Kapitel 2
Wer einmal einen Winter in Somerstorm erlebt hat, wird nie wieder über das Wetter klagen.
Jonaddyn Flerr, Die Fürstentümer und Provinzen der vier Königreiche, Band 2
»In dem neuen Stollen stoßen wir ständig auf Wasser«, sagte Maccus, der Bergmann. »Ich glaube, der Fluss unterspült den ganzen Berg, Minherr.«
Gerit betrachtete den Fels und die Goldader, die ihn durchzog. Wasser lief in langen Bahnen darüber und sammelte sich am Boden. »Ist das gefährlich?«
Maccus neigte den Kopf. »Hier unten ist alles gefährlich, Minherr. Je tiefer wir in den Berg vorstoßen, desto sandiger und feuchter wird der Boden. Noch können wir die Stollen abstützen, aber ich weiß nicht, wie lange das noch gut geht.«
Er sah sich um, Gerit ebenfalls. Sie waren allein in dem schmalen Gang. Trotzdem flüsterte Maccus, als er weitersprach. »Habt Ihr den Nachtschatten von der Höhle erzählt, Minherr?«
»Nein.« Die Höhle war ein Geheimnis zwischen ihm, Maccus und Burek, dem Arbeiter, der zufällig darauf gestoßen war. Gerit wollte nicht, dass Nebelläufer und die anderen Nachtschatten davon erfuhren. Es war ihm wichtig, dass es etwas in Somerstorm gab, was er wusste und sie nicht.
Maccus kratzte sich am Hals. Eine grauschwarze Schicht bedeckte seine Haut und seine dicke Winterkleidung. Es war kalt in den Stollen. »Vielleicht wäre es besser, wenn sie davon wüssten, Minherr«, sagte er.
Gerit hörte die Vorsicht in seiner Stimme. Maccus hatte unter seinem Vater als Sklave in der Mine gearbeitet. Die Peitsche hatte ihn gelehrt, nicht zu widersprechen. Seit die Nachtschatten in Somerstorm herrschten, war er ein freier Mann, doch die Angewohnheiten aus Sklavenzeiten begleiteten ihn immer noch, so wie die Narben auf seinem Rücken.
Trotzdem hat er seine Meinung gesagt, dachte Gerit. Er befürchtet, dass ich einen Fehler mache.
»Warum?«, fragte er.
»Weil wir mithilfe der Nachtschatten und der anderen Arbeiter versuchen könnten, den Fluss umzuleiten. So etwas Ähnliches haben wir vor vielen Jahren bei Stollen zwei gemacht. In dem sind wir auf eine Quelle gestoßen, die wir seitdem in ein altes Stollensystem umleiten. Viele hier wissen noch, wie wir das damals gemacht haben.« Maccus hob die Schultern. Sein Atem stand als weiße Wolke vor seinem Gesicht. »Burek und ich können das nicht allein, aber es muss gemacht werden, sonst bricht hier irgendwann alles zusammen.«
»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Gerit. Seine Stimme klang wie die seines Vaters. Er schüttelte sich innerlich. »Was ich meine«, fuhr er fort, »ist, dass ich dir für deinen Rat danke. Lass mich darüber nachdenken.«
»Ja, Minherr.« Maccus wirkte zufrieden.
Gerit drehte sich um und nahm die Fackel, die er am Eingang der Mine bekommen hatte, aus der Wandhalterung. Alles in ihm sträubte sich dagegen, den Nachtschatten von der Höhle zu erzählen. Sie war sein Geheimnis, nicht das ihre.
»Wo wollt Ihr hin, Minherr?«, fragte Maccus hinter ihm.
Gerit hielt die Fackel in den Gang. Er war abgebogen, ohne dass es ihm aufgefallen war. »Zurück nach oben.«
»Dann folgt mir. Ihr geht falsch.« Der Gang, in dem Maccus stand, war breit genug für die Karren, mit denen Gold, Steine und Dreck aus der Mine geholt wurden. Gerit sah in den winzigen Gang, in den er abgebogen war. Wie hatte er die beiden verwechseln können?
»Wohin führt der hier?«, fragte er.
»Das ist nur ein Belüftungsstollen. Er führt nirgendwohin.« Maccus zögerte, als sei ihm doch noch etwas eingefallen. »Und zur Höhle«, sagte er dann.
Gerit folgte ihm langsam durch den Gang. Lautes Hämmern hallte aus einem der schmaleren Stollen. Nur wenige Arbeiter kamen im Winter in die Mine. Der Weg war zu beschwerlich. Gerit hatte sogar schon daran gedacht, Winterquartiere für die Arbeiter und ihre Familien neben der Mine bauen zu lassen.
»Was meinst du …«, begann er, stutzte dann aber, als ihm klar wurde, dass er eigentlich einen anderen Gedanken gehabt hatte. »Warst du noch mal dort?«, fragte er.
»Einmal.« Maccus ging weiter vor ihm her, ohne sich umzudrehen. »Ich wollte wissen, wie tief der Bach in den Berg reicht. Ich blieb nicht lange. Etwas in dieser Höhle …« Er schüttelte den Kopf.
»Ich weiß.« Gerit dachte an den Fels, so glatt, dass er sich darin spiegelte, an das seltsam blaue Licht, das aus dem Fels zu dringen schien, an das schwarze Wasser des Bachs. Und an Rickard.
»Manchmal«, sagte Maccus nach einem Augenblick, »träume ich von der Höhle.«
Gerit nickte, obwohl es niemand sehen konnte. »Ich auch, und ich glaube, Rickard ebenfalls.«
»Ist er noch bei Euch, Minherr?«
»Ja. Ich verstecke ihn.« Gerit sah Rickards vom Frost zerstörtes Gesicht vor sich. Burek hatte ihn in der Höhle gefunden. Er hatte nur die Uniform Westfalls gesehen, aber nicht geahnt, dass er auf den Erben Westfalls, Fürst Baldericks einzigen Sohn, den Verlobten von Ana Somerstorm gestoßen war. Doch Gerit hatte ihn sofort erkannt und heimlich in die Festung gebracht.
»Seid vorsichtig, Minherr. Die Nachtschatten vertrauen Euch, aber wenn sie erfahren, dass Ihr sie hintergeht …«
Er ließ den Satz unvollendet.
Gerit antwortete nicht darauf, sagte ihm nicht, dass seine Anwesenheit in Somerstorm nichts anderes war als eine große Lüge. Er hatte behauptet, Korvellan habe ihn geschickt, um sich um die Verwaltung der Festung zu kümmern, dabei hatte er die Armee heimlich verlassen. Im Frühjahr, wenn die Pässe frei waren und die Nachtschatten zurückkehrten, würde alles auffliegen. Eine Lüge mehr oder weniger würde sein Schicksal nicht beeinflussen.
Wieso bleibe ich hier?, fragte er sich auf dem Weg nach oben, aber er kannte die Antwort. Er blieb, weil es keinen anderen Ort gab, an dem er sein wollte. Die Festung war sein Zuhause gewesen, bevor die Nachtschatten kamen, und bis zum Frühjahr konnte er so tun, als ob sie es immer noch war. Das reichte ihm.
Sie stiegen die steile, in den Fels geschlagene Wendeltreppe hinauf. Zwei Nachtschatten standen an großen Lagerfeuern und bewachten den Eingang. Sie hatten sich Felle über die Schultern gelegt und versteckten ihre Gesichter hinter breiten Schals. Gerit nahm an, dass sie zu denen gehörten, die aus dem ewigen Eis gekommen waren. Die Kälte schien sie nicht zu stören.
Er blieb neben Maccus am Ende der Wendeltreppe stehen und zog die Pelze über, die er vor dem Gang in die Mine ausgezogen hatte. Es war so kalt, dass der Atem vor seiner Nase leise klirrend gefror.
»Denkt nicht zu lange über meinen Rat nach«, sagte Maccus, als er ihm zum Abschied die Hand reichte. »Und seid vorsichtig, Minherr.«
»Danke.« Gerit schüttelte die Hand, dann zog er die Mütze über sein Gesicht. Nur ein Schlitz für die Augen blieb frei, den Rest seines Kopfes verbarg er unter drei Schichten aus Stoff und Pelz.
Einer der Nachtschatten sah zu ihm herüber. »Jetzt siehst du endlich aus wie einer von uns, Mensch«, sagte er dumpf hinter seinem Schal.
»So lange ich nicht rieche wie einer von euch«, rief Gerit zurück.
Der Nachtschatten, der ihn angesprochen hatte, lachte, der andere warf einen Blick in den grauen Himmel. »Willst du jetzt noch zurückreiten?«, fragte er.
Gerit nickte. »So weit ist es ja nicht.«
»Sieht aber nach einem Sturm aus.«
»Nein, ich kenne das Wetter hier. Macht euch keine Sorgen.«
Gerit ging zu seinem Pferd. Ein Arbeiter hatte es abgerieben und gefüttert. Er bedankte sich bei dem Mann und saß auf.
Der Nachtschatten hatte recht. Es sah aus, als würde das Wetter bald umschlagen, aber Gerit hoffte, dass es noch bis in die Nacht halten würde.
Der Ritt zur Festung dauerte auch auf einem schnellen Pferd wie dem seinen fast einen halben Tag. Noch länger wollte er Rickard nicht allein lassen. Der Mann, der ihm bei ihrer ersten Begegnung gezeigt hatte, wie man einen Morgenstern schwang, war zu einem Schlafwandler geworden, fast ohne eigenen Willen. Er aß und trank nur, wenn Gerit es ihm befahl.
Ich weiß nicht, ob er überhaupt noch essen und trinken muss, dachte er, während er an Wachen und Lagerfeuern vorbei zur Straße ritt. Er fragte sich oft, ob Rickard lebte oder schon längst gestorben war. Vielleicht blieb er nur in dieser Welt, um sich von seiner Verlobten zu verabschieden, so wie die Geister in den Geschichten, die sich die Dienerinnen immer erzählt hatten. Ihm gefiel dieser Gedanke, obwohl er nicht glaubte, dass es so war.
Der Sturm holte ihn auf halber Strecke ein. Er begann als Brise, in der Schneeflocken tanzten, und steigerte sich zu einem beißenden, scharfen Wind, der Gerit die Tränen in die Augen trieb und sie unter der Mütze auf seinen Wangen gefrieren ließ.
Gerit beugte sich vor und legte die Arme um den Hals seines Pferdes, um sich vor dem Wind zu schützen. Seine Hände versanken in dem dicken, rauen Winterfell. Er kannte die Gegend, in der er sich befand, wusste, dass es dort nichts gab außer Hügel, Felsen und Schnee. Es gab kein Dorf in der Nähe und keinen Hof.
Erste Sturmböen trafen ihn. Sein Pferd taumelte und wieherte. Gerit trieb es voran. Tausend Hände schienen an seinen Pelzen zu zerren, versuchten sie ihm vom Leib zu reißen. Er verlor einen Handschuh, einen der drei, die er übereinander trug.
Der Sturm steigerte sich zum Tosen, so als sporne ihn dieser kleine Sieg noch weiter an. Eis klirrte in der Luft, Sturmböen wühlten den Schnee auf. Gerit schob die Hand, die nur noch von zwei Handschuhen geschützt wurde, unter die Mähne des Pferdes.
Die Kälte nutzte jeden auch noch so kleinen Riss, kämpfte sich durch die Kleidungsschichten hindurch bis auf seine Haut. Mit Nadeln stach sie auf ihn ein.
Gerit wusste, dass er den Kampf gegen sie verlieren würde.
Der Schnee tobte um ihn herum, ein Wirbel aus Grau und Schwarz, aus Tag und Nacht. Sein Pferd blieb stehen. Seine Flanken zitterten, ob vor Kälte oder Angst, wusste Gerit nicht. Er schmiegte sich an seinen Hals.
Nässe, die Vorhut des Todes, kroch in seinen Körper. Seine Zähne schlugen aufeinander. Seine Muskeln verkrampften sich. Er versuchte an etwas zu denken, irgendetwas außer der Kälte und dem Tod, aber der Sturm ließ ihn nicht los, hämmerte weiter unerbittlich auf ihn ein.
Plötzlich wurde es still.
Und dann hörte er die Stimmen.
»Da ist er.«
»Macht das Tor auf!«
Das Pferd bewegte sich. Hände griffen nach ihm, nicht die eisigen Hände des Sturms, sondern warme und lebendige. Er wurde aus dem Sattel gezogen.
»Macht Wasser heiß, und lasst ein Bad ein!«, rief eine Stimme. Gerit erkannte sie. Mamee.
Er öffnete die Augen. Der Himmel über ihm war dunkel und wolkenverhangen. Es war Nacht in der Festung Somerstorm.
Jemand trug ihn in die Küche. Er hörte das Klappern von Geschirr und rasche Schritte. Mamee beugte sich über ihn und begann seine nassen Pelze auszuziehen.
»Wir haben den Sturm im Norden gesehen«, sagte sie. »Ich hatte Angst um dich.«
Gerit fielen die Augen zu. Er war so müde, dass er ihren Worten kaum folgen konnte. »Wer hat mich hergebracht?«
Er musste die Frage zweimal wiederholen, bis Mamee sie verstand.
»Niemand«, sagte sie. »Du hast es allein geschafft.«
Nein, dachte Gerit, das habe ich nicht.
Er erwachte. Graues Licht fiel in das Zimmer. Die Felle, mit denen man ihn zugedeckt hatte, waren schwer und rochen nach schlecht gegerbtem Leder. Er genoss ihre Wärme.
Mamee saß neben ihm auf einem Kissen. Sie hatte die Beine angezogen und stützte das Kinn auf die Knie. »Ich bin sehr stolz auf dich«, sagte sie, als er die Augen öffnete. »Alle hier sind stolz, sogar Nebelläufer.«
Gerit schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts getan, was Stolz verdient. Ich habe auf meinem Pferd gesessen und gefroren.«
»Du hast gekämpft. Es war ein schwerer Sturm, aber du hast ihn besiegt.« Sie streckte die Beine aus und lächelte.
»Nein, das habe ich nicht.« Er setzte sich auf. Man hatte ihn in eines der Zimmer im Gästeflügel gebracht, nicht in die Küche, wo er normalerweise schlief. Er fühlte sich dort wohler als im Haupthaus.
»Ich war viel zu weit weg«, fuhr er fort. »Ich müsste tot sein.«
»Aber das bist du nicht, also hast du gesiegt. Es gibt keine andere Möglichkeit, also wieso sträubst du dich so dagegen?«
Weil es unmöglich wahr sein kann, dachte Gerit, sprach den Gedanken aber nicht aus. »Ich weiß es nicht«, sagte er stattdessen.
Mamee strich ihm über die nackte Brust. »Dann freue dich über deinen Sieg und über dein Leben.«
»Das werde ich.« Gerit lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Das Bett bewegte sich, als Mamee aufstand, dann hörte er, wie die Tür leise geschlossen wurde.
Er öffnete die Augen und schlug die Felle zurück. Der Himmel jenseits des Fensters war so wolkenverhangen, dass es ihm schwerfiel, die Tageszeit zu schätzen.
Vormittag, dachte er, vielleicht schon Mittag.
Mamee hatte frische Kleidung über einen Stuhl gehängt: lange Unterwäsche, ein dunkles Hemd aus schwerem Stoff, eine pelzbesetzte Jacke und eine Lederhose. Die Sachen passten, obwohl sie ihm nicht gehörten. Er zog seine gefütterten Stiefel an und öffnete vorsichtig die Tür. Der Gang war leer.
Gerit ging durch den ganzen Flügel, ohne einem Nachtschatten zu begegnen. Die meisten hielten sich wie er in den ehemaligen Sklavenquartieren auf. Ihnen schien die Enge zu gefallen.
Er betrat einen breiten, holzvertäfelten und mit Teppichen ausgelegten Gang. Wie aus dem Nichts tauchte eine Erinnerung in ihm auf: Ana und er, balancierend auf den schmalen goldenen Rändern der Teppiche. Sie hatten sich vorgestellt, es gäbe Abgründe auf beiden Seiten der Ränder. Ein falscher Schritt und man war tot.
Wie recht wir hatten, dachte Gerit.
Er blieb stehen und drückte gegen eine Holzvertäfelung, die sich in Nichts von den anderen unterschied. Es knirschte, dann schwang sie auf. Gerit kletterte in den schmalen Gang dahinter.
Als kleiner Junge hatte General Norhan, der engste Berater seines Vaters, ihm die Gänge gezeigt. Sie zogen sich durch die gesamte Festung und unter dem Innenhof entlang. Der erste Fürst von Somerstorm hatte die Gänge beim Bau der Festung angelegt, aus Angst vor Überfällen. Die Nachtschatten wussten von dem Gangsystem, interessierten sich jedoch nicht dafür.
Gerit kletterte über die alten Holzleitern nach unten. Es war dunkel, aber er brauchte kein Licht. Er hatte als Kind ganze Tage in den Gängen zugebracht, war nur herausgekommen, um zu essen und zu lernen. Wahrscheinlich gab es niemanden, der sie so gut kannte wie er.
Rickard hatte er in einem Ochsenkarren versteckt unter Säcken von Maka-Wurzeln bis zu den Stallungen gebracht. Dort gab es Gänge, die zu einigen kleinen Räumen unterhalb der Festungsmauer führten. Gerit vermutete, dass dort einmal Waffen gelagert worden waren.
Er lief durch einen dunklen Gang. Es roch nach Holz und Erde. Am Ende des Gangs war es hell. Gerit hatte Rickard neben Wasser und Maka eine Kiste voller Kerzen dagelassen. Anscheinend hatte er es geschafft, die Flamme nicht ausgehen zu lassen, denn mit seinen abgestorbenen Fingern hätte er sie nicht wieder anzünden können.
»Rickard, ich bin es«, sagte Gerit, als er den Raum betrat. »Ich bin zurück.«
Im ersten Moment dachte er, Rickard sei tot. Er lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Schwarzer Sand rieselte aus seinem lippenlosen Mund.
Gerit ging neben ihm in die Knie. Vorsichtig drehte er Rickard auf den Rücken. Bei jeder Bewegung raschelte es, so als blättere er in den Seiten eines Buchs.
»Rickard?«
Die Augen in dem vom Frost zerstörten Gesicht bewegten sich. Sie sahen Gerit nicht an, das taten sie nie. In der Enge des Raums schien Rickard auf etwas weit Entferntes zu blicken. Gerit fragte sich, ob er blind war.
»Was ist passiert?« Er stellte die Frage, obwohl er wusste, dass er keine Antwort erhalten würde. Die Kälte hatte Rickard Lippen und Zunge genommen. Er konnte nicht mehr sprechen. Er versuchte es auch nicht.
Gerit setzte ihn auf. Rickard war so leicht, dass er Angst hatte, ihn zu zerdrücken.
»Alles wird gut«, sagte er. »Ich bin ja wieder da.«
In einer Ecke des Raums stand ein Wasserfass, daneben ein Korb mit Brot und Tonkrüge voll eingelegten Maka-Wurzeln. Gerit hatte all das vor seiner Abreise aufgefüllt, aber es sah nicht so aus, als fehle etwas.
Er stand auf. »Ich mach dir was zu essen.«
Rickard stöhnte, ein tiefer, klagender Laut, der nicht enden wollte. Er hob die Arme. Seine schwarzen toten Hände schienen nach etwas zu greifen.
»Was ist denn?« Gerit hockte sich wieder hin. Die Hände fanden ihn, tasteten sich über seine Beine zum Oberkörper und legten sich um ihn. Gerit wäre beinahe zurückgewichen, doch dann ließ er die Umarmung zu. Rickards Arme waren kalt und hart, wie gefrorene Holzscheite. Sie zogen Gerit heran und hielten ihn fest.
Das Stöhnen verstummte.
»Was ist denn los?«, fragte Gerit leise. »Wieso tust du das?«
Rickard hielt ihn in seiner steifen Umarmung fest und drehte den Kopf, bis er ihm in die Augen sah. Gerit war nicht aufgefallen, wie hell seine Augen waren. Sie sahen aus wie Eis.
Und dann verstand er.
»Du warst es«, sagte er. »Du hast mich aus dem Sturm geholt.«
Rickards Blick kehrte in die Weite zurück. Seine Arme fielen schlaff in seinen Schoß.