Mütter sehen manches anders
„Was ist? Schmeckt‚s nicht?“ fragte Sandras Mutter.
„Doch, doch!“ versicherte Sandra und gab sich Mühe, begeistert zu klingen; schließlich hatte sie sich das Gericht bestellt.
Es war Samstag mittag. Und es gab Krautwickel.
Marlene Faber, Sandras Mutter, arbeitete auf dem Fernmeldeamt im Schichtdienst und war oft samstags und sonntags nicht daheim. An ihren freien Wochenenden kochte sie deshalb nur das, worauf ihre beiden Kinder Appetit hatten.
Sandra, vierzehn, Schülerin, hatte um Krautwickel gebeten. Ihr Bruder Rainer, achtzehn Jahre, Fernmeldetechniker, wünschte sich für Sonntagmittag Schinkennudeln. Krautwickel haßte er. Deshalb war er erst gar nicht zum Mittagessen nach Hause gekommen, sondern mit seiner Freundin Eva an einen See irgendwo draußen zum Schwimmen unterwegs.
Sandra verputzte gewöhnlich spielend drei Krautwickel. Irgendwann, so hoffte sie, würde sie ihren eigenen Rekord brechen.
An diesem Tag war sie jedoch weit davon entfernt. Der bevorstehende Auftritt als Mannequin lag ihr im Magen.
Ihr Freund Joschi war schuld daran.
Joschis Mutter arbeitete in der Konfektionsabteilung eines Kaufhauses. Das Kaufhaus lud viermal im Jahr zur Modenschau in seine Cafeteria ein. Heute sollte die Sommerkollektion für Kinder und Teenager vorgestellt werden.
Jugendliche Mannequins waren genügend zu bekommen. Doch an Dressmen mangelte es.
Deshalb hatte Joschis Mutter bestimmt, daß ihr Sohn sich an der Vorführung der Modelle beteiligte.
Ausgerechnet Joschi, dessen Lieblingskleidung aus verwaschenen T-Shirts und ausgefransten Jeans bestand!
Joschi hatte wütend gegen diese Zumutung protestiert. Er gab erst nach, als Sandra sich ebenfalls in die Liste der Vorführenden eintragen ließ.
Doch nun brachte das Lampenfieber Sandra fast um.
Sie schob ihren Teller zurück und fragte mit einem Blick zur Küchentür: „Ob ich noch Zeit habe, meine Haare zu waschen?“
„Das hast du doch gestern abend erst getan“, wunderte sich ihre Mutter.
„Aber sie fallen nicht richtig. Sieh mal, wie sich die Spitzen nach außen drehen!“ Sandra zerrte an einer Haarsträhne, die über den Ohren abstand. „Die reinsten Schnittlauchlocken.“
Ihre Mutter war nicht dieser Meinung. „Ach geh! Du siehst aus wie immer.“
„Du meinst: langweilig wie immer. Ich kriege bestimmt keinen Sonderapplaus. Wir haben zwei echte Topmannequins dabei. Sie tragen ihre Haare zu Knoten frisiert.“
„Wäre bei deiner Fransenfrisur etwas schwierig, nicht?“ meinte ihre Mutter trocken. „Weshalb läßt du deine Haare nicht wachsen?“
„Weil die Kurzhaarfrisur praktischer ist. Aber darauf kommt es auch nicht an“, hielt Sandra ihr vor. „Mir fehlt eben das gewisse Etwas. Die Berufsmannequins bringen es von Haus aus mit. Ich habe zugenommen“, klagte Sandra und stand auf.
Ihre Mutter betrachtete sie und lächelte. „Aber an den richtigen Stellen, wie mir scheint. — Soll ich dir die Krautwickel heute abend aufwärmen?“
„Geht nicht. Joschi und ich wollen uns den Film im Odeon ansehen. Wir kaufen uns Fritten“, erwiderte Sandra. „Entschuldige“, fügte sie schuldbewußt hinzu, als sie sah, wie ihre Mutter die restlichen Krautwickel aus dem Schmortopf auf eine Zeitung schüttete, einwickelte und das Paket in den Abfalleimer warf.
Einen Vater, der, wie Joschis Vater beispielsweise, Übriggebliebenes aufgewärmt zum Nachtmahl aß, gab es bei den Fabers leider nicht. Sandras Eltern waren geschieden.
Sandra betrachtete die Frau an der Spüle. Manchmal konnte sie einen ja verrückt machen mit ihrer übertriebenen Fürsorge und so. Mißtrauisch war sie auch. Wollte immer genau wissen, was Sandra trieb, wenn sie abends allein war und ihre Mutter Nachtdienst hatte. Nein, leicht hatte Sandra es nicht mit ihr. Aber man konnte sich auf sie verlassen, und immer zeigte sie sich verständnisvoll.
„Was siehst du mich so an?“ fragte Marlene Faber.
„Ich habe über dich nachgedacht.“
„Aha! Und was kam dabei heraus?“
„Daß du ziemlich in Ordnung bist.“
Ihre Mutter lachte. „Deine Schmeichelei hat doch sicher etwas zu bedeuten?“
„Ehrlich...“, begann Sandra, fing jedoch geistesgegenwärtig ihren Protest ab. „Du bringst mich auf eine Idee! Also, wenn du schon mal fragst...! Die schicke silbergraue Lurexhose, die ich vorführe, ist irre.“
„Was kostet sie denn?“
„Ich bekomme doch den Einkaufsgutschein fürs Vorführen“, erwiderte Sandra ausweichend.
„Was sie kostet, habe ich gefragt.“
„Hundertneunundzwanzig“, murmelte Sandra kleinlaut.
Ihre Mutter blickte sie nur an. Und Sandra wußte Bescheid.
Der Einkaufsgutschein im Wert von dreißig Mark reichte gerade für einen Sommerrock. Sommerröcke konnte Sandra nicht ausstehen. Sie seufzte. Es blieb also mal wieder bei ihrer Standardkleidung: Jeans mit Bluse, oder Jeans mit T-Shirt, oder Jeans mit Rolli.
Sandra versuchte es trotzdem noch einmal. „Vielleicht legt Oma was drauf?“
„Untersteh dich, sie schon wieder anzubetteln!“
„Aber die Hose steht mir wirklich himmlisch. Du mußt mich erst einmal darin sehen.“
„Wenn du dich jetzt nicht beeilst, führt ein anderes Mädchen sie vor“, warnte ihre Mutter.
Sandra lief mit einem Schrei zur Tür hinaus und ins Badezimmer.
Sie fönte gerade ihre Haare, als ihre Großmutter eintraf.
Frau Ansbach lebte draußen vor der Stadt in einem alten Haus am Fluß. Das Haus gehörte Florian Seibold, einem siebzigjährigen Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Ruhe, dem Frau Ansbach den Haushalt führte.
Frau Ansbach kam nur selten und ungern in die Stadt. Sie war ihr zu laut und zu schmutzig. Heute machte sie eine Ausnahme, um Sandras Auftritt als Mannequin zu bewundern.
Joschi klingelte kurz nach Frau Ansbach an der Wohnungstür.
Auch er schien gerade seine Haare gewaschen zu haben. Sie glänzten noch feucht. Entgegen seiner Gewohnheit war er sauber und ordentlich gekleidet: blaue Hose mit Bügelfalten, blauer Blazer, weißes, offenes Hemd. Doch sein Gesicht wirkte düster wie ein Regentag im November.
„Mein Vater hält im Parkverbot. Ob‚s noch lange dauert, soll ich fragen.“
„Sandra, bist du soweit?“ rief Frau Faber über den Flur.
Sandra kam aus dem Schlafzimmer, das sie mit ihrer Mutter teilte. Sie stutzte, als sie Joschis ungewohnte Kleidung sah.
„Sehe ich aus?“ fragte Sandra erwartungsvoll.
Joschi fand Sandra immer hinreißend, denn er war in Sandra verliebt. Sandra schien das allerdings eher lästig zu finden. Für sie war er leider nur „der Joschi“. Sie brauchte seine Hilfe bei den Schularbeiten. Sie war an Joschi gewöhnt. Sonst war da nichts. Trotzdem gab Joschi die Hoffnung nicht auf, Sandra eines Tages mehr zu bedeuten als nur der , Junge von nebenan“.
Sandra deutete auf ihre großen, perlmuttfarbenen Ohrclips. „Sie passen zu der silbergrauen Lurexhose, die ich vorführe“, sagte sie zu ihrer Großmutter, um sie auf den geplanten Angriff auf ihren Geldbeutel vorzubereiten.
Ihre Mutter durchschaute sie. „Sandra!“ sagte sie mahnend.
Joschi riß die Korridortür auf. „Ich lauf schon vor und sag, daß Sie kommen.“