8

Madison atmete erleichtert aus, als Pierce endlich in der Einfahrt ihres farbenfrohen Hauses im Kolonialstil parkte, damit sie ihren Koffer packen konnte. In ihrem Magen rumorte es, seitdem sie gesehen hatte, wie zärtlich Pierce Tessa geküsst hatte. Zum Glück wusste er nicht, dass sie alles mit angesehen hatte.

Sie riss die Beifahrertür auf und stürmte den Backsteinweg hinauf. Erst in der Eingangshalle, wo sie gerade damit beschäftigt war, die Alarmanlage abzuschalten, holte er sie ein. Er runzelte die Stirn und musterte sie mit einem dieser Blicke, in denen ›Was denkst du dir nur‹ zu lesen war, während er die Tür hinter ihr schloss.

»Warte hier.« Er zog seine Pistole und ging ins Wohnzimmer.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich gegen die Wand und wartete ungeduldig, während er methodisch jede Versteckmöglichkeit im Erdgeschoss absuchte, wobei er auch die Küche und den Flur, der zu der kleinen Suite führte, nicht aussparte. Schließlich kehrte er ins Wohnzimmer zurück und ging mit gezogener Waffe die Treppe hinauf.

Madison stieß sich von der Wand ab und ließ sich auf eins der Sofas fallen. Ein paar Minuten später kehrte Pierce zurück, die Pistole hatte er weggesteckt.

»Keine bösen Jungs gefunden?«, fragte sie, ohne sich die Mühe zu machen, den sarkastischen Unterton zu unterdrücken.

»Nur einen. Und den habe ich schnell aus dem Fenster geschubst.«

Sie lachte widerstrebend und erhielt zur Belohnung eins seiner sexy Lächeln. Trotz aller Verletzungen, die sie einander zugefügt hatten, und trotz aller Geheimnisse, die zwischen ihnen standen, schaffte er es immer wieder, sie zum Lachen zu bringen. »Es überrascht mich, dass du das Kellergeschoss nicht durchsucht hast.« Sie kicherte und stand auf, um in den ersten Stock zu gehen.

»Keller? Wo ist der Eingang?«

Sie stöhnte. »Das war nicht ernst gemeint.«

»Ich weiß. Ich werde den Keller trotzdem absuchen.«

Sie schüttelte den Kopf und deutete auf den Flur im hinteren Teil des Hauses. »Der Eingang befindet sich im Flurschrank. Ich nehme an, dass der vorherige Eigentümer den Kellereingang ins Haus verlegt hat, damit er nicht nach draußen gehen musste, um seine Wäsche zu machen. Ich werde die Treppe aber bald woandershin verlegen lassen.«

»Rühr’ dich nicht von der Stelle«, befahl er und ging die Treppe hinunter.

Als er zurückkam, erhob sie sich von der Couch. »Gib mir fünfzehn Minuten zum Packen.« Sie ging die Treppe hinauf, blieb aber stehen und drehte sich zu ihm herum, als sie bemerkte, dass er ihr folgte. »Ich kann meine BHs und Höschen allein im Koffer verstauen.«

Seine Mundwinkel zuckten. »Bist du dir sicher? Ich helfe dir gern.«

Obwohl sie wusste, dass er scherzte, machte sie der Gedanke an einen Pierce, der ihren Wäscheschrank durchforstete, verlegen. Wenn es ihr nicht wichtig gewesen wäre, zu packen, ohne dass er mitbekam, was sie in den Koffer steckte, hätte sie es darauf ankommen lassen – nur um zu sehen, ob er bluffte.

»Fünfzehn Minuten«, wiederholte sie. »Du hast dich bereits überzeugt, dass keine bösen Jungs im Haus sind. Mir droht also keine Gefahr.«

Er schien nicht glücklich darüber zu sein, dass sie allein nach oben gehen wollte, nickte jedoch und drehte sich um.

Sie eilte die Stufen hinauf und ging durch den Flur in ihr Schlafzimmer. Dort schnappte sie sich einen ihrer größten Koffer und warf ihn auf das Himmelbett. Um sicherzustellen, dass der Koffer so voll war, dass sein Gewicht nicht verdächtig wirkte, packte sie viel mehr Kleidung ein, als sie brauchte.

Dann trat sie einen Schritt zurück, um ihr Werk zu begutachten. Sie griff nach ein paar weiteren Slips, den seidigsten, verführerischsten, die sie hatte, und verteilte sie obenauf. Das sollte Pierce ablenken, wenn er ihren Koffer durchsuchte, denn sie war sich ziemlich sicher, dass er genau das tun würde.

Pierce dachte vermutlich, dass er sämtliche Schusswaffen aus ihrem Bestand konfisziert hatte, als er den Colt und die Magnum an sich genommen hatte. In Wirklichkeit hatte er keine große Lücke in ihr Waffenarsenal gerissen. Über die Jahre hatte sie zu viele Horrorgeschichten von ihrem Bruder und seinen Polizeifreunden gehört, als dass sie sich nicht der vielen Gestalten des Bösen um sie herum bewusst gewesen wäre.

Und durch ihre Heirat mit Damon wusste sie nun erst recht alles Wissenswerte darüber.

Mit zusammengebissenen Zähnen ging sie hinüber zum Kleiderschrank. Sie schnappte sich zwei Taschenmesser und steckte eines davon in ihren BH, das andere in die Vordertasche ihrer Jeans. Dann ging sie zurück zu ihrem Koffer und schob zwei Neunmillimeterpistolen zusammen mit vollen Magazinen unter einen Stapel seidiger Tangas und Spitzen-BHs ganz unten in den Koffer. Doch sie war sich nicht sicher, ob ihn das von einer gründlichen Durchsuchung abhalten würde. Was konnte sie sonst noch tun?

Nachdenklich trommelte sie mit den Fingern auf ihrem Kinn herum. Ah, natürlich! Schnell ging sie hinüber ins Bad, griff unter das Schränkchen und zog etwas hervor, das sich perfekt als Ablenkung eignete und ihn davon abhalten würde, ihren Koffer so gründlich zu durchsuchen, dass er ihr Waffenversteck fand. Es handelte sich um das Einzige, das auch den stärksten Mann zum Stottern und Erröten brachte.

Tampons.

Grinsend riss sie die Schachtel auf und kehrte zurück ins Schlafzimmer. Dort schüttelte sie den gesamten Inhalt aus der Schachtel in den Koffer.

Madison stand neben Pierce auf der Veranda seines Hauses und fuhr mit der Hand über die Dellen in dem rustikalen Holzgeländer. Niemals hätte sie erwartet, dass Pierce sich ein Blockhaus zum Wohnen aussuchte. Sie hatte ihn immer für einen Großstädter wie sie selbst gehalten und nicht für den Typ, der sich mehrere Kilometer außerhalb der Stadt mitten im Wald niederließ.

Seit er sich wieder in ihr Leben gedrängt hatte, hatte er sie des Öfteren überrascht. Ihr war nicht klar gewesen, wie hartnäckig er sein konnte, wie stur und wie loyal. Nachdem sie ihm bei jedem einzelnen seiner Schritte entschlossenen Widerstand geleistet hatte, hätte er jedes Recht gehabt, ihr die kalte Schulter zu zeigen und ihr seine Hilfe zu verweigern. Die meisten Männer in seiner Situation hätten das getan. Pierce jedoch hatte einem Freund ein Versprechen gegeben, und deshalb tat er alles, um ihr zu helfen.

Insgeheim wünschte sie sich, er würde ihr helfen, weil er sich etwas aus ihr machte, und nicht wegen eines dummen Versprechens, das er ihrem Bruder gegeben hatte.

»Nicht das, was du erwartet hast?«, fragte er und beobachtete sie aufmerksam, als ob es für ihn wichtig wäre, ob sie das Haus mochte oder nicht.

Er war nicht das, was sie erwartet hatte. Allmählich hatte sie den Eindruck, ihn nie richtig kennengelernt zu haben – sie hatte das Gefühl, dass sie etwas Wichtiges über ihn nicht verstanden hatte, weil sie sich nicht die Zeit genommen hatte, hinter seine Fassade zu schauen. »Stimmt, es ist nicht das, was ich erwartet habe.«

Er musste etwas in ihren Augen gesehen haben, denn sein Lächeln verschwand.

»Gibt es ein Problem?«, fragte er.

Das Problem war, dass sie mit der Trennung von ihm einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Und jetzt war es zu spät.

Sie seufzte. »Ich bin einfach müde. Ich habe letzte Nacht etwas unruhig geschlafen, weil Tessa die Schreckliche eine Waffe auf mich gerichtet hielt.«

Lachend schloss er die Tür auf. Er gab einen Code in die piepsende Tastatur der Alarmanlage ein und schob die beiden Rollenkoffer ins Innere. »Ich hätte niemals gedacht, dass mir etwas anderes als eine Eigentumswohnung oder ein Apartment, wie ich es in Jacksonville hatte, gefallen könnte. Aber dein Bruder hat mich einmal zu oft als Großstadtpinkel beschimpft, also dachte ich, was soll’s, ich kann’s ja mal versuchen.« Er zuckte mit den Achseln. »Ich bin immer noch dabei, mich einzugewöhnen, aber bislang fühlt es sich gar nicht so schlecht an.«

Madison trat ins Haus, und Pierce schloss hinter ihnen ab. Eine Führung war unnötig. Die gesamte Raumaufteilung des Erdgeschosses war mühelos von der Eingangshalle aus zu erkennen. Die offene Küche in der hinteren linken Ecke des Hauptzimmers bestand aus einer kleinen Ansammlung von Schränken und Küchengeräten. Zwei Türen führten in einen kurzen Flur, der sich rechts von ihnen befand. Beide Türen standen offen und gaben den Blick auf ein kleines Badezimmer und ein Schlafzimmer frei.

Ein Schlafzimmer.

Pierce ließ den Koffer mit seiner Kleidung aus dem Haus, das sie für die verdeckte Vermittlung genutzt hatten, neben dem Fernsehtisch stehen. Madisons Koffer rollte er den kurzen Flur hinunter ins Schlafzimmer.

Sie folgte ihm und warf einen Blick auf das Bett, bevor sie zurück zum Flur schaute, um sicherzugehen, dass sie wirklich kein zweites Schafzimmer übersehen hatte.

»Die Couch ist ausklappbar«, sagte er als Antwort auf ihre unausgesprochene Frage. »Du bekommst das luxuriöse Schlafzimmer.«

»Ah, himmlisch.« Sie ging an dem Bett vorbei und spähte in das Badezimmer. Es war dasselbe, das sie auch von der Halle aus gesehen hatte, denn es war von zwei Seiten aus zugänglich. Am hinteren Ende des Schlafzimmers gab es eine kleine Veranda. Sie öffnete die gläserne Schiebetür und trat hinaus, um die frische, kühle, stark nach Kiefernadeln duftende Luft einzuatmen.

Das Haus hatte keinen nennenswerten Garten, es gab nur den Wald, der fast bis an das Haus heranreichte. Die Sonne versank gerade am Horizont, deshalb konnte sie nicht alle Einzelheiten erkennen, aber was sie sah, war so schön, dass sie sich fragte, ob es ein Fehler gewesen war, in die Stadt zu ziehen.

Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Pierce ihren Koffer auf das Bett legte. Genau wie erwartet, öffnete er den Reißverschluss und klappte den Deckel auf, ganz im Sinne seiner nie endenden Mission, Madison von ihrem Waffenarsenal zu befreien. Mitten in der Bewegung erstarrte er.

Der schockierte Gesichtsausdruck, mit dem er auf ihren Koffer hinunterstarrte, war kaum zu überbieten. Ohne etwas angerührt zu haben, klappte er nach ein paar Sekunden den Deckel herunter, zog den Reißverschluss zu und verließ das Zimmer.

Minuten später grinste Madison immer noch, während sie das Wenige an Kleidung und Toilettenartikeln auspackte, das sie in den nächsten Tagen brauchen würde. Sie zog die beiden Messer aus ihrer Jeanstasche und ihrem BH und schob sie unter den Tanga- und Tamponstapel im Koffer, bevor sie in das Wohnzimmer ging, um nachzusehen, ob Pierce sich erholt hatte.

Er war gerade damit beschäftigt, die ausgeklappte Schlafcouch mit einem Laken zu beziehen. Ihr Handy klingelte just in dem Moment, als sie ihm ihre Hilfe anbieten wollte.

Sie zog es aus der Tasche und runzelte die Stirn, als sie die unbekannte Rufnummer sah. »Hallo?«

»Mrs McKinley, hier spricht Joshua MacGuffin. Ich glaube, ich habe Ihren Ex-Mann gesehen.«

Madison nahm einen Bissen von ihrem Blaubeer-Bagel, aber nur, weil Pierce sie die ganze Zeit schon stirnrunzelnd musterte, da sie nichts aß. Das Frühstück war normalerweise Madisons Lieblingsmahlzeit. An einem normalen Tag hätte sie es genossen, in einem schönen Café in der East River Street zu sitzen und auf den Savannah River hinauszuschauen. Wie auch immer, heute war nichts normal, insbesondere deswegen, weil Lieutenant Hamilton ihr gegenübersaß.

Der Lieutenant trank laut schlürfend einen Schluck Kaffee und wischte sich dann den Mund mit einer Serviette ab. »Ich hoffe, dass das Treffen mit MacGuffin nicht allzu lange dauert. Ich habe noch einen anderen Termin, ein Treffen mit der Spezialeinheit, das sich um den ›Simon sagt‹-Fall kümmert.«

»Gibt es Fortschritte?«, fragte Pierce.

»Nicht wirklich.« Er schnitt eine Grimasse. »Aber bitte erzählen Sie das nicht der Presse.«

»Sie wissen, dass das FBI Sie gern unterstützen wird, wenn Sie das wünschen.«

Hamilton zog eine Augenbraue hoch. »Schließt das Angebot Ihre Person mit ein?«

»Nein, ich halte mich raus aus den Serienmörderfällen, zumindest im Moment. Mein Bedarf ist fürs Erste gedeckt.«

»Das kann ich Ihnen nicht verübeln. Mir gehen diese Dinge auch ziemlich an die Nieren. Widerliches Geschäft. Also, wann ist der Termin bei Mr MacGuffin?«

»Um neun.«

Madison schob den Bagel weg, sie hatte das Geplänkel satt. »Sollten wir nicht gehen? Ich möchte nicht zu spät kommen.«

Pierce griff unter dem Tisch nach ihrer Hand und drückte sie. Anscheinend wollte er ihr damit signalisieren, dass sie das Reden ihm überlassen sollte. Wenn es sich nicht so gut angefühlt hätte, mit ihm Händchen zu halten, dann hätte sie ihm gesagt, was sie davon hielt, wie gern er sie herumkommandierte. Stattdessen umfasste sie seine Hand. Er warf ihr einen überraschten Blick zu, zog die Hand aber nicht weg.

»Wir haben noch jede Menge Zeit«, sagte er. »Von hier aus sind es nur zwei Minuten zu Fuß.«

»Apropos Zeit«, warf Hamilton ein. »Es wäre schön gewesen, wenn ich früher Bescheid gewusst hätte. Ich wünschte, Mrs McKinley hätte mir schon bei der Vernehmung auf dem Polizeirevier ihre Vermutung mitgeteilt, dass es sich bei dem Schützen möglicherweise um ihren auf wundersame Weise wiederauferstandenen Ehemann handelt.«

Madison öffnete den Mund, um zu widersprechen, klappte ihn jedoch wieder zu, als Pierce warnend ihre Hand drückte. Er hatte vermutlich recht. Was sie Hamilton zu sagen hatte, würde sie höchstwahrscheinlich nur in Schwierigkeiten bringen.

»Madison war sich der Tatsache bewusst, dass ihre Geschichte schwer zu glauben ist«, sagte Pierce. »Sie wollte der Polizei nichts erzählen, bis sie einen Beweis für ihre Vermutung hätte. Als Mr MacGuffin letzte Nacht angerufen und gesagt hat, er habe möglicherweise ihren früheren Ehemann gesehen, hielt ich es für besser, Sie über ihren Verdacht zu informieren.«

Pierce’ diplomatische Erklärung schien ihn zu besänftigen, und er nickte. »Was genau hat MacGuffin Ihnen erzählt?«

»Er sagte, er habe gestern Abend in seinem Restaurant einen Mann gesehen, der Madisons Beschreibung von ihrem früheren Ehemann entsprach – bis hin zu den ungewöhnlichen, hellblauen Augen. Die Mann unterschrieb eine Kreditkartenquittung und schaute genau in dem Moment auf, als Mr MacGuffin vorbeikam. Deshalb sind ihm die Augen aufgefallen.«

»Hat er mit dem Mann gesprochen, ihn nach seinem Namen gefragt?«

»Nein«, sagte Madison, der es nicht gelang, noch länger zu schweigen. »Mr MacGuffin sagte, er sei so überrascht gewesen, dass er zurück in sein Büro geeilt sei, um mich anzurufen. Er hat sich Zeit und Tischnummer notiert, um die Kreditkarteninformationen aus dem Kassensystem zu holen, aber dann wurde er durch irgendein Problem im Restaurant unterbrochen, sodass er keine Zeit zum Telefonieren hatte. Er vergaß die ganze Sache, bis er nach Hause kam und meine Telefonnummer in seiner Hosentasche fand, und da war es schon spät am Abend. Er sagte, abends könne er nicht so gut sehen, und wollte lieber bis zum nächsten Morgen warten, um zum Restaurant zurückzufahren. Er rief mich an, um ein Treffen zu vereinbaren.«

Da sie nur ungern so lange wartete, hatte sie ihm angeboten, ihn abzuholen und zum Restaurant zu fahren. Aber Mr MacGuffin hatte ihr Angebot höflich abgelehnt und gesagt, er habe einen langen Tag hinter sich und habe es sich bereits gemütlich gemacht.

Hamilton nahm einen weiteren Schluck von seinem Kaffee. »Okay, nehmen wir an, er kann die Kreditkarteninformationen dem Mann zuordnen, den er gesehen hat. Sie glauben doch wohl nicht, dass Ihr Mann, falls er tatsächlich seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, eine Kreditkarte mit seinem echten Namen benutzen würde, oder?«

»Natürlich nicht. Aber Pierce glaubt, wir könnten einen Richter davon überzeugen, von der Kreditkartenfirma Informationen über den Kartenbesitzer zu erzwingen. Auf diese Weise könnten wir herausfinden, wo Damon sich aufhält.«

Pierce ließ ihre Hand los, und Madison vermisste sofort die Wärme seiner Berührung.

»Ich bezweifle, dass das so einfach wird«, sagte er, »Aber zumindest könnten wir seine Kapitalbewegungen nachverfolgen und überprüfen, ob ein Muster erkennbar ist. Wir könnten versuchen herauszufinden, wo er lebt und ob er seine Miete mit der Karte bezahlt. Es müsste relativ einfach sein, ihn zu finden, vorausgesetzt, dass er sich an irgendwelche festen Muster hält. Die meisten Leute tun das.«

Hamilton schüttelte schon mit dem Kopf, ehe Pierce den Satz beendet hatte. »Kein Richter wird einen Haftbefehl ausstellen, nur weil eine Witwe glaubt, einen Mann gesehen zu haben, der aussieht wie ihr verstorbener Ehemann.« Er wischte sich den Mund ab und räusperte sich. »Mrs McKinley, glauben Sie mir bitte, ich kann sehr gut verstehen, dass Sie jemanden sehen, von dem Sie glauben, dass es sich um ihren toten Ehemann handelt. Meine Frau ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben, und bis heute sehe ich noch manchmal ihr Gesicht in der Menschenmenge und könnte schwören, dass dort meine Amy steht.« Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem ironischen Lächeln. »Aber Sie und ich wissen, dass das nicht möglich ist. Dass das nur unsere Fantasie ist, die uns einen Streich spielt.«

Ein Teil von Madisons Verärgerung hatte sich in Luft aufgelöst, als sie gehört hatte, wie weich seine Stimme geworden war, als er den Namen seiner verstorbenen Frau aussprach. Dennoch, es änderte nicht viel an ihrer eigenen Situation. »Es ist offensichtlich, dass Sie ihre Frau sehr geliebt haben, Lieutenant. Ich habe meinen Mann ebenfalls geliebt, als wir heirateten, aber das hat sich sehr schnell geändert. Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht. Und ich habe nicht den Wunsch, ihn jemals wiederzusehen – nicht den geringsten. Ich bilde mir das alles nicht ein. Der Mann, der mich belästigt und Special Agent Buchanan angeschossen hat, ist mein früherer Ehemann. Er hat einen anderen Mann ermordet und einen Unfall inszeniert. Davon bin ich überzeugt.«

»Warum?«, fragte Pierce. »Warum bist du davon so überzeugt? Ist irgendetwas passiert, dass dich vermuten lässt, dass Damon damals nicht wirklich bei dem Autounfall gestorben ist?«

Sie räusperte sich und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Nein, natürlich nicht. Es ist nur einfach so, dass der Mann, den ich gesehen habe, mich stark an Damon erinnert.«

Pierce musterte sie aus zu Schlitzen verengten Augen. Sie trug den Gesichtsausdruck zur Schau, bei dem er stets wusste, dass sie log. Sie hasste es, ihn anzulügen, aber sie konnte schlecht einem FBI-Agenten erzählen, dass sie in der Nacht, in der ihr Ehemann starb, auf ihn geschossen hatte, und dass das auch der Grund war, warum sie glaubte, dass der Mann in dem Auto nicht Damon war: weil bei der Autopsie keine Kugel gefunden worden war.

Oh ja, sie hatte sich sehr lange eingeredet, dass er tot war, dass die Kugel womöglich im Inneren des Autos geblieben war oder der Gerichtsmediziner sie übersehen hatte. Aber jetzt war ihr klar geworden, was der wahre Grund dafür war, dass weder der Rechtsmediziner noch die Polizei die Kugel gefunden hatte: Es war nicht Damon, der in jenem Auto gestorben war.

»Wie dem auch sei«, Pierce drehte sich wieder zu Hamilton. »Ein Richter müsste nicht über Madisons Verdacht Bescheid wissen, um eine Bevollmächtigung zu schreiben, die es uns ermöglicht, an die Kreditkartendaten heranzukommen. Der Richter muss nur wissen, dass wir einen Mann suchen, der einen Bundesagenten angeschossen hat, und dass die Beschreibung zweier Personen – Madisons und meine – zu der passt, die MacGuffin uns gegeben hat. Das dürfte für eine Vollmacht ausreichen.«

»Das kann schon sein«, gab Hamilton zu. »Natürlich hängt alles davon ab, ob Mr MacGuffin in der Lage war, die entsprechende Kreditkartenquittung zu finden.« Er trank noch einen Schluck von seinem Kaffee und umgriff den Becher dann mit beiden Händen, um sie zu wärmen. »Nehmen wir einmal an, dass es sich bei dem Stalker wirklich um Ihren Ehemann handelt, Mrs McKinley. Sie kommen aus New York? Und haben dort mit Ihrem Ehemann zusammengelebt?«

»Ja, in Manhattan.«

Er nickte. »Haben Sie das Haus in Savannah schon vor Ihrer Heirat besessen?«

»Nein, mein Bruder hat mir erst jüngst geraten, das Haus als Kapitalanlage zu kaufen.«

»Wenn es sich um eine Kapitalanlage handelt, warum sind Sie dann dort selbst eingezogen, statt es zu vermieten?«

»Ich bin nicht direkt dort eingezogen. Ich hatte der Immobilienmanagerin Mrs Whitmire den Auftrag gegeben, sich um das Haus zu kümmern. Aber das wissen Sie ja alles schon.«

Pierce stützte sich mit den Vorderarmen auf dem Tisch ab. »Wer ist Mrs Whitmire?«

»Sie ist Immobilienmanagerin. Sie hat eine Reinigungsfirma damit beauftragt, das Haus einmal in der Woche zu reinigen, und einen Landschaftsarchitekten damit, sich um den Garten zu kümmern. Nach ein paar Wochen hat sie mich angerufen und gefragt, warum ich ihr in einem Schreiben gekündigt hätte. Ich hatte ihr aber gar keine Kündigung geschickt. Ich bin nach Savannah geflogen, weil ich wissen wollte, was da vor sich ging, und habe Anzeige erstattet. Die Kündigung war gefälscht.«

»Sie wussten davon?«, fragte Pierce an Hamilton gewandt.

»Ich habe es herausgefunden, nachdem der erste Notruf von Mrs McKinley eingegangen war. Ich habe die Immobilienmanagerin selbst befragt, weil ich wissen wollte, ob es eine Verbindung gibt. Ich konnte keine Beweise finden, die eindeutig belegten, ob das Schreiben eine Fälschung war oder nicht. Bei der Kündigung handelte es sich um einen Computerausdruck und nicht um etwas Handschriftliches. Es gab nichts, was ich darüber hinaus hätte tun können. Und da niemand verletzt worden war, habe ich die Sache nicht weiter verfolgt.«

»Ich werde selbst mit Mrs Whitmire sprechen und mir ein eigenes Bild machen.«

»Die Kündigung war gefälscht«, beharrte Madison. »Warum sollte ich bei etwas so Nebensächlichem lügen?«

Pierce nahm erneut ihre Hand in die seine. Sie atmete hörbar ein und beschloss, ihm die Gesprächsführung zu überlassen.

Fürs Erste.

Hamilton verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. »Worauf ich mit meiner Frage, ob Mrs McKinley in New York gelebt hat, eigentlich hinauswollte: Woher sollte ihr Mann wissen, dass er sie in Savannah suchen muss?«

»Das ist eine gute Frage, und ich bin entschlossen, die Antwort darauf zu finden.« Pierce ließ ein paar Münzen auf den Tisch fallen und stand auf. »Aber jetzt ist es erst mal an der Zeit, mit Mr MacGuffin sprechen.«

»Sind Sie sicher, dass Mr MacGuffin morgens und nicht abends um neun gemeint hat?« Hamilton zog seine Jacke enger um sich, um sich vor dem Wind zu schützen und spähte in das Vorderfenster des Restaurants. Seine Nase hatte sich auf dem kurzen Spaziergang vom Café zum MacGuffin’s hellrot verfärbt. Er stampfte mit den Füßen auf, um sich warmzuhalten.

Madison fragte sich, was dieser Mann wohl tun würde, wenn er einen echten Winter in New York überstehen müsste.

»Ja, ich bin mir sicher.« Pierce klopfte noch einmal an die Tür. »Da ist jemand. Ich höre Schritte.«

Madison erkannte den Mann wieder, den sie schon einmal im MacGuffin’s gesehen hatte: Todd. Er trug einen schweren Schlüsselring, der klirrend gegen die Tür stieß, als er das Riegelschloss entsicherte. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, bedeutete er ihnen, einzutreten.

Lieutenant Hamilton betrat als Erster das Gebäude. Er ging durch den Flur und erschauderte dramatisch, froh darüber, der Kälte entronnen zu sein, ehe er sich auf einen Stuhl an einem der runden Tische fallen ließ.

Madison schüttelte den Kopf und setzte sich auf den Stuhl, der am weitesten von ihm entfernt stand.

Todd schloss die Tür und stellte sich vor. »Es tut mir leid, aber Sie sind umsonst hergekommen. Ich hatte Ihre Telefonnummer nicht, Mrs McKinley, deshalb konnte ich Sie nicht anrufen, um das Treffen abzusagen.«

»Absagen? Verspätet sich Mr MacGuffin?« Im Unterschied zu Hamilton und Madison hatte Pierce sich nicht die Mühe gemacht, sich hinzusetzen. Stattdessen bezog er Stellung hinter Madisons Stuhl.

»Mr MacGuffin hat mich gestern spät abends noch angerufen«, sagte Todd. »Er sagte mir, dass er für heute Morgen einen Termin mit Mrs McKinley gemacht hätte, jedoch nicht kommen würde. Es hat sich ein familiärer Notfall ergeben, und er wird etwa eine Woche lang weg sein. Ich soll Ihnen sagen, dass es ihm leidtut.«

»Hat er gesagt, warum er mich nicht selbst angerufen hat, um mir Bescheid zu geben?«, fragte Madison.

»Es war schon nach Mitternacht, als er sich bei mir gemeldet hat. Er wollte Sie nicht aus dem Schlaf reißen. Er hatte allerdings keine Bedenken, mich aufzuwecken.« Er legte die Hand auf den Mund und gähnte ausgiebig. »Ich war letzte Nacht zu müde und nicht geistesgegenwärtig genug, nach Ihrer Nummer zu fragen. Tut mir leid.«

Lieutenant Hamilton lehnte sich vor und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab. »Hat Mr MacGuffin Ihnen gesagt, warum er sich mit Mrs McKinley treffen wollte?«

Todd rieb sich das mit Bartstoppeln bedeckte Kinn. Es war offensichtlich, dass er sich an diesem Morgen nicht rasiert hatte. T-Shirt und Jeans waren zerknittert, als hätte er sie eilig vom Boden aufgelesen, um es rechtzeitig zum Treffen zum Restaurant zu schaffen.

»Er hat etwas von einem Mann gesagt, den Sie suchen und dass er glaubt, ihn gesehen zu haben, sich aber nicht sicher war. Möglicherweise hat er seine Meinung nach dem Anruf bei Ihnen geändert.«

Hamilton atmete heftig aus und stand auf. Er sah Madison lange an, ehe er zu ihrem Stuhl hinüberging und sich an Pierce wandte. »Warten Sie doch bitte, bis Sie wirklich etwas in der Hand haben, bevor Sie mich das nächste Mal anrufen. Ich helfe gern, das tue ich wirklich, aber im Moment habe ich die Nase wirklich voll. Solange Sie keine handfesten Beweise darüber vorlegen, bei wem es sich um den Schützen handelt, ist diese Ermittlung für mich erledigt.«

Madison wollte sich gerade erheben, doch Pierce’ Hände lagen plötzlich schwer auf ihren Schultern und hinderten sie am Aufstehen.

»Es tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe, Lieutenant. Vielen Dank, dass Sie sich herbemüht haben«, sagte Pierce.

Hamilton nickte und verließ das Zimmer.

Pierce ließ Madisons Schultern los.

»Was sollte das?« Wütend stand sie auf.

»Ich wollte dich nur schützen.«

»Schützen? Vor wem, vor Lieutenant Hamilton?«

Er warf ihr einen schiefen Blick zu. »Vor dir selbst.«

Sie kniff die Augen eng zusammen und musterte ihn wütend, doch er hatte sich bereits umgedreht, um mit Todd zu sprechen.

»Sind Sie sicher, dass das wirklich Ihr Chef am Telefon war?«, fragte Pierce.

Die Frage schien Todd zu überraschen. »Ich arbeite seit fünf Jahren für ihn. Ja, ich bin mir sicher.«

»Hörte es sich so an, als würde man ihn unter Druck setzen?«

»Falls Sie damit meinen, ob er sich aufgeregt anhörte, ja, das schon. Seine Enkelin ist im Krankenhaus. Das war der Grund für seine Abreise. Ja, er war aufgeregt, und das aus gutem Grund.«

Er hob die Hand mit dem klirrenden Schlüsselbund. »Es tut mir leid, dass wir Ihre Zeit verschwendet haben. Wenn es weiter nichts gibt …«

Pierce zog seine Visitenkarte aus der Anzugtasche und reichte sie Todd. »Wenn Sie noch einmal von MacGuffin hören, dann richten Sie ihm aus, dass er mich anrufen soll.«

Madison und Pierce gingen zusammen die Straße hinunter zurück zum Café. Mittlerweile waren so viele Touristen in der Stadt, dass die beiden vom Bürgersteig auf die East River Street ausweichen mussten, um an ihnen vorbeizukommen. Das Straßenpflaster war holprig und uneben, was für Madisons immer noch nicht gänzlich verheilten Knöchel ungünstig war.

»Autsch.« Sie griff Halt suchend nach Pierce’ Arm, als sie sich beim Tritt auf eine besonders unebene Steinplatte den Fuß umknickte.

»Ich hab dich.« Er umgriff ihre Taille, um sie zu stützen.

»Hey, Lady, passen Sie doch auf.« Ein junger Mann auf einem Fahrrad musste ausscheren, um nicht mit Madison zusammenzustoßen. Er warf ihr im Vorbeifahren ein hässliches Schimpfwort zu und unterstrich das Gemeinte mit einer entsprechenden Geste. Lachend bog er in eine Seitenstraße ein.

»Seine Mutter muss so stolz auf ihn sein », bemerkte Madison.

»Ich würde nicht sagen, dass er noch ein Kind ist. Und seine Mutter hat es wahrscheinlich schon vor Jahren aufgegeben, ihm zu sagen, was er tun soll. Wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, als sie ihn zu Hause rausgeschmissen hat.« Er half ihr, das Gleichgewicht wiederzufinden. »Alles in Ordnung?«

Sie belastete vorsichtig ihren verletzten Knöchel, der zu ihrer großen Erleichterung nicht wehtat. »Ja, danke.« Sie lachte. »Sind wir nicht ein schönes Paar? Du mit deinen angeknacksten Rippen, und ich stolpere durch die Gegend, als wäre ich völlig betrunken.«

Ein langsames Lächeln ließ seine Mundwinkel nach oben wandern. »Wenigsten sind wir …«

Plötzlich ertönte ein lauter Schrei. Pierce packte Madison und drückte sie schützend an sich.

»Woher ist das gekommen?«, fragte sie.

»Von da vorn, um die Ecke.«

Ein weiterer Schrei war zu hören, dann ertönten Rufe. Eine Gruppe von Touristen begann den Block hinunterzurennen, sie liefen in die Richtung, in die der Fahrradfahrer verschwunden war. Stimmen verlangten laut danach, den polizeilichen Notruf zu verständigen.

Jeder Muskel in Pierce’ Körper spannte sich. Er legte die Hand auf ihren unteren Rücken. »Wie geht’s dem Knöchel?«

»Alles in Ordnung. Ich hatte nur das Gleichgewicht verloren. Ich weiß, dass du gern helfen möchtest. Gehen wir.« Sie begann loszujoggen, und er griff nach ihrer Hand, damit sie an seiner Seite blieb, während sie zum Ende des Häuserblocks rannten.

Eine undurchdringliche Mauer aus Menschen zwang sie, stehen zu bleiben. In der Ferne hörte man Sirenen heulen.

Pierce, der größer war als die meisten Umstehenden, verrenkte sich den Hals, um zu sehen, was die Leute so gebannt anstarrten. Als er sich Madison wieder zuwandte, wirkte er angespannt. Er bat sie, hinüber zu dem Gebäude zu gehen, neben dem sie standen. »Rühr’ dich nicht von der Stelle. Ich bin sofort wieder da.«

»Warte, was hast du gesehen?«

Doch er bahnte sich bereits seinen Weg durch die Menge. Rote und blaue Lichter blitzten auf, als ein Polizeiauto in das vor ihnen liegende Ende der Straße einbog.

Madison gab es auf, etwas sehen zu wollen. Doch als einer der beiden eingetroffenen Polizisten anfing, die Leute wegzuschicken, teilte sich die Menge allmählich. »Wenn Sie kein Zeuge sind, gehen Sie bitte weiter. Machen Sie Platz«, bellte einer der Beamten.

Die Leute murrten und beklagten sich zwar, gingen jedoch aus dem Weg.

Der Mann, der direkt vor Madison stand, trat ebenfalls zur Seite, und endlich konnte sie sehen, was die Leute anstarrten.

Mitten auf der Straße lag der junge Mann, der Madison noch vor wenigen Augenblicken beschimpft hatte. Sein Hals war seltsam verdreht. Das Fahrrad lag neben ihm, und seine blinden Augen starrten in den hellen Sommerhimmel, den er nie wieder sehen würde.

Madison konnte kaum atmen. Und unwillkürlich griff sie sich an die Kehle.

Pierce war zusammen mit einem Polizisten neben der Leiche in die Hocke gegangen. Die Gesten der beiden legten den Schluss nahe, dass sie ein weißes Blatt Papier diskutierten, das auf dem Bauch des Toten lag.

Nach Luft ringend wandte Madison sich ab. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, etwa mit ihr auf einer Höhe, stand eine wohlbekannte Gestalt in der Menge. Da er die Kapuze seiner Jeansjacke tief in die Stirn gezogen hatte, war sein Gesicht nicht zu sehen. Sie wusste dennoch, wer da stand.

Damon.

Madison schrie laut Pierce’ Namen, und Damon tauchte in der Menge unter. Die Leute um sie herum wichen vor ihr zurück, und plötzlich war Pierce bei ihr und griff nach ihren Schultern.

»Was ist los, Mads? Bist du verletzt?« Auf der Suche nach Verletzungen tastete er sie besorgt ab.

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, an ihm vorbeizuspähen. Sie verdrehte ruckartig den Kopf, während sie mit den Augen die Menge absuchte.

Pierce rüttelte sie sanft, aber bestimmt an den Schultern. »Was ist los? Warum hast du geschrien?«

Sie schluckte mühsam. »Damon, ich habe Damon gesehen.«

Pierce beendete das Telefonat und schob das Handy zurück in seine Anzugsjacke. Das Café, in dem er und Madison noch vor einer Stunde gesessen hatten, hatte sich inzwischen in ein improvisiertes Polizeihauptquartier verwandelt. Polizisten standen in kleinen Gruppen herum und unterhielten sich oder saßen an Tischen, um Zeugen zu vernehmen.

Nicht, dass es einen Zeugen gegeben hätte, der etwas Wesentliches gesehen hätte. Bis jetzt hatte sich niemand gemeldet und ausgesagt, dass er gesehen hätte, wie der Fahrradfahrer getötet worden war.

Pierce strich Madison beruhigend über den Rücken. »Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?«

»Ich bin mir sicher. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Was hat Hamilton gesagt?«

»So ziemlich das, was du erwartet hast.«

»Er glaubt, dass ich mir Damon nur eingebildet habe.«

»Darauf läuft es hinaus. Nichtsdestotrotz glaubt er dir, dass du den Mann gesehen hast. Deshalb nimmt er deine Zeugenaussage auch ernst.«

»Ich weiß, dass es Damon war. Glaubst du, dass … dass er es war, der den Jungen getötet hat?«

»Du hast einen Mann gesehen, der der Beschreibung des Schützen entspricht und der dieselbe Jeansjacke getragen hat. Aber sein Gesicht hast du nicht gesehen. Du weißt nicht, ob es Damon war. Hatte er Blutspritzer auf der Jacke?«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein. Jedenfalls habe ich keine gesehen.«

»Der Junge ist erstochen worden, genau wie die anderen ›Simon sagt‹-Opfer. Der Mörder hätte Blut an seiner Kleidung haben müssen.«

Sie sah ihn verwirrt blinzelnd an. »Wie kommst du darauf, dass es sich um den ›Simon sagt‹-Mörder handelt?«

Er seufzte tief. »Weil er dieselbe Nachricht hinterlassen hat, wie bei seinen anderen Opfern. Hamilton hat bestätigt, dass Wortwahl und Schrift übereinstimmen.«

»Vielleicht ist ja Damon der Mörder. Vielleicht hat er den Jungen erstochen und dann den Reißverschluss seiner Jacke zugemacht, um die Blutspuren zu verbergen.«

»Ich habe Hamilton auf diese Möglichkeit hingewiesen. Er hält diese These für extrem unwahrscheinlich. Der Mörder würde sich nicht unter die Leute mischen und riskieren, entdeckt zu werden.«

Sie legte das Gesicht in die Hände und wirkte besorgt, aber auch ratlos.

Pierce wünschte, er hätte irgendetwas tun können, damit sie sich besser fühlte – doch der einzige Weg zu ihrem Seelenfrieden schien zu sein, den Stalker zu stellen und zu beweisen, dass es sich nicht um Damon handelte.

»Wir sind hier fertig«, sagte er. »Die Polizei fahndet nach dem von dir beschriebenen Mann. Wenn er immer noch in der Gegend ist, werden sie ihn finden. Wir können jetzt genauso gut nach Hause gehen.«

Die Aussicht darauf schien sie zu erleichtern. »Willst du jetzt zu Mrs Whitmire fahren?«

Er hielt ihr die Tür auf und sie gingen nach draußen. »Ich dachte nicht, dass du in der Stimmung wärst, heute noch zu ihr zu fahren, nicht nach dem hier …« Er deutete mit dem Kinn auf das Absperrband.

Madison folgte seinem Blick, wandte sich aber schnell wieder ab. »Ich würde am liebsten jetzt sofort mit Mrs Whitmire sprechen. Wir sollten keine Zeit verschwenden.«

Pierce führte Madison zu seinem Auto, wobei er die Leute um sie herum keine Sekunde aus den Augen ließ. Der Mörder, der Savannah heimsuchte, hatte soeben, nicht weit entfernt von Madison, zugeschlagen. War es wirklich nur ein Zufall, dass sie von einem Stalker belästigt wurde und der ›Simon sagt‹-Mörder nur wenige Hundert Meter von ihr entfernt einen Mord beging?

Falls Mörder und Stalker dieselbe Person waren, würde Madisons Glaube, dass ihr toter Ehemann der Stalker war, ins Wanken geraten. Pierce konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mörder, der selbstverliebt genug war, solche Nachrichten zu hinterlassen, einen falschen Namen benutzen würde.

Was hatte sie also gemeint? Waren jetzt schon zwei Leute hinter ihr her? Wie zum Teufel sollte er sie gleichzeitig vor einem Stalker und einem sadistischen Killer beschützen?