Wo die Liebe hinfällt …
Bis Freitag verliefen die Tage ziemlich ähnlich: Adriana und ich büffelten nach der Schule tatsächlich zusammen, auch wenn wir mehr als die Hälfte der Zeit verquatschten. Danach holte uns Sergio ab, und weil meine Mutter wieder die Frühschicht arbeitete, war sie bereits zuhause, wenn er kam. So lernte sie ihn von seiner charmanten Seite kennen, die er hemmungslos zur Schau stellte. Zu meiner Mutter ein gutes Verhältnis zu haben, schien ihm enorm wichtig zu sein. Jedes Mal brachte er eine Kleinigkeit für sie mit: Baklava, eine Riesenpackung Eiscreme, gebrannte Mandeln und zuletzt sogar eine Yucca-Palme. Sie war begeistert und hingerissen und … ach … Sergio hatte sie quasi im Nullkommanix um den Finger gewickelt. Es war einfach nur faszinierend mit anzusehen.
Die vier herrlich milden Abende verbrachten wir zum Teil im Volkspark Hasenheide mit Minigolfen und dem Besuch des Freiluftkinos – es spielte ‚The Crow – die Krähe’, und ganz viele Zuschauer waren wie die Filmfigur geschminkt gekommen. Einmal holten wir Yvo von Zuhause ab, und Jelena konnte dadurch ihre Schwester besuchen gehen. Sergio setzte seinen Bruder auf die Schultern, und wir spazierten durch den ganzen Graefekiez, kauften Eis und schauten den Straßenmusikern zu, bis Yvo unruhig wurde und nach Hause wollte.
Freitagmorgen, an meinem siebzehnten Geburtstag, weckte mich meine Mutter sehr früh, gab mir einen zärtlichen Kuss und wünschte mir alles Gute. Sie drückte mir einen Fünfziger in die Hand und meinte, ich solle mir wenigstens selber etwas kaufen, wenn sie es schon nicht dürfe. Nur unter Protest nahm ich den Schein an.
Adriana und die ganze Klasse waren super nett zu mir und sangen ein Geburtstagsständchen. Ich wurde dunkelrot vor Verlegenheit, es war schrecklich und schön zugleich.
Dann kam die Deutscharbeit.
Adriana und ich gingen mit einem guten Gefühl aus der Prüfung. Die Paukerei hatte definitiv was gebracht.
Ich hatte insgeheim gehofft, Sergio würde am Freitag wieder in der Schule erscheinen, aber das tat er nicht.
Nach der Schule musste ich mich wundern, dass er auf seinem Handy nicht zu erreichen war und mir auch keine SMS geschickt hatte, schließlich hatte ich doch Geburtstag! Adriana zuckte ratlos mit den Schultern. Dann meinte sie auch noch, sie müsse nun los, denn die ganze Familie sei bei ihrer Tante Sanja verabredet. Meine Verwunderung und Irritation kannte keine Grenzen mehr.
Niedergeschlagen kam ich zuhause an. Meine Mutter hatte einen Nusskuchen vom Supermarkt besorgt und weinte, während sie ihn auspackte und auf einen Teller tat.
„Was ist los, Mama?“, fragte ich bestürzt.
„Ach, Lexi, nichts“, schluchzte sie. Dann sah sie mich mit geröteten Augen an. „Hm, dein Vater wird nicht kommen können. In letzter Sekunde sei ihm was dazwischen gekommen und …“ Tränen kullerten wieder über ihre Wangen.
„Mama, hör auf zu weinen“, sagte ich und umarmte sie. „Hattest du denn im Ernst damit gerechnet?“
Sie schnaubte sich die Nase. „Ich habe es gehofft, nicht für mich, das ist wirklich wahr, sondern für dich. Es ist dein siebzehnter Geburtstag, Lexi …“
Vielleicht war es so, wie sie es sagte, aber ich hatte da meine großen Zweifel.
„Lass uns ein Stück Kuchen essen“, forderte ich sie auf. „Und wein bitte nicht mehr!“
Sie nickte und wischte sich die Augen trocken. „Wirst du Sergio treffen?“, fragte sie mit bangem Blick, als würde sie ahnen, dass da irgendwas nicht rund lief.
Ich schüttelte deprimiert den Kopf. „Er hat sich bisher nicht gemeldet, und ich konnte ihn auch nicht erreichen“, verriet ich gerade heraus. Als sie merkte, wie enttäuscht ich war, versuchte sie die Situation aufzuheitern und legte den Schalter um. Sie plapperte über lustige Missgeschicke, die in der Klinik passiert waren und wie sehr sie ihren Job eigentlich liebe …
Meine Gedanken waren ganz woanders.
„Ich geh jetzt in mein Zimmer was lesen“, sagte ich nach einer Weile. „Und danke für den Kuchen, Mama, wirklich!“
Sie drückte mich lange und küsste meine Wangen. „Alles Gute noch mal, meine Kleine, sollen all deine Wünsche in Erfüllung gehen!“
Seufzend sah ich in ihre gütigen Augen. „Danke, Mama!“
Es machte mich fertig, dass ich Sergio nicht erreichen konnte. Er ging einfach nicht an sein Handy. Obwohl es schon früher Abend war, hatte er mir immer noch nicht gratuliert.
Kein Lebenszeichen von ihm.
Ich lag auf meinem Bett und starrte an die Decke. So kannst du deinen Geburtstag nicht verbringen, dachte ich schließlich. Mit Mühe raffte ich mich auf und machte wenigstens Musik an.
Als ich wieder auf dem Bett lag, klingelte endlich mein Handy, und ich schoss wie vom Blitz getroffen hoch.
Er war’s! Oh, Gott sei Dank!
„Sergio?!“
„Hey, hey … Happy Birthday, Lexi, herzlichen Glückwunsch, konnt leider nicht früher anrufen!“, trällerte er ins Telefon.
„Oh, okay, ich … ich hab mich …also … schon gewundert“, stotterte ich. Es war fraglos eine Untertreibung, aber ich war unendlich erleichtert, seine Stimme zu hören.
„Lexi …“, sagte er, diesmal ernst und in ruhigem Ton, „… ich hab kein Geschenk für dich. Du wolltest es ja leider so, und ich halte mich daran, auch wenn ich’s komisch finde …“ Er machte eine Pause und wartete.
„Danke.“
„Aber gegen ein Treffen ist ja wohl nichts einzuwenden, oder?“
Mein Innerstes jubelte bereits. „Nur du und ich?“
„Genau so! Ich komme dich abholen. Mach dich bereit, in zwanzig Minuten bin ich nämlich schon da!“
„Was?“, schrie ich laut los und gluckste im Freudentaumel.
Zwanzig Minuten!
Ich sagte meiner Mutter Bescheid. Sie schien überglücklich, dass ich etwas vorhatte und wünschte uns viel Spaß. Sie vergaß sogar eine Uhrzeit zu nennen, zu der ich wieder zuhause sein sollte.
Dann zog ich mich in einem Affentempo um: Ich schlüpfte in meine enge schwarze Jeans und zog mir ein rotes Oberteil mit Spagettiträgern über. Anschließend tuschte ich meine Wimpern, legte etwas Lipgloss auf, kämmte meine Haare nass durch und knetete etwas Gel in die Spitzen. Ein wenig Eau de Toilette und fertig. Genau eine Minute später klingelte Sergio an der Haustür.
Ich schnappte meine Handtasche und eilte die Treppen hinunter, direkt in Sergios Arme. Wir küssten uns leidenschaftlich vor unserem Haus.
„Oh, wow, Lexi, hast du eigentlich eine Ahnung wie toll du aussiehst?“, fragte er begeistert.
Dabei sah er geradezu umwerfend aus mit dem schwarzen Seidenhemd, das er in die ausgeblichenen Jeans gesteckt hatte. Er trug dazu eine dünne graphitfarbene Krawatte, die ihn sehr sexy aussehen ließ und einen breiten schwarzen Ledergürtel mit einer coolen Schnalle, die einen Schlangenkopf darstellte.
„Alles Gute zum Geburtstag!“, flüsterte er in meinen Nacken.
Dann nahm er meine Hand und führte mich unerwartet zu dem Cabrio, mit dem wir schon zur Party am Wannsee gefahren waren.
„Oh, du durftest das Schmuckstück wieder ausleihen?“, rief ich überrascht.
Sergio sah mich schief lächelnd an und hob die Brauen. „Na ja, ausleihen trifft es nicht ganz!“, sagte er mit einem mysteriösen Blitzen in den Augen. „Halt dich fest, Lexi! … Er gehört ab jetzt mir. Ich hab ihn nämlich gekauft!“
„Was? Das glaub ich nicht …“, schrie ich überwältigt. „Der Wagen muss doch mindestens eine Million Euro kosten?“
„Das ist es ja“, lachte er. „Ich hab ihn praktisch geschenkt bekommen, für fünftausend und dafür, dass der ehemalige Besitzer mit Wetten auf meine Kämpfe ein Heiden Geld gemacht!“
„Wow!“ Ich war sprachlos und freute mich wahnsinnig für ihn.
„Steig ein, Schönheit, und sag nicht, ich darf dir an deinem Geburtstag nicht wenigstens eine Pizza spendieren!“ Er öffnete die Wagentür für mich.
„Du darfst“, entgegnete ich verzückt, von einem Ohr zum anderen grinsend, und schnallte mich auf dem Beifahrersitz an. Erinnerungen an den Tag am Wannsee kamen hoch, und ich schmunzelte glücklich. Ich sah zu Sergio, der stolz den Wagen startete. Dann beugte er sich zu mir rüber und gab mir einen innigen Kuss.
„Gib schon Gas, Lovic“, rief ich, und Sergio ließ sich nicht zweimal bitten,
Wir fuhren zu dem Italiener, bei dem wir die ‚Wagenrad’ Pizzen gegessen hatten. Das Restaurant hatte sogar seinen eigenen Parkplatz, was sehr praktisch war.
Sergio nahm meine Hand und gab mir alle drei Schritte einen Kuss. Ich war schon ganz benommen von seinen vielen Küssen und glühte vor Erregung.
„Lexi …“, hauchte er in mein Ohr, als wir kurz vor dem Eingang standen. „Versprich mir, dass du nicht ausflippen wirst!“
Ich sah ihn verwirrt an. „Sergio … was?“
„Komm“, sagte er lächelnd und hielt mir die Tür auf.
Kaum hatten wir den Laden betreten, ging ein Wahnsinnsbeifall von allen Seiten los und eine Live-Band stimmte an. Ein Haufen jubelnder Personen erhob sich von den Stühlen und sang ‚Happy Birthday!’ – allerdings auf Serbisch!
Ich war noch nie so sprachlos, so geschockt und gelähmt, so überrascht und fassungslos und den Tränen nahe, aber eigentlich war ich nur außer mir vor Glück, denn Sergio hielt meine Hand ganz fest und strahlte übers ganze Gesicht.
„Heute Abend gehört der ganze Laden uns, Lexi“, sagte er dicht an mein Ohr geneigt. „Einige Anwesende kennst du ja bereits, der Rest ist meine bucklige Verwandtschaft …. Egal wie verstritten alle sind, gefeiert wird gemeinsam, tja. Und ein paar meiner engsten Kumpels sind auch da.“
Ich sah mich ungläubig um. Die Tische waren an die Seiten gerückt, um in der Mitte eine Art Tanzfläche frei zu machen. Ein paar Kinder rannten herum oder hüpften zur Musik. Die Band spielte jetzt eine Mischung aus Folk und Pop, sehr laut und sehr rhythmisch und machte ordentlich Stimmung. Ich entdeckte Adriana, die mir aufgeregt zuwinkte. Sie saß mit Jelena, Luka und ein paar anderen Frauen und Männern an einem großen Tisch. Auch die übrigen Tische waren mit gutgelaunten Personen besetzt
Charly kam hinter dem Tresen hervor und schüttelte meine Hand. „Herzlichen Glückwunsch, Bella Donna!“, zwinkerte er und klopfte Sergio auf die Schulter. „Dann feiert mal schön! Wenn ihr was braucht, ich bin hinten im Büro!“
Sergio nahm meine Hand. „Lass uns rübergehen, Janna und Mama gucken schon ganz ungeduldig.“
„Wo ist Yvo?“, fragte ich. In einem solchen Trubel konnte ich mir den Kleinen gar nicht vorstellen. Und zuhause war ja niemand mehr, der hätte auf ihn aufpassen können.
„Keine Sorge, der sitzt ganz hinten in der Ecke.“ Sergio deutete mit dem Finger in eine Richtung. Tatsächlich: Yvo saß dort allein an einem kleinen Ecktisch und malte, ganz so als gäbe es keine Party um ihn herum.
Wir setzten uns zu den anderen. Adriana und Jelena umarmten mich und gaben mir einen Kuss, und die übrigen lächelten freundlich und gratulierten mir mit Handschlag. Ich wurde immer wieder verlegen bei soviel Aufmerksamkeit und blieb dicht an Sergios Seite.
Die Tanzfläche war inzwischen gut gefüllt. Als die Band mit einer Ballade anfing, die außer mir scheinbar jeder im Raum mitsingen konnte, kam einer der jungen Burschen auf Adriana zu und forderte sie zum Tanz auf. Er war einer ihrer vielen Großneffen, wie ich von Sergio erfuhr.
Jelena rollte auf einmal komisch mit den Augen und sah Sergio sehr eindringlich an. Um ihre Mundwinkel spielte der Hauch eines Lächelns und ihre Augenbrauen hoben und senkten sich, als würde sie ihrem Ältesten damit etwa andeuten wollen.
Ich sah ein wenig verwirrt zu Sergio.
Er ließ den Blick ohne einen bestimmten Fokus umherwandern, bevor er mich endlich ansah. „Möchtest du tanzen?“, fragte er unsicher und pustete aus, als hätte er den Atem zurückgehalten.
„Tanzen?“ Ich nickte verblüfft. „Wenn du es auch möchtest?“
Er erhob sich und streckte mir lächelnd die Hand entgegen. Ohne Zögern ergriff ich sie und ließ mich auf die Tanzfläche führen.
„Was ist das für ein Lied?“, fragte ich, als er mir einen Arm um die Taille legte.
„Irgendeine serbische Schnulze, aber alle lieben sie“, lachte er.
Ich sah ihm in seine dunklen Augen. „Sergio, das hier … das alles, das haut mich einfach um. Ich möchte dir von ganzem Herzen danken. Du bist wirklich unglaublich, und das ist der schönste Geburtstag meines Lebens!“ Meine Augen tränten auf einmal …
Er gab mir einen hauchzarten Kuss auf die Lippen.
„Cool, dass die Überraschung gelungen ist“, sagte er. „Ich hab `ne Weile hin und her überlegt, aber die Idee hat mich nicht losgelassen. Das gehörte übrigens zu den drei Dingen, die ich diese Woche organisieren musste … das Cabrio, die Party …“ Er stockte aufgeregt.
Adriana rempelte ihn im selben Moment von der Seite an und lachte schallend. „Ja, ja … es geschehen immer noch Wunder in dieser Welt.“ Sie wandte sich zu mir. „Janna, das ist das erste Mal, dass ich Sergio tanzen sehe! Du musst irgendeine Magie auf ihn ausgeübt haben …“ Wirbelnd tauchte sie mit ihrem viel kleineren Tanzpartner in der Menge ab.
Ich sah Sergio wieder an.
„Und? Was war das dritte …?“, fragte ich höchstgespannt vor Neugier.
Er schluckte. „Lexi, du hast gesagt, du wärst … verrückt verliebt in mich, stimmt’s?“
Ich lächelte verlegen. „Und wie!“
„Tja, und könntest du dir auch vorstellen … verrückt verlobt mit mir zu sein?“
Ich blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an. Mein Herz schien ausgesetzt zu haben.
Sergio wartete tapfer auf seine Antwort.
„Du kennst mich doch erst seit ein paar Wochen“, entgegnete ich atemlos.
Er lächelte. „Ich weiß genau, wie lange ich dich kenne, auf die Minute sogar.“ Er zog mich dicht an sich heran und umschloss mich mit beiden Armen. Wir wiegten uns kaum merklich im Takt der Musik.
„Wie ist deine Antwort, Lexi?“, flüsterte er in mein Haar.
„Meine Antwort …?“ Ich war völlig benommen. „Das ist so verrückt, Sergio!“
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, presste meinen Mund auf seine wundervollen Lippen und spürte die Hingabe, mit der er mich zurückküsste.
Plötzlich war ich mir ganz sicher!
Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. „Ich wäre unheimlich gerne … verrückt verlobt mit dir … Sergio Lovic!“, hörte ich mich flüstern.
Mit einem mega lauten, jauchzenden Schrei packte er mich an den Hüften und hob mich hoch, dass es alle sehen konnten, drehte sich mehrfach im Kreis herum, bis ich kichernd um Hilfe kreischte und ließ mich nur langsam wieder durch seine Arme hinabgleiten.
ENDE