Wer sind Ingos Freunde?

Am nächsten Morgen herrschte im „Anker“ Gewitterstimmung.

Sandra spürte schon bei ihrem Eintreten, daß etwas in der Luft lag. Sie beobachtete eine Atmosphäre der Gereiztheit und Unruhe.

Maria stand mit verbissener Miene hinter dem Tresen. Sie schwenkte mit heftigen, fast zornigen Bewegungen, die das Wasser überschwappen ließen, Biergläser aus.

Sandras Gruß erwiderte sie nicht.

Doch daran war Sandra inzwischen gewöhnt. Es war ihr sogar lieber, wenn Maria sie nicht beachtete. Unangenehmer war Marias ständige Anraunzerei, oder daß sie plötzlich auf leisen Sohlen im Obergeschoß auftauchte, um Sandra zu überraschen. Sandra hatte dann immer das unangenehme Gefühl, daß Maria ihr mißtraute.

Frau Siegmund wirtschaftete in der Küche. Sie schien geweint zu haben. Ihre Augenlider waren gerötet und geschwollen.

„Geht es Ihrem Mann nicht gut, Frau Siegmund?“ fragte Sandra erschrocken.

Frau Siegmund wandte sich ab. „Wieso? Wie kommst du darauf?“

„Ich... Ich dachte nur, weil...“

Die Wirtin unterbrach Sandra: „Mein‚Mann ist aus der Intensivstation entlassen worden. Ach, sei doch so gut und geh erst nach oben“, bat sie und eilte ins Lokal.

Ingos Schlafzimmertür stand offen. Sein Bett schien in der Nacht nicht benutzt worden zu sein.

Daher also die Aufregung, überlegte Sandra. Ingo war gestern abend ausgegangen und noch nicht nach Hause gekommen. Seine Mutter und Schwester wußten nicht, wo er sich aufhielt, und vielleicht befürchteten sie, daß ihm etwas zugestoßen sei.

Wenig später hörte Sandra ein Auto in den Hof einfahren.

Sie ging zum seitlichen Wohnzimmerfenster und blickte hinunter.

Es war Ingo. Er parkte den Wagen, einen Kombi, den die Siegmunds zum Transportieren ihrer Wareneinkäufe brauchten, vor der Garage und stieg aus, um das Garagentor zu öffnen.

Seine Mutter stürzte aus der Tür.

„Wo warst du, Ingo? Wo kommst du jetzt her — um diese Zeit? Mein Gott, haben wir uns gesorgt. Wir dachten, es wäre dir etwas passiert!“ rief sie mit sich überschlagender Stimme.

Ingo wirkte spöttisch-gelassen wie stets. Die Ängste seiner Mutter schienen ihn nicht zu berühren.

„Der Karren war mir abgesoffen. Hab bei einem Freund übernachtet“, erwiderte er lässig.

„Konntest du nicht anrufen und uns Bescheid sagen?“ hielt seine Mutter ihm erregt vor.

„Es war schon spät. Ich dachte, ihr würdet schlafen.“

„Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Weshalb bist du nicht mit einem Taxi heimgekommen?“

Ingo zuckte die Schultern.

Seine Mutter ereiferte sich weiter. „Was sind das eigentlich für Freunde, mit denen du immerzu zusammen bist? Wieso kennen wir sie nicht? Welchen Umgang pflegst du fast Nacht für Nacht? Wie heißen deine Freunde? Sind es Schulkameraden von dir, oder was?“

„Sie heißen Meik Felten und Ricki Normann und sind keine Schulkameraden von mir. Genügt dir das?“ erwiderte Ingo ärgerlich.

„Warum kommen sie nie her?“

Ingo, der mittlerweile das Tor geöffnet hatte, setzte sich wortlos ans Steuer und fuhr das Auto in die Garage.

Maria erschien am Küchenfenster. „Ist er endlich da? Wo war er so lange?“

„Das verrät er doch nie“, erwiderte ihre Mutter bitter.

Ingo kam aus der Garage. „Ich bin achtzehn und niemandem Rechenschaft schuldig. Macht nicht so ein Theater, wenn ich mal ausbleibe“, sagte er gereizt.

„Du bist achtzehn, jawohl! Aber du lebst noch immer in meinem Haus, und so lange wirst du es dir gefallen lassen müssen, daß ich dir sage, was mir paßt und was nicht“, herrschte seine Mutter ihn an.

„Sagen kannst du es“, betonte Ingo spöttisch.

Frau Siegmunds Gesicht lief vor Ärger rot an. „Du wirst den Wagen nicht mehr nehmen. Ich verbiete es dir. Deine nächtlichen Spritztouren hören jetzt auf“, bestimmte sie. „Kein Auge mache ich zu, wenn du mit dem Auto unterwegs bist — vielleicht sogar betrunken!“

„Ach, komm, reg dich nicht auf. Du weißt, daß ich nicht mehr trinke“, sagte Ingo einlenkend.

„Der Wagen ist nicht in Ordnung. Gerd sagt, daß er in die Werkstatt muß. Weshalb hast du ihn nicht längst hingebracht?“ hielt seine Mutter ihm vor.

„Der Wagen ist in Ordnung. Dein Mann kann nicht mit ihm umgehen“, erwiderte Ingo und ließ das Garagentor herunter.

„Aber du kannst das, nicht wahr? Und warum mußtest du ihn heute nacht stehen lassen?“

„Ich lasse ihn von einem Kumpel nachsehen, damit du beruhigt bist“, versprach Ingo und ging an seiner Mutter vorbei zur Haustür.

„Mein Gott, stinken deine Kleider wieder nach Benzin!“ sagte seine Mutter schnuppernd. „Der Wagen fliegt noch mal in die Luft. Du rührst ihn nicht mehr an. Ich sage der Werkstatt Bescheid. Sie sollen ihn abholen.“

„Mach dich nicht lächerlich!“ sagte Ingo auffahrend. „Der Motor war abgesoffen. Ich habe heute morgen die Zündkerzen erneuern müssen und die Zuleitungen überprüft. Du siehst doch, wie ich aussehe.“ Ingo blickte an seinen schmutzigen Hosenbeinen hinunter.

„Trotzdem! Ein für allemal — deine Nachtfahrten mit unserem Auto hören auf. Wir brauchen den Wagen für den Betrieb. Wenn du den Motor kaputtfährst, stehen wir da. Gerd würde dir was erzählen...“

Ingo unterbrach sie. „Gerd kann mich mal!“

„Halt deinen frechen Mund. Wir können uns nicht schon wieder einen neuen Wagen leisten“, rief seine Mutter.

„Dann kauf mir endlich einen Gebrauchtwagen. Hast ihn mir ja lange genug versprochen. Schließlich helfe ich im Betrieb. Dafür kannst du auch mal etwas springen lassen“, sagte Ingo.

Mehr verstand Sandra nicht, denn Ingo und seine Mutter gingen ins Haus.

Sandra beeilte sich, mit ihrer Arbeit fertig zu werden.

Sie vermutete, daß Ingo, nachdem er gefrühstückt hatte, duschen oder zumindest seine Kleider wechseln würde. Sie wollte vermeiden, von ihm allein oben angetroffen zu werden.

Ingo begegnete Sandra auf der Treppe, als sie hinunterging.

„Na, Süße!“ grüßte er. „Hab dich unten vermißt. Dachte schon, du machtest blau.“

„Was ich anfange, führe ich auch zu Ende“, erwiderte Sandra kühl.

Sie wollte weitergehen, besann sich jedoch und blieb stehen. „Warst ja ganz schön lange aus. War‚s den Ärger wenigstens wert?“ fragte sie und grinste ihm verschwörerisch zu.

Ingo schien überrascht von ihrer Zugänglichkeit. „Du hast gehorcht?“

„Das war nicht nötig. Das Fenster stand offen. Ihr habt euch ja laut genug angeschrien“, sagte Sandra lachend. „Wo warst du denn?“

„Mit meinen Kumpels unterwegs. Hast du heute abend was vor?“

Sandra legte den Kopf schräg. „Mal sehen. Was hast du denn zu bieten?“

Ingo grinste. „Das liegt ganz bei dir“, sagte er bedeutungsvoll.

„Wir könnten mit deinen Freunden was unternehmen. Ich bin gern in einer duften Clique. Sind die Mädchen nett?“

„Was für Mäd...?“ Ingo lachte. „Du liegst falsch. Mädchen gibt‚s da nicht. Was wir machen, ist reine Männersache.“

„Was macht ihr denn?“

Ingos Miene wurde abweisend. „Du bist ganz schön neugierig“, sagte er verschlossen.

Sandra zuckte die Schultern. „Dann eben nicht.“

„Nicht gleich eingeschnappt sein.“ Ingo hielt Sandra am Arm fest. „Heute abend bin ich frei. Warte am Telefonhäuschen auf mich. Ich hole dich dort mit dem Wagen ab.“

„Kriegst du ihn denn?“

„Na, klar doch! Was meine Mutter sagt, mußt du nicht so wichtig nehmen“, sagte Ingo geringschätzig.

„Mit ihr wirst du fertig, wie? Das habe ich gemerkt. Aber was geschieht, wenn dein Stiefvater aus dem Krankenhaus entlassen wird?“ fragte Sandra lauernd.

„Dann spurt er — oder er kriegt noch einen Denkzettel verpaßt“, entfuhr es Ingo.

Sandra hielt einen Augenblick die Luft an. Ingos Bemerkung kam einem Geständnis gleich. Es verschlug Sandra die Sprache.

Ingo, der ihr Entsetzen sah, bemühte sich, seinen Versprecher zu korrigieren. „Ich wollte damit sagen — bis Siegmund aus dem Krankenhaus kommt, werden wir meine Mutter davon überzeugt haben, daß sie sich zwischen ihm und uns entscheiden muß“, berichtigte er sich hastig.

„Ihr möchtet, daß sie sich scheiden läßt?“

„Warum nicht?“

„Schade, daß der Einbrecher nicht kräftiger zugeschlagen hat, dann wärt ihr eure Sorgen los“, sagte Sandra nachdenklich.

„Bist du verrückt?“ wies Ingo sie mit rotem Kopf zurecht.

Sandra blickte arglos erstaunt. „Ich denke nur logisch. Deiner Mutter bliebe der Ärger einer Scheidung erspart — falls sie sich überhaupt dazu drängen läßt.“

„Sag mal, was kümmern dich eigentlich unsere Familienangelegenheiten?“ fragte Ingo mißtrauisch.

„Na, wenn ich doch bei euch arbeite und alles mitkriege!“ verteidigte sich Sandra.

„Also, was ist nun mit heute abend?“ fragte Ingo drängend.

Sandra gab vor, darüber nachzudenken.

Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Nein, laß es lieber. Ich weiß immer gern, mit wem ich‚s zu tun habe, wenn ich mich verabrede. Vielleicht ist dein Kumpel kein Kumpel, sondern eine Freundin von dir, die mir die Augen auskratzt, wenn sie mich mit dir sieht.“

„Bestimmt nicht. Das ist was rein Geschäftliches“, versicherte Ingo.

„Das du mir nicht verraten kannst?“

„Vielleicht später einmal.“

„Trotzdem, heute nicht. Mir ist gerade eingefallen, daß ich pünktlich zu Hause erwartet werde.“

„Ruf deine Mutter an. Morgen kann ich nämlich nicht.“

„Wieder wegen der Geschäfte, ja? Dein Pech! Ich bestimme, wann ich mich verabrede“, sagte Sandra und sprang die Treppenstufen hinunter.

Den Rest des Morgens wartete sie auf eine günstige Gelegenheit, um mit Herrn Seibold telefonieren zu können.

Sie ergab sich erst, nachdem der Mittagsbetrieb abgewickelt war.

Ingo schlief in seinem Zimmer. Maria war hinaufgegangen, um ihre Haare zu waschen. Frau Siegmund verhandelte in der Küche mit einem Getränkevertreter.

Sandra bat, mit ihrer Mutter telefonieren zu dürfen, und Frau Siegmund gestattete ihr, das Telefon in der Gaststube zu benutzen.

Die Gaststube war leer bis auf zwei Männer, die zeitunglesend vor ihrem Bier saßen.

Der eine blickte kurz auf, als Sandra hereinkam.

Sandra nickte ihm grüßend zu. Sie ging zum Telefon in der schalldichten Glasmuschel an der Wand und wählte Herrn Seibolds Nummer.

Florian Seibold kam selbst an den Apparat.

„Wie geht‚s, Sandra? Deine Großmutter ist im Garten. Warte einen Augenblick, ich rufe sie“, sagte er.

Doch Sandra wehrte ab. „Ich möchte Sie sprechen, Herr Seibold. Wie geht es Torsten? Gibt es etwas Neues?“

„Noch nicht, leider!“

„Ich habe Ihnen etwas zu erzählen. Aber ich muß mich kurz fassen. Ich rufe nämlich vom ,Anker aus an. Es könnte sein, daß jemand kommt oder von einem Nebenapparat aus unser Gespräch mithört.“

„Ich habe dich gebeten, dich nicht in Gefahr zu begeben!“ mahnte Herr Seibold.

„Bitte, Herr Seibold! Es ist wichtig“, sagte Sandra, und sie berichtete dem Exanwalt von ihrer Unterhaltung mit Ingo.

„Daß Ingo erklärt, seinem Stiefvater einen Denkzettel verpassen zu wollen, muß nicht unbedingt eine Drohung bedeuten oder gar das Eingeständnis, daß er mit dem Überfall etwas zu tun hatte“, meinte Herr Seibold zu Sandras Enttäuschung. „So etwas sagt man manchmal aus Wut daher. Du hast mir selbst erzählt, daß es in dieser Familie schon öfter heftige Zusammenstöße gegeben hat.“

„Eben! Aber einmal ist das Maß voll und „Sandra!“ mahnte Herr Seibold.

„Ich will ja nicht behaupten, daß Ingo selbst seinen Stiefvater angriff. Aber merkwürdig finde ich sein Benehmen schon. Sie kennen mich, Herr Seibold. Ich würde nie jemanden grundlos verdächtigen“, sagte Sandra schmollend. „Werden Sie wenigstens seine Freunde überprüfen?“

„Wie stellst du dir das vor?“

„Sie könnten Hauptkommissar Kresser bitten, in der Verbrecherkartei nachzusehen, ob sie dort registriert sind.“

„Mit welcher Begründung...? Und selbst wenn sie früher einmal straffällig geworden sind, so deutet absolut nichts darauf hin, daß sie an dem Überfall auf den ‚Anker’-Wirt beteiligt waren. Profis würden nie so stümperhaft vorgehen. Es ist nichts gestohlen worden...“

„Und wenn sie gar nichts stehlen wollten? Wenn es sich ganz einfach um Schläger handelt, die für Ingo die schmutzige Arbeit erledigen sollten?“ wandte Sandra ein.

„Woher konnten sie wissen, daß sie Herrn Siegmund allein antreffen würden?“ hielt Herr Seibold ihr entgegen.

Sandra wußte im Moment nichts darauf zu erwidern.

Schließlich sagte sie trotzig: „Ich verabrede mich mit Ingo. Ich werde schon herausfinden, was er und seine Freunde nächtelang treiben.“

„Das läßt du gefälligst bleiben!“ donnerte Florian Seibold. „Wenn die Jungen nachts in Bars herumhocken, ist das ihre Sache — oder die ihrer Eltern. Ich lasse nicht zu, daß du dich in der Stadt herumtreibst. Falls du den Gedanken nicht aufgibst, werde ich deine Mutter veranlassen, dir die Arbeit im ‚Anker’ zu verbieten.“

So unfreundlich hatte Herr Seibold Sandra noch nie behandelt. Sie hatten sich immer prächtig verstanden. Herr Seibold war stets wie ein Großvater zu ihr gewesen.

Sandra schluckte an ihren aufsteigenden Tränen.

Florian Seibold hatte in seiner Erregung heftiger reagiert, als er beabsichtigte.

Er wertete Sandras Hinweise keineswegs als Hirngespinste. Auch in ihm verdichtete sich der Eindruck, daß Ingo oder ein anderes Familienmitglied in den Überfall auf Gerd Siegmund verwickelt war. Doch dieser Verdacht vergrößerte nur seine Sorge um Sandra.

Herr Seibold spürte Sandras Enttäuschung. „Tut mir leid, Sandra“, sagte er einlenkend. „Aber es gefällt mir immer weniger, daß du da im ‚Anker’ herumspionierst. In einer Hafenkneipe verkehren oft kriminelle Typen. Es wird heiße Ware umgesetzt... Das ist kein geeigneter Aufenthalt für dich. Wer weiß, in was du da hineingerätst.“

„Sie sehen zu schwarz. Außerdem ist der ‚Anker’ sauber“, behauptete Sandra. „Frau Siegmund duldet keine unsicheren Typen in ihrem Lokal. Würde sie sich sonst so um Ingos Umgang sorgen?“

Herr Seibold knurrte etwas. Dann fragte er: „Weißt du, wie die Burschen heißen?“

„Moment, ich hab‚s aufgeschrieben.“ Sandra zog den Zettel, auf den sie in Eile die Namen gekritzelt hatte, aus ihrer Kitteltasche. „Meik Felten und Ricki Normann. — Meik heißt sicher Michael, und Ricki könnte eine Abkürzung von Richard sein“, meinte sie.

Jemand tippte Sandra auf die Schulter.

Sandra fuhr mit einem Schrei herum. Sie glaubte ihr Gespräch belauscht und sich entlarvt.

Doch es war nur einer der beiden Gäste, der bat, sein Getränk bezahlen zu dürfen.

„Ich rufe die Wirtin“, versprach ihm Sandra und sagte abschließend ins Telefon: „Also, tschüs, Mama. Bis heute abend.“

Herr Seibold drückte nachdenklich die Telefongabel herunter.

Dann wählte er die Nummer des Polizeipräsidiums und ließ sich mit Kriminalhauptkommissar Kresser verbinden.

Leider war er nicht im Hause.

„Kriminalhauptkommissar Kresser ist in einer dienstlichen Angelegenheit zum Bundeskriminalamt gefahren“, hieß es in seinem Büro.

„Er möchte mich anrufen, wenn er zurück ist. Richten Sie ihm das bitte aus“, bat Florian Seibold.

„Gern, aber das wird nicht vor morgen sein“, erklärte Kressers Mitarbeiterin.

Florian Seibold mußte sich noch bis zum nächsten Mittag gedulden. Dann erhielt er endlich Verbindung mit dem Freund.

„Liegt etwas gegen Felten und Normann vor?“ fragte Kresser, nachdem Florian Seibold ihm sein Anliegen vorgetragen hatte.

„Sie sind mit Ingo Baumann, dem Stiefsohn des überfallenen , Anker‚-Wirts befreundet“, erwiderte Herr Seibold vorsichtig.

„Und das macht sie in deinen Augen verdächtig? Wessen verdächtigst du sie?“

„Zumindest der nächtlichen Herumtreiberei“, antwortete sein Freund kurz. „Also, tu mir den Gefallen und laß mal nachsehen, ob sie bei euch aktenkundig geworden sind.“

„Ich denke nicht daran. Du bist nicht mehr im Dienst, und ich sehe keinen Grund, weshalb ich dir vertrauliche Informationen liefern sollte. Es sei denn...“ Kresser legte eine bedeutungsvolle Pause ein, bevor er fortfuhr: „... du sagst mir konkret, was du weißt und weshalb die beiden dich interessieren.“

„Frau Siegmund scheint der Umgang ihres Sohnes mit Felten und Normann heftig zu mißfallen.“

„Und was kümmert dich das?“

„Ich glaube nicht an Torstens Täterschaft, wie du weißt.“

„Und nun suchst du den Täter in der Familie oder im Freundeskreis des Opfers? Weshalb ausgerechnet dort?“

„Weil Maria und Ingo Baumann ihren Stiefvater hassen. Sie beabsichtigen, ihre Mutter zur Scheidung zu drängen.“

„Woher weißt du das denn? Wohl von diesem naseweisen Teenager, wie? Ist sie immer noch aktiv? Ich bitte dich, Florian“, sagte Kresser gereizt. „Wo kämen wir hin, wenn die Kripo jedem Gerücht nachginge? Du weißt selbst, wie viele irreführende Hinweise bei uns eingehen...“

Florian Seibold fiel ihm scharf ins Wort: „Sandra hat eure Ermittlungen mehrfach in sehr positiver Weise unterstützt. Zudem handelt es sich nicht um Vermutungen, sondern um Tatsachen. Sandra vermag sehr wohl zu unterscheiden zwischen den üblichen, generationsbedingten Familienstreitigkeiten und ernsthaften Zerwürfnissen. Da ich Torsten als Täter ausschließe, suche ich ihn logischerweise zunächst dort, wo das größte Interesse daran besteht, Gerd Siegmund auszuschalten. Oder leuchtet dir das nicht ein? Dann hast du deinen Beruf verfehlt“, sagte Florian Seibold grob, fügte jedoch versöhnlich hinzu: „Aber dafür kenne ich dich zu lange, um nicht zu wissen, was für ein guter Kriminalist du bist.“

„Danke!“ sagte Kresser eisig.

„Keine Ursache“, erwiderte der Freund schmunzelnd. „Also, wann bekomme ich die Information?“

„Bleib im Hause. Ich rufe zurück“, sagte Kresser.

Zehn Minuten später war er wieder am Apparat.

„Du hattest recht“, sagte er ernst. „Michael Felten, Sägeberg, 18 Jahre alt, mehrfach vorbestraft wegen Straßenraubs und Autodiebstählen. Normann ist bei uns noch nicht registriert. — Aber Ingo Baumann!“

„Was?!!!“ rief Florian Seibold verblüfft.

„Ja! Er wurde viermal erwischt, als er einen PKW fuhr, ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein. Das erste Mal, als er fünfzehn war. Baumann scheint einen Autofimmel zu haben.“

„Also ist er labil und unbelehrbar?“

„Sieht so aus“, bestätigte der Hauptkommissar.

„Zurück zu Felten“, sagte Seibold. „Wer war der Hehler? Oder hat Felten die Autos für den Eigengebrauch gestohlen?“

„Ein gewisser Fischer, Gebrauchtwagenhändler am Nordbahnhof, war in die Sache verwickelt. Er soll die Autos umgespritzt und ins Ausland verkauft haben. Das war ihm aber nur in zwei Fällen konkret nachzuweisen. Daß die Autos gestohlen waren, hat er angeblich nicht gewußt. Er ist deshalb mit einer Geldstrafe davongekommen.“

„Also ein gerissener Kunde“, stellte Seibold fest.

„Ja. Baumann und Felten gehen also jetzt zusammen“, bemerkte der Hauptkommissar nachdenklich. „Ich werde den Kollegen vom Einbruchsdezernat den Tip weitergeben. Unsere Abteilung geht das ja nichts an...“ Er schien über etwas nachzugrübeln.

„Was ist?“ fragte Florian Seibold.

„Ich überlege gerade... Sägeberg... Sägeberg...! Das habe ich doch kürzlich irgendwo gehört... Ach, ja! Beim Schießen auf dem Übungsstand! Ein Kollege hatte Ärger mit seinem Vorgesetzten! Im Bezirk Sägeberg und den angrenzenden Gemeinden werden laufend Benzindiebstähle verübt... Aber das hat mit unserem Fall ja nichts zu tun“, meinte Kresser abschließend.

Doch Florian Seibold dachte an Ingos nächtliche Ausflüge und fragte: „Wo wurde das Benzin gestohlen?“

„Aus Autos. Da geht eine Bande nachts mit Schlauch und Kanister auf Diebestour. Sie zapfen fremden Autos, die an Bürgersteigen und in Großgaragen parken, den Kraftstoff ab. Ihre Beute beträgt an manchen Abenden 150 und mehr Liter.“

„Interessant“, bemerkte Florian Seibold.

„Leider ist die Bande bisher nicht zu fassen gewesen. Die Kollegen vom Bruchdezernat sind nicht zu beneiden. Fahren Nacht für Nacht Streife und liegen bei Wind und Regen auf der Lauer — und dann Fehlanzeige. Wenn sie Pech haben, kriegen sie trotz ihres anstrengendes Dienstes noch eins auf den Hut. Na, du kennst das ja.“

„Wenn die Beamten von der Streife Ingo Baumann bei irgendeiner krummen Sache erwischten...“, überlegte Florian Seibold, „... dann hättest du doch die Möglichkeit, daß Ruhwedel Ingo in der Überfallsache auf seinen Stiefvater auf den Zahn fühlen könnte?“

„Weshalb sollte ich? Ich sehe keine Veranlassung dazu. Und überhaupt — macht er krumme Sachen?“ fragte Kresser zweifelnd.

„Er ist nächtelang mit dem Familienkombi unterwegs!“

„Du warst wohl schon lange nicht mehr nachts in der Innenstadt, Florian“, bemerkte Kresser ironisch. „Was meinst du, was da los ist! Wenn wir sämtliche Jugendlichen überprüfen wollten, die sich da mit ihren Autos und Motorrädern herumtreiben, dann müßte die Kripo mindestens die dreifache Anzahl an Beamten zur Verfügung haben. Unsere Besetzung reicht jetzt schon nicht aus.“

„Aber Baumann ist mit Felten unterwegs!“

„Hm, stimmt! Also gut, ich werde die Kollegen von der Streife bitten, Ingo im Auge zu behalten. Vielleicht können auch unsere Jugendbeamten sich um einen Tip bemühen. Die sind ja Nacht für Nacht durch die Spielhallen und Diskotheken unterwegs und kennen einige recht zugängliche junge Leute, von denen sie gelegentlich Informationen erhalten. Möglicherweise bringt uns das weiter. Mir ist ja auch daran gelegen, die Sache Holtkamp endlich abzuschließen. Der Untersuchungsrichter setzt mich schon unter Druck. Ich gehe gleich mal zu den Kollegen rüber.“

„Tu das“, sagte Florian Seibold und nahm sich vor, ebenfalls nicht untätig zu sein.