Schreck in der Morgenstunde
Sandras Wecker klingelte stets um sieben Uhr früh.
Vorher wachte Sandra nicht auf. Und selbst dann hatte sie Mühe, sich aus dem Bett zu schwingen — wobei torkeln vielleicht die richtigere Bezeichnung war.
Daß sie an diesem Morgen eine halbe Stunde vor der Zeit die Augen aufschlug und auch noch hellwach zu sein schien, hielt Sandra für ein schlechtes Zeichen.
Vermutlich hatte ihr bohrendes Gewissen ihre Nachtruhe vorzeitig beendet.
Gestern abend war sie zuversichtlich gewesen, sich mit Joschi versöhnen zu können. In der nüchternen Helle des Morgens erschien es ihr nicht mehr so sicher, daß er ihr mit den Matheaufgaben aushalf.
So kurz vor den Zeugnissen eine Fünf in Mathe zu riskieren, wenn man bereits in Deutsch schlecht stand, war ein dicker Hund, wie Sandra sich selbstanklägerisch eingestand. Vielleicht hätte sie doch besser auf den Fernsehfilm verzichtet. Er hatte Überlänge gehabt, war erst nach elf Uhr zu Ende gewesen, so daß sie vor Müdigkeit nicht einmal mehr zum Durchlesen des Biotextes gekommen war. Und ihre Freundin Dorothee, auf die sie in Notzeiten zurückgreifen konnte, wenn Sandras und Joschis Beziehungen eingefroren waren, was gelegentlich vorkam, war vor einigen Monaten mit ihren Eltern in eine andere Stadt verzogen.
Vielleicht sollte sie die Schule schwänzen?
Doch mit welcher Begründung?
Ihre Mensis hatte sie gerade erst gehabt. Und Faulfieber ließ ihre Mutter nicht gelten.
Sandra hörte ein Geräusch in der Wohnung und setzte sich auf. Da war ja noch jemand vorzeitig aufgestanden! Oder bereitete ihre Mutter das Frühstück? Früher, als Sandra und Rainer noch kleiner waren, hatte sie das jeden Morgen getan.
Wenn sie um fünf Uhr früh von der Nachtschicht heimkam, ging sie nicht zu Bett, sondern wirtschaftete leise wie ein Wichtel in der Küche. Sie bügelte Wäsche, putzte Fenster, besserte Kleider aus, putzte Gemüse und kochte das Mittagessen vor.
Um viertel nach sieben weckte sie Sandra und Rainer. Und dann brauchten die Geschwister sich nur an den gedeckten Tisch zu setzen. Das Brot war getoastet. Eier gekocht, Tee aufgebrüht, und die Pausenbrote lagen eingewickelt neben ihren Frühstücksbrettchen.
Erst wenn Sandra und Rainer aus dem Haus gegangen waren, legte ihre Mutter sich schlafen.
Sandra seufzte, als sie daran dachte. Eine schicke Sache war das gewesen.
Aber dann hatte ihre Mutter im vorigen Jahr die Unterleibsoperation gehabt, von der sie sich nur langsam erholte. Da hatte Rainer gemeint, Sandra und er seien jetzt alt genug, um sich selbst zu versorgen. Und er schlug vor, daß ihre Mutter zu Bett gehe, wenn sie von der Nachtschicht heimkam. Sandra hatte sich maulend gefügt.
Doch heute schien ihre Mutter aufgeblieben zu sein! Vielleicht lag‚s am Wetter. Vielleicht konnten alle Leute nicht schlafen. Prima! Sie würde ihre Mutter bitten, ihr die Matheaufgaben zu erklären, um sie in der großen Pause in ihr Heft einzuschreiben. Mathe war erst in der dritten Stunde dran.
Sie stand rasch auf.
Doch als sie in die Küche kam, deckte Rainer den Tisch. Er stand am Schrank und holte die Tassen und Unterteller heraus. „Wieso bist du schon auf?“ fragte sie ihn.
„Was willst du denn schon hier?“ fragte er zurück und reckte sich nach dem Zuckerstreuer.
„Ist meine Uhr stehengeblieben?“
„Weiß ich nicht.“
„Ich habe erst kurz nach halb sieben.“
Rainer ging nicht näher darauf ein, sondern sagte lediglich: „Geh ins Bad oder leg dich noch mal hin. Ich mache dir dein Frühstück, und dann verschwinde ich.“
Sandra rieb ihren Rücken an der Türverkleidung. „Weshalb? Weshalb gehst du so früh?“
Rainer stand immer noch am Schrank mit dem Rücken zur Schwester. Er antwortete nicht.
„Was suchst du denn?“ fragte Sandra.
„Nichts! Jetzt geh endlich ins Bad!“ brüllte er mit dem Gesicht zwischen den offenen Schranktüren.
„He!“ Sandra ging zu ihm und boxte ihn in die Seite. „Wohl übergeschnappt? Schrei mich nicht...“ Sie unterbrach sich erschrocken, denn Rainer hielt sich mit einem Schreckenslaut die Stelle, an der Sandra ihn getroffen hatte.
Sandra bückte sich unter seinem Arm hindurch und blickte Rainer ins Gesicht. Was sie sah, entsetzte sie. „Rain! Was ist passiert? Was hast du gemacht?“
Er hielt ihr den Mund zu. „Du weckst Mutter auf!“
„Das ist ja schrecklich! Wie du aussiehst! Dein Gesicht ist ja ganz blau und verschwollen“, jammerte Sandra erstickt in seiner Handfläche.
„Sag bloß Mutter nichts.“
„Was darf eure Mutter nicht wissen?“ fragte Frau Faber an der Küchentür.
Die Geschwister fuhren erschrocken herum.
„Mein Gott, Rainer! Junge! Hast du einen Unfall mit dem Moped gehabt?“ sorgte sich ihre Mutter.
„Seine Mühle ist doch kaputt“, erinnerte Sandra.
„Ich habe mich gestern abend mit ein paar Typen angelegt“, berichtete Rainer widerstrebend.
„Warst du denn noch weg?“
„Er ging Zigaretten ziehen“, sagte Sandra.
„Sei du endlich still! Laß Rainer erzählen“, schalt Frau Faber. „Laß mal sehen, Junge. Das muß man behandeln. Sandra, hol den Verbandskasten aus dem Bad. Am besten, du gehst zu Dr. Meliert, Rainer. Er soll dir ein Attest ausstellen. Die Burschen zeigen wir an. Wer verkehrt denn jetzt bei,Willi4? Schlägereien waren doch sonst nicht üblich in seinem Lokal.“
„Ich war nicht bei ,Willi‚. Also, zuerst war ich da. So bis etwa gegen zehn. Dann bin ich noch in die City gegangen. Im Big Boys ist es dann passiert.“
„Kanntest du die Burschen? Hast du dir ihre Namen gemerkt?“
„Ja, nein...“ Rainer zeigte ein unglückliches Gesicht.
„Aber man schlägt doch niemanden grundlos zusammen. Weshalb hast du dich mit den Burschen angelegt? Warst du betrunken?“ ereiferte sich Frau Faber.
Rainer schüttelte unwillig den Kopf.
Sandra brachte den Verbandskasten.
„Macht doch nicht so eine Schau“, sagte Rainer und wollte zur Tür hinaus.
Doch Frau Faber hielt ihn zurück. „Bleib hier! Du gehst jetzt ins Bad, Sandra, und machst dich fertig. Sonst kommst du noch zu spät.“
„Ich glaube, ich kann heute unmöglich zur Schule gehen“, meinte Sandra, die sich entschlossen hatte, die Aufregung um Rainer zum Anlaß zu nehmen, die gefürchtete Mathestunde zu umgehen.
„Wieso das?“
„Na, wegen Rainer! Ich bin ganz fertig. Ich könnte mich gar nicht konzentrieren“, behauptete Sandra.
„Komm, komm! Dein Bruder ist ja nicht lebensgefährlich verletzt. Gott sei Dank nicht. Da hast du keinen Grund, dich vor der Schule zu drücken.“
„Will ich ja gar nicht. Ich bin nur so aufgeregt. Ach, bitte, Mama, kann ich nicht mal zu Hause bleiben?“ bettelte Sandra.
„Nein, das kannst du nicht“, erwiderte Frau Faber bestimmt. Sie war eine zierliche, dunkelhaarige Frau von Anfang vierzig, die stets ein bißchen gehetzt und überanstrengt aussah. Die Verantwortung für ihre Kinder, die Notwendigkeit, sie allein zu erziehen, zu ernähren, Hausfrau, Mutter und Familienvorstand in einer Person zu sein, hatten sie vorzeitig verbraucht und müde gemacht. Doch sie gönnte sich nur selten die Wohltat, sich den vielfältigen Anforderungen dadurch zu entziehen, daß sie anstrengende Diskussionen vermied, indem sie den Wünschen ihrer Kinder nachgab.
„Ich gehe ja auch in den Betrieb“, sagte Rainer.
„Willst du wirklich?“ vergewisserte sich seine Mutter zweifelnd. „Halte still!“ Sie behandelte die Platzwunde an seiner Oberlippe mit Kamillensalbe, bevor sie ein Pflaster aufklebte.
„Ich sage, ich sei mit dem Moped gestürzt. Die wissen ja nicht, daß es noch kaputt ist, und mein Kumpel, bei dem ich es stehen habe, hält dicht“, murmelte Rainer durch die Mundwinkel, ohne die Lippen zu verziehen.
„Du bist schön blöde, wenn du nicht blaumachst. Ich würde mich von Dr. Meliert krank schreiben lassen“, sagte Sandra.
Ihre Mutter deutete zur Tür. „Mach dich fertig, Sandra.“ Sandra stürmte wütend hinaus und knallte die Tür ins Schloß. Sie besann sich jedoch, kam zurück und öffnete die Tür. Ließ auch die Badezimmertür offenstehen, um nichts von dem zu verpassen, was Rainer erzählte. Sie beschloß, Joschi damit zu ködern. Ihrem Bericht von einer dramatischen Schlägerei würde er nicht widerstehen. Und wenn sie ihn erst einmal so weit hatte, daß er mit ihr sprach, war es nicht mehr schwer für sie, die Matheaufgaben aus ihm herauszulocken.
„Der Bluterguß unter deinem Auge sieht böse aus, Rainer“, stellte die Mutter besorgt fest. „Wir sollten die Burschen wirklich anzeigen. Du hättest dein Auge verlieren können.“
„Das geht nicht, Mutter“, wehrte Rainer ab. „Es war ja nicht einfach nur eine Schlägerei. Es ging um ganz was anderes. Ich war nicht einfach nur so im Big Boys.“
„Ach...? Dann war es wegen Eva?“ fragte Frau Faber.
Rainer knurrte nur.
„Das gefällt mir nicht, Rainer. Wegen eines Mädchens prügelt man sich nicht. Das ist kein Mädchen wert.“
„Ist doch meine Sache!“ fuhr Rainer auf.
„Ich mag Eva ja auch“, sagte seine Mutter einlenkend. „Aber wenn sie dich in solche Sachen hineinzieht...! Es gibt noch so viele andere Mächen
Rainer unterbrach sie. „Ist doch eine wie die andere. Wenn du ihnen nichts bieten kannst, laufen sie dir davon.“ Er schlüpfte aus seiner Pyjamajacke. „Reib mir noch eben die Schulter ein. Aber mach bitte schnell, ich muß mich beeilen.“ Frau Faber betrachtete besorgt den Bluterguß. „Es wäre mir doch lieber, wenn Dr. Meliert sich das ansähe. Möchtest du nicht bei ihm Vorbeigehen?“ bat sie ihren Sohn.
„Ja, gut, heute abend, wenn ich vom Dienst komme. Übrigens, kannst du mir fünfzig Mark borgen, Mutter? Mein Kollege will sich heute abend um mein Moped kümmern. Ich glaube, ich brauche ein paar Ersatzteile, und für seine Arbeit muß ich ihm auch was geben.“
Frau Faber nickte. „Mach dich fertig. Ich richte inzwischen euer Frühstück. Ach, Rainer...!“
Rainer drehte sich an der Tür um.
„Die Tarifverhandlungen sind gelaufen. Ab Oktober kriegt der öffentliche Dienst sechs Prozent mehr. Ich hörte es in den Spätnachrichten. Dann brauchst du nicht mehr soviel zum Haushalt beizusteuern.“
Rainer wurde rot. „Mutter! Die Miete ist erhöht worden. Die Krankenversicherung kassiert auch wieder mehr...“
Frau Faber fiel ihm ins Wort. „Wir kommen aus! Aber ich möchte nicht, daß sich eine solche Schlägerei wiederholt. Ich finde es schlimm, wenn ein Junge mit den Fäusten Eindruck auf ein Mädchen machen muß. Und ein Mädchen, das so etwas zuläßt oder herausfordert, gefällt mir nicht für meinen Jungen.“
„Was redest du denn da?“ sagte Rainer wütend.
Doch seine Mutter ließ sich nicht beirren. „Ich weiß, Geld ist nicht alles, Rainer. Doch wenn man keins hat, fühlt man sich ziemlich minderwertig. Ich kenne das von mir. Und du arbeitest ja. Es steht dir also zu. Sobald feststeht, wieviel wir künftig netto mehr haben werden, entwerfen wir einen neuen Finanzplan. Es wird schon so viel für dich übrigbleiben, daß du deine Freundin auch mal zum Abendessen einladen kannst.“
„Ich habe keine Freundin“, sagte Rainer. „Ich will auch keine mehr. Deshalb brauchst du kein schlechtes Gewissen zu haben. Außerdem... er grinste. „Wenn dein Gehalt aufgestockt wird, kriege ich ebenfalls mehr. Ich bin ja auch im öffentlichen Dienst.“
Seine Mutter blickte ihm lächelnd nach.
Doch dann wurde ihre Miene ernst. Sie machte sich Sorgen um Rainer. Er nahm das Leben zu schwer. Vielleicht nahm er es deshalb so schwer, weil es ihm nie leichtgemacht worden war. Seine Kindheit war überschattet gewesen von dem Verlust seines Vaters. Und sie selbst hatte es nicht verstanden, ihm darüber hinwegzuhelfen. Sie hatte im Gegenteil ihren Ältesten mit ihren eigenen Sorgen belastet. Sie hatte ihn ungewollt in eine Beschützerrolle gedrängt, die das Kind überfordern mußte.
Das war ihr in den letzten Wochen klargeworden, als sie erlebte, wie er sich quälte, wie er es nicht verstand, Eva zurückzugewinnen oder sie zu vergessen. Es war normal, daß ein junger Mensch litt, wenn ihm seine erste große Liebe verlorenging. Auch Ältere drohten manchmal an einem solchen Verlust zu zerbrechen. Doch es war unnormal und selbstzerstörerisch, wie Rainer darauf reagierte.
Er blieb tatenlos. Er vergrub sich in seinen Kummer. Er brachte es nicht einmal über sich, darüber zu sprechen. Machte alles mit sich alleine ab. So war er schon als Kind gewesen. Auch damals, als sein Vater seine Familie verließ und untertauchte, um sich auch noch den Unterhaltszahlungen für seine Kinder zu entziehen.
Was hatte sie als Mutter versäumt?
Rainer fühlte sich ständig zurückgestoßen und ungeliebt. Weshalb hatte sie es nicht verstanden, ihn zu einem selbstbewußten, heiteren Menschen zu erziehen? Sie hätte ihm über den Verlust des Vaters hinweghelfen müssen.
Doch kann man einem Kind darüber hinweghelfen?
Sandra hatte es überwunden. Sandra war anders. Sandra setzte sich zur Wehr, wenn man sie angriff. Sie nahm es nicht klaglos hin, daß man ihr weh tat. Sie hielt ihren Feinden nicht die andere Wange hin, wenn man sie schlug, seelisch oder körperlich. Sandra hatte früh erkannt, daß Menschen nicht vollkommen sind, daß sie einander zu quälen vermögen. Es mißfiel ihr. Doch sie fand sich damit ab. Sie zerbrach nicht daran, sondern kämpfte, solange sie glaubte, daß es sinnvoll war.
Rainer hatte nie gekämpft. Es mußte ihn schlimm getroffen haben, wenn er sich dazu hinreißen ließ, sich mit den Fäusten zu verteidigen, statt Beleidigungen einzustecken oder zu fliehen, als man ihn angriff.
„Ist mein Pausenbrot fertig, Mama?“ Sandra stürzte in die Küche, das Gesicht kindlich glänzend nach der Behandlung mit Wasser und Seife, mit Wangen, deren frische Farbe nicht einem geschickten Make-up zu verdanken war. Lediglich die blauen Puderschatten auf den Lidern, die getuschten Wimpern und die pinkfarbenen Lippen verrieten, daß Sandra den Kinderjahren entwachsen war, daß sie sich um ihr Aussehen sorgte und einiges daran für korrekturbedürftig hielt.
„Wieso hast du es plötzlich so eilig?“ wunderte sich ihre Mutter. „Setz dich. Iß dein Frühstück.“ Sie nahm die Wärmehaube von der Teekanne, um Sandras Tasse zu füllen.
Doch Sandra wehrte ab. „Ich muß los. Ich hab die blöden Dreisatzaufgaben nicht lösen können.“
„Aha, deshalb vorhin das große Heulen um Rainer. Was willst du jetzt machen?“
„Ich muß Joschi erwischen.“ Sandra steckte ihr Pausenbrot ein, klatschte eine Scheibe auf eine Toastscheibe und biß hinein. „Tschüs!“
„Komm heute mittag pünktlich. Es gibt Reibekuchen!“ rief ihre Mutter ihr nach.
Sandra blieb stehen. „Ist ja optimal! Kann ich Joschi mitbringen?“
„Auch das.“
Sicher ist sicher, dachte Sandra, während sie die Treppe hinunterlief. Sie fühlte sich Joschi gegenüber so schuldig, daß ihr kein Opfer groß genug erschien, um ihn zu versöhnen. Und wenn er ihr tatsächlich half, hatte er die Belohnung auch verdient.
Joschi stand auf Reibekuchen, genau wie Sandra. Bloß, daß Joschis Mutter nie Reibekuchen machte, oder höchstens aus fertigen Kartoffelflocken. Sie war ganztägig berufstätig und hatte nie Zeit. Sandras Mutter hatte auch keine Zeit. Dennoch bereitete sie den Reibekuchenteig aus frischen rohen Kartoffeln, die sie eigenhändig rieb, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte.
Als Sandra auf die Straße kam, sah sie Joschi bereits zur Schule gehen. Sonst wartete er morgens auf sie. Heute war er allein losmarschiert. Sandra hatte es befürchtet. Dennoch war sie gekränkt.
Doch dann bemerkte sie, daß Joschi trödelte. An der Ecke blickte er sich um. Also wartete er auf Sandra, war nur zu stolz, das einzugestehen und ließ sie glauben, daß er böse mit ihr sei. Sandra rannte ihm nach.
Hinter der Straßenecke prallte sie fast mit ihm zusammen. Joschi stand vor einem Elektrogeschäft und studierte die Ausläge. Gab er wenigstens vor. Doch Sandra ließ sich nicht täuschen. „He!“ sagte sie fröhlich.
„Hm“, brummte Joschi.
Überwältigend fröhlich klang das ja nicht, stellte Sandra fest. „Was machst du denn hier?“ fragte sie.
„Ich suche einen Bohrer.“
„Was ist ‚n das?“
Joschi deutete auf ein Handgerät mit einem Gewinde an der Metallspitze. „Mein Vater wünscht ihn sich zum Geburtstag“, erklärte er mürrisch. Offenbar war er doch schwerer zugänglich, als Sandra vorhin gehofft hatte.
Sie biß sich auf die Unterlippe. Betrachtete Joschis Spiegelbild in der Glasscheibe der Auslage. Joschi und sie waren gleich groß. Sie trugen fast den gleichen halblangen Haarschnitt — Joschi in Blond, Sandra in Braun — und sie wirkten bei flüchtiger Betrachtung wie Geschwister. Doch während Sandra sich gerne hübsch kleidete, bemängelte sie an Joschi, daß er keinen Wert auf sein Äußeres legte. Schrecklich, das schmuddelige T-shirt, das er wieder an hat, dachte sie. An seiner rechten Sandale fehlte seit Wochen die Schnalle. Joschi hatte sie durch einen Bindfaden ersetzt. Heute trug er seine alten Segeltuchschuhe, die seitlich zerschlissen waren. Kein Vergleich zu Mischa!
Es kam Sandra nicht in den Sinn, daß sie selbst auch nur deshalb so appetitlich-sauber wirkte, weil ihre Mutter ihre Sachen wusch und pflegte. Joschis Mutter hingegen kümmerte sich nicht darum, wie ihr Sohn gekleidet ging.
„Es ist zehn vor acht“, mahnte Sandra und wandte sich zum Gehen.
Joschi kam mit.
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her.
„Wie fandste denn die Dreisatzaufgaben?“ fragte Sandra schließlich vorsichtig-tastend.
Joschi zuckte die Schultern. „Es ging.“
„Ich fand sie gemein.“
Joschi streifte Sandras Gesicht mit einem forschenden Blick. „Was haste denn gestern gehabt?“
Sandra gab sich zunächst einmal unschuldig. „Wieso?“
„Du weißt schon.“
Sandra hob die Schultern. „Oooch! Eigentlich nichts. Ich fand‚s langweilig im Schwimmbad. Ist doch auch dämlich, nicht, daß sie jetzt schon die kleinen Möpse an die Ping-pong-Platten ranlassen.“
„Dagegen kannst du nichts machen. Wenn sie zahlen...!“
Mischa fuhr mit einem Freund zwischen dem Autopulk auf die Ampel zu. Er besuchte ebenfalls die Gutenberg-Schule, war allerdings eine Klasse höher. Er blickte auf dem Moped zurück, als er halten mußte, weil die Ampel auf Gelb umsprang.
Ausgerechnet! dachte Sandra. Immer traf er sie mit Joschi an. Doch wann war sie einmal nicht mit Joschi zusammen? Außer in den Unterrichtspausen, wo die Mädchen und Jungen gewöhnlich getrennte Gruppen bildeten.
Ich muß Mischa darüber aufklären, daß das nichts zu bedeuten hat, damit er nicht denkt, ich gehe mit Joschi, beschloß Sandra. Doch sie versagte es sich, zu ihm hinüberzublicken, um Joschi nicht erneut zu verärgern.
Die Frage, wie sie später, wenn sie mit Mischa einig geworden war, diese Freundschaft vor Joschi verheimlichen könnte, schob sie zunächst einmal von sich. Denn seltsamerweise mochte sie Joschi nicht verlieren. Sie wollte beide behalten: Joschi als Freund, auf den sie in Notzeiten bauen konnte. Und Mischa als Freund Nummer eins, mit dem sie ins Kino gehen würde und so. Sie hatte allerdings den leisen Verdacht, daß die Jungen mit dieser Regelung nicht einverstanden wären. Jungen benahmen sich darin komisch. Nun, man würde sehen.
Jungen und Mädchen aus Sandras Klasse wechselten während der Grünphase für Fußgänger die Straßenseite und kamen auf sie zu. Die Gutenberg-Schule befand sich in der nächsten Querstraße.
„Brauchst du mein Heft?“ fragte Joschi. Es bedurfte für beide keiner Erläuterung, welches Heft gemeint war.
„Hast du alle Lösungen?“ fragte Sandra glücklich.
Joschi nickte. „Ob sie richtig sind, weiß ich nicht.“
Sie waren bestimmt alle richtig. Sandra wäre bereit gewesen, darauf zu schwören.
Sie blieben vor einem Textilgeschäft stehen, wandten sich der Auslage zu, und Joschi zog aus seinem Bücherpacken das Matheheft hervor.
Sandra verstaute es rasch zwischen ihren eigenen Schulsachen. „Du, meine Mutter backt Reibekuchen. Sollst mitkommen“, sagte sie.
Joschi strahlte.
Hübsch ist er ja, der Joschi, da gibt‚s nichts, stellte Sandra wieder einmal fest. Er hatte ein nettes, offenes Gesicht, schöne graue Augen und ein echt sympathisches Lachen. Astrid, die im Haus neben Willis Kneipe wohnte und aufs Gymnasium ging, war ganz wild auf den Joschi. Die eingebildete Ziege! Aber sie kannte ihn auch nicht so gut, wie Sandra Joschi kannte. Wenn er nur nicht so langweilig wäre!
Doch damit tat sie Joschi unrecht. Was Sandra für langweilig hielt, war in Wahrheit nichts anderes als Joschis Schüchternheit. Sie ließ ihn in Sandras Gegenwart verstummen.
Früher war Joschi nie langweilig erschienen. Sandra hatte offensichtlich vergessen, wie ihre Clique, von Joschi angeführt, die Hinterhöfe unsicher machte; wie sie die Anwohner mit ihrem Indianergeheul nervten und ihre Eltern mit ihren Schornsteinfegerspielen auf den Dächern fast in Nervenzusammenbrüche trieben. Sie waren der Schrecken der Landwehrstraße. Später wurden sie die Plage des Stadtparks, in dem sie die Parkwächter verzweifeln ließen, wenn sie auf ihren Fahrrädern immerzu übermütig um sie herumkurvten. — Wo das Fahrradfahren erstens im Stadtpark verboten war, und es sich zweitens nicht gehörte, Parkwächter zu umkreisen, wie der Schuldirektor ihnen vorhielt, bei dem die geplagten Ordnungshüter sich beschwerten.
Erst seit Joschi entdeckt hatte, daß er Sandra liebte, benahm er sich unnormal.
Natürlich hätte Sandra es albern gefunden, wenn Joschi sie jetzt noch zu Indianerspielen aufgefordert hätte. Diesem Alter und allen anderen Streichen fühlte Sandra sich längst entwachsen.
Doch daß er sie ständig mit großen fragenden Glupschaugen ansah, sobald er mit ihr allein war, nahm sie ihm übel. (Die gleichen Glupschaugen zeigte Sandra übrigens selber, wenn sie Mischa begegnete. Doch das wußte sie nicht.)
Sie schien auch vergessen zu haben, daß sie Joschi bei dem unbeholfenen Versuch, sie zu küssen, eine runtergehauen hatte.
Joschi hingegen erinnerte sich nur zu gut daran. Er liebte Sandra nach wie vor. Doch er war vor sich selbst auf der Hut. Daß Sandra sich für Mischa interessierte, war ihm nicht entgangen. Und es machte Joschi nicht gerade fröhlich, daß Sandra einen anderen bevorzugte. Doch sie brauchte ihn. Sie brauchte seine Hilfe bei den Matheaufgaben, von denen sie nichts verstand, nie etwas verstanden hatte. Und solange er ihr dadurch unentbehrlich war, brauchte er Mischa nicht allzusehr zu fürchten. Obwohl ihn die Sache natürlich trotzdem ärgerte.
Sandra war ein prima Mädchen. Und er war gerne bei ihr zu Hause. Ihre Mutter, die Frau Faber, das war eine fabelhafte Frau. Lud ihn immer wieder zum Mittagessen ein. Mal backte sie Reibekuchen, mal Preiselbeeromeletten. Sandras Großmutter, die einem alten Rechtsanwalt draußen vor der Stadt den Haushalt führte, war genauso große Klasse. Sie steckte ihnen manchmal Taschengeld zu. Joschi genauso wie Sandra.
Und auf das alles sollte er künftig verzichten? Nur wegen diesem Mischa...?
„Also dann, bis heute mittag“, sagte Sandra zu Joschi. Sie waren in Begleitung der Klassenmeute am Schultor angelangt. Joschi hielt Sandra zurück. „Schieb mein Heft unter meine Sachen, wenn du fertig bist. Aber laß dich nicht wieder von Dagmar an meiner Tasche erwischen. Wir sollten sie überhaupt als Klassensprecherin abwählen.“ Damit ging er auf seinen Tischnachbarn zu.
Sandra riskierte rasch einen Blick über den Schulhof. Mischa stand in einer Gruppe älterer Mädchen und Jungen. Auf dem Schulhof waren die unteren Klassen Luft für ihn. Trotzdem ging Sandra, hüftenwiegend, langsam an der Gruppe vorbei, wobei sie hoffte, daß er sie bemerkte und ihr nachblickte.
Ob sie Mischa wieder im Schwimmbad traf? Zu dumm, daß sie Joschi zum Mittagessen eingeladen hatte. Sie mußte versuchen, ihn anschließend loszuwerden.
Dann fiel ihr ein, daß Mischa am Nachmittag nicht ins Schwimmbad kommen konnte. Am Anschlagbrett hing ein Zettel, der die Pfadfinder ins Jugendheim bestellte. Sandra überlegte, ob sie nicht auch den Pfadfindern beitreten sollte. Dann wäre sie am Wochenende immer mit Mischa zusammen. Freitag nachmittag traf sie ihn gewiß im Supermarkt, wo er sein Taschengeld mit Regaleauffüllen aufbesserte. Da würde sie Mischa fragen, wie man es anstellte, in die Pfadfinderschaft aufgenommen zu werden.
Das war überhaupt die Idee, um mit ihm ins Gespräch zu kommen.
Daß sich an diesem Abend etwas ereignen sollte, das Sandras Gedanken und Aktivitäten in eine völlig andere Richtung drängten, ahnte sie nicht.