Die Gartenfete und ihr schlimmes Ende
Die Musik dröhnte über voll aufgedrehte Verstärker durch die Nacht.
Auf dem Plattenbelag vor dem efeubewachsenen Gartenhaus tanzten ausgelassen einige Paare. Die anderen Partygäste saßen auf dem Rasen unter der bunten Lampionkette, die Joschi und Torsten zwischen zwei Bäumen gespannt hatten.
Beschwerden über ihre ausgelassene Stimmung brauchten sie nicht zu befürchten.
Der Nachbar zur Linken befand sich mit seiner Familie auf Urlaubsreise.
Rechts grenzte der Garten an das Grundstück der Katzen-Marie. Sie hieß Frau Arnold und wohnte allein mit den unzähligen Katzen und Hunden, die bei ihr Asyl gefunden hatten. Ihr verstorbener Mann war Musiker gewesen. Die Katzen-Marie war an nächtliche musikalische Übungen gewöhnt und ignorierte sie.
Herr Seibold und Frau Ansbach saßen mit Frau Holtkamp im Theater, während Herr Holtkamp in seiner Koje auf der MS „Charlotte“ seine Erkältung behandelte.
Bastian, der Boß der Country-Band, setzte die Trompete ab. „Schmeiß mal eine Pulle rüber!“ rief er Torsten zu, der mit dem Rücken an einen der Bierkästen gelehnt saß.
Torsten langte ohne aufzustehen hinter sich, tastete nach einer vollen Flasche, warf sie Bastian zu und griff noch einmal in den Kasten, um sich selbst zu versorgen.
„Trink nicht soviel, Torsten“, mahnte Anke besorgt.
Torsten zog den Verschluß ab und setzte die Flasche an den Mund.
„Das ist mindestens schon deine fünfte!“ sagte Anke wütend.
„Jetzt hört euch die Kleine an. Hat die Mami dich als Aufpasser mitgeschickt?“ fragte Oliver amüsiert.
Anke warf den Kopf in den Nacken. „Ich kenne Torsten besser als ihr. Wenn er trinkt, dreht er durch.“
„Dann schmeißen wir ihn in den Fluß. Das kühlt ihn ab“, versprach Oliver lachend.
Die Musiker der Country-Band kamen zu einer Verschnaufpause herüber.
„Keine Würstchen mehr da?“ Alfred, der Schlagzeuger und Gitarrist, blickte enttäuscht zum Gartengrill.
„Ich lege nach“, schlug Sandra vor. Sie blickte in die Runde. „Hat sonst noch jemand Hunger?“
„Pack den Rest einfach drauf. Wenn sie gegrillt sind, werden sie auch verputzt“, meinte Joschi.
Bastian zerknüllte seine leere Zigarettenschachtel. „Hat jemand einen Smoke für mich?“
Sally warf ihm ihre angebrochene Schachtel zu. „Das sind meine letzten.“
„Mann, meine sind auch alle“, stellte Oliver fest.
„Anke, hol Nachschub“, befahl Torsten seiner Schwester.
„Wieso ich? Geh doch selbst. Ich rauche nicht“, erwiderte Anke aufmüpfig.
„Wieviel soll ich bringen? Es sind verbilligte, zollfrei aus Holland“, bot Torsten an.
„Eine Stange für mich“, bat Bastian.
„Für mich auch. Aber nur, wenn‚s meine Marke ist.“ Oliver wedelte mit der leeren Packung.
„Sonst noch jemand?“
Die anderen winkten ab. Sie rauchten nicht.
Andrea stand auf und hängte sich bei Torsten ein. „Ich komme mit.“
Torsten versuchte seinen Arm zu befreien. „Laß man. Ich schaffe das schneller allein.“
Doch Andrea drückte sich an ihn und hielt seinen Arm fest. Torsten gefiel ihr. Andrea wollte sich die Gelegenheit, eine Weile mit ihm allein sein zu können, nicht entgehen lassen. „Ich möchte mir euer Schiff ansehen“, sagte sie. „Ist für mich sonst ja nie drin.“
„Ihr kommt doch an der Kneipe vorbei. Wenn sie noch auf hat, bringt Cola mit. Ich kriege das warme Gesöff nicht mehr runter“, sagte Doris und stellte ihre Bierflasche ins Gras.
„Wird besorgt“, versprach Andrea, grundlos kichernd, und zog Torsten mit sich zur Gartentreppe, die zum Fluß hinunterführte.
Auf dem Leinpfad war es dunkel.
Nicht so dunkel, daß man den grasbewachsenen Weg hätte verfehlen können, denn Sterne und ein milchiger Mond standen am Himmel. Aber es war dunkel genug, um zu hoffen, daß ein Junge, den man für schüchtern hielt, den Mut finden würde, ein Mädchen, das ihm entgegen kam, zu küssen.
Andrea trat an die Uferböschung.
In der Flußmitte zog ein hellerleuchtetes Hotelschiff stromaufwärts. Durch den Sog der mächtigen Propeller unter dem Schiffsheck wurde das Wasser von dem steinigen Ufer zurückgezogen. Dort, wo das Schiff vorübergezogen war, schäumten die Wellen zum Ufer zurück.
Musik wehte herüber.
„Hör mal“, sagte Andrea schwärmerisch. „,La mer‚! Schön, nicht?“
Torsten betrachtete ihr lauschend erhobenes Gesicht.
„Möchte ich auch mal, im Mondschein auf einem Schiff tanzen.“
Torsten räusperte sich. „Was machst du denn so abends?“
Andrea lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Mal dies, mal das. Kommt drauf an, mit wem ich zusammen bin“, erwiderte sie, während ihre Blicke dem Schiff folgten. „Ich find‚s irre, auf einem Schiff übers Wasser zu ziehen.“
Torsten lachte. „So romantisch ist das nicht. Steckt eine Menge harte Arbeit dahinter.“
„Aber du lernst Menschen kennen und klebst nicht ständig an einem Ort.“ Andrea blickte Torsten an. „Hast du eine Freundin?“
Torsten trat einen Schritt zurück. „Halb und halb“, erwiderte er ausweichend.
„Ich mag dich“, sagte Andrea, zog Torstens Kopf zu sich herunter und küßte ihn.
Torsten stand starr.
Andrea war ihm nicht unsympathisch. Doch er hatte nicht die Wahrheit gesagt. Er war mit einem Mädchen befreundet. Eng. Seit langem. An einem Abenteuer mit einer anderen lag ihm nichts.
Es gelang ihm, sich aus Andreas Umklammerung zu befreien. „He, he, nicht so stürmisch“, sagte er.
„Ach, du bist langweilig“, schmollte Andrea.
„Ich will nur was klarstellen“, erwiderte Torsten. „Das wird nichts mit uns beiden.“
Andrea reagierte gekränkt. „Dann geh doch allein. Verschwinde! Fade Type.“ Sie drehte sich um und lief die Gartentreppe hinauf.
„Nanu, schon zurück?“ wunderte sich Sally, die engumschlungen mit Bastian zur Gartenmauer schlenderte, um den nächtlichen Fluß anzusehen.
„Der Weg ist mir zu steinig. Das ist nichts für meine dünnen, offenen Schuhe“, log Andrea und ging zu den anderen an den Grill.
Torsten lief stromaufwärts den Lichtern des Hafens zu.
Er hätte sich ohrfeigen mögen.
Was war schon dabei, wenn man mit einem Mädchen anbandelte? Andere taten das auch. Torsten hatte sie oft genug mit ihren raschen Eroberungen prahlen hören. Es war doch eigentlich sehr schmeichelhaft für ihn, daß er Andrea gefiel. Sobald er zurück war, mußte er die Sache in Ordnung bringen.
Doch dann fiel ihm Katja ein. Seine Freundin. Das Mädchen, das in Mannheim auf ihn wartete.
Er schämte sich plötzlich. Lachte dann vor sich hin. Sie war schon ein Biest, diese Andrea. Aber mit ihm lief da nichts. Gut, daß er ihr das klargemacht hatte.
Zufrieden vor sich hinpfeifend, bog Torsten vom Leinpfad, der hier zu Ende war, in die höher gelegene asphaltierte Hafenstraße ein.
Im „Anker“ brannte noch Licht.
Das Lokal „Zum Anker“ war mehr ein Speiselokal als eine gewöhnliche Hafenkneipe. Die Hafenarbeiter nahmen hier ihre Mahlzeiten ein. Sobald die letzte Schicht ihr Feierabendbier getrunken hatte, schloß der „Anker“. Dafür öffnete er aber auch morgens um sieben schon wieder, um den Frühschichtarbeitern Kaffee oder eine heiße Brühe zu servieren.
Torsten betrat die niedrige, holzgetäfelte Gaststube.
Auf einem Barhocker saß ein letzter Gast vor seinem Bier.
„Zwei Cola! Machen Sie es bitte nicht auf, ich nehm‚s mit“, sagte Torsten zu dem ihm unbekannten Mann hinter dem Tresen. Torsten vermutete einen Aushilfskellner in ihm.
Der „Anker“ war früher ein reiner Familienbetrieb gewesen. Der Inhaber, Herr Baumann, besorgte die Gastwirtschaft, und seine Frau kochte. Unterstützt wurden sie von der Tochter Maria, die jetzt ungefähr 19 Jahre alt sein mußte, und von Herrn Baumanns unverheirateter Schwester. Nur Ingo Baumann, der etwa 18jährige Sohn, der das Gymnasium besuchte, interessierte sich nicht für das Lokal.
Vor zwei Jahren starb Herr Baumann plötzlich nach einem Herzinfarkt.
„Ich muß Ihnen Flaschenpfand berechnen“, sagte der Kellner und schob Torsten zwei Cola herüber.
„Geht in Ordnung“, erwiderte Torsten, zahlte und steckte die Flaschen in seine beiden Hosentaschen.
„Einen Korn, Herr Wirt“, sagte der Mann auf dem Barhocker.
Torsten blieb an der Tür stehen, drehte sich um und betrachtete den Mann näher, der jetzt offenbar Besitzer des „Anker“ war. Frau Baumann schien verkauft zu haben.
Doch da öffnete sie die Durchreiche zwischen Küche und Gaststube und rief dem Mann hinter dem Tresen zu: „Kann ich die Küche fertigmachen, Gerd?“
„Sicher, Karola. Wir schließen“, antwortete dieser.
Frau Baumann hatte also wieder geheiratet. Kunststück. Sie sah noch gut aus. Und der „Anker“ war eine Goldgrube. Die Neuigkeit wird Mutter interessieren, dachte Torsten.
„War noch was?“ rief der neue Wirt Torsten zu.
„Nein, nein, ich... Gute Nacht“, sagte Torsten und verließ das Lokal.
Die „Charlotte“ und das vor ihr liegende holländische Schiff lagen dunkel da.
Vorsichtig, um niemanden aufzuwecken, schlich Torsten über die Planken des Nachbarschiffes zur „Charlotte“ und schloß geräuschlos die Kombüsentür auf.
Aus der obersten Schrankschublade entnahm er eine Taschenlampe, um durch den Lichtschein, der aufs Deck hinausfiel und vom Schlafzimmerfenster aus zu sehen war, wenn er in der Kombüse Licht machte, seinen Vater nicht auf sich aufmerksam zu machen. Sein Vater haßte es, wenn Torsten trank. Er würde ihm anmerken, daß er mehr als üblich getrunken hatte. Das gab Ärger. Und den wollte Torsten sich ersparen.
Torsten leuchtete in die dichtgefüllten Fächer des Vorratsschrankes. Wo waren die Zigaretten? Torsten wußte, daß sein Vater in Rotterdam mehrere Stangen eingekauft hatte. Er räumte die Flaschen beiseite, suchte zwischen Zucker, Mehl und Konserven. Schließlich nahm er eine Flasche Schnaps heraus und schloß den Schrank.
Fehlanzeige. Was nun?
Er sah im Küchenschrank nach und fand dort eine angebrochene Stange. Acht Päckchen enthielt sie. Na, wenigstens etwas! Leider war es nicht Bastians Marke. Doch wenn er sich beeilte, konnte er aus dem Zigarettenautomaten im „Anker“ noch eine Packung für Bastian ziehen.
Torsten verstaute die Zigaretten, den Schnaps und die beiden Colaflaschen in einer Plastiktragetasche, schloß die Kombüsentür ab und legte den Schlüssel in das jedem Familienmitglied bekannte Versteck im Steuerhaus zurück.
Die Taschenlampe nahm er mit. Er fand sie nützlich auf dem unbeleuchteten Leinpfad am Fluß.
Etwa um die Zeit, als Torsten die Kombüse der „Charlotte“ betrat, verabschiedete sich im „Anker“ der letzte Gast.
Gerd Siegmund, der neue „Anker“-Wirt, ging zu seiner Frau in die Küche. „Feierabend!“ sagte er. „Ich hole noch die Fritten aus dem Auto, dann machen wir dicht.“
Er war kaum hinausgegangen, als die Tür, die zu den oberen Privaträumen führte, geöffnet wurde. Ingo, in Boots, Lederjacke und offenem Hemd, kam herein. „Wo ist dein Mann?“ fragte er seine Mutter.
Karola Siegmund, die das Geschirr aus dem Spülautomaten räumte, deutete mit einer Kopfbewegung zum Hinterausgang. „Ich brauche den Wagen“, sagte Ingo.
Seine Mutter runzelte die Stirn. „Gerd sieht es nicht gern, wenn du ihn nimmst.“
„Gehört der Wagen ihm oder uns?“ fragte Ingo. „Mein Vater hat ihn angeschafft. Vielleicht machst du das Herrn Siegmund mal klar.“
„Sprich nicht so, Ingo“, sagte seine Mutter ärgerlich. „Gerd rackert sich für uns ab. Und was tust du? Nicht mal die Fritten hast du ausgeladen, obwohl Gerd dich zweimal darum bat. Jetzt ist er böse. Und mit Recht. Du bekommst den Wagen heute nicht. Geh zu Bett. Um diese Zeit brauchst du nicht mehr wegzufahren.“
„Aber ich muß. Ich bin verabredet.“
„Dann sag deine Verabredung ab.“
In der Gaststube klingelte das Telefon.
„Ach, das Telefon ist noch nicht umgestellt“, fiel Frau Siegmund ein. Sie unterhielten einen Haupt- und zwei Nebenanschlüsse. Ein Telefonapparat war in der Gaststube, einer in der Küche und einer in den oberen Privaträumen installiert.
„Das wird für mich sein“, meinte Ingo, und ging hinüber, um den Hörer abzuheben.
Sein Freund war am Apparat. „Wo bleibst du denn?“ herrschte er Ingo an.
„Ich kriege den Wagen nicht.“
„Was?!!!... Sag das noch mal!“
„Der Alte rückt die Schlüssel nicht raus.“
„Dann nimm sie dir. Er bleibt ja wohl nicht ewig unten. Oder ist euer Laden noch auf?“
„Nein, aber die Alten müssen noch Kasse machen. Solange sie unten sind, komme ich an die Schlüssel nicht ran.“
„Dein Problem. Sieh zu, daß du in einer halben Stunde hier bist. Heinz erwartet unsere Lieferung. Wenn wir ihn heute wieder hängenlassen, läßt er uns sausen und heuert andere an. Und wie willst du dann deine Schulden bezahlen? Er hat dich in der Hand und kann dich jederzeit hochgehen lassen.“
Draußen flog krachend die Küchentür auf.
„Ich tue, was ich kann“, versprach Ingo und hängte ein.
Er schob den Schieber der Durchreiche zurück und sah durch den Spalt, wie sein Stiefvater mit einem Stapel Kartons vor der Brust die Küche betrat, während seine Mutter die Tür hinter ihm schloß.
Gerd Siegmund stellte die Kartons auf dem Küchentisch ab.
Ingo stellte fest, daß er die Autoschlüssel nicht ans Schlüsselbrett hängte. Vermutlich steckten sie in einer seiner Hosentaschen. Manchmal vergaß er sie dort.
Verdammt! Wie sollte er sie dann an sich bringen!
Ingo knirschte mit den Zähnen. Er mußte den Wagen haben. Wenn sein Stiefvater morgen entdeckte, daß Ingo mit dem Wagen unterwegs gewesen war, gab es Ärger. Aber das war egal. Wichtig erschien nur, daß er ihn heute abend zur Verfügung hatte. Das nachträgliche Donnerwetter blockte seine Mutter ab. Da konnte Ingo sich drauf verlassen. Sie sagte zwar stets, daß sie zu ihrem Mann halten müsse, doch wenn Siegmund zu weit ging, nahm sie Ingo in Schutz.
„Der Wagen stinkt immer noch nach Benzin“, sagte Gerd Siegmund zu seiner Frau. „Ich verstehe nicht, daß die Werkstatt den Fehler nicht findet. Da muß doch ein Defekt in der Kraftstoffzufuhr sein. Morgen bringe ich ihn wieder hin. Aber allmählich bin ich das leid. Wenn sie es diesmal nicht in Ordnung bringen, suche ich mir eine andere Werkstatt.“
Gerd Siegmund zog seine weiße Kellnerjacke aus und ging auf die Gaststube zu.
Ingo flüchtete hinter die Tür zu den Toilettenräumen. Er hörte, wie die Lokaltür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Als alles still blieb, kehrte er an seinen Lauscherposten zurück. Siegmund hatte nur seine Jacke aufgehängt.
„Ingo möchte noch mal fort“, hörte er seine Mutter sagen.
Ihr Mann schenkte sich ein Glas Limonade ein. Er blickte seine Frau stirnrunzelnd an. „Wo die Jugend sich bloß nachts immer rumtreibt? Geht Maria auch noch aus?“
„Ja. Es ist schließlich Wochenende, Gerd.“
„Zu unserer Zeit..
Seine Frau unterbrach ihn. „Ingo möchte den Wagen haben“, sagte sie bittend.
Ihr Mann stellte hart die Flasche auf den Tisch. „Kommt nicht in Frage! Erstens ist der Wagen nicht in Ordnung. Zweitens finde ich es unverantwortlich, einem knapp Achtzehnjährigen einen schweren Wagen anzuvertrauen. Eines Tages verliert er die Gewalt darüber. Die Burschen haben doch alle einen Bleifuß auf dem Gaspedal. Das haben wir nun schon oft genug besprochen, Karola.“
„Du bist zu streng mit Ingo“, hielt seine Frau ihm vor. „Andere Jungen kriegen einen eigenen Wagen, sobald sie mit achtzehn den Führerschein haben.“
„Und tut es ihnen gut? Mit Vaters Kies kann man leicht protzen. So lernen sie nie, sich einzuschränken.“
„Ingos Vater hätte seinem Sohn längst ein Auto gekauft!“ Siegmunds Stirn färbte sich rot. „Schön, ich bin nur der Stiefvater. Das mußte ja jetzt kommen. Kauf ihm ein Auto. Soll er meinetwegen nachts durch die Gegend rasen, wenn du das billigst. Aber den Kombi bekommt er nicht. Von mir nicht! Und heimlich nimmt er ihn auch nicht mehr. Denkst du, ich lese es nicht vom Tacho ab, wenn er nachts unterwegs gewesen ist? Wo habe ich denn die Autoschlüssel?“
Er suchte vergeblich in seinen Hosentaschen.
„Bitte, Gerd...“, begann seine Frau einlenkend.
Doch was sie weiter sagte, interessierte Ingo nicht. Er hatte genug gehört. Der Streit des Ehepaares ging ihn nichts an.
Wenn Siegmund die Autoschlüssel nicht bei sich trug, mußten sie entweder noch im Kofferraumschloß stecken, oder sie befanden sich in der Servierjacke.
Ingo schlich auf Zehenspitzen zum Kleiderhaken an der Wand hinter dem Tresen.
Siegmund würde ihm heute nicht wieder die Tour vermasseln. Und morgen würde er mit seiner Mutter über den Kauf eines Gebrauchtwagens sprechen. Dann hatte der Ärger mit Siegmund ein Ende.
Ingo war gerade beim Kleiderhaken angelangt, als er seinen Stiefvater brüllen hörte: „Du verziehst die Kinder nach Strich und Faden! Aber da mache ich nicht mit. Zum letzten Mal — Ingo bekommt die Schlüssel nicht! Ich schließe jetzt das Lokal ab, und dann rede ich mit ihm. Er bleibt hier. Maria auch. Und wenn ihnen das Leben bei uns nicht paßt, sollen sie sich eine andere Bleibe suchen!“
Ingo war mit einem Sprung an der Tür mit der Aufschrift „Privat“, die seitlich neben der Gläser- und Getränkevitrine vom Lokal aus zur Treppe ins Obergeschoß führte. Er prallte gegen eine Gestalt.
Das Licht ging im selben Moment aus, als Gerd Siegmund die Tür zur Gaststube aufriß — und Torsten durch die Pendeltür von der Straße her ins Lokal schritt.
Torsten hatte im „Anker“ noch Licht gesehen und war die letzten hundert Meter gerannt, um das Lokal zu erreichen, bevor es schloß.
Verwirrt stolperte er ins Dunkle.
Er hörte einen dumpfen Schlag. Hörte Glas splittern. Ein Mann schrie auf. Ein schwerer Gegenstand stürzte zu Boden.
Jemand lief auf ihn zu.
„Halt...!“ rief Torsten. Und wurde im selben Moment gepackt und gegen den Tresen geschleudert. Er fiel hin. Der Plastikbeutel in seiner Hand knallte mit Wucht gegen die Stahlkante der Tresenecke. Torsten hörte, wie die Schnapsflasche zerbrach. An seinem linken Unterarm spürte er den Absatz eines Schuhs.
Eine Frauenstimme rief: „Gerd...! Gerd...!“
Eine Tür wurde aufgestoßen und schlug gegen die Wand, und das flackernde Licht einer Kerze erschien über ihm.
Torsten zog sich verstört an der Tresenkante hoch, während die Wirtin gellend schrie: „Überfall! Hilfe! Überfall...!“
„Ich... Was war denn?“ stammelte Torsten.
„Hilfe...!“ schrie die Frau, und wich entsetzt vor Torsten zurück.
„Ich tue Ihnen doch nichts!“
„Hilfe! Ingo, Maria...!“ schrie die Frau.
Jemand polterte eine Treppe hinunter.
Torsten drehte sich um, stürzte, einen Stuhl umstoßend, aus dem Lokal, und fing an zu rennen.
An einer Bank auf dem Leinpfad machte er keuchend halt, um zu verschnaufen. Um nachzudenken. Um zu überlegen.
Der „Anker“-Wirt war offensichtlich überfallen und niedergeschlagen worden. Das war entsetzlich.
Und er selbst, Torsten, hatte den Überfall miterlebt — und war geflüchtet. Das war noch viel entsetzlicher. War glatter Wahnsinn. Denn damit hatte er sich der Tat verdächtig gemacht.
Warum war er nur so in Panik geraten?
Weil die Frau schrie? Weil sie sich vor ihm ängstigte? Weil er fürchtete, von Ingo, denn er war es vermutlich, der die Treppe hinabpolterte, als vermeintlicher Täter zusammengeschlagen zu werden?
Torsten verbarg stöhnend seinen Kopf in den Händen.
Ich hätte dableiben müssen! dachte er. Ich hätte erklären müssen, daß ich nur hereinkam, um Zigaretten zu ziehen.
Sollte er zurückgehen und sich der Polizei stellen?
Die Polizei!
Torsten geriet erneut in Panik. Er war vorbestraft. Wegen einer ähnlichen Sache. Es war zwar kein Überfall gewesen, doch er hatte den Wirt einer Diskothek angegriffen. Das hatten damals die Zeugen ausgesagt. Sie hatten gelogen. Es war ganz anders gewesen.
Ein Gast hatte sich mit dem Wirt wegen der Rechnung gestritten. Es schienen ihm mehr Striche auf dem Bierdeckel, als er an Getränken bestellt zu haben glaubte. Der Wirt war bekannt dafür, daß er die Trunkenheit seiner jugendlichen Gäste ausnützte, um sie zu übervorteilen. Mit Torsten hatte er das auch schon versucht.
Deshalb hatte Torsten sich eingemischt.
Das hätte er nicht tun sollen. Er war betrunken gewesen. Er fuchtelte dem Wirt mit dem Messer eines Gastes, der zufällig an ihrem Tisch saß und ein Schaschlik gegessen hatte, vor der Nase herum, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
Der Wirt packte Torsten am Hemd.
Torsten befreite sich wütend mit einem heftigen Ruck. Mehrere Neugierige hatten sich um ihren Tisch versammelt. Sie stießen und drängten sich gegenseitig, um die Auseinandersetzung aus der Nähe zu verfolgen.
Und plötzlich war es passiert. Torsten konnte auch heute noch nicht sagen, ob er auf den Wirt oder ob der Wirt auf ihn gestoßen worden war.
Die Verletzung erwies sich nicht als lebensgefährlich. Doch der Vorfall hatte ihm eine Geldstrafe und eine Verurteilung zu neun Monaten Jugendhaft eingetragen, ausgesetzt zur Bewährung auf drei Jahre.
War es da nicht irre, erneut zu riskieren, daß man ihm nicht glaubte? Daß man ihn einer Tat beschuldigte, die er nicht begangen hatte?
Torsten überlegte.
Die Wirtin konnte ihn in dem flackernden Schein der Kerze unmöglich erkannt haben. Hinzu kam ihre Aufregung und die Angst um ihren Mann. Nein, sie würde nicht wissen, wer ihr da gegenüberstand. Ihre Personenbeschreibung konnte nur lückenhaft sein.
Er mußte sofort seine Kleider wechseln und sich für die Tatzeit ein Alibi besorgen.
Doch wie?
Er mußte sich krank stellen. Zur Party durfte er ohnehin nicht mehr zurückkehren.
Plötzlich fiel ihm der Beutel ein.
Konnte sein Inhalt ihn verraten?
Er glaubte, nein. Flaschencola gab es überall zu kaufen. Zigaretten mit der Zollbanderole traf man auf jedem Schiff an. Die Taschenlampe besaß auch kein besonderes Merkmal. Der Schnaps war ebenfalls eine gängige Marke. Im „Anker“ standen gewiß die gleichen Flaschen in der Vitrine. Man würde höchstens daraus schließen, daß er sie im „Anker“ gestohlen hatte und dabei vom Wirt überrascht worden war.
Daß sich auf den Gegenständen seine Fingerabdrücke befanden, die ihm auch die Polizei in Mannheim anläßlich seines Strafverfahrens abgenommen hatte, fiel Torsten in seiner Aufregung nicht ein.
Er lief über einen Seitenpfad zur Hauptstraße, wo sich eine Telefonzelle befand.
Er suchte im Telefonbuch Herrn Seibolds Telefonnummer heraus und wählte seinen Anschluß.
Doch es meldete sich niemand. Herr Seibold und Frau Ansbach waren offenbar mit seiner Mutter noch in der Stadt. Und die Partygäste im Garten hörten das Klingeln des Telefons nicht.
Was nun?
Frau Arnold, die Grundstücksnachbarin, fiel Torsten ein. Er blätterte mit schweißnassen Fingern die Seiten um und suchte ihre Telefonnummer. Er wußte, daß es unschicklich war, Frau Arnold um diese Nachtstunde herauszuklingeln. Doch er hatte keine andere Wahl.
Frau Arnold meldete sich mit grollender Stimme. „Was willst du, Junge? Weißt du, wie spät es ist?“ polterte sie, nachdem Torsten sie stammelnd gebeten hatte, ihm einen Gefallen zu tun.
„Es ist nur... weil... Die warten auf mich. Ich sollte auf unserem Schiff Zigaretten holen. Aber mir ist schlecht. Ich habe versucht, drüben anzurufen. Es geht keiner ans Telefon.“
„Kein Wunder bei der Stimmung, in der sie sind! Was ist denn mit dir?“ fragte Frau Arnold.
„Nichts Schlimmes. Hab nur zuviel getrunken.“
„Mußtest du spucken?“
„Nein, ich...“
Frau Arnold unterbrach ihn. „Das solltest du aber. Versuche das Zeug herauszubringen, sonst kriegst du eine Alkoholvergiftung“, mahnte sie besorgt.
„Ja, ja! Werden Sie drüben Bescheid sagen? Ich muß mich hinlegen.“
„Ist gut, Junge“, versprach die Katzen-Marie.
Torsten hängte aufatmend den Hörer ein. Und während die Katzen-Marie, ihre Körpermassen in einen geblümten Bademantel gehüllt, durch den Garten stapfte, lief Torsten auf Umwegen zur „Charlotte“ zurück.