26

Pierce schaltete den Scheinwerfer aus und fuhr im Schritttempo die Straße hinunter, bis er fünfzehn Meter hinter einem Wagen zum Stehen kam, den er nicht erkannte. Es war das einzige Auto, das noch am Calhoun Square parkte. Es musste der Wagen sein, mit dem Madison hergekommen war, auch wenn er nicht wusste, woher sie ihn hatte.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, sich spät in der Nacht aus der Pension zu schleichen? Warum war sie ausgerechnet hierhergefahren und hatte den Wagen an der dunkelsten Stelle in der Straße abgestellt, so weit von der Straßenlampe entfernt, wie es nur ging?

Sobald er sie in Sicherheit wusste, würde er ihr die Meinung sagen. Er konnte sehen, dass jemand auf dem Fahrersitz saß, ein Schatten in der Dunkelheit. Aber irgendetwas stimmte nicht. Der Schatten war zu groß, und die Schultern waren zu breit, als dass sie der zierlichen Madison gehören konnten.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus. Er stieg aus dem Auto und schloss leise die Fahrertür. Nachdem er seine Waffe gezogen hatte, ging er geduckt weiter. Als er sich dem anderen Wagen näherte, bückte er sich noch tiefer hinunter und achtete sorgfältig darauf, sich im toten Winkel zu halten. Nach ein paar weiteren Schritten kam er neben der Fahrertür zu stehen und richtete seine Pistole und seine Taschenlampe auf die Person, die im Wageninneren saß.

Erschrocken riss der Fahrer die Hände hoch und blinzelte in das grelle Licht. Pierce fluchte, als er den Mann erkannte. »Öffnen Sie die Tür, Mr Varley.«

Varley zitterte zwar so sehr, dass er kaum mit dem Türgriff fertig wurde, doch schließlich gelang es ihm, die Tür zu öffnen.

Pierce riss die Tür weiter auf und zog den anderen mit einer schnellen Bewegung am Kragen aus dem Auto.

Varley landete auf der Straße, während Pierce’ Blick durch das Wageninnere jagte. Leer. Er richtet den Blick auf den eingeschüchterten Pensionswirt.

»Was machen Sie hier draußen?«

Mit seinen weit aufgerissenen Augen erinnerte Varley an eine Eule. Er hielt die Hände hoch erhoben, und sein Mund klappte wie bei einem Fisch stumm auf und zu.

»Grundgütiger … nehmen Sie die Hände herunter. Ich werde Sie schon nicht erschießen.« Pierce schob die Waffe in seinen Hosenbund und zerrte den Mann hoch. »Reden Sie schon, bevor ich es mir anders überlege und Sie doch erschieße.«

Der Mann starrte ein paar Sekunden lang angstvoll auf Pierce’ Waffe, ehe er es schaffte, den Blick zu heben. »Ich habe mir gerade im Aufenthaltsraum einen Spätfilm angesehen, als Mrs McKinley die Treppe herunterkam. Sie sagte, sie hätte einen Anruf von einer Freundin erhalten, die ein Problem mit ihrem Wagen hätte, und wollte ihr helfen.«

»Sprechen Sie weiter«, drängte ihn Pierce.

»Ich habe ihr gesagt, es sei zu gefährlich, um diese Uhrzeit allein unterwegs zu sein, und habe darauf bestanden, dass Sie sie begleiten. Aber sie meinte, Sie würden schlafen, und sie mochte Sie nicht wegen der Autoschlüssel behelligen. Sie wollte sich meinen Wagen leihen. Weil ich sie nicht allein gehen lassen konnte, habe ich ihr angeboten, sie zu fahren. Als wir hier angekommen sind, wollte sie, dass ich im Wagen auf sie warte. Sie sagte, sie würde in ein paar Minuten zurück sein.« Er sah sich suchend um, als erwarte er, sie jeden Moment auf der Straße auftauchen zu sehen.

»Und sie hat Ihnen nicht gesagt, wo sie hinwollte?«

»Nein.«

»Haben Sie wenigstens gesehen, in welche Richtung sie gegangen ist?«

Varley kratzte sich am Kopf. »Ich bin mir nicht ganz sicher. Es ist zu dunkel, als dass man viel sehen könnte.« Er schauderte und sah sich ängstlich um, als befürchte er, dass sich jemand aus den Schatten lösen und auf ihn stürzen würde.

Pierce knirschte mit den Zähnen und unterdrückte das Bedürfnis, den Mann zu schütteln. Irgendetwas stimmte hier nicht. Tessa hatte das Signal von Madisons Handy bis zu diesem Auto verfolgt. »Wo ist ihr Handy?«

»Ihr Handy? Ich verstehe nicht …«

Pierce verlor die Geduld und machte sich daran, den Wagen gründlicher zu untersuchen. Wie er vermutet hatte, befand sich das Telefon im Wageninneren. Sie hatte es zwischen Beifahrersitz und Mittelkonsole geschoben.

»Special Agent Buchanan, Sir?« Der Pensionswirt stand ein paar Meter vom Auto entfernt und verdrehte seinen Hemdsaum zwischen den Fingern.

»Was ist denn?«, knurrte Pierce.

»Glauben Sie … äh … soll ich die Polizei rufen oder so? Denken Sie, dass Mrs McKinley in Schwierigkeiten ist?«

»Diese Frau ist immer in Schwierigkeiten.«

Varleys zog verwundert die Augenbrauen hoch. »Sir?«

»Einen Moment.« Er versuchte den Mann neben sich zu ignorieren, auch wenn dieser den Eindruck machte, als stünde er kurz vor einem Schlaganfall. Er schaltete das Display von Madisons Handy ein und sah eine ungelesene Nachricht, die Madison an ihr eigenes Handy geschickt hatte. Er öffnete sie.

Pierce, ich konnte nicht riskieren, dass Damon frei herumläuft und weiteren Menschen Schaden zufügt. Ich bin losgefahren, um mir sein Geständnis zu holen. Wenn du das hier liest, ist mir das nicht gelungen. Ich musste das hier tun. Ich hatte keine Wahl, als es bis zum bitteren Ende durchzuziehen. Dass dir etwas zustößt, konnte ich einfach nicht riskieren. Deshalb habe ich auch deinen Ring nicht angenommen – um dich schützen. Ich musste dich so wütend machen, damit ich das Zimmer verlassen konnte, um zu mir zu fahren und mich mit Damon zu treffen. Bitte verzeih mir. Ich habe dich immer geliebt. Ich werde dich immer lieben. Immer.

Er fluchte und warf das Handy auf den Sitz. Sein Blick jagte über den Square, während er versuchte, die Fassung wiederzuerlangen. Madisons Haus war nicht weit entfernt. Vom Calhoun Square aus war es nur ein kurzer Spaziergang. Wahrscheinlich war sie direkt dorthin gegangen.

Er zog sein Handy aus der Hosentasche, tippte schnell eine Nachricht und drückte auf Senden, bevor er Varley das Telefon übergab. »Rufen Sie so lange die Nummer auf dem Display an, bis jemand abhebt. Fragen Sie nach Lieutenant Hamilton und sagen Sie ihm, er soll die SMS lesen, die ich ihm gerade geschickt habe. Schaffen Sie das?«

»Na ja, sicher. Ich denke schon. Aber warum rufen Sie ihn nicht einfach selbst an?« Er hielt Pierce das Handy hin, als wäre es eine giftige Schlange, die ihn gleich beißen würde.

Weil Hamilton mir verbieten würde, ohne Verstärkung reinzugehen.

»Fahren Sie zurück zur Pension, aber erst, wenn Sie dort angerufen haben. Ich weiß, wo Mrs McKinley sich aufhält und sie braucht meine Hilfe. Versprechen Sie, dort anzurufen. Es ist eine Frage von Leben und Tod. Sie könnten damit Mrs McKinleys Leben retten.«

Varley plusterte sich wichtigtuerisch auf, genau wie Pierce gehofft hatte. »Natürlich, Sir. Ich werde sofort dort anrufen.« In diesem Augenblick klingelte das Telefon, und Varley zuckte überrascht zusammen. »Soll ich rangehen?«

Pierce beugte sich vor und schaute auf das Display. Hamilton. Anscheinend hatte er die SMS erhalten und rief jetzt bei der Nummer an, die die Nachricht gesendet hatte.

»Das ist der Mann, den Sie für mich anrufen sollten. Stellen Sie sicher, dass er Verstärkung schickt. Ich verlasse mich auf Sie. Mrs McKinley verlässt sich auf Sie.«

»Sie können auf mich zählen, Special Agent Buchanan.« Mr Varley nahm den Anruf entgegen. »Hallo?« Unwillkürlich zuckte er zusammen und riss den Hörer von seinem Ohr weg.

Selbst aus der Entfernung konnte Pierce Hamilton durch das Telefon brüllen hören. Er warf dem Mann einen mitleidigen Blick zu und rannte zu seinem Wagen.

Nur noch eine Ziffer. Klick. Madison zog an dem Hebel, und der Safe öffnete sich.

Sofort schob Damon sie zu Seite und tastete das Innere des Safes ab.

Madison nutzte die Gelegenheit, holte aus und trat gegen sein Handgelenk, sodass seine Pistole über den Teppich flog. Er wirbelte herum. Sie zog den Kopf ein und wich ihm aus.

Als er sich auf sie stürzte, richtete sie sich blitzschnell auf und zielte mit der Pistole aus ihrem Fußgelenkholster auf ihn. Er kam Millimeter vor ihr zum Stehen, der Lauf ihrer Pistole drückte gegen seine Stirn.

»Weg von mir. Sofort.«

Langsam trat er ein paar Schritte nach hinten und hielt die Hände erhoben. »Gönnst du deinem Ehemann nicht mal die paar Kröten?«

»Red keinen Unsinn. Wir sind nicht mehr verheiratet.«

»Natürlich sind wir das. Bis dass der Tod uns scheidet, mein Herzblatt.«

Plötzlich tauchte er seitlich weg, und als er wieder hochkam, hatte er die andere Pistole in der Hand.

Ein Schuss knallte, in dem kleinen Raum war das Geräusch ohrenbetäubend. Damon schrie auf und ließ die Waffe fallen. Er stieß einen Schmerzensschrei aus und griff sich mit der blutigen Hand an die Brust. Pierce stand in der Tür, die Pistole war auf Damon gerichtet.

Er schaute zu Madison. »Alles in Ordnung?«

»Ja, ich … alles okay.«

Damon stürzte vorwärts, griff nach der am Boden liegenden Waffe und rannte durch den Bogengang in den hinteren, unbeleuchteten Teil des Hauses.

»Beweg dich nicht vom Fleck«, befahl Pierce. »Hamilton ist bereits unterwegs.«

Die Dunkelheit verschluckte ihn, als er Damon hinterherrannte.

Damon war zu dem Schrank gerannt, in dem sich der Kellerzugang verbarg.

Pierce wartete ein paar Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann schlich er die Kellertreppe hinunter, wobei er sich geduckt hielt, für den Fall, das Damon aufs Geratewohl ins Dunkle feuerte. Als er den Kellerabsatz erreichte, ging er mit einem Hechtsprung zu Boden und rollte sich ab, um hinter einigen Kartons in Deckung zu gehen. Dann schlich er durch die Dunkelheit zum Lichtschalter und schaltete ihn ein.

Damon stand etwa sechs Meter entfernt. Er war unbewaffnet und drückte die verletzte Hand gegen die Brust.

Er lachte freudlos. »Es ist nicht zu fassen, aber ich habe die Pistole verloren, als ich die Treppe hinuntergelaufen bin. In der Dunkelheit konnte ich sie nicht wiederfinden. Also sitze ich wohl in der Falle.«

Pierce betrachtete ihn voll Misstrauen. »Heben Sie die Hände weiter hoch. Beine auseinander. Sie sind festgenommen.«

»Nein«, war plötzlich Madisons leise Stimme von der Treppe her zu hören. »Wenn du ihn festnimmst, kommt er wieder frei. Wir können ihn nicht gehen lassen.« Langsam kam sie die Treppe hinunter und richtete die Pistole auf ihren früheren Ehemann.

»Madison, bleib stehen«, befahl Pierce. »Steck die Waffe weg.«

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Er hat meinen Vater ermordet. Er hat gedroht, dich zu töten, meine Familie zu töten. Jemand muss ihn aufhalten.«

»Aber nicht so, Mads.« Pierce ließ die Waffe sinken und drehte sich zu ihr herum.

»Versuch nicht, mich aufzuhalten. Er wird nicht ins Gefängnis gehen. Das hast du selbst gesagt. Es gibt nicht genügend Beweise.« Sie spuckte das letzte Wort praktisch aus.

Damon lachte. »Das ist richtig. Ich werde nicht ins Gefängnis gehen. Und zwar, weil ich unschuldig bin.« Er grinste.

Die Pistole in Madisons Hand zuckte.

»Halten Sie den Mund, Damon«, sagte Pierce. »Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, halten Sie den Mund.«

Damon schaute auf die Waffe in Madisons Hand, doch als er den Blick zu ihren Augen hob, verblasste sein Lächeln.

Pierce streckte langsam die Hand nach Madison aus. »Gib mir die Waffe, Mads.«

Sie wich ihm aus und zielte weiter auf Damon. »Nein. Begreifst du das nicht? Ich muss ihn töten. Um meine Familie zu schützen. Um dich zu schützen. Für Daddy.«

»Dein Vater würde wollen, dass du ins Gefängnis gehst?«

Ihr Mund bildete eine dünne Linie. »Ich habe keine Wahl. Damon wird dich oder den Rest meiner Familie umbringen. Ich muss ihn töten, um dich zu beschützen. Und dafür, dass er meinen Vater ermordet hat, verdient er den Tod. Wenn ich ins Gefängnis muss, weil ich will, dass der Mörder meines Vaters seine gerechte Strafe erhält, dann muss es wohl so sein.«

»Was ist mit Logan? Und mit deiner Mutter? Sie haben schon deinen Vater verloren. Sollen sie dich auch noch verlieren?«

Ihre Unterlippe zitterte. »Damon muss sterben.«

Die Trostlosigkeit in ihrer Stimme berührte ihn. Er seufzte tief und richtete seine Waffe wieder auf Damon. »Also gut. Wenn du das wirklich unbedingt willst, dann geht es wohl nicht anders. Aber ich werde es tun. Dann ist der ganze Papierkram nicht so kompliziert.«

»Was soll das denn werden?«, zischte Damon.

Madisons Hand zitterte und sie blinzelte ihn verwirrt an. »Du kannst ihn nicht erschießen.«

Er zog die Brauen hoch. »Warum nicht? Wenn du das tun kannst, dann kann ich es auch. Niemand wird ihm eine Träne nachweinen. Er ist Abschaum. Ein Killer. Er verdient den Tod.« Er zielte sorgfältig. »Sprechen Sie Ihr letztes Gebet, McKinley. Machen Sie schon.«

Madisons Arm zitterte noch stärker. »Du kannst ihn nicht einfach erschießen.«

»Warum nicht? Los, McKinley. Ich sehe Sie gar nicht beten.«

Ihr Blick jagte zwischen Damon und Pierce hin und her. Ratlos runzelte sie die Stirn. Schließlich ließ sie die Waffe sinken und tat einen Schritt vor. Sie legte die Hand auf Pierce’ Arm. »Ich kann nicht zulassen, dass du das tust.«

»Du hast selbst gesagt, dass er es verdient.«

Sie wurde blass. »Ja, er verdient es. Aber du könntest es dir nie verzeihen, einen unbewaffneten Mann erschossen zu haben. Das Gesetz geht dir über alles.«

»Nein, du gehst mir über alles. Ich kann nicht zulassen, dass du Damon erschießt. Ich kann nicht zulassen, dass du diese Schuld auf dich lädst. Aber wenn es das ist, was du wirklich willst, dann werde ich es tun. Ein Wort von dir reicht.«

Er musterte sie aufmerksam und wartete auf ihre Entscheidung.

Madison schaute zwischen ihm und Damon hin und her. Schließlich schluchzte sie auf. »Nein, nein, du kannst ihn nicht töten. Ich kann das nicht zulassen.«

»Aber was ist mit der gerechten Strafe für den Mörder deines Vaters? Es ist vorbei, Mads. So oder so. Du musst dich entscheiden.«

»Er wird dich nicht in Ruhe lassen. Ich will nicht, dass er dir wehtut«, schluchzte sie.

»Vertrau mir. Ich werde verhindern, dass er mir oder jemand anderem Leid zufügt. Vertrau mir«, wiederholte er.

Ihre Miene verkrampfte sich. »Lass ihn gehen.«

Pierce ließ die Waffe sinken.

Lieutenant Hamilton trat durch die Tür in den Keller, die Waffe in der Hand. »Ich war mir sicher, dass Sie ihn erschießen würden.«

»Wie lange stehen Sie da schon?«, fragte Pierce.

»Lange genug.« Er warf Damon einen Blick zu und schaute dann wieder zu Pierce. »Mit diesem Bluff sind Sie ein ganz schön großes Risiko eingegangen.«

Pierce hob eine Augenbraue. »Warum glauben Sie, dass ich geblufft habe?«

Hamilton legte den Kopf schräg. »Das werde ich wohl niemals ganz genau wissen. Mrs McKinley, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, dass Ihr früherer Ehemann Sie noch einmal bedroht oder dass er mit dem Mord an Ihrem Vater davonkommt. Ihr Bruder hat hart an dem Fall gearbeitet und in Montana eine Menge zusammengetragen. Wir haben genügend Beweise, um Damon McKinley für den Mord am echten Damon McKinley zu verhaften. Und ich denke, ehe die Woche um ist, kann ich ihn auch wegen der ›Simon sagt‹-Morde anklagen. Er wird für sehr lange Zeit ins Gefängnis wandern.«

Ein Wutschrei erklang, und alle drei drehten sich zu Damon um. Er hatte sich zur Seite geworfen und nach der Waffe gegriffen, die er vorher fallen gelassen hatte. Pistolenschüsse krachten, als Madison, Pierce und Hamilton gleichzeitig ihre Waffen hoben und sie auf Damon abfeuerten.

Das Blaulicht der vor dem Haus parkenden Streifenwagen erhellte Madisons Wohnzimmer und das angrenzende Arbeitszimmer. Madison stand zusammen mit Agent Casey wartend neben der Couch. Hamilton hatte ihr diesen Platz zugewiesen, damit sie nicht im Weg war. Er, Pierce und ein Dutzend Polizisten kümmerten sich im Keller um die Folgen von Damons unglückseligem Versuch, sich freizuschießen.

Damon würde nie wieder einem Menschen Schaden zufügen. Der Mörder ihres Vaters war tot.

Schließlich tauchten der Lieutenant und Pierce wieder im Flur auf und betraten das Wohnzimmer. Pierce sah sich im Zimmer um, bis er sie gefunden hatte. Er ging auf sie zu, nahm ihre Hand und wurde auch nicht langsamer, als er sie aus dem Haus zerrte.

Erst als sie den mehrere Blocks entfernten Forsyth Park erreicht hatten, blieb er stehen. Er ließ sich auf eine Bank fallen, zog sie auf seinen Schoß und vergrub das Gesicht in ihrem Haar. Erst da merkte sie, dass er am ganzen Körper zitterte.

»Pierce«, flüsterte sie und drückte den Kopf an seine Brust, »ist alles in Ordnung mit dir?«

Er lehnte sich zurück. Als sie die Wut in seinen Augen sah, hielt sie den Atem an.

»Pierce?«

»Was zur Hölle hast du dir nur dabei gedacht, dich allein mit Damon zu treffen? Du könntest tot sein.« Er zog sie noch fester an sich und streichelte ihr über das Haar. »Du darfst mir nie wieder solche Angst einjagen.«

Sie versteifte sich und entzog sich seiner Umarmung. »Wie meinst du das, nie wieder? Hast du immer noch nicht genug von mir? Ich habe mich dir gegenüber fürchterlich verhalten. Zweimal. Ich habe schlimme, grausame Sachen zu dir gesagt.«

»Ja, das hast du. Aber dann habe ich deine SMS gelesen.«

Sie atmete hörbar aus. »Er tut mir so leid, dass ich dir wehgetan habe.«

Sanft strich er ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Sag es.«

»Es tut mir wirklich leid.«

»Nicht das. Das, was in der SMS stand.«

Sie runzelte die Stirn, doch dann dämmerte ihr, was er meinte. »Ich liebe dich«, sagte sie, und es klang, als würde sie ihm ein schreckliches Geheimnis gestehen.

»Das wird auch verdammt noch mal Zeit, dass du’s endlich zugibst. Wollen wir es noch einmal versuchen?« Er stand auf, kramte in seiner Hosentasche herum und kniete dann vor ihr nieder.

Ungläubig betrachtete sie den Diamantring in seiner Hand. »Nach allem, was ich dir angetan habe, kannst du das unmöglich ernst meinen.«

»Es ist meine Pflicht«, sagte er. »Jemand muss dir die Zügel anlegen und die Welt vor dir beschützen.«

Aufsteigende Tränen schnürten ihr die Kehle zu. »Etwas so Romantisches hat noch nie jemand zu mir gesagt.«

Er lachte, beugte sich vor, gab ihr einen Kuss auf die Wange und strich ihr zärtlich ein paar Haarsträhnen aus den Augen. »Ich liebe dich, Mads. Ist das wirklich so schwer zu glauben?«

»Aber … als ich mit dir Schluss gemacht habe, hast du mich einfach so gehen lassen. Du hast nicht versucht, mich aufzuhalten. Ich hätte nie gedacht, dass du dir genauso viel aus mir machst wie ich mir aus dir.«

»Mir war klar, dass es eine Lüge war, als du behauptet hast, dass du dich langweilen würdest und neu anfangen wolltest. Du hast Zeit gebraucht. Ich wusste, dass du gerade etwas verarbeiten musstest. Ich wusste nicht, was es war, aber mir war klar, dass du noch nicht so weit warst. Allerdings muss ich zugeben, dass mir Zweifel kamen, als du nicht zu mir zurückgekommen bist. Ich dachte, ich hätte mich getäuscht und mir die Art, wie du mich angesehen, mich berührt und im Schlaf meinen Namen gesagt hast, nur eingebildet. Ich habe angefangen zu fürchten, dass ich mich geirrt hätte.«

Sie schüttelte den Kopf. »Du hast gewusst, dass ich dich angelogen habe?«

Er nickte.

»Wie konntest du das wissen? Du weißt immer, wann ich lüge. Du hast gesagt, dass es eine Art Zeichen gäbe. Was ist das für ein Zeichen?«

Er grinste und strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Wenn du es bis jetzt nicht herausgefunden hast, werde ich es dir auch nicht sagen.«

Sie wollte anfangen, darüber zu diskutieren, doch er zog sie an sich und küsste sie so leidenschaftlich, dass ihr die Luft wegblieb.

Als er sie losließ, sah sie ihn fragend an. »Heiratest du mich, Pierce?«

Er brach in Gelächter aus und streifte ihr den Ring über den Finger. Dann fasste er sie um die Taille und riss sie buchstäblich von den Füßen.