5

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte Casey Pierce. »Williams ist Mrs McKinley aus dem Gebäude gefolgt. Er wird so lange auf sie aufpassen, bis du wieder selbst übernehmen kannst.«

Pierce nickte und setzte sich wieder. Der Gedanke, Madison aus den Augen zu lassen, gefiel ihm zwar nicht, doch wenn Williams sich an ihre Fersen heftete, würde sie sich kaum in größere Schwierigkeiten bringen können. Zumindest nicht, bis sie herausfand, dass man ihr folgte – denn dann konnte es durchaus passieren, dass sie handgreiflich wurde.

»Williams sollte sich besser in Acht nehmen«, sagte Pierce. »Falls Madison bemerkt, dass man ihr folgt, wird sie versuchen, ihn abzuschütteln, und sei es nur, um ihren Sturkopf durchzusetzen.«

Casey lachte und zog die Computertastatur zu sich heran. »Wie war noch mal der Name ihres Ehemanns?«

»Damon McKinley. Er ist vor achtzehn Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen.« Pierce stand auf und trat zu Casey.

»Ort?«

»Madison und Damon haben in Manhattan gewohnt, doch der Unfall ereignete sich außerhalb der Stadt.« Der Gedanke daran, dass Madison mit einem anderen Mann verheiratet gewesen war, gefiel Pierce in diesem Moment genauso wenig wie damals, als er sie kennengelernt hatte. Nicht, dass es einen Unterschied machte. Als sie ihn verlassen hatte, hatte sie seine Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft zerstört. Diesen Teil seines Lebens hatte er zu den Akten gelegt, und er musste sich auf das konzentrieren, was wichtig war; nämlich dafür zu sorgen, dass ihr nichts zustieß, bis ihr Bruder diese Aufgabe übernahm.

Caseys Finger flogen über die Tastatur. Eine Sekunde später tauchte auf dem Bildschirm ein Zeitungsartikel mit dem Foto eines zusammengedrückten, ausgebrannten Autos auf.

»Alleinunfall«, sagte Casey. »Regennasse Straße, Hochgeschwindigkeitskurve. Beim Abbiegen hat er die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und ist gegen einen Baum gerast.«

»Es ist ungewöhnlich, dass ein Auto so vollständig ausbrennt. Die Leiche war so stark verkohlt, dass sie kaum identifiziert werden konnte.«

»Selten, aber manchmal kommt es vor – falls sich im Tank genügend Gase gebildet haben, sodass er explodiert. Wie stand es mit den Finanzen der beiden?«

»Damon hatte Geld, als er Madison geheiratet hat. Er war nicht spektakulär reich, aber es reichte, um komfortabel zu leben. Madisons Vater hatte mehrere Lebensversicherungen, die an Frau und Kinder eine Ausschüttung in Millionenhöhe auszahlten, als er starb. Logan, ihr Bruder, investierte das Geld, und es wuchs in ziemlicher kurzer Zeit zu einem kleinen Vermögen an. Er hat das Geld hauptsächlich in Immobilien und Internetfirmen gesteckt. Logan Richards hat ein Talent dafür, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen, bevor der Markt zusammenbricht.«

»Erinnere mich daran, dass ich ihn um Anlagetipps bitte. Ist Damon vor oder nach Mrs McKinleys Vater gestorben?«

»Er ist eine oder zwei Wochen nach ihm gestorben.«

Casey runzelte die Stirn. »Warum sollte ein Mann, dessen Frau mehrere Millionen geerbt hat, seinen Tod vortäuschen?« Er klickte auf ein Symbol auf seinem Desktop und öffnete eine weitere Suchmaschine.

»Ich bin deiner Meinung. Das ergibt keinen Sinn.«

Nachdem Casey einige weitere Suchläufe durchgeführt hatte, erschien ein neues Dokument auf seinem Bildschirm. »Versicherungsbetrug können wir ausschließen. Er hatte keine Versicherung, jedenfalls keine, die ich finden kann, es sei denn, der Betrag war so gering, dass er vom bundesstaatlichen Radar nicht erfasst wird. Es ist schon ungewöhnlich, dass er gar nicht versichert war. War er selbstständig?«

»Aus dem wenigen, was Madison mir auf dem Weg hierher erzählt hat, habe ich geschlossen, dass er Privatunternehmer war. Er investierte in mehrere kleine Unternehmen hier an der Ostküste. Aber er hat wohl wenig von seiner Arbeit gesprochen, und Madison hat sich nicht besonders dafür interessiert. Sie hat sich auf ihren eigenen Job als kuratorische Assistentin in einem New Yorker Museum konzentriert.«

Casey machte es sich in seinem Stuhl bequem, und Pierce lehnte sich gegen seinen Schreibtisch.

»Hat sie dir etwas über ihre Ehe erzählt? Warum sie glaubt, dass ihr Mann ihr nach dem Leben trachten könnte?«

»Momentan vertraut sie mir nicht besonders. Sie hat nur eingewilligt herzukommen, weil sie wegen der Schießerei Schuldgefühle hat und fürchtet, dass ich ihrem Bruder erzähle, was los ist. Sie sagt, dass sie seine Flitterwochen nicht ruinieren möchte, aber ich glaube ihr nicht. Sie verbirgt etwas. Ich wüsste zu gern, was.«

Casey trommelte mit den Fingern auf seiner Schreibtischplatte herum. »Als du zum Revier gefahren bist, um mit Hamilton zu reden, habt ihr darüber gesprochen, ob es eine Verbindung zum ›Simon sagt‹-Fall geben könnte? Ich habe zwar nichts darüber gehört, dass der Mörder seine Opfer beobachtet, ehe er zuschlägt, aber es wäre immerhin möglich.«

»Er bezweifelte, dass es zwischen den beiden Fällen eine Verbindung gibt. Hat er das FBI immer noch nicht um Mithilfe bei der Aufklärung gebeten?«

Casey schüttelte den Kopf. »Hamilton ist stur. Er will den Fall allein lösen. Und offen gesagt, in seiner Abteilung arbeiten ein paar sehr fähige Detectives. Vielleicht lösen sie den Fall sowieso ohne unsere Hilfe. Und das hoffentlich bald, ehe es noch mehr Leichen gibt. Inzwischen sind es schon drei Morde.«

Pierce schüttelte den Kopf. »Was ist mit Madison? Fällt dir irgendein Ermittlungsansatz ein, der es uns ermöglicht, den Tod ihres Mannes noch einmal zu untersuchen? Falls Damon tatsächlich lebt, ist jemand anderes bei dem Unfall umgekommen. Vielleicht können wir das New York Police Department dazu überreden, dass wir den Fall noch einmal aufrollen dürfen.«

»Möglicherweise, aber eine Exhumierung ist kostspielig. Ich glaube nicht, dass das NYPD dafür zahlt, wenn wir ihnen keine stichhaltigen Beweise liefern können. Aus unserem Budget dürfte ich es auf keinen Fall zahlen. Ich nehme an, dass wir Mrs McKinley fragen könnten, ob sie die Kosten selbst trägt; anscheinend kann sie es sich leisten. Aber was wäre damit gewonnen? Es ist beinahe unmöglich, die wahre Identität des Opfers zu bestimmen. Das Feuer hat höchstwahrscheinlich jede verwertbare DNA-Spur vernichtet. Hatte Damon Blutsverwandte, mit denen wir sein DNA-Profil abgleichen könnten?«

Pierce schüttelte den Kopf. »Damon war adoptiert.«

»Zahnärztliche Unterlagen?«

»Madison hat gesagt, dass ihr Mann sich weigerte, zum Zahnarzt zu gehen, weil er als Kind schlechte Erfahrungen gemacht hatte.«

»Ich muss sagen, das alles hört sich verdächtig vorteilhaft für Damon an.«

»Genau das habe ich auch gedacht. Die Leiche zu verbrannt für eine Identifizierung, keine DNA, keine zahnmedizinischen Unterlagen. Ich fange an zu verstehen, warum Madison glaubt, dass ihr Mann noch am Leben sein könnte.«

Casey legte die Fingerspitzen gegeneinander. »Wie lange waren sie verheiratet?«

»Etwas länger als ein Jahr.«

»Als Jungverheiratete müsste ihre Liebe zueinander noch frisch gewesen sein – und doch glaubt sie, dass er sie töten will. Was für eine Art von Ehe war das?«

Da war eine gute Frage, die seit dem vergangenen Morgen auch an Pierce nagte. »Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, sie nach Einzelheiten zu fragen. Es war schon schwierig, sie auf der Fahrt hierher überhaupt dazu zu bewegen, mir ein paar Fragen zu beantworten.«

»Warum sträubt sie sich so dagegen, sich von der Polizei helfen zu lassen?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich tatsächlich nicht von der Polizei helfen lassen will oder ob sie nur frustriert ist von der Art, wie die Polizei mit ihren Notrufen umgegangen ist. Vielleicht hat sie auch etwas dagegen, sich von mir helfen zu lassen.«

Casey schürzte nachdenklich die Lippen. »Was würde Damon dabei gewinnen, wenn er seinen Tod vortäuscht?«

»Ich glaube, die einzige Person, die diese Frage beantworten kann, ist Madison.«

Casey drückte auf die Löschtaste seiner Tastatur, sodass alle Daten vom Bildschirm verschwanden. »Die Polizei konnte keine Beweise dafür finden, dass sie tatsächlich von einem Unbekannten belästigt wurde. Nachweisbar ist nur, dass sie einem Mann hinterhergerannt ist und dass er auf sie geschossen hat. Ungeachtet dessen, was ich glaube: Wenn man es kritisch betrachtet, fallen mir mehrere Erklärungen zu diesem Szenario ein, und in keiner von ihnen spielt ein früherer Ehemann eine Rolle, der seinen Tod vortäuscht und die Witwe verfolgt.«

Pierce atmete seufzend aus. »Du hast recht. Die offensichtlichste Erklärung ist, dass der Mann Madisons Haus ausgespäht hat, um einen Einbruch vorzubereiten. Als sie sich nicht einschüchtern ließ, hat er auf sie geschossen, um sie zu vertreiben. Ich werde Hamilton fragen, ob es in der Wohngegend in letzter Zeit Einbrüche gegeben hat; allerdings glaube ich, dass er es erwähnt hätte, wenn das der Fall wäre.«

»Vielleicht ein Anfänger? Der sein erstes Haus ausgekundschaftet hat? Das würde erklären, warum sie ihn so häufig dabei erwischte. Vielleicht war er nervös und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Wo wohnt sie?«

»East Gaston Street. In einer dieser historischen Stadtvillen, die locker eine Million wert sind. Wahrscheinlich eher zwei.«

»Der Traum jedes Einbrechers.«

»Ich möchte die Sache nicht ohne gründliche Untersuchung zu den Akten legen«, erklärte Pierce. »Ich muss mich vergewissern, dass ihr keine Gefahr droht. Wenn deine Theorie stimmt, hat sie nichts zu befürchten. Der Einbrecher wird sich ein leichteres Ziel suchen. Nach all der Aufmerksamkeit, die die Schießerei hervorgerufen hat, wird er nicht wollen, dass ihn noch jemand im selben Viertel sieht. Wenn du allerdings falsch liegst, ist alles möglich.«

Casey nickte und warf einen Blick über Pierce’ Schulter, als wollte er sichergehen, dass die Tür geschlossen war, bevor er weitersprach.

»Kommt es infrage, dass du die Sache den lokalen Polizeikräften überlässt?«

»Auf keinen Fall. Das Metro Police Department hat nicht genug Männer, um Madison unter Polizeischutz zu stellen oder gründlicher nachzuforschen, was wirklich vor sich geht.«

»Was glaubst du denn, was vor sich geht?«

Er dachte einen Moment lang nach. Die Fakten deuteten darauf hin, dass es sich um ein einmaliges Ereignis handelte, wahrscheinlich traf das Einbrecher-Szenario wirklich zu. Andererseits war Madison zu nervös. Sie verheimlichte etwas. Sie war davon überzeugt, dass ihr Mann hinter ihr her war. Er wusste nicht, wie sie sich da so sicher sein konnte, wenn sie keine guten Gründe für ihre Vermutung hatte.

Wenn sie nicht beispielsweise wirklich davon überzeugt war, dass ein anderer als ihr Mann bei dem Autounfall umgekommen war.

Er schüttelte den Kopf. »Du hast wahrscheinlich mit allem recht. Ich muss die Sache trotzdem weiterverfolgen und mich vergewissern, dass keine Gefahr für sie besteht. Ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn ihr etwas zustößt und ich es hätte verhindern können.«

Casey zog die Augenbrauen hoch. »Weil du immer noch Interesse an ihr hast?«

Er ballte die Hände zu Fäusten. »Weil ich ihrem Bruder versprochen habe, auf sie aufzupassen.«

Casey sah nicht so aus, als würde er ihm die Ausrede abkaufen.

Pierce war sich da selbst nicht sicher.

»Wie dem auch sei«, sagte Casey, »solange es keine stichhaltigen Beweise gibt, kann ich diese Sache nicht zur Bundesangelegenheit machen. Und solange uns das Savannah-Chatham Metro PD nicht um Mithilfe bittet, gibt es nichts, was wir tun könnten. Wenn du an diesem Fall arbeiten möchtest, musst du das als Zivilist tun, in deiner Freizeit. Jetzt, wo die verdeckte Ermittlung abgeschlossen ist, hast du dir ein wenig Urlaub verdient.«

»Es sollte nicht länger als ein paar Tage dauern.«

Casey warf ihm einen spitzbübischen Blick zu. »Ich bin nicht besonders begeistert von dieser Sache. Ich denke, dass du immer noch etwas für Madison McKinley empfindest.«

Pierce versteifte sich. »Meine frühere Beziehung zu Mrs McKinley, Betonung auf frühere, ist nicht von Bedeutung.«

»Ich erspare dir den üblichen Vortrag. Aber wenn du etwas Dummes tust, weil du abgelenkt bist, und dabei getötet wirst, dann erwarte nicht, dass ich bei deiner Beerdigung in Tränen ausbreche.«

Pierce warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu. »Ich werd’s mir merken.«

»Du weißt, dass ich dir nicht offiziell helfen kann.«

»Schon verstanden. Aber wenn du dich – rein hypothetisch – mit der Sache gründlicher befassen würdest, was könntest du tun?«

»Na ja, rein hypothetisch würde ich bei der Ermittlung davon ausgehen, dass es sich bei dem Schützen tatsächlich um Damon McKinley handelt. Ich könnte ein Dossier anlegen und seinen Hintergrund überprüfen. Ich würde schauen, ob ich belastendes Material ausgraben kann und damit in New York anfangen.«

»Wie lange würde das dauern?«

Casey grinste. »Gib mir vierundzwanzig Stunden.«

Madison stieg auf der East Bay Street aus dem Taxi, wobei sie ihre schwere Handtasche fest an sich presste. Pierce hatte sich geweigert, ihr ihren Colt .380 zurückzugeben, wenn sie ihm keinen Waffenschein zeigte. Also war sie nach Verlassen des FBI-Gebäudes nach Hause gefahren, um ihre .357 Magnum zu holen, die viel schwerer und sperriger als der handliche Colt war. Um sicherzugehen, dass seine Freunde von der Polizei sie nicht wieder aufspürten, hatte sie ein Taxi genommen, statt mit ihrem auffälligen, roten Cabrio zu fahren.

Außerdem hatte sie zu Hause eine Liste mit Details zu Damons Investitionen ausgedruckt; an diese Informationen war sie herangekommen, als sie in seinem Computer herumgeschnüffelt hatte. Bei dieser Gelegenheit hatte sie das erste Mal mit seinem unberechenbaren Temperament Bekanntschaft gemacht.

Und ihr war plötzlich klar geworden, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.

Einige der rechtsverbindlichen Unterlagen, die sie vor all diesen Monaten aus dem Ordner in seiner Schreibtischschublade kopiert hatte, lagen ebenfalls in ihrer Handtasche. Angeblich hatte er in allen größeren Städten entlang der Ostküste Geld in kleine Unternehmen investiert, und ein paar von ihnen waren in Savannah ansässig.

Die paar Investitionen, die sich Madison genauer angesehen hatte, als der Besitz ihres Mannes während der gerichtlichen Testamentseröffnung geprüft worden war, hatten sich als fingiert herausgestellt. Sie erwartete nicht, dass es sich bei den Beteiligungen in Savannah anders verhielt, aber immerhin war es ein Ansatzpunkt. Wenn er die Unternehmen gut genug kannte, um falsche Verträge zu schreiben, dann lag die Vermutung nah, dass er mit der Gegend vertraut war. Ihr Bruder hatte ihr oft genug gesagt, dass die Menschen dazu neigten, gewissen Mustern zu folgen, ob es ihnen nun bewusst war oder nicht. Sie kehrten zu dem zurück, was ihnen vertraut war.

Das bedeutete hoffentlich auch, dass er in den fraglichen Unternehmen ein bekanntes Gesicht war – und wer weiß, vielleicht hatte ihn ja in jüngster Zeit jemand gesehen. Das war der einzige Weg, der Madison einfiel, um ihn aufzuspüren. Die Alternative bestand darin, zu Hause zu sitzen, Däumchen zu drehen und sich Sorgen darüber zu machen, wann er wieder auftauchen würde.

Und darüber, was er dann tun könnte.

Defensiv herumzusitzen war noch nie ihre Art gewesen.

Sie umrundete eine Gruppe flanierender Touristen und ging eine der holprigen Zufahrtsrampen aus Stein hinunter, die zur East River Street führten, wobei sie darauf achtete, ihren verletzten Knöchel nicht zu stark zu belasten. Bei der kühlen Brise, die ihr vom Savannah River entgegenwehte, wünschte sie sich, einen Schal mitgebracht zu haben. Sie schlug den Jackenkragen hoch und eilte an den Marktständen vorbei zu einem Backsteingebäude, dessen schwarz-orangefarbenes Schild seinen Namen verkündete: MacGuffin’s Bar & Grill.

Da es noch nicht Mittag war, hatte das Restaurant noch nicht geöffnet, und niemand reagierte auf ihr Klopfen. Während ihrer Collegezeit hatte sie in mehreren Restaurants als Kellnerin gejobbt. Falls dieses Lokal nicht die Ausnahme bildete, befanden sich bereits ein paar Angestellte im Inneren, um alles für die Öffnung des Restaurants vorzubereiten. Was bedeutete, dass der Personaleingang wahrscheinlich schon offen war, damit das Personal ungehindert kommen und gehen konnte.

Sie umrundete das Gebäude und fand den Personaleingang. Wie erwartet war die Tür nicht verschlossen. Sie ging hinein und blinzelte, damit sich ihre Augen an das Dämmerlicht im Inneren gewöhnen konnten. Der Geruch von gerösteten Erdnüssen und schalem Bier drang ihr in die Nase.

»Wir haben geschlossen«, sagte ein hochgewachsener Mann, der plötzlich in dem engen Korridor stand und ihr den Weg versperrte. Er trug eine ausgeblichene Jeans und ein schwarzes T-Shirt, auf dem der Name des Restaurants stand. »Wir öffnen erst in einer Stunde. Und Gästen ist es nur gestattet, den Vordereingang zu benutzen.« Er deutete zur Vorderseite des Restaurants.

Madison schenkte ihm ihr strahlendstes Lächeln. »Entschuldigen Sie mein Eindringen. Ich bin Madison McKinley. Ich muss dringend mit dem Besitzer sprechen. Ist Mr MacGuffin da?«

»Erwartet Mr MacGuffin Sie?«

»Ich hatte leider nicht die Gelegenheit, meinen Besuch anzukündigen, aber es ist wirklich wichtig.«

»Falls Sie Vertreterin sind – er wird nichts kaufen.«

»Ich bin Miteigentümerin dieses Restaurants, und ich muss dringend mit Mr MacGuffin sprechen.«

Seine Augen wurden groß. »Miteigentümerin? Das ist ja mal was ganz Neues. Kommen Sie. Ich freue mich schon auf sein Gesicht, wenn Sie ihm das erzählen.«

Madison musterte stirnrunzelnd seinen Rücken und folgte ihm, während er sich zwischen den Tischen durchschlängelte und auf eine Tür am hinteren Ende des Korridors zuging. Er öffnete die Tür zu einem großen, unordentlichen Büro und scheuchte sie hinein. Ein älterer Mann saß hinter einem Schreibtisch, der einen Großteil des Zimmers einnahm. Fast die gesamte Holzoberfläche des Tisches war mit Zetteln bedeckt. Auf dem Boden waren weitere Papierstapel zu sehen.

»Chef, diese Dame möchte mit Ihnen reden. Sie sagt, sie wäre Miteigentümerin des MacGuffin’s.«

MacGuffin sah genau so überrascht aus wie sein Mitarbeiter zuvor. Doch sein überraschter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln, als er ihr die Hand entgegenstreckte. »Joshua MacGuffin.«

Sie schüttelte ihm die Hand. »Madison McKinley.«

Sein Gesichtsausdruck zeigte nicht die kleinste Regung, als er ihren Familiennamen hörte. Madison sah darin ein schlechtes Zeichen.

»Nehmen Sie Platz.« Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Todd, würdest du bitte die Tür schließen?« Er lächelte dem Mann, der im Flur stand, zu.

Todd sah zwar nicht so aus, als wäre er glücklich darüber, aus dem Gespräch ausgeschlossen zu werden, widersprach jedoch nicht. Er schloss die Tür fest hinter sich.

Mr MacGuffin beugte sich vor. »Also, da ich der alleinige Besitzer dieses Lokals bin, würde es mich sehr interessieren, wie Sie darauf kommen, Miteigentümerin zu sein. Ich hoffe, Sie haben sich nicht von einem Betrüger das Geld aus der Tasche ziehen lassen, junge Dame.«

Madison war sich ziemlich sicher, wie das hier ausgehen würde, auch wenn es noch gar nicht richtig begonnen hatte. Aber nachdem sie derart falschgelegen hatte, was Damons Charakter anging, vertraute sie ihren Instinkten nicht mehr. Auch wenn MacGuffins freundliches Gesicht und seine sanfte Art zu sprechen sie an ihren Vater erinnerte und sie spürte, dass er die Wahrheit sagte, legte sie mit ihren Fragen los.

»Mein Ehemann Damon hat für zweihunderttausend Dollar die Hälfte dieses Restaurants gekauft. Ich habe die Unterlagen mitgebracht.« Sie holte einen Papierstapel aus ihrer Tasche und legte ihn auf den Schreibtisch.

MacGuffin studierte den Vertrag und schob sich die Brille mit den dicken Gläsern auf dem Nasenrücken nach oben, eher er zurück zur ersten Seite blätterte. Er kratzte sich an seinem kahl werdenden Kopf und bewegte die Lippen mit, während er las. Als er zu ihr aufblickte, war das Lächeln aus seinem Gesicht verschwunden. Er schnappte sich ein Stück Papier von einem der vielen Stapel auf seinem Schreibtisch und legte es vor sie hin. »Das hier ist meine Unterschrift.« Er deutete auf den unteren Rand des Blattes, dann blätterte er in dem Vertrag, den sie ihm mitgebracht hatte, zu der Seite, auf der die Unterschriften standen. »Und das hier ist angeblich meine Unterschrift in Ihrem Vertrag.« Er sah sie über den Rand seiner Brillengläser hinweg an. »Ich bin kein Experte für Handschriften, aber …«

»Sie stimmen nicht überein.«

Er strich die Seiten mit dem Finger glatt. »Was haben Sie gesagt, wie war der Name ihres Mannes?«

»Damon McKinley.«

»Ich kann nicht behaupten, ihn jemals getroffen zu haben. Der Name kommt mir nicht bekannt vor. Aber ich bin sicher, dass mein Rechtsanwalt gern mit ihm sprechen würde.«

Madison nahm den Vertrag an sich. »Damon ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.«

Sofort war die Anteilnahme in seinen Augen zu sehen. »Sie haben mein Mitgefühl, Mrs McKinley. Ich hoffe, Sie haben noch andere Einkünfte, abgesehen von diesem angeblichen Kaufvertrag.«

Sie schob die Unterlagen zurück in ihre Handtasche. »Ich hatte ohnehin nicht die Absicht, meine Anteile an diesem Restaurant zu verkaufen. Aber ich verstehe nicht, warum er vorgegeben hat, in ihr Restaurant investiert zu haben und dafür sogar einen Vertrag gefälscht hat.«

»Zweihunderttausend Dollar sind eine Menge Geld. Vielleicht suchte er nach einem Weg, den Verlust dieser Summe zu erklären. Spielschulden oder etwas in der Art.«

»Er hat mir diesen Vertrag nie gezeigt. Ich bin zufällig darauf gestoßen. Es ging ihm also nicht darum, irgendwelche Verluste vor mir zu rechtfertigen.« Sie sagte ihm nicht, dass sie auf den Vertrag gestoßen war, als sie in den Sachen ihres Ehemanns herumgeschnüffelt hatte. Stattdessen ließ sie ihre Bemerkung einfach im Raum stehen, damit MacGuffin davon ausging, dass sie den Vertrag erst nach dem Tod ihres Mannes gefunden hatte.

»Verzeihen Sie, wenn ich Sie das frage, aber war ihr Mann vielleicht in irgendwelche illegalen Geschäfte verwickelt?«

Ihre Hände krampften sich um ihre Handtasche in ihrem Schoß. »Nichts, was ich beweisen könnte. Allerdings muss ich zugeben, dass ich so etwas bereits geahnt habe.«

Er nickte. »Dann ist es durchaus möglich, dass er vorhatte, mir mithilfe des gefälschten Vertrages das Restaurant wegzunehmen. Vielleicht hat er geplant, sich eines Tages an meine Erben heranzumachen und meinen Besitz pfänden zu lassen. Solche Hochstapler bedienen sich verschiedenster Tricks. Leider habe ich im Laufe der Zeit einige davon zu sehen bekommen – diese Methode ist mir allerdings neu.«

Er musterte sie neugierig. »Sie haben gesagt, Sie hätten nicht vorgehabt, Ihre Anteile zu verkaufen. Wenn das der Fall ist, warum sind Sie dann hier?«

Sie überlegte, ob sie lügen sollte, aber das hatte sie in letzter Zeit allzu oft getan, und all die Lügen hinterließen einen bitteren Geschmack in ihrem Mund. »Ich habe Grund zu der Annahme, dass mein Mann seinen Tod nur vorgetäuscht hat und zurzeit in Savannah ist. Ich versuche herauszufinden, wo er sich aufhält.«

»Ach du liebe Zeit!«

»Ich habe vergessen, ein Foto von ihm mitzubringen.« Sie hatte es zu eilig gehabt, das Haus zu verlassen, ehe Pierce bei ihr auftauchte. »Aber falls Sie ihn gesehen haben sollten, oder ihm irgendwann in der Zukunft zufällig begegnen sollten, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir Bescheid geben könnten.« Sie gab ihm eine Beschreibung von Damon, während sie ihren Namen und ihre Handynummer auf ein Stück Papier notierte, das sie aus ihrer Handtasche zutage gefördert hatte. Sie schob ihm den Zettel zu. »Er hat auffällig helle, blaue Augen, schwer zu vergessen.«

MacGuffin nahm das Papier und legte es in die oberste Schreibtischschublade. »Ich habe inzwischen nicht mehr besonders viel Kontakt zu meinen Kunden. Ich verbringe den Großteil meiner Zeit mit der lächerlichen Masse von Papierkram, den die Regierung so kleinen Betrieben wie dem Meinen abverlangt.« Er lächelte reumütig. »Ich selbst habe ihn noch nie gesehen, aber ich kann Todd bitten, dass er meine Angestellten fragt.«

»Vielen Dank. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen.«

»Selbstverständlich. Ich helfe Ihnen gern – solange sie nicht versuchen, mir mit diesen gefälschten Papieren mein Unternehmen zu stehlen.«

Der stählerne Unterton in seiner Stimme überraschte sie. Was ihre Motive anging, war er offenbar skeptischer, als ihr bewusst gewesen war. Sie zog den Vertrag wieder aus der Tasche und zerriss ihn in zwei Teile, die sie auf den Schreibtisch legte.

»Sind Sie jetzt zufrieden, Mr MacGuffin?«

»Fast.« Er streckte die Hand nach dem entzweigerissenen Papier aus, drehte sich auf seinem Stuhl herum, und als Nächstes hörte Madison das unmissverständliche Geräusch eines in Betrieb genommenen Aktenvernichters. Mr MacGuffin drehte sich wieder zu ihr herum. »Jetzt bin ich zufrieden.«