Kapitel 24
Vielleicht liegt es an der Vielfältigkeit der Provinz Pujambur, dass ihre Bewohner nie ganz zur Ruhe gekommen sind, sondern sich auf stetiger Wanderschaft befinden. So leben die Bur im Sommer in den Bergen und ziehen im Herbst dem Wild hinterher bis an die Grenzen Westfalls. In ihren Zelten sind Fremde stets willkommen, Streitigkeiten werden durch Duelle bereinigt.
Jonaddyn Flerr, Die Fürstentümer und Provinzen der vier Königreiche, Band 2
»Es gibt keinen Grund zur Sorge«, sagte Abinkehruz. »Bitte kommt in mein Zelt. Erweist mir die Ehre, Euch willkommen zu heißen.« Er verneigte sich.
Ana warf Jonan einen kurzen Blick zu, sah, wie er die Hände von den Griffen seiner Schwerter nahm und kaum merklich den Kopf schüttelte. Zu viele Krieger standen zwischen den Zelten. Er hielt eine Flucht für ausgeschlossen.
Ana zog ihre Stiefel aus und betrat das Zelt. Die Männer, die rund um die offene Feuerstelle saßen, rückten zusammen. Abinkehruz zeigte auf die frei gewordenen Kissen und bat mit einer Geste auch Jonan und Merie herein. Er wartete, bis sich alle gesetzt hatten, dann klatschte er in die Hände.
Zwei Jungen trugen einen reich verzierten Holzstuhl heran, Frauen, die beinahe unsichtbar im hinteren Teil des Zelts gehockt hatten, standen auf und verließen das Zelt.
»Euer Vater war ein ehrenwerter Mann.« Abinkehruz setzte sich auf den Stuhl und schlug die Beine übereinander. Die beiden Jungen hockten sich rechts und links von ihm auf den Boden. »Die Bur haben nach seinem Tod getrauert.«
»Ich danke Euch für Eure Anteilnahme«, sagte Ana. Sie schlüpfte in die Rolle der Fürstentochter wie in ein altes, oft getragenes Kleid. »Darf ich fragen, woher Ihr meinen Vater kanntet?«
»Ich habe ihn vor einigen Wintern auf Burg Somerstorm aufgesucht. Da habe ich Euch kurz getroffen.«
Ana nickte, obwohl sie sich nicht an ihn erinnern konnte.
»Zu dieser Zeit«, fuhr Abinkehruz fort, »wurden die kleinen Stämme häufig von Sklavenjägern heimgesucht. Ich bat Euren Vater, seinen Einfluss zu nutzen, um das zu unterbinden. Im Gegenzug bot ich ihm an, die Sklavenkarawanen, die durch Pujambur zogen, zu beschützen. Er stimmte zu, und so wahr ich hier sitze, von diesem Tag an wurde kein Bur mehr als Sklave verkauft.«
»Das klingt sehr nach meinem Vater«, sagte Ana. Das war keine Lüge. Als kluger Geschäftsmann hatte er wahrscheinlich das Gold, das ihm die Bur-Sklaven eingebracht hätten, mit dem aufgerechnet, das ihn die Söldner kosteten, von denen er die Karawanen beschützen ließ. Abinkehruz dachte vielleicht, die Abmachung wäre ehrenvoll, doch dem Fürsten war es nur um Gold gegangen.
Wie so oft, dachte Ana.
Die Männer an der Feuerstelle hörten dem Gespräch schweigend, aber aufmerksam zu. Andere Bur standen um das offene Zelt herum wie um die Bühne eines Gauklers. Jonan beobachtete jede ihrer Bewegungen, während Merie auf die Fleischspieße starrte, die vor ihr ins Feuer gehalten wurden. Ana empfand es als unhöflich, dass man ihnen weder etwas zu essen noch zu trinken anbot.
Die Bur sahen sie an. Man schien zu erwarten, dass sie etwas sagte. »Habt Ihr Neuigkeiten vom Krieg?«, fragte sie.
»Wir wissen nur, was uns die Flüchtlinge erzählen.« Abinkehruz schnippte mit den Fingern und gab einen kurzen, unverständlichen Befehl.
Der Junge links neben ihm sprang auf und lief aus dem Zelt.
»Mein Sohn«, sagte Abinkehruz lächelnd. »Aber Ihr wolltet etwas über den Krieg wissen. Westfall liegt in Trümmern, haben die Flüchtlinge erzählt. Der Fürst ist geflohen.«
»Westfall ist gefallen?« Ana konnte die Nachrichten kaum glauben. Jonan hatte ihr von der Belagerung erzählt, ebenso von Syrahs Tod, trotzdem erschien es ihr unwirklich, dass der Ort, zu dem sie wie jeder andere aufgeblickt hatte, nicht mehr existierte. Es fühlte sich an, als sei ein Loch in die Welt gerissen worden.
»Was ist mit den Magiern und den Nachtschatten?«, fragte Jonan.
Abinkehruz schüttelte den Kopf. »Davon weiß ich nichts. Wir bekommen nur wenig von dem mit, was außerhalb von Pujambur geschieht. Ich bin als Einziger in meinem Stamm je nach Somerstorm gereist. Nerasnahru dort hinten …«, er zeigte auf einen leicht übergewichtigen jungen Krieger, der sein dunkles Haar zu Zöpfen geflochten hatte, »… war dafür schon einige Male in Braekor auf den Märkten, um unsere Felle zu verkaufen.«
Nerasnahru nickte. Seine Finger glänzten fettig. »Man schätzt Bergziegenfelle dort sehr.«
Ana sah auf, als der Junge, der gerade noch das Zelt verlassen hatte, atemlos angelaufen kam, neben seinem Vater stehen blieb und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
»Natürlich«, sagte Abinkehruz. »Sie sollen hereinkommen.« Er klatschte in die Hände. »Kommt!«
Jonan spannte sich an, Merie duckte sich, als befürchte sie, geschlagen zu werden. Ana versuchte irgendetwas zwischen den Bur, die vor dem Zelt standen, zu erkennen.
Sie sah, wie die Männer – es waren fast keine Frauen unter den Zuschauern – zur Seite rückten, dann blitzte es silbern hinter ihnen.
Ana atmete auf. Es waren Tabletts, vollbeladen mit Essen, die von Frauen getragen wurden. Kinder stellten Schüsseln ab und wuschen zuerst Abinkehruz, dann allen anderen im Zelt Hände und Füße.
Ana genoss es, bedient zu werden. So lange war es her, dass man sie wie eine Fürstentochter behandelt hatte. Sie hielt die Finger in die Schüssel und ließ sie abreiben. Das Wasser war warm und roch nach Früchten.
Sie hätte beinahe gelacht, als sie sah, wie Jonan die Schüssel von sich wegschob und immer wieder den Kopf schüttelte, wenn das Mädchen auf seine Füße zeigte. Es fiel ihm schwer, sich bedienen zu lassen, so wie den meisten Menschen, die nicht damit aufgewachsen waren.
Ana hatte es als Kind gelernt. Sie neigte sich zu Jonan hinüber. »Lass sie ihre Arbeit machen. Sonst glaubt sie, sie habe etwas falsch gemacht.«
»Ich möchte meine Füße selbst waschen«, sagte Jonan steif.
»Das wäre sehr unhöflich. Du würdest sie beschämen.« Ana warf einen Blick auf das Mädchen.
Es hockte neben der Schüssel und sah Jonan an. Als es Anas Aufmerksamkeit bemerkte, zeigte es auf sich, die Schüssel und Jonan.
Sie versteht unsere Sprache nicht, dachte Ana. Das erschien ihr seltsam bei einem Volk, das so viel Handel trieb.
»Lass sie deine Füße waschen«, sagte sie. »Erweise ihr diese Ehre.«
Jonan verzog das Gesicht, als habe sie ihn gebeten, zum Aderlass zu gehen, doch dann streckte er zögernd die Beine aus. Das Mädchen lächelte und tauchte ein Stück Stoff in ihre Schüssel.
Ana sah zu Merie, der das Ritual nicht unangenehm zu sein schien. Sie befolgte die stummen Anweisungen ihrer Dienerin mit großer Ernsthaftigkeit und bedankte sich, als man ihr Hände und Füße abtrocknete.
»Hält deine Familie Haussklaven?«, fragte Ana.
»Nur welche für die Feldarbeit.« Merie rollte die Hosenbeine herunter. »Meine Lehrer haben mir beigebracht, wie man mit Dienern umgeht. Das hat mir mehr Spaß gemacht als Rechnen.«
»Was haben sie dir sonst noch beigebracht?«
»Lesen und Schreiben, Geschichte und wie man ein Gut verwaltet.« Merie hob die Schultern. »Für alle Fälle, sagt meine Mutter immer.«
Sie sah Ana an, wirkte auf einmal viel jünger als noch einen Augenblick zuvor. »Ich werde sie doch wiedersehen, oder?«
In ihren Worten lag etwas Flehendes. Sie wollte nicht die Wahrheit hören, sondern eine Bestätigung.
Ana erfüllte ihr den Wunsch. »Ja, natürlich«, sagte sie, während ihre Gedanken um die Frage kreisten, woher einfache Leute die Mittel für Hauslehrer hatten und weshalb sie ihrer Tochter Wissen beibringen ließen, das weit jenseits von dem lag, was sie je im Leben brauchen würde.
Die Schüsseln wurden aus dem Zelt gebracht, dann stand Abinkehruz auf. »Ehrenwerte Gäste, esst und trinkt. Beschämt die Bur nicht durch Bescheidenheit.«
Ana neigte den Kopf. Ihr Magen knurrte. Die Tabletts vor ihr waren beladen mit Fleisch, Gemüse, Brot und Obst. Krüge mit Gewürzwein und Bier standen zwischen ihnen. Sie suchte vergeblich nach einem Kelch oder Becher und nahm schließlich einen ganzen Krug.
»Mein Vater, der Fürst«, sagte sie laut, »hatte einen Trinkspruch für besondere Gelegenheiten, wenn er wusste, dass er unter Freunden war.« Der Krug war so schwer, dass ihr Arm zitterte. »Er lautet: Auf die Helden, auf die Weisen, auf die Treuen und die Großen. Auf euch.«
Es war nicht der Trinkspruch ihres Vaters, sondern der seines Generals, aber es gab niemanden, der sie hätte verraten können.
Die Bur johlten und hoben ihre Krüge. Dann begannen sie zu essen.
Es gab keine Messer oder Löffel. Man aß mit den Fingern und teilte sich die Krüge. Ab und zu tauchten Frauen auf und brachten Nachschub, blieben aber nicht. Außer Ana und Merie saßen nur Männer im Zelt.
»Warum feiern eure Frauen nicht mit euch?«, fragte Jonan nach einer Weile.
Nerasnahru rülpste. »Sie haben ihr Leben, wir das unsere. Wir halten das ziemlich getrennt, außer natürlich zum …« Er machte eine vulgäre Handbewegung, die Ana erröten ließ.
»Nerasnahru.« Abinkehruz zog die Augenbrauen zusammen. »Wir haben Gäste.«
»Verzeih, daran hatte ich nicht gedacht.« Der Krieger verneigte sich vor Ana, dann vor Jonan und Merie. »Ich gebe dem Wein die Schuld für meine Torheit.«
Ana lächelte. »Dann bestraft ihn, indem Ihr noch etwas davon trinkt.«
Die Krieger lachten höflich.
Abinkehruz stellte seinen Weinkrug zur Seite und sah Jonan an. »Was er sagen wollte, ist, dass wir uns nicht in das Leben unserer Frauen einmischen und sie sich nicht in das unsere. Bei den Bur hat jeder seine Aufgaben, so ist es seit dem ersten Stamm. Wir Männer kümmern uns um alles außerhalb des Lagers, die Frauen um alles innerhalb. Wir sprechen nicht einmal dieselbe Sprache. Es ist besser so.«
Merie lehnte sich zu Ana herüber. »Ich bin froh, dass ich keine Bur bin«, flüsterte sie.
Jonan nickte langsam. »Ich verstehe«, sagte er, obwohl Ana ihm ansah, dass er es ebenso wenig verstand wie sie.
Abinkehruz trank einen Schluck Wein. »Sagt mir, Ana Somerstorm, was führt Euch nach Pujambur? Seid Ihr auf dem Weg nach Norden?«
Sie nickte. »Ich habe erfahren, dass mein Bruder noch in der Festung lebt. Wir wollen ihm helfen, bevor die Ewige Garde Somerstorm erreicht.«
»Die Garde?« Nerasnahru beugte sich vor. »Ich habe sie gesehen.«
Ana spürte einen Stich im Magen. »Wann?«
»Heute Morgen. Sie waren zu viert und rannten, als wären Bergdämonen hinter ihnen her.«
»In welche Richtung?«, fragte Jonan.
»Norden.«
»Dann sind sie vor uns«, sagte Ana. Sie fragte sich, wie weit sie laufen würden, bevor sie umdrehten und zurückkamen.
Abinkehruz räusperte sich. »Lange können sie nicht so schnell rennen. Wenn Ihr möchtet, schicke ich ihnen Krieger hinterher, damit Ihr nicht mehr belästigt werdet.«
»Nein«, sagte Ana schnell. »Sie sind zu gefährlich. Ich will das Leben Eurer Krieger nicht riskieren.«
Er schien widersprechen zu wollen, aber Jonan kam ihm zuvor. »Ein Gardist«, sagte er, »ist so gut wie fünf Eurer Krieger.«
Nerasnahru winkte ab, als könne er das nicht glauben, Abinkehruz runzelte die Stirn, sagte aber nichts mehr dazu. Er wechselte das Thema und begann von den Ziegenherden der Bur zu erzählen.
Das Festmahl dauerte bis tief in die Nacht. Als Abinkehruz schließlich aufstand und es für beendet erklärte, erhoben sich nur wenige Krieger, um aus dem Zelt zu schlurfen. Die meisten waren längst eingeschlafen.
Jonan und Abinkehruz waren die einzigen Männer, die nüchtern wirkten. Ana war nicht entgangen, dass beide ihren Wein mit Wasser verdünnt hatten.
»Ich bringe Euch zu Eurem Zelt«, sagte Abinkehruz, während er eine Fackel an der Feuerstelle entzündete.
Es war still im Lager. Nur ab und zu hörte Ana jemanden schnarchen oder ein Pferd schnauben. Das Zelt, zu dem Abinkehruz sie führte, lag neben den Weiden. »Es ist groß genug für drei, aber wenn es Euren Ansprüchen nicht genügen sollte, lasse ich ein größeres aufbauen.«
»Es ist völlig ausreichend«, sagte Ana, ohne einen Blick darauf zu werfen.
Abinkehruz nickte und rammte die Fackel in den Boden neben dem Eingang. »Stimmte das, was Ihr während des Mahls sagtet? Kann ein Gardist fünf Krieger töten?«
»Ja«, sagte Jonan. Er schlug den Eingang des Zelts zurück und band ihn an einer der Holzstangen fest.
»Und sie können tagelang rennen, ohne zu rasten oder zu essen«, fügte Merie hinzu. Es klang fast, als wäre sie stolz darauf. »Sie folgen uns bereits seit Westfall.«
»Klingt so, als könntet Ihr Freunde gebrauchen.«
Ana lachte leise. »Ein paar tausend Freunde.«
»So viele habe ich selbst nicht«, gestand Abinkehruz. Sie sah sein Lächeln in der Dunkelheit.
Er wünschte ihnen eine gute Nacht und verschwand zwischen den Zelten.
»Er würde uns helfen, wenn er könnte«, sagte Merie.
Ana nickte. Wenn er könnte. Die Worte hallten in ihr wider. Die Ausweglosigkeit ihrer Lage traf sie so unvorbereitet, dass sie beinahe geschluchzt hätte. Es gab niemanden, der ihnen helfen konnte. Die Armeen waren geschlagen, Westfall war gefallen, die Ewige Garde jagte sie. Die Einzigen, die noch zu ihr hielten, waren Nachtschatten. Wie konnte sie es wagen, deren Leben zu riskieren, um Gerit zu befreien, etwas, das ihr mit jedem Moment irrsinniger erschien?
»Wir werden es schaffen«, sagte Jonan, so als wisse er, was in ihr vorging. Sie spürte seine Hand auf ihrem Arm.
Nein, dachte Ana. Das werden wir nicht.
Sie schlief schlecht in dieser Nacht. In ihren Träumen wurde sie von Gardisten verfolgt und von ihrem toten Vater. Nur die Erschöpfung hielt sie davon ab aufzustehen. Im Morgengrauen legten sich Jonan und Merie hin. Als sie ihre ruhigen Atemzüge hörte, schlief auch sie wieder ein.
Ana erwachte, als jemand an die Zeltstange neben ihrem Eingang klopfte. Jonan setzte sich an ihre Seite. Seine Hand lag auf einem seiner Schwerter, bevor er die Augen öffnete.
»Seid Ihr wach?«
Jonan zog die Hand weg, als er Abinkehruz' Stimme hörte.
Merie zog sich die Decke über den Kopf. »Nein«, murmelte sie.
»Ja«, sagte Ana. Sie stand auf. Seit die Gardisten sie verfolgten, schlief sie vollständig bekleidet. Nur die Stiefel hatte sie ausgezogen.
Ein Schatten glitt über die Zeltwand, dann schlug Abinkehruz das Fell über dem Eingang zurück.
»Kommt heraus«, sagte er. »Ich habe etwas für Euch.«
Die Morgensonne blendete Ana. Sie blinzelte in die Helligkeit. Jonan verließ das Zelt vor ihr, deckte sie mit seinem Körper. Sie glaubte nicht, dass ihm auffiel, was er tat.
Hinter ihr setzte sich Merie auf und gähnte. »Was ist denn?«
»Das ist alles, was ich entbehren kann«, sagte Abinkehruz, bevor Ana Gelegenheit hatte, einen Blick auf die Pferde und Männer zu werfen, die vor dem Zelt standen. Sie zählte zwanzig Krieger, unter ihnen auch Nerasnahru. Er wirkte verkatert, grinste jedoch.
Abinkehruz' Sohn hielt vier Pferde am Zügel. Drei von ihnen waren gesattelt, das vierte mit Proviant beladen. »Das sind starke, schnelle Pferde«, sagte der Junge. »Vater hat sie mich aussuchen lassen.«
Ana strich einer schwarzen Stute über die Nüstern. Die Krieger standen stramm wie Soldaten. Nur ein paar grinsten so wie Nerasnahru.
Sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen, dachte Ana. Sie sah Abinkehruz an. »Ich danke Euch, aber ich kann das nicht annehmen. Es ist zu viel.«
»Ihr werdet es annehmen. Seht es als Dank an Euren Vater. Er half uns, nun helfen wir Euch.« Sie wollte widersprechen, aber er hob die Hand. »Bitte. Enttäuscht meine Krieger nicht. Sie langweilen sich im Winterlager.« Er lächelte. »Und solltet Ihr je Euer Erbe antreten, erwarte ich, dass Ihr die Vereinbarungen, die Euer Vater mit uns getroffen hat, weiterführt.«
Ana warf Jonan einen kurzen Blick zu. Er nickte rasch, drängte sie, das Angebot anzunehmen.
»Das werde ich«, sagte sie nach einem Moment, »auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass es jemals so weit kommen wird.«
»Wir werden sehen.« Abinkehruz drehte sich um. »Die Frauen haben Kleidung für Euch bereitgelegt. Zieht Euch um. Wir frühstücken in meinem Zelt. Danach könnt Ihr aufbrechen.«
Sie aßen süße Früchte, Brot und Ziegenschmalz, dann beteten sie zu Göttern, die Ana nicht kannte, um eine sichere Reise. Abinkehruz verabschiedete sich von ihnen, doch bevor er sich abwenden konnte, berührte Jonan seinen Arm.
»Traut Ihr diesen Männern?«, hörte Ana ihn fragen.
»Mit meinem Leben«, antwortete Abinkehruz.
»Dann werde ich das auch tun.«
Sie gingen zu ihren Pferden und den Kriegern, die bereits im Sattel saßen und auf sie warteten. Sie trugen Rüstungen aus Leder, aber keine Helme. Ihre Bogen hingen an den Sätteln, jeder trug Schwert und Dolch.
Ana wählte für sich die schwarze Stute, die sie zuvor gestreichelt hatte, und saß auf. Die Lederkleidung, die man ihr, Merie und Jonan gegeben hatte, war nicht getragen, fest und unbeschädigt. Sie fühlte sich gut darin. Der Schatten, der seit dem Abend über ihrem Geist gelegen hatte, löste sich im Sonnenlicht auf.
Nerasnahru führte sein Pferd an das ihre heran. »Wohin?«, fragte er.
»Nach Norden.« Ana nahm die Zügel fest in die Hand. »Nach Somerstorm.«
Sie verließen das Lager im Trab und bogen auf die Handelsstraße ein.
Am späten Nachmittag sahen sie die Gardisten.
Merie entdeckte sie als Erste.
»Da!«, schrie sie. Ihre Stimme klang panisch. »Garde!«
Ana biss sich auf die Lippe. Jonans Pferd scheute.
Die Straße verlief gerade, mitten durch Weiden, auf denen Vieh graste. Es gab keine Deckung, nichts, wo sie sich in so kurzer Zeit hätten verstecken können.
»Ich dachte, du hättest sie gestern Morgen Richtung Norden laufen sehen«, sagte einer der Krieger.
»Habe ich auch«, antwortete Nerasnahru.
Ana drehte sich im Sattel um. »Sie müssen gemerkt haben, dass wir nicht vor ihnen sein können, und sind umgekehrt.«
Sie sah zurück zur Straße. Eine Staubwolke hing weit entfernt in der Luft.
»Bist du sicher, dass es die Garde ist?«
Merie nickte. Jonan ebenfalls.
»Ich sehe nichts«, sagte Nerasnahru.
»Das wirst du.« Jonan sprang vom Pferd und zog seine Schwerter. »Versucht sie mit Pfeilen aufzuhalten. Schießt auf die Beine und den Kopf. Beeilt euch. Sie sind schnell.«
Die Krieger griffen nach ihren Bögen. Ana hatte den Eindruck, dass es Nerasnahru erleichterte, nicht das Kommando führen zu müssen.
»Ana, Merie«, fuhr Jonan fort, ohne sich umzudrehen. »Hinter die Pferde. Bleibt dort!«
»Ich könnte doch …«, begann Merie, aber er unterbrach sie mit schneidender Stimme. »Nein. Hörst du mich? Nein.«
»Da sind sie!«, rief ein Krieger. Die letzten Männer stiegen noch von ihren Pferden. Nur wenige hatten ihre Bögen bereits gespannt.
Zu langsam, dachte Ana. Sie zog Merie hinter die reiterlosen Pferde und griff nach einigen Zügeln. »Halt sie fest«, sagte sie.
»Schießt doch!«, schrie Jonan.
Ana hörte das Surren der Pfeile. Die Pferde tänzelten nervös. Sie versuchte, an ihren Leibern vorbei zu erkennen, was vorging, und erschrak, als sie die Gardisten sah.
Staub, Schweiß und Blut bedeckten ihre Gesichter und Rüstungen. Lehm platzte von ihren Armen, als sie die Schwerter hoben und auf die Bogenschützen zuliefen.
Zwei Pfeile in den Kopf brachten den ersten Gardisten zu Fall. Ein Krieger lachte. Der zweite Gardist ließ sein Schwert fallen, als ein Pfeil seine Hand durchbohrte. Der dritte lief weiter, obwohl drei Pfeile in seiner Brust steckten. Der vierte …
Ana stutzte. Wo war der vierte?
»Kopf und Beine«, brüllte Jonan. »Sie tragen Brustpanzer.«
»Weiß ich auch«, hörte Ana Nerasnahru murmeln. »Erst mal treffen.«
Jonan trat dem Gardisten ohne Schwert die Beine unter dem Bauch weg. Ana sah sein Schwert bereits in dessen Kehle stecken, aber der Gardist war schnell, wich aus und griff nach Jonans Arm.
Ein Pferdehals nahm Ana die Sicht. Die Tiere wurden unruhig. Sie duckte sich unter den Hals eines anderen Pferdes und sah eine pfeildurchbohrte, abgeschlagene Hand am Boden liegen. Schwerter klirrten. Die Krieger hatten ihre Bogen fallen lassen. Die Gardisten waren zu nahe herangekommen.
Endlich entdeckte sie Jonan. Der Gardist schlug mit seinem Armstumpf nach ihm. Ein Pfeil steckte in seinem Hals. Er bewegte sich unsicher und langsam. Jonan rammte ihm beide Schwerter in die Brust. Der Gardist ging zu Boden.
Ana streckte sich, suchte nach dem vierten Gardisten. Zwei waren bereits tot, doch der dritte hatte einem Krieger den Kopf abgeschlagen und einem zweiten den Arm an der Schulter abgetrennt. Als Ana ihn entdeckte, sprang er gerade in die Krieger hinein. Er schlug wild um sich, scheinbar sinnlos, aber jeder Schlag saß, traf entweder Fleisch oder Metall.
»Weg von ihm!«, schrie Jonan. »Lasst ihn nicht zwischen euch!« Er zog die Schwerter aus der Leiche.
»Ich kann die Pferde nicht mehr halten«, stieß Merie plötzlich hervor. Die Tiere tänzelten vor und zurück. Der Lärm, die Schreie der Sterbenden und der Geruch nach Blut verschreckten sie.
Ein Pferd riss sich los und stieg auf, und das machte den anderen nur noch größere Angst.
Ana fasste die Zügel, die sie hielt, fester. Ich helfe dir, wollte sie sagen, aber im gleichen Moment sah sie den Gardisten.
Neben sich.
Der Mund in seinem staubigen Gesicht öffnete sich. »Komm mit«, sagte er so heiser, dass Ana ihn kaum verstand.
Sie wich zurück. »Nein.«
Pferde wieherten, begannen auszukeilen.
Der Gardist streckte den Arm aus. »Komm mit!«
Merie schrie, als sie ihn sah. Die Pferde, die sie hielt, rissen sich los.
Ana ahnte plötzlich, was passieren würde. Sie ließ die Zügel ihrer Tiere los. Der Gardist machte einen Schritt auf sie zu, doch die Schulter eines Pferdes warf ihn zu Boden.
Ana duckte sich unter Hufen und Mähnen. Irgendetwas traf sie in die Seite. Sie stolperte. Nicht fallen, dachte sie. Bloß nicht fallen.
Sie ergriff Meries Hand, zog sie zur Seite. Pferdeleiber preschten an ihr vorbei, angstgeweitete Augen starrten sie an.
Dann brachen die Pferde aus. Ana drückte Merie an sich. Neben ihr verschwand der Gardist unter donnernden Hufen.
Und dann war es vorbei, so schnell wie ein Traum, aus dem man hochschreckt. Die Pferde galoppierten davon, der Staub legte sich.
Ana hustete. Sie ließ Merie los. »Ist dir was passiert?«
Merie schüttelte den Kopf. Sie war blass.
Ana sah sich um. Der Gardist, der neben ihr gestanden hatte, war von den Pferden zertrampelt worden. Sein Kopf war kaum noch zu erkennen.
Jonan stand schwer atmend über dem dritten Gardisten. Der Mann war tot. Fast ein Dutzend Schwerthiebe hatten seine Brust und seinen Bauch aufgerissen.
Nerasnahru saß am Boden, sein blutiges Schwert auf die Knie gelegt. Er weinte.
Ana fuhr sich mit der Hand durch die Haare, als sie die Leichen sah, die auf der Straße lagen. Die Hälfte der Krieger lebte nicht mehr. Von den anderen standen noch sechs. Sie halfen den Verwundeten. Ana hörte die Männer stöhnen.
Jonan ging neben Nerasnahru in die Hocke und redete leise mit ihm. Ana verstand ihn nicht, sah nur, dass der Krieger einige Male den Kopf schüttelte.
»Steht auf«, sagte eine Stimme.
Ana fuhr fast so schnell herum wie Merie. Jonan sprang auf.
»Ich sagte: Steht auf!«
»Cascyr«, flüsterte Merie. »Das ist Cascyr.«
Der Gardist, dem Jonan die Schwerter in die Brust gerammt hatte, setzte sich auf. »Steht auf und kämpft«, sagte Cascyrs Stimme aus seinem Mund.
Die Gardisten vor und neben ihm regten sich.
Krieger wichen zurück, Nerasnahru starrte mit offenem Mund auf den Gardisten mit den zwei Pfeilen im Kopf.
Ana fuhr herum. Der Gardist, dessen Kopf die Pferde zertrampelt hatten, regte sich nicht.
»Der Kopf!«, schrie sie. »Schlagt ihnen den Kopf ab!«
Jonan fragte nicht. Ein Schlag, dann flog der Kopf des ersten Gardisten durch die Luft. Ein anderer Krieger stand bereits über dem nächsten.
»Jetzt weiß ich, wo du bist«, sagte Cascyrs Stimme aus dem Mund des letzten Gardisten. »Warum warst du nur so dumm?«
Jonan schlug auch ihm den Kopf ab.
Eine Weile standen sie schweigend da. Sogar die Verletzten waren ruhig. Ein leichter Wind kam auf und wehte Staub in die Blutlachen auf der Straße. Er kühlte Anas Gesicht.
Dann stand Nerasnahru auf. Er nickte seinen Kriegern zu. »Wir suchen die Pferde.«
Sie brauchten bis zum Abend, um sie einzufangen. Das Proviantpferd hatte einen Teil der Vorräte abgeworfen, doch das meiste war noch da.
Nerasnahru führte die schwarze Stute zu Ana. »Hier. Ich weiß, dass Ihr sie mögt.«
Sie nahm die Zügel. »Danke.«
Er zeigte auf die Weide. »Dahinter gibt es einen Bach. Dort können wir lagern. Die …«
»Nein«, unterbrach ihn Ana. Aus den Augenwinkeln sah sie Jonans Blick. »Ihr müsst nicht weiter mitkommen. Reitet zurück.«
»Wir haben versprochen, Euch zu begleiten.«
»Ihr habt uns begleitet und gerettet. Euer Versprechen ist erfüllt. Geht. Es sollen nicht noch mehr meinetwegen sterben.«
Nerasnahru zögerte. Er war erleichtert, das sah Ana, aber er wollte es nicht zeigen. »Alles Gute«, sagte er schließlich. »Wir werden für Euch beten.«
»Ich danke Euch für alles.«
Sie halfen den Kriegern, ihre Verletzten zu versorgen und die Leichen auf den Pferden festzubinden, dann sahen sie ihnen nach, als sie mit gesenkten Köpfen davonritten.
»In der Höhle«, sagte Ana, »sah ich, wie Cascyr einen Gardisten tötete und wiederauferstehen ließ.« Jonan nickte. »Ich weiß.«
»Wenn er das mit jedem kann, selbst wenn er nicht dabei ist, und wenn er durch ihre Augen sieht …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende.
»Jemand wird ihn aufhalten«, sagte Merie. »Er darf nicht siegen. Ich werde nicht in einer Welt leben, in der er gewinnt.«
Sie klang so überzeugt, dass Ana einen Moment beinahe daran glaubte. Doch dann sah sie die abgeschlagenen Köpfe der Gardisten und schüttelte den Kopf über sich selbst.
Jonan saß bereits auf seinem Pferd. »Somerstorm?«, fragte er.
»Somerstorm.« Ana stieg auf.