Sandra wagt den entscheidenden Einsatz
Sandra wartete in der Eisdiele auf Joschi.
Sie hatten verabredet, sich dort zu treffen, weil sie es für zu gefährlich hielten, gemeinsam den Weg in die Stadt zurückzugehen.
Joschi sollte seinen Beobachtungsort erst verlassen, nachdem die Bande abgezogen war. Vor allem sollte er überwachen, ob es noch andere Bandenmitglieder gab, die später zur Autobahn-Südbrücke kamen, um mit Fedor zusammenzutreffen.
Sandra hatte bereits zwei Cola und eine Eisschoko getrunken und noch immer blieb Joschi aus.
Mädchen und Jungen aus ihrer Clique waren hereingekommen, hatten Sandra eine Weile Gesellschaft geleistet und waren, nachdem sie ihr Eis gegessen hatten, wieder gegangen.
Die italienische Kellnerin wischte die Marmorplatte des Tisches ab, an dem Sandra saß.
„Will Freund nicht kommen?“ fragte sie teilnahmsvoll.
„Ich weiß nicht“, erwiderte Sandra hilflos. Sie sorgte sich um Joschi. Sie hatte Angst, die Bande könnte ihn auf seinem Beobachtungsposten überrascht haben.
Endlich tauchte Joschis erhitztes Gesicht im Eingang auf.
Sandra sprang auf und winkte ihm.
„Die wollten und wollten nicht gehen!“ stöhnte Joschi.
Er ließ sich erschöpft auf den Stuhl fallen. „Cola, bitte!“ sagte er zu der Bedienung. „Bringen Sie gleich zwei. — Ich wollte schon abhauen, egal, ob ich dabei von ihnen gesehen würde, da kamen sie endlich angetrabt. Sie waren zu viert. Das Mädchen, das dich abholte, war bei ihnen. Sind das alle gewesen, mit denen du dich getroffen hast?“
Sandra nickte. „Sonst ist niemand mehr gekommen?“
„Nein. Wie ist es bei dir gelaufen?“
„Das erzähle ich dir später. Ich muß jetzt heim. Meine Mutter reißt mir den Kopf ab, du kennst sie. Ich bin seit einer Stunde überfällig. Komm nach dem Essen rüber.“
Sandra hatte geschwindelt, als sie der Fedorbande erzählte, ihre Mutter kehre gegen acht Uhr vom Dienst zurück. In Wahrheit war Frau Faber in dieser Woche der Nachtschicht zugeteilt, und diese begann um acht Uhr.
Joschi kam kurz nach acht.
Sandras Bruder Rainer war außer Haus. Er traf sich mit seiner Freundin Eva in der Stadt.
Sandra und Joschi waren allein.
„Erzähle“, bat Joschi, nachdem sie es sich im Wohnzimmer mit Eistee gemütlich gemacht hatten.
Sandra erstattete ihm ausführlich Bericht.
Joschi wurde unruhiger und besorgter, je mehr er hörte.
Als Sandra ihm schließlich von ihrer morgigen Verabredung erzählte, sprang er erregt auf. „Bist du wahnsinnig? Ist dir immer noch nicht aufgegangen, wie gefährlich dieser Fedor ist? Wenn du nur einen Funken Verstand besitzt, läßt du die Sache auf sich beruhen. Du gehst da morgen nicht hin!“
Sandra erwiderte ebenso heftig: „Ich denke nicht daran, jetzt zu kneifen. Es ist die Chance für uns, herauszufinden, was die alles treiben. Außerdem kann ich nicht mehr zurück. Wenn ich morgen nicht antanze, bin ich dran. Die haben mir zuviel verraten. Es kann mir passieren, daß sie mir in den nächsten Tagen irgendwo auflauern und mich fertigmachen, wenn ich sie morgen versetze.“
„Das passiert dir erst recht, wenn sie herausbekommen, weshalb du dich bei ihnen eingeschlichen hast!“ schrie Joschi.
„Das werden sie erst herausbekommen, nachdem die Polizei sie geschnappt hat. Und außerdem — schrei nicht mit mir!“ Joschi schwieg.
Er ließ sich auf den Sessel fallen und stützte verzweifelt den Kopf in seine Hände.
„Joschi...! Joschi, sag doch was“, bat Sandra, als sie sein Schweigen nicht länger aushielt.
Joschi hob den Kopf. „Hast du eine Ahnung, was morgen anliegt?“
„Nein. Fedor sagte mir nur, ich müsse eine Mutprobe bestehen. Ich soll mich mit ihnen um vier treffen, dann erhalte ich weitere Anweisungen.“
„Um welche Art von Mutprobe es sich handelt, weißt du also nicht? Sind keine Andeutungen gemacht worden? Denk nach!“
„Nein, Fedor sagte nur
„Fedor...! Fedor sagt!“ fuhr Joschi auf. „Der Kerl gefällt dir wohl noch? Manchen Mädchen imponieren ja solche Typen.“
„Jetzt hör aber auf! Du weißt genau, weshalb ich mich an die herangemacht habe. Mach mir nur noch weiter Vorwürfe“, wies Sandra ihn zurecht. „Wenn ich an morgen denke, wird mir so schon ganz schlecht vor Angst.“
„Hoffentlich!“
„Du bist gemein.“
„Ich bin nur vernünftig. Ich sehe die Sache offenbar realistischer als du. Wenn du nun bei dieser... dieser Mutprobe — was immer darunter zu verstehen ist — von der Polizei geschnappt wirst?“
„Ach, so schlimm wird es nicht werden. Die verstehen ihren Job, schätze ich.“
Sandra sagte es, um Joschi zu beruhigen, aber mehr noch, um sich selbst Mut zuzusprechen.
„Du machst dich strafbar, Sandra“, sagte Joschi.
„Wieso denn?“
„Angenommen, sie verlangen von dir, irgendwo einzubrechen, oder jemanden zu überfallen?“
„Dann tue ich das nur, um die Bande zu überführen.“
„Du klaust — nicht sie!“
„Aber sie sind dabei.“
„Und wenn nicht? Wenn sie nur Schmiere stehen?“
„Dann sind sie genauso dran.“
„Du aber auch.“
Sandra blitzte ihn wütend an. „Ich werde das der Polizei erklären.“
„Mach das mal lieber vorher. Vielleicht glaubt sie dir hinterher nicht“, sagte Joschi ironisch.
„Du bist mein Zeuge.“
„Ich bin dein Freund. Die werden auch mir nicht glauben. Vielleicht behaupten sie sogar, ich stecke mit drin, wir teilten uns die Beute. Außerdem mache ich mich auf jeden Fall genauso strafbar, weil ich nämlich von einer geplanten strafbaren Handlung wußte und sie nicht gemeldet hatte, um sie zu verhindern.“
Sandra sprang auf. „Ich rufe Herrn Seibold an.“
Joschi seufzte erleichtert.
Das ist endlich einmal ein kluger Gedanke, dachte er. Der erfahrene, bedächtige frühere Anwalt wird Sandra zur Vernunft bringen.
Frau Ansbach hob den Hörer ab.
„Grüß dich, Oma! Wie geht‚s dir? Kann ich Herrn Seibold bitte mal sprechen?“ sagte Sandra.
„Was ist denn los, Sandralein? Hast du etwas angestellt? Oder Rainer?“ fragte Frau Ansbach besorgt. Sie vermutete immer gleich schlimme Geschehnisse bei einem spätabendlichen Anruf.
„Nein, nein, Rainer ist bei Eva. Und ich habe auch nichts angestellt.“ Noch nicht! dachte Sandra bei sich. „Ich möchte Herrn Seibold nur etwas fragen“, beruhigte Sandra ihre Großmutter.
„Herr Seibold hat Besuch. Ruf morgen mittag an, Sandralein.“
„Bitte, Oma! Es dauert nicht lange. Herr Seibold hat gesagt, daß ich ihn immer und zu jeder Zeit um Rat fragen darf. Es ist wegen einer Freundin. Hol ihn doch mal“, bettelte Sandra.
Sie hörte ihre Großmutter seufzen. Der Hörer wurde neben das Telefon gelegt. Ihre Schritte entfernten sich.
Nach einer Weile wurden andere Schritte laut.
„Sandra? Was gibt‚s denn Dringendes?“ fragte Herr Seibold.
„Bitte, entschuldigen Sie die späte Störung. Ich möchte Sie nur etwas fragen, Herr Seibold“, sagte Sandra.
„Ja, gern.“
„Da ist nämlich... Also, ich habe ein Problem...“
„Das habe ich mir schon gedacht“, scherzte Herr Seibold.
„Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll.“
„Versuche es.“
Sandra riß sich zusammen.
„Wenn jemand eine strafbare Handlung begeht zu dem Zweck, eine kriminelle Jugendbande zu überführen, macht er sich dann selbst strafbar?“ platzte sie heraus.
Auf der anderen Seite blieb es einen Moment still.
„Wiederhole das, bitte“, bat Herr Seibold dann.
„Ja, also, in einem Krimi, nicht? Da wurde ein Detektiv in eine Verbrecherbande eingeschmuggelt. Er gab sich als ihr Komplize aus, und um die Bande auf frischer Tat zu ertappen, beteiligte er sich an einem Bankeinbruch... Verstehen Sie, worauf ich hinaus will?“
Herr Seibold lachte. „Ich verstehe nur, daß du zu viele und zu schlechte Krimis siehst.“
Sandra zog die Luft ein.
„Entschuldigen Sie, daß ich angerufen habe“, sagte sie gekränkt und wollte den Hörer auflegen.
Doch Herr Seibold rief: „Warte, Sandra! — Bist du noch dran?“ Und als Sandra dies mit einem verschnupften „Ja“ bestätigte, sagte er: „Sprich nicht in Rätseln. Komm bitte zur Sache, Sandra.“
„Aber das habe ich eben getan!“ rief Sandra verzweifelt. „Das, was ich Ihnen eben von dem Krimi erzählte, ist genau das Problem, weshalb ich Sie anrufe. Sie sollen mir sagen, ob ich... ich meine, ob dieser Jemand sich strafbar macht, wenn er...“
Joschi kam zu ihr gelaufen.
Er beugte sich über den Hörer und rief: „Es geht um die Sache mit Gesine, Herr Seibold!“
Sandra versuchte wütend, Joschi zurückzudrängen.
Doch Herr Seibold bat: „Gib mir den Joschi, Sandra.“
Sandra übergab Joschi den Hörer.
Joschi klärte Herrn Seibold knapp und zügig über den wahren Sachverhalt auf.
„Und das alles habt ihr beide euch ganz allein ausgedacht?“ fragte Herr Seibold.
„Es war Sandras Idee. Sandra hat auch die Ermittlungen angestellt. Ich habe sie nur zur Laubenkolonie begleitet. Sandra hat die Bande aufgespürt“, erzählte Joschi. — „Er hat gesagt ,Alle Achtung!“„, sagte Joschi zu Sandra, die mit trotzigem Gesicht an der Wand lehnte, um sie zu versöhnen.
„Gib mir Sandra noch einmal“, sagte Herr Seibold.
Joschi hielt Sandra den Hörer hin. „Sollst mal kommen.“
Sandra nahm den Hörer widerwillig. „Ja?“
„Also, das ist ja schon sehr gekonnt, was du da geleistet hast“, lobte Herr Seibold. „Die Polizei wird sich bei dir bedanken. Aber nun mußt du den Fall abgeben...“
Sandra unterbrach ihn empört. „Jetzt, wo ich gerade dabei bin, die Bande zu überführen? Noch ist ihr ja nichts Konkretes nachzuweisen.“
„O doch!“ widersprach Herr Seibold. „Du hast immerhin herausbekommen, daß es die Fedorbande war, die Gesine erpreßte. Die Kripo hat ebenfalls bereits einiges ermittelt. Sie hat übrigens Kenntnis von der Erpressung. Gesines Großmutter brachte den Brief gegen den Willen ihrer Schwiegertochter ins Polizeipräsidium.“
Deshalb also die gründlichen Nachforschungen und Verhöre in der Schule! fiel es Sandra ein.
„Kriminalhauptkommissar Kresser, mit dem ich befreundet bin, hat heute abend bei mir gegessen. Er ist noch hier. Ich frage ihn, was zu tun ist. Geh nicht aus. Ich rufe zurück“, sagte Herr Seibold.
„Ist gut“, erwiderte Sandra.
Aufgeregt und ungeduldig wartete sie mit Joschi auf seinen Bescheid.
Endlich klingelte das Telefon.
Doch es war Sandras Mutter, die sich wie gewöhnlich während ihres Nachtdienstes davon überzeugte, ob Sandra zu Hause und alles in Ordnung sei.
Sandra bestätigte es knapp und wünschte ihrer Mutter eine angenehme Nacht.
„Ist Joschi bei dir?“ fragte Frau Faber.
„Wie kommst du darauf?“
„Weil du es so eilig hast, mich loszuwerden“, sagte ihre Mutter lachend.
„Ja, er ist hier“, bestätigte Sandra.
„Grüß ihn. Er soll nicht zu lange bleiben. Ihr habt morgen wieder einen anstrengenden Tag.“
Du sagst es! dachte Sandra.
Sie hatte kaum den Hörer aufgelegt, als das Telefon erneut klingelte.
Diesmal war es Herr Seibold.
„Nimm dir morgen in der Schule frei, Sandra. Herr Kresser bittet dich, ins Polizeipräsidium zu kommen. Melde dich bei ihm. Herr Kresser bearbeitet den Fall zwar nicht selbst, aber er bringt dich zu den in der Sache ermittelnden Beamten. Sie werden dir erklären, was du morgen nachmittag zu tun hast“, wies Herr Seibold sie an.
„Ich bleibe also weiter drin?“ fragte Sandra gespannt.
„Herr Kresser hält es für möglich. Ach ja, und bringe Gesines Brief mit.“
„Geht in Ordnung“, versprach Sandra.
Irgendwie fühlte sie sich erleichtert, nachdem die Verantwortung für alles, was folgte, von ihr genommen worden war.
Die Handwerkerstraße lag am Rande der Fußgängerzone.
Wie immer um diese Tageszeit waren die meisten Tische, die das „Café Holler“ im Sommer auf dem Bürgersteig plazierte, besetzt.
Sandra ging langsam durch die Tischreihen.
Sie versuchte den Beamten unter den Gästen herauszufinden, der Sandras Treffen mit der Fedorbande überwachen und ihnen folgen sollte, sobald sie zu ihrem geplanten Unternehmen aufbrachen.
Die Kripo-Leute auf dem Polizeipräsidium hatten leider Sandras Bitte nicht entsprochen, sie mit dem Beamten bekannt zu machen. Sie fürchteten, Sandra könnte der Fedorbande seine Anwesenheit durch ein unbedachtes Verhalten verraten.
Sandra starrte den Gästen unhöflich-eindringlich ins Gesicht. Sie forschte nach einem Zeichen des Erkennens oder nach einer Geste der Beruhigung.
Sie würde sich erst sicher fühlen, wenn sie den zu ihrem Schutz abgestellten Beamten in ihrer Nähe wußte.
Doch sie entdeckte nur behaglich ihre Sahnetorten genießenden oder Eisbecher löffelnden Gäste. Manche saßen allein, andere unterhielten sich angeregt mit ihren Freunden oder Ehepartnern.
Von der Fedorbande war auch noch niemand gekommen.
Sandra ging ins Innencafé. Doch das war leer.
Sie trat wieder unter die Sonnenschirme hinaus, setzte sich an einen Tisch am Straßenrand und bestellte eine Eisschokolade.
Die Bedienung, die ihr das Getränk servierte, bat darum, den Betrag gleich kassieren zu dürfen. Das war bei Jugendlichen so üblich, nachdem es wiederholt vorgekommen war, daß einige ohne zu bezahlen verschwanden.
Endlich winkte Klaudia, das Zahnklammermädchen, dessen Namen Sandra noch ebensowenig wußte wie den des Jungen Roland, der es begleitete, Sandra von der anderen Straßenseite zu.
Sandra stand auf und winkte zurück.
Dann setzte sie sich wieder hin und schlürfte ihre Schokolade aus. Sie ließ sich Zeit dabei, um dem Beamten, der sie bewachen sollte, Gelegenheit zu geben, seinen Verzehr zu bezahlen.
Sie blickte sich verstohlen um.
Seufzend ließ Sandra den Strohhalm ins Glas zurückfallen und stand auf. Vielleicht hatte der Beamte sich verspätet. Vielleicht auch hatte er das Café verwechselt. Es gab mehrere Cafés in der Handwerkerstraße.
Dann war sie also ganz allein auf sich gestellt!
Gestern hatte Sandra das noch als ganz selbstverständlich vorausgesetzt. Doch heute fand sie es einen beängstigenden Gedanken.
Wenn wenigstens Joschi in ihrer Nähe wäre! Leider hatten die Kripoleute das verboten.
„Wo sind Fedor und Hortense?“ fragte Sandra.
„Die brauchen wir nicht“, erwiderte Roland, von dem Sandra nicht wußte, daß er Roland hieß.
Auch das noch! Jetzt hatten sie nur die halbe Bande beisammen. Die beiden Haupttäter entwischten ihnen.
Sandra rieb ihre angstfeuchten Handflächen. „Wohin gehen wir?“
Die beiden antworteten nicht.
Erst als sie die Handwerkerstraße verlassen hatten und ins angrenzende, sogenannte Büroviertel einbogen, wurde Roland gesprächig.
„Hier gibt‚s meistens Rechtsanwälte, Steuerberater, Versicherungen und Büros von Gewerkschaften und Verbänden“, erklärte er Sandra eine Tatsache, die sie selbst an den Firmenschildern ablesen konnte. „Die Leute, denen die Firmen gehören, oder ihre Bürovorsteher, wohnen über den Geschäftsräumen. Die Wohnungen sind voll von Silber, Bildern und dicken Teppichen. Manche besitzen auch wertvolle Münzsammlungen oder Briefmarken.“
Roland zog aus der Aktentasche, die er trug, eine Liste von der Art, wie sie für Haussammlungen benutzt werden.
Außerdem befanden sich leere Briefumschläge, die er Sandra zeigte, in der Aktentasche. „Die sind für die Schlüssel, damit sie nicht verwechselt werden“, sagte er. „Du mußt dir also die Namen merken. Ich schreibe sie dann auf die Umschläge mit den Schlüsseln.“
Sandra verstand kein Wort. „Was für Schlüssel?“
„Die du mitbringst“, sagte Klaudia.
„Von wo soll ich Schlüssel mitbringen?“
„Aus den Wohnungen“, erwiderte Roland ungeduldig. „Du gehst jetzt in die Häuser und sammelst für die Aktion ,Ferien für bedürftige Kinder“, die eure Schule angeblich durchführt. Aber nenne nur ja nicht den Namen deiner Schule!“ warnte er.
„Unsere Schule sammelt ja auch nicht für bedürftige Kinder“, sagte Sandra, noch immer begriffsstutzig.
„Keine Schule sammelt für bedürftige Kinder“, sagte Roland. „Wir sagen das nur. Also, fang jetzt an! Aber sammele nur in den Wohnungen direkt über den Büros. Die anderen in den oberen Etagen sind zu gefährlich auszuräumen, sagt Anton.“ Sandra begann endlich zu begreifen, daß ihre Mutprobe begann.
Sie schluckte.
„Wer ist das — Anton?“ fragte sie, um Zeit zu gewinnen.
„Geht dich nichts an. Also, du klingelst, bittest um eine Spende und läßt die Leute sich in die Liste einschreiben. Wenn sie reingehen, um Geld zu holen oder einen Kugelschreiber, um sich einzutragen, huschst du in den Flur und klaust den Wohnungsschlüssel. Sie hängen meistens an einem Brett neben der Wohnungstür. Versuche auch herauszubringen, ob die Leute in den großen Ferien verreisen und wann sie abfahren. Hast du das kapiert?“
Sandra nickte. Doch ihr Herz klopfte vor Angst wie ein Schmiedehammer.
Sie blickte die Straße entlang, hinauf und hinunter.
Ein paar ältere Leute kamen ihnen entgegen, Frauen mit Kindern und erneut das Pärchen aus dem Café Holler, das sie jetzt gerade überholte.
Sollten das Kripobeamte sein?
Sandra blickte den Jungen und das Mädchen forschend an.
Doch die beiden nahmen keine Notiz von ihr, sondern gingen, angeregt miteinander schwatzend, vorbei.
„Worauf wartest du?“ fragte Roland.
„Ich weiß nicht, ob ich das bringe“, erwiderte Sandra kläglich.
„Ich denke, du bist so ein As?“ wunderte sich Roland. „Also, fang jetzt an! Aber laß dich nicht beim Schlüsselklauen erwischen. Wenn‚s zu gefährlich ist, wenn jemand an die Tür kommt, der sich mißtrauisch gibt, oder zuviel fragt, kassiere dein Geld und verdufte.“
Sandra nickte.
Sie nahm die Liste in Empfang und betrat das Haus, vor dem sie standen.
Rechts vom Flur befanden sich die Praxisräume eines Steuerberaters. An der linken Flurtür war das Firmenschild eines Wirtschaftsprüfers angebracht.
Sandra ging die Treppe hinauf und klingelte an der Wohnung des Steuerberaters.
Niemand öffnete.
Sie wandte sich nach rechts und versuchte es dort.
Ein Mädchen, etwa in Sandras Alter, kam zur Tür.
Sandra zeigte ihr die Liste, auf der bereits ein paar Spendernamen mit angeblich gespendeten Geldbeträgen eingetragen waren, um Glaubwürdigkeit vorzutäuschen.
„Unsere Schule sammelt Geld für bedürftige Schüler, die in die Ferien geschickt werden sollen“, sagte sie.
„Meine Mutter ist nicht da“, erwiderte das Mädchen.
„Kannst du nicht trotzdem? Ist ja für einen guten Zweck.“
„Was gibt man denn so?“
„Was du willst.“ Sandra warf einen Blick auf die Liste. „Die meisten geben zwei Mark. Es darf auch weniger sein, oder etwas mehr.“
„Moment“, sagte das Mädchen.
Sie ging hinein und ließ die Tür einen Spaltbreit offenstehen.
Sandra drückte die Tür auf und spähte in den Flur.
Tatsächlich! Eine Menge Schlüssel hingen an einem Brett nicht weit von der Tür entfernt.
Sandra hielt sich nicht damit auf, den Wohnungsschlüssel herauszufmden. Sie griff wahllos einen Schlüssel heraus und steckte ihn ein. Hauptsache, sie zeigte der Bande, daß sie ihre Aufgabe gelöst hatte.
Das Mädchen brachte eine Mark.
„Schreib‚s selbst ein“, meinte sie, als Sandra sie aufforderte, ihre Spende einzutragen.
Sandra bedankte sich und ging.
Roland und Klaudia warteten ein paar Häuser weiter.
„Name?“ fragte Roland und zog einen Briefumschlag heraus, um den Schlüssel zu kennzeichnen.
Im selben Augenblick umklammerte eine Hand seinen Arm.
„Kriminalpolizei! Ihr drei kommt mal mit!“
Das Jeans-Pärchen!
Also doch!
Sandra hatte in ihrer Aufregung nicht wahrgenommen, daß die beiden nicht weit entfernt vor dem Aushang eines Maklerbüros stehengeblieben waren.
Der Beamte zog ein Sprechfunkgerät aus einer Tüte, die er unter dem Arm trug, um sich als harmlosen Passanten zu tarnen, und forderte einen Streifenwagen an.
Roland protestierte lautstark gegen die Festnahme.
Klaudia spielte aufgeregt mit der Zunge an ihren Zahnklammern. Sie blickte mißtrauisch von Sandra zu den Beamten.
Doch weder Sandra noch die Kriminalbeamtin in Jeans, die Sandra nach Namen und Adresse befragte, gaben zu erkennen, daß sie voneinander wußten. Im Gegenteil. Sandra wehrte sich weisungsgemäß genauso heftig gegen die Festnahme wie Roland und Klaudia.
Die Fedorbande erfuhr erst während der späteren Gerichtsverhandlung, daß Sandra ihnen zum Verhängnis geworden war.
Sandra wurde im Polizeipräsidium getrennt von Roland und Klaudia vernommen.
„Fedor und Hortense sind entwischt“, sagte Sandra aufgeregt, sobald sie mit der Beamtin vom Jugenddezernat allein war.
Die Beamtin nickte. „Das haben wir leider auch festgestellt. Aber vielleicht verraten uns die beiden nebenan ihren derzeitigen Aufenthaltsort oder ihre Adressen. Oder hast du eine Ahnung, wo sie sein könnten?“
„Sie haben mich reingelegt. Sie sagten, sie würden sich heute alle mit mir treffen.“
So kurz vor dem Ziel, und alle Angst und Aufregung umsonst! Sandra konnte es nicht fassen. Fedor und Hortense waren die Intelligenz in der Bande. Und Anton, der die Einbrüche organisierte und die Beute absetzte. Klaudia und Roland hatten viel zuviel Angst vor ihnen, als daß sie ihre wirklichen Namen oder wo sie wohnten, preisgeben würden.
Es war zum Haareausraufen.
Plötzlich fiel Sandra Rolands gestrige Bemerkung vom Zahltag ein.
Sie war immer davon ausgegangen, daß nur montags kassiert wurde.
Doch vielleicht lieferte ein Teil der Kinder ihre Raten an einem anderen Nachmittag ab?
Sie sprach mit der Beamtin darüber.
Die Beamtin sprang wie geschockt auf und ging zum Dienststellenleiter.
Sandra wurde in sein Büro geholt, um den Weg zur Laubenkolonie und die Lage des Blockhauses, in dem die Bande sich traf, zu beschreiben.
Wenig später war ein Streifenwagen zur Autobahn-Südbrücke unterwegs.
Die Beamten trafen tatsächlich Fedor und Hortense mit Kindern an, die gerade das Geld, um das sie erpreßt wurden, ablieferten.
Das Geld wurde beschlagnahmt.
Fedor, Hortense und die erpreßten Kinder mußten die Beamten zur Vernehmung ins Polizeipräsidium begleiten. Später wurde auch Ruth mit ihren Eltern zur Vernehmung geladen.
Die Kripo hatte das Jugendamt eingeschaltet, die die Eltern der Verdächtigen und der erpreßten Kinder von dem Vorgefallenen verständigten.
Anton entzog sich leider seiner Verhaftung.
Als die Beamten in seiner Wohnung eintrafen, die Klaudia ihnen verraten hatte, war er getürmt. Vermutlich hatte er von anderer Seite einen Tip erhalten, der ihn aufschreckte.
Doch die Polizei konnte eine Menge des Diebesgutes sicherstellen, das er mit Hilfe der von der Fedorbande gestohlenen Schlüssel in Wohnungen geraubt hatte, deren Inhaber verreist waren.