Die Polizei ermittelt

Der Arzt richtete sich auf.

„Mehr kann ich im Moment nicht tun. Wir müssen röntgen“, sagte er zu Oberinspektor Ruhwedel.

Er hatte die tiefe Platzwunde am Hinterkopf des Verletzten versorgt, seinen Blutdruck gemessen und ihm eine Tetanusspritze gegeben, um dem Wundstarrkrampf vorzubeugen. Danach hatte er ihm noch eine zweite Spritze gegeben, um seinen Kreislauf zu stützen.

Gerd Siegmund atmete schwach. Er war bewußtlos. Doch der erfahrene Arzt hielt seinen Zustand nicht für hoffnungslos.

„Er wird‚s schon schaffen“, sagte er zu Karola Siegmund.

„Kann ich... Ich möchte mitkommen.“ Karola Siegmund klammerte sich an die Tragbahre.

„Wir brauchen Sie hier, Frau Siegmund. Ihr Mann ist in guten Händen. Sie müssen uns helfen, den Täter zu ermitteln, bevor er untertauchen kann“, sagte Oberinspektor Ruhwedel. „Oder fühlen Sie sich im Moment noch von einem Gespräch überfordert?“ fügte er mit einem fragenden Blick zum Arzt hinzu.

„Ich gebe Ihnen eine Beruhigungsspritze“, entschied der Arzt.

Doch die Frau schüttelte den Kopf. „Es geht schon. Ingo, bring mir einen Cognac“, sagte sie zu ihrem Sohn.

Maria half ihrer Mutter aufzustehen und führte sie zu einem Tisch in der hinteren Ecke der Gaststube, an dem Inspektor Panke sich Notizen machte.

Die Sanitäter hoben die Bahre mit dem Bewußtlosen auf und trugen ihn in Begleitung des Arztes zum Notarztwagen.

„Möchten Sie auch etwas trinken?“ fragte Maria die Beamten.

„Moment! Hier dürfen Sie noch nichts anrühren“, sagte der Beamte von der Spurensicherung zu Ingo.

Inspektor Panke gähnte.

Oberinspektor Ruhwedel blickte ihn mißbilligend an. Die Müdigkeit seines Mitarbeiters war ihm zwar verständlich, aber sein Gähnen steckte ihn an. Es war schließlich fast Mitternacht, und er war genauso müde. Doch unter den wachen Augen des Jungen, der seine Fragen bisher nur mürrisch und wenig hilfsbereit beantwortet hatte, mochte er nicht den Eindruck erwecken, die Polizei sei ein müder, lustloser Haufen. Der Junge sah ihm ganz nach einem Bullenhasser aus.

„Ich koche Ihnen einen Kaffee“, schlug Maria vor. Sie ging in die Küche, stellte die Kaffeemaschine an und kam wieder zurück.

„Also“, begann Oberinspektor Ruhwedel, schlug die Beine übereinander und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Nachdem der letzte Gast das Lokal verlassen hatte, kam Ihr Mann zu Ihnen in die Küche. War es so?“ fragte er Karola Siegmund.

Die Frau nickte.

„Was geschah dann?“

„Das hat meine Mutter doch schon zu Protokoll gegeben“, mischte Ingo sich ein.

„Es könnte sein, daß Ihre Mutter in ihrer Aufregung etwas übersehen hat“, belehrte ihn Ruhwedel freundlich.

„Ich würde an deiner Stelle nichts mehr erzählen, Mutter. Sie können dich in deiner jetzigen Verfassung nicht zu einer Aussage zwingen. Das wäre Nötigung“, sagte Ingo und blickte Oberinspektor Ruhwedel höhnisch an.

„Das ist richtig“, bestätigte Ruhwedel. „Aber wir brauchen Ihre Mithilfe. Ist Ihnen denn nicht daran gelegen, den Täter zu ermitteln?“ Ruhwedel schüttelte bekümmert den Kopf, während Inspektor Panke nahe daran war, zu explodieren.

„Was redest du denn, Junge? Selbstverständlich will ich der Polizei helfen“, sagte Karola Siegmund verstört.

„Sie haben doch den Beutel und deine Personenbeschreibung vom Täter. Wenn die Kripo damit nichts anzufangen weiß...!“ sagte Ingo hämisch.

„Du bist ein Idiot“, stellte seine Schwester fest.

„Ach, so würde ich das nicht sehen. Ihrem Bruder ist es offensichtlich nur zuwider, mit der Polizei zusammenzuarbeiten, richtig?“ Ruhwedel lächelte Ingo zu.

„So ist es.“ Ingo grinste zurück.

Maria ging in die Küche, um den Kaffee zu holen. Einen Moment später steckte sie den Kopf durch die Durchreiche und winkte ihrem Bruder, zu ihr zu kommen.

Die Wirtin schilderte den Beamten noch einmal den Verlauf der letzten Viertelstunde vor dem Überfall. Sie verschwieg, daß sie mit ihrem Mann wegen der Wagenschlüssel für Ingo gestritten hatte.

„Sie haben also in der Gaststube telefoniert?“ fragte Ruhwedel, als Ingo mit seiner Schwester, die das Tablett mit Kaffee und Geschirr trug, hereinkam.

„Ja. Ich wurde von einem Freund angerufen“, erwiderte Ingo höflich. Offenbar hatten Marias Vorhaltungen das bewirkt. „Anschließend ging ich durch den Privatausgang wieder nach oben.“ Ingo deutete auf die Tür rechts neben der Vitrine.

„Und wo waren Sie?“ Ruhwedel blickte Maria an.

Maria stellte das Tablett ab und schenkte Kaffee ein. „Auch oben. In meinem Zimmer. Seit neun Uhr etwa. Ich badete und machte mich zum Ausgehen fertig.“

„Ach, Sie hatten ebenfalls vor, so spät noch auszugehen?“ Maria hob ihre Augenbrauen. „Ich bin zwanzig, Herr Oberinspektor.“

„Der Täter durfte also vermuten, daß Sie und Ihr Mann sich allein im Haus befanden, Frau Siegmund? — Möglicherweise war ihm gar nicht bekannt, daß Sie wieder geheiratet haben?“

Frau Siegmund hob die Schultern. „Die Kinder gehen am Wochenende immer aus.“

„Und von Ihnen hat niemand den jungen Mann gesehen, der etwas früher am Abend zwei Cola kaufte?“ Ruhwedel blickte das Geschwisterpaar forschend an.

Ingo und Maria schüttelten den Kopf.

„Der letzte Gast sah ihn“, erinnerte die Wirtin.

„Ich habe seinen Namen notiert“, sagte Inspektor Panke.

„Und Sie sind ganz sicher, daß es derselbe junge Mann war, den Sie bei dem niedergestreckten Körper Ihres Mannes antrafen?“ forschte Ruhwedel. Er hob die Hand, als Frau Siegmund spontan antworten wollte. „Sie hatten laut Ihrer eigenen Aussage nur einen Kerzenstummel in der Hand. Das war kein sehr gutes Licht“, gab er zu bedenken.

„Ich habe ihn trotzdem wiedererkannt“, sagte Frau Siegmund, fast beleidigt.

„Woran?“

„An seinen Schuhen. Es waren schmutzig-weiße Segeltuchschuhe, halbhoch. Der linke Schuh hatte an der vorderen Außenseite einen Flicken aus hellerem Material.“

„Ist doch ganz klar, Herr Oberinspektor“, mischte Ingo sich ein. „Der Kerl kam herein, um die Lage zu peilen. Er lauerte draußen, bis der Gast ging. Dann kam er zurück, um uns auszurauben.“

Oberinspektor Ruhwedel wechselte mit Inspektor Panke einen fragenden Blick.

Was Ingo sagte, klang einleuchtend. Und doch schien die Sache für den erfahrenen Kriminalisten nicht ganz eindeutig zu sein.

Wenn der Täter einen Überfall plante, weshalb verhielt er sich dann gegen jede Regel und Gewohnheit?

Er hätte beispielsweise den Wirt mit einem Revolver bedrohen und die Herausgabe des Kasseninhaltes fordern können. Hatte er es jedoch lediglich auf Spirituosen abgesehen, weshalb wartete er dann nicht, bis das Lokal dunkel geworden und die Wirtsleute zu Bett gegangen waren? Durch ein Fenster einzusteigen, entsprach eher den Gewohnheiten eines Einbrechers.

Oder handelte es sich um einen Zufallstäter? Er kam noch einmal zurück, um etwas zu trinken. Er sah, daß das Lokal leer war und fand die Gelegenheit günstig, sich mit Schnaps zu versorgen. Möglicherweise war er ein Alkoholiker, der dringend Stoff brauchte. Als dann die Tür zwischen Küche und Lokal aufging, geriet er in Panik, denn er mußte befürchten, bei seinem Diebstahl entdeckt und der Polizei übergeben zu werden.

Oberinspektor Ruhwedel sah an dem Gesichtsausdruck seines Mitarbeiters, daß auch ihm einiges am Tathergang mißfiel.

Ruhwedel stand auf und ging zu dem Sicherungskasten, der an der Wand zwischen der Vitrine und der Tür, die zur Treppe ins Obergeschoß führte, installiert war. „Der Täter hat also Ihrer Meinung nach die Klappen der Sicherungen heruntergedrückt und damit im ganzen Haus das Licht ausgeschaltet, als er Ihren Mann die Tür öffnen hörte?“ fragte er die Wirtin.

„Ja, mein Mann ging zur Tür. Da wurde es plötzlich dunkel.“

„Ging er zur Tür, als es dunkel wurde — oder öffnete er sie bereits?“

„Das... das weiß ich nicht mehr so genau.“

Ruhwedel kam zurück. „Woher nahmen Sie so schnell eine Kerze?“

Maria schaltete sich ein. „Meine Mutter hat Angst vorm Gewitter. Sie finden bei uns in jedem Zimmer eine Kerze und Streichhölzer.“

Der Leiter der Spurensicherung trat an den Tisch. „Wir sind fertig, Heinz.“

„Gut, Walter. Wir sehen uns morgen im Präsidium.“

Ingo stand auf. „Kann ich jetzt gehen?“

„Einen Augenblick bitte noch“, sagte Ruhwedel.

„Aber wir haben doch alles gesagt, was wir wissen.“

„Willst du jetzt noch weg, Ingo? So spät? Ich habe Angst. Bleib hier“, bat seine Mutter.

„Maria ist ja bei dir. Ich bin bald zurück“, erwiderte Ingo ungeduldig.

„Trotzdem. Bleiben Sie bitte noch einen Moment“, bat Ruhwedel. Er wandte sich an die Wirtin, nachdem Ingo sich widerstrebend gesetzt hatte. „Ob die Flasche Schnaps im Beutel aus Ihrem Besitz stammt, können Sie nicht mit Sicherheit angeben?“

Frau Siegmund schüttelte den Kopf und blickte hilfesuchend Maria an.

Maria hob die Schultern. „Das könnte nur Siegmund. Er weiß, was im Regal stand und wieviel er heute ausgeschenkt hat.“

„Herr Siegmund ist Ihr Stiefvater? Heißt er nicht mit Vornamen Gerd?“

„Ja“, erwiderte Maria knapp.

„Ich bin sicher, daß mir der Junge schon einmal begegnet ist“, behauptete Frau Siegmund. „Er kam mir gleich bekannt vor, wie er da in der Gaststube stand und sich umblickte. Mein Mann rief ihm noch zu, ob er was vergessen habe. Aber da lief er davon.“

„Ja, das erzählten Sie uns schon. Aber es fällt Ihnen nicht ein, wer er ist — oder woher Sie ihn kennen?“

Frau Siegmund runzelte die Stirn. Sie dachte angestrengt nach.

„Halten Sie es für möglich, daß er im Hafen arbeitet?“ fragte Ruhwedel.

„Nein, die Hafenarbeiter verkehren bei uns. Dann wüßte ich, wer er ist.“ Karola Siegmund wandte sich an ihre Tochter. „Wer hat denn heute angelegt?“

„Die ,Konstanze‚, die ‚Mosella‚“ ‚Wolters‚...“ Maria überlegte. „Die ,Charlotte‚. Sie soll einen Schraubenschaden haben, wurde hier erzählt.“

Karola Siegmund ging in Gedanken die Besatzungen der erwähnten Schiffe durch.

„Komisch, Steven von der ,Charlotte‚ kommt doch sonst immer zum Essen in den ,Anker‚“, überlegte Maria laut.

„Er macht Urlaub. Der Sohn von Holtkamps soll ihn vertreten, hat er mir neulich erzählt“, berichtete Ingo.

Seine Mutter wurde blaß. „Holger...? Nein, Torsten heißt er, der junge Holtkamp. Torsten war es!“ rief sie aufgeregt. Sie nickte. „Ich wußte, daß es ein bekanntes Gesicht gewesen ist. Ich habe ihn nur deshalb nicht gleich erkannt, weil er sich verändert hat.“

„Wie verändert?“ forschte Ruhwedel.

„Na, gewachsen ist er. Männlicher geworden, auch im Gesichtsausdruck, wie das halt bei Jugendlichen so ist.“

„Was wissen Sie über ihn?“

„Nichts. Er ist... er war immer ein netter Junge. Manchmal hat er Bier für seinen Vater geholt. Ich kann es fast nicht glauben, daß er... Aber ich bin sicher, daß er es gewesen ist.“ Karola Siegmund blickte den Oberinspektor verzweifelt an. „Was werden Sie mit ihm machen?“

„Zunächst werden wir ihn einmal vernehmen. Wir müssen Sie ihm auch gegenüberstellen, falls er leugnet.“ Ruhwedel stand auf.

Inspektor Panke packte seine Unterlagen in die Aktentasche.

„Ob ich jetzt schon im Krankenhaus anrufen kann?“ fragte Karola Siegmund.

„Gewiß. Lassen Sie sich mit der Intensivstation verbinden“, empfahl Oberinspektor Ruhwedel.

Karola Siegmund eilte zum Telefon.

Ingo nahm seine Lederjacke von der Stuhllehne.

„Das muß für Sie auch nicht einfach gewesen sein, die Veränderung hier, als Ihre Mutter wieder heiratete“, bemerkte Ruhwedel beiläufig.

Die Geschwister antworteten gleichzeitig.

Maria sagte: „Das dürfen Sie laut sagen.“

Ingo sagte: „Ich arbeite nicht im Betrieb. Ich komme mit ihm aus.“

„Und Sie nicht?“ Ruhwedel blickte Maria an.

Maria sagte zu ihrem Bruder: „Weshalb gibst du es nicht zu, Ingo? Glaubst du, der Inspektor hat nicht gemerkt, daß wir den Siegmund nicht mögen?“

„Na ja, nachweinen würden wir ihm nicht“, räumte Ingo ein.

„Aber deshalb wünschen wir ihm doch nichts Böses“, beeilte sich Maria zu versichern.

Ruhwedel nickte lächelnd. „Gewiß nicht“, sagte er höflich, verabschiedete sich und verließ mit Inspektor Panke das Lokal.

Es war ein schöner Tag.

Die Spatzen lärmten fröhlich in den Akazien. Die Sonne stand hoch an einem weiten blauen Himmel. Und im metallisch

schimmernden Wasser des Stromes tuckerten die Schiffe mit lustig wehenden Wimpeln.

Es war ein Tag zum Glücklichsein.

Die vier Jugendlichen, die verbissen und mit finsteren Mienen die Partyspuren beseitigten, waren es nicht.

Das lag nicht allein an den Nachwehen ihrer nächtlichen Fete. Sie fühlten sich bedrückt und unglücklich, weil zwei ihrer Freunde fehlten: Torsten, der in der Nacht verhaftet worden war, und Anke, die sich darüber so aufgeregt hatte, daß sie einen Schock erlitt.

Sandras Großmutter hatte es ihnen erzählt, als sie eintrafen, um das Gartenhaus und den Rasen zu säubern. Frau Ansbach wußte es von Frau Holtkamp, die im Morgengrauen gekommen war, um Herrn Seibolds Beistand zu erbitten.

Florian Seibold rief seinen Sohn zu sich. Egbert Seibold führte die Anwaltspraxis seines Vaters, seitdem dieser sich zur Ruhe gesetzt hatte. Vater und Sohn fuhren zum Polizeipräsidium. Egbert Seibold stellte sich als Torstens Anwalt vor und bat, mit Torsten sprechen zu dürfen. Florian Seibold unterhielt sich währenddessen mit den in der Sache ermittelnden Beamten. Glücklicherweise war der Leiter der Abteilung sein alter Freund, Kriminalhauptkommissar Kresser.

Doch was er erfuhr, war niederschmetternd.

Torsten wurde beschuldigt, den „Anker“-Wirt mit einer Flasche niedergeschlagen zu haben, um seine Entlarvung als Dieb zu verhindern. Frau Siegmund hatte ihn als den Mann identifiziert, den sie, wie sie angab, über ihren bewußtlosen Mann gebeugt antraf. Torstens Flucht aus dem Lokal, die von ihm hinterlassenen Fingerabdrücke, die Segeltuchschuhe, die er trug und die von der Polizei hinter einem Holzverschlag in der Matrosenunterkunft gefunden wurden, wo Torsten sie nach seiner Rückkehr versteckt hatte — all das überführte ihn. Belastend war auch sein Anruf bei Frau Arnold, den er offensichtlich getätigt hatte, um sich ein Alibi zu verschaffen. Die Polizei hatte Torsten eine Blutprobe entnommen und errechnet, daß er zur Tatzeit nicht so betrunken gewesen sein konnte, wie er Frau Arnold gegenüber angab.

Es war auch festgestellt worden, daß Torsten nicht von der „Charlotte“ aus angerufen hatte. Der Matrose des Nachbarschiffes sah auf seinem Heimweg von weitem, wie Torsten die „Charlotte“ in Richtung „Anker“ verließ. Und er hörte ihn etwa eine Viertelstunde später zurückkehren. Er richtete sich in seiner Koje auf, blickte durchs Fenster und beobachtete, wie Torsten in die Matrosenunterkunft schlich.

„Ich glaub‚s trotzdem nicht“, sagte Sandra. „Die können mir noch so viele Belastungszeugen anführen. Torsten ist in die Sache hineingeraten, ohne daß er was dazukonnte. Er ist kein Dieb. Und er schlägt auch niemanden nieder.“

„Aber er hat schon einmal einen Mann verletzt, Sandra“, erinnerte Joschi.

„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun!“ Sandra stampfte wütend den Besen, mit dem sie das Gartenhaus ausfegte, auf den Boden.

„Dann wird die Polizei das herausfinden“, sagte Joschi.

„Pfff...!“ Sandra fegte die Scherben eines zerbrochenen Glases in weitem Bogen durch die offene Tür.

„Was willst du tun?“ fragte Joschi. Er machte sich Sorgen um Sandra. Er wußte, wozu sie fähig war, wenn sie glaubte, einem Freund beistehen zu müssen.

„Das weiß ich noch nicht. Aber auf keinen Fall werde ich zulassen, daß ..

Frau Ansbachs Stimme, die vom Haus her nach ihr rief, unterbrach Sandras Drohung.

Sandra eilte mit Joschi vor die Tür.

Frau Ansbach, Herr Seibold und zwei fremde Männer standen auf der Terrasse. Herr Seibold winkte Sandra, zu bleiben, wo sie war. Er schritt mit den beiden Fremden die Terrassentreppe hinab und kam mit ihnen durch den Garten zum Gartenhaus.

„Das sind Kripoleute“, entschied Sandra.

„Was mögen sie von uns wollen?“ fragte Andrea, die mit Oliver dabei war, die leeren Bierflaschen, die auf dem Rasen verstreut lagen, einzusammeln.

„Verhören werden sie uns. Schließlich waren wir gestern abend mit Torsten zusammen“, antwortete Sandra überzeugt.

Florian Seibold stellte seine Begleiter als Oberinspektor Ruhwedel und Inspektor Panke vor und machte die Kriminalbeamten mit den Jugendlichen bekannt.

Sandra ging sofort zum Angriff über.

„Hören Sie mal“, tönte sie, die Fäuste in die Hüften gestemmt. „Sie werden Torsten ja wohl nicht aufgrund der alten Sache verdächtigen — oder?“

Oberinspektor Ruhwedel wirkte einen Moment verdutzt. Dann lächelte er. „Gewiß nicht. Da dürfen Sie beruhigt sein.“ Sandra blitzte ihn an. „Es wäre nämlich nicht richtig, ihn deshalb als Täter abzustempeln, weil er wegen einer Messerstecherei verurteilt wurde. Ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen.“

Wieder lächelte Ruhwedel. „Sandra Faber, nicht?“ vergewisserte er sich. „Freut mich, Sie persönlich kennenzulernen. Ihr Ruf als Detektivin ist ja im ganzen Präsidium bekannt.“

Dann wurde seine Miene ernst. „Leider spricht eine Menge gegen Ihren Freund Torsten Holtkamp. Oder besser gesagt, dafür, daß er die Tat begangen hat. Deshalb sind wir hier. Wir möchten Sie bitten, uns zu helfen und alles zu erzählen, was sich gestern abend hier zugetragen hat. Auch scheinbar unwichtige Dinge. Sie wissen ja, worauf es ankommt.“

Sandra nickte. „Sie können mich duzen“, sagte sie, gab ihre herausfordernde Haltung auf und hakte entspannt ihre Daumen in den Hüftbund ihrer Jeans ein.

„Scheint ja eine gewaltige Fete gewesen zu sein“, meinte Inspektor Panke, beeindruckt um sich blickend. „Wie viele Partygäste waren es?“

Sandra zählte ihre Namen auf, und Inspektor Panke notierte sie, auf einem Baumstumpf sitzend, in seinem Notizbuch.

„Wann kamen die einzelnen an? Ging zwischendurch jemand weg — und warum? Erzählt mal!“ forderte Ruhwedel die vier auf.

Sie berichteten bereitwillig alles, was sich am gestrigen Abend im Garten ereignet hatte, während Florian Seibold ins Haus ging, um für seine Gäste eine Erfrischung vorzubereiten.

„Torsten erbot sich also, Zigaretten vom Schiff zu holen?“ wiederholte Ruhwedel, als Sandra bei der Schilderung der Ereignisse, die zu Torstens Fortgehen führten, angelangt war.

„Genau“, bestätigte Sandra. „Die hatten wie irre gequalmt. Plötzlich waren ihre Zigaretten alle und...“

„Moment“, schaltete Joschi sich ein. „Torsten versuchte zuerst, Anke aufs Schiff zu schicken. Aber Anke weigerte sich.“

„Erzähl mal genau, was da gesprochen wurde“, bat Inspektor Panke, von seinem Notizbuch aufblickend.

Joschi gab das Gespräch wieder. Dann erzählte er, daß Andrea darauf bestanden habe, Torsten zu begleiten.

„Er ging also nicht allein?“ fragte Ruhwedel überrascht.

„Doch. Sie gingen zusammen zum Leinpfad hinunter. Aber dann kehrte Andrea um.“

„Auf einmal saß sie wieder bei uns am Grill“, ergänzte Sandra. Ruhwedel blickte Andrea an. „Und weshalb hattest du es dir anders überlegt?“

Andrea wurde rot. Es war ihr peinlich, einzugestehen, daß Torsten sie hatte abblitzen lassen. Offenbar hatte Torsten es nicht erwähnt, sonst würden die Kripoleute sie nicht danach fragen. „Ich weiß nicht mehr genau“, behauptete sie. „Ich glaube, Torsten wollte plötzlich allein gehen.“

„Erinnere dich bitte“, verlangte Ruhwedel ernst. „Sagte er wörtlich: ,Ich möchte allein gehen. Geh du zurück‚?“

Andrea nickte.

„Gab er eine Begründung dafür an?“

„Ich... ich weiß nicht mehr. Wir hatten alle ziemlich viel getrunken“, stammelte Andrea verlegen.

„Hör mal! Ich habe aber gehört, wie du zu Sally sagtest, der Weg sei dir zu steinig“, hielt Oliver ihr vor.

„Stimmt das? Bist du aus eigenem Antrieb zurückgegangen und hat Torsten dich nicht dazu aufgefordert?“ forschte Ruhwedel.

„Ich... ich glaube.“

„Was heißt denn, ich glaube?“ sagte Inspektor Panke aufgebracht. „Ja oder nein, Mädchen? Das möchten wir wissen!“

„Mensch, Andrea!“ rief Sandra. „Sag doch, daß es so war. Es kann Torsten entlasten.“

„Versuche hier nicht, eine Zeugin zu beeinflussen, Sandra!“ rügte Ruhwedel streng.

„Wir hatten uns gestritten. Kann sein, daß ich deshalb keine Lust mehr hatte, Torsten zu begleiten“, räumte Andrea verlegen ein.

„Kann sein. Vielleicht. Ich weiß nicht!“ sagte Panke verärgert.

„Aber es deckt sich mit Holtkamps Aussage“, bemerkte Ruhwedel zu ihm. „Er hat dich also nicht zurückgeschickt, und es war auch nicht der steinige Weg der Grund für deine Umkehr?“ fragte er Andrea.

Torsten hatte es also erwähnt! Andrea hob hilflos die Schultern. „Ich hatte einen Schwips. Torsten mochte das nicht“, gestand sie errötend.

„Ihr müßt ja wirklich eine Menge Alkohol in euch hineingeschüttet haben“, bemerkte Inspektor Panke, ironisch das Leergut betrachtend.

„Wie war das nun mit Torstens Anruf, den Frau Arnold ausrichtete?“ fragte Ruhwedel sachlich.

Die Freunde berichteten, daß Frau Arnold plötzlich in ihrem geblümten Morgenrock am Gartenzaun erschien und ihnen zurief, Torsten habe vom Schiff aus angerufen. Er fühle sich schlecht und müsse sich hinlegen.

Damit war das Verhör beendet, und die Beamten verabschiedeten sich.

Als sie ins Haus gegangen waren, fuhr Sandra auf Andrea los. „Du hast sie ja wohl nicht alle, so einen Quatsch zu erzählen! Damit hast du Torsten belastet. War dir das nicht klar?“

„Ich habe die Wahrheit gesagt“, beteuerte Andrea. „Kann sein, daß ich Sally angab, der Weg sei mir zu steinig. Aber wahr ist auch, daß ich auf dem Leinpfad mit Torsten gestritten habe. Torsten wollte mich ja gar nicht mitnehmen. Frag doch die anderen.“

„Das stimmt, Sandra“, bestätigte Oliver. „Alfred hat sich darüber lustig gemacht, weil Andrea unbedingt Torsten begleiten wollte.“

„Du hast Torsten anzumachen versucht, nicht? Ich habe euch beim Tanzen beobachtet. Wie ‚ne Fliege auf Ölfarbe hast du an ihm geklebt. Torsten ging nicht darauf ein. Deshalb wolltest du dich jetzt an ihm rächen“, hielt Sandra Andrea vor.

„Was unterstellst du mir? Du bist ja eifersüchtig. Vielleicht wärst du gern an meiner Stelle gewesen“, sagte Andrea hitzig.

„Sandra hat mit Torsten nichts im Sinn“, mischte Joschi sich ein.

„Das glaubst du!“ sagte Andrea anzüglich.

„Was soll das? Regt euch ab, Leute. Es schadet Torsten nur, wenn wir uns nicht einig sind.“

„SIE hat ihm schon geschadet“, sagte Sandra mit einem wütenden Blick auf Andrea.

„Auf jeden Fall hat sie zugegeben, daß sie mit Torsten gestritten hat. Das hat die Beamten beeindruckt. Torsten scheint das auch zu Protokoll gegeben zu haben“, sagte Oliver. Er blickte sich nach den Bierkästen um. „Ist nicht noch was zu trinken da? Ich könnte jetzt einen Schluck vertragen.“

Joschi ging ins Gartenhaus und kam mit einer vollen Bierflasche zurück. „Die lag unterm Sofa.“

Oliver schlug mit einem Stein den Verschluß ab, nahm einen langen Schluck und streckte die Flasche den anderen hin. „Will noch jemand?“

Doch Joschi erklärte, sein Bedarf an Alkohol sei für die nächsten Wochen gedeckt, und Sandra und Andrea schüttelte es allein schon beim Anblick des Biers.

„Man müßte die Kripo dazu bringen, den Täter in einem anderen Personenkreis zu suchen“, sagte Sandra nachdenklich.

„In welchem?“ fragte Oliver.

„Für mich sieht die Tat nach einem Racheakt aus“, meinte Joschi.

„Willst du behaupten, Torsten habe den Wirt niedergeschlagen, weil er ihm etwas heimzuzahlen hatte?“ fragte Sandra ungläubig. „Torsten kannte den Wirt gar nicht. Frau Baumann hat erst vor einem halben Jahr wieder geheiratet. Ich habe gehört, wie Herr Seibold mit meiner Großmutter darüber sprach.“

„Vielleicht kennt er ihn aus Mannheim?“ meinte Andrea.

„Ich dachte nicht an Torsten“, sagte Joschi.

„Joschis Vermutung ist gar nicht so falsch“, pflichtete Oliver ihm bei. „Der Täter könnte ein Gast sein, der sich von Siegmund schlecht behandelt fühlte. Oder sonst jemand, der ihm aus irgendeinem Grund einen Denkzettel verpassen wollte. Vielleicht war es ein Mann, der Frau Baumann heiraten wollte, und dem Siegmund dazwischenkam.“

„Du hast recht“, sagte Sandra mit belegter Stimme. „Aber wie sollen wir den jemals ausfindig machen? Keiner von uns hat bisher im ,Anker‚ verkehrt. Man müßte die Gäste befragen, die ständig dort essen.“

„Ich wüßte jemand, der das besorgen könnte“, trumpfte Oliver auf. „Eine Schwester von einem Freund von mir arbeitet im ,Anker‚, seit die Schwägerin von Frau Siegmund, also dem verstorbenen Baumann seine Schwester, nicht mehr dort hilft. Die Schwägerin war gegen die Heirat. Sie verlangte, daß die Frau ihres Bruders Witwe bleibt. Der Betrieb sollte nicht in fremde Hände übergehen. Es hat da ziemlich böse Auseinandersetzungen gegeben.“

„Da haben wir ja schon unsere verdächtige Person!“ sagte Sandra triumphierend.

„Was hast du vor, Sandra?“ fragte Joschi besorgt.

„Wir müssen den Täter verunsichern“, erwiderte Sandra kühn.

„Bist du verrückt? Willst du eine fremde, vielleicht unschuldige Frau in Schwierigkeiten bringen? Du hast überhaupt keine Anhaltspunkte. Ruhwedel ist bestimmt nicht blöder als wir“, ereiferte sich Joschi.

Sandra überging seine Einwände. „Ich möchte mich mit der Schwester von deinem Freund unterhalten. Kannst du das arrangieren, Oliver?“ fragte sie statt einer Antwort.

„Das bringt doch nichts, Sandra. Die Polizei ermittelt noch. Wenn sie erfährt, daß du ihnen ins Handwerk pfuschen willst, bekommst du Ärger. Möglicherweise warnst du den wirklichen Täter, wenn du einen solchen Wirbel veranstaltest und alle möglichen Leute auszuhorchen versuchst“, warnte Joschi erneut.

„Ich paß schon auf“, beruhigte ihn Sandra.

„Ich fahre dich zu Horst. Vielleicht treffen wir seine Schwester zu Hause an. Der ,Anker‚ ist heute bestimmt geschlossen, dann arbeitet Therese auch nicht‚“, sagte Oliver.

„Also los, machen wir schnell, damit wir hier fertig werden“, mahnte Sandra.

Olivers Freund wohnte in Rohrbach, einem Randbezirk am anderen Ende der Stadt.

Sandra vereinbarte mit Joschi, sich später mit ihm im Schwimmbad zu treffen.

Andrea hatte andere Pläne für den Rest des Nachmittags. Sandra nahm ihr das Versprechen ab, niemandem zu erzählen, daß sie ohne Wissen der Polizei in Torstens Verfahren zu ermitteln versuchte.

Andrea, die froh war, den schlechten Eindruck korrigieren zu können, gelobte es fast feierlich — und sie hielt sich daran.

Die Freunde brachen auf.

Rohrbach war eine städtische Beamtensiedlung mit Reihenhäusern und fünfstöckigen Mietsbauten. Die Reihenhäuser wurden von kinderreichen Familien bewohnt.

Als Oliver mit Sandra eintraf, pflückte Therese mit einer ihrer kleinen Schwestern Stachelbeeren im Vorgarten ihres Reihenhauses.

Oliver stellte das Motorrad ab und trat mit Sandra an den niedrigen Holzzaun.

„Hallo, Therese! Ist Horst da?“ rief er hinüber.

Therese richtete sich auf. Sie war ein großes, kräftiges, etwa achtzehnjähriges Mädchen. „War er nicht bei dir? Ich habe ihn seit heute morgen nicht mehr gesehen“, antwortete sie.

„Horst hat Spätdienst“, teilte die jüngere Schwester ihnen mit.

Horst arbeitete an einer Tankstelle. Dort hatte Oliver ihn kennengelernt, als er sein erstes gebrauchtes Motorrad kaufte. Der Tankstellenbesitzer erlaubte seinen Kunden gelegentlich, ihre Altwagen oder Kradräder auf seinem Gelände zum Verkauf abzustellen.

Horst reparierte Motorräder in abendlicher Heimarbeit. Oliver mußte seine handwerkliche Geschicklichkeit oft in Anspruch nehmen. Dadurch waren sie Freunde geworden. Horst reparierte Olivers Motorräder, er fuhr inzwischen seine dritte Maschine, und Oliver revanchierte sich dafür mit Kinofreikarten, die er von seinem Vater, einem Filmvorführer, erhielt.

Oliver nahm seinen Schutzhelm ab und klemmte ihn unter den Arm. „Was sagst du zu dem Drama bei euch, Therese? Ist ja ein tolles Ding. Ziemlich undurchsichtig, was?“

Therese blickte verständnislos. „Was denn für ein Drama?“

„Sag bloß, du weißt nichts davon? Warst du heute nicht auf Schaffe?“ wunderte sich Oliver.

Therese kam über einen Pfad zwischen den Gemüsebeeten zum Zaun. „Tag“, sagte sie zu Sandra.

„Das ist Sandra“, stellte Oliver vor.

Therese nickte. Sie hielt Sandra für eine neue Freundin Olivers. „Redest du vom ‚Anker’?“ fragte sie. Und fügte hinzu: „Da arbeite ich nicht mehr. Was ist denn passiert? Haben sie den Siegmund umgebracht?“

„Wie kommst du darauf?“ fragte Sandra.

„Na, ein Wunder wäre es nicht. Die beiden jungen Baumanns, die Maria und der Ingo, hatten ja ständig Streit mit dem Alten. Das war vielleicht ein Theater bei denen!“

Sandra wechselte mit Oliver einen bedeutungsvollen Blick.

„Was ist denn nun passiert?“ fragte Therese ungeduldig.

Oliver und Sandra berichteten es ihr, ohne jedoch Sandras Freundschaft mit Torsten, dem angeblichen Täter, zu erwähnen.

Sandra hatte Oliver vorher darum gebeten. Sie wollte zunächst feststellen, wie Therese zu ihren Arbeitgebern stand, und ob sie nicht aus Loyalität den Siegmunds von ihrer Bitte, die Gäste auszuhorchen, berichten würde.

Sandra behielt diese Taktik auch jetzt noch bei, obwohl Thereses Bemerkung andeutete, daß sie ihren früheren Arbeitgebern nicht sehr gewogen war. Doch da Therese nicht mehr im „Anker“ arbeitete, fiel sie als Spitzel aus. Sandra mußte auf andere Art Kontakt zu den Stammgästen des „Anker“ suchen. Sie fand es besser, nicht zu viele Mitwisser ihrer geplanten Aktion zu haben.

„Hältst du es tatsächlich für möglich, daß jemand von der Familie hinter dem Überfall steckt? Daß man vielleicht einen Freund beauftragte, Siegmund zu erledigen?“ fragte sie.

„Ihr sagtet doch, die Polizei hat den Täter! Ist er denn mit Siegmunds oder den Baumanns befreundet?“ wunderte sich Therese.

„Vielleicht hat die Polizei den Falschen erwischt?“ meinte Sandra vorsichtig.

Therese runzelte die Stirn. „Wieso glaubst du das?“

„Ach, Sandras Phantasie geht mal wieder durch. Sie macht sich gern wichtig. Kriminalfälle aufzuklären ist ein Hobby von ihr“, warf Oliver lachend ein.

„Ist ja gar nicht wahr“, schmollte Sandra und gab sich gekränkt.

„Ach, so!“ Therese betrachtete Sandra belustigt. „Soll ich dir einen heißen Tip geben?“ meinte sie scherzend. Sie hielt das Ganze für einen Spaß und flüsterte geheimnisvoll: „Die Maria ist ein Biest, der traue ich alles zu. Die Schwester von Herrn Baumann scheint auch nicht ganz sauber zu sein. Sie murmelte immer so verdächtig vor sich hin. Als ich dort anfing, half sie ja noch hin und wieder im Betrieb, da habe ich oft erlebt, daß sie mit Maria über Herrn Siegmund tuschelte. Und Ingo erst! Das ist ein Rocker, der seine Mutter ausnimmt, wo er nur kann.“

„Und Frau Siegmund?“ fragte Sandra.

Thereses Stimme wurde wieder sachlich. „Frau Siegmund ist in Ordnung. Bei ihr läßt es sich gut arbeiten. Sie ist auch nicht kleinlich mit dem Essen. Die Maria schüttet die Reste eher aus — oder serviert sie den Gästen. Selbst schalen, abgestandenen Apfelsaft macht sie zu Geld. Und immerzu spionierte sie durch die Durchreiche in die Küche, ob ich nur ja nicht naschte. Einmal hat sie mich dabei erwischt, wie ich mir ein Stück Käse in den Mund schob. Das Theater, das sie da machte!“ Therese schüttelte sich. „Dabei hat sie überhaupt nichts zu sagen. Herr Siegmund läßt sie nicht mal an die Kasse. Sie muß für ihre Bestellungen Bons abgeben wie jede gewöhnliche Bedienung.“

„Hat sie das nicht geärgert?“ fragte Sandra.

„Und ob! Deswegen gab es ja auch ständig Streit mit Herrn Siegmund. Die Wirtin tat mir oft leid. Sie steht zwischen beiden Parteien und ist nur damit beschäftigt, einzulenken und alle zu beschwichtigen. Ein angenehmes Arbeitsklima war das nicht für mich.“

„Hast du deshalb gekündigt?“ fragte Oliver.

Therese schüttelte den Kopf. „Mir war der Weg dorthin auf die Dauer zu weit. Und Küchenhilfe ist ja auch nicht das, was ich immer sein möchte. Das Arbeitsamt hat mir eine Stelle in einem Supermarkt in der Stadt vermittelt. Am nächsten Ersten fange ich dort an. Ich komme an die Kasse“, verkündete Therese stolz. „Bis dahin feiere ich meine Überstunden ab.“

„Therese, ich blute! Ich habe mich gestochen!“ rief die kleine Schwester weinend.

„Ich komme, Bini!“ gab Therese zurück. „Möchtet ihr ein paar Stachelbeeren?“ fragte sie Sandra und Oliver.

Oliver wollte ablehnen.

Doch Sandra kam ihm zuvor. Ihr war während des Gespräches mit Therese ein Einfall gekommen. Sie hoffte, ihn mit Thereses Hilfe verwirklichen zu können.

„Wäre nicht schlecht“, sagte sie zu Therese und winkte Oliver, ihr zur Gartentür zu folgen.

Therese zog Bini einen Dorn aus dem Daumen, saugte die Wunde aus und schickte die Kleine zur Mutter ins Haus.

„Langt zu“, forderte sie Sandra und Oliver auf.

Die Sträucher hingen voll dicker, saftiger, gelblich-grüner Stachelbeeren.

Sandra folgte der Einladung und verdrehte genießerisch die Augen. „Von der Sonne verwöhnt! Die mußt du kosten, Oliver“, sagte sie und schob Oliver eine Beere in den Mund.

„Als fertige Marmelade sind sie mir lieber“, seufzte Therese und betrachtete mißmutig die vielen noch abzuerntenden Sträucher.

„Wir helfen dir ein bißchen“, bot Sandra ihr an.

Oliver protestierte. „Ich muß weg.“

„Ach, komm! Schieb den Eimer von der Kleinen mal herüber.“

„Laßt doch“, wehrte Therese ab. „Für den ersten Topf reicht es. Mehr auf einmal kann meine Mutter nicht verarbeiten.“

„Du, Therese“, sagte Sandra vorsichtig. „Weißt du, ob Siegmunds schon einen Ersatz für dich haben?“

„Keine Ahnung.“

„Könntest du sie fragen? Ich suche nämlich einen Ferienjob. Aber es ist schwer, unterzukommen. Vielleicht würde Frau Siegmund mich aushilfsweise einstellen?“

Oliver blickte Sandra ironisch an und wartete genauso gespannt wie Sandra auf Thereses Reaktion.

Doch Therese erschien Sandras Vorhaben nicht ungewöhnlich. „Warum nicht? Aber das ist kein leichter Job. Da mußt du ganz schön ran“, warnte sie.

„Das macht mir nichts aus“, versicherte Sandra. „Habt ihr Telefon? Rufst du mal an?“

„Jetzt? Frau Siegmund steht der Kopf bestimmt nicht nach geschäftlichen Dingen, wo ihr Mann schwerverletzt im Krankenhaus liegt“, meinte Therese.

„Aber sie können den ,Anker‚ nicht tagelang geschlossen halten. Sie leben von dem Betrieb. Wenn wir jetzt nicht anrufen, ist es später vielleicht zu spät. Ruf sie doch an, bitte!“ drängte Sandra.

„Na, schön.“ Therese hob ihre Schüssel von der Erde. „Kannst du den Eimer mitnehmen?“ bat sie Sandra und ging voran ins Haus.

Bini kam ihnen im Flur mit einem dick umwickelten Daumen entgegen, den sie theatralisch in die Höhe gestreckt hielt.

„Tut‚s noch weh?“ erkundigte sich Sandra.

Bini nickte heftig.

„Der tut so lange weh, bis alle nach Hause gekommen sind und sie bedauert haben“, erklärte Therese lachend.

„Ich muß mal telefonieren, Mutter!“ rief sie zur offenstehenden Küchentür hin.

Ihre Mutter streckte kurz ihren Kopf in den Flur, nickte grüßend, als sie das fremde Paar sah, und zog sich wieder zurück.

Therese suchte die Telefonnummer des „Anker“ heraus und wählte.

Sandra spürte, wie ihre Hände vor Aufregung feucht wurden.

„Frau Siegmund? Guten Tag, hier ist Therese. Ja, Therese^ Ich habe von dem Überfall gehört. Das ist ja schrecklich. Wie geht es Ihrem Mann?“

Therese drehte sich zu Sandra und Oliver um und wiegte mit bedenklicher Miene den Kopf, während sie Frau Siegmunds Bericht hörte.

Es schien nicht gut um Herrn Siegmund zu stehen.

„Das tut mir leid“, sagte Therese zu Frau Siegmund. „Aber Ihr Mann wird sich sicher erholen. Es ist ja auch noch nicht lange her. So etwas sieht zu Anfang immer schlimmer aus, als es ist. Haben Sie geschlossen? Nur heute und morgen noch? Dienstag machen Sie wieder auf? Ja, sicher, die Stammgäste möchten essen. Da kommt aber viel Arbeit auf Sie zu, wo Ihr Mann... Haben Sie wenigstens schon einen Ersatz für mich?“

Therese schüttelte, Sandra zugewandt, den Kopf.

„Nein, tut mir leid, Frau Siegmund, das geht leider nicht. Meine Geschwister haben Ferien. Meine Mutter ist froh, daß ich sie ein paar Tage unterstützen kann. Ja, schade. Ich lasse Sie wirklich nicht gern im Stich“, bedauerte Therese. „Aber ich wüßte eine Aushilfe für Sie. Nein, eine Schülerin, ein nettes Mädchen. Sie sucht einen Ferienjob. Nein, in einer Gaststätte hat sie sicher noch nicht gearbeitet.“ Therese blickte Sandra fragend an.

Sandra schüttelte den Kopf, zischte: „Ich mache alles!“

„Sie ist aber sehr anstellig“, versicherte Therese der Wirtin. „Nein, etwas jünger als ich, aber kräftig und fix.“ Sie blickte Sandra lächelnd und naserümpfend an.

„Ist gut, Frau Siegmund“, versprach sie ins Telefon. „Sie kommt bei Ihnen vorbei. Ich wünsche Ihrem Mann gute Besserung. Auf Wiedersehen.“

Therese legte den Hörer auf und sagte: „Sollst dich Dienstag um neun vorstellen, Sandra. Du weißt, wo‚s ist?“

„Ja, klar. Toll! Danke, Therese. Hast du prima hingekriegt“, freute sich Sandra. „Ich mach‚s mal gut, wenn ich kann. Wie geht‚s dem Wirt?“

„Er ist noch immer bewußtlos.“

„Von dem Schlag mit einer Flasche?“ Oliver schüttelte ungläubig und verwundert den Kopf.

„Er scheint sich im Hinfallen gedreht zu haben. Dadurch ist er mit dem Hinterkopf auf die Stahlkante vom Tresen aufgeschlagen“, berichtete Therese.

Ihre Mutter zeigte sich erneut an der Küchentür. „Kannst du die Wäsche aufhängen, Therese?“ bat sie.

„Sofort. Also, mach‚s gut, Sandra. Laß dich von Maria nicht einschüchtern. Beschwere dich bei Frau Siegmund, wenn sie dich herumkommandiert.“

„Ich komme schon mit ihr zurecht“, meinte Sandra selbstbewußt.

Sie suchte Joschi auf dem Schwimmbadgelände.

Joschis Lieblingsaufenthalt war der Rand des Schwimmbeckens. Dort hockte er gewöhnlich auf den nassen Steinen, die Knie angewinkelt, den Rücken der Sonne zugewandt, und ließ sich bräunen.

Sandra, bereits umgezogen, stieß ihn mit ihrem großen Zeh

an.

Joschi drehte sich nach ihr um. „Hat lange gedauert“, meinte

er.

„Hat sich aber auch gelohnt“, erwiderte Sandra und berichtete, während Joschi ihren Rücken mit Sonnenöl einrieb, was sie mit Thereses Hilfe vereinbart hatte.

Joschi war entsetzt.

„Was versprichst du dir von deiner Schnüffelei?“ empörte er sich. „Wenn einer von der Familie bei dem Überfall auf den Wirt tatsächlich die Hand im Spiel hatte — bildest du dir ein, daß sie dann in deiner Gegenwart darüber reden würden? Du bringst dich nur selbst in Gefahr. Sie brauchen bloß herauszubekommen, daß du mit Torsten befreundet bist, dann ist ihnen klar, weshalb du dich bei ihnen eingeschlichen hast.“

„Von wem sollten sie das erfahren? Du darfst dich im ‚Anker’ natürlich nicht blicken lassen.“

„Warum nicht? Sie kennen mich ja nicht. — Was soll ich denn jetzt nachmittags anfangen, während du arbeitest? Ist doch öde in der Stadt“, beklagte sich Joschi.

„Vielleicht brauchen sie einen Kellner als Ersatz für den Wirt. Soll ich fragen, ob sie dich einstellen?“ schlug Sandra übermütig vor.

Joschi tippte nur an seine Stirn.

Energischer als Joschi protestierte Sandras Mutter gegen das Vorhaben ihrer Tochter.

Sandra versuchte, ihre Mutter davon zu überzeugen, daß sie unbedingt einen Ferienjob brauchte, um sich erstens Geld für ein paar persönliche Extras zu verdienen, und um zweitens der Langeweile zu entgehen.

„Mach mir nichts vor“, sagte ihre Mutter. „Ausgerechnet du möchtest in einem Betrieb arbeiten, dessen Inhaberin durch ihre Aussage gegenüber der Polizei einen deiner besten Freunde in Untersuchungshaft brachte?“

„Warum nicht? Eine Stelle ist so gut wie die andere“, sagte Sandra trotzig. Und sie fügte hinzu: „Ich könnte es ja auch ais eine Art Wiedergutmachung ansehen. Der Wirt liegt im Krankenhaus. Sie haben nicht genügend Personal...“

Ihre Mutter blickte sie spöttisch an.

„Gut, ich möchte mich gleichzeitig umhören. Vielleicht erfahre ich etwas, das Torsten entlasten könnte“, gab Sandra zu.

„Und du glaubst, die Polizei erfährt nicht, was du erfahren kannst?“

„Die Polizei hat ihren Täter. Wieso sollte sie sich dann noch dafür interessieren, ob der ,Anker‚-Wirt Feinde hatte? Bestimmt reden die Gäste untereinander über den Vorfall“, sagte Sandra eifrig- „Der Kripo gegenüber würden sie vielleicht nie erwähnen, daß beispielsweise den ‚Anker’-Wirt jemand nicht leiden mochte. Aber wenn sie sich unbelauscht glauben, fällt vielleicht die eine oder andere Bemerkung, die für die Polizei interessant sein könnte. Ich möchte ja nur erreichen, daß die Kripo sich nicht auf Torsten als Täter versteift, sondern auch anderen Spuren nachgeht. Torsten hat Herrn Seibold gesagt, daß er den Wirt nicht überfallen hat. Ich glaube ihm. Wir alle glauben ihm. Du etwa nicht?“

„Also schön“, sagte Marlene Faber seufzend. „Aber mach keine Dummheiten. Wenn du tatsächlich etwas Wichtiges erfährst, dann teilst du es sofort Herrn Seibold mit. Versprichst du mir das?“

Sandra war bereit, alles zu versprechen, was ihre Mutter wünschte, wenn sie sich damit die Möglichkeit verschaffen konnte, nach Entlastungszeugen für Torsten zu suchen.