VIERZINNEN
Seit einer Stunde liefen sie durch die
Straßen von Vierzinnen, die sich zu der frühen Stunde nur langsam
füllten. Unauffällig musterte Ben jeden Passanten, achtete darauf,
ob ein Erkennen über sein Gesicht huschte, ein gieriger Ausdruck.
Er lauschte darauf, ob sich hinter ihnen Schritte beschleunigten
und zuckte zusammen, wenn irgendwo ein lauter Ruf ertönte. Doch nie
galt irgendetwas davon ihnen, und so beruhigte er sich
allmählich.
Die Straßen waren schmal und gewunden, aus dem
grauen Felsen gehauen und von den gröbsten Spitzen und Kanten
bereinigt. Zwei oder drei breite Wendeltreppen führten auf jeder
Zinne in die Tiefe, und so gelangten sie in die unterirdischen
Ebenen der Stadt, in der ein vergleichbares Straßennetz von einer
Haushöhle zur nächsten führte.
Die Felswände waren vollkommen glatt, die Decken
gerundet wie ein Tonnengewölbe. Sowohl Wände als auch Decken waren
von kristallinen weißen, gelben und roten Adern durchzogen, die ein
stetes Schimmern abstrahlten, so dass jeder Weg in dämmriges Licht
getaucht war und niemals Dunkelheit herrschte. Auf der Außenseite
waren solche Adern nicht zu sehen gewesen, dort war der Stein von
einem schmutzigen Grau. Als sie in der vierten Tiefebene der
zweiten Zinne einen Blick in eine Gaststube warfen, sahen sie, dass
dort das Strahlen der Adern mit Hilfe von schwarzen Vorhängen
verdeckt werden konnte. Das dürfte vor allem in den Schlafräumen
von Bedeutung sein.
»Warum leuchtet der Kristall?«, fragte Ben, doch
die anderen zuckten mit den Schultern. Vorsichtig berührte er eine
rote Ader. Sie war hart, trocken und gab Wärme ab wie ein Stein,
der einen heißen Sommertag lang in der Sonne gelegen hatte. Er zog
die Hand zurück. Darüber konnte er sich Gedanken machen, wenn sie
ihren Schwur erfüllt hatten.
Oben hatten sie gesehen, dass an den Unterkanten
der Dächer Rinnen angebracht waren, die das Regenwasser auffangen
konnten. Dieses wurde über weitere Rinnen und Röhren bis zu einer
Zisterne hinabgeleitet, die im Zentrum der ersten unterirdischen
Ebene jedes Felsens errichtet war. In den untersten Ebenen fand
sich jeweils ein Brunnen, der weit über hundert Schritt in die
Tiefe gebohrt worden sein musste.
Als sie unbeobachtet waren, ließ Ben in der dritten
Zinne, der größten, einen Stein in einen Brunnen fallen. Dessen
Aufprall auf dem Wasser konnten sie erst spät und nur gedämpft
vernehmen.
»Noch ein paar Meter weiter, und du hättest direkt
in Samoths gute Stube getroffen«, sagte Yanko leise. Lauter zu
sprechen wagte er nicht, denn unter der Erde sollte man Vorsicht
walten lassen mit dem Namen des heuchlerischen Gottes der Tiefe.
Dort war man ihm zu nah.
»Komm.« Nervös zog Nica ihn weg und zum Treppenhaus
hinüber, ihr schien der Gedanke an Samoth neben diesem Schacht
unheimlich. Ben folgte ihnen, doch er sah sich weiter nach
menschlichen Verfolgern um, nicht nach einem über einen harmlosen
Scherz verärgerten Gott.
Reiß dich zusammen, dachte er. Niemand
kannte sie hier, nirgendwo hatte er einen Steckbrief gesehen, und
niemand würde sie so verändert überhaupt erkennen. Hier lebten
Ketzer, keine Ordensleute. Wenn er nicht aufpasste, würde er über
seiner ständigen Vorsicht noch den Verstand verlieren. Hier waren
sie sicher. Wer sich fürchten sollte, das war der Hohe
Norkham.
Während über der Stadt schwarze Nachtadler kreisten
oder krächzend auf den Giebeln saßen, tapsten hier unten dunkel
gefleckte Hamster, so groß wie Bens Füße, mit großen gelben Augen
durch die Gänge. Sie bewegten sich mit einer Selbstverständlichkeit
und inneren Ruhe wie streunende Katzen und Hunde in vielen
oberirdischen Städten. Nur beiläufig achteten sie auf die drei
Freunde, sie schienen keine Angst vor Menschen zu haben.
Allzu viele waren es nicht, doch Ben hatte seit
ihrer Ankunft bestimmt schon drei oder vier gesehen. Und nun
entdeckte er einen Hamster, wie er sich an der Wand aufrichtete,
mit den kleinen dürren Vorderpfoten am Fels abstützte und hektisch
über einen grün schimmernden Kristall leckte. Beschwingt und mit
leuchtender Zunge eilte der Hamster nach ein paar Augenblicken
weiter, während sich Ben bemühte, zu Nica und Yanko aufzuschließen.
Vierzinnen war eine seltsame Stadt.
»Wie wollen wir den Hohen Norkham finden?«, fragte
Nica. »Ich habe noch keinen Tempel gesehen, aber wie soll man in
dieser verwinkelten Stadt auch den Überblick bewahren?«
Das war eine gute Frage. Ben wusste mit Sicherheit,
dass sie noch nicht auf der vierten Zinne gewesen waren, doch er
konnte auf keinen Fall beschwören, ob sie schon die fünfte
unterirdische Ebene der zweiten Zinne besucht hatten. Und schon gar
nicht, ob sie dort jeden Gang abgelaufen waren. Von außen wirkte
die Stadt nicht groß, doch für Fremde schien sie ein einziges
Labyrinth zu sein.
»Ein Tempel für Hellwah muss im Freien sein, er ist
niemals unterirdisch«, erinnerte sie Yanko. Und so stiegen sie
wieder hinauf.
»Wenn wir hier jemals rauskommen, will ich nie
wieder eine Treppe sehen«, knurrte Ben, als er die
hundertundzwölfte Stufe gezählt hatte und noch immer kein
Sonnenlicht in Sicht war.
»Wir hätten doch Aiphyron mitnehmen und uns tragen
lassen sollen.« Nica wandte sich um und lächelte Ben schwer atmend
an.
Zögerlich lächelte er zurück und senkte den Blick.
Er wollte nicht an ihren Kuss denken. Durfte es nicht, Yanko war
sein Freund. Doch immer, wenn Nica lächelte, spürte er wieder ihre
Lippen auf den seinen, und das machte ihn wütend auf sie und auf
sich selbst.
Er zwang seine Gedanken zu Anula, obwohl er es sich
verboten hatte. Oder besser: versucht hatte, es sich zu verbieten.
Aber es half, ihn abzulenken. Nur, warum hatte nicht sie ihn
geküsst statt Nica? Alles wäre nun viel einfacher. Außerdem war sie
viel schöner als die hinterhältige Küsserin mit dem verschnittenen
blonden Haar! Bestimmt lag sie jetzt noch im weichen Bett oder
scheuchte hochnäsig andere Dienerinnen durch die Gegend. Sollte sie
doch ihr bequemes Leben weiterleben und es sich in Falcenzca
gutgehen lassen! Wieder und wieder hatte er das in den letzten
Tagen gedacht, doch nun schwang in dem Gedanken immer stärkeres
Bedauern mit, dass sie nicht hier war. Warum nur war sie nicht
mitgekommen? Und warum hatte sie ihn trotzdem nicht verraten? Es
fiel ihm immer schwerer, ihr ewige Einsamkeit zu wünschen.
Als sie schließlich an die Oberfläche kamen,
stellten sie fest, dass sie hier noch nicht gewesen waren; beim
Wechsel von
der zweiten auf die dritte Zinne hatten sie eine Brücke benutzt,
die zwei unterirdische Ebenen miteinander verband.
Schulterzuckend folgten sie der nächstbesten Gasse
und erreichten eine schmale, leicht abwärts führende Brücke, die
zur vierten, ein paar Schritt tiefer liegenden Zinne hinüberführte.
Auf den ersten Blick erkannten sie, dass dort nur der Rand bebaut
war. Schmale Häuser reihten sich an steinerne Schuppen, Ställe und
mannshohe Mauern. Die gesamte Innenfläche war frei und stellenweise
dicht mit saftigem Gras bewachsen, in der Mitte erhob sich ein
halbes Dutzend kleinerer Felsen. Auf ihnen und um die Felsen herum
tummelten sich zahlreiche langhaarige Trauerziegen, die ihren Namen
dem stets mürrischen Gesichtsausdruck und ihrer behäbigen Art
verdankten. Dennoch reizte man sie besser nicht, denn ihre Hörner
waren spitz und lang. Es gab Bauern, die erklärten ihren Kindern,
die Ziegen hätten ihre schwermütigen Augen von der Trauer über all
die unartigen Jungen und Mädchen, die sie in ihrer aufbrausenden
Wut auf die Hörner genommen hatten. Hinterher täte es ihnen leid,
doch dann sei es zu spät.
Noch während sie die behäbig vor sich hin kauenden
Ziegen beobachteten, schwappte ein tiefes Fauchen über Vierzinnen
hinweg.
»Ein Drache!«, stieß Ben hervor.
»Woher kam das?« Hektisch sah sich Nica um.
»Keine Ahnung«, sagte Yanko. »Meint ihr, das war er
wirklich?«
»Natürlich war das ein Drache.«
»Das ist klar. Aber wer sagt denn, dass es hier nur
den einen gibt?«
»So groß ist die Stadt nicht.«
»So klein auch nicht!«
»Ja und? Ganz Trollfurt hatte jahrelang keinen
einzigen Drachen!«
»Trollfurt hatte gar nichts, Trollfurt liegt am
letzten Ende der Welt!«
»Ach, und das hier ist der pulsierende Nabel der
Welt, oder was?«
»Könnt ihr mal aufhören?«, giftete Nica. »Trollfurt
ist hier völlig egal. Woher kam das Fauchen?«
»Daher«, sagten Ben und Yanko zugleich und deuteten
in völlig unterschiedliche Richtungen.
Seufzend folgte Nica einer Straße, die etwa in der
Mitte beider ausgestreckten Arme entlangführte. Den ganzen Tag
schon war sie nervös und angespannt, kaute auf ihrer Unterlippe
herum und trommelte im Laufen immer wieder mit den Fingern gegen
ihren Oberschenkel. Auch wenn sie es manchmal mit einem Scherz zu
überspielen suchte, sie dachte nur daran, dem Mann
gegenüberzutreten, der dafür verantwortlich war, dass sie an den
Opferpfahl gebunden worden war. Ben konnte nur Wut und Hass in
ihren Augen brennen sehen, der Drache, den zu befreien sie
geschworen hatte, war ihr egal.
Aus einer Bäckerei drang der Duft frischen Brots,
ein Metzger balancierte auf einem Stuhl und polierte mit
hochgereckten Armen sein Ladenschild, ein Schmied brüllte hinter
verschlossener Tür seinen Lehrling an, warum das Feuer noch nicht
brenne. Mit missmutigen Gesichtern stapften die Menschen auf der
Straße teilnahmslos vorbei. Nur wenige warfen sich einen Gruß zu,
manche nickten kaum merklich, niemand schien guter Laune zu sein.
Keiner hatte es eilig, von der hektischen Betriebsamkeit Falcenzcas
fehlte hier jede Spur.
Ben, Nica und Yanko wurden dagegen häufig
misstrauisch
gemustert. Niemand fragte, woher sie kamen, doch jeder schien zu
wissen, dass sie Fremde waren. Und Fremde schienen hier nicht
willkommen. Doch so sehr Ben auch darauf achtete, auf keinem
Gesicht blitzte die Freude auf, bald einen Haufen Geld einstreichen
zu können. Niemand versuchte, ihrer habhaft zu werden, man ging
ihnen einfach aus dem Weg wie einem räudigen streunenden
Hund.
Eine Frau, die vom Alter her ihre Mutter hätte sein
können, drückte sich in den Eingang eines Fischladens und wartete
mit der Hand auf der Klinke, bis sie vorbei waren, jederzeit
bereit, ins sichere Innere zu fliehen. Dabei starrte sie Ben
durchdringend an.
»Das ist echt seltsam«, raunte Ben, vorsichtig
darauf bedacht, von keinem Stadtbewohner gehört zu werden.
»Ja, ein Fischer hier oben. Wo will der denn
angeln? Im Brunnen?« Yanko breitete die Arme aus. »Oder seht ihr
hier irgendwo fliegende Fische?«
»Fieberschwätzer! Unten im Tal fließt ein Fluss
oder drüben in der Klamm. Ich meinte die Leute. So griesgrämig und
misstrauisch. Dabei kann hier doch kein Steckbrief von uns hängen,
oder?«
»Hör doch damit auf! Du wärst auch nicht anders,
wenn vor deiner Stadt elf Gehenkte baumelten«, zischte Nica, und
ihre Stimme wurde mit jedem Wort lauter. »Es ist die Stadt des
verdammten Hohen Norkham, der meinen Vater dazu gebracht hat, mich
zu opfern! Was habt ihr erwartet? Freundliche Onkel und
Tanten?«
»Psst!«, machte Ben; das musste doch nicht jeder
hören. Im selben Moment legte ihr Yanko beruhigend die Hand auf den
Arm. Dann beugte er sich vor, als wolle er sie küssen. Ben sah
weg.
Schweigend gingen sie weiter. Als sie schließlich
das Gefühl hatten, die Zinne bereits dreimal umrundet zu haben,
stießen sie plötzlich auf einen kleinen Platz, den sie noch nicht
kannten. Dort stand ein weißer Tempel mit zahlreichen Säulen um die
Außenwände, deren wuchtige Kapitelle mit allerlei stilisierten
Pflanzen, Tieren und flügellosen Drachen verziert waren. Über dem
Eingang prangte eine goldene vielstrahlige Sonne.
»Endlich«, stieß Nica hervor. Hasserfüllt starrte
sie hinüber.
»Nicht rennen«, raunte Ben, um sie vor unüberlegten
Handlungen zu bewahren. Sie waren zum Auskundschaften hier, nicht
um den Hohen Norkham schon jetzt mit zornigen Tiraden zu
überschütten.
So schritten sie gemütlich über den verlassenen
Platz. Die Fensterläden der meisten umstehenden Häuser waren
verschlossen, ebenso das Tor des Tempels. Yanko fragte, ob es bei
Ketzern nicht üblich sei, den Tempel für Gläubige offen zu
lassen.
»Doch«, sagte Nica und rüttelte verzweifelt an der
geschwungenen Klinke aus polierter Bronze, wieder und wieder. Dann
ließ sie sich auf die Stufen davor sinken. »Ich bin müde, so
müde.«
Auch Yanko und Ben setzten sich. Sie waren die
ganze Nacht geflogen und den ganzen Morgen Treppen und Gassen rauf-
und runtergerannt. Sie hatten keine Kraft mehr, etwas anderes zu
tun als dazusitzen und die Beine auszustrecken. Den Drachen hatten
sie auch nicht mehr gehört.
»Soll ich uns bei dem Bäcker da vorn was holen?«,
fragte Ben nach einer Weile und tastete nach den letzten Münzen in
seiner Hosentasche. So wenig er aufstehen wollte, der Bauch
knurrte, und er besaß noch sechs oder sieben kleinere Münzen.
Ihr beinahe einziges Vermögen bestand aus dem Blausilber, das sie
aus der Trollfurter Mine mitgenommen hatten und das nun bei den
Drachen in einem Beutel lag. Sie hatten noch keine Möglichkeit
gefunden, es zu Geld zu machen.
»Lass uns nur kurz durchatmen. Dann gehen wir alle.
Wir haben keine Zeit zum Herumsitzen.« Mit einem Fluch schleuderte
Nica einen Kiesel quer über den Platz. »Irgendwo muss die elendige
Darmgeburt doch stecken!«
Schweigend atmeten sie also durch, während sich die
Sonne langsam über den Bergrücken erhob. Von hier aus konnten sie
es nicht direkt beobachten, doch sie sahen ihr Licht hell auf den
noch immer taufeuchten Dächern glitzern. Irgendwo in der Nähe wurde
eine Tür geöffnet, schwere Schritte entfernten sich.
Ben betrachtete seine Hände. Bald würde er mit
ihnen einen weiteren Drachen kennenlernen und befreien. Seine Gabe
verband ihn mit diesen Wesen. Egal, wie fremd sie waren, er fühlte
sich ihnen vertraut. Doch wie vertraut waren sie Yanko und Nica? Er
war immer davon ausgegangen, dass die beiden ähnlich empfanden wie
er, doch weder waren sie Drachenflüsterer noch tagelang allein mit
einem Drachen durch die Wildnis gereist. Wie hätten sie also eine
ähnliche Beziehung zu ihnen aufbauen können? Natürlich trugen die
Drachen die beiden, sprachen und alberten mit ihnen herum, aber
hatten Yanko und Nica wirklich begriffen, dass Drachen mehr als
Reittiere und große sprechende Haustiere waren? Anders als
Menschen, aber ganz sicher keine untergeordneten Tiere, obwohl das
ganze Großtirdische Reich sie so behandelte. Nica wurde von ihrer
Rache getrieben, und Yanko war beim Schwur auf ihrer Seite gewesen.
Verstanden die beiden wirklich, wie wichtig es war, Drachen zu
befreien?
Noch bevor er diese Gedanken richtig ordnen konnte,
schlenderte ein Junge mit kurzen, dunkelblonden Locken auf den
Platz, vielleicht zwei oder drei Jahre jünger als sie. Kurz stutzte
er, dann kam er auf sie zu. Er war barfuß und trug eine
abgeschabte, geflickte braune Hose, die ihm bis knapp übers Knie
reichte, und ein weites weißes Hemd, das fleckig und ausgebleicht
war und zur Hälfte aus dem Bund gerutscht. Um das rechte Unterbein
ringelte sich die Tätowierung eines grünen Drachen – Ben konnte die
vier Klauen sehen, die sich ins Schienbein zu krallen schienen, und
den langen Schwanz, der sich oberhalb des Knöchels zweimal rundum
wand. Direkt vor ihnen blieb der Junge stehen und lächelte
vorsichtig mit zusammengekniffenen Augen. Es war das erste Lächeln
in Vierzinnen, das sie sahen. Er erinnerte Ben an sich selbst, wie
er früher allein und doch pfeifend durch die Straßen von Trollfurt
gezogen war.
»Der Tempel ist zu«, sagte der Junge.
»Das haben wir gemerkt«, entgegnete Ben. »Aber
warum?«
»Warum wollt ihr das wissen?«
»Weil...«, setzte Nica an, zögerte und versuchte es
dann mit einem Lächeln statt einer konkreten Antwort. »Wir sind
fremd.«
»Das sehe ich. Aber was wollt ihr hier?«
»Jemanden besuchen.«
»Und wen?«
»Du bist ganz schön neugierig für dein Alter,
was?«
»Weiß ich.« Der Junge grinste breit. »Also?«
»Und du weißt auch, dass einem die Ohren abfallen
können, wenn man zu neugierige Fragen stellt?«, mischte sich Yanko
ein.
Einen solchen Unsinn hatte Ben noch nie gehört. Die
Nase
konnte einem vielleicht abfaulen... das hatte zumindest seine
Mutter immer behauptet. Aber sie hatte ja auch getrunken.
»Davon habe ich zwar noch nie gehört, aber sag das
ihm.« Der Junge deutete auf Ben. »Er hat die erste Frage gestellt,
nicht ich.«
Ben und Yanko lachten. Was für ein nassforsches
Kerlchen, Ben mochte ihn. »Wie heißt du?«
»Und noch ’ne Frage. Langsam solltet ihr eure Ohren
zur Sicherheit besser festnähen.«
Ben, Yanko und Nica sahen sich an. Sie zuckten mit
den Schultern, zogen die Nasen kraus, wiegten die Köpfe hin und her
und nickten schließlich. Der Junge hatte Recht, sie hatten viele
Fragen, und ohne sie laut zu stellen, würden sie wohl keine
Antworten bekommen. Sie waren bestimmt zwei oder drei Stunden
herumgeirrt und hatten nichts weiter als eine verschlossene Tür
gefunden. Erfolgreich war das nicht, viel verdächtiger konnten sie
sich ohnehin nicht mehr machen, und der Junge schien trotz seiner
schnippischen Art freundlich zu sein.
»Na gut. Kannst du uns sagen, wo wir den Hohen
Norkham finden?«
Mit einem Schlag verfinsterte sich sein Gesicht.
»Ihr gehört also auch zu ihnen.«
»Was?« Die drei starrten ihn verdutzt an, so
verdutzt, dass er stehen blieb, obwohl er sich schon halb abgewandt
hatte. »Zu wem?«
»Na, zum Orden der Drachenritter.« »Zum Orden?
Sehen wir aus wie Ritter?«, fauchte Ben, ohne nachzudenken.
Kritisch musterte der Junge sie von oben bis unten.
Langsam entspannten sich seine Züge, und er schüttelte den Kopf.
»Aber ihr könntet verkleidete Knappen sein. Und
sie eine Jungfrau. Nehmen Ritter nicht immer Jungfrauen mit auf
Reisen?«
»Ja, aber... Heißt das, der Orden ist hier?« Ben
klappte der Kiefer herunter. In seinem Kopf ging alles
durcheinander, dumpf hörte er die Schreie und trampelnden Füße aus
Falcenzca.
»Natürlich. Was glaubt ihr denn, warum der Tempel
verschlossen ist?«
»Aber wir haben den ganzen Morgen über keinen
Ritter gesehen!« Ben sprang auf und sah sich gehetzt um, ließ den
Blick von einem Schatten zum nächsten springen, von einem
verhangenen Fenster zur nächsten Gasse. Jeden Moment konnten dort
Verfolger auftauchen. »Wo sind sie?«
»Schlafen wahrscheinlich noch ihren Rausch
aus.«
»Dann sollten wir jetzt besser gehen«, sagte Ben
und hätte sich sofort auf die Zunge beißen können. Eigentlich
hatten sie den Jungen aushorchen wollen und nichts über sich
verraten.
Der Junge wirkte schlau genug, sich auf diesen Satz
einen Reim zu machen, und tatsächlich musterte er Ben nun
misstrauisch. Ben zwang sich zu einem Lächeln, er durfte keine
Angst zeigen.
»Erst möchte ich aber wissen, wo der Hohe Norkham
ist«, sagte Nica mit versteinertem Gesicht.
»Ich sagte doch, ich weiß es nicht.«
»Du weißt nicht, wo sein Haus ist?«
»Natürlich weiß ich das. Doch es ist so verlassen
wie der Tempel.«
»Und? Warum? Wieso? Jetzt lass dir doch nicht alles
aus der Nase ziehen! Bitte.«
»Ich glaube, du bist eine Jungfrau.« Angriffslustig
schob der Junge den Unterkiefer vor und sah nun beinahe so mürrisch
aus wie alle anderen Bewohner der Stadt.
Yanko konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, Ben
dagegen schielte in alle Richtungen, ob nicht irgendwo ein
Ordensritter auftauchte. Wie konnten die anderen nur so ruhig
bleiben? Nimm dir ein Beispiel an ihnen und reiß dich
zusammen.
Nica presste die Lippen aufeinander und wurde rot,
doch sie begann, mit zitternden Fingern ihr Hemd aufzuknöpfen,
hinunter bis zwischen ihre Brüste. Dann zog sie den Stoff links der
Knopfleiste zur Seite, so dass die gesamte Schulter und die obere
Hälfte des Busens frei lagen.
Mit offenem Mund glotzte der Junge dorthin, und
auch Ben konnte nicht wegsehen, so sehr er es sich auch befahl.
Schau weg, du bekommst schon ihren Kuss nicht aus dem Kopf, lass
nicht noch das hinein! Doch es half nichts, er gaffte hinüber,
und sein Mund wurde trocken. Erst im zweiten Moment wurde ihm klar,
warum sich Nica so weit entblößt hatte. Auf der nackten Haut dort
schlängelte sich der tätowierte Drache der Ketzer.
»Und? Gesehen?«, fauchte sie.
Der Junge nickte und schluckte. Seine Wangen waren
nun von einer mindestens so dunklen Röte überzogen wie ihre, doch
seine Augen glänzten.
»Gut.« Hastig bedeckte sie wieder ihre Brust.
»Denkst du jetzt immer noch, dass ich die Jungfrau eines
Ordensritters bin?«
Stumm schüttelte er den Kopf.
»Ja, da hat’s dir die Sprache verschlagen, was? So
was siehst du nicht jeden Tag, hm? Andere haben da mehr Glück...«
Yanko grinste breit und fing sich prompt einen bösen Blick
von Nica ein. Mit erhobenen Händen wich er einen halben Schritt
zurück.
»Seid ihr beide auch Ketzer?«, wollte er nun von
Ben und Yanko wissen.
Bevor sie antworten konnten, verneinte Nica,
beteuerte aber, dass sie welche werden wollten. »Deshalb sind wir
auf der Suche nach dem Hohen Norkham.«
»Er ist geflohen«, sagte der Junge und musterte
Nica weiterhin neugierig. Langsam kehrte seine normale
Gesichtsfarbe zurück, und Ben glaubte in seinem Blick etwas wie
Freude schimmern zu sehen und unterdrückte ein Grinsen. Das zu
sehen, hatte er wohl nicht erwartet. »Ihm ist es gerade noch
gelungen, durchs Fenster zu springen, als sie vor seiner Tür
auftauchten.«
»Mit dem Drachen?«, fragte Ben ungläubig.
»Nein, ohne. Wieso mit dem Drachen? Den Drachen hat
der Orden.«
»Wo?«
»Ich weiß es nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Sie
haben ihn vor ein paar Tagen aus der Stadt geschafft. Was weiß ich,
wohin.«
Lautlos fluchte Ben vor sich hin. Sie waren zu spät
gekommen. Als sie ihren Schwur geleistet hatten, hatte es so leicht
geklungen, und jetzt konnten sie den Drachen, den sie retten
wollten, noch nicht einmal aufstöbern.
»Wird er zurückkehren?«, fragte Nica.
»Der Drache?«
»Nein, der doch nicht. Der Hohe Norkham.«
»Wer weiß? Ich an seiner Stelle würde es nicht
wagen. Hier wartet nur der Strick auf ihn. Bei eurer Ankunft müsst
ihr den leeren Galgen vor dem Tor ja gesehen haben. Der
Orden hat geschworen, die anderen elf erst abzunehmen, wenn der
Hohe Norkham seinen Platz unter ihnen eingenommen hat.«
»Danke für deine Hilfe«, sagte Ben, der immer noch
mit einem Ohr auf Geräusche in der Ferne lauschte. Er verspürte
nicht das geringste Verlangen, einem Ordensritter in die Hände zu
laufen – auch wenn er sich inzwischen davon überzeugt hatte, mit
geschorenem Kopf und neuer Hose nicht erkannt zu werden. Sie
mussten ja nicht überprüfen, ob er Recht hatte. Noch immer tobte
die Hatz durch Falcenzca irgendwo in seinem Hinterkopf, und
schaudernd dachte er an die zwölf Galgen vor dem Tor, die
baumelnden Toten und den krächzenden Nachtadler. Er dachte an den
freien Galgen, und für einen kurzen Moment sah er sich selbst dort
hängen. Nein, sie würden ihn nicht bekommen, keinen von ihnen!
»Aber wir müssen jetzt wirklich aufbrechen.«
»Ich könnte euch aus der Stadt führen«, schlug der
Junge vor. Seine Augen huschten unruhig von einem zum anderen und
über den kleinen Platz, als wäre ihm die Sache unangenehm. Als
überlegte er, wie viel er für drei Fremde riskieren sollte. »Ihr
wirkt so, als wolltet ihr bestimmten Leuten nicht in die Arme
laufen.«
»Danke.«
»Ich heiße übrigens Margulv.«
Lächelnd nannten sie ihm willkürlich drei falsche
Namen aus Trollfurt – Ivallya, Byasso und Sidhy – und ließen sich
zur nächsten Treppe führen und von dort drei Ebenen in die
Tiefe.
»Nie mehr Stufen«, murmelte Ben und nahm zwei auf
einmal, als wären es dann nur halb so viele. Sie eilten an weiteren
mürrischen Gesichtern vorbei und an einem gefleckten
Hamster, der neugierig zu ihnen hochsah. Seine Zunge schimmerte
rötlich.
Währenddessen erklärte ihnen Margulv, dass die
Brücken der Oberstädte stets am schärfsten kontrolliert wurden.
»Inzwischen dürften die ersten Ritter wach und auf Kontrollgang
sein.« Doch hier unten gab es einen schnellen Weg über zwei schmale
Hängebrücken, die so schwankten, dass sie niemand mehr benutzen
wollte. »Aber sie sind vollkommen sicher. Ein paar Freunde und ich
benutzen sie noch immer. Vor allem, wenn wir irgendwo was zu essen
stibitzt haben und rasch die Zinne wechseln müssen.«
»Warum habt ihr euch eigentlich nicht gewehrt, als
der Orden kam?«, fragte Yanko am Fuß der Treppe.
»Sie haben uns überrumpelt.« Margulv erzählte, wie
die ersten Ordensleute als fahrende Händler verkleidet in die Stadt
geritten waren, einen halben Tag später die nächsten, und eines
Morgens war das Tor in ihrer Hand, ebenso der Tempel. Zahlreiche
Ritter hatten plötzlich die Straßen durchstreift, und was sollte
ein einfacher Handwerker seinen Hammer oder Dolch gegen
ausgebildete Krieger erheben? Außerdem lebten nicht nur Ketzer in
Vierzinnen. Warum sollte einer, der den Glauben des Ordens teilte,
aufbegehren? Zudem hatte der Orden ein mit Siegel beglaubigtes
Schreiben des Königs dabei, in dem stand, dass sie für Ordnung
sorgen durften, denn immerhin gehörte die Stadt zum Großtirdischen
Reich. Bislang hatte der König sie hier frei walten lassen, doch
offenen Widerstand gegen den Orden und seinen Befehl würde er nicht
dulden können, so etwas sprach sich zu schnell herum. Überall würde
dann gemurmelt werden, der König sei schwach, und Schwäche durfte
sich ein König als Letztes leisten. Der Hohe Norkham und elf
einflussreiche
Ketzer wurden für die Hinrichtung ausgewählt, ihr Besitz für Krone
und Orden eingezogen. Alle anderen mussten nur ihrem Glauben
abschwören, dann durften sie unbehelligt weiterleben.
»Du hast abgeschworen?«
Grimmig nickte Margulv und zeigte ihnen seine
schmale Wade. Die Augen des tätowierten Drachen waren
herausgebrannt worden, die Narben waren noch rot und frisch. Kurz
durchzuckte Ben das Gefühl von Scham, weil er einst selbst
Ordensritter hatte werden wollen. Darunter hatte er sich damals
jedoch etwas anderes vorgestellt, als Kindern glühende Eisen ins
Bein zu rammen.
»Tut mir leid«, murmelte er.
»Ich spür es fast nicht mehr. Und was ich wirklich
denke, können sie mir nicht herausbrennen.«
Während sie immer weniger belebte Gänge
entlangliefen, erzählte Margulv schnaufend von den ersten Tagen des
Misstrauens und der Wut, davon, wie ein weinender Vater versucht
hatte, seinen toten Sohn vom Galgen zu schneiden, um ihn vor den
Schnäbeln der Nachtadler zu schützen und würdig zu bestatten, und
dafür selbst gehenkt wurde. Seitdem hatte niemand mehr einen der
elf Hingerichteten angerührt, nicht einmal die Nachtadler. Im
Gegenteil, einer der Vögel schien gar die Toten zu bewachen.
Ben, Yanko und Nica hingen an Margulvs Lippen,
während sie durch die dämmrigen Gänge eilten und schließlich in
eine dicht besetzte Gaststube stolperten. In Gedanken noch immer
bei dem rätselhaften Nachtadler und den Grausamkeiten des Ordens,
erfasste Ben die Situation viel zu spät. Margulv stieß hinter ihnen
die Tür ins Schloss und schrie: »Sie ist eine!«
Erst jetzt erkannte Ben, dass die Männer im Raum
alle das Zeichen des Drachenordens trugen. Überrascht verharrten
sie mitten im Frühstück, einer kippte sich einen Löffel
Haferschleim in den Bart. Dann sprangen sie auf.
Wütend warf sich Yanko auf den Verräter Margulv,
doch der tauchte unter seinen ausgestreckten Armen hindurch und
suchte hinter den Ordensrittern Schutz, während diese blitzschnell
nach Schwertern und Dolchen griffen und auf die drei Freunde
zustürmten. »Ergebt euch!«
Ben wirbelte herum und war mit einem Satz bei der
Tür. Doch bevor er die Klinke ganz heruntergedrückt hatte, schlug
die flache Seite einer Klinge schwer und kalt auf seine
Schulter.
»Das würde ich sein lassen«, knurrte eine tiefe
Stimme, und Ben drehte sich langsam um. Er, Yanko und Nica waren
von einem guten Dutzend Ordensritter umzingelt. Der Wirt trocknete
Bierkrüge, als ginge ihn das alles nichts an, Margulv lungerte in
der hintersten Ecke herum und starrte zu Boden. Von seinem
freundlichen Lächeln war nichts mehr zu sehen.
Mit einem galligen Geschmack auf der Zunge hob Ben
langsam die Hände.