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Zira hatte ich es zu verdanken, dass ich Nova von nun an öfter sehen durfte – ohne Wissen der Behörden. Ich verbrachte zahllose Stunden bei ihr und erhoffte sehnsüchtig das Aufblitzen eines Geistesfunkens in ihrem Blick. So verstrichen die Wochen in ungeduldiger Erwartung der Geburt.

Eines Tages lud mich Cornelius zu einer Besichtigung der Enzephalischen Abteilung ein, von der er mir wahre Wunderdinge erzählt hatte. Er stellte mich dem Leiter der Abteilung vor, jenem jungen Schimpansen namens Helius, dessen Fähigkeiten er so gepriesen hatte, und verabschiedete sich mit dem Hinweis, er könne mich wegen dringender Geschäfte nicht persönlich begleiten. »In einer Stunde komme ich wieder«, sagte er, »um Ihnen das Glanzstück dieser Experimente selbst vorzuführen, dem wir die Erkenntnisse verdanken, von denen ich Ihnen berichtet habe. Einstweilen mögen Ihnen die klassischen Fälle genügen.«

Helius führte mich in einen Saal, der allen anderen Sälen des Instituts glich. Er enthielt zwei Reihen von Käfigen, und gleich an der Tür schlug mir ein Geruch entgegen, der mich an Chloroform erinnerte. Es handelte sich tatsächlich um ein Betäubungsmittel, denn sämtliche chirurgischen Eingriffe wurden, wie mir der Schimpanse erklärte, neuerdings an narkotisierten Versuchspersonen vorgenommen. Er betonte das ganz besonders, um damit auf das hohe Niveau der Affenzivilisation hinzuweisen, die darauf bedacht war, auch bei Menschen unnötiges Leiden zu vermeiden. Ich sollte also ganz beruhigt sein – war es aber nur zum Teil. Und ich war es umso weniger, als er dann auf eine Ausnahme von dieser Regel zu sprechen kam, nämlich die Experimente zur Erforschung des Schmerzempfindens und zur Entdeckung jener Nervenzentren, von denen dieses Empfinden ausging. Das war nun wirklich nicht dazu angetan, mich zu beruhigen, und ich erinnerte mich, dass Zira mir von dem Besuch dieser Abteilung abgeraten hatte, die sie selbst nur dann betrat, wenn es unumgänglich war. Ich verspürte das Bedürfnis, wieder umzukehren, doch Helius ließ es nicht so weit kommen.

»Möchten Sie bei einer Operation zusehen, damit Sie sich selbst davon überzeugen können, dass der Patient nicht leidet. Nein? Dann wenden wir uns also gleich den Resultaten zu.« An jenem Verschlag vorbei, aus dem der starke Geruch drang, führte er mich zu den Käfigen. Im ersten erblickte ich einen jungen, recht gut aussehenden, doch erschreckend mageren Mann, der zusammengekrümmt auf seinem Lager lag. Vor ihn, fast unter seine Nase, hatte man einen Napf gestellt, der die Lieblingsspeise aller Sorormenschen enthielt, einen gesüßten Brei aus Getreideflocken. Regungslos und mit stumpfem Blick starrte er darauf.

»Da sehen Sie«, erklärte der Abteilungsleiter. »Der Junge ist halb verhungert. Er hat seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen, obwohl seine Lieblingsspeise vor ihm steht. Das ist die Folge der operativen Entfernung eines bestimmten Teils seines Gehirns vor einigen Monaten. Seither dämmert er nur vor sich hin, und man muss ihn gewaltsam ernähren. Sehen Sie nur, wie dünn er ist.« Auf ein Zeichen von Helius hin betrat ein Krankenwärter den Käfig und drückte den Kopf des Menschen in den Napf, um ihn zum Essen zu zwingen. »Ein ziemlich gewöhnlicher Fall. Hier sind interessantere. Bei jeder dieser Versuchspersonen wurden bestimmte Regionen der Gehirnrinde operativ verändert.«

Wir gingen an einer Reihe von Käfigen vorbei, in denen sich Männer und Frauen jeden Alters befanden. An den Käfigtüren war jeweils ein Schild angebracht, auf dem die Art der Operation und eine Menge technischer Details vermerkt waren.

»Manche dieser Regionen beeinflussen die natürlichen Reflexe, andere die erworbenen. Diesen Menschen hier zum Beispiel …«

Diesen Menschen hier hatte man laut Schild am Hinterkopf operiert, und er hatte die Fähigkeit verloren, Entfernungen abzuschätzen und Gegenstände zu erkennen. Das äußerte sich darin, dass er unsicher um sich tastete, als ein Wärter in seine Nähe kam. Prompt stolperte er über einen Stock, den man ihm in den Weg hielt. Dann flößte ihm eine angebotene Frucht Angst ein, und er wich entsetzt zurück. Schließlich war er außerstande, die Gitterstäbe des Käfigs zu umklammern, und verkrampfte in vergeblichem Bemühen die Finger in der Luft.

»Der dort«, sagte der Schimpanse mit einer entsprechenden Kopfbewegung, »war früher ein bemerkenswerter Bursche. Es war uns gelungen, ihm etliche Kunststücke beizubringen. Er kannte seinen Namen und befolgte bis zu einem gewissen Grad Anweisungen. Außerdem konnte er ziemlich verwickelte Aufgaben lösen und hatte gelernt, sich einiger einfacher Werkzeuge zu bedienen. Nun hat er das alles vergessen, auch seinen Namen. Nun ist er der dümmste von allen unseren Menschen – als Folge einer besonders komplizierten Operation, nämlich der Entfernung der Schläfenlappen.«

Innerlich zog sich mir alles zusammen bei den Grausamkeiten, die mir der Schimpanse da erläuterte. Ich sah partiell oder komplett gelähmte Menschen und solche, die man künstlich ihres Augenlichts beraubt hatte. Ich sah eine junge Mutter, deren Mutterinstinkt nach einem Eingriff völlig verkümmert war – jedes Mal, wenn sich eines ihrer kleinen Kinder näherte, stieß sie es voll Abscheu zurück. Das war zu viel für mich. Ich dachte an Nova und an die bevorstehende Geburt und ballte zornig die Fäuste. Zum Glück zog mich Helius in einen weiteren Saal, und so hatte ich Zeit, mich zu beruhigen.

»Hier«, erklärte er geheimnistuerisch, »haben wir die wirklich interessanten Fälle. Hier tritt nicht mehr das Skalpell in Aktion, sondern ein subtileres Instrument. Es handelt sich um die Anregung gewisser Gehirnpartien durch Elektrizität. Dabei sind uns wirklich erfolgreiche Experimente gelungen. Wird bei Ihnen auf der Erde auch auf diesem Gebiet geforscht?«

»Ja, mit Affen!«, rief ich aufgebracht.

Der Schimpanse konnte sich eines Lächelns nicht enthalten. »Natürlich. Dennoch glaube ich nicht, dass Sie jemals so perfekte Resultate erzielt haben wie wir. Aber das wird Ihnen Doktor Cornelius selbst vorführen. Einstweilen wenden wir uns den banaleren Fällen zu.«

Wir kamen zu Käfigen, in denen sich Wärter an Versuchspersonen zu schaffen machten, die auf einer Art von Tischen lagen. Ein Schnitt legte jeweils eine bestimmte Gehirnpartie frei, woraufhin ein Affe die Elektroden anbrachte und während ein anderer die Narkose überwachte.

»Wie Sie sehen, betäuben wir die Versuchsobjekte auch hier – eine leichte Anästhesie, die die Ergebnisse nicht beeinträchtigt, den Patienten jedoch unempfindlich für Schmerz macht.«

Sobald die Elektroden angeschlossen waren, verfiel die Versuchsperson in monotone Zuckungen, und zwar fast immer nur mit einer Hälfte des Körpers. Ein Mann zog bei jedem Stromstoß das linke Bein an und streckte es nach Unterbrechung des Kontaktes wieder von sich. Ein anderer vollführte die gleiche Bewegung mit dem Arm. Beim nächsten war es die Schulter, die unter den elektrischen Impulsen zu zucken begann. Daneben, bei einem sehr jungen Patienten, war die Kiefermuskulatur betroffen: Der Unglückliche kaute unablässig vor sich hin, während sein Körper unbeweglich blieb.

»Beachten Sie, was passiert, wenn man die Dauer der Stromzufuhr verlängert«, sagte Helius. »Wir haben hier einen Fall…«

»Genug!«, rief ich.

In diesem Moment kam Cornelius herein und klopfte mir freundlich auf die Schulter. »Ich gebe zu, dass diese Experimente kein schöner Anblick sind, wenn man nicht daran gewöhnt ist«, sagte er. »Aber bedenken Sie, dass unsere Medizin und unsere Chirurgie seit einem Vierteljahrhundert enorme Fortschritte gemacht haben.«

Dieses Argument überzeugte mich ebenso wenig wie damals, als ich in einem irdischen Laboratorium ähnliche Experimente mit Schimpansen beobachtet hatte. Cornelius hob die Schultern und schob mich durch einen engen Gang in einen kleineren Saal.

»Hier«, verkündete er feierlich, »werden Sie einer einzigartigen und völlig neuen Demonstration beiwohnen. Bisher haben diesen Raum außer mir nur Helius, der diese Forschungen auf eigene Initiative betreibt, und eine Hilfskraft, die wir sorgfältig ausgesucht haben, betreten. Es handelt sich um einen Gorilla. Er ist stumm und äußerst primitiv. Außerdem ist er ist mir mit Leib und Seele ergeben. Daran erkennen Sie, wie wichtig es mir ist, diese Arbeiten geheim zu halten. Ich habe nichts dagegen, Sie einzuweihen, denn ich weiß, dass Sie schweigen werden – und zwar in Ihrem eigenen Interesse.«