Kapitel 23

 

Wer Busharan erkunden will, sollte dies auf den kleinen Wegen fernab der Handelsstraße nach Bochat tun. Die Menschen dort werden ihn mit Freude in ihre Hütten einladen und den Geschichten seiner Reisen lauschen, denn Vergnügungen findet man selten außerhalb Bochats. Selbst die Gaukler sind zumeist nur auf der Durchreise.

Jonaddyn Flerr, Die Fürstentümer und Provinzen der vier Königreiche, Band 1

 

Sie hatten Dörrfleisch, Weinschläuche, Eier, getrocknetes Obst und frische Kleidung für die Stute bekommen, zu wenig, wie Craymorus fand, doch er sagte nichts dazu. Er wusste nicht, was ein Pferd kostete oder ein Ei. Auf der Insel der Meister hatte er alles, was er brauchte, gestellt bekommen, in der Festung hatte man ihn bedient.

Sie übernachteten abseits der Straße in einer alten Scheune, dann ritten sie weiter nach Westen. Dank der Kleidung, die sie trugen – einfache Hemden und Hosen und derbe Wämser – sahen sie aus wie Bauern auf dem Weg zum Markt. Craymorus hatte den Streitkolben in einen Sack auf dem Rücken gesteckt, während Korvellan sein Schwert offen am Gürtel hängend trug. Angeblich durften Bauern in Busharan Waffen tragen, auch wenn Craymorus das nicht so ganz glauben konnte. In Westfall wurde das mit dem Tod bestraft.

Gerade wie eine gespannte Schnur führte die Straße gen Westen. Sie ließen die Pferde traben, um schneller vorwärtszukommen. Craymorus gewöhnte sich schnell an den Sattel. Am zweiten Tag spürte er ihn kaum noch. Die Bewegungen des Pferdes wurden ihm immer vertrauter, seine Arme und Beine schienen sich an die wenigen Male zu erinnern, bei denen er als Kind geritten war.

Craymorus betrachtete die Landschaft, die an ihnen vorbeizog. Weiden, Felder, Wiesen, gelegentlich ein Dorf oder ein Wald. Die Hügel, die er sah, waren sanft, die Wolken, die über ihre Köpfe zogen, weder besonders dunkel noch hell, nicht übermäßig groß oder ungewöhnlich klein.

Unauffällig, dachte Craymorus, als sie am Mittag des dritten Tages an einigen Männern vorbeiritten, die auf einem Feld arbeiteten. Sie nickten ihnen zu, Craymorus nickte zurück.

Zweimal war er bereits in Busharan gewesen. Beim ersten Mal war er ein Kind gewesen. Er erinnerte sich an die Krücken, die neben ihm auf dem Boden gelegen hatten, an den Schmerz, der bei jedem Schlagloch durch seine Beine gefahren war, an seine von Blasen bedeckten Hände.

Beim zweiten Mal hatte er neben Rickard in einer Kutsche gesessen. Die Schlaglöcher hatten immer noch geschmerzt, aber seine Hände waren hart geworden, die Schultern stark. Er hatte nach vorn geblickt, in die Zukunft, die ihn erwartete. Busharan war an ihm vorbeigezogen, ohne Eindruck zu hinterlassen.

»Wollt Ihr mich nicht fragen?« Korvellans Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

Craymorus wandte den Kopf. Seit dem Morgen ritten sie nebeneinander, aber es fiel ihm erst in diesem Moment auf.

»Was fragen?«

»Ob ich den Mann kenne, der Euch verkrüppelt hat.« Korvellan sah ihn an. »Und ob ich weiß, weshalb er es tat.« Ja, dachte Craymorus, das will ich, seit dem ersten Schritt dieser Reise. »Nein«, sagte er. »Das will ich nicht fragen. Eine Bestie braucht keinen Grund, um wie eine Bestie zu handeln.«

»Wie Ihr meint.« Korvellan schnalzte mit der Zunge und ritt vor.

Craymorus starrte auf seinen Rücken. Er wollte ihm den Namen, der ihn seit so langer Zeit in seinen Träumen verfolgte, hinterherrufen, doch er schwieg. Korvellan spielte mit ihm. Nicht umsonst hatte er die Bestie als Mann bezeichnet. Er wollte, dass Craymorus die Nachtschatten als Menschen sah, mit guten und schlechten Seiten, mit Fehlern und Stärken, mit Beweggründen für ihr Handeln. Er hatte ihn bereits auf diesen Weg geführt, doch Craymorus würde keinen Schritt weiter mit ihm gehen. Sie hatten nur eine Gemeinsamkeit, ihr Ziel, und dabei würde es bleiben.

Korvellan zügelte sein Pferd und hob die Hand, dann drehte er sich im Sattel um. »Jemand kommt uns entgegen.«

Craymorus hielt neben ihm an. Vor ihnen lag ein schmaler Fluss. Eine Holzbrücke führte darüber. Sie war breit genug für zwei Pferde. Dahinter knickte die Straße nach Süden ab. Dichte Hecken trennten die Weiden auf beiden Seiten von der Straße. Craymorus richtete sich im Sattel auf, aber die Hecken waren zu hoch; er sah nicht, wer ihnen entgegenkam.

»Wir könnten uns in den Feldern verstecken«, sagte er.

»Nein.« Korvellan lauschte mit schräg gelegtem Kopf. »Sie sind zu schnell. Wir müssten sie …«

gleich sehen, hatte er wohl sagen wollen, doch dazu bestand kein Grund mehr.

Craymorus tastete nach dem Streitkolben im Sack auf seinem Rücken, als er die vier Männer sah, die ihm um die Kurve entgegenkamen. Sie rannten. Ihre Füße klatschten laut und rhythmisch auf den Boden, dann hohl auf Holz. Sie waren von einer dicken Staubschicht bedeckt. Schmutz und Schweiß hatten ihre Gesichter in starre Masken verwandelt.

Totenmasken, dachte Craymorus. Seine Finger berührten den Griff des Kolbens.

»Bewegt Euch nicht«, flüsterte Korvellan. Er hielt die Zügel locker in den Händen, obwohl sein Pferd nervös tänzelte. »Erregt keine Aufmerksamkeit.«

Die Männer waren fast heran. Craymorus hätte beinahe gewürgt, als er die blutigen Klumpen an ihren Beinen sah. Er verstand nicht, wie sie auf diesen Füßen gehen oder gar rennen konnten.

So wie du, sagte eine Stimme in seinem Inneren. Er verdrängte sie.

Er bemerkte die staubbedeckten zahnlosen Münder erst, als die Männer auf einer Höhe mit ihm waren. Dann waren sie vorbei. Keiner von ihnen hatte den Blick auf Craymorus gerichtet. Er glaubte nicht, dass sie ihn überhaupt wahrgenommen hatten.

Er sah ihnen nach. Ihre Füße wirbelten Staub auf. Sie rannten so schnell, dass sie hinter den Hecken verschwunden waren, bevor sich der Staub gelegt hatte.

»Was war das?«, stieß er dann hervor.

»Ewige Garde«, sagte Korvellan.

Craymorus sah ihn an. »Das weiß ich auch. Cascyr machte in der Festung keinen Schritt ohne sie.«

»Cascyr war in der Festung?«

»Ja.«

»Wieso?« Korvellan schienen die rennenden Gardisten nicht mehr zu interessieren.

»Er wollte Syrah heiraten.« Craymorus dachte an seinen toten, aufgeschlitzten Diener. »Er bedrohte mich, aber nach meiner …« Er zögerte. Korvellans Blick war dunkel geworden. »… Heirat reiste er ab.« Ihm fiel etwas anderes ein. »Mellie hielt sich von den Gardisten fern. Ich glaube, sie hatte Angst vor ihnen.« Er sah zurück. Die Staubwolke hatte sich gelegt. »Sie suchen nach jemandem, nicht wahr? Aber nach wem?«

»Weder nach Euch noch nach mir.« Korvellan klang nachdenklich, als er sein Pferd auf die Brücke lenkte.

Craymorus blieb neben ihm. Seine Gedanken kreisten um die Gardisten. Sie hatten ausgesehen, als wären sie bereits seit Tagen unterwegs. Ein Zauber musste sie antreiben, sonst wären sie längst zusammengebrochen. Doch Cascyr hatte nicht wie ein Zauberer gewirkt.

»Was weißt du über Cascyr?«, fragte Craymorus.

Korvellan griff hinter sich und trank einen Schluck verdünnten Wein aus einem der Schläuche, bevor er antwortete. »Er war der Bruder des Roten Königs, der dritte in der Erbfolge. Vor dem Krieg munkelte man, er habe seinen älteren Bruder ermordet, um Nummer zwei zu werden. Vielleicht tötete der Rote König seinen Vater, um ihm zuvorzukommen. Wer weiß.« Korvellan schob den Korken zurück in den Schlauch, dann reichte er ihn herüber.

Craymorus schüttelte den Kopf. Er würde nicht aus demselben Schlauch trinken wie ein Nachtschatten. Das wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg gewesen.

»Als der Rote König anfing, Provinzen zu überfallen«, fuhr Korvellan fort, »hielt sich Cascyr zurück. Er wollte es beiden Seiten recht machen, um sich im richtigen Moment auf die des Siegers zu schlagen. Nach dem Hügel der Schande und dem Tod der anderen drei Könige dachte er, dieser Moment wäre gekommen. Er stellte seine Soldaten dem Roten König zur Verfügung. Ohne Fürst Somerstorms Sklavenarmeen – damals hieß er noch Vannag – wäre sein Plan wahrscheinlich aufgegangen. Vannag brachte uns zwanzigtausend Krieger aus dem Südland, aus Hala'nar und von den Inseln. Für den Sieg versprach er ihnen die Freiheit.« Korvellan schüttelte den Kopf, als könne er es immer noch nicht glauben. »Und wir siegten. Cascyr verschwand, doch als die Streitigkeiten unter den Fürsten ausbrachen und jeder versuchte, Macht zu gewinnen, tauchte er wieder auf. Er nannte sich König und behauptete, er könne die Provinzen unter sich vereinen, aber er wurde nur ausgelacht. Damals bekam er den Spitznamen ›König ohne Land‹.«

»Hatte er damals schon die Garde?«

»Nein.« Korvellan blinzelte. Die tief stehende Sonne blendete ihn. »Der Rote König setzte die Ewige Garde als Leibwache ein. Es gab nur wenige von ihnen. Nach dem Ende des Kriegs habe ich sie nicht mehr gesehen.« Er streckte sich. »Warum interessiert Ihr Euch so für ihn?«

»Weil Mellie ihn fürchtete.«

»Nennt sie nicht so«, sagte Korvellan. »Ihr wisst, was sie ist. Gebt ihr den Namen, den sie verdient.«

Craymorus zögerte. Er hat recht, dachte er, aber es fiel ihm schwer, die Wahrheit anzuerkennen, indem er sie aussprach. Etwas Zerstörerisches lag darin.

»Sie fürchtete Cascyr«, sagte er stattdessen. »Wir haben gesehen, zu was sie in der Lage ist, trotzdem hatte sie Angst vor ihm. War sie noch nicht so stark wie jetzt, als er in der Festung war? Wenn ja, durch was ist sie stärker geworden?«

Korvellan sah ihn an. »Sagt bitte, was sie ist. Sprecht es aus.«

»Warum? Wir wissen es doch beide.« Craymorus wollte seinem Pferd die Fersen in die Flanken rammen, doch Korvellan griff ihm in die Zügel. Beide Pferde blieben stehen. »Was soll das?«

Korvellan ignorierte seine Frage. »Seid ehrlich«, sagte er. »Liebt Ihr sie noch?«

»Nein.« Craymorus spuckte das Wort aus.

»Dann sprecht es aus.«

Wieso fällt mir das so schwer?, fragte er sich. Korvellans Blick schien ihn zu durchbohren. Die Abendsonne spiegelte sich in seinen Pupillen.

»Sagt es.«

Craymorus spürte, wie etwas in ihm aufstieg wie eine Flut. Er versuchte sie zurückzuhalten, aber sie war zu stark, hatte zu lange in ihm auf ihren Moment gewartet.

»Sie ist eine Vergangene«, sagte er. Seine Stimme klang ruhig. »Sie ist eine Göttin, die mich als ihr Werkzeug auserwählt hatte.

Ich habe mich von ihrem Licht abgewandt, weil ich ihre Nähe nicht mehr ertragen konnte. Warum? Weil ich zu schwach war? Weil es richtig war? Ich würde gern um diese Erkenntnis beten, aber ich weiß nicht mehr, zu wem.« Er sah zur Seite. »Und jetzt lass bitte die Zügel los.«

Korvellan schien etwas sagen zu wollen, doch dann nahm er die Hand weg und zügelte sein Pferd, um Craymorus vorreiten zu lassen.

Sie ritten bis tief in die Nacht und ruhten sich in einer verlassenen Hütte aus. Niemand sagte ein Wort.

Am nächsten Morgen erreichten sie Bochat.

 

 

Es war ein sonniger Morgen. Nur der Wind, der kühl vom Meer in die Bucht wehte, verriet, dass es Winter war.

Craymorus reihte sich in die Karawanen aus Händlern und Reisenden ein. Karren voller Kisten und Fässer rumpelten an ihm vorbei. Hirten trieben Ziegenherden durch die Straßen, ab und zu sah er Flüchtlinge, die inmitten ihrer Habseligkeiten in Gassen hockten und bettelten. Die Häuser waren zumeist zweistöckig und bestanden aus dunklem Holz. Craymorus sah keine Hütten zwischen ihnen, nur ein paar Verschläge, auf denen Hühner saßen. Überall roch es nach gegrilltem Fisch. Bochat war bekannt für seine Garküchen.

»Seid Ihr hungrig?«

Craymorus drehte den Kopf. Korvellan ritt neben ihm, lenkte sein Pferd mit den Knien. In den Händen hielt er zwei Palmblätter, auf denen frisch gegrillte große Fische lagen.

»Nein«, sagte Craymorus. Sein Magen knurrte.

Korvellan hob die Schultern. »Wie Ihr meint.«

Er sah sich um, dann ritt er zum Straßenrand und lehnte sich zu einigen Flüchtlingen hinunter. Sie verbeugten sich, als er ihnen die Fische reichte. Er wischte sich die Hände an der Hose ab und führte sein Pferd zurück in den Strom der Reisenden.

»Ich esse nicht gern allein«, sagte er auf Craymorus' unausgesprochene Frage.

Die Masten der Schiffe ragten über die Dächer der Häuser und Hütten hinweg. Bunte Fahnen wehten im Wind. Ihre Farben zeigten an, woher die Schiffe kamen und wohin sie fuhren. Die meisten waren gelb-grau. Gelb stand für Bochat, Grau für Zvaran. Er sah einige gelb-rote zwischen ihnen, die für Schiffe standen, die nach Hala'nar fuhren, und eine gelb-blaue.

Craymorus zeigte darauf. »Da ist die Fähre zu den Inseln.«

Korvellan nickte. »Und dahinter ein Seuchenschiff.«

Im hellen Sonnenlicht hatte Craymorus die weiße Fahne nicht bemerkt. Doch nun sah er sie im Wind flattern, abseits von allen anderen. Ihm lief ein Schauer über den Rücken, als er an die Menschen an Bord dachte. Ihnen blieb nur das Warten auf den Tod. Kein Hafen ließ ein Schiff anlegen, auf dem eine Krankheit ausgebrochen war.

Die Straße gabelte sich. Rechts ging es zum Hafen, links weiter hinein in die Stadt. Craymorus zügelte sein Pferd, als eine Gruppe Sklaven an ihm vorbeigeführt wurde. Er zählte über dreißig Männer und Frauen und zahlreiche Kinder. Sie alle waren nackt, man hatte ihnen die Köpfe geschoren und sie in Ketten und Halsringe gelegt. Ihre Blicke waren nach unten gerichtet, ihre Gesichter gerötet. Craymorus sah ihnen ihre Scham an.

Der Sklavenhändler ging an ihrer Spitze, umgeben von Aufsehern, die mit Stöcken und Dolchen bewaffnet waren. Er war jung und dick. Seine dunkle Samtjacke spannte sich über dem Bauch, sein breitkrempiger, fellbesetzter Hut wirkte zu klein für das runde Gesicht. Er hielt eine Stange in der Hand, die eine Armeslänge über seinem Kopf in zwei Metallringen endete, die wie Kettenglieder aussahen. Craymorus wusste, was die Stange bedeutete: Der Händler war bereit, Sklaven zu kaufen.

»Deine Geschäfte müssen gut gehen.« Korvellan sprach aus, was Craymorus dachte.

Der Händler sah auf. »Willst du, dass ich dich kaufe?«, fragte er. Sonnenlicht fiel auf sein Gesicht. Seine grünen Augen waren kalt. Sie musterten Korvellan wie eine Ware. »Ich würde dir einen guten Preis machen, einen, von dem deine Familie sich viele Blindnächte lang sattessen könnte.«

»Ich habe kein Interesse. Mir fiel nur dein Wohlstand auf, das ist alles.«

Craymorus hörte den schneidenden Unterton in Korvellans Stimme. Er unterbrach das Gespräch. »Menschen verkaufen sich selbst als Sklaven?«, fragte er rasch.

Der Händler nickte. Licht und Schatten tanzten über sein Gesicht. »Das hat es immer schon gegeben. Heutzutage sind es vor allem Flüchtlinge, die nicht wissen, wovon sie ihre Familien ernähren sollen. Manche verkaufen ihre Kinder, andere sich selbst. Ich helfe ihnen, wenn ich kann.«

Es lag keine Ironie in seinem Tonfall. Das Klirren und Schleifen der Ketten begleiteten seine Worte wie ein Chor.

»Das sehe ich«, sagte Korvellan mit einem Blick auf die Sklaven. Die Aufseher trieben sie voran, dem Hafen entgegen.

»Sie sind wie Pferde.« Der Händler streichelte den Hals von Korvellans Hengst. »Man muss sie brechen, bevor man sich auf sie verlassen kann.«

Einer der Aufseher nickte. Craymorus sah die Sklavenmale auf seinen Händen und die Tätowierung auf seiner Wange, die ihn als freien Mann auswies. Er war ein ehemaliger Sklave, der die Seiten gewechselt hatte. Craymorus' Blick glitt über die anderen Aufseher. Sie alle waren befreite Sklaven.

»Und wohin verkauft man so viele Sklaven?«, fragte Korvellan. Er wirkte interessiert, sogar freundlich. Nur die geballte Faust auf seinem Oberschenkel verriet seine Wut. Der Händler konnte sie nicht sehen, Craymorus schon.

»Momentan hauptsächlich auf die Inseln. Viele Reiche aus Westfall sind dorthin geflohen, um das Ende des Kriegs abzuwarten. Die meisten haben ihre Sklaven zurückgelassen, aus Angst, es könnten Nachtschatten darunter sein. Jetzt brauchen sie neue.«

Sie näherten sich dem Hafen. Die Luft roch salzig. Craymorus hörte Möwen schreien und Händler rufen. Sie waren kaum voneinander zu unterscheiden.

»Woher wissen sie, dass du ihnen keine Nachtschatten verkaufst?«

Der Händler grinste. Ihm fehlte ein Schneidezahn. »Ich überprüfe all meine Sklaven vor dem Kauf. Die Miliz hat mir gezeigt, wie das geht. Man legt ihnen eine Goldmünze auf die Stirn, und wenn sich das Gold schwarz färbt, ist es ein Nachtschatten. Einfach, wenn man es weiß.«

»Das ist völliger …«, begann Craymorus, unterbrach sich aber. Eine Goldmünze auf der Stirn war besser, als auf der Suche nach dem inneren Fell gehäutet zu werden.

»… eine kluge Idee«, sagte er schnell. Der Händler wirkte geschmeichelt.

Vor ihnen breitete sich der Hafen aus. Ein Dutzend Schiffe lag an den Kaimauern, fünf oder sechs weitere warteten auf einen freien Platz. Träger eilten zwischen Schiffen und Karren hin und her, Kisten hoch über den Kopf gestapelt. Kapitäne standen an den Laufplanken, die zu ihren Schiffen führten, verhandelten mit Händlern und Reisenden über die Preise für eine Überfahrt.

»Wohin seid ihr unterwegs?«, fragte der Händler.

»Zu den Inseln«, sagte Craymorus. Die Fähre lag am Ende der Kaimauer. Er sah, wie Menschen einstiegen und Fässer über die Planken gerollt wurden. Es schien, als würde sie bald ablegen. »Ich glaube, wir sollten uns beeilen.«

Der Händler winkte ab. »Sie wird nicht ohne mich ablegen. Ihr habt Zeit.«

»Wir werden uns trotzdem beeilen«, sagte Korvellan. Er drängte sich auf seinem Pferd an Trägern und Händlern vorbei.

Craymorus folgte ihm, bevor sich die Lücke, die er geschaffen hatte, wieder schloss. Der Händler und seine Sklaven blieben hinter ihnen zurück.

Als sie außer Hörweite waren, drehte sich Korvellan um. »Wenn wir Bestien sind«, sagte er, »wie nennt Ihr dann Menschen wie ihn?«

Er drehte sich zurück, ohne eine Antwort abzuwarten, so als wisse er, dass Craymorus keine hatte.

Neben den Planken, die auf die Fähre führten, sprangen sie von den Pferden. Der Mann, der vor ihnen stand, war alt und bärtig. Er trug einen Strohhut und einen Lendenschurz, sonst nichts. Auf einem kleinen Tisch lagen Beutel voller Münzen. Zwei jüngere Männer, die immer Hosen trugen, bewachten sie mit vor der Brust verschränkten Armen. Zwei Knüppel lehnten am Tisch.

»Zwei Menschen, zwei Pferde«, sagte der alte Mann. »Zwei Goldstücke.« Craymorus sah Korvellan an. Der griff in seine Hosentasche und zog einige Kupfermünzen heraus, die er wahrscheinlich den toten Milizsoldaten im Dorf gestohlen hatte. Craymorus sah, dass es nicht genügend waren.

Korvellan zog ihn zur Seite. »Habt Ihr Geld, mein Fürst?«

Craymorus hätte beinahe gelacht. »Woher denn? In der Festung habe ich nichts gebraucht. Hast du nur die paar Münzen?«

»Ich war Euer Gast. Ihr habt für mein Wohl gesorgt.«

Die Antwort war Craymorus unangenehm. Er ging nicht darauf ein. »Also haben wir nichts?«

»Siebzehn Kupfermünzen, genug für einen gegrillten Fisch.« Korvellans Mundwinkel zuckten. »Aber nicht für zwei.«

»Dann verkaufen wir eben die Pferde.«

Craymorus ging auf den alten Mann zu. Die beiden jüngeren Männer betrachteten ihn aus schmalen Augen.

»Nimm uns mit, und du bekommst unsere Pferde«, sagte Craymorus.

Der alte Mann winkte ab. Seine Hand war groß und knorrig wie ein Baum. »Was soll ich mit Pferden? Ich lebe auf einem Schiff.«

»Dann verkauf sie.«

»Verkauf du sie, und bring mir das Geld. Dann haben wir beide, was wir wollen.«

Die Männer, die hinter dem Tisch standen, lachten. Craymorus fragte sich, wie schnell sie wohl auf den Knien gelegen hätten, wenn ihnen klar gewesen wäre, wer vor ihnen stand.

Sie würden mir nicht glauben, dachte er.

»Will er die Pferde nicht?«, fragte Korvellan.

»Nein.« Craymorus sah den alten Mann an. »Können wir die Überfahrt abarbeiten?«

»Seid ihr Matrosen?«

»Nein.«

Der Mann kicherte. »Dann nicht.«

Korvellan schüttelte den Kopf. »Er lacht uns nur aus. Kommt, wir werden einen anderen Weg finden.«

Er drehte sich um. Craymorus folgte ihm.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Händler mit seinem Tross aus Sklaven und Aufsehern an der Kaimauer entlangging. Er sagte etwas zu einem der Aufseher, dann wandte er sich an Craymorus.

»Gibt es ein Problem?«, fragte er.

»Uns fehlt das Geld für die Überfahrt. Wir müssen zuerst unsere Pferde verkaufen.«

»Gehören die beiden zu Euch, Herr?« Der alte Mann nahm seinen Strohhut ab. Dünne weiße Haarsträhnen klebten auf seiner Glatze.

»Das tun sie.« Der Händler streckte den Bauch vor. Er gefiel sich sichtlich in seiner Rolle. »Ich zahle für ihre Überfahrt. Behandelt sie, so wie ihr mich behandelt.«

»Natürlich, Herr.«

Die beiden jüngeren Männer nickten. »Wie Ihr wünscht, Herr«, sagte einer von ihnen.

»Danke«, sagte Craymorus, während Korvellan schwieg. »Das ist sehr großzügig.«

Der Händler winkte ab, aber sein Gesichtsausdruck verriet, dass es ihm gefiel, gelobt zu werden. »Ich kann auf Überfahrten immer Leute gebrauchen, die auf die Sklaven aufpassen. Gelangweilte Sklaven sind gefährliche Sklaven. Diesen Rat gebe ich euch umsonst. Merkt ihn euch.« Er streckte die Hand aus. »Mein Name ist Slergg Ogivers. Man nennt mich den Prinzen der Sklavenhändler, obwohl ich seit dem Tod von Fürst Somerstorm eigentlich ihr König bin. Aber ihr wisst ja, wie das mit Spitznamen ist. Sie bleiben hängen, und man kann nicht jedem die Zunge rausschneiden, der sie benutzt.« Er lachte.

Craymorus versuchte zu lächeln. Korvellans Gesicht blieb ausdruckslos.