2

Pierce saß in der Notaufnahme und umklammerte angespannt die Seiten des Untersuchungstischs, auf dem er saß. Madison wiederzusehen – noch dazu, während sie mit einer Waffe bedroht wurde – war ein Schlag in die Magengrube gewesen, von dem er sich noch nicht richtig erholt hatte. Als er auf der Straße gelegen und sie sich über ihn gebeugt hatte, da hätte er sie angesichts der Sorge und der Angst in ihren tiefblauen Augen am liebsten in die Arme genommen und fest an sich gedrückt. Gern hätte er die Hände in ihrem dichten Haar vergraben und den Jasminduft eingeatmet, den ihre weiche Haut stets ausströmte.

Aber dann hatte sich sein Verstand zu Wort gemeldet und ihn daran erinnert, wie es zwischen ihnen geendet hatte. Und ihm wurde klar, dass sie jeden, der angeschossen worden wäre, so besorgt angesehen hätte. Ihr Blick bedeutete ganz bestimmt nicht, dass sie sich noch etwas aus ihm machte.

Er sah hinüber zu dem grünen Vorhang, hinter dem Madison vor einer halben Stunde mit einer Schwester verschwunden war. Aber warum war sie dann so blass geworden, als sie von seiner Verlobten gehört hatte? Schließlich war Madison diejenige gewesen, die Schluss gemacht hatte. Warum sollte es ihr etwas ausmachen, wenn er eine neue Liebe gefunden hätte?

»Special Agent Buchanan.«

Unwillig wandte er sich wieder dem jungen Arzt zu, der soeben seine Wunde genäht hatte. Viel zu jung. Wahrscheinlich ein Wunderknabe, der mit dreizehn Jahren die Highschool abgeschlossen hatte. Noch dazu ein Wunderknabe, der ihm bereits mehr als genug von seiner Zeit gestohlen hatte. Er musste unbedingt seinen derzeitigen Fall zum Abschluss bringen, und außerdem hatte er wegen der Schießerei noch ein Dutzend Fragen an Madison.

Zum Beispiel, warum sie ihn angefleht hatte, Logan nichts von den morgendlichen Ereignissen zu erzählen.

»Wenn Sie uns nicht erlauben, Sie zu röntgen, müssen Sie ein Formular unterschreiben, dass Sie die Behandlung entgegen dem ausdrücklichen ärztlichen Rat verweigern.«

»Meine Rippen sind nicht gebrochen. Sie zu röntgen wäre Zeitverschwendung.«

»Ach, haben Sie etwa eine medizinische Ausbildung und nur vergessen, es zu erwähnen?« Der Arzt grinste über seinen eigenen Witz.

Pierce kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Ich bin zwar kein Arzt, aber ich kann verdammt gut mit einer Waffe umgehen.«

Der Wunderknabe schnappte hörbar nach Luft.

»Ich bin mir sicher, Special Agent Buchanan wird sich mit Freuden allen medizinischen Untersuchungen unterziehen, die Sie für notwendig erachten.« Pierce’ neuer Chef und alter Freund stand in dem mit einem Vorhang abgetrennten Durchgang.

Pierce schüttelte resigniert den Kopf. So viel zu seinem Vorhaben, Madison ohne Verzögerung zu befragen.

»Ich bin Special Agent Casey Matthews, Mr Buchanans Chef.« Casey trat zu dem Arzt, um ihm die Hand zu schütteln. »Und diese bezaubernde Dame hier ist seine Verlobte, Tessa James. Doktor, ich versichere Ihnen, dass Mr Buchanan kooperieren wird.«

Der Arzt schüttelte Casey erfreut die Hand. »Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen. Seit seinem Eintreffen ist er nur daran interessiert, schnellstmöglich wieder entlassen zu werden.« Er grinste Pierce selbstzufrieden an.

Pierce starrte ihn so lange an, bis das Lächeln aus seinem Gesicht verschwand. Es war so leicht, diesen Jungen einzuschüchtern, dass er sich fast schuldig fühlte.

Der erschrockene Blick des Wunderknaben jagte suchend durch das Zimmer. »In ein paar Minuten kommt eine Schwester und bringt sie in die Radiologie.« Mit diesen Worten drehte er sich um und ergriff die Flucht.

»Und – hast du es genossen, den Jungen nervös zu machen?« Tessa trat an den Untersuchungstisch und trommelte mit ihren roten Fingernägeln auf der glänzenden, makellosen Stahloberfläche herum.

»Er hat meine Zeit verschwendet.« Pierce wollte sich gerade mit den Handflächen auf dem Behandlungstisch abstützen, um hinunterzuspringen, doch Casey versperrte ihm den Weg.

»Die Röntgenaufnahmen stehen noch aus«, sagte er.

»Ich muss dringend mit Madison sprechen.«

»Die Frau, die in die Schießerei verwickelt war?«, fragte Tessa.

Er nickte.

»Lieutenant Hamilton und sie haben die Notaufnahme in dem Augenblick verlassen, als wir hereingekommen sind.«

Pierce’ Magen zog sich unbehaglich zusammen. Ihm waren die skeptischen Blicke nicht entgangen, die Hamilton Madison zugeworfen hatte. Der Lieutenant glaubte, dass sie etwas verheimlichte.

Genauso wie er.

Der Gedanke an eine Madison, die in der gespannten Atmosphäre eines Verhörraums vernommen wurde, gefiel ihm gar nicht. Nicht etwa, weil sie Angst hatte – eher im Gegenteil. Ihr Bruder nannte sie aus gutem Grund ›Quälgeist‹. Madison hatte ein Temperament, das sie leicht in Schwierigkeiten bringen konnte, wenn man sie in die Enge trieb. Sie glich einem Feuerwerkskörper mit zu kurz geratener Zündschnur, und für gewöhnlich war sie diejenige, die sich bei solchen Gelegenheiten die Finger verbrannte.

»Sie hat sich den Fuß umgeknickt«, sagte Pierce. »Wie war Ihr Eindruck?«

»Sie hat beim Gehen das rechte Bein etwas stärker belastet«, sagte Casey. »Aber abgesehen davon schien es ihr gut zu gehen. Kein Gips und keine Krücken.« Er trommelte verärgert mit den Fingerknöcheln auf dem Tisch herum. »Du hättest mich anrufen sollen. Wenn einer meiner Ermittler in eine Schießerei verwickelt wird, dann möchte ich das von ihm selbst hören – und nicht vom Savannah-Chatham Metro Police Department.«

»Es ist nur eine Fleischwunde, keine große Sache.«

Tessa legte ihre Hand auf die seine. »Gebrochene Rippen sind definitiv eine große Sache.«

Er zog die Hand weg. »Was machst du hier?«

»Wo sollte sich deine nach dir verzehrende Verlobte wohl sonst aufhalten?« Sie grinste.

»Tessa war gerade bei mir, als Hamilton angerufen hat.« Ein ungeduldiger Unterton schwang in Caseys Stimme mit. »Ich will Antworten. Wer ist diese Madison? Warum warst du heute Morgen vor ihrem Haus?«

»Ich bin mit ihrem Bruder, Logan Richards, befreundet. Er ist zurzeit auf Hochzeitsreise und hat mich gebeten, mich davon zu überzeugen, dass bei ihr alles in Ordnung ist. Und das war’s auch schon. Das Ganze ist keine Angelegenheit für die Bundespolizei.«

»Das hier ist in dem Moment zur Bundesangelegenheit geworden, als ein Bundesagent angeschossen wurde.« Casey runzelte mit der Stirn. »Warte mal, Madison … der Name klingt vertraut.« Seine Augen wurden groß. »Ist das etwa dieselbe Madison, die …«

»Tessa«, unterbrach ihn Pierce und warf Casey einen warnenden Blick zu, »würde es dir etwas ausmachen, nach Hause zu fahren und mir ein sauberes Hemd zu holen? Ich bin nicht scharf darauf, die Notaufnahme im Krankenhaushemd zu verlassen.«

Sie rollte mit den Augen. »Du musst dir keinen Vorwand ausdenken, um mich loszuwerden, Liebster. Vergiss nicht unsere Verabredung nachher. Es ist alles vorbereitet. Wenn alles klappt, dann können wir den Fall heute Abend abschließen. Wenn nicht, dann hast du länger eine falsche Verlobte am Hals, als du gehofft hattest.« Sie verließ das Zimmer, wobei das Klacken ihrer Stöckelschuhe weithin über den Korridor hallte.

Casey zog den Vorhang zu und drehte sich zu Pierce um, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. »Sprechen wir über die Madison? Über die Witwe, mit der du vor ein paar Monaten zusammen warst?«

Pierce wollte gerade die Arme vor der Brust verschränken, doch das schmerzende Ziehen der Wundnaht hielt ihn davon ab.

Er hatte nur einmal mit Casey über Madison gesprochen, und zwar an dem Wochenende, an dem sie sich von ihm getrennt hatte. Er war sturzbetrunken gewesen und konnte sich hinterher kaum mehr an das Gespräch erinnern. Casey hatte ihm ihre Unterhaltung mitsamt allen peinlichen Details ins Gedächtnis gerufen, als er ihn am nächsten Tag angerufen hatte, weil er wissen wollte, wie es Pierce ging.

»Es ist nicht so, wie du denkst«, sagte Pierce.

»Das will ich hoffen. Bitte sag mir nicht, dass du dich nach Savannah hast versetzen lassen, um in der Nähe der Frau zu sein, die dich verlassen hat.«

»Bis mich ihr Bruder heute Morgen angerufen hat, wusste ich gar nicht, dass sie in Savannah wohnt. Ich dachte, sie lebt in New York.«

»Wie bist du überhaupt mit ihr zusammengekommen, wenn ihr nicht mal im selben Bundesstaat zu Hause seid?«

»Ihr Bruder ist der Polizeichef, mit dem ich zusammen an meinem letzten Serienmörder-Fall gearbeitet habe. Sie hat ihn während der Ermittlungen besucht, und wir haben uns gut verstanden.«

Casey zog eine Augenbraue hoch. »Ihr habt euch gut verstanden? Soweit ich mich erinnere, war das Ganze doch etwas ernster? Ihr beiden wart …«

»Sprechen wir nicht mehr davon.«

Casey lachte. »Ich meinte doch nur …«

»Ich möchte wirklich nicht darüber reden.«

Casey machte eine beschwichtigende Geste. »Schon gut.« Er musterte ihn nachdenklich. »Wie kommt es, dass sie jetzt in Savannah lebt?«

»Ihr Bruder hat sie anscheinend ermutigt, sich hier ein Haus zu kaufen. Keine Ahnung, warum.«

»Ist das derselbe Bruder, der dich dazu ermutigt hat, dich nach Savannah versetzen zu lassen?«

Pierce’ Muskeln spannten sich, als im klar wurde, was Casey andeutete – verdammt sollte er sein, wenn ihm nicht derselbe Gedanken gekommen war. Logan wollte, dass Madison und er einander wieder näherkamen. Das nächste Mal, wenn er mit Logan telefonierte, würde er ihm sagen, was er von dieser Art von Einmischung hielt. Er würde ihn wissen lassen – und zwar mehr als deutlich –, dass die Chancen, dass er und Madison es noch einmal miteinander versuchten, gleich null waren. Sie hatte ihre Gefühle für ihn – oder vielmehr die Tatsache, dass sie keine hatte – mehr als deutlich gemacht, als sie ihn verlassen hatte. Er hatte zu viel Stolz, um sich noch einmal in solch eine Situation bringen zu lassen.

Egal, wie sexy oder attraktiv sie auch sein mochte.

Caseys Mundwinkel verzogen sich zu einem trockenen Grinsen. »Du bist hereingelegt worden.«

»Schon gut, ich hab’s kapiert. Um Logan kümmere ich mich später. Aber erst mal muss ich seine leichtsinnige Schwester davon abhalten, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Und du wirst mir dabei helfen.«

In der kurzen Zeit, die sie schon in Savannah lebte, war Madison nie versucht gewesen, an einer der berüchtigten Gruseltouren teilzunehmen. Doch als sie auf einer Bank des Colonial Park-Friedhofs saß und eine weitere Gruppe von Gruseltour-Touristen vorbeischlendern sah, musste sie zugeben, dass das Ganze unterhaltsamer zu sein schien, als sie vermutet hätte.

Zumindest war es nicht übertrieben zu behaupten, dass es sie amüsierte.

»Wo bist du den ganzen Tag gewesen?«

Der Klang der tiefen, männlichen Stimme direkt neben ihr erschreckte Madison so, dass sie unwillkürlich nach der Neun-Millimeter-Pistole in ihrer Jackentasche griff. Eine Hand schloss sich mit eisernem Griff um ihr Handgelenk. Madison sah hoch und ließ sich dann erleichtert zurück auf die Bank fallen.

Pierce.

Er fluchte leise und setzte sich neben sie, und sie musste zur Seite rutschen, um seinen breiten Schultern Platz zu machen. Er nahm ihr die Waffe aus der Hand und zielte damit auf den Boden, während er den Sicherungshebel überprüfte. Mit zusammengepressten Lippen gab er ihr die winzige Pistole zurück. »Ich gehe davon aus, dass du einen Waffenschein dafür hast.«

Keineswegs, aber das würde sie ganz bestimmt nicht zugeben.

Sie schob die kleine Pistole zurück in ihre Jacke und war dankbar dafür, dass offenbar keiner der Touristen etwas bemerkt hatte.

»Wie hast du mich gefunden?« Sie hatte gewusst, dass sie sich ihm irgendwann würde stellen müssen, deshalb hatte sie sich den Großteil des Tages in der Bibliothek versteckt, in der Hoffnung, die Konfrontation noch etwas hinauszögern zu können. Immer noch war sie sich nicht sicher, wie sie ihm ihr Verhalten erklären sollte. Außerdem wusste sie nicht, wie sie reagieren würde, wenn er das Gespräch auf seine Verlobte brachte. Ein Teil von ihr freute sich sogar darüber, dass er eine Frau gefunden hatte, die seine Liebe erwiderte.

Ein anderer Teil von ihr hingegen hätte dieselbe Verlobte am liebsten bei einer Trainingseinheit mit der Pistole als Zielscheibe benutzt.

»Ich habe allen Bescheid gegeben, dass ich dich suche«, sagte er. »Ein Freund vom Metro Police Department hat mich angerufen, als er deinen Wagen vor dem Friedhof gesehen hat. Ich suche dich schon seit Stunden.«

Seine vorherige Frage – Wo bist du den ganzen Tag gewesen? – hing immer noch zwischen ihnen.

Sie würde ihm nicht erzählen, dass sie den größten Teil des Tages damit verbracht hatte, sich vor ihm zu verstecken. »Wenn sie dich aus dem Krankenhaus entlassen haben, bedeutet das wohl, dass keine Rippe gebrochen ist?«

»Nur ein bisschen angeknackst und ein paar blaue Flecken. Wie geht’s deinem Knöchel?«

Sie hob das Bein an, das in einer Jeans steckte, und schob den Stoff hoch, sodass er die pinkfarbene Bandage an ihrem Knöchel sehen konnte, für die sie sich im Krankenhaus entschieden hatte. »Es ist nur eine leichte Zerrung. Tut dank der Schmerztabletten, die sie mir im Krankenhaus gegeben haben, kaum noch weh.« Sie ließ das Bein sinken, als ihr erneut – wie so viele Male an diesem Tag –, das Bild durch den Kopf zuckte, wie Pierce angeschossen zu Boden gegangen war. »Ich habe dir gar nicht dafür gedankt, dass du heute Morgen dein Leben für mich aufs Spiel gesetzt hast. Du hättest sterben können.«

»Bedank dich bei mir, indem du mir sagst, wen du gejagt hast und warum.«

Ihr Puls begann so schnell zu pochen, dass es in ihren Ohren rauschte. Wenn er denselben Verdacht hatte wie sie, blieben ihm zwei Optionen. Er konnte sie drängen, es Logan zu erzählen, damit ihr Bruder ihr zu Hilfe kam, oder er bestand darauf, ihr selbst zu helfen.

Die erste Möglichkeit gefiel ihr ganz und gar nicht.

Die zweite Option hingegen gefiel ihr viel zu gut.

»Wer war der Mann?«, wiederholte er.

»Ich habe keine Ahnung.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Wahrscheinlich ein Landstreicher.« Sie versuchte schnippisch zu klingen, aber die Art, wie er die Lippen zusammenpresste, sagte ihr, dass es ihr nicht gelungen war.

»Beschreibe ihn.«

»Du hast ihn doch selbst gesehen«, wich sie aus. »Beschreib du ihn doch.«

»Ich konnte nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen.«

»Als FBI-Agent trainiert man solche Dinge.«

Er zuckte mit den Schultern.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. »Anscheinend konnten wir ihn beide nicht besonders gut sehen.«

Seine Gesichtszüge wurden hart. »Na klar, du hast den Schützen nicht richtig sehen können, wie?«

»Ganz richtig.« Sie strich sich wieder eine Haarsträhne hinter das Ohr.

»Also gut. Dann spielen wir eben Spielchen. Der Mann, dem du hinterhergerannt bist, war ein paar Zentimeter kleiner als ich, also etwa einen Meter und achtzig groß. Er war schlank, wog wahrscheinlich etwa fünfundsiebzig Kilo. Weißer, zwischen fünfunddreißig und vierzig. Ausgeblichene Jeans. Neue, weiße Turnschuhe. Kurze Jeansjacke, Reißverschluss halb geöffnet. Die Kapuze in die Stirn gezogen, sodass sein Gesicht nicht zu sehen war. Unter der Jacke trug er ein schwarzes T-Shirt. Hab ich was vergessen?«

Alle Details stimmten. Sie zwang sich zu einem Lachen, das jedoch ziemlich nervös klang. »Die Polizei hätte besser daran getan, dich zu vernehmen, du scheinst ihn ja wirklich gut gesehen zu haben.«

»Sie haben mich befragt. Nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte, bin ich zum Revier gefahren, um meine Aussage zu machen und um mit dir zu reden. Aber du warst schon weg.«

»Ich hatte ihnen alles gesagt, was ich weiß, also bin ich gegangen.«

»Hamilton sagte mir, dass seine Männer alle deine Notrufe untersucht, jedoch keinen Beweis für deine Behauptung gefunden hätten, du wärst von einem Stalker belästigt worden. Ist das der Grund, warum du heute Morgen die Sache selbst in die Hand genommen hast?«

Sie sah ihn gereizt an und verschränkte die Arme vor der Brust. »Meine Behauptung?«

»Du hättest trotz allem die Polizei rufen müssen. Menschen, die zur Selbstverteidigung das Recht in die eigene Hand nehmen, kommen ziemlich häufig um – oder ziehen Unbeteiligte ins Verderben.«

Sie atmete scharf ein. »Das ist nicht fair. Ich habe dich nicht um deine Hilfe gebeten. Und dort, wo ich um Hilfe gebeten habe, nämlich bei der Polizei, hat man mir damit gedroht, mich einzusperren. Hat Hamilton dir das auch erzählt? Dass er damit gedroht hat, mich wegen Missbrauchs des Polizeinotrufs und wegen Falschaussage einzusperren, wenn ich noch einmal auf dem Revier anrufe?« Sie stach mit dem Finger auf seinen Oberschenkel ein, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. »Wenn das Gesetz dich im Stich lässt, kann man sich auf niemand anderen als auf sich selbst verlassen.«

Er hielt ihre Hand fest, damit sie aufhörte, seinen Oberschenkel zu bearbeiten. »Ich bin mir sicher, dass sie nur geblufft haben. Sie hätten dich ganz bestimmt nicht eingesperrt. Und wenn du wirklich das Gefühl hast, dass die Gesetzeshüter versagt haben«, fuhr er fort, »warum hast du dann nicht Logan angerufen und ihm erzählt, was los ist? Auch wenn Savannah nicht in Logans Zuständigkeitsbereich fällt, auf einen Polizeichef hätte Hamilton bestimmt gehört. Logan hätte dafür gesorgt, dass dir jemand hilft.«

Madison konnte sich nicht konzentrieren, wenn er ihre Hand hielt. Das fühlte sich viel zu gut an, und durch ihr Wiedersehen war ihr klar geworden, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Widerwillig entzog sie ihm die Hand. »Ich konnte Logan nicht um Hilfe bitten. Er ist gerade auf Hochzeitsreise, hast du das vergessen?«

»Italien ist nur einen Telefonanruf entfernt. Er hätte dir geholfen, und das weißt du auch.«

»Du hast ja recht. Er hätte mir geholfen. Aber Logans Hilfe hätte darin bestanden, die Flitterwochen abzubrechen und herzukommen. Das wollte ich verhindern.«

»Du solltest deinem Bruder mehr vertrauen. Als er mich heute Morgen angerufen hat, war er davon überzeugt, dass du ein Problem hast, und hat seine Flitterwochen deswegen trotzdem nicht abgebrochen. Stattdessen hat er mich angerufen. Ich musste ihm schwören, dir zu helfen. Du wirst mich nicht los, indem du etwas leugnest, was wir beide wissen: Du steckst in irgendwelchen Schwierigkeiten. Und bis du mir sagst, was das Problem ist, bleibe ich in der Nähe und verhindere, dass dir etwas zustößt.«

Wütend sprang sie von der Bank auf. »Logan hätte dich nicht informieren dürfen. Ich kann allein auf mich aufpassen.«

Er stand auf und blickte auf sie hinunter. »Na klar«, blaffte er, »deswegen wärst du heute Morgen ja auch fast erschossen worden – weil du so gut auf dich aufpassen kannst. Du brauchst Hilfe, bist aber wie immer zu starrsinnig, um es zuzugeben. Sag mir endlich, wer der Schütze war.«

Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Ich weiß es nicht.«

Seine Gesichtszüge wurden hart. »Du weißt es sehr wohl.«

»Du glaubst also, dass ich lüge?«

»Ich weiß es sogar.«

Warum konnte er sich nicht einmal raushalten?

Sie machte einen Schritt nach hinten und sah hinüber zum Eingangstor. Ihr Cabrio stand direkt vor dem Eingang. Konnte sie ihren Wagen erreichen, ehe er sie einholte? Er war verwundet, das würde ihn Zeit kosten. Wenn sie den Überraschungsmoment ausnutzte, reagierte er möglicherweise nicht schnell genug. Sie tastete in ihrer Hosentasche nach der Fernbedienung für das Auto.

»Wer ist der Schütze?«, fragte er noch einmal.

»Ich habe dir bereits gesagt, dass ich es nicht weiß.«

»Natürlich weißt du es.«

Sie machte noch einen Schritt nach hinten.

Er folgte ihr und griff nach ihren Schultern. »Dieses Mal hast du keinen Vorsprung. Du würdest es nicht mal bis zum Tor schaffen. Wer ist der Schütze? Ich werde dich das nicht noch einmal fragen.«

Sie versuchte, sich zu befreien, gab aber auf, als sein Griff um ihre Schultern nur noch fester wurde. Frustriert stampfte sie mit dem Fuß auf. »Warum sollte ich dich anlügen?«

»Gute Frage. Warum solltest du das tun? Mads, du bist eine intelligente Frau. Wenn dir auffällt, dass ein Fremder dein Haus beobachtet, dann rufst du die Polizei – selbst wenn sie dir irgendwelchen Unsinn darüber auftischen, dass sie dich festnehmen wollen.«

Mads. Was für ein bescheuerter Kosename. Wenn ihr Bruder sie ›Quälgeist‹ schimpfte, dann ergab das wenigstens einen Sinn. Pierce war der einzige Mensch, der sie Mads nannte. Es war einfach dumm. Es war nicht einmal niedlich.

Und doch – jedes Mal, wenn er sie so nannte, schmolz sie innerlich dahin.

Sie atmete tief durch und versuchte es noch einmal. »Vielleicht nimmst du der Polizei nicht ab, dass sie mich festgenommen hätten, aber ich habe ihnen geglaubt. Deshalb habe ich sie auch nicht informiert.« Das war eine ziemlich schwache Entschuldigung, aber mehr fiel ihr nicht ein angesichts eines einen Meter neunzig großen Mannes, der sie um etliches überragte und mit durchdringenden Blicken durchbohrte.

»Also, statt die Polizei zu rufen, hast du die Verfolgung aufgenommen,«, fuhr er fort und ignorierte ihre Einwände.«Du bist ihm gefolgt, weil du wusstest, wer er war und nicht wolltest, dass die Polizei Bescheid weiß. Aber du hast ihn unterschätzt. Du dachtest, du könntest ihn erwischen und zur Rede stellen. Damit, dass er bewaffnet war, hast du nicht gerechnet.«

Du liebe Zeit. Dieser Mann war wie ein Spürhund, der die Fährte des Fuchses aufgenommen hatte – das sah gar nicht gut aus für den Fuchs.

»Was hat der Schütze gegen dich in der Hand?«

»Nichts«, quiekte sie. Vor aufsteigender Panik klang ihre Stimme schrill.

Sein ungläubiger Gesichtsausdruck war vernichtender als jede offen ausgesprochene Beschuldigung. Die Spannung zwischen ihnen wuchs, während die Minuten verstrichen. Endlich schüttelte er den Kopf und ließ ihre Schultern los. Er fuhr mit der Hand über die Bartstoppeln auf seinem Kinn.

Madison sackte erleichtert in sich zusammen, richtete sich jedoch sofort wieder auf, als sie sah, dass Pierce sein Handy aus der Jacketttasche gezogen hatte. Ihr wurde unbehaglich zumute.

»Was machst du?«, fragte sie.

Er rief eine eingespeicherte Nummer auf und zeigte ihr das Gesicht, das auf dem Display erschien.

Logan.

Sie schnappte nach Luft und griff nach dem Handy.

Er hielt es in die Höhe, sodass sie nicht heranreichte.

»Bitte, tu das nicht«, sagte sie. »Er schläft sicherlich gerade tief und fest. In Italien-«, sie versuchte vergeblich, an das Handy heranzukommen, »ist es jetzt drei oder vier Uhr morgens.«

Er drückte das Telefon an sein Ohr. »Erster Freiton.«

»Er ist dein bester Freund. Willst du ihm wirklich die Flitterwochen ruinieren?« Sie ballte die Hände, sodass sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen gruben. Wenn Logan herausbekam, was vor sich ging, würde er es als seine Pflicht betrachten, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Doch dafür war es zu spät. Wenn er auch nur ansatzweise mitbekam, was vor sich ging, würde er sofort versuchen, sie aufzuhalten und ihr verbieten, sich selbst um das Problem zu kümmern. Das durfte auf keinen Fall geschehen.

»Zweiter Freiton.«

»Dieser Typ war nichts weiter als ein durchgeknallter Landstreicher, ein Obdachloser.« Sie blies sich die Ponyfransen aus den Augen. »Ich bin mir sicher, dass er nicht zurückkommt.«

»Na klar, ein Obdachloser mit nagelneuen Turnschuhen und einer teuren SIG-Sauer-Neun-Millimeter-Pistole unter der Jacke.« Pierce schüttelte den Kopf. »Das kannst du jemand anderem erzählen. Dritter Freiton.«

Was sollte sie nur tun? Sie konnte ihm die Wahrheit nicht sagen. Aber sie konnte auch nicht zulassen, dass er ihren Bruder in die Sache hineinzog. »Bitte leg auf.«

»Vierter Freiton.«

Blanke Panik stieg in ihr auf. Sie würde ihm sagen müssen, wer der Schütze war. Später musste sie dann irgendwie verhindern, dass er den Rest herausbekam. »Also gut, du hast gewonnen. Ich werde dir sagen, wer er ist. Bitte leg auf.«

»Nur, wenn du mir seinen Namen sagst.«

Sie konnte hören, dass sich am anderen Ende der Leitung etwas regte, dann erklang Logans Stimme.

»Hey, Logan«, sagte Pierce in die Sprechmuschel. »Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe, aber ich weiß, dass du dir Sorgen um Madison machst. Ich habe nach ihr gesehen, so wie du es wolltest.«

Madison griff nach Pierce’ Arm und versuchte, das Telefon von seinem Mund wegzuziehen. Sie schlang die Arme um seinen Nacken, zog ihn zu sich herunter und flüsterte ihm einen Namen ins Ohr, von dem sie gehofft hatte, dass er nie wieder über ihre Lippen kommen würde.

Pierce riss die Augen auf. Er starrte sie einen Moment lang fassungslos an und hob dann langsam das Telefon wieder zurück an sein Ohr. »Nein, nein. Alles in Ordnung. Ich wollte dir nur sagen, dass es ihr gut geht. Gib Amanda einen Kuss von mir. Ich muss los.« Er beendete das Telefonat und ließ das Handy sinken. »Sag das noch einmal.«

»Du hast mich verstanden. Der Mann, der auf dich geschossen hat, ist Damon … Damon McKinley. Mein toter Ehemann.«