Kapitel 38

 

In den ersten Tagen der vier Königreiche schrieb Karaes der Unverzagte, Fürst von Charbont: Wer wären wir, wenn uns die Götter nicht den Verstand und die Hände gegeben hätten, um Waffen zu verwenden? Wären wir wie die Kühe auf der Weide, zufrieden und dumm, und würde der Welt etwas fehlen, wenn dem so wäre?

Jonaddyn Flerr, Die Fürstentümer und Provinzen der vier Königreiche, Band 2

 

Sie waren vorbereitet.

Nebelläufer hatte mit seinen Kriegern seit Gerits Ankunft Belagerungen immer wieder durchgespielt. Sie wussten, was sie zu tun hatten. Gerit sah, wie sie auf den Mauern Stellung bezogen, Pfeile und Speere neben sich legten und der Garde entgegenblickten.

Die Nachtschatten, die zu jung oder alt zum Kämpfen waren, halfen bei der Verteidigung, indem sie Pech erhitzten und Pfeilspitzen hineintauchten. Gerit musste ihnen keine Anweisungen mehr geben. Sie erkannten, wo sie gebraucht wurden.

Er stieg auf eine der Mauern neben dem Tor. Fackeln erhellten sie, sorgten dafür, dass sich kein Gegner heimlich anschleichen konnte. Somerstorm war nur ein einziges Mal gefallen, und das durch Verrat. Gerit würde alles dafür tun, dass das auch so blieb.

Er betrachtete die schwarze Wand, die sich ihnen entgegenschob.

»Dauert nicht mehr lange«, sagte der Nachtschatten neben ihm. Er hieß Langzahn.

Gerit nickte. Er konnte bereits die Fahnenträger ausmachen, die vor der Hauptstreitmacht marschierten, hörte die Schritte der Soldaten. Sie klangen wie weit entfernter rollender Donner.

»Gerit!«

Er drehte sich um. Korvellan stand auf dem Hof und sah zu ihm herauf. »Hast du Craymorus gesehen?«

»Ist er nicht in der Küche?«

»Nein.« Korvellan klang besorgt. »Hat irgendjemand Craymorus gesehen?«, rief er. »Den Krüppel«, fügte er hinzu, als einige Nachtschatten ihn verständnislos ansahen.

Schulterzucken und Kopfschütteln antworteten ihm.

Gerit stieg von der Mauer und ging auf ihn zu. »Soll ich den Fürsten suchen?«

»Das habe ich bereits getan, ohne Erfolg. Für einen Mann, der nicht laufen kann, ist er erstaunlich beweglich.«

»Er muss hier irgendwo sein.« Gerits Gedanken kreisten bereits wieder um die Verteidigung der Festung. »Es wird ihn ja wohl kaum jemand nach draußen getragen haben.«

»Nein, das ist …« Korvellan unterbrach sich. »Rickard.«

Mehr musste er nicht sagen. Gerit begriff sofort, was er meinte. »Ich sehe nach.«

Er ließ sich von einem Nachtschatten eine Fackel geben und lief durch die Küche in die Gänge hinter den Wänden. Als er die Blutflecken auf der Treppe sah, spürte er einen Stich im Magen, trotzdem kehrte er erst um, als er die offene Tür am Ende des Gangs erreichte.

»Er ist weg«, sagte er atemlos, als er wieder vor Korvellan stand.

»Verdammt!« Einige Nachtschatten drehten sich zu ihrem General um. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, schwieg einen Moment und nickte dann, so als habe er eine Entscheidung getroffen. »Lass das Tor öffnen!«

Gerit sah ihn verständnislos an. »Ihr wollt ihm nach? General, Eure Krieger brauchen Euch hier.«

»Nein, sie brauchen mich nicht. Sie wissen allein, wie sie zu kämpfen haben.« Korvellan zog den Umhang vor seiner Brust zusammen. »Nebelläufer und du, ihr habt ihnen alles beigebracht, was sie wissen müssen. Meine Anwesenheit ist unerheblich.«

Gerit wusste, dass das nicht stimmte, und er hatte den Eindruck, dass Korvellan ebenfalls nicht daran glaubte.

»Es ist Eure Entscheidung«, sagte er und winkte den Wachen zu. »Öffnet das Tor.« Dann wandte er sich wieder Korvellan zu. »Nur eines noch«, wollte er wissen. »Wieso ist er so wichtig?«

Korvellan drehte sich um. Hinter ihm zogen die Wachen das Tor auf. »Weil er der Einzige ist, der die Vergangene aufhalten kann, und weil ich glaube, dass er scheitern wird.«

Gerit sah ihm nach, als er die Festung verließ.

Mamee blieb neben ihm stehen. Sie trug einige leere Köcher über dem Arm. »Wohin geht er?«

»Mach dir keine Sorgen. Er wird bald zurück sein«, log Gerit.

Sie nickte, aber er sah, dass sie sich trotzdem Sorgen machte.

Und sie ist bestimmt nicht die Einzige, dachte er.

 

 

Die Belagerung würde nicht lange dauern, das erkannte Gerit, als die Sonne hoch am Himmel stand und die Ewige Garde zum unzähligsten Mal gegen die Festung anstürmte. Gruppen von zwanzig, dreißig Gardisten, die Schilde hochhielten, um sich vor den Brandpfeilen zu schützen, und einen Rammbock zwischen sich trugen, griffen das Tor an. Kochendes Wasser ergoss sich aus großen Kesseln über sie und brachte sie zu Fall. Brandpfeile bohrten sich in die Köpfe derer, die nicht liegen blieben, sondern sich nach kurzen Momenten mit rot verbrühten, aufgeplatzten Gesichtern wieder erhoben.

Blut und Wasser weichten den gefrorenen Boden vor dem Tor auf, knöcheltief standen die Gardisten im Matsch. Sie stolperten über Leichen, taumelten als lebende Fackeln umher, lagen brennend und um sich schlagend am Boden.

Andere Gardisten bildeten hinter ihnen lange Reihen und schickten der Festung Salven aus Hunderten von Pfeilen entgegen. Es schien sie nicht zu interessieren, dass ihre eigenen Soldaten in den Salven fielen, dass zu kurz geschossene Pfeile sie gleich dutzendweise niederstreckten. Die Schützen auf den Mauern kümmerten sich um die, die wieder aufstanden.

Gerit schätzte, dass mehr als die Hälfte der Garde bereits gefallen war, während gerade mal zwanzig Nachtschatten tot oder verwundet in den Stallungen lagen, die man für sie geräumt hatte.

Trotzdem verlieren wir, dachte er. Bis zu diesem Tag war ihm nicht klar gewesen, was der alte General seines Vaters mit »Moral« gemeint hatte, doch als er nun in die harten, erschöpften Gesichter der Nachtschatten blickte und sah, wie sie mechanisch einen Pfeil nach dem anderen abschossen, begriff er es: Moral bedeutete, die Schreie der Gegner zu hören, wenn sie fielen, ihre Angst zu riechen, zu sehen, wie sie ihre Waffen wegwarfen und rannten, wenn ihre Kameraden neben ihnen zusammenbrachen.

Doch die Ewige Garde schrie nicht, sie zeigte keine Angst und keinen Schmerz. Ihre Soldaten machten einfach weiter, egal, wie viele von ihnen fielen und wie hoch die Leichenberge waren, über die sie klettern mussten. Und sie wurden nicht müde.

Gegen sie zu kämpfen, erkannte Gerit, war wie Bäume fällen. Ein Krieger in einer Schlacht konnte tagelang kämpfen, wenn er den Sieg vor Augen sah, ein Holzfäller war nach nur wenigen Stunden erschöpft. Die Garde hatte Holzfäller aus seinen Kriegern gemacht. Sie waren müde, erschöpft und frustriert. Sie begannen Fehler zu machen. Von den zwanzig in den Ställen waren zehn seit dem späten Vormittag gefallen.

Gerit kletterte auf die Westmauer. Die hohen, nach innen gebogenen Zinnen schützten vor den Salven, trotzdem duckte er sich, als er zwischen ihnen hindurch nach draußen sah.

Eine Gruppe Gardisten machte sich in einiger Entfernung für den nächsten Angriff bereit. Der Rammbock, den sie trugen, hatte ursprünglich auf einem Wagen gelegen, doch der steckte längst im Matsch vor dem Tor fest.

»Sie kommen!«, rief Langzahn. Von den Nachtschatten auf der Mauer hatte er die besten Augen.

Brandpfeile wurden an Fackeln entzündet. Die Gardisten nahmen den Rammbock zwischen sich und liefen los. Hinter ihnen richteten sich die Bogen der Fernkämpferreihen in den Himmel.

»Salve!«, schrie ein anderer Nachtschatten, um die zu warnen, die im Hof arbeiteten.

Gerit nahm seinen Schild hoch und zog den Kopf ein.

Nur sechs Gardisten erreichten lebend das Tor. Sie warfen sich mit dem Rammbock nach vorn. Gerit hörte den Knall. Die Mauer erbebte unter seinen Füßen.

Die Gardisten wurden zurückgeworfen. Ihre Arme knickten ein, als sie versuchten, sich abzustützen. Der Aufprall hatte sie ihnen gebrochen.

Die Bogenschützen brauchten keine Befehle. Sie zielten mit ihren Brandpfeilen auf die Überlebenden. Keiner entkam. Der Rammbock blieb im Matsch liegen.

»Wechsel!«, brüllte Nebelläufer. Er stand an der Ostmauer.

»Wechsel!«, nahm Gerit den Ruf auf. Der regelmäßige Austausch der Verteidiger war die einzige Methode, die sie gegen die nicht enden wollenden Angriffe gefunden hatten. Dadurch reduzierten sie die Krieger auf den Mauern zwar um die Hälfte, aber wenigstens gingen die eigenen Verluste seitdem zurück.

Gerit sah zu der langen Kette, die einen Wassereimer nach dem anderen von den Brunnen zu den Mauern beförderte. Die älteren Nachtschatten konnten sich kaum noch auf den Beinen halten.

»Salve!«, schrie jemand auf der Mauer. Alle im Hof rissen die Schilde, die sie an Lederriemen um einen Arm gebunden hatten, hoch. Gerit hörte, wie die Pfeile auf Holz und Stein prasselten und einen Schrei.

Er senkte den Schild. Seidenfell lag am Boden und hielt sich das Bein. Ein Pfeil steckte in ihrer Wade. Mamee und Perres halfen ihr auf und führten sie zu einem der Ställe.

»Was für eine Scheiße!«, murmelte Nebelläufer. Gerit hatte nicht bemerkt, dass er zu ihm gekommen war.

Er nickte. »Hast du das Gerücht auf den Mauern gehört?«, fragte er. »Die Ersten behaupten, Korvellan wäre geflohen, er hätte zuerst Schwarzklaue im Stich gelassen und jetzt uns.«

»Das ist Blödsinn. Irgendein Feigling aus dem Süden hat sich das ausgedacht.«

»Aber wer soll es ihnen ausreden?« Gerit sprach leiser. »Korvellan ist weg, dir und mir werden sie nicht glauben, und jeder, der Augen im Kopf hat, sieht, wie das hier ausgehen wird.«

»Ja.« Nebelläufer kratzte sich. »Aber was sollen wir machen? Wir können nicht abhauen, wir können nicht aufgeben, wir …«

»Gerit! Nebelläufer!« Die Stimme von Sternenauge, einem Schreiner, der auf das Tor achtete, unterbrach ihn. Gerit verzog das Gesicht, als er zu ihm ging. Er konnte sich denken, worum es ging.

Sternenauge wartete, bis auch Nebelläufer herangehinkt war, dann zeigte er auf das Tor. Lange, in den Boden gerammte Balken stützten es, doch Gerit sah die Risse darin und das gesplitterte, vom Alter schwarz gefärbte Holz rund um die Riegel.

»Noch zwei, drei solcher Angriffe«, sagte Sternenauge, »und sie sind drin.«

»Kannst du etwas dagegen tun?«, fragte Gerit.

»Abgesehen vom Bau eines neuen Tors?« Der Schreiner hob die Schultern. »Nicht viel.«

»Tue es trotzdem.« Nebelläufer fluchte leise, als er Gerit zur Seite zog. »Wir müssen raus hier.«

»Dann sterben wir.«

Der Nachtschatten neigte den Kopf. »Wir sterben sowieso, ob jetzt hier drinnen oder draußen. Ich würde lieber draußen sterben. Was ist mit dir?«

Gerit antwortete nicht. Sein Blick hing an Ana, die in diesem Moment auf dem Hof auftauchte und auf ihn zuging. Sie trug ein langes weißes Kleid. Ihre Mutter hatte es an dem Tag getragen, an dem der Fürst von Westfall seinen Sohn vorgestellt hatte.

Ana blieb vor Gerit stehen.

»Ich möchte helfen«, sagte sie.