4
Madison unterdrückte ein Gähnen und betrachtete durch Pierce’ Autofenster hindurch das FBI-Bürogebäude in der East Bryan Street.
Kurz nachdem sie, im Lehnstuhl sitzend, morgens eingenickt war, war sie von Pierce nach einer geradezu obszön kurzen Zeitspanne wieder wachgerüttelt worden. Pierce, der unglaublich erholt aussah, obwohl er den größten Teil der Nacht wach gewesen war, hatte sie zum Friedhof gefahren, damit sie ihr Auto holen konnte. Dann war er ihr hierher zu ihrem Haus gefolgt und hatte gewartet, bis sie eine Dusche genommen und ihre Kleider gewechselt hatte.
Trotz ihrer exzellenten Argumente dafür, dass sie seine Hilfe nicht brauchte, hatte er sie dazu genötigt, ihn zu seinem Chef zu begleiten, um wegen der Schießerei eine Aussage zu machen.
Er öffnete die Beifahrertür und streckte die Hand aus, um ihr beim Aussteigen zu helfen.
Sie schob seine Hand weg und verbarg ein weiteres Gähnen, während sie aus dem Auto stieg. Das Grinsen würde ihm schon noch vergehen, wenn sie erst einmal genügend Koffein im Blut hatte. Eine Tasse Kaffee war nicht genug, um ihre beste Seite zum Vorschein zu bringen.
Die Buchstaben auf der Glastür bezeichneten das Gebäude als »Technologiezentrum« und nicht als Außendienststelle des FBI, wie sich der ausgedehnte Gebäudekomplex in Jacksonville genannt hatte, wo Pierce vorher gearbeitet hatte. Die nüchterne, schlichte Fassade besaß nichts von dem südlichen Charme, den Madison mit dem Rest von Savannahs Altstadt verband, und das war wahrscheinlich auch der Grund, warum das FBI das Gebäude etwas versteckt, abseits des Reynold Squares gebaut hatte – damit es nicht so auffiel und die Leute sich nicht beschwerten.
»Nach dir, Schlafmütze – oder soll ich dich eher Brummbär nennen?«
»Nur, wenn ich dich Seppel nennen darf.«
Er lachte, als sie an ihm vorbeiging und die winzige Eingangshalle betrat, in der es nicht einmal einen Pförtner gab.
Es war nicht ihre Schuld, dass sie heute nicht in der Stimmung war, das gut gelaunte Schneewittchen zu spielen. Wenn sie mit Handschellen gefesselt, entführt, von einem Fotomodell gefangen gehalten und dann auch noch todmüde ins FBI-Gebäude geschleppt wurde, war ihr nun mal nicht nach Disneygeträller zumute.
»Du kannst mich nicht ewig ignorieren.« Er steckte seinen Dienstausweis in das elektronische Lesegerät der Metallschranke. Es piepte, und die Schranke öffnete sich.
»Ich ignoriere dich nicht.« Sie trat durch die Pforte. »Ich habe bloß nichts zu sagen.«
Er schien sich das Grinsen nur mühsam verkneifen zu können, als er sie den Korridor hinunter zum Fahrstuhl führte. Als sie hineingegangen waren, verschränkte sie die Arme vor der Brust und warf ihm einen Blick zu, der ihn davor warnte, sich über sie lustig zu machen.
»Wirst du mir je verzeihen?« Er drückte auf den Knopf für den zweiten Stock.
»Du hast mich mit deiner Verlobten allein gelassen und ihr den Auftrag gegeben, auf mich zu schießen, falls ich versuche, auszureißen.«
Seine Mundwinkel zuckten. »Das hat sie dir gesagt?«
»So habe ich es jedenfalls verstanden.«
Er lachte. »Sie hat sich bestimmt nur einen Scherz erlaubt.« Sein Lächeln verschwand und er sah plötzlich ernst aus. »Und was die Verlobte angeht, versuche ich dir schon die ganze Zeit zu sagen …«
Sie hob abwehrend die Hand. »Ich habe dir schon heute Morgen gesagt, dass ich nicht über sie sprechen will. Dein Privatleben geht mich nichts an. Du schuldest mir keine Erklärung.«
Er warf ihr einen irritierten Blick zu, doch bevor sie herausfinden konnte, was es damit auf sich hatte, öffnete sich die Fahrstuhltür. Ein Mann im dunklen Geschäftsanzug, der dort an der Wand lehnte, erwartete sie. Er richtete sich auf und streckte die Hand aus. »Mrs McKinley, ich bin Special Agent Casey Matthews. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen.«
Sie schüttelte lustlos die Hand. »Ich bin nur hier, weil Pierce die Hochzeitsreise meines Bruders ruiniert hätte, wenn ich dem Gespräch mit Ihnen nicht zugestimmt hätte. Das hier ist Zeitverschwendung.«
Seine Augen wurden groß, und er warf Pierce einen überraschten Blick zu.
»Glaub mir, sobald man die fiesen äußeren Stacheln überwunden hat, stellt man fest, dass sich in ihrem Inneren ein superweicher Marshmallowkern verbirgt.«
Casey prustete los, riss sich aber sofort zusammen, als Madison ihm einen bösen Blick zuwarf.
»Die Unannehmlichkeiten tun mir leid«, sagte er. »Ich werde versuchen, es kurz und schmerzlos zu machen.«
Er führte sie einen von grellen Deckenleuchten beleuchteten Korridor entlang in einen weitläufigen Raum, der in Bürozellen mit niedrigen Wänden unterteilt war. Etwa zwei Dutzend Männer und Frauen saßen dort vor Computerbildschirmen und musterten sie mit offener Neugier. Madison hatte den Eindruck, dass sie nicht allzu häufig Besuch von Zivilpersonen bekamen.
Casey führte sie zu seinem Büro, das sich am hinteren Ende des Raums befand. Es handelte sich um eins der wenigen Büros, das über echte Wände und eine Tür verfügte. Der Computer, der auf dem Schreibtisch aus beschichtetem Holz stand, sah teuer aus, aber die beiden billigen Vinylstühle davor entsprachen dem typischen, preisgünstigen Büromobiliar, das man häufig in staatlichen Einrichtungen vorfand. Der schmale Tisch, der zwischen den beiden Stühlen stand, war gerade groß genug für ein paar Aktenordner.
Oder eine Tasse Kaffee.
»Ich gehe mal nicht davon aus, dass man hier irgendwo einen Kaffee bekommt?«, fragte Madison. »Im Fernsehen trinken sie beim FBI immer Kaffee.«
Pierce setzte sich auf einen der Vinylstühle. »Nachher, wenn wir gehen, besorge ich dir einen.«
Casey lächelte. »Warum warten? Ich bin sofort zurück.«
Als sich die Tür hinter ihm schloss, trat Madison ans Fenster und gab vor, sich brennend für die Straße zu interessieren, die direkt am Gebäude vorbeiführte – auch wenn dort unten nicht mehr zu sehen war als parkende Autos und vorbeihuschende Eichhörnchen.
»Falls du dich dann besser fühlst – ich habe ebenso wenig Lust, mit dir hier herumzuhängen, wie du mit mir«, sagte Pierce.
Madison erstarrte und drehte sich zu ihm herum.
»Du wirkst überrascht«, sagte er. »Hast du gedacht, dass ich nach unserer Trennung elend herumgesessen und gehofft habe, dass du zu mir zurückkehrst?«
Warum nicht? Sie hatte sich elend gefühlt und ihn vermisst.
»Natürlich nicht.« Sie nahm auf dem Stuhl neben ihm Platz. »Ich bin froh, dass du so schnell darüber hinweggekommen bist. Theresa scheint eine großartige Frau zu sein.«
»Tessa.«
»Wie auch immer. Ist mir auch egal.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Pierce’ dunkle Augen musterten sie forschend, als suche er die Antwort auf eine wichtige Frage. »Ja, ich glaube, das ist es wirklich.«
Bevor sie sich darüber klar werden konnte, was das nun wieder zu bedeuten hatte, öffnete sich die Tür. Casey betrat das Büro und schloss die Tür hinter sich.
»Hier ist Ihr Kaffee.« Er reichte Madison einen Styroporbecher mit Kaffee und legte Kaffeesahne und Zuckertüten auf den Tisch.
»Vielen Dank.« Sie ließ Kaffeesahne und Zucker liegen, nahm den Becher in beide Hände, sog das tröstliche Aroma ein und trank einen großen Schluck. Der Kaffee war bitter und lauwarm, aber das machte ihr nichts aus. Allein der Geruch weckte ihre Lebensgeister, und binnen weniger Minuten würde das Koffein den Rest erledigen. Während Casey hinter seinem Schreibtisch Platz nahm, genehmigte sie sich einen weiteren Schluck.
Sein grau meliertes Haar war militärisch kurz geschnitten wie das von Pierce, doch alles in allem wirkte er weniger Respekt einflößend als der entschlossene Mann an ihrer Seite. In ihrer Vorstellung verwandelte sich jeder Verbrecher, der Pierce Buchanan Rede und Antwort stehen musste, am Ende des Verhörs in ein zitterndes Häufchen Elend. Sie hatte ihn zwar in der Zeit, als sie zusammen gewesen waren, nicht als einschüchternd empfunden, aber so, wie er jetzt dasaß und sie unerbittlich musterte, richteten sich unwillkürlich die Härchen an ihren Armen auf.
»Mrs McKinley«, sagte Casey, »ich weiß nicht, was Pierce Ihnen über den Grund Ihres Hierseins gesagt hat. Da einer meiner Ermittler in die Schießerei verwickelt war, bin ich grundsätzlich verpflichtet, den Vorfall zu untersuchen.«
Sie stellte den Becher auf dem Tisch ab. »Was möchten Sie von mir wissen?«
»Erzählen Sie mir doch einfach aus Ihrer Sicht, was sich gestern Morgen zugetragen hat.«
»Das gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe aus dem Küchenfenster geschaut und einen Mann in meinem Garten stehen sehen, der mich beobachtete. Ich habe meinen Bruder angerufen, um ihn um Rat zu fragen …«
»Warum haben Sie nicht bei der Polizei angerufen?«
»Mein Bruder ist sozusagen die Polizei.« Sie winkte ab. »Wie auch immer, ich hatte die Polizei bereits mehrere Male informiert und von dem Mann berichtet, der mein Haus beobachtete. Wenn die Polizisten dann endlich bei mir auftauchten, war er jedes Mal schon wieder weg, also haben sie sich entschlossen, mir nicht zu glauben. Es hatte nicht gerade den Anschein, als wären sie empfänglich für weitere Anrufe.«
»Okay, ich verstehe. Was ist dann passiert?«
»Nachdem ich das Telefonat mit meinem Bruder beendet hatte, beobachtete ich den Mann in meinem Garten für eine Weile. Und dann, na ja, er hatte etwas an sich, das … das mir vertraut vorkam.« Sie warf Pierce einen Blick zu, da sie sich fragte, wie viel er seinem Chef erzählt hatte. »Also beschloss ich, ihn zur Rede zu stellen. Doch kaum war ich hinausgegangen, fing er auch schon an loszurennen.«
»Wie häufig haben Sie ihn davor gesehen? Und wo?«
»Ich bin nicht hergekommen, um über die vorherigen Male zu sprechen. Ich bin hergekommen, um über die Schießerei zu sprechen.«
»Das sind nur standardmäßige Hintergrundfragen«, erklärte Pierce. »Sie sollen dabei helfen, den richtigen Ermittlungsansatz zu finden.«
Widerwillig sprach sie weiter. »Das erste Mal habe ich ihn vor drei Wochen gesehen, unmittelbar nachdem ich eingezogen bin. Wie gestern hatte er die Kapuze seiner Jeansjacke ins Gesicht gezogen, deshalb konnte ich sein Gesicht nicht sehen. Er stand auf dem Bürgersteig und lehnte sich gegen eine Eiche. Technisch gesehen befand er sich nicht einmal auf meinem Grundstück. Als ich eine halbe Stunde später wieder aus dem Fenster gesehen habe, stand er immer noch da und beobachtete mein Haus.«
Sie erinnerte sich daran, wie alarmiert sie gewesen war. Die Haltung des Mannes, die Art, wie er dastand, hatte sie an Damon erinnert. Das war der Hauptgrund gewesen, warum sie die Polizei informiert hatte. Sie hatte gehofft, dass sie ihn schnappen würden und ihre irrationalen Ängste sich als grundlos erweisen würden. »Er hat nie etwas anderes getan als dazustehen. Dennoch, irgendetwas an ihm hat mich nervös gemacht.«
»Und die anderen Male, was hat er da getan?«, fragte Pierce.
»Beim zweiten Mal hatte er sich näher herangewagt und stand in meinem Garten neben einem Lagerschuppen. Und beim dritten Mal erwischte ich ihn auf meiner Vorderveranda, als ich gerade mit dem Wagen in meine Einfahrt bog.« Sie rieb sich über die Arme und dachte daran, wie sehr es sie erschreckt hatte, ihn dort stehen und in ihr Fenster spähen zu sehen.
Pierce beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Knie. »Was hat er getan, als er dich gesehen hat? Und was hast du gemacht?«
»Er ist geflüchtet. Ich habe die Polizei gerufen. Ich hatte gehofft, sie könnten einen Fingerabdruck oder so etwas nehmen, um herauszufinden, wer er ist und warum er sich so sehr für mein Haus interessiert.«
»Oder für Sie«, bemerkte Casey.
Sie nickte und schluckte mühsam. »Oder für mich.«
»Und gestern Morgen«, sagte Casey, »verließen Sie ihr Haus, um ihn zur Rede zu stellen.«
»Ja.«
»Und er ist geflüchtet?«
»Ja.«
»Und Sie haben ihn verfolgt.«
Die Hitze stieg ihr in die Wangen, genau wie in dem Moment, als Pierce ihr dieselbe Frage gestellt hatte. »Im Nachhinein ist mir auch klar geworden, dass das eine dumme Idee war. Aber in dem Moment war ich ehrlich gesagt einfach nur wütend. Dieser Mann hat ganz offen mein Haus beobachtet, als wäre es ihm egal, ob ich ihn dabei erwische oder nicht. Ich meine, es ist, als wäre er …« Sie schüttelte den Kopf und suchte nach den richtigen Worten. »Es war fast so, als wollte er, dass ich ihn sehe. Als würde er versuchen, mich einzuschüchtern. Ich wollte mit ihm sprechen, ihn fragen, warum er mich beobachtet. Ich wollte, dass er damit aufhört.«
Und sich beweisen, dass der Mann, der sie in ihren Albträumen heimsuchte, wirklich tot war.
Sie umklammerte die Stuhllehne. »Den Rest kennen Sie ja bereits. Als der Mann eine Pistole zog, hat Pierce sich vor mich geworfen. Ich hörte das Krachen des Schusses und sah Pierce zu Boden gehen …« Die Stimme versagte ihr. Sie versuchte die grässlichen Bilder zu unterdrücken, die unwillkürlich in ihr aufstiegen.
Casey legte seine Hände, die auf dem Schreibtisch lagen, ineinander. »Mrs McKinley, Pierce hat mir erzählt, dass Sie es für möglich halten, dass der unbekannte Schütze ihr Ehemann ist und dass er seinen Tod möglicherweise nur vorgetäuscht hat.«
Madison richtete sich in ihrem Stuhl auf. »Ich dachte, dieses Treffen soll dazu dienen, Pierce’ Rolle bei der Schießerei zu klären, nicht meine. Die Polizei hat mich bereits vernommen.«
»Warum hast du ihnen nicht von Damon erzählt?«, fragte Pierce.
»Woher willst du wissen, dass ich das nicht getan habe?«
»Ich habe deine Aussage gelesen.«
Madison presste die Lippen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust.
Pierce seufzte tief. »Wir wollen dir helfen.«
Sie sah zu Casey. »Der Gedanke, dass mein toter Ehemann in Savannah herumläuft und versucht, mir Angst einzujagen, ist lächerlich. Ich war gestern einfach nur erschöpft. Der Schütze hat zwar Ähnlichkeit mit meinem Mann, aber er ist es nicht.« Ihr Blick wanderte zu Pierce. »Mein Mann ist tot.« Sie wollte sich erheben, doch Pierce stand schnell auf, um ihr den Weg zu versperren.
»Du bist nicht die Art von Frau, die zu hysterischen Ausbrüchen neigt oder sich Dinge einbildet. Ich glaube dir keine Sekunde, dass du deine Meinung geändert hast. Du hältst Damon für den Schützen.« Sein Gesicht wurde weich, als er die Hand ausstreckte, um ihr sanft die Ponyfransen aus den Augen zu streichen. »Bitte sag mir die Wahrheit, Mads. Ich möchte dir helfen.«
Die Knie wurden ihr weich, als er ihren Kosenamen benutzte und seine Stimme so leise und vertraulich klang. Doch statt auf ihn zuzugehen und sich von ihm in den Arm nehmen zu lassen, wie es sich ihr verräterischer Körper wünschte, drückte sie sich an ihm vorbei und ignorierte das sehnsüchtige Prickeln, das sie durchzuckte, als ihre Brust die seine streifte.
Dieses Mal versuchte er nicht, sie aufzuhalten. Sie riss die Tür auf und trat in das Großraumbüro, nur um nach wenigen Schritten innezuhalten, als sie sah, wer vor ihr stand.
Wenn da nicht die langen, roten Haare gewesen wären, hätte Madison Pierce’ Verlobte nicht wiedererkannt. Ganz im Gegensatz zu dem Betthäschen-Look der vergangenen Nacht wirkte Tessa heute in ihrem dunkelgrauen Kostüm mit knielangem Rock und bequemen, flachen Schuhen durch und durch professionell. An ihrer Jacke trug sie eine FBI-Dienstmarke, die sie als Sonderermittlerin Tessa James identifizierte. Sie und Pierce arbeiteten zusammen.
Wie praktisch.
Tessa grinste verlegen und kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu. »Mrs McKinley, es tut mir leid, dass ich Ihnen gestern Abend nicht die Wahrheit sagen konnte. Wir mussten warten, bis wir den Fall abgeschlossen hatten. Ich durfte nicht riskieren, dass wir enttarnt würden.«
Madison machte keine Anstalten, der Frau die Hand zu schütteln. »Die Wahrheit?«
Tessa ließ die Hand sinken und runzelte verwirrt die Stirn. »Wir haben zusammen an einem Fall gearbeitet. Die Verlobung war nur vorgetäuscht.« Sie sah auf einen Punkt hinter Madisons Schulter. »Du hast es ihr nicht gesagt?«
Madison drehte sich langsam herum. Pierce stand gegen den Rahmen der Bürotür gelehnt, die Hände in den Hosentaschen.
Wut stieg in Madison auf. Sie fühlte sich wie eine Närrin. Sie war die Einzige gewesen, die nicht Bescheid gewusst hatte, die Einzige, die nicht in die Insiderinformationen eingeweiht gewesen war. Jetzt ergab auch das Gästezimmer mit der Männerkleidung Sinn. Am schlimmsten war, dass sie es Pierce nicht einmal übelnehmen konnte. Er hatte an diesem Morgen mehrere Male versucht, mit ihr über seine Verlobte zu sprechen. Doch jedes Mal, wenn er das Thema zur Sprache brachte, hatte sie abgeblockt und sich geweigert, ihm zuzuhören. Wahrscheinlich hatte er versucht, ihr die Wahrheit zu sagen.
Ein Teil von ihr freute sich darüber, dass es keine Verlobung gab. Doch die Freude wurde überschattet von dem Gefühl, sich wie eine Idiotin benommen zu haben.
»Ich finde allein hinaus.« Sie schob sich an Porzellangesicht vorbei und hastete an den zahllosen Bürozellen vorbei.
Als sie es endlich hinaus auf den Bürgersteig geschafft hatte, hatte sich ihre Verlegenheit in einen kalten, harten Knoten der Wut verwandelt, der ihr den Magen zusammenzog.
Sie schloss die Augen, lehnte den Kopf gegen die Backsteinmauer und atmete tief durch, um die Kontrolle über sich wiederzuerlangen. Kontrolle. Das war es, was sie jetzt brauchte, sie musste diese verrückte Situation in den Griff bekommen, statt anderen zu erlauben, sie zu kontrollieren.
Ihr ganzes Leben lang war sie immer die kleine Prinzessin gewesen, behütet und beschützt. Ihre Mutter, ihr Vater und sogar Logan hatten sie mit ihren guten Absichten erdrückt. Sie hatten so lange alle wichtigen Entscheidungen für sie getroffen, bis sie am liebsten vor Wut geschrien hätte. Als sie Damon kennenlernte und ihre Familie ihn ablehnte, hatte ihn das in ihren Augen nur noch attraktiver gemacht. Sie hatte entschieden, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, Widerstand zu leisten und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.
Also hatte sie sich für Damon entschieden.
Du warst ein böses Mädchen.
Sie hielt sich die Ohren zu, um die Erinnerung an Damons Stimme aus ihrem Kopf zu vertreiben. Trotz zusammengebissener Zähne konnte sie ein leises Wimmern nicht unterdrücken.
»Miss, geht es Ihnen nicht gut?«
Sie riss die Augen auf. Sie zwang sich, die Hände sinken zu lassen und ein paarmal tief durchzuatmen. Ein Geschäftsmann mit einem Aktenkoffer in der Hand stand vor ihr und blickte sie besorgt an. Sein grauer Anzug erinnerte sie an die FBI-Agenten im Inneren des Gebäudes, und ihr Ärger flammte erneut auf.
»Ich bin in Ordnung. Vielen Dank.« Da er sie immer noch zweifelnd ansah, fügte sie hinzu: »Kopfschmerzen. Ich muss nur … ich werde mir etwas Wasser besorgen und eine Tablette nehmen.« Sie ließ den Fremden stehen und lief mit eiligen Schritten den Bürgersteig hinunter und überquerte die Straße.
Du hättest nicht herumschnüffeln dürfen. Zu viel Neugier kann tödlich sein. Vergiss das nicht.
Nein!
Sie griff sich mit der Hand an die Kehle und zwang sich dazu weiterzugehen. All diese Monate hatte sie versucht, sich selbst davon zu überzeugen, dass Damon tot war. Sie hatte die Augen vor der Wahrheit verschlossen und sich eingeredet, dass der Autopsiebericht fehlerhaft war, dass die Polizei nachlässig gearbeitet hatte und die Kugel deshalb übersehen worden war.
Die Kugel, die sie selbst auf ihn abgefeuert hatte.
Doch jetzt wusste sie es besser. Ein anderer Mensch war bei dem Autounfall gestorben. Damon hatte einen anderen Menschen getötet, um seinen eigenen Tod vorzutäuschen. Und jetzt war er in Savannah und beobachtete sie. Warum? Was wollte er? Geld? Rache?
Tränen brannten unter ihren Augenlidern. Am Ende hatte sie das Böse gesehen, das in ihm schlummerte, doch es war zu spät gewesen. Viel zu spät.
Vor ihrem inneren Auge erschien das Gesicht ihres geliebten Vaters, als sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte.
Bitte vergib mir, Daddy.