BÖSE ÜBERRASCHUNGEN
Ben starrte den Drachen an und wusste
nicht, was er darauf erwidern sollte, dass Krawinyjan den Hohen
Norkham nicht kannte. Eine der Wolken wanderte vor der Sonne
vorbei, und die Luft wurde merklich kühler. Hatten die Ritter sogar
diese Erinnerung aus seinem Kopf getilgt, als sie ihm die
kläglichen Überreste der Flügel ein weiteres Mal gestutzt hatten?
Oder was hatte der feine Herr Arthen sonst mit ihm
angestellt?
»Norkham! Das ist der, der dich jahrelang
unterdrückt hat!«, rief Nica. In ihrer Stimme schwang noch immer
Hass auf den toten Ketzer mit.
»Wieso jahrelang?«
»Nicht?«
»Der Bursche hat mich erst seit ein paar Tagen sein
Eigen genannt. Und er hieß Erlon, nicht Norkham.«
»Ja, der. Aber davor!«
»Davor? Davor war ich frei! Bis ich vor drei oder
vier Wochen eine gefesselte, strahlend blonde Jungfrau von einem
Pfahl erretten wollte, an den sie gekettet war, und dabei
hinterrücks von zwei Rittern angegriffen wurde. Schneller, als ich
zuschnappen konnte, hatten sie mir die Flügel abgeschlagen, und
aller Widerstand erlosch in mir. Alles Glück, das Gefühl, frei zu
sein und lebendig. Es war schrecklich.«
Fluchend schloss Ben die Augen. Von wegen Schwur
erfüllt! Sie hatten den falschen Drachen. Doch wie war das möglich?
Dies war der Drache, der dem langbeinigen Sieger
der Jagd im Reinen Bach überantwortet worden war. Sie hatten den
dünnen Burschen doch gesehen! Und selbst Norkham war hinter ihm her
gewesen. Wieso hätte er sich für einen beliebigen fremden Drachen
hängen lassen sollen?
Ben fröstelte. Gedankenverloren blickte er in den
Himmel, ob inzwischen weitere Wolken aufgezogen waren. Doch der
schmale Streifen über der Lichtung, der nicht durch Laub verdeckt
wurde, war überwiegend klar und von leuchtend hellem Blau.
Irgendwo im Wald brachen schwere Äste, Ben vernahm
ein hastiges Schnüffeln. Noch in Gedanken daran, dass sie den
Falschen befreit hatten, achtete er nicht darauf. Erst als sich auf
seinem Arm unvermittelt Gänsehaut bildete, schreckte er auf, doch
er war nicht der Einzige.
»In Deckung!«, schrie Aiphyron.
In diesem Moment brachen drei weiße Drachen aus dem
Unterholz, und Ben erstarrte. Ihre Nüstern waren geweitet, die
riesigen Mäuler geöffnet. Dicht an dicht reihten sich darin lange
spitze Zähne, die entfernt an gewaltige Eiszapfen erinnerten,
jedoch viel spitzer und härter aussahen. Die Drachen atmeten
neblige Kälte in die Sommerluft.
Unter ihren Klauen waren die Pflanzen von Reif
überzogen, hinter ihnen führte eine weiß glitzernde Spur durch den
Wald. Unerbittliche Kälte strahlten auch ihre blutroten Augen
aus.
»In Deckung, verdammt noch mal!«, brüllte Aiphyron
erneut.
Doch Ben konnte sich nicht bewegen, es war, als
wäre er eingefroren. Der Hauch der weißen Drachen wehte zu ihm
herüber, und seine Lunge stach, als wäre er im Winter zu weit und
zu schnell gerannt.
Kaum auf der Lichtung aufgetaucht, raste der größte
der weißen Drachen direkt auf Ben zu. Von Kopf bis Schwanzspitze
maß er bestimmt ein Dutzend Schritt, und dieser massige Körper kam
nun in einem waghalsigen Satz auf ihn zugesprungen. Ben war wie
erstarrt und konnte nichts tun als die riesigen gefletschten Zähne
anzuglotzen. Sein Herzschlag setzte aus, vielleicht war es zu Eis
geworden. Er hob nicht einmal die Arme, und einen Augenblick lang
wusste er, er würde nun sterben, entweder durch diese langen Zähne
oder einfach durch die Kälte, die unbarmherzig in seinen Körper
kroch. Dann prallte etwas seitlich gegen den weißen Drachen, etwas
Grünes.
Juri!
Er riss den weißen Drachen aus seiner Flugbahn und
stürzte brüllend mit ihm in den Fluss. Gebannt sah Ben zu, wie die
beiden sich im Wasser wälzten und ineinander verbissen. Fauchend
schlugen sie sich gegenseitig tiefe Wunden ins Fleisch. Einzelne
Wellen des Flusses vereisten, wenn das durchscheinende Blut des
weißen Drachen auf sie tropfte. Doch rasch froren auch seine Wunden
zu, die Kälte schien ihn zu heilen.
Auch da, wo Juri von den Zähnen oder Klauen des
Weißen gebissen wurde, bildete sich Eis auf den schilfgrünen
Schuppen. Doch dieses Eis stoppte Juris Blutungen nicht. Es war,
als würde ein Weiher zufrieren, Schuppe um Schuppe fraß es sich
voran.
»Aiphyron«, wollte Ben schreien, doch er brachte
nur ein unhörbares Wispern zustande. Im Augenwinkel erkannte er,
dass sich Aiphyron mit einem anderen Weißen über die Lichtung
wälzte und ihm Feuer ins Gesicht spie, während er verzweifelt
seinen Bissen zu entgehen suchte. Ben hoffte, das
Feuer wäre heiß genug, um die schrecklichen Zähne in wenigen
Augenblicken zu Nichts zu zerschmelzen. Dann könnte Aiphyron Juri
helfen. Allerdings schien am Rand der Lichtung Feuerschuppe viel
stärker in Bedrängnis zu sein.
Juri durfte nicht sterben! Er hatte ihn
gerettet.
Wasser schwappte über Juri hinweg, es zischte und
knackte, und das Eis auf den grünen Schuppen bekam Risse. Es war,
als würde der Fluss ihm zur Seite stehen.
Reiß dich zusammen. und hilf ihm, wie er dir
geholfen hat, warte nicht aufandere, dachte Ben mit klappernden
Zähnen. Wenn er die Schulterknubbel des Weißen berührte, würde
seine Wut vielleicht erlahmen. So oft hatte das bislang geklappt.
Doch bei dem Gedanken daran, die eisige Kreatur anzufassen, kam
tiefe Angst in Ben auf, Angst, von der Kälte einfach getötet zu
werden, bevor die Heilkräfte zu wirken begannen, Angst, von seinen
Zähnen erwischt zu werden.
Lautlos schimpfte er sich einen Feigling. Solche
Überlegungen hatte Juri eben sicher nicht angestellt, bevor er den
Weißen angesprungen und ihn gerettet hatte. Ben musste es
versuchen! Langsam konnte er seine Gelenke wieder bewegen.
Zwei, drei Schritte machte er auf die zwei tobenden
Giganten zu. Wasser spritzte in alle Richtungen, die peitschenden
Schwänze fegten über die Sträucher am gegenüberliegenden Ufer
hinweg, brachen junge Bäume entzwei und schmetterten sie gegen die
nächsten Stämme. Wenn Ben dort hineingeriet, würden ihm alle
Knochen im Leib brechen. Doch er musste ihn einfach berühren, ihm
zeigen, dass er die Kraft hatte, ihn zu befreien, ihm seine Flügel
zurückzugeben.
Dann stutzte Ben. Er konnte keinen einzigen
Schulterknubbel ausmachen. Sein Blick huschte über den geschuppten
Rücken und entdeckte nicht die geringste Verkrustung,
keine Narbe, keine Erhöhung, nichts. Makellos reihten sich die
Schuppen aneinander, als habe er nie einen Flügel gehabt. Als wäre
er niemals unterworfen worden. Das war doch nicht möglich!
Das würde bedeuten, die verfluchte Bestie griff sie
aus freiem Willen an.
»Ben!«, hörte er Nica schreien und wirbelte herum.
Sie kniete neben der Feuerstelle auf der Lichtung und setzte eben
das aufgeschichtete Holz in Brand. Einen überdrehten Moment lang
dachte Ben, sie würde tatsächlich wie geplant das Abendessen
zubereiten wollen, doch Yanko hockte zitternd und wimmernd neben
ihr und hatte die Arme um die Knie geschlungen.
»Hilf mir!«, schrie sie weiter.
Er sprang hinüber und sah, wie sich Krawinyjan eben
auf den Gegner von Feuerschuppe stürzte. Feuerschuppe war ganz von
glitzernden Kristallen überzogen und bewegte sich nur noch
schwerfällig. Ohne weiter hinzusehen, stürzte Ben auf die Knie und
pustete wie wild ins Feuer. Kalte Asche von gestern wirbelte auf
und drang ihm in Mund und Nase, so dass er husten musste.
»Was ist mit Yanko?«, keuchte er.
»Er friert. Sein Fuß wurde vom Hauch eines Drachen
gestreift, als er mich von ihm weggezerrt hat.« Nica schniefte.
»Wir müssen ihn wärmen.«
In diesem Moment loderten die Flammen aus den
dürren Ästchen und Rindenstücken hinauf, das Feuer leckte um die
dickeren Holzbrocken und fraß sich hinein.
Ben sprang zu seinem Rucksack und zerrte die zwei
letzten Fackeln daraus hervor, die Aiphyron mit der leicht
brennbaren, harzigen Substanz aus seinem Rachen überzogen hatte.
Sofort war er zurück am Feuer und hielt sie beide in die
Flammen.
»Was hast du vor?«
»Halte du Yanko warm, ich helfe Juri!« Und damit
stürzte er – zwei hell lodernde Fackeln in den Händen – zurück zum
Fluss, wo die beiden Drachen noch immer aufeinander
einschlugen.
Beide bluteten schwer, kleinere und bis zu gut zwei
Schritt durchmessende Eisschollen tanzten auf den Wellen davon oder
landeten am Ufer. Überall sah Ben das dunkle Rot von Juris
Blut.
»Verrecke, du hässlicher Eisklotz!«, brüllte er und
schleuderte die brennende Fackel mit aller Wucht nach dem weißen
Drachen. Er hatte gut gezielt und traf die Bestie mitten auf die
Schnauze.
Fauchend riss sie den Kopf hoch und suchte nach dem
neuen Angreifer. Juri nutzte den Moment der Ablenkung sofort und
schnappte blitzschnell zu. Tief gruben sich seine Zähne in die
Kehle des weißen Drachen.
»Ja!«, brüllte Ben und sprang ins Wasser. Es war
eiskalt, Schauer liefen seine Beine hinauf und über den Rücken bis
in seinen Kopf. Doch darauf achtete er nicht, er spürte ohnehin
kaum noch etwas. Mit klappernden Zähnen watete er durch das
hüfttiefe Wasser zu den ineinander verbissenen Drachen, näherte
sich ihnen von der oberen Seite, wo nicht ständig die Schwänze
peitschten.
Im passenden Moment sprang er vor und rammte dem
Weißen die brennende Fackel mitten in eine hässliche gefrorene
Wunde. Zischend tropfte frisches, durchscheinendes Blut in den
Fluss, der Drache schrie und warf sich herum.
Ben hechtete davon, und blitzschnell schlug Juri
seine rechte
Klaue in die frisch aufgebrannte Wunde, tief drangen die Krallen
hinein. Der Weiße jaulte vor Schmerz auf und hieb wild um
sich.
Ben wurde von einer Welle davongespült, stieß sich
noch weiter vom Grund ab, er musste fort, nur fort. Ohne Fackel war
er nutzlos. Der Hauch des Drachen streifte über ihn hinweg, während
er rasch untertauchte, um ihm zu entkommen.
Einen Augenblick später kämpfte er sich ans Ufer,
um zum Feuer zurückzukehren. Dort ließ sich wenigstens noch ein
brennender Ast auftreiben. Feuer tat diesen Biestern weh! Frierend
und durchnässt rannte er torkelnd über die Lichtung, die Knie waren
steif, die Muskeln wollten ihm nicht mehr gehorchen, doch er zwang
die Beine voran, balancierte das Gleichgewicht mit seltsam zur
Seite gestreckten Armen aus. Seine Hände waren blau.
Gerade ließ Aiphyron von einem weißen Drachen ab,
der an zahlreichen Stellen mit schwarzem Ruß überzogen war, und
dessen ehedem furchterregende Klauen nur noch Stümpfe zu sein
schienen. In Aiphyrons Augen glomm heiße Wut. Nichts erinnerte an
den freundlichen Drachen, den Ben kannte. Er stürmte quer über die
Lichtung und warf sich brüllend auf den weißen Drachen, der eben
Krawinyjan von sich stieß und sich suchend umwandte.
»Juri!«, schrie Ben und fuchtelte mit den Armen.
»Juri braucht Hilfe!«
Doch Aiphyron beachtete ihn nicht. Dunkle Flammen
trieften aus seinem Maul.
Ben wankte, so schnell er konnte, zu Nica hinüber
und riss einen brennenden Ast aus dem Feuer. Funken stoben auf,
glimmendes Holz fiel über die steinerne Umrandung.
»Was tust du?«, schrie Nica, die Yankos Fuß in die
Hände
genommen hatte und ihn bibbernd warm rieb. Dabei warf sie gehetzte
Blicke in alle Richtungen, bereit, jederzeit zu fliehen.
»Ich muss Juri helfen!«
»Damit?«
»Ja! Wirf mehr Holz nach!«, schrie Ben und rannte
mit schweren Beinen wieder zum Fluss. Juri hatte ihn gerettet, er
musste ihm beistehen! Er würde ihn nicht im Stich lassen.
Doch am Ufer angekommen, blieb Ben stehen und ließ
den Ast sinken. Die brennende Spitze sackte zischend ins Wasser und
verlosch.
Der weiße Drache war tot. Mit verdrehten Augen lag
er auf dem Rücken im Fluss, um ihn breitete sich eine Eisschicht
aus. Keuchend kauerte Juri neben ihm, Blut rann ihm aus zahlreichen
Wunden. Allmählich wanderte das wachsende Eis des Toten auf ihn zu,
in wenigen Minuten hätte es ihn umschlossen.
»Juri!« Ben ließ den Ast ganz fallen und rannte zu
dem verwundeten Drachen.
»He, Ben.« Er versuchte ein Lächeln.
»Nichts da mit he. Beweg deinen dicken Hintern hier
weg, bevor er dir noch einfriert!«
»Ich...«
»Los jetzt!«
»Ich... kann nicht...«
Verzweifelt legte Ben ihm die Hände auf eine offene
Wunde am Hinterbein, die größte, die er auf den ersten Blick
entdecken konnte. Das wunde Fleisch war so hart, als wäre es
gefroren. Viel zu kühles Blut sprudelte ihm zwischen den Fingern
hindurch. Mit zusammengebissenen Zähnen knirschte er:
»Heile!«
Kälte kroch ihm unter die Haut und fraß sich bis in
die
Knochen, schwimmendes Eis stieß ihm gegen die Hüfte, doch er
achtete nicht darauf. Er versuchte Juri zu heilen und ihn
gleichzeitig ein Stück von dem toten Drachen fortzuschieben, von
der wachsenden Eisfläche. Tief grub er die Füße in den Grund des
Flusses und drückte mit aller Kraft. Natürlich war der massige
Körper viel zu schwer.
»Beweg dich!«, schrie er wieder, und dann: »Heile,
verdammte Wunde, heile!«
Kälte drang ihm in die Finger, eine eisige Kälte
aus der Wunde, die seine Unterarme hinaufkroch und ihn fast dazu
gebracht hätte, loszulassen. Eine Kälte, die seine Finger
bewegungslos machte, gefühllos, doch stur schickte er weiterhin
seine Heilkräfte hindurch. Und wenn ihm einer abbrach, das wäre
egal, Juri musste leben! Dann, endlich, spürte er das vertraute
Pochen, das ihm verriet, dass seine Kräfte zu wirken begannen.
Langsam floss das Blut zäher, bis es schließlich ganz
versiegte.
Ein Zittern durchlief Juris Körper, mühsam kämpfte
er sich auf die Beine, torkelte ein paar Schritte flussabwärts und
fiel wieder ins Wasser. Bis hierher würde sich das Eis nicht
ausbreiten.
Ben stapfte hinterher. Er war vollkommen
durchgefroren, seine Arme waren taub, doch das Wasser dort, nur ein
Stück entfernt, war wärmer. So warm, wie ein Fluss im Spätsommer
sein sollte. Seine Muskeln begannen zu kribbeln, die ersten
schienen wieder zu erwachen.
»Los, ans Ufer«, keuchte er.
»Nein«, sagte Juri leise. »Wasser hilft mir.«
»Meinetwegen.« Schwer atmend legte Ben die Hände
auf die nächste Wunde. Der Kampflärm auf der Lichtung hinter ihnen
war verklungen.
»Wie geht es den anderen?«
»Gut, glaube ich. Hoffe ich.« Dann holte Ben Luft
und rief: »Alles in Ordnung?«
»Ben! Ben, wo bist du?«, dröhnte Aiphyrons Stimme
herüber.
»Hier!«
Einen Augenblick später brach Aiphyron durchs
Unterholz. Er sah angeschlagen aus, sagte aber, dass die weißen
Drachen tot seien. Allen anderen ging es gut. »Zumindest annähernd.
Feuerschuppe friert, seine brüchigen Schuppen splittern, wenn er
sich bewegt.«
Ben sah ihm in die Augen. Die brennende Wut war
verschwunden, nun lag Sorge in ihnen.
»Ich sehe gleich nach ihm«, sagte er matt. »Erst
muss ich mich noch um Juri kümmern.«
»Ich sehe zu, dass ich Feuerschuppe aufwärme. Wozu
trage ich dieses verdammte Feuer denn in mir.« Mit diesen Worten
wandte sich Aiphyron ab und stob davon.
Eine gute Stunde später wankte Ben auf die
Lichtung. Jede der zahlreichen Wunden Juris hatte er mitten im
Fluss verschlossen, nun fühlte er sich vollkommen ausgelaugt. Er
musste wieder zu Kräften kommen, und vor allem musste er sich
aufwärmen. Niesend und frierend warf er die nasse Kleidung am Feuer
von sich und stellte sich zitternd vor die Flammen. Nur mühsam
drang ihre Wärme unter seine Haut.
»Wie geht es Yanko?«, fragte er, ohne den Blick vom
Feuer abzuwenden.
»Zieh dir was über, dann bekommst du auch eine
Antwort«, sagte Nica spitz.
Ben zuckte zusammen und sah an sich herunter.
Natürlich, er war vollkommen nackt! Daran hatte er vor lauter
Erschöpfung und Hunger nach Wärme überhaupt nicht gedacht, nur an
die beißende, tief sitzende Kälte, und daran, sie loszuwerden. Mit
rotem Gesicht fischte er rasch eine Hose aus dem Rucksack, rubbelte
sich die Beine mit einem Hemd trocken und schlüpfte hinein. Nica
starrte derweil mit gesenktem Kopf stur zu Boden.
»Ich kann auch selbst reden, du kannst mich direkt
ansprechen«, murmelte Yanko schlapp, während sich Ben die Hose
anzog. So schwach er klang, es tat gut, seine Stimme zu
hören.
»Nica sagt, der eine hat dich mit seinem Hauch
berührt.« Ben nickte ihr zu. »Du kannst übrigens wieder schauen.
Tut mir leid.«
Langsam hob sie den Kopf, sah ihm aber nicht in die
Augen. »Schon gut.«
»Nein, er hat mich nicht berührt«, berichtigte
Yanko leise. »Ich bin wohl nur barfuß in das kalte Gras getreten,
das sein Atem mit Eis überzogen hat. Aber das hat ausgereicht, der
Fuß ist bis über den Knöchel noch immer taub. Richtig erwischt hat
es nur Feuerschuppe.«
»Gut«, sagte Ben und sah zu dem Drachen hinüber.
»Also, nur das ist mit dir.«
Feuerschuppe lag am Rand der Lichtung und war von
einem Ring aus gelb lodernden Flammen umgeben. Wie Schweiß troff es
von seinen überwiegend roten Schuppen, doch es war das schmelzende
Eis, das aus seinem Körper rann. Aiphyron beobachtete aufmerksam
die Flammen, damit sie Feuerschuppe nicht zu nah kamen und nicht
auf den Wald übergriffen.
Krawinyjan kauerte schwer atmend in der Nähe,
wärmte sich ebenfalls, sah sich mit Panik in den Augen um und
musterte jeden Schatten im Wald misstrauisch.
Ben raffte sich auf und schlich hinüber,
Feuerschuppe brauchte ihn. Die Wärme des Feuerrings um den Drachen
drang viel tiefer als die des Lagerfeuers, vertrieb die tiefste
Kälte aus seinem Inneren.
»Yanko, komm her«, rief er, dann fragte er, wie es
Feuerschuppe gehe.
»Das Eis ist bald raus aus ihm«, sagte Aiphyron.
»Dann bist du dran.«
Ben nickte und ließ den Blick über den verwundeten
Drachen wandern. Er hatte eine große Anzahl Schuppen verloren, sie
waren einfach gesprungen wie Eis in der Sonne und hatten das bloße
Fleisch darunter offen gelegt. Es sah schlimm aus. Wenigstens
gingen die Bisswunden und die durch Krallen verursachten Risse
nicht so tief wie bei Juri, das würde Ben recht schnell
hinbekommen. Doch in den Augen regte sich kaum ein Funken Leben,
sie wirkten leblos kalt und wie von Reif überzogen. Wie tot und
blind zugleich, doch ab und zu zuckten sie.
»Wie haben sie uns aufgespürt?«, fragte Ben. »Ich
weiß es nicht. Aber hast du sie schnüffeln gehört? Ihr Geruchssinn
ist außerordentlich, selbst für Drachen. In der Luft konnten sie
uns nicht wittern, doch jetzt waren wir lange am Boden. Erst bei
Chybhia, jetzt hier. Sie müssen zufällig auf unsere Spur gestoßen
sein. Oder auf ein Pferd, das Nica losgebunden hat. Wenn sie das
Pferd auch nur ganz leicht berührt hat, hing schon genug von ihrem
Geruch im Fell des Tiers. Weiße Drachen riechen wie niemand
sonst.«
»Sie haben keine Schulterknubbel.«
»Nein.« Ohne ein weiteres Wort erstickte Aiphyron
eine kleine Flamme, die zum Wald hin wandern wollte.
»Werden noch mehr von ihnen kommen?«, fragte
Krawinyjan mit brüchiger Stimme. »Ihr könnt ja einfach
davonfliegen, aber ich?«
»Ich glaube nicht«, sagte Yanko, der sich auf Nica
gestützt inzwischen auch am Feuerring eingefunden hatte. Seinen Fuß
hielt er in Richtung Flammen, und es schien ihm tatsächlich etwas
besser zu gehen. Auf seinem Gesicht zeigte sich der erste Anflug
von Farbe. »Zumindest habe ich noch nie davon gehört, dass einem
Geächteten mehr als ein solcher Hund Hellwahs auf den Hals gehetzt
worden sei. In keiner einzigen überlieferten Geschichte war das
nötig. Und auch hier sind es drei Drachen, und wir sind zu
dritt.«
»Zu sechst«, sagte Aiphyron.
»Der Orden zählt nur Menschen. Deshalb seid ihr
auch nicht auf dem Steckbrief. Für ihn seid ihr nichts als wilde
Tiere.«
»Pah!««
»Sei froh. Sonst wären sie zu sechst
gekommen.«
Aiphyron brummte etwas Unverständliches.
»Dann kommen also keine weiteren?«, vergewisserte
sich Krawinyj an.
»Nein«, behauptete Yanko forsch.
Doch Ben bezweifelte, dass er sich dessen wirklich
so sicher war. Dafür wanderte Yankos Blick zu oft zwischen die
Bäume, zu suchend, zu ängstlich.
»Und warum haben sie keine Schulterknubbel?«,
fragte Ben, während er zugleich auf ein fernes Schnüffeln
lauschte.
»Weil sie nie Flügel hatten.« In Aiphyrons Stimme
lag Verachtung. »Weiße Drachen werden im Eis geboren. Wie der
Winter bringen sie mit ihrer Kälte Stillstand und Tod. Sie fühlen
nichts. So jemand fliegt nicht, so jemand kriecht.«
Richtig zufrieden war Ben mit dieser Erklärung
nicht, sie war zu knapp. »Aber wie können die Ritter sie dann
unterwerfen, wenn man ihnen nicht die Flügel abschlagen
kann?«
»Man kann sie nicht unterwerfen, aber man kann sie
auf einen bestimmten Geruch ansetzen. Solange sie ihm folgen, ist
nichts anderes von Bedeutung. Sie suchen denjenigen, dessen Geruch
sie in ihrer Schnauze tragen, und wenn sie ihn haben, töten sie
ihn.«
»Und dann? Kehren sie zu dem Ritter zurück, der sie
losgeschickt hat?«
»Nein. Sie haben nichts Hündisches an sich. Sie
kehren heim ins Ewige Eis. Du erinnerst dich? Das Eis, das du so
gern sehen wolltest.« Aiphyron grinste.
»Danke. Ich hab es mir anders überlegt.« Ben
schüttelte sich.
»Einst gab es jedoch Menschen, denen sind die
Weißen wie Hunde gefolgt«, sagte Krawinyjan. »Es waren nicht viele,
doch über die Jahrhunderte tauchte immer wieder einer auf, der die
Weißen befehligen konnte. Man nannte sie Eisherrscher, und ihre
Gabe war ebenso selten wie die eines Drachenflüsterers.«
»Du meinst, ein solcher Eisherrscher hat uns die
auf den Hals gehetzt?«
»Blödsinn«, brummte Aiphyron. »Das wäre ein
dämlicher Zufall. Jedes Kind, das ein Kleidungsstück, ein Möbel
oder nur ein paar halb gekaute Essensreste mit eurem Geruch
besitzt, kann die Drachen auf euch hetzen. Dazu braucht man keine
besondere Gabe.«
»Das wollte ich auch nicht behaupten. Ich habe nur
gesagt,
dass unter Umständen...« Krawinyjan warf einen Seitenblick auf
Aiphyron und schüttelte den Kopf. »Ja, gut, ich habe nichts
gesagt.«
»Na also.« Langsam löschte Aiphyron die Flammen um
Feuerschuppe, um Ben den Weg frei zu machen. Das Gras, auf das das
Eis getropft war, war abgestorben, der Boden hart wie im Winter,
doch schmerzte die Kälte nicht mehr, wenn man auf sie trat.
»Siehst du mich, Feuerschuppe?«, fragte Ben und
blickte dem Drachen direkt in die von weißer Kälte überzogenen
Augen.
»Nur einen Schemen.«
»Dann erschrick jetzt nicht«, sagte er und kniete
sich vor ihm auf die Erde. Ganz vorsichtig fasste er auf die
offenen Augen, ihre Oberfläche war glatt und eiskalt.
»Ihr anderen lasst euch von Aiphyron ein neues
Feuer entfachen, wärmt euch und macht etwas zu essen. Wenn ich hier
fertig bin, habe ich Hunger«, sagte Ben noch, dann vertiefte er
sich ins Heilen.