Florian Seibold in Aktion
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen entwickelte Florian Seibold eine ungewohnte Geschäftigkeit.
Obwohl es ein strahlend schöner Tag war, keine Wolke am Himmel stand und der Wetterbericht Tageshöchsttemperaturen bis zu 28 Grad angekündigt hatte, überraschte er seine Haushälterin mit der Aufforderung, ihm seinen alten Regenmantel bereitzulegen.
„Was soll denn die Verkleidung?“ erkundigte sich Frau Ansbach verwundert, als Herr Seibold sich verabschiedete, und starrte entgeistert auf die ausgediente Aktentasche unter seinem Arm und die ausgetretenen Schuhe an seinen Füßen, die der Hausherr sonst nur bei der Gartenarbeit trug.
„Hab was zu erledigen. Warten Sie nicht mit dem Essen auf mich“, erwiderte Florian Seibold kurz angebunden. Er rief Susi und machte sich mit ihr auf den Weg zur Bushaltestelle.
In einem Kaufhaus in der Innenstadt kaufte er 20 bunte Ansichtskarten, je 3 Stück zu einer Mark, und in einer Konditorei Kaffeegebäck als Ersatz fürs Mittagessen.
Mit der Linie 9 fuhr er nach Harting hinaus, einem kleinen Vorort mit ländlichem Charakter.
Als er dort ankam, ging es mittlerweile auf 12 Uhr zu. Aus den offenen Fenstern der Ziegelsteinhäuser drang der Duft von Bratenfleisch, Wirsing- und anderem Gemüse. Die Schulkinder der unteren Grundschulklassen tobten lärmend mit ihren gelben Schultaschen heimwärts.
Harting hatte nur eine Hauptstraße. Ihre beiden Häuserreihen wurden in unregelmäßigen Abständen von bebauten Nebengassen unterbrochen, die in den Feldwegen rings um den Ort endeten.
Florian Seibold suchte eine dieser Nebengassen. Er entdeckte sie schließlich nahe dem Ortsausgang. „Backhausgasse“ stand auf einem verbeulten Straßenschild, das an einem Eckhaus angebracht war. Das Gemeindebackhaus, in dem die Frauen die großen Familienbrote backten, hatte wohl früher einmal hier gestanden. Jetzt war die Straße mit eingeschossigen Reihenhäusern aus Sandstein besiedelt.
Die Reihenhäuser sahen ungepflegt aus und klebten schiefwinkelig aneinander. An den meisten Vorderfronten war der Putz abgebröckelt. Die Fensterläden brauchten dringend einen neuen Farbanstrich. Die Bauweise deutete darauf hin, daß die Häuser in den ersten Nachkriegsjahren entstanden waren, als die Wohnungen knapp und viele Bauherren mit Hilfe ihrer Familienangehörigen ihre Häuser in Eigenleistung erstellten.
Markus Siebert wohnte im Haus Nr. 44.
Florian Seibold fing im Haus Nr. 7 mit dem Anbieten seiner Karten an. Probeweise. Um eine Vorstellung von den Bewohnern der Straße zu erhalten; um sein Verkaufstalent zu testen, und um sich warm zu machen für sein letztes, wichtigstes Gespräch.
Im ersten Haus öffnete niemand auf sein Klingeln, obwohl Florian Seibold jemand hinter der dünnen, durchsichtigen Gardine sich hatte bewegen sehen.
Im zweiten Haus fing ein Hund auf sein Klingeln hin an zu bellen. Das regte Susi auf, die auf den vermeintlichen Angreifer loszugehen versuchte und bellend gegen die verschlossene Tür ansprang. Florian Seibold, der kein Aufsehen erregen mochte, fand es ratsam, mit Susi auf dem Arm die nächsten fünf Häuser zu überspringen.
Im Haus Nr. 15 öffnete eine mürrisch aussehende Frau die Tür. „Guten Tag, Frau Mahlein“, grüßte Florian Seibold mit einer artigen Verbeugung. Der Name stand auf dem Klingelschild. „Haben Sie Mitleid mit einem alten Mann und seinem kleinen Hund. Ich habe sehr schöne Karten...“ Weiter brauchte er nicht zu sprechen. Die Frau schlug wortlos die Tür zu.
Sechs weitere Versuche endeten ebenso enttäuschend.
Schließlich stand er vor einer älteren, freundlichen Frau, die sich sofort mit Susi anzufreunden versuchte. Sie bat Florian Seibold in ihre Küche und holte für Susi einen Keks aus dem Schrank. An den Karten zeigte sie sich allerdings nicht interessiert. Sie sei so allein, klagte sie, und fragte, was er für den Hund haben wollte. Sie hätte sehr schöne, fast neuwertige Anzüge von ihrem verstorbenen Mann, die Susis Herrchen sicher passen würden.
Florian Seibold nahm Susi wieder auf den Arm und schlurfte eilig davon.
Draußen besann er sich jedoch, kehrte noch einmal um und klingelte erneut bei der einsamen Witwe. „Ich weiß da ‚ne alte Frau. Die ist immer sehr nett zu mir. Wirklich, ‚ne freundliche Dame mit ‚nem Herz für Tiere und Menschen. Die hat Hunde zu verschenken. Fahren Sie da mal hin“, sagte er im breiten Tippelbruderjargon und gab der Frau die Adresse von der Katzen-Marie.
„Das ist aber nett von Ihnen“, sagte die Frau und ging zum Küchenschrank. „Da will ich Ihnen aber doch eine Karte abkaufen.“
„Ne, ne, lassen Sie mal!“ wehrte Florian Seibold ab.
„Ich hab ja eigentlich auch niemand, dem ich sie schreiben könnte“, sagte die Frau. Sie griff trotzdem in ein Wasserglas, in dem sich ein Geldschein und mehrere Münzen befanden, und holte zwei Groschen heraus. „Hier, lieber Mann! Für ein Schnäpschen reicht‚s ja wohl noch nicht ganz, aber vielleicht legt jemand noch was dazu.“ Sie blinzelte ihm verschwörerisch zu.
Florian Seibold wurde rot vor Scham. Doch er nahm das Geld, um die Frau nicht zu kränken und auch, um kein Mißtrauen zu erregen. „Ach, ‚s Geschäft geht schlecht. Nicht alle Leute sind so mitfühlend wie Sie. Vor allem in dieser Straße weist man mir überall die Tür. Was sind das bloß für Menschen!“ klagte er und tastete sich damit vorsichtig an sein eigentliches Anliegen heran.
„Tja, wissen Sie, die Leute hier...“ Der Deckel eines auf dem Elektroherd stehenden Kochtopfes wurde vom Kochdunst hochgedrückt und fing an zu klappern. Die Frau hob den Topf auf eine Abstellplatte und schaltete den Strom aus.
Sie drehte sich um und musterte Florian Seibold aufmerksam. Abgesehen von seinen ausgetretenen schmutzigen Schuhen machte er einen sauberen, ordentlichen Eindruck auf sie. Er war rasiert. Und auch sein Hund sah wohlgenährt und gepflegt aus. Vermutlich hatte der alte Mann einmal bessere Tage gesehen. Und da sie sich wirklich sehr einsam fühlte, beschloß sie, den Besucher zum Essen einzuladen. In ihrem Elternhaus früher, vor sechzig Jahren, da war es nicht ungewöhnlich, daß Hausierer oder andere Tippelbrüder, die an ihrer Tür um eine milde Gabe baten, von ihrer Mutter an den Mittagstisch gebeten wurden. Sie hatten nie schlechte Erfahrungen mit diesen Leuten gemacht.
„Möchten Sie einen Teller Suppe mitessen?“ fragte sie.
„Nein, wirklich nicht“, wehrte Florian Seibold erschrocken ab. Er milderte jedoch rasch seine schroffe Ablehnung und gab als Begründung an: „Ich habe was zum Essen in meiner Tasche.“
„Ach so!“ Die Frau kraulte Susis Nackenfell. Susi legte den Kopf schräg und blickte die Frau hingebungsvoll an. „Vielleicht das Hündchen? Es ist Milchsuppe. Sie wird ihm guttun bei der Hitze, oder soll ich ihm etwas Wasser geben?“
„Ach ja, Wasser, das wäre freundlich von Ihnen“, sagte Susis Herrchen und setzte Susi ab.
Die Frau füllte einen Unterteller mit Wasser und stellte ihn vor Susi, die sich durstig darüber hermachte. Als der Teller leer war, blickte sie fragend zu der Frau auf.
„Ich meine, er könnte doch vielleicht einen Löffel Suppe vertragen“, meinte die Frau und holte einen Schöpflöffel aus der Schublade. „Setzen Sie sich doch“, forderte sie Florian Seibold auf.
Florian Seibold nahm seinen Hut ab und setzte sich. Er war müde und seine Füße taten ihm vom ungewohnten Laufen weh. Als er jetzt saß, merkte er, wie froh er war, eine Weile verschnaufen zu können. „Aber lassen Sie sich beim Mittagessen nicht stören“, sagte er zu der Frau.
„Möchten Sie nicht doch...?“ fragte die Frau, nachdem sie ihren Teller mit Suppe gefüllt hatte.
Florian Seibold kam der Gedanke, daß ein gemeinsames Mittagsmahl vielleicht eine Gelegenheit bot, etwas über Markus Siebert zu erfahren. „Ja, Ihre Suppe riecht wirklich gut. Wenn es nicht zu unbescheiden von mir ist... „, sagte er.
Die Frau holte eilig einen Teller für ihn aus dem Schrank. So ein gebildeter Mann und arbeitet als Klinkenputzer. Sicher reicht seine Rente nicht aus, überlegte sie.
„Ihre Suppe schmeckt ausgezeichnet“, lobte Florian Seibold und merkte, daß er nicht nur erschöpft, sondern auch hungrig war.
Die Frau sah es ihm an. „Ist es nicht zu teuer für Sie, einen Hund zu halten? Wie bringen Sie denn die Hundesteuer auf?“ fragte sie.
Florian Seibold hüstelte verlegen.
„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht kränken. Ich bin eine geschwätzige alte Frau“, sagte die Frau und dachte, sicher spart er sich das Geld dafür vom Munde ab. Das will ich ja auch gerne tun, wenn ich nicht mehr so allein sein muß.
„Mein Mann starb vor einem Jahr“, erzählte sie. „Ich komme gar nicht darüber hinweg. Er wollte ja immer, daß wir wieder in die Stadt ziehen, wo es doch ein bißchen lebhafter ist und man auch als älterer Mensch etwas Abwechslung hat durch die vielen Geschäfte und Cafés. Heute bereue ich es, daß ich dagegen war. Aber irgendwie hänge ich an dem Häuschen. Wir haben es nach dem Krieg mit viel Mühe gebaut und lange daran abgezahlt.“
„Die anderen Häuser sind auch etwa zur gleichen Zeit entstanden, nehme ich an?“ sagte ihr Gast.
„Ja, aber die ersten Besitzer sind mittlerweile fast alle weggezogen. Vor einigen Jahren hieß es, daß hier eine neue Autobahnzufahrt entstehen sollte. Da haben viele verkauft. Als das Projekt Autobahnzufahrt nichts wurde, haben sich zum Teil Leute aus fragwürdigen Verhältnissen hier angesiedelt. Die Hartinger waren furchtbar empört darüber. Aber alle Bürgereingaben bei der Stadt nutzten nichts. Na ja, irgendwo müssen diese Leute ja bleiben. Aber für uns in der Backhausgasse ist es seither mit dem ruhigen schönen Wohnen vorbei. Möchten Sie noch ein bißchen Suppe?“
„Ja, bitte.“ Florian Seibold schob ihr seinen leeren Teller hin. „Was passiert denn?“ fragte er.
„Ach, es ist eben dauernd etwas los“, klagte die Frau. „In den meisten Familien herrschen katastrophale Zustände. Viele Familienväter trinken. Von manchen auch die Frauen. Und dann gibt es Schlägereien und schlimme Szenen. Dauernd fährt die Polizei hier herum. Das haben wir früher nicht gekannt. Die Kinder können einem leid tun. Die haben kaum eine Chance, daß sie einmal anders werden. Da heißt es früh: raus und Geld verdienen. Wie die Verrückten rasen sie auf ihren Motorrädern durch die Straße. Die reagieren ihre Aggressionen ab, sagte mein Mann immer. Na ja, wenn‚s dabei bliebe...!“
„Was machen die Bengel denn beruflich?“
Die Frau zuckte die Schultern. „Das weiß niemand so recht. Den Eltern ist es egal, wo das Geld herkommt. Hauptsache, es wird genügend zu Hause abgegeben. Einer von den Gerolds, der hätte es fast geschafft. Ein netter, sympathischer Junge war das. Auf vier Jahre hatte er sich bei der Bundeswehr verpflichtet. Sauber und adrett sah er aus, wenn er mal nach Hause kam. Aber dann hat er krumme Dinger gedreht und ist unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen worden.“
Florian Seibold hob interessiert die Augenbrauen. „Was hat er denn angestellt?“
„Gestohlen soll er haben. Die Polizei hat das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Aber gefunden haben sie nur ein paar leere Benzinkanister. Es soll aber viel mehr gestohlen worden sein. Auch eine Waffe...“
„Eine Pistole?“ warf Florian Seibold atemlos ein.
„Das weiß ich nicht. Möglich wär‚s. Ein Gewehr ist ja auch schwerer abzusetzen. Aber was es auch war, die Waffe blieb verschwunden. Der Bruder, das ist ein ganz ausgekochter Bursche, der wird die Waffe rechtzeitig beiseite geschafft haben. Überhaupt, seit der wieder hier ist, kann man sich am Abend kaum noch auf die Straße trauen.“
„Wieso? Wo war er denn?“
„Er hat eine Jugendstrafe abgesessen wegen Raubüberfall auf eine Tankstelle. Und das war nicht sein erstes Ding, das er gedreht hat. Seit einem halben Jahr ist er wieder draußen. Jetzt hängt er dauernd mit den Hofelsmädchen und dem ältesten Siebertjungen zusammen. Vorher schien der Siebertjunge ganz ordentlich zu sein. Frech war er natürlich wie alle anderen. Aber das scheint heute ja an der Tagesordnung zu sein. Die Kinder haben keinen Respekt mehr. Aber der Markus arbeitete ganz ordentlich in der Bimsgrunde draußen. Sie haben sicher die hohen Bagger hinter dem Dorf gesehen.“
„Das ist aber auch keine Beschäftigung für einen Halbwüchsigen. Eine richtige Ausbildung wäre besser“, meinte Florian Seibold empört.
„Sicher. Aber wer kümmert sich darum? Wenn sie mal aus der Schule raus sind, ist der am meisten angesehen, der das meiste Geld verdient, egal wie. Aus dem Markus hätte an sich was werden können. Er hat eine Handwerkslehre angefangen. Die Sieberts sind noch eine von den Familien, die mit uns hier gebaut haben. Der Vater verunglückte vor zwei Jahren tödlich auf seiner Arbeitsstelle. Er war Dachdecker. Trank gerne, aber sonst war er ein ordentlicher, fleißiger Mann. Leider war er auch betrunken, als der Unfall passierte. Deshalb klappt‚s nicht mit der Rente. Die Frau geht jetzt putzen. Ja, ja, das sind so Schicksale...! Vorige Woche kommt der Markus mit einem funkelnagelneuen Motorrad an. Möchte wissen, woher er das hat. Arbeitet nicht. Liegt bis Mittag im Bett. Abends treibt er sich herum. Jede Nacht weckt er die ganze Straße mit seinem Motorrad auf. Die Mutter sieht ganz verhärmt aus. Die sorgt sich um den Jungen, das sieht man ihr an. Aber was erzähle ich Ihnen das alles. Sicher interessiert Sie das nicht.“
Die Frau trug die Teller zur Spüle.
Susi hatte sich neben Herrchens Stuhl ausgestreckt und schnarchte leise.
„Ich unterhalte mich gerne. Die meisten Leute haben ja keine Zeit dazu. Sind alle dauernd in der Hetze“, sagte Florian Seibold und stand auf. „Aber jetzt muß ich wohl weiter.“ Susi spürte die Bewegung und sprang auf die Beine.
„Ja, ja, wenn man alt ist und dauernd allein, dann wird man geschwätzig. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich laut mit mir selber rede.“ Die Frau lachte verlegen.
„Dann vergessen Sie nicht, sich nach einem Hund umzusehen. Die Katzen-Marie ist froh, wenn man ihr einen ihrer Schützlinge abnimmt“, sagte Florian Seibold.
„Ja, ich werde gleich nächste Woche hinfahren“, sagte die Frau und begleitete Herrn und Hund zur Tür. „Gute Geschäfte wünsche ich noch!“
„Danke! Und vielen Dank für die Suppe! Sie war wirklich ausgezeichnet.“ Florian Seibold öffnete seine Aktentasche, nahm die Tüte mit dem Kaffeegebäck heraus und reichte sie der Frau und knurrte: „Bekam ich geschenkt. Esse aber keinen Kuchen. Vielleicht möchten Sie...“ Und trat eilig und verlegen auf den Bürgersteig.
„Na, so was! Danke auch!“ rief die Frau ihm nach.
Florian Seibold ging mit Susi bis zum Ende der Straße.
Vor dem Haus der Sieberts spielten ein paar Kinder. Im Haus rührte sich nichts. Ein neues, signalrotes Motorrad stand in der offenen Hofeinfahrt. Markus schien zu Hause zu sein. Vermutlich schlief er noch. Doch was trieb er nachts?
Florian Seibold beschloß, den Kindern ein paar Fragen zu stellen. Es waren saubere, ordentlich gekleidete Kinder. Er wendete sich an ein etwa zehnjähriges Mädchen mit einem wachen, intelligenten Gesicht. „Kannst du mir sagen, wo der Markus Siebert wohnt?“
Das Mädchen und die Kinder, die drum herum standen, kicherten. „Da! Sie sind ja gerade vor dem Haus“, antwortete ein kleiner, rothaariger Junge.
„Was wollen Sie denn vom Markus?“ erkundigte sich die Zehnjährige mißtrauisch.
„Sind Sie von der Polente?“ fragte ein größerer Junge.
„Um Himmels willen! Sehe ich etwa so aus? Mit den Bullen will ich nichts zu tun haben“, sagte Florian Seibold und gab sich erschrocken.
Die Zehnjährige blickte lauernd. „Wer sind Sie dann?“
„Der Onkel von seiner Freundin“, behauptete Florian Seibold dreist. „Und du bist bestimmt Markus‚ Schwester, habe ich recht?“
„Nö, das ist die Schwester vom Rolf“, berichtete ein anderes Mädchen.
„Von Rolf Gerold, dem Freund von Markus? Den kenne ich doch auch. Ist er zu Hause?“ rief Florian Seibold freudig aus. „Wußte gar nicht, daß er so eine hübsche Schwester hat.“
Doch das Mädchen fiel auf die Schmeichelei nicht herein. „Rolf ist nicht da. Und Markus auch nicht“, erwiderte sie abweisend.
„Der Rolf ist schon zwei Tage nicht mehr heimgekommen“, piepste eine Kleine mit Zahnlücken und Rattenschwänzen.
„Halt die Klappe!“ schnauzte die Große sie an.
Florian Seibold hatte genug erfahren. Er hielt es für ratsam, zu gehen.
Es erschien ihm zu gefährlich, eine Begegnung mit Markus zu riskieren.
„Tja, dann will ich mal wieder“, sagte er und pfiff Susi, die auf dem Feldweg ihr Geschäft verrichtete. „Ich hatte in eurer Gegend zu tun und da dachte ich, ich sollte dem Markus sagen, daß es der Eva besser geht. Sie läßt ihn grüßen. Könnt es ihm ja ausrichten“, sagte er und schlurfte eilig mit Susi davon.
Mit dem nächsten Omnibus fuhren sie in die Stadt zurück. Einem Straßenmusikanten warf Florian Seibold die zwanzig Pfennige von der Witwe in den Hut. Dann nahm er ein Taxi und ließ sich nach Hause fahren.
Nachdem er geduscht und sich frische Sachen angezogen hatte, rief er die Anwaltskanzlei an.
„Ich brauche meinen Sohn. Dringend! Und erklären Sie mir nicht, daß der außer Haus ist“, sagte er zur Referendarin, die wie stets den Anruf entgegennahm.
„Aber gewiß doch! Ich verbinde Sie, Herr Seibold“, sagte die Referendarin ironisch und gekränkt. Sie stellte das Gespräch zu Dr. Seibold durch. „Ihr Herr Vater!“ sagte sie und fügte in Gedanken hinzu: der alte Grobian!
„Schalte mal das Dingsbums, dein Tonbandgerät ein“, befahl Florian Seibold seinem Sohn. „Ich habe wichtige Informationen in der Sache Faber für dich.“
„Wo warst du den ganzen Morgen, Vater? Ich habe zweimal bei dir angerufen. Frau Ansbach sagte, du hättest in einem merkwürdigen Aufzug das Haus verlassen.“
Florian Seibold gluckste. Wurde jedoch sogleich wieder ernst. „Darüber will ich mit dir sprechen. Bist du soweit, Egbert? Ich möchte mich nicht wiederholen müssen.“
„Gerät ist eingeschaltet.“
„Also, hör zu! Du weißt, daß Eva bei ihrem Anruf Sandra gegenüber von einem schrecklichen oder schlimmen Erlebnis sprach, über das sie mit Rainer reden müsse. Ich will, daß du die Kripo mit Nachdruck auf diese Aussage hinweist und verlangst, daß sie in dieser Richtung Ermittlungen aufnehmen.“
„Aber das hat die Kripo doch längst getan!“
„So, hat sie das? Und weshalb sitzt Rainer immer noch ein, und der vermutlich wirkliche Täter räkelt sich frei bis mittags in seinem Bett?“
„Woher weißt du, daß er das tut?“
„Weil ich draußen in Harting war. Dort wohnt der Bursche. Ich habe mich als Hausierer verkleidet...“
„Um Himmels willen, Vater! Pfusch der Polizei nicht schon wieder ins Handwerk! Das ist jetzt meine Anwaltspraxis. Du riskierst meine Zulassung!“ rief Egbert Seibold bestürzt.
„Wenn ihr alle schlaft, muß ich mich ja rühren, damit ein Unschuldiger endlich frei kommt!“ polterte sein Vater.
„Du nimmst doch nicht im Ernst an, daß die Kripo solche wichtigen Hinweise unbeachtet läßt?“ hielt Dr. Seibold ihm vor. „Ich bitte dich, halte dich da heraus, Vater! Das scheint eine ganz heiße Sache zu sein.“
„Weißt du Näheres darüber?“ fragte sein Vater hellhörig.
„N... ein.“
„Komm, erzähle! Hat Eva gesprochen?“
„Das weiß ich nicht, Vater. Aber Oberinspektor Friedrich deutete mir an, daß der Haftbefehl gegen Faber vielleicht aufgehoben werden könnte. Es liefen da ein paar Ermittlungen, deren Ergebnis ihn vielleicht entlasten könnte. Der Untersuchungsrichter ist zwar nicht dieser Ansicht. Er hält Faber nach wie vor für den Täter und meint, die eine Sache habe mit der anderen nichts zu tun. Aber du kennst Friedrich. Er ist ein besonnener, fähiger Mann. Leider hat der Richter die besseren Trümpfe in der Hand: die verschwundene Pistole, die Aussage des Augenzeugen...“
„Gerade die solltest du näher beleuchten“, unterbrach ihn sein Vater. „Steht in dem Protokoll, ob der Mann vielleicht eine Brille trägt? In unserem Alter braucht man die. Und der Mann wurde aus dem Schlaf aufgeschreckt. Hat er seine Brille aufgesetzt? Oder konnte er vielleicht gar nicht genau sehen, was im dunklen Hof vor sich ging? Hake da mal nach“, riet ihm sein Vater.
„Die Sache ist überprüft. Der Mann bleibt leider bei seiner Aussage.“
„So, hm!...“ Florian Seibold dachte nach. „Ach, da ist noch etwas! Teile Friedrich mit, daß der Freund von Markus Siebert, ein Rolf Gerold, vermutlich untergetaucht ist. Gerold hat einen Bruder, der wegen Diebstahls unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen wurde. Eine Waffe soll dabei auch eine Rolle gespielt haben. Die Waffe ist verschwunden. Friedrich soll sich mal beim Einbruchsdezernat erkundigen und in seine Ermittlungen unbedingt auch die Brüder Gerold einbeziehen.“ Egbert Seibold lachte halb ärgerlich, halb belustigt. „Wärst du mal lieber Kriminalbeamter geworden, Vater! Was meinst du, was Friedrich mir empfiehlt, wenn ich ihm sage, was er tun muß? Er wird mir nahelegen, mich um meine eigentlichen Aufgaben zu kümmern.“
„Sag‚s ihm trotzdem — mit einem schönen Gruß von mir“, verlangte sein Vater.
„Er wird beglückt sein“, meinte sein Sohn ironisch.
„Das ist mir egal. Hauptsache, er weiß Bescheid. Wenn du es ihm nicht sagst, rufe ich ihn an.“
„Schon gut, Vater. Reg dich nicht auf. Es schadet deinem Blutdruck.“
„Seit wann interessiert dich meine Gesundheit?“
„Aber, Vater!“
„Ja, ja, ich weiß, bist ein guter Sohn. Nur entsetzlich dickköpfig- Aber das hast du von mir“, schmunzelte Florian Seibold. „Grüß die Jungen, und selbstverständlich auch deine Frau. Laßt euch mal wieder sehen.“
„Bestimmt, Vater.“
Ja, ja, nächstes Weihnachten, wenn ihr eure Geschenke abholt! dachte Florian Seibold und legte den Hörer auf.