Kapitel 40
Wenn die Nacht kommt und der Reisende hinaufblickt zu den Sternen, sollte er nicht an den Tag denken, der vor ihm liegt, sonst vergisst er das, was ist, und wird stets nur dem folgen, was sein könnte.
Jonaddyn Flerr, Die Fürstentümer und Provinzen der vier Königreiche, Band 2
»Mein armer kleiner Fürst.«
Craymorus öffnete die Augen. Er hatte geschlafen. Instinktiv griff er nach seinen Krücken, doch seine Hand fand nur Fels. Er setzte sich auf.
Mellie stand vor ihm, nackt, umgeben von ihren Magiern und einem Mann, den er noch nie gesehen hatte.
»Was machst du denn nur hier?«, fragte sie. »Meine Welt ist nichts für dich.«
Er wandte den Blick von ihr ab. Adelus stand neben ihr, lächelnd, arrogant, das Ebenbild seines Vaters.
»Geh«, sagte Craymorus. »Noch ist es nicht zu spät.«
»Geh du doch, Bruder.« Adelus lachte. Seine Stimme hallte von den Wänden wider. »Kriech davon. Die Erwachte hat recht. Ihre Welt ist nichts für dich. Du bist zu schwach, um an ihrer Seite zu herrschen, das hast du uns allen gezeigt.«
Milus legte ihm die Hände auf die Schultern. »Lass ihn in Ruhe. Er kann nichts für seine Schwäche.«
Craymorus war überrascht über das Mitgefühl, das er in den Worten seines Vaters hörte. Er wünschte, er hätte aufstehen können, um ihm gegenüberzutreten. Doch er konnte nur die Arme ausbreiten.
»Das ist ihre Welt«, sagte er. »Seht euch um. Betrachtet sie. Worüber wollt ihr hier herrschen? Über den Fels?«
Mellie ging in die Hocke. »Die Welt wird sein, was immer wir wünschen. Der Magie ist es bestimmt, über das Leben zu herrschen, so wie der Mensch über einen Acker herrscht. Er kann bestimmen, was darauf wächst.«
»Nur, dass wir auch die Dürre und den Regen bringen«, sagte Adelus.
Craymorus schüttelte den Kopf. »Du bist nicht wie sie. Du bist lebendig. Du und die anderen, ihr seid Proviant, nicht mehr.«
Mellie stützte die Hände auf seine Knie. Schmerz schoss durch seine Beine. Er wollte den Schrei unterdrücken, aber das gelang ihm nicht.
»Halt den Mund, kleiner Fürst.« Sie nahm die Hände weg und drehte sich zu den Magiern um. »Tanzt, meine Freunde. Wir haben einen König zu töten. Cascyr glaubt, dass seine lächerliche Armee über die Welt herrschen wird. Wir werden ihm zeigen, dass er sich irrt.«
Sie sah Craymorus an. Der Blick aus ihren leeren Augen schickte ihn an den Rand des Abgrunds.
»Du hattest früher Angst vor Cascyr«, sagte er, während die Wellen des Schmerzes langsam abebbten.
»Seine Garde hätte mich erkennen können, bevor ich bereit war.« Hinter ihr begannen die Magier zu tanzen. »Ich erwache seit Jahrhunderten. Wahrscheinlich hatte ich Glück, dass die Menschen so viel Magie aus der Welt zogen, bis sie ganz verschwand, sonst wären noch andere erwacht, die mir meinen Platz hätten streitig machen können.« Sie atmete tief ein. »Die Welt riecht so rein an diesem Ort. Ich glaube, wir sind hier einst gestorben, aber ich weiß es nicht mehr. Es ist so lange her.«
Mellie schien sich in Gedanken zu verlieren. Craymorus bemerkte, dass der Fremde als Einziger außer ihr nicht tanzte.
»Aber wir sprachen über Cascyr«, sagte Mellie nach einem Moment. »Nein, ich habe keine Angst mehr vor ihm. Er ist ein Nichts. Aber du …«, ihre Blicke rissen seinen Geist auf wie Klauen, »… hast immer noch Angst vor mir.«
Er lächelte. »Ja.«
»Also was machst du hier?«
»Dich aufhalten.« Es hatte keinen Sinn zu lügen. Sie kannte ihn zu gut.
Er hatte geglaubt, Mellie würde lachen, dieses leere Geräusch, das ihm mehr Angst einjagte als alles andere, aber sie schüttelte nur den Kopf und stand auf.
»Töte ihn, Daneel«, sagte sie zu dem Fremden.
Daneel nickte. Er sah Craymorus an. »Leg bitte die Hände um deinen Hals und erwürg dich.«
Magie knisterte. Craymorus spürte ihr Kribbeln.
Daneel wiederholte den Befehl lauter, dann sprach er ihn ein drittes Mal. Er hatte keine Zähne. Craymorus erinnerte sich an den Gaukler, von dem Ana gesprochen hatte.
Daneel drehte sich um. »Erwachte, irgendetwas stimmt nicht.«
Es ist so weit, dachte Craymorus. Er streckte die Hand aus, riss die Magie aus Daneel heraus.
Die Magier unterbrachen ihren Tanz, als sie Schreie hörten, Mellie fuhr herum.
Daneel wurde vom Boden hochgerissen, zitternd, zuckend. Sand rieselte aus seinem Mund, prasselte auf Craymorus und verschwand in seinen Poren. Daneel wurde durchsichtig. Seine Schreie hallten nach, als sein Körper schon längst verschwunden war.
Mellie neigte den Kopf. »Interessant.« Mit einem Fingerschnippen befahl sie einen der Magier zu sich. »Bring ihn um.«
Der Mann ballte die Hand zur Faust und schloss die Augen. Funken stoben von seinen Fingern auf, wurden zu Flammen, formten sich zu etwas, das wie ein brennender Pfeil aussah. Er holte damit aus und warf ihn Craymorus entgegen.
Der Pfeil verschwand. Mit einem Aufschrei brach der Magier zusammen.
Craymorus spürte seine Magie in sich, fühlte die Stärke, die Macht.
»Du kannst all das«, sagte Mellie zweifelnd, »nur aufstehen kannst du nicht.«
Er schüttelte den Kopf. »Ich muss nicht aufstehen können, um dich aufzuhalten.«
Sie drehte sich um. »Jemand hilft dir. Du bist nur der Köder.« Die Magier sahen sich ebenfalls um.
Craymorus nickte Adelus zu, als dessen Blick ihn traf. »Flieh, Bruder«, sagte er, »oder du wirst sterben.«
»Ich werde niemals sterben. Das hat die Erwachte ver…«
»Wo ist er?« Mellie schien nicht zu hören, was Adelus sagte. »Wo ist der Magier, der dir hilft?«
»Da ist niemand.«
»Ich habe dich was gefragt!« Ihr Tritt traf sein Bein. Tränen schossen ihm in die Augen. Er schrie.
»Fürst?«, rief eine Stimme in die Höhle hinein.
Korvellan.
»Bleib zurück!«, schrie Craymorus. Verschwommen sah er, wie Mellie sich umdrehte. Sie bewegte die Hand, als wolle sie nach einem Krug greifen, und Korvellan hing vor ihr in der Luft.
Er hielt ein Schwert in der Hand und bohrte es so schnell in ihren Körper, dass Craymorus die Bewegung kaum wahrnahm.
Mellie schrie und schleuderte Korvellan durch die Höhle. Dann streckte sie die Hand aus, legte sie auf Adelus' Kopf.
»Nein!«, schrie Craymorus.
Er stürzte sich auf ihre Magie, entriss sie ihr in immer größer werdenden Strömen. Doch er war zu langsam, und sie war zu stark.
Adelus fiel als Erster, leer und ausgesaugt, dann brachen die anderen Magier zusammen, zuletzt sein Vater.
Mellie drehte sich zu Craymorus um. Ihre Augen waren schwarz, ihr Gesicht starr und bleich wie eine Totenmaske.
»Du?«, fragte sie mit einer Stimme, die alles Menschliche verloren hatte. »Du?«
Er antwortete nicht. Seine Magie griff in sie hinein. Höhlte sie aus.
Sie begann um sich zu schlagen. Felsen platzten auf, als ihre Fäuste sie trafen, die kalte symmetrische Welt zerbarst unter ihrer Wut.
Craymorus trank ihre Magie, kratzte sie aus ihr heraus, schabte sie von ihrem Geist, während sie schrie und kreischte und der Fels um sie herum zerplatzte.
Und dann war es vorbei.
Mit einem letzten Rascheln verwehte sie im Nichts.
Craymorus lehnte den Kopf gegen die Felsen. Die Magie in ihm tobte, verlangte nach mehr, so wie die Meister vorhergesehen hatten. Er öffnete sich, breitete die Arme aus und ließ es geschehen.
Sand drehte sich im wilden Wirbel, wurde von den Felsen hochgerissen, schoss aus dem Wasser des Bachs. In riesigen Wolken wie wütende Insektenschwärme prasselte er auf ihn nieder, erstickte seine Welt, bis es nur noch den Sand gab, nur noch die Magie.
Stille.
Sie dröhnte in seinen Ohren.
Craymorus öffnete die Augen. Alles war neu. Die Welt um ihn herum bestand aus Formen, wie er sie nie zuvor gesehen hatte, doch er verstand ihre Bedeutung, das Spiel ihrer Farben, die Klarheit ihrer Linien, den Humor ihrer Winkel und Säulen.
»Fürst?«
Korvellan stand neben dem Eingang, ein Fremder, hässlich, stinkend und gedrungen in dieser perfekten Welt. Der Laut seines Herzschlags störte die Stille.
»Ich bin mächtiger, als sie es je war«, sagte Craymorus. »Ich verstehe ihre Welt. Ich sehe alles.« Er ließ die Hand durch das klare Wasser des Bachs gleiten. »Er ist unendlich tief. Die Magie steigt aus ihm empor. Mellie …« Er lachte. »Sie wusste das nicht. Sie dachte, die Magie entspringe aus den Vergangenen. Wie arrogant. Die Magie kommt aus der Unendlichkeit, und ich verstehe sogar, was das bedeutet. Unendlichkeit. Nichts. Ich verstehe alles. Ich sehe die Welten, wie sie sind.«
Korvellan sah ihn an. Craymorus wusste, was er sagen würde, bevor er es tat. »Wenn Ihr all das könnt, wieso steht Ihr dann nicht auf?«
»Ich kann es nicht.« Craymorus legte die Hände auf seine Beine. »Wenn ich es täte, wenn ich mir selbst nur etwas von dem gönnen würde, was in mir ist …« Er zögerte. »Wo sollte ich dann die Grenze ziehen? Beim Gehen, beim Ende der Schmerzen, dem aller Schmerzen, beim Altern, dem Tod? Und was dann? Ich könnte andere retten, entscheiden, wer lebt und wer stirbt, Könige erschaffen oder stürzen, die Welten beherrschen.«
»Ihr wärt ein Ungeheuer«, sagte Korvellan.
»Ich wäre das Schlimmste, was je existiert hat.« Craymorus machte eine Pause. »Und deshalb muss ich tun, um was die Meister mich gebeten haben, bevor ich nicht mehr loslassen kann.«
»Was?«
Craymorus spürte, wie die Magie durch seinen Körper raste. Ich will sie behalten, dachte er. O bei den Göttern, die es nie gab, was würde ich nur geben, um sie zu behalten.
Seine Gedanken kreisten zwischen den Sternen, sein Geist erfasste die Unendlichkeit und das, was jenseits von ihr lag.
Nur noch einen Moment, dachte er, nur einen winzig kleinen Augenblick.
»Um was haben Euch die Meister gebeten?« Korvellans Stimme riss ihn aus der Unendlichkeit zurück.
Jetzt.
»Die Welt zusammenzufügen.«
Mit einem Ruck verschwand der Bach. Die beiden Seiten schlossen sich. Es knirschte und donnerte in den Wänden, ein tiefes Grollen drang aus dem Boden.
Craymorus riss den Mund auf, sog gierig die Luft ein, glaubte ersticken zu müssen, als er die Leere in sich spürte. Er schluchzte, ballte die Hände zu Fäusten, öffnete sie, presste sie gegen den Kopf.
Ich verliere den Verstand.
»Was soll das heißen, die Welt zusammenfügen? Was habt Ihr getan?« Korvellans Stimme holte ihn erneut zurück.
Craymorus öffnete die Augen. »Das Einzige«, sagte er zwischen tiefen Atemzügen, »was die Welt für immer von etwas wie mir befreien wird.«
Etwas traf ihn. Craymorus blinzelte und blickte auf den Speerschaft, der aus seiner Brust ragte.
Sein Kopf sackte nach unten. Er wollte ihn heben, aber ihm fehlte plötzlich die Kraft dazu.
Er hörte einen Schrei, dann spürte er Hände, die sich ihm auf den Rücken legten. Da war Schmerz in seinen Beinen, aber er störte ihn nicht mehr.
Er sah den Jungen aus dem Folterkeller, halb Mensch, halb Nachtschatten, tot am Boden liegen.
Ich konnte die Welt zusammenfügen, aber nicht dich, dachte er. Es tut mir leid.
»Ich habe ihn nicht rechtzeitig gesehen«, sagte Korvellan. Das Schwert, das in seinem Gürtel steckte, war blutig.
»Wie war sein Name?«, fragte Craymorus.
»Ich weiß es nicht.« Korvellan setzte sich neben ihn auf den Boden, der unter ihm bockte wie ein Pferd. Steine fielen aus der Decke. Craymorus hörte sie weit hinter sich aufschlagen.
»Du solltest gehen«, sagte er.
»Ich bleibe noch ein wenig.«
Craymorus lachte. Er schmeckte Blut. Der Druck auf seiner Brust ließ nach. »Du hättest mich umgebracht, wenn du davon gewusst hättest.«
»Wahrscheinlich.« Korvellan neigte den Kopf. »Ihr hattet recht, ich unrecht.«
»Ja.« Craymorus lauschte auf das Grollen und Donnern über ihm. Es wurde lauter. Wasser floss über den Boden.
Purvey, dachte er. Der Name des Nachschatten, der ihn gehetzt hatte. Beinahe hätte er Korvellan nach ihm gefragt, doch er spürte, wie das Leben aus ihm wich, und er wollte seine letzten Gedanken nicht an das Ungeheuer aus seinen Alpträumen verschwenden.
»Geh jetzt«, sagte er. Seine Stimme war so leise, dass er erschrak.
»Das werde ich.« Craymorus spürte seine Hand auf der Schulter, roch scharfen Essig. »Du warst mir ein besserer Freund als ich dir, Craymorus.«
Er antwortete nicht. Der Essiggeruch verwehte, als sich seine Augen schlossen.