit einem schmalen Gesicht und spitzen Ohren grinste ihn
an.
»Ich bin Bali’an, keine Angst.«
Ariac sprang auf und tastete nach seinem Schwert,
aber das lag weiter entfernt. Er sah sich hektisch um, konnte
Rijana aber nirgends entdecken. Das Wesen vor ihm mit den langen
hellblonden Haaren sah aus wie ein Elf.
»Wo ist meine Gefährtin?«, fragte Ariac, nachdem er
den Schrecken überwunden hatte. Der Elf schien ihm nichts tun zu
wollen, aber Ariac blieb wie immer misstrauisch.
Der Elf deutete nach rechts. »Ich habe sie zum
Aufwärmen in die Sonne gelegt, aber es geht ihr gut.«
Ariac warf Bali’an noch einen kritischen Blick zu,
dann ging er, ohne ihn aus den Augen zu lassen, zu der Stelle, wo
Rijana in einer kleinen Senke im weichen Moos lag. Er kniete sich
neben sie und sah, dass sie eine Beule am Kopf hatte, auf der
irgendwelche zerstampften Kräuter lagen.
Ariac zuckte zusammen, als Bali’an lautlos hinter
ihn trat.
»Was fehlt ihr denn?«, fragte Ariac ängstlich und
hob sie etwas hoch.
Der Elf zuckte die Achseln und zeigte ein Grinsen.
»Sie ist gegen den Felsen im Fluss geknallt, deshalb hat sie eben
eine Beule. Aber ich habe ihr schon einige Kräuter gegeben, sie
wird bald aufwachen.«
Ariac nickte und ließ sie zurück auf den Boden
sinken.
Der Elf musterte ihn neugierig, sodass Ariac ein wenig unwohl
zumute wurde.
»Wo sind wir hier?«, fragte er.
»Im Land der tausend Flüsse«, antwortete Bali’an
verwirrt, so als könne er sich nicht vorstellen, dass jemand das
nicht wusste.
»Du bist ein Elf, oder?«, fragte Ariac
vorsichtig.
Bali’an lachte fröhlich und ansteckend. »Natürlich.
Und du, du bist wohl ein Mensch?«
Ariac nickte.
»Ich habe noch nie einen Menschen gesehen außer
euch«, sagte der Elf, dann wirkte er jedoch ein wenig verlegen.
»Ich muss euch schnell fortbringen, denn eigentlich dürftet ihr gar
nicht hier sein.«
»Warum nicht?«, fragte Ariac.
»Es ist geheim«, antwortete Bali’an. »Ihr hättet
nicht über den Fluss kommen dürfen.« Bali’an bemühte sich um ein
strenges Gesicht.
»Wieso?«
Bali’an seufzte. »Hast du das nicht gemerkt? Der
Fluss hat es nicht gewollt und die Bäume und der Wald ebenfalls
nicht. Das hier ist Elfenland, da haben Menschen nichts verloren.«
Bali’an musterte Ariac kritisch. »Die Alten haben schon immer
gesagt, dass die Menschen nicht auf die Natur achten. Wie es
scheint, haben sie Recht.«
Ariac schnaubte und wollte etwas erwidern, doch da
wachte Rijana blinzelnd auf. Ariac hielt sie fest, als sie
erschrocken zurückwich.
»Er ist ein Elf, aber er hat uns geholfen, keine
Angst.«
Rijana schluckte und starrte Bali’an verwirrt
an.
Der lächelte freundlich. »Tut dein Kopf weh, oder
ist es schon besser?«
Sie tastete nach der Beule, verzog nur kurz das
Gesicht und schüttelte den Kopf. »Es tut nicht sehr weh.«
»Mein Name ist Bali’an«, sagte er mit einer
leichten Verbeugung.
»Rijana«, erwiderte sie, und Ariac, der sich noch
gar nicht vorgestellt hatte, holte dies nun nach. Doch der Elf
grinste nur.
»Das weiß ich«, sagte er, »ich verfolge euch,
seitdem ihr das Elfenreich betreten habt.«
Rijana und Ariac blickten sich verwirrt an. An sich
hielten sich beide für gute Krieger, die bemerkten, wenn sie
verfolgt wurden, aber bis auf die wenigen schattenhaften Bewegungen
war ihnen nichts aufgefallen.
»Aber jetzt kommt bitte mit, sonst bekomme ich
Ärger«, bat Bali’an. »Ich bringe euch zum Waldrand, dort warten
auch eure Pferde.« Er seufzte. »Es sind sehr schöne Tiere.«
»Du hattest unsere Pferde?«, fragte Ariac
wütend.
Bali’an nickte, fügte jedoch rasch hinzu: »Sie sind
mir freiwillig gefolgt, ich konnte nichts dafür.«
Rijana und Ariac folgten dem Elfen, der leichtfüßig
und scheinbar ohne den Boden zu berühren seines Weges ging.
Ariac nahm sein Schwert. »Entschuldige, dass ich
dich nicht festhalten konnte«, sagte er zu Rijana, »aber dieser
Stein …«
Doch sie winkte ab. »Es war nicht deine Schuld.«
Dann beugte sie sich näher zu Ariac hinüber. »Ich habe noch nie
einen Elfen gesehen. Meinst du, wir können ihm trauen?«
»Hätte er uns umbringen wollen, dann hätte er uns
einfach ertrinken lassen können.«
Dem konnte Rijana nichts entgegensetzen, sodass sie
schließlich dem Elfen folgten, der leichten Schrittes vorauslief
und versuchte, die beiden auszufragen.
»Leben die Menschen wirklich in Städten und
Häusern?«, fragte er neugierig. »Führen sie tatsächlich Kriege, nur
um ein Stück Land oder etwas Gold?«
Die beiden nickten zögerlich, und Bali’ans Augen
wurden groß.
»Aber ich konnte keine bösen Gedanken bei euch
lesen, als ihr in unser Reich gekommen seid«, sagte er nachdenklich
und musterte sie von oben bis unten. Er wirkte ein wenig
verwirrt.
Und plötzlich deutete er hektisch auf eine Gruppe
mit runden Felsen. »Schnell, versteckt euch dort«, flüsterte
er.
Rijana und Ariac sahen sich verwirrt an, doch der
Elf schubste sie rasch zur Seite.
»Duckt euch«, verlangte er, und die beiden
gehorchten, zu verwirrt, um zu widersprechen.
»Was soll das?«, flüsterte Rijana, und Ariac spähte
vorsichtig über die Steine.
Er sah, wie ein etwas größerer und kräftigerer Elf,
der einen Bogen umgehängt hatte, wie aus dem Nichts aufgetaucht war
und plötzlich neben Bali’an stand.
»Wo sind die Menschen?«, hörten die beiden ihn
streng fragen.
»Fort«, antwortete Bali’an, konnte dem anderen
Elfen dabei jedoch nicht in die Augen sehen.
»Sie wollten den Fluss überqueren. Sind sie
ertrunken?«
Bali’an wand sich verlegen, und der Elf mit den
strengen Gesichtszügen und den etwas dunkleren Haaren bewegte sich
überraschend auf die Steine zu. Ariac sprang auf und stellte sich
vor Rijana.
»Lass sie in Ruhe!«
Der Elf hielt überrascht inne. »Ein
Steppenkrieger«, sagte er verwundert und warf Bali’an einen
wütenden Blick zu, der näher gekommen war und den Kopf gesenkt
hielt.
»Da überträgt man dir einmal eine
verantwortungsvolle Aufgabe, und schon versagst du.«
»Entschuldige, Vater«, murmelte dieser, doch dann
hob er den Blick. »Aber ich konnte sie doch nicht ertrinken
lassen.«
Der ältere Elf, der Rijana und Ariac gar nicht zu
beachten schien, schubste seinen Sohn wütend zurück.
»Du weißt genau, dass der Fluss zu unserem Schutz
da ist. Wenn die Menschen zu dumm sind, um die erste Warnung zu
verstehen, und dennoch weitergehen, dann müssen sie eben sterben.
So ist es, und so wird es auch bleiben! Daran wird so ein dummer
Junge wie du auch nichts ändern können.«
Bali’an wirkte nun wirklich wie ein kleiner Junge,
obwohl er vom Aussehen her wohl in etwa so alt wie Ariac war. Doch
das musste bei Elfen noch nichts heißen.
»Jetzt müssen wir sie mitnehmen, und ich muss dem
König vom Mondfluss die Sache erklären«, fluchte Bali’ans Vater
Dolevan und blitzte Rijana und Ariac wütend an.
»Wir wollten euch nicht stören oder euch Umstände
machen«, wagte Rijana zu sagen und drückte Ariacs Hand, in der er
noch immer das erhobene Schwert hatte, nach unten. Doch Ariac blieb
misstrauisch.
Den Elf konnte das aber auch nicht beruhigen. »Das
habt ihr aber nun.«
»Wir gehen sofort, wenn Ihr uns sagt, wie wir am
schnellsten zum Donnergebirge kommen«, versicherte Ariac.
Der Elf baute sich drohend vor dem Steppenkrieger
auf, der sein Schwert fester packte, was den Elfen jedoch nicht zu
beeindrucken schien. »Das geht nicht, denn dann könntet ihr uns
verraten.«
Ariac hielt seinem Blick stand, der Elf wandte sich
schließlich ab.
»Folgt mir, und steck das Schwert weg«, verlangte
er.
Ariac runzelte die Stirn, Rijana wirkte ratlos. Sie
folgten dem Elfen und Bali’an, der mit hängenden Schultern hinter
seinem Vater herschlich. Es war schon ziemlich dunkel, und sie
liefen noch ein gutes Stück in den Wald hinein. An einer Lichtung
machten sie Rast. Rijana und Ariac fiel auf, dass sie ihren
Proviant und ihre Decken zurückgelassen hatten. Bali’an kam zögernd
näher und reichte ihnen ein Paar Beeren, während sein Vater ein
Stück entfernt mit zornigem Blick abwartete.
»Hier, nehmt die, sie sind sehr nahrhaft.«
Rijana lächelte und aß ein paar der Beeren, sodass
auch Ariac zögernd zugriff.
»Dein Vater ist ziemlich wütend«, meinte sie.
Bali’an nickte und senkte den Blick. »Es war einer
meiner ersten Aufträge als Späher, und schon habe ich alles falsch
gemacht.«
»Wie alt bist du denn?« Er seufzte. »Erst
fünfhundertzweiunddreißig Jahre alt.«
Rijana verschluckte sich. »Erst?«
Bali’an nickte betrübt. »Ich bin einer der
Jüngsten.« Auch Ariac starrte ihn überrascht an. Er wusste zwar,
dass Elfen viele tausend Jahre alt werden konnten, aber dass sich
jemand mit fünfhundertzweiunddreißig Jahren für jung halten konnte,
das fand er dann doch merkwürdig.
»Wie alt seid ihr?«, fragte Bali’an
neugierig.
»Ähm, ich bin achtzehn Jahre alt«, antwortete
Rijana. Bali’an riss die Augen auf. »Du bist ja noch ein Kind«,
dann betrachtete er sie genauer, »aber du siehst nicht so
aus.«
Sein Vater kam näher. »Das ist so bei den
Menschen«, erklärte er, »und jetzt halte dich fern von ihnen.« Er
gab den beiden einen Wasserschlauch. »Hier, trinkt das.«
Ariac nahm ihn zögernd an. Irgendwie traute er
diesem Mann nicht. Andererseits war er zu durstig, um abzulehnen.
Sein eigener Wasserbeutel lag in dem Proviantsack am Flussufer. Er
trank ein paar Schlucke und reichte den Schlauch weiter an Rijana.
Kurz darauf wurden beide müde. Ariac versuchte verzweifelt seine
Augen aufzuhalten. Er wollte nicht einschlafen, konnte sich aber
nicht dagegen wehren. Als die beiden fest schliefen, nickte Dolevan
zufrieden und wandte sich an seinen Sohn. »Jetzt hol die anderen,
wir müssen die Menschen in unsere Stadt bringen.«
Bali’an nickte und warf Rijana noch einen Blick zu.
»Sie ist schön, obwohl sie nur ein Mensch ist«, sagte er
fasziniert.
Dolevan funkelte seinen Sohn wütend an, sodass
dieser rasch aufsprang und davonlief.
Es war heller Tag, als Rijana erwachte. Warmes
Licht schien durch die Decke herein. Sie blinzelte verwirrt und
bemerkte, dass sie auf einem Bett aus Moos zwischen den Wurzeln
eines riesigen Baumes lag. Durch große Flechten, welche die Decke
bildeten, drang Licht herein. Als Rijana sich aufrichtete, drehte
sich eine hochgewachsene Gestalt zu ihr herum. Es war eine Elfe mit
langen blonden Haaren und einem wunderschönen Gesicht. Sie kam
näher und betrachtete Rijana eingehend. »Mein kleiner Bruder hat
sich wegen euch in Schwierigkeiten gebracht.«
»Wo ist Ariac?«, fragte Rijana plötzlich
erschrocken.
»Dein Gefährte?«
Rijana nickte.
»Er wird verhört.«
»Aber sie tun ihm doch nichts, oder?«, erkundigte
Rijana sich ängstlich.
Die Elfe zuckte mit den Achseln. »Mein Name ist
Elli’vin«, stellte sie sich anschließend freundlich vor.
»Ich heiße Rijana. Was passiert denn jetzt mit
uns?«
Elli’vin hob erneut ihre schmalen Schultern, die
von einem nur sehr dünnen, durchscheinenden Kleid bedeckt
waren.
»Das weiß ich nicht. Der König des Mondflusses wird
das entscheiden. Es ist schließlich noch nie vorgekommen, dass ein
Mensch hierhergelangt ist.« Sie musterte das Mädchen mit einem
seltsamem Blick. »Hattet ihr denn keine Angst, als ihr in den Wald
geritten seid?«
Rijana schüttelte den Kopf. »Wir waren auf der
Flucht, und mir gefiel euer Wald.«
Kurz erschien ein Lächeln auf Elli’vins Gesicht,
doch dann wandte sie sich ab.
»Möchtest du etwas essen?«
Rijana nickte zögernd. »Aber nur, wenn kein
Schlafmittel darin ist.«
Elli’vin grinste. »Das war nötig, damit ihr den Weg
nicht erkennen könnt und am Ende flieht.«
Nach dem Essen, das aus frischem Quellwasser und
Früchten bestand, wurde Rijana durch eigenartige unterirdische
Gänge gebracht, die überhaupt nicht düster waren, sondern hell und
freundlich, obwohl mächtige Wurzeln rechts und links vor ihnen
aufragten. Schließlich führte Elli’vin sie in eine Höhle. Durch die
Flechten, die die Decke bildeten, drang helles Licht. Ariac stand
mit angespanntem Gesicht vor einer Gruppe Elfen, die ihn mehr oder
weniger wütend ansahen. Als er Rijana erblickte, entspannten sich
seine Gesichtszüge ein wenig.
Aus einer Öffnung am hinteren Ende des Raumes
sprudelte eine kleine Quelle, und bizarre Tropfsteine hatten sich
hier und da gebildet.Viele waren als Stühle oder Tisch umgeformt
worden. Rijana verharrte einen kurzen Augenblick staunend, bevor
sie verunsichert zu Ariac hinüberging, der beruhigend ihre Hand
nahm.
»Dieser junge Mann hier hat sich hartnäckig
geweigert, einen Ton zu sagen, bevor er weiß, dass es dir gut
geht«, tönte die Stimme eines Elfen durch den Raum. Es handelte
sich um Dolevan, den Vater von Bali’an.
Ein sehr hochgewachsener Elf mit weißblonden Haaren
trat plötzlich in die Höhle. Alle anderen Elfen erhoben sich
respektvoll von ihren steinernen Stühlen. Er strahlte unglaubliche
Weisheit aus. Eigentlich sah keiner der Elfen alt aus, aber dieser
hier wirkte so alt und mächtig wie die Steine dieser Höhle.
»Ich bin Thalien, der König vom Mondfluss.«
Auf Rijana wirkte dieser Elf furchteinflößend,
obwohl sein Blick zugleich irgendwie melancholisch und gütig
schien. An irgendetwas erinnerten sie seine Augen.
Thalien musterte die beiden Menschen eindringlich
und kam näher. Rijana brauchte alle Kraft, um nicht
zurückzuweichen, und sie spürte, wie auch Ariac sich
anspannte.
Der König vom Mondfluss nahm Rijanas Hand in seine,
und plötzlich veränderte sich etwas. Sie hatte keine Angst mehr vor
ihm.
»Ich kenne dich«, sagte er mit seiner melodischen
Stimme und blickte ihr tief in die Augen.
»Das … das kann aber nicht sein«, stammelte sie.
»Ich habe noch nie einen Elfen gesehen.«
Der Elf lächelte nur und sah zu Ariac hinüber. »Und
dich auch. Ihr braucht diese beiden Menschen nicht zu bewachen«,
sagte er bestimmt zu den anderen Elfen. »Sie sind meine
Gäste.«
Er wandte sich nun wieder Rijana und Ariac zu, die
sich verständnislos ansahen. »Würdet ihr mir die Ehre erweisen, mir
zu folgen?«
»Haben wir eine Wahl?«, fragte Ariac gereizt.
Rijana hielt die Luft an, doch Thalien lächelte nur
sein melancholisches Lächeln und lief mit geschmeidigen,
schwebenden Schritten ihnen voran eine Felsentreppe hinauf. Sein
langes helles Seidengewand glitt lautlos über die Stufen.
»Verstehst du das?«, flüsterte Rijana, die neben
Ariac herlief.
Er schüttelte den Kopf, und die beiden traten
hinter Thalien an die frische Luft hinaus. Der Elf atmete befreit
auf.
»Ich mag die unterirdischen Räume nicht«, sagte
er.
Die drei standen nun in einer Art Felsengarten.
Wunderschöne Blumen blühten überall. Aus einem kleinen Hügel
plätscherte eine Quelle, um die herum Libellen tanzten. Der König
vom Mondfluss führte die beiden zu einem flachen Stein und
bedeutete ihnen, sich zu setzen. Ariac legte Rijana seinen Arm
besitzergreifend um die Schultern. Er traute den Elfen nicht, aber
er traute ohnehin kaum jemandem.
Der Elf musterte sie eine ganze Weile
durchdringend, und den beiden wurde mehr als unbehaglich
zumute.
»Es war ein Fehler, dass ihr das Elfenreich
betreten habt«, begann er plötzlich.
»Das war keine Absicht«, erwiderte Ariac
ungehalten. »Wir wurden verfolgt und sind in den Wald geflüchtet.
Wir wollten nur in Richtung des Donnergebirges.«
Thalien seufzte. »Menschen verstehen die Warnungen
nicht.«
Ariac sprang plötzlich wütend auf. »Warum habt ihr
uns überhaupt in den Wald eingelassen, wenn uns euer verdammter
Fluss dann doch beinahe umgebracht hätte?«
Thalien beachtete ihn nicht weiter und erklärte:
»Es ist vielleicht eine Sentimentalität, aber wir gewähren denen,
die reinen Herzens sind, Zuflucht in unseren Wäldern.« Er blickte
die beiden ernst an. »Hättet ihr etwas Böses im Schilde geführt,
hättet ihr den Wald nicht betreten können.«
Ariac runzelte die Stirn und setzte sich
wieder.
»Aber warum durften wir dann nicht über den
Fluss?«, fragte Rijana.
Der Elf seufzte. »Das Land der tausend Flüsse ist
die letzte Zuflucht der Elfen.« Sein Blick wurde traurig. »Die
Menschen zerstören so viel und drängen die zurück, die sich nicht
ihren Vorstellungen anpassen. Daher lassen wir niemanden in unser
Reich, der Fluss beschützt uns. Wäre Bali’an nicht gewesen, wäret
ihr beiden jetzt tot.«
»Ich wusste gar nicht, dass es noch Elfen gibt«,
murmelte Rijana.
Thalien lächelte erneut traurig. »Ja, und das ist
wohl auch gut so. Wir leben hier in den Wäldern, denn die Menschen
denken, dass sie nicht viel wert sind, da es hier keine
Bodenschätze oder fruchtbares Ackerland gibt. Früher lebten wir in
ganz Balmacann.« Seine Augen sahen traurig aus, während sie tief in
die Vergangenheit zu blicken schienen.
Rijana und Ariac sahen sich verwirrt an. Davon
hatten sie noch nie gehört.
»Aber warum seid ihr gegangen?«, fragte Ariac
vorsichtig.
Thalien blickte wieder auf. »Es ist schon so lange
her«, sagte er seufzend. »Über zweitausend Jahre bevor ihr mit
eurer Zeitrechnung begonnen habt. Damals gab es nur sehr wenige
Menschen in den Reichen. Wir Elfen lebten im gesamten südlichen
Teil. Riesige Wälder bedeckten ganz Balmacann, aber es gab auch
Weiden für die Pferde.«
Rijana und Ariac waren verwirrt, in Balmacann gab
es heutzutage kaum noch Wald.
»Die Menschen kamen aus dem Norden, wir hatten
nichts gegen sie«, sagte der Elf traurig. »Wir teilten das, was das
Land hergab. Dann entdeckten sie unsere Silberminen auf
Silversgaard.«
»Eure Minen?«, fragte Ariac verwirrt.
Thalien nickte. »Die Elfen stellten aus dem Silber
des Berges Schmuck und später auch Waffen her. Aber wir nahmen nur
das, was der Berg uns freiwillig gab.« Er wurde wütend. »Doch dann
kamen die Menschen. Sie rissen den Stein gewaltsam auf, nahmen mehr
und mehr und beanspruchten die Insel für sich.«
»Warum habt ihr euch nicht gewehrt?«, fragte Ariac
verwirrt.
»Das taten wir«, antwortete Thalien. »Aber zu
dieser Zeit waren wir Elfen kein Kriegervolk. Wir lebten in Frieden
miteinander. Nach und nach drängten uns die Menschen immer mehr
zurück. Sie rodeten das Land, bauten ihre Häuser und Straßen, und
wir wichen nach Osten zurück.« Er seufzte. »Es kam der
Schattenkrieg, und wir wussten, dass nicht alle Menschen schlecht
waren. Also halfen wir ihnen, gegen Orks, Trolle und den Zauberer
Kââr zu kämpfen. Der lange Winter folgte, denn die Welt war aus den
Fugen geraten, und als wir uns wieder zeigten, war unsere Hilfe
schon lange vergessen.
« Bei diesen Worten sah er sehr traurig aus. »Halb Balmacann war
abgeholzt worden, und nur noch unser Schloss in Tirman’oc stand.
Der Wald hat es in der Zeit bewahrt, in der wir Elfen uns weit in
den Osten zurückgezogen haben, da es dort etwas weniger kalt war.
Die Menschen haben unser ganzes Reich zerstört.«
Rijana riss erschrocken die Augen auf. Tirman’oc –
dort war sie als kleines Mädchen mit Rudrinn gewesen, traute sich
jedoch nicht, das zu sagen. Aber Thalien wusste ohnehin Bescheid,
er lächelte. Das kleine Mädchen von damals hatte sich sehr
verändert, aber er sagte nichts weiter dazu.
»Trotzdem verstehe ich das alles nicht«, warf Ariac
ein. »Elfen sollen doch gute Krieger sein, die auch magische
Fähigkeiten besitzen. Warum habt ihr euch von den Menschen so sehr
zurückdrängen lassen?«
Der Elf lächelte. »Die Steppenleute habe ich von
allen Menschen immer am liebsten gemocht. Sie leben im Einklang mit
der Natur und nehmen nur das, was sie auch wirklich
benötigen.«
Ariac blickte überrascht auf. Er kannte kaum
jemanden, der die Steppenleute mochte.
»Aber um auf deine Frage zu antworten«, fuhr
Thalien fort, »warum sollen wir kämpfen? Die Menschen zerstören
sich ohnehin gegenseitig. Wir müssen nur abwarten, bis das
Zeitalter der Menschen vorüber ist. Wir Elfen leben sehr lange, da
bedeuten ein paar hundert Jahre nichts.«
Erneut blickten sich Rijana und Ariac überrascht
an. So etwas konnten sie als Menschen kaum begreifen.
»Eines Tages«, sagte der Elf, »werden wir alles
zurückbekommen.«
Rijana lief ein Schauer über den Rücken.
»Und wann?«
Thalien hob die Schultern. »Vielleicht in
einhundert Jahren, vielleicht auch erst in dreihundert Jahren, oder
aber schon
im nächsten Sommer, ich weiß es nicht.« Er zog seinen Umhang um
sich. »Die Welt verändert sich schon seit langem. Die Natur schreit
auf. Die Erde bebt. Es gibt gewaltige Stürme. Selbst die Zwerge
kommen aus den nördlichen Bergen ins Donnergebirge, denn die
Vulkane haben begonnen Feuer zu speien, und immer mehr dieser
finsteren Wesen treiben sich dort oben herum.«
Rijana und Ariac stellte sich bei diesen Worten die
Gänsehaut auf.
Der Elf lächelte. »Ihr könnt die Zeichen
wahrscheinlich nicht deuten, denn ihr seid Menschen, aber das sind
alles Hinweise, die auf einen Wandel hindeuten.«
Eine Weile sprach niemand, doch dann fragte Rijana
mit leiser Stimme: »Warum habt Ihr gesagt, dass Ihr uns
kennt?«
Der Elf lächelte und blickte ihr direkt in die
Augen. »Ich kenne nicht Rijana, die Kriegerin aus Camasann. Aber
ich kannte dich in vielen Leben vorher. Von der ersten Schlacht an,
als dein Name Lenya war, und in all den vielen Leben danach.«
Rijana riss erschrocken die Augen auf. »Ihr wisst,
wer wir früher waren?«
Der Elf nickte. »Viele Male wart ihr bei uns und
habt uns um Hilfe gebeten.« Er blickte Ariac an. »In der ersten
Schlacht warst du Norgonn.«
Nun wurde Ariac ein wenig bleich, denn Norgonn war
einer der stärksten Krieger gewesen, der am Ende den bösen Zauberer
Kââr getötet hatte.
Auch Rijana blickte ihn zugleich bewundernd und
entsetzt an.
Der Elf lächelte. »Es wundert mich nicht, dass ihr
euch mögt, denn Rijana war in ihrem letzten Leben ein Mädchen aus
der Steppe.«
Sie schluckte, dachte kurz an die vielen
Lehrstunden in Geschichte und fragte unsicher: »Nariwa?«
Thalien nickte. »Ja, aber, was passiert jetzt mit
uns?«, wollte Rijana wissen.
»Normalerweise«, gab Thalien zu, »wenn ihr nicht
zwei der Sieben gewesen wärt, hätten wir euch den Rest eures Lebens
gefangen halten müssen, um unser Versteck nicht zu verraten. Doch
ich setze eine gewisse Hoffnung in euch.« Er hielt inne.
»Vielleicht könnt ihr dieses Mal alles zum Guten kehren und helfen,
die zu retten, die es wert sind. Ihr müsst zusammenhalten.
Berichtet mir von den anderen.«
»Deshalb gehen in den Ländern die Gerüchte um, dass
die Wälder verflucht sind«, murmelte Rijana vor sich hin. »Viele
Menschen sind nie wieder aufgetaucht, die in die Wälder gegangen
sind.«
Anschließend erzählte hauptsächlich Rijana von
ihren Freunden. Ariac hörte angespannt zu, als Rijana erwähnte,
dass er bei König Scurr ausgebildet worden war.
Der Elfenkönig nahm Ariacs Hand, doch dieser wich
instinktiv zurück.
»Er hat deinen Geist nicht gebrochen«, sagte der
Elf ernst, »aber in dir ist so viel Hass, den du überwinden
musst.«
Ariac bemerkte nur bitter: »Außer Rijana hassen
mich alle. Und ich bin mir nicht einmal sicher, dass nicht doch die
Krieger von Camasann meinen Clan umgebracht haben.«
Rijana wollte empört widersprechen, doch Thalien
war schneller: »Mir ist nicht bekannt, dass die Steppenleute
ermordet worden wären. Ich weiß nur, dass momentan Jagd auf sie
gemacht wird. Aber die Steppenleute sind klug, sie kennen und
lieben ihr Land, und es beschützt sie.«
Ariac sprang auf. In seinem Gesicht zeichnete sich
Hoffnung und Unglauben ab.
»Ich befürchte nur, dass du es erst mit deinen
eigenen Augen wirst sehen müssen, um es auch glauben zu können«,
fügte der alte Elf hinzu. Anschließend stand er auf. »Das waren
sehr viele Neuigkeiten für euch. Ich denke, ihr solltet sie
erst einmal verkraften.« Er deutete auf die dicke Eiche. »Dort
oben haben wir zwei Zimmer für euch hergerichtet. Ich gehe davon
aus, dass ihr unsere Gastfreundschaft nicht missbraucht, indem ihr
zu fliehen versucht. Zu gegebener Zeit werden wir euch aus unserem
Land geleiten.«
Damit verschwand der Elf und war schon wenige
Augenblicke später eins mit dem Wald geworden. Rijana kniff die
Augen zusammen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie in ihr Quartier auf
dem Baum kommen sollte, aber darüber wollte sie sich jetzt auch
keine Gedanken machen. Thalien hatte so viele verwirrende Dinge
erzählt, dass sie ganz durcheinander war.
Vorsichtig trat sie zu Ariac, der mit starrer Miene
in den Wald blickte. Auch ihn schien es zu beschäftigen.
»Ariac, ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie
und berührte ihn leicht.
Er zuckte überrascht zusammen und nickte
kurz.
Die beiden saßen noch lange in Gedanken versunken
unter den Bäumen, bevor Bali’an angelaufen kam und fröhlich fragte,
ob sie mit ihm zum Essen gehen wollten.
Sie folgten dem jungen Elf zu einer Lichtung, wo
etwa zwanzig Elfen im weichen Moos beisammensaßen und sie
anstarrten. Das Misstrauen in ihren Augen war Neugier gewichen.
Verschiedene Pilze wurden gereicht, dazu Wein aus den
orangefarbenen Blüten eines Baumes, der ganz in der Nähe wuchs.
Bali’an erklärte ihnen alles mit Feuereifer, doch besonders Ariac
starrte nur stumm in seinen Teller und hatte keinen Hunger. Er
musste über so vieles nachdenken.
Nach dem Essen kam der König vom Mondfluss dazu. Er
nickte Rijana zu: »Wirst du mich begleiten?«
Sie zögerte, doch Ariac war bereits aufgesprungen
und hatte sich vor sie gestellt. »Nein, nur wenn ich mit ihr gehen
kann.«
Der Elf lächelte beschwichtigend. »Es ehrt dich,
dass du auf sie aufpassen möchtest, aber ihr wird nichts
geschehen.«
Rijana trat vor. Sie wusste nicht warum, aber sie
hatte das Gefühl, dass sie dem Elfen vertrauen konnte.
Ariac zögerte. Er wollte Rijana nicht gehen lassen.
Aber er wusste, dass er allein gegen die vielen Elfen ohnehin keine
Chance hatte. Nicht einmal die Tatsache, dass er Thondras Sohn und
in Ursann ausgebildet worden war, änderte daran etwas. Aus alten
Geschichten der Arrowann wusste er, dass Elfen über magische
Fähigkeiten verfügten.
»Wir sind zurück, bevor der Mond aufgegangen ist«,
versprach Thalien, und Ariac gab zögernd nach.
Rijana warf ihm noch einen aufmunternden Blick zu,
bevor sie dem hochgewachsenen Elfen durch den uralten Wald folgte.
Bald erreichten sie einen Platz, an dem große Monolithen standen.
In ihrer Mitte war eine riesige Esche zu sehen. Ihre uralten
Wurzeln wölbten sich über den Waldboden.
»Als ich noch sehr jung war«, erklärte Thalien
nachdenklich, »da war dieser Baum noch ganz klein, und neben ihm
stand eine noch sehr viel mächtigere Esche.«
Rijana blickte auf einen Baumstumpf, von dem kaum
mehr etwas zu sehen war. »Wie alt seid Ihr denn?«, wagte sie
vorsichtig zu fragen.
»8352 Jahre, ungefähr zumindest«, antwortete
Thalien lächelnd.
Rijana staunte. Ihr war klar gewesen, dass der Elf
sehr alt sein musste, wenn er die erste Schlacht der Sieben
miterlebt hatte, doch nun diese Zahl zu hören verblüffte sie
ungemein.
Er strich mit der Hand sanft über den Boden.
Plötzlich schob sich ein moosbewachsener Stein lautlos zur Seite.
Eine Öffnung gab den Blick auf eine Vielzahl von Stufen frei.
»Ich mag diese unterirdischen Gänge und Höhlen
nicht sonderlich«, murmelte der Elf entschuldigend. »Aber sie
dienen unserer Sicherheit, falls die Menschen oder irgendwelche
finsteren Wesen in unsere Wälder eindringen sollten.«
Rijana folgte Thalien hinab in die Tiefe. Der Weg
wirkte zuerst sehr dunkel, fast bedrückend, aber schon nach kurzer
Zeit standen sie in einer Höhle, die von magischem Licht beleuchtet
wurde. Prachtvolle Elfenschwerter, Rüstungen, Schmuckstücke, Becher
und vieles andere wurde hier gelagert. Rijana hielt überrascht und
fasziniert inne. Selbst im Schloss von König Greedeon hatte sie
nicht so viele beeindruckende Gegenstände auf einmal gesehen.
Thalien ging zielstrebig auf eines der Schwerter zu und hob es
hoch. Rijana stockte der Atem – es war eines der sieben Schwerter,
prächtig gearbeitet und mit Runen verziert.
Thalien trat näher und reichte es ihr. »Das ist
deines.«
Sie nahm das perfekt ausbalancierte Schwert
entgegen und spürte gleich, dass es so war, wie der Elf gesagt
hatte. Dieses Schwert war das ihre, daran gab es keinen
Zweifel.
»Woher habt ihr es?«, fragte sie heiser.
Thalien lächelte traurig. »Damals bei der Schlacht
um Catharga gab es hohe Verluste. Und wie du sicher weißt, haben
die Wesen der Finsternis damals gesiegt.« Er seufzte. »Wir hatten
uns in den Bergen versteckt, sodass wir sehen konnten, wie
aussichtslos die Schlacht war. Als der Kampf dann beendet war,
konnten wir noch einige Menschen retten. Wir wollten uns zwar nicht
einmischen, aber wir können einfach nicht aus unserer Haut, wir
sind nun einmal die Bewahrer des Lebens.« Er wirkte traurig. »Du
warst tot, so wie all deine Freunde. Also nahmen wir dein Schwert,
damit es nicht in die Hände des Königs fallen konnte, der damals
über Ursann herrschte.«
Rijana strich vorsichtig und ehrfürchtig über die
silberne Klinge. Es fühlte sich gut an, dieses Schwert in der Hand
zu halten.
»Meint Ihr«, fragte sie und blickte zu dem Elfen
auf, »dass es eines Tages möglich sein wird, dass Menschen, Elfen
und alle anderen Völker in Frieden miteinander leben können?«
Der alte Elf lächelte traurig. »Das weiß ich
nicht.«
»Wird es wieder einen Verräter geben?«
Thalien legte seinen Arm um sie. »Das kann ich dir
nicht sagen, aber wahrscheinlich wird es so sein.«
Rijanas Augen blitzten plötzlich trotzig auf. »Aber
Ariac wird uns nicht verraten! Er ist kein schlechter
Mensch!«
Der Elf lächelte. »Es ist schön, dass du ihm so
vertraust. Er wird Freunde wie dich brauchen können, damit man ihm
glaubt.«
»Dann denkt Ihr auch nicht, dass er uns verraten
wird?«
Thalien hob die Schultern. »Dein Herz wird dir den
richtigen Weg weisen.« Er betrachtete sie eindringlich. »Nur eines
kann ich dir sagen. Der letzte Verräter war Slavon, und dies ist
keiner von Ariacs früheren Namen.«
Rijana wurde sehr nachdenklich. »Und welcher meiner
Freunde war Slavon?«
»Das könnte ich dir erst sagen, wenn ich ihn vor
mir stehen sähe«, sagte der alte Elf bedauernd.
»Danke für das Schwert«, meinte sie leise.
Anschließend gingen sie durch die Abenddämmerung
zurück und trafen auf Ariac, der bereits ungeduldig wartete. Er
bestaunte das Schwert, und allmählich begann er zu glauben, dass
die Elfen ihnen wirklich nichts Böses wollten. Zusammen mit Rijana
stieg er über eine Strickleiter aus Lianen den Baum hinauf, in
dessen dicke Äste ein Baumhaus aus Blättern und Zweigen gebaut
worden war. Ariac wünschte Rijana eine gute Nacht, konnte jedoch
selbst kaum einschlafen.
Am folgenden Tag kam Thalien zu ihnen und meinte,
dass sie erst in drei Tagen würden aufbrechen können. Ein Sturm
tobe im nördlichen Teil des Landes, sodass es besser sei, wenn sie
noch ein wenig warteten. Bali’an brachte ihnen ihre Pferde. Die
Stute und der Hengst wieherten erfreut, als sie
ihre Herren sahen. Rijana ging zu Lenya und streichelte sie
zärtlich. »Jetzt weiß ich zumindest, warum ich dich Lenya genannt
habe.«
»Der Name aus deinem früheren Leben war wohl in
deinem Unterbewusstsein«, sagte Thalien, der unbemerkt hinter sie
getreten war.
Bali’an lächelte und murmelte anschließend etwas
betrübt: »Ich würde euch zu gerne die Pferdeherden zeigen, die
weiter im Osten grasen, aber ich habe ja leider noch kein eigenes
Pferd.«
Thalien trat zu dem jüngeren Elfen und zog ihn an
seinen spitzen Ohren. »Du wirst auch noch deine Ausbildung bei den
Pferdeherden erhalten, Bali’an. Sei nicht so ungeduldig!«
Ariac hatte Rijanas begeistertes Gesicht gesehen,
und er hatte eine Idee: »Wenn du möchtest, dann kannst du auf
Nawárr reiten und Rijana die Pferde zeigen«, bot Ariac an und
wandte sich Thalien zu. »Ich würde gerne noch einmal mit Euch
reden.«
Thalien nickte huldvoll, und Bali’an rief sogleich
aufgeregt: »Darf ich?«
Der König vom Mondfluss stimmte zu, woraufhin
Bali’an gleich behände auf den Hengst sprang und vor Begeisterung
laut auflachte. Schnell galoppierte er durch den Wald, sodass
selbst Rijana Schwierigkeiten hatte, dem Elfen zu folgen, der so
selbstverständlich auf dem Pferd saß, als wäre er dort oben geboren
worden. Sie ritten über sonnige Lichtungen, an kleinen Bächen und
großen Seen vorbei. Dann, als der Tag bereits weit fortgeschritten
war, hielt Bali’an an einer Klippe an. Rijana, die atemlos neben
ihm stoppte, konnte ihren Augen kaum trauen. Auf unglaublich grünen
Weiden graste eine Herde von weit über dreihundert Pferden. Alle
waren sehr filigran und unglaublich edel.
»Das sind unsere Elfenpferde«, erklärte Bali’an
stolz, während
er Nawárrs Hals streichelte. »Aber eure Pferde sind auch nicht so
schlecht.«
Rijana blickte noch immer fasziniert auf die Herde,
die einträchtig über die Wiesen zog.
»Wir brauchen leider nicht sehr viele Pferde«,
seufzte Bali’an bedauernd. »Deswegen sind immer nur zehn oder
zwanzig Elfen damit beauftragt, auf die Pferde zu achten.«
»Und wo sind die Elfen?«, fragte Rijana
verwirrt.
Bali’an grinste und deutete ins Tal. »Sie stehen
zwischen den Bäumen. Dort, ganz am Ende des Tals, das ist mein
Cousin.« Er hob freudig die Hand.
Rijana kniff die Augen zusammen, konnte jedoch beim
besten Willen nichts erkennen.
Währenddessen gingen Ariac und der König vom
Mondfluss langsam durch die Wälder. Ariac hatte so viele Fragen,
wusste jedoch nicht, wie er beginnen sollte. Schließlich blieb der
alte Elf stehen. »Was hast du nun auf dem Herzen, mein
Junge?«
Ariac seufzte und blickte zu Boden. »Glaubt Ihr
wirklich, dass mein Volk noch am Leben sein könnte?«
Thalien runzelte die Stirn. »Ich möchte dir nichts
Falsches sagen, aber ich denke, mir wäre zu Ohren gekommen, wenn
das Steppenvolk ausgelöscht worden wäre.«
Ariac nickte, doch dann sagte er stockend: »Aber
dieser Mann … Er nannte den Namen meines Clans …«
Der alte Elf ergriff Ariacs Arm. »Meinst du nicht,
König Scurr könnte dich getäuscht haben?«
Ariac zuckte die Achseln. »Ich weiß, dass er nicht
unbedingt das ist, was man einen guten Menschen nennt, aber er war
zumindest nicht so gemein zu mir wie Worran.«
Thalien lächelte milde. »Weißt du, ich glaube,
genau darin liegt ihre Macht. Worran quält die jungen Krieger,
indem er sie bis an ihre Grenzen und weit darüber hinaus treibt.
Erst dann kommt Scurr. Furchteinflößend und charismatisch zugleich
gibt er jedem Einzelnen das Gefühl, wichtig und bedeutend zu sein.
Sicherlich hat er behauptet, dass er sich nur das nimmt, was ihm
zusteht, nicht wahr?«
»Kennt Ihr ihn?«, fragte Ariac überrascht.
Der Elf schüttelte den Kopf. »Nein, nicht
persönlich, aber ich kenne den, der ihn beherrscht. Es ist Zauberer
Kââr, der schon immer alle Reiche unter seiner Herrschaft haben
wollte.«
»Aber wie konnte er überleben?«, fragte Ariac
verwundert.
»Es ist nur sein Geist, der in Ursann ruhelos
umherzieht. Kââr war ein sehr mächtiger Zauberer, und als du ihn
damals, nun ja, eben in einem anderen Leben, getötet hast, da
konnte er zwar seinen Körper nicht retten, doch sein Geist blieb in
den Bergen von Ursann.«
»Und warum hat er mich dann nicht erkannt?«, fragte
Ariac gespannt.
Thalien seufzte. »Das weiß ich nicht. Vielleicht
ist diese Gabe einem Menschen nicht geschenkt. Vielleicht hat er
dich auch erkannt und wollte es nicht preisgeben.« Der Elf sah ihm
eindringlich in die Augen. »Aber wenn du ihm noch einmal begegnest,
dann sei auf der Hut. Jetzt bist du in seinen Augen zum Verräter
geworden. Er wird dich verfolgen und töten.«
Ariac blickte den Elfen nachdenklich an. »Ist es
möglich, diesen Geist zu besiegen?«
Thalien nickte bedächtig. »Ja, das ist es, aber
dafür musst du dein Schwert wiederfinden. Wenn du es hast, dann
bringe es zu mir, und ich werde einen Elfenzauber darauf
sprechen.«
»Aber wo ist mein Schwert?«, fragte Ariac. »Rudrinn
hat seines auch noch nicht.«
Thalien hob die Schultern. »Eines ist verschollen,
es war das von Dagnar«, sagte der Elf und blickte ihn eindringlich
an.
»War … war ich das?«, fragte er verwirrt.
Thalien lächelte nur. »Vielleicht wirst du dich
eines Tages daran erinnern.«
»Dann werde ich in die Steppe gehen und
anschließend entscheiden, was ich als Nächstes tun werde«, sagte
Ariac und ging mit dem König vom Mondfluss zurück zum Lager der
Elfen. Auch Rijana war bereits dort und erzählte begeistert von den
wunderschönen Elfenpferden, die sie gesehen hatte. Ariac hörte ihr
wohlwollend zu. Er hoffte, dass er sie nicht irgendwann in
ernsthafte Gefahr bringen würde.
In Balmacann lief währenddessen die Suche nach
Ariac und Rijana fieberhaft weiter. Falkann war beinahe Tag und
Nacht unterwegs, doch jede Spur war ins Leere verlaufen. Die
Soldaten, die Rijana und Ariac in die verfluchten Wälder des Ostens
hatten verschwinden sehen, waren sich nicht ganz sicher gewesen, ob
es tatsächlich die Gesuchten gewesen waren. Falkann war der
Einzige, der sich in den Wald hineinwagte, aber er schaffte es
nicht einmal, bis zum Fluss durchzudringen. Die Bäume und Büsche
schienen ihn hinausdrängen zu wollen.
Zehn Tage nach der Flucht der beiden kehrte er
schmutzig, müde und resigniert zurück. Brogan war mittlerweile nach
Camasann zurückbeordert worden, doch er hatte selbst Hawionn nichts
verraten.
Als Falkann heimkehrte, kam ihm Saliah entgegen und
umarmte ihn freundschaftlich. »Gib es doch endlich auf, sie sind
sicher schon weit fort.«
Falkann schnaubte nur und fuhr sich übers Gesicht.
»Wenn ihr durch seine Schuld etwas passiert, dann bringe ich ihn
um«, sagte er wütend. Aber insgeheim hatte er noch immer ein
furchtbar schlechtes Gewissen, weil er Ariac falsch beschuldigt
oder das Missverständnis zumindest nicht aufgeklärt hatte.
»Ich verstehe ja auch nicht, warum Rijana uns nicht
mehr
geglaubt hat als ihm«, sagte Saliah nachdenklich und zog Falkann
mit sich in das prunkvolle Schloss, wo er sich zunächst einmal ein
heißes Bad gönnte.
König Greedeon war unterdessen außer sich vor Wut.
Er hatte seinen Boten an König Scurr nicht mehr abfangen können.
Selbst wenn er wollte, könnte er sein Angebot, Ariac auszuliefern,
gar nicht einhalten. Er hoffte inständig, dass Scurr von vornherein
ablehnte. Außerdem war Greedeon aufgebracht wegen dieses hübschen
Mädchens aus Camasann. Rijana musste dem Jungen zur Flucht
verholfen haben, allein hätte er das nicht schaffen können. Wo sie
allerdings den Schlaftrunk her hatte, war ihm ein Rätsel. Trotz
allem musste König Greedeon aber zumindest nicht befürchten,
angegriffen zu werden, denn Scurr beschäftigte sich momentan
hauptsächlich mit den nördlichen Königreichen, die er mit Terror
überzog. Balmacann war fürs Erste nicht gefährdet. Die Silberminen
auf der Insel Silversgaard brachten zudem reiche Erträge, und die
Bauern und Lords zahlten immer noch pünktlich ihre Steuern.
Außerdem hatte er wenigstens noch fünf der sieben Kinder Thondras
in seiner Obhut.
Falkann trat müde in das große Kaminzimmer, wo
seine Freunde bereits versammelt saßen und ihn mitleidig
ansahen.
»Falkann, gib es auf! Rijana hat sich gegen uns
entschieden.« Broderick sprach als Erster.
Doch Falkann schüttelte den Kopf und ließ sich in
einen der weichen Sessel plumpsen.
»Komisch, eigentlich habe ich Ariac vertraut«,
meinte Tovion nachdenklich.
»Er ist eine von Scurrs Ratten«, fuhr Falkann ihn
wütend an, und die anderen blickten zu Boden. Eigentlich war es
ihnen ebenso gegangen wie Tovion, aber da Ariac geflohen war,
musste er wohl schuldig sein.
In den folgenden Tagen hatten sie nicht mehr sehr
viel Zeit, sich Gedanken um Ariac oder Rijana zu machen, denn sie
wurden nach Silversgaard beordert. König Scurrs Soldaten machten
die Küste unsicher, indem sie immer wieder Frachtschiffe angriffen,
die in Richtung Festland fuhren. Als sie aber sahen, unter welchen
Umständen Greedeons Minenarbeiter leben und arbeiten mussten, waren
sie entsetzt. König Greedeon versicherte ihnen allerdings schnell,
dass die Arbeiter nichts anderes verdient hätten, weil sie nur
Verbrecher waren, die ihre Strafe abarbeiten mussten.
Inzwischen hatte sich der Sturm im Norden gelegt,
sodass Rijana und Ariac schließlich aufbrechen konnten. Bali’an
bearbeitete seinen Vater und auch den König vom Mondfluss, dass er
die beiden begleiten durfte, aber weiter als bis an den Rand des
Reiches der tausend Flüsse durfte er nicht gehen. Rijana und Ariac
wurde das Versprechen abgenommen, niemandem etwas von den Elfen zu
sagen.
»Wenn ihr jemals zurückkehren solltet oder Hilfe
von uns benötigt«, sagte Thalien zum Abschied, »dann stellt euch
ans Ufer des Mondflusses und ruft meinen Namen.«
Die beiden nickten und bedankten sich. Sie waren
nun dem Donnergebirge ganz nahe. Die hohen Berge ragten über ihnen
auf. Thalien hatte ihnen den Weg erklärt.
Er holte noch zwei Bündel heraus. »Hier sind neue
Elfenmäntel für euch«, sagte er, »die alten haben ein wenig von
ihrer Zauberkraft eingebüßt. Diese werden euch selbst noch trocken
halten, wenn es mehrere Tage lang regnet.«
»Wir hatten Elfenmäntel?«, fragte Rijana voller
Staunen.
»Man hat sie uns vor langer Zeit gestohlen, als wir
aus Balmacann vertrieben wurden.« Thaliens Stimme klang
traurig.
Rijana gab ihm den Mantel zurück. »Dann will ich
ihn nicht! Ich möchte nichts, was man euch gestohlen hat.«
Doch der Elf drückte beruhigend ihre Hand. »Ihr
wusstet
nicht, dass sie gestohlen waren, und wahrscheinlich weiß es nicht
einmal mehr euer Lehrmeister, dieser Zauberer Hawionn. Dies ist ein
Geschenk, das wir euch gerne machen.«
»Danke«, sagte Rijana und strich über den weichen
Umhang.
Bali’an verabschiedete sich ebenfalls. Er wirkte
betrübt und streichelte die beiden Pferde noch einmal.
»Ich wäre gerne mit euch gegangen«, murmelte er.
Doch Thalien schüttelte entschieden den Kopf. »Du bist noch viel zu
jung.«
Er plusterte sich empört auf. »Die beiden sind viel
jünger als ich.«
»Sie sind Menschen«, erwiderte der König vom
Mondfluss entschieden.
Bali’an seufzte und wünschte viel Glück. Auch Ariac
bedankte sich noch, bevor sie aus dem Wald hinaus über eine grüne
Ebene ritten. Der junge Elf winkte ihnen lange hinterher, bis auch
er Thalien folgte, der in seinem Umhang schon nicht mehr erkennbar
war.
»Ich kann nicht fassen, dass die Umhänge gestohlen
waren.« Rijana wollte einfach nicht glauben, dass die Zauberer das
nicht gewusst hatten.
Ariac zuckte die Achseln. »Wie mir scheint, ist
auch Zauberer Hawionn mit etwas Vorsicht zu genießen.«
»Aber Brogan nicht«, sagte Rijana entschieden, »der
ist ehrlich.«
Ariac seufzte. Er wusste gar nicht mehr, wem er
trauen konnte und wem nicht.
Am nächsten Abend sahen sie die ersten Ausläufer
des Gebirges. Thalien hatte ihnen den besten Weg durch die Berge
beschrieben. Sie sollten sich an einen Pass halten, der sie direkt
zu den nördlichen Ebenen jenseits des Gebirges führte.
An diesem Abend, als sich die beiden gerade ihr
Abendessen
auf einem kleinen gut geschützten Feuer gemacht hatten, begann die
Erde zu beben. Die Pferde stoben erschrocken davon, und Rijana und
Ariac hielten sich an einem der vielen Felsen fest, die das Land
übersäten. Es hörte jedoch ebenso plötzlich auf, wie es gekommen
war.
Ariac blickte Rijana an. »Vielleicht haben die
Elfen doch Recht? Es gibt so viele Erdbeben in letzter Zeit«,
meinte er nachdenklich.
Sie musste an die Erdbeben denken, die sie auf dem
Schloss in Camasann erlebt hatte, und natürlich dachte sie in
diesem Augenblick auch wieder an ihre Freunde. Aber den Gedanken
schob sie rasch wieder zur Seite. In dieser Nacht erschütterten
immer wieder kleine Beben die Berge. Rijana und Ariac konnten kaum
schlafen. Zum Glück kehrten die Pferde bald wieder zurück und
begannen zu grasen, obwohl auch sie immer noch angespannt
wirkten.
Am nächsten Morgen stiegen sie weiter in die Berge
hinauf. Irgendwann wurde es so steil, dass Rijana und Ariac ihre
Pferde nur noch führen konnten.
Das Donnergebirge war ein von Wald durchzogener,
mächtiger Gebirgszug mit vielen Wildbächen, die sich an unzähligen
Stellen in die Tiefe stürzten. Mehrere Tage kletterten Rijana und
Ariac steil bergauf, sodass sie jeden Abend furchtbar erschöpft
waren. Doch schließlich erreichten sie den Pass, den Thalien ihnen
beschrieben hatte. Es war ein schmaler Weg, der an einem
rauschenden Wildbach entlangführte. Ariac hielt Rijana zurück und
blickte misstrauisch nach oben.
»Was ist?«, fragte sie.
»Das gefällt mir nicht. Auf dem Weg haben wir keine
Möglichkeit zu fliehen, wenn uns jemand angreift.«
»Wer soll uns denn hier angreifen?«, erwiderte sie.
»Bisher war doch alles ganz friedlich.«
Ariac blieb misstrauisch, denn er war in den Bergen
von Ursann ausgebildet worden und wusste, dass hinter jedem
Felsen und auf jedem Berg jemand lauern konnte. Aber letztendlich
hatten sie keine andere Wahl.Vorsichtig lief Ariac voran, und auch
Rijana blieb wachsam, obwohl diese Berge auf sie nicht bedrohlich
wirkten, sondern vielmehr faszinierend. Noch nie hatte sie so hohe
und majestätische Berge gesehen, über denen immer wieder Adler und
andere Raubvögel kreisten. Am Abend kauerten sie sich unter einen
Felsüberhang. Der Wind hatte merklich aufgefrischt und pfiff durch
die Berge.
»Siehst du«, sagte Rijana lächelnd und wickelte
sich in ihre Decke. »Hier ist alles friedlich.«
Ariac nickte zögernd. Es war bekannt, dass im
Donnergebirge eigentlich keine Orks und Trolle unterwegs waren,
aber er war trotzdem vorsichtig, vor allem wegen Rijana. Er wollte
nicht, dass ihr etwas passierte.
So ging es mehrere Tage weiter. Immer wieder tobten
heftige Stürme, und der Weg war teilweise sehr gefährlich, da er an
vielen Stellen heruntergebrochen war. Doch langsam mussten sie sich
dem Ende des Passes nähern. Der Weg führte noch einige Zeit an dem
Fluss entlang, dessen sprudelnde Quelle man nun erkennen konnte.
Von dort führte ein steiler Felsenpfad in die Höhe. Rijana war die
Erste, Ariac folgte ihr. Sie waren den ganzen Tag gewandert und
völlig erschöpft. Als Rijana den steilen Berg hinaufklettern
wollte, stellte sich ihnen urplötzlich und wie aus dem Nichts ein
Zwerg in den Weg. Die Pferde wieherten erschrocken. Der Zwerg
reichte Rijana gerade einmal bis zur Schulter, war dafür aber
dreimal so breit, trug einen schwarzen, buschigen Bart, einen Helm
und eine Lederrüstung. Außerdem hatte er eine gewaltige Axt in der
Hand.
Rijana und Ariac zogen gleichzeitig ihre Schwerter
und ließen die Pferde los.
»Stell dich hinter mich«, sagte Ariac mit
angespannter Stimme.
Rijana hätte das sogar getan, doch hinter ihnen
kamen plötzlich aus einer Felsöffnung weitere grimmig
dreinschauende Zwerge.
»Was wollt ihr?«, fragte Ariac mit fester
Stimme.
Der schwarzhaarige Zwerg schwang drohend seine Axt.
»Wir können hier keine Menschen gebrauchen.«
»Wir wollen doch nur passieren und nicht bleiben«,
sagte Rijana beruhigend.
Doch der Zwerg spuckte auf den Boden. »Wir lassen
uns nicht auch noch diese Berge wegnehmen.«
»Wir wollen nichts wegnehmen«, begann Rijana, doch
der Zwerg kam mit erhobener Axt auf sie zu.
»Lass sie in Ruhe«, sagte Ariac mit vor Zorn
bebender Stimme und stellte sich zwischen das Mädchen und den
Zwerg.
»Willst du dich mit mir anlegen?«, fragte dieser
und hob belustigt die dunklen Augenbrauen.
Einer der Zwerge rief: »Schlag ihnen ein Geschäft
vor, Bocan. Wenn er dich besiegt, dürfen sie gehen.«
Die anderen Zwerge grölten zustimmend.
Der schwarzhaarige Zwerg, dessen Name wohl Bocan
war, nickte daraufhin. »Bist du einverstanden?«
Ariac war das nur recht. Er packte seinen
Schwertgriff fester. Gegen Zwerge hatte er bisher noch nie
gekämpft, aber dafür gegen jede Menge Orks und Trolle.
Rijana wich ängstlich zurück und beobachtete die
Szene. Der Zwerg rollte wie eine Lawine auf Ariac los und deckte
ihn mit Schlägen ein. Bocan schlug zwar kraftvoll zu, doch Ariac
konnte geschickt ausweichen und landete selbst immer wieder
Treffer, die auf der Rüstung des Zwergen jedoch wenig Schaden
anrichteten. Auf dem schmalen Weg war nicht viel Platz, und Rijana
blieb halb das Herz stehen, als Ariac einmal beinahe den Felsen
hinunterstürzte, während er Bocans wilden Angriffen auswich.
Der Zwerg griff ohne Pause an, sodass Ariac
irgendwann nur noch wie besessen auf ihn einschlug, um ihn sich vom
Leib zu halten. Er verfiel in eine Art Blutrausch, seine Miene war
hassverzerrt, und er ließ Bocan kaum mehr an sich ran. Schließlich
strauchelte der Zwerg und stolperte über einen Stein. Er fiel nach
hinten auf den Boden, und Ariac hielt ihm heftig schnaufend sein
Schwert an die Kehle. Es sah aus, als würde er gleich zustechen
wollen. Bocan hob die Arme.
»Du hast gewonnen.«
Aber Ariac schien ihn gar nicht gehört zu haben. Er
holte aus, doch Rijana hielt seinen Arm fest.
»Hör auf, du musst ihn doch nicht umbringen!«
Er blickte sie wütend an. Im ersten Moment schien
er sie gar nicht zu erkennen, doch sie hielt seinen Arm mit
erstaunlicher Kraft fest und sah ihm tief in die Augen.
»Du hast ihn besiegt, lass ihn in Ruhe!«
Die anderen Zwerge waren bereits drohend näher
gekommen, ihre Äxte in Angriffshaltung, doch Rijana trat hinter
Ariac und hob ihr Schwert mit den magischen Runen.
»Lasst ihn, er wird eurem Freund nichts tun.«
Die Zwerge waren von dem zierlichen Mädchen
offensichtlich beeindruckt. »Wo hast du das Schwert her?«, fragte
ein rothaariger Zwerg mit runzliger Haut.
»Das geht dich nichts an«, erwiderte sie und war
erleichtert, als Ariac endlich von dem am Boden liegenden Zwerg
abließ.
Ariac steckte sein Schwert ein und zog Rijana mit
sich zur Wand.
»Können wir jetzt gehen?«, fragte er an den
schwarzhaarigen Zwerg gewandt, der sich gerade mühsam
aufrappelte.
Statt einer Antwort murmelte dieser: »Mich hat in
dreihundertfünfzig Jahren niemand besiegt.«
Ariac schnaubte nur und wandte sich in Richtung des
Felsganges.
Bocan unterhielt sich kurze Zeit mit dem
Rothaarigen.
»Wartet«, rief er den Menschen zu, »es ist schon
spät, ihr könnt mit uns essen.«
»Nein«, erwiderte Ariac unfreundlich. Er wollte
weiter.
Der rothaarige Zwerg kam nun näher und stellte sich
vor den misstrauisch dreinschauenden Ariac.
»Deine kleine Freundin hat ein seltenes
Schwert.«
»Das weiß ich«, gab Ariac zurück und hatte schon
wieder die Hand an seinem eigenen.
»Bist du etwa eine der Sieben?«, fragte Bocan
aufgeregt.
Rijana blickte unsicher zu Ariac, der nur wütend
das Gesicht verzog und sich anspannte. Schließlich nickte sie, und
die Zwerge unterhielten sich kurz in ihrer eigenen, für menschliche
Ohren ungewöhnlich harten Sprache.
»Werden sie uns gehen lassen?«, fragte Rijana
leise.
Ariac zuckte die Achseln. »Notfalls müssen wir uns
eben den Weg freikämpfen.«
Rijana nickte und legte ihre Hand an den Griff
ihres silbernen Schwertes.
»Wir wollen euch nicht aufhalten«, sagte der
schwarzhaarige Zwerg und musterte Ariac genau. »Noch nie hat mich
jemand besiegt, geschweige denn ein Mensch. Esst und trinkt mit
uns, ihr seid eingeladen. Außerdem würden wir gerne mehr über euch
erfahren.«
Rijana und Ariac schauten sich zweifelnd an. Sie
wussten nicht, was sie tun wollten. Konnten sie den Zwergen
wirklich trauen?
»Jetzt kommt schon«, drängte der rothaarige Zwerg.
»Mein Name ist Rolcan, und dieser unhöfliche Kerl hier«, er deutete
auf Bocan, »das ist unser Anführer. Wir sind nur eine kleine Gruppe
auf Patrouille. Unser Lager ist ein Stück den Berg hinauf, oberhalb
des Felsganges. Kommt mit uns, wir werden euch nichts tun.«
Rijana und Ariac stimmten noch immer etwas
zögerlich
zu. Sie mussten ohnehin in die Richtung, und es schien ihnen
vernünftig, die Zwerge nicht zu verärgern. Also stiegen die beiden
den Zwergen voran den schmalen Felsgang hinauf. Hinter ihnen
polterten die Zwerge lautstark in ihren Rüstungen, was Nawárr und
Lenya ein wenig nervös machte.
Rijana und Ariac waren früher oben angekommen als
die Zwerge, da sie wesentlich leichtfüßiger und schneller waren.
Kurze Zeit später tauchte Bocan heftig schnaufend auf und winkte
ihnen, ihm zu folgen. Sie standen auf einem Hochplateau, von dem
man nun die Ebenen und den See erblicken konnte, der die Grenze zur
Steppe bildete. Die Zwerge hielten direkt auf eine Felswand zu. Man
konnte den Eingang erst dann sehen, wenn man direkt
davorstand.
»Ihr könnt die Pferde an einem der Bäume anbinden«,
sagte Bocan.
»Sie sind gut ausgebildet«, erwiderte Rijana. »Sie
werden auch so nicht weglaufen.«
Bocan zuckte die Achseln. Mit Pferden kannte er
sich nicht aus.
Er führte die beiden Menschen zu dem Felsspalt,
hinter dem sich eine große Höhle auftat. Zwei weitere Zwerge
blickten überrascht auf. Sie grillten gerade einen ganzen Hirsch
über einem Feuer.
»Sie sind unsere Gäste«, stellte Bocan klar, als
die beiden Zwerge aufsprangen und nach ihren Äxten griffen.
»Der Steppenjunge hat Bocan besiegt«, rief ein
Zwerg mit dunkelblonden Haaren frech grinsend und fing sich von
seinem Anführer damit sofort einen Stoß in die Rippen ein.
»Das musst du nicht gleich weitertratschen, du bist
schließlich kein Weibsbild.«
»Setzt euch!« Rolcan, der rothaarige Zwerg, deutete
auf die Felle, die am Boden lagen.
Anschließend verteilte er Brot, den Hirschbraten
und kühles dunkles Bier. Die Zwerge wollten natürlich sofort
wissen,
wie Ariac ihren Anführer besiegt hatte. Doch der Steppenkrieger
schwieg und blickte die Zwerge finster an.
»Warum bewacht ihr den Pass?«, fragte Rijana, um
die Zwerge von Ariac abzulenken.
Bocan fluchte laut in seiner Sprache. »Wir wurden
bereits aus dem nördlichen Gebirge vertrieben«, antwortete er
anschließend, »dieses hier lassen wir uns nicht auch noch von den
Menschen nehmen.«
»Warum wurdet ihr vertrieben?«, fragte Rijana
überrascht, und auch Ariac beugte sich interessiert nach
vorn.
Bocan machte ein sehr wütendes Gesicht. »Überall
nur noch Orks, Trolle und Scurrs Soldaten. Sie überschwemmen den
gesamten Norden, nichts ist mehr sicher. Und dann noch die vielen
Vulkanausbrüche in letzter Zeit …«, er schüttelte den Kopf, »nein,
da sind wir lieber hierhergekommen.«
»Wusstest du davon?«, fragte Rijana an Ariac
gewandt, doch der schüttelte den Kopf.
Soweit er wusste, hielten sich Scurrs Soldaten nur
in Ursann auf. Dass sie in den nördlichen Gebirgen unterwegs waren,
war ihm neu.
»Woher soll er das denn auch wissen?«, fragte der
blonde Zwerg. »Er kommt schließlich aus der Steppe.« Dann runzelte
er die Stirn. »Aber du trägst ein Schwert. Ich dachte, ihr
Steppenleute kämpft mit anderen Waffen.«
»Die Zeiten ändern sich«, erwiderte Ariac
knapp.
»Aber, Mädchen«, sagte Rolcan zu Rijana, »wenn du
eine der Sieben bist, warum bist du denn dann nicht auf
Camasann?«
Bocan spuckte auf den Boden. »Gut, dass sie nicht
dort ist, Camasann spielt doch auch schon lange ein falsches
Spiel.«
»Wie kommst du darauf?«, fragte Rijana
empört.
»Hawionn und Greedeon hecken schon lange etwas
aus«, antwortete Rolcan und fuhr sich über seinen roten Bart.
»Wie meinst du das?«, fragte Ariac gespannt.
Ȇberlegt doch mal. Seit so vielen Sommern wurde
Balmacann nicht mehr angegriffen. Immer sind es nur die nördlichen
Königreiche.«
»Vor einiger Zeit fand ein Angriff statt«, stellte
Rijana richtig.
»Natürlich«, erwiderte der Zwerg. »Aber Scurr hat
sich doch schnell wieder zurückgezogen, oder? Das ist doch komisch,
denn bei den vielen tausend Kriegern, Orks und was weiß ich für
eine Dämonenbrut, die er bei sich hat, könnte er Balmacann leicht
einnehmen.«
Ariac runzelte überrascht die Stirn. Er wusste,
dass Scurr eine Menge Krieger hatte, aber er glaubte nicht, dass es
insgesamt mehr als tausend waren.
»Was willst du damit sagen?«, fragte Ariac
misstrauisch.
»Ich weiß es nicht genau«, erwiderte Rolcan. »Ich
möchte auch keine falschen Anschuldigungen aussprechen, aber
vielleicht machen Greedeon und Scurr gemeinsame Sache.«
Rijana schrie empört auf. »Das kann nicht
sein!«
Der Zwerg hob nur die Achseln. »Wie gesagt, nur
eine Vermutung«, murmelte er.
Es wurde weiterhin großzügig Bier eingeschenkt,
sodass die Zwerge immer lustiger und unterhaltsamer wurden. Nur
Ariac hielt sich zurück, trank kaum etwas und beteiligte sich auch
nicht an den Gesprächen. Rijana zeigte sich etwas offener. Sie gab
schließlich zu, dass sie sich mit den anderen der Sieben
verstritten hatte, die noch auf dem Schloss von König Greedeon
waren.
»Wenn ihr etwas erreichen wollt, dann müsst ihr
zusammenhalten«, sagte Rolcan ernst.
Rijana nickte zögernd. »Das weiß ich, aber … Im
Moment geht das eben nicht.« Sie warf Ariac einen hilfesuchenden
Blick zu, doch der zog nur die Augenbrauen zusammen. Er wollte den
Zwergen nichts verraten, vor allem nicht, dass er bei König Scurr
ausgebildet worden war.
Schließlich zogen sich die meisten Zwerge auf ihre
Felle in den Nischen der Höhle zurück. Einige gingen hinaus, um
Wache zu halten.
Bocan gab Rijana und Ariac ein Fell. »Sucht euch
einfach einen Platz.«
Ariac nahm das Fell und ging gemeinsam mit Rijana
zum Rand der Höhle. »Schlaf du ruhig, Rijana, ich werde Wache
halten.«
»Ich glaube nicht, dass sie uns etwas tun«,
erwiderte sie leise.
Doch Ariac schüttelte den Kopf. Er traute den
Zwergen nicht. Rijana seufzte und legte sich, in ihre Decke
gewickelt, auf das dicke Fell.
»Weck mich, wenn du schlafen willst.«
Ariac nickte und lehnte sich mit offenen Augen an
die kalte Höhlenwand. Er beobachtete die schnarchenden Zwerge
einige Zeit lang, doch es schien wirklich keine Gefahr von ihnen
auszugehen.
Irgendwann, mitten in der Nacht, gesellte sich
Rolcan zu Ariac. Er setzte sich nachdenklich vor den jungen Mann
auf den Boden.
»Du traust uns nicht, oder?«
Ariacs Gesicht wurde noch verschlossener. »Nein,
aber das hat nichts mit euch zu tun.«
»In diesen Zeiten wird man misstrauisch.« Dann
deutete er lächelnd auf die schlafende Rijana. »Aber sie scheinst
du zu mögen, du passt gut auf sie auf.«
Ariac nickte. »Ich habe es ihr vor langer Zeit
versprochen, lange bevor …« Er stockte und zog die Augenbrauen
zusammen, doch der Zwerg ging nicht weiter darauf ein.
»Seid vorsichtig, wenn ihr weiterzieht. In den
Bergen wird euch nicht viel geschehen, aber auf der Steppe ist es
dieser Tage gefährlich. Orkanartige Stürme ziehen über das Land,
und Scurrs Soldaten sind überall.«
»Ich kenne mich in der Steppe aus«, erwiderte Ariac
knapp.
Aber der Zwerg schüttelte besorgt den Kopf. »Vieles
hat sich verändert. Es sind keine normalen Stürme, die gelegentlich
über die Steppe jagen. Nein, es ist etwas anderes. Es ist, als
würde Nawárronn, der Gott des Windes, selbst erzürnt sein und die
Länder mit seinem Zorn strafen.«
»Nawárronn«, flüsterte Ariac. So lange hatte er
diesen Namen nicht mehr gehört. Vertraute Bilder erschienen vor
seinem geistigen Auge. Feste zu Ehren des Sturmgottes. Lachende,
feiernde und ausgelassene Menschen. Herbststürme auf den Ebenen,
wenn man zusammen mit seinem Pferd über die Steppe donnerte und
selbst Teil des Windes zu sein schien. Doch das alles schüttelte er
rasch ab.
»Eine Frage, Rolcan«, sagte Ariac nach einer Weile.
»Hast du etwas davon gehört, dass die Krieger aus Camasann
Steppenleute getötet haben?«
Der Zwerg zog die Augenbrauen zusammen und dachte
eine Weile nach.
»Wir sind hauptsächlich unterirdisch gereist, aber
soweit ich weiß, haben sich die Steppenleute weit in den Osten
zurückgezogen. Sie werden verfolgt, aber von wem, das kann ich dir
nicht sagen.«
Ariac nickte nachdenklich. Er würde selbst sehen
müssen, was tatsächlich passiert war.
»Leg dich schlafen«, sagte Rolcan. »Wir werden euch
nichts tun.« Als er Ariacs misstrauischen Blick sah, fügte er
hinzu: »Oder glaubst du, wir hätten euch sonst eure Waffen
gelassen?«
Ariac seufzte und zuckte die Achseln. Schließlich
legte er sich hin, behielt jedoch die Augen offen. Als Rijana in
der Nacht aufwachte, stellte Ariac sich schlafend. Ihm ging zu viel
durch den Kopf, sodass er ohnehin nicht einschlafen konnte. Es war
besser, wenn Rijana sich noch ein wenig ausruhte.
Als der Morgen dämmerte, wachte Rijana auf. Sie
streckte sich unter ihrer Decke und blinzelte schläfrig. Um sie
herum schnarchten die meisten Zwerge noch immer friedlich.
»Du bist schon wach?«, fragte Rijana.
Ariac nickte. Er wollte ihr nicht sagen, dass er
gar nicht geschlafen hatte. »Lass uns weitergehen, wenn du so weit
bist.«
Rijana setzte sich ganz auf und fuhr sich durch die
verstrubbelten Haare. »Wir sollten uns zumindest verabschieden. Die
Zwerge waren nett zu uns.«
Ariac seufzte und nickte zögernd. Schließlich erhob
er sich, packte seine Sachen zusammen und ging gemeinsam mit Rijana
zum Höhlenausgang. Einer der Zwerge stellte sich ihnen mit
erhobener Axt in den Weg.
Bevor Ariac etwas sagen konnte, meinte Rijana
freundlich: »Wir würden uns gerne von Bocan und Rolcan
verabschieden, bevor wir gehen.«
Der Zwerg machte nun ein beruhigtes Gesicht und
führte die beiden nach draußen. Vor einem Feuer saßen die beiden
Zwerge und unterhielten sich leise. Als sie die Menschen sahen,
sprangen sie auf.
»Wir gehen jetzt«, sagte Ariac entschieden.
Die Zwerge warfen sich einen Blick zu, dann nickte
Bocan.
»Du hast mich besiegt, das ist euer gutes
Recht.«
Rijana rief die beiden Pferde zu sich und begann,
Decken und Proviant zu verstauen.
Bocan murmelte etwas davon, dass er noch Proviant
holen würde, und Rolcan wandte sich mit ernstem Gesicht Ariac zu.
»Nehmt euch in Acht und haltet euch von der Handelsstraße fern! Ich
weiß nicht, was ihr vorhabt, aber Rijana ist von großem Wert für
alle freien Völker. Pass auf sie auf!«
Ariac nickte, denn das würde er ohnehin tun.
Schließlich kehrte Bocan mit zwei großen
Proviantbeuteln zurück. »So, das dürfte einige Zeit reichen. Wasser
findet
ihr hier in den Bergen genügend.« Er grinste Ariac an. »Verdammt,
dass ich das noch erlebe, dass ein Mensch mich besiegt.«
Ariac deutete ein Lächeln an und verstaute die
Proviantbeutel in den Satteltaschen seines Hengstes.
Der Zwerg zögerte. »Falls ihr jemals in
Schwierigkeiten geraten solltet und andere Zwerge in der Nähe sind,
dann nennt meinen Namen, dann werden sie euch sicherlich helfen«,
sagte er zum Abschied.
»Du überschätzt deinen Einfluss ein wenig«,
erwiderte Rolcan scherzhaft, und sein runzeliges Gesicht verzog
sich zu tausenden von Falten.
Bocan machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Das war ein Scherz«, erklärte Rolcan
augenzwinkernd zu Rijana und Ariac gewandt. »Er ist der
zweitälteste Sohn unseres Zwergenkönigs.«
»Und wo ist euer König?«, fragte Rijana
überrascht.
»Ach, der alte sturköpfige Narr, der sich mein
Vater nennt, ist immer noch in den nördlichen Bergen«, knurrte
Bocan. »Wenn er nicht bald herkommt, wird einer der Orks seine
brüchigen Knochen fressen.«
»Ha, dein Vater und von einem Ork gefressen
werden«, sagte Rolcan lachend. »Er kämpft noch immer besser als
alle diese jungen Zwerge, die noch grün hinter den Ohren sind.
Außerdem würde sich wohl jeder Ork an ihm die Zähne ausbeißen. Er
ist verdammt zäh.«
Bocan brach in dröhnendes Gelächter aus, winkte den
Menschen noch einmal zu und verschwand in der Höhle.
Rolcan verabschiedete sich ebenfalls. »Es ist eine
große Ehre, dass Bocan euch seine Hilfe anbietet. Normalerweise ist
er nicht so gut auf Menschen zu sprechen.«
»Wir werden auch allein zurechtkommen«, sagte Ariac
und schwang sich auf sein Pferd.
Doch Rijana wandte sich mit einem einnehmenden
Lächeln
an den alten rothaarigen Zwerg. »Vielen Dank, ihr wart sehr nett
zu uns.«
Rolcan lächelte zurück und blickte den beiden
nachdenklich hinterher.Vielleicht würden diese jungen Menschen den
Frieden bringen können. Dann seufzte er. Wirklich daran glauben
konnte er allerdings nicht.