Karibik und mehr …
Meine Mutter goss uns Früchtetee ein und hatte schon längst bemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte.
„Alexa! Haben Außerirdische irgendwelche Experimente mit dir durchgeführt? Du hast so ein seltsames Strahlen im Gesicht, das ich bei dir noch nie gesehen habe. Es ist unheimlich …“
Ich setzte mich gerade hin und machte auf verwundert. „Nö, wieso? Ich bin wie immer … Ich hatte einen schönen Tag mit Janna und … Aber ich wollte was über dein Date hören. Das zweite Date soll doch viel mehr aussagen … Also, wie ist es gelaufen?“
Sie setzte sich und pustete in ihren Tee. „Es war nett … wirklich nett. Derek ist ein humorvoller, netter Typ mit guten Manieren und einem knackigen Po, aber …“
„Aber was?“
„Ich weiß nicht … Es war wirklich alles schön ... das Konzert, unsere Unterhaltung in der Kneipe … aber da springt kein Funken über … Ich seh ihn an und stelle mir die Frage, was mir an ihm nicht passt, denn im Grunde gibt es nichts zu bemängeln … jedenfalls nichts Wichtiges … er ist attraktiv … auf eine herbe Art, aber attraktiv … und der Mann redet! … macht intelligente Witze und lacht bei mir an den richtigen Stellen.“
„Du musst ja nicht verkrampft auf einen Funken warten, Mama. Lass es doch ruhig angehen“, sagte ich, als wäre ich überhaupt die Expertin, dabei hatte ich keine Ahnung von diesen Dingen und war noch dazu völlig verwirrt wegen meinen neuen Gefühlen für Sergio.
Meine Mutter nahm einen vorsichtigen Schluck von ihrem heißen Tee. „Ja, völlig richtig. Warum erwarte ich denn schon irgendwelche magischen Funken? Ich sollte einfach seine Gesellschaft genießen und mich freuen, dass ich mal rauskomme, oder!?“
„Genau“
Sie sah mich lächelnd und in Gedanken versunken an. „Was?“, fragte ich irritiert.
„Ähm …Habt ihr denn noch für Mathe gelernt?“,
„Ja, haben wir. Ich kann’s jetzt … Sergio hat toll erklärt.“
„Vielleicht sollten wir ihn und seine Schwester mal zum Essen einladen, was sagst du?“
Die Idee war gut gemeint, aber ich konnte mir eine Begegnung zwischen meiner Mutter und Sergio immer noch nicht vorstellen. „Ja, vielleicht“, sagte ich dennoch.
Wir unterhielten uns noch ein wenig über Dies und Das, tranken unseren Tee aus und wünschten uns schließlich „Gute Nacht“.
Nachdem ich mich bettfertig gemacht hatte, nahm ich mein Tagebuch aus der Schublade, kuschelte mich damit unter die Decke und schrieb wieder meine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle auf. Noch traute ich mich nicht zu schreiben, dass Sergio sich womöglich in mein Herz geschlichen hatte, aber ich schrieb seinen Namen in Großbuchstaben über eine halbe Seite und zeichnete die Schlangen, die auf seinen flachen Waschbrettbauch tätowiert waren, so gut es ging aus dem Gedächtnis nach. Nachdem ich mein Tagebuch weggelegt und das Licht ausgeknipst hatte, lag ich noch eine ganze Weile wach. Ich dachte darüber nach, wie es wohl mit Sergio und mir weitergehen würde, und ob ich das ganze Desaster meiner Gefühle Adriana anvertrauen sollte? Gerade jetzt, wo sich ihre Ängste offensichtlich gelegt hatten, war doch noch das eingetroffen, wovor sie mich eindringlich gewarnt hatte. Ohne eine Antwort zu finden, schlummerte ich irgendwann ein.
Die Schulwoche begann turbulent und voller Überraschungen. Zuerst einmal war unser Klassenlehrer Herr Friese erkrankt, und Frau Rügmann, unsere heiß geliebte, ultra dröge Geschichtslehrerin, übernahm zu unser aller Verdruss seine Vertretung.
Dann wurde ich von dem intriganten Topruderer Mark in der Hofpause angesprochen, als ich gerade auf Adriana wartend allein in einer Ecke stand, und musste mir seine wortreiche Entschuldigung für die Gemeinheit mit dem Gerücht anhören. Er fragte mich doch tatsächlich, ob er das Ganze wieder gut machen dürfe, indem er mich ins Kino einlud. Ich lehnte dankend ab, nahm aber seine Entschuldigung an, damit er endlich abzog. Mit einer leicht verzagten Miene stapfte er schließlich davon.
Die nächste Überraschung war, dass Joshua Meyer und Adriana lachend und in eine offensichtlich sehr spaßige Plauderei vertieft zusammen auf den Schulhof traten. Ich traute meinen Augen kaum. Sie unterhielten sich noch etwa eine Minute, und dann kam Adriana grinsend und mit Sternchen in den Augen auf mich zu, während ihr Angebeteter sich zu seiner Clique gesellte.
„Janna, was hattest du mit Joshua zu bereden, schieß sofort los!“, empfing ich sie vor Neugier platzend. Sie gackerte und kicherte und kriegte sich kaum ein.
„Okay … ich bin vorhin so - rein gar nicht - zufällig in ihn hinein gerannt, und wir wären beinah zusammen umgefallen. Er hat mich mit einer Hand schnell an meinem Oberarm gepackt und mit der anderen erwischte er noch rechtzeitig ein Heizungsrohr. Als wir wieder sicher auf den Beinen standen, haben wir losgelacht und kamen ins Gespräch. Er hat gefragt, wie ich heiße und in welcher Klasse ich bin. Währenddessen sind wir gemeinsam nach draußen gegangen. Dann habe ich ihn gefragt, ob er bei der Saisonparty der Ruderriege war, weil ich hätte ihn da nicht gesehen und so … aber war er nicht … er meinte, er sei nicht hingegangen, weil er an dem Wochenende zum Geburtstag seines Opas musste. Ja, und dann sagte er, es habe ihn gefreut, dass wir zusammengestoßen seien ... hast du gehört, Lexi! Wie klingt das für dich?“
„Klingt, als würde er sich freuen, dich kennengelernt zu haben …“, sagte ich, und Adrianas Augen leuchteten vor Glück und Erregung.
War klar, dass sie während der ganzen Hofpause über kein anderes Thema mehr reden würde. Geduldig hörte ich ihr zu und genoss die überbordend gute Laune, die der arrangierte Bodycrash mit Joshua bei ihr verursacht hatte.
Aber die eigentliche Überraschung des Tages war Sergio.
Er ließ seine Kumpels und die kurvigen Babes links liegen und setzte sich in der Mensa gleich zu uns an den Tisch. Weder die fragenden noch die neidvollen Gesichter interessierten ihn. Und Adriana, deren Hochstimmung weiter anhielt, war mal zur Abwechslung richtig freundlich zu ihrem Bruder. Keine sarkastischen oder zynischen Sprüche, die ihr frotzelnd über die Lippen purzelten.
Ich war allerdings wegen Sergios physischer Nähe innerlich so aufgewühlt, dass ich Sorge hatte, man könnte es mir irgendwie anmerken. Ich stocherte schweigsam in meinem Essen herum und lachte, wenn einer eine lustige Bemerkung machte.
Sergio war gut aufgelegt, hatte kaum noch Spuren seines letzten Kampfes im Gesicht, riss Witze über Ufo-Sichtungen, machte uns noch mal Mut wegen dem Mathetest am nächsten Tag, erzählte von seiner Unterredung mit Herrn Blum, die nun die Wogen geglättet habe, holte uns spontan Gemüsemuffins von der Theke und wimmelte auf dem Rückweg zwei Tussis ab, die ihn kichernd mit ihren Piepsstimmen angequatscht hatten.
„Was wollten die Hühner schon wieder?“, fragte Adriana und sah den beiden kopfschüttelnd hinterher, „Wie die schon gehen … als bestünde ihr Hintern aus Wackelpudding …“.
Sergio machte eine wegwerfende Handbewegung und gab seinem Desinteresse Nachdruck. „Angeblich Nachhilfe in Integralrechnung. Hab sie an die AG verwiesen …“, antwortete er mit einem schiefen Grinsen in meine Richtung
„Och, die Armen … jetzt sind sie bestimmt am Boden zerstört …“ Adriana lachte biestig, und mein Herz klopfte mir bis zum Hals.
Sergio verdrückte seinen Muffin und stand plötzlich vom Tisch auf. „Morgen Nachmittag machen wir die Tapeten ran … oder habt ihr was anderes abgesprochen?“, fragte er wie beiläufig, während er in die Seitentasche seiner Hose fasste und sein Handy hervorholte.
Adriana und ich nickten. Ich schluckte schnell meinen Bissen herunter. „Ja, morgen, ich komm mit Janna gleich nach der Schule mit zu euch“, antwortete ich etwas zu überschwänglich, wie ich gleich bemerkte.
Sergio strahlte über das ganze Gesicht. „Denk dran, Lexi“, rief er mir zu, während er sich mit Rückwärtsschritten schon langsam entfernte, „… könnte spät werden, vielleicht übernachtest du wieder bei uns …“ Jetzt drehte er sich um, hob dabei zum Abschied den Arm und verschwand aus der Mensa.
Ich sah mich kurz um, weil ich das Gefühl hatte, von überall her Blicke auf mir zu spüren, und tatsächlich drehten sich einige Köpfe, die wohl gelauscht hatten, abrupt weg und taten so, als wären sie in ihre eigenen Unterhaltungen vertieft.
Als am nächsten Tag der Mathetest vor mir lag und mich herausfordernd anstarrte, dachte ich für einen kurzen Moment, all mein Wissen sei wie weggeblasen und ein Blackout vom Feinsten habe sich um mein Gehirn gestülpt. Doch ich nahm tief Luft, dachte an die komplizierten Aufgaben, die ich mit Sergio rauf und runter geübt und erfolgreich gelöst hatte, und schwuppdiwupp war alles zu meiner großen Erleichterung wieder da.
Bevor ich anfing, lugte ich kurz über die Buchwand zwischen uns - eine Anordnung von Herrn Thompson! - zu Adriana rüber und sah, dass sie längst losgelegt hatte und wie verrückt rechnete.
Ich bearbeite eine Aufgabe nach der anderen und hatte am Ende sogar noch genug Zeit, um eine Nachkontrolle durchzuführen.
Adriana gab als erste von allen ihren Test ab und durfte nach draußen, da es gleich zur Hofpause klingeln würde.
Herr Thompson stand die ganze Zeit wie eine lebende Statue neben seinem Pult und beobachtete ohne Unterbrechung die Klasse. Immer wenn jemand nach vorne kam und seinen Testbogen auf den Stapel legte, nickte er kurz und bedankte sich leise, allerdings ohne auch nur eine Miene dabei zu verziehen.
Als ich ebenfalls meinen Testbogen abgegeben und nach draußen gegangen war, fiel endlich diese bedrückende Last von mir ab. Ich hatte das Gefühl, mit Sergios Hilfe einen riesigen Stolperstein aus dem Weg geräumt zu haben.
Eine Euphorie überkam mich, die nicht nur dem überstandenen Test geschuldet war. Es war auch der Gedanke an Sergio, der Glücksgefühle in mir entfachte. Ich hätte ihm am liebsten auf der Stelle verkündet, wie gut ich mich durch den Wahrscheinlichkeitsdschungel geschlagen hatte und diesmal garantiert keine Fünf bekommen würde.
Mit Adriana, die mit zwei Bechern Eistee aus der Cafeteria auf mich zukam, checkte ich kurzerhand einige Aufgaben, die wir noch im Gedächtnis hatten, durch. Zu unserer Freude durften wir feststellen, dass wir beide dieselben Ergebnisse hatten. Laut jubelnd klatschten wir uns ab.
Nach Schulschluss rief ich meine Mutter an, berichtete ihr von der gut gelaufenen Matheprüfung und erinnerte sie daran, dass ich mit Janna mit nach Hause gehen würde. Das war ein goldrichtiger Zug, denn sie hatte mein Vorhaben schon längst nicht mehr auf dem Plan gehabt.
Adriana und ich stöpselten jeder mit den In-Ohr Kopfhörern ihres IPods ein Ohr zu und machten auf unserem Sitzplatz im Bus Tanzbewegungen zur Musik. Dass einige Leute uns deswegen komisch ansahen, störte uns reichlich wenig.
Auf dem letzten Stück Fußweg vom Bus zu ihrem Zuhause fragte ich sie, ob wir alles an Materialien hätten, was wir brauchten. Sie überlegte konzentriert, ging alles im Geiste durch, wobei sie ihre Finger zum Abzählen benutzte und bejahte schließlich meine Frage mit einem zufriedenen Kopfnicken.
Die Sonne schien an diesem Tag kräftiger, als in den letzten Tagen. Der Sommer bäumte sich offensichtlich erneut mit voller Kraft auf, und für die nächsten Tage waren noch höhere Temperaturen angesagt. Ich trug enge, ausgeblichene Jeans mit kaputten Stellen an den Knien und ein dünnes, rotes Langarmshirt, dessen Ärmel ich im Bus der Hitze wegen hochgekrempelt hatte. Adriana steckte diesmal in einem engen Jeansrock und einer kurzärmeligen schwarzen Bluse.
Je näher wir ihrem Zuhause kamen, desto nervöser wurde ich, denn ich wusste, ich würde Sergio mit großer Wahrscheinlichkeit gleich treffen. Seit gestern in der Mensa hatte ich ihn nicht mehr gesehen, und es kam mir schon wie eine halbe Ewigkeit vor. Dies war doch sicher ein weiteres Zeichen dafür, dass ich in ihn verliebt war. Ich hatte keine Zweifel mehr, aber wie ich mit dem Ganzen fertig werden sollte, war mir ein großes Rätsel und ängstigte mich bereits …
Sergio kam uns gleich im Flur entgegen. Er trug eine lange Trainingshose und darüber ein dunkles Tank Top auf dem ‚Bad Company’ drauf stand und das eng anlag. In diesem Outfit wirkte er noch mal doppelt so muskulös und einschüchternd als in seinen Alltagsklamotten. „Habt ihr getrödelt, oder warum kommt ihr erst jetzt?“, rief er uns zu, während er in die Küche eilte.
Adriana schaute mich an und hob fragend die Augenbrauen.
„Hast du schon ohne uns losgelegt, Sergio?“, rief sie ihm nach.
„Ja …“, kam es gluckernd aus der Küche. Offensichtlich trank er gerade etwas.
Dann kam er wieder auf den Flur, stellte sich vor uns hin und verschränkte die Arme vor der Brust, während er zusah, wie wir unsere Schuhe auszogen. „Sonst dauert alles zu lang, und ich hab keinen Bock, den ganzen Abend mit Tapezieren zu verbringen.“
In Adrianas Zimmer waren alle Möbel in die Mitte des Raumes gerückt worden, die Sitzsäcke fehlten allerdings. Also ließen wir uns erstmal auf ihr Bett plumpsen. Sergio verriet uns, dass er die Sitzsäcke in sein Zimmer rüber gebracht habe. Dann kramte er sein Handy hervor, drückte darauf herum und nickte zufrieden. „Gleich kommt Luka und hilft mit“, verkündete er. „Lexi, dann lernst du mal die wirklich bösen Buben aus der Familie kennen.“
Er grinste mich spitzbübisch an, und ich lächelte etwas beklommen zurück.
Adriana warf ihrem Bruder einen verständnislosen Blick zu. „Sergio, hätten wir das zu dritt nicht auch geschafft, was muss denn Luka jetzt auch noch antanzen?“
Sie schien wenig erfreut über die Ankündigung.
„Luka und ich sind ein eingespieltes Team, alles klar!?“ Sergio ließ sich nicht beirren. Irgendwie kam er mir ein wenig hibbelig vor. Ob er vielleicht auch nervös war … so wie ich? Nein, bestimmt nicht … jedenfalls nicht wegen mir.
Adriana seufzte. „Ich weiß, dass ihr ein Superteam seid, bloß wir treten uns doch nur gegenseitig auf die Füße“, entgegnete sie, aber Sergio war schon raus gerannt, weil es mehrfach geklingelt hatte.
Sie sah mich plötzlich besorgt an. „Krieg keinen Schreck, wenn du Luka siehst. Er ist in Wirklichkeit ein ganz lieber Typ, der nur so aussieht, als würde er zum Frühstück kleine Kinder fressen.“
Wir lachten.
Ich nahm mir ihre Worte zu Herzen … und musste dennoch schlucken, als Sergio mit Luka in der Tür stand.
Luka war nicht nur groß, sondern auch noch breit und furchtbar stämmig. Sein rundes Gesicht war von schlimmen Aknenarben zerfurcht, ja beinah entstellt, die sattelförmige Nase schien mehrfach gebrochen zu sein. Er trug eine dichte Stoppelfrisur wie man es bei Soldaten oft sieht. Die schmale Stirn und die kleinen, schlitzigen Augen, die unter die Lider rutschten, gaben ihm ein uriges Aussehen. Seine fleischigen Arme waren auch tätowiert, aber nicht so stark wie bei Sergio. Die hellblaue Baggy-Jeans ließ ihn extrem kurzbeinig aussehen, und auf seinem viel zu engen gelben T-Shirt war ein finster grinsender Totenkopf mit Augen und Zähnen aufgedruckt. So gutaussehend Sergio war, so sehr war Luka das Gegenteil davon. Ich fragte mich, wie sie trotz dieser schreienden Unähnlichkeit so nah verwandt sein konnten?
„Na, ihr“, sagte er fröhlich mit kräftiger Stimme, die aber überraschend hell klang und trat einen Schritt weiter in den Raum. „Was soll denn hier gemacht werden, he?“
„Na, Luka, schon lange nicht mehr gesehen, was?“, begrüßte ihn Adriana mit - wie es mir schien - auffallend wenig Enthusiasmus in der Stimme und schielte abwartend zu ihm hoch, doch Luka ging nicht auf sie ein. Er sah mich aus den kleinen Augen in seinem dicken Gesicht freundlich an und hielt mir seine Pranke entgegen. „Und du bist dann wohl Lexi“, grinste er mit einem knappen Seitenblick zu Sergio.
Zögerlich reichte ich ihm meine arme kleine Hand und hoffte, er möge sie nicht zu Hackfleisch verarbeiten. „Hi … ähm … das bin ich dann wohl.“
Ich bekam meine Hand - oh Wunder - unbeschadet zurück.
Sergio hatte die ganze Zeit mit verschränkten Armen an der Tür gestanden und Lukas Auftritt ungestört über die Bühne gehen lassen. Jetzt trat er vor und stemmte die Hände auf die Hüften. „Okay … Luka und ich legen am besten los, bevor Yvo irgendetwas mitkriegt und unruhig wird.“
Dann kratzte er sich am Hinterkopf und meinte: „Also, Janna, ich dachte, es wäre besser, wenn ich mit Luka allein die Tapeten an die Wand klatsche und ihr beiden macht in der Zwischenzeit etwas anderes und lasst euch anschließend vom Ergebnis überraschen, einverstanden?“
Adriana schien erst einmal irritiert. „Ich dachte, wir machen alles gemeinsam?“, sagte sie mit verwundertem Blick zu ihrem Bruder.
„Machen wir doch auch … wir die Tapeten und ihr ... die anderen Dinge.“
„Zum Beispiel …?“ Sie runzelte die Stirn.
„Nachher die Möbel an die richtigen Stellen rücken … den Müll wegräumen und so weiter …“
„Na, toll! Dann macht doch von mir aus. Komm Lexi, wir gehen in die Küche “ Adriana ergriff entschlossen meine Hand, zog mich mit einer beachtlichen Kraft vom Bett hoch und schleifte mich hinter sich her. Dabei stieß ich beim Vorbeistolpern gegen Sergios Brust, was mich für einen Moment völlig aus der Fassung brachte. Aber wenige Sekunden später waren wir bereits aus dem Zimmer und liefen in die Küche.
Jelena stand am Herd und kochte.
Sie lächelte, als sie uns hereinkommen sah. „Wie läuft’s, Mädchen? Ist die Karibik schon eingezogen?“
Wir setzten uns an den Tisch.
„Erstmal ist nur das Crashteam am Werk, Mama“, verkündete Adriana mit einem höhnischen Unterton. Jelena wusste gleich Bescheid und schmunzelte.
Adriana griff sich einen Apfel aus der Obstschale. „Lexi, magst du auch?“
Ich schüttelte den Kopf. „Aber, so ist es umso spannender, die fertige Arbeit zu sehen“, sagte ich. Ihre Mundwinkel hoben sich sofort zu einem Lächeln. „Ja, und wie spannend es ist“, gab sie mit strahlenden Augen zu.
Nach zwei Stunden, die Adriana und ich plaudernd, zum Teil in der Küche und zum Teil auf dem Balkon, verbracht hatten, tauchte Sergio vor uns auf. Er war mit Kleister beschmiert, seine Haare standen stellenweise leicht ab und sein Gesicht glänzte verschwitzt. Seinem Gesichtausdruck konnte man sofort entnehmen, dass er mit dem Ergebnis ihrer Arbeit zufrieden sein musste.
„Okay, Janna, du machst jetzt die Augen fest zu, und Lexi und ich führen dich“, sagte er.
Adriana sprang sofort aufgeregt auf, kniff die Augen zusammen, legte den Kopf in den Nacken und streckte die Arme seitlich von sich, damit wir sie ergreifen konnten. Sergio nahm ihren rechten und ich ihren linken Arm. Wir wechselten ein paar scheue, vergnügliche Blicke, während Adriana darauf wartete, dass es los ging.
„Einen Schritt nach dem anderen“, wies Sergio sie an, und wir setzten uns alle langsam in Bewegung. Natürlich fing Adriana unterwegs an zu kichern und konnte damit nicht aufhören. „Ich bin so gespannt, oh Mann … Ist es gut geworden, Sergio, sag schon?“
Sergio grinste. Seine schwarzen Augen strahlten erwartungsfreudig. Ab und zu drehte er den Kopf zu mir und lächelte schief, während wir vorsichtig mit der „blinden“ Adriana in unserer Mitte zu ihrem Zimmer voranschritten. Jedes Mal, wenn er mich so ansah, machte mein Herz einen großen Hüpfer in meiner Brust und ein kribbelnder Schauer durchfuhr mich.
Luka stand vor der offenen Zimmertür wie ein unüberwindbarer Türsteher, machte aber Platz, als er uns kommen sah. Ich konnte bereits erkennen, dass auch die Möbel an ihre ursprünglichen Plätze gerückt worden waren.
Adriana zappelte schon vor lauter Ungeduld. „Kann ich jetzt meine Augen aufmachen? Kann ich …?“, fragte sie dauernd, doch Sergio verneinte strikt und spannte sie auf die Folter. „Noch nicht, warte, bis ich’s dir sage …“
Wie betraten das Zimmer, und ich staunte nicht schlecht: ringsum Palmen, Strand, Sonne und Meer. Der Effekt war aberwitzig, aber noch toller war die Tatsache, dass die Jungs die Fototapeten absolut perfekt an die Wände gebracht hatten. Nirgends war auch nur eine fehlerhafte Stelle. Profis hätten es nicht besser machen können.
Ich hob den Daumen nach oben und zeigte damit wortlos meine Anerkennung.
„Okay, Janna, stell dich hier hin … ja genau hier … und dann zähl bis drei und öffne die Augen.“ Sergio positionierte seine Schwester etwa in der Mitte des Raumes und ließ sie endgültig los. Gespannt warteten er, Luka und ich auf den Augenblick, wenn sie ihre Augen öffnen würde. Adriana machte es für alle spannend, verdeckte erst einmal mit der flachen Hand die Augenpartie, trat aufgeregt auf der Stelle von einem Fuß auf den anderen und kicherte unaufhörlich. Dann fing sie an, laut bis drei zu zählen, wie Sergio es verlangt hatte, und ließ im Anschluss endlich ihren Blick frei.
Ihr Kreischen ließ uns alle erfreut loslachen.
Offensichtlich waren ihre Erwartungen sogar übertroffen worden. „Wow, das ist ja so geil geworden … Wahnsinn … Das sieht so cool aus … Wenn dann auch noch die Möbel da sind und die Hängematte angebracht ist, wird es hier abgefahren nach Karibik aussehen … Super, also, ich danke euch … echt … es ist toll geworden … und die Möbel stehen schon an ihrem Platz.“
Sie fiel Sergio um den Hals und umarmte ihn herzlich und anschließend, nach kurzem Zögern, auch Luka, der etwas betreten grinste. Dann hakte sie sich bei mir unter und ließ erneut den Blick genussvoll über die Palmen wandern.
„Ich hol mal deine Sitzsäcke“, sagte Sergio und eilte davon.
„Und ich geh mich mal waschen“, kam es von Luka, woraufhin auch er das Zimmer verließ.
„Man hat direkt Lust, einen Bikini anzuziehen und sich mit einem Früchtecocktail in die Hängematte zu legen“, sagte ich zu Adriana.
Sie hatte ein Dauergrinsen im Gesicht. „Genau dasselbe habe ich auch gedacht.“
Sergio kam zurück, warf die Sitzsäcke in eine Ecke und ließ sich in einen hineinplumpsen. „Luka kommt Freitag mit dem Transporter von seinem Kumpel und bringt die Möbel weg“, sagte er, und sein Cousin, der gerade wieder das Zimmer betrat und seine Bemerkung mitbekommen hatte, nickte zustimmend. „Da musst du mal für `ne Nacht auf dem Sofa schlafen, Janna“, warf er lachend ein.
„Oder du schläfst bei mir?“, sagte ich.
Adriana sah mich überrascht an. „Ich schlaf bei dir?“ Dann nickte sie. „Ja, das mach ich vielleicht sogar!“, rief sie, von der Idee angetan. „Sergio, sag doch mal Mama Bescheid, dass sie jetzt kommen und schauen kann …”
Sergio lief aus dem Zimmer und kam wenig später mit seiner Mutter zurück, die er an den Schultern gepackt hatte und vor sich ins Zimmer hinein schob.
Jelena sah sich erheitert um und nickte uns allen anerkennend zu. „Schön geworden … gefällt mir … jetzt machen wir immer Urlaub bei Janna …“, scherzte sie.
„Wartet nur, bis das Zimmer fertig eingerichtet ist“, meinte Adriana glückselig.
Luka meldete sich räuspernd zu Wort: „Ich muss dann mal los. Komm am Freitag die Möbel holen, wie gesagt …!“
Adriana sah ihn mit einem warmen Lächeln an. „Das ist echt super nett von dir, Luka … überhaupt … liebsten Dank … Ich musste ja nicht mal einen Finger rühren.“
„Ach, kein Ding … also Tschau dann … und Tschau, Lexi, freu mich, dich kennen gelernt zu haben.“
„Tschau“, riefen Adriana und ich fast gleichzeitig. Sergio klopfte ihm auf die Schulter und begleitete ihn nach draußen. Jelena wandte sich uns zu und meinte, dass wir in ein paar Minuten essen könnten und verließ das Zimmer.
„Euer Cousin ist … nett … auch wenn er furchteinflößend aussieht“, sagte ich zu Adriana.
Sie nickte. „Ist er, aber er schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, sagt Sergio immer. Luka ist immerhin schon fünfundzwanzig und hat keinen richtigen Job und auch keine eigene Familie, musst du wissen.“
Ich wunderte mich. „Na ja, fünfundzwanzig ist jetzt aber auch noch nicht so alt!“
„Bei uns schon … Aber das ist sicher nicht das Problem. Ich mein … du hast ihn gesehen. Ich glaube, er hatte noch nie eine Freundin.“
„Hm. Der Arme …“
Jelena hatte gefüllte Paprika und Reis gekocht und rief uns alle zum Essen in die Küche.
Es war ein schönes Gefühl, dass ich so ganz selbstverständlich mitessen sollte, als gehörte ich zur Familie.
Yvo saß bereits auf seinem Platz und summte monoton. Sergio hingegen fehlte, aber auch für ihn war gedeckt worden, was mich natürlich insgeheim sehr freute.
„Setzt euch, bitte“, sagte Jelena. Sie tat allen vom lecker duftenden Essen etwas auf und stellte noch einen Brotkorb mit getoastetem Weißbrot in die Mitte des Tisches. Auf ihrer Stirn glitzerten Schweißperlen und ihre Wangen glühten.
Adriana goss die Gläser mit Mineralwasser voll.
Ich sah zu Yvo und lächelte ihn an, ohne zu erwarten, dass er mich registrieren oder auf mich reagieren würde. Sein Blick schien irgendwo in die Leere zu gehen und keinen Fokus zu haben. Er wirkte dennoch relativ entspannt, summte weiter vor sich hin und saß still da, ohne irgendwelche merkwürdigen, sich wiederholenden Bewegungen auszuführen.
Jelena rief laut nach Sergio, bekam aber keine Antwort. Verwundert sah sie zu Adriana. „Ist dein Bruder mit Luka mitgegangen?“
Adriana zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Er hat nichts gesagt.“
„Hm, merkwürdig …“ Jelena lief kurz entschlossen aus der Küche und kam wenig später mit einer immer noch ratlosen Miene zurück. „Er ist nirgends. Scheint so, als wäre er doch mit Luka mitgegangen.“, sagte sie stirnrunzelnd.
„Vielleicht wollten sie noch etwas Wichtiges besprechen, und er kommt gleich wieder …?“, mutmaßte Adriana unsicher.
„Nun ja, dann fangen wir einfach ohne ihn an.“ Jelena sah mit einem etwas sorgenvollen Blick zu ihrem Jüngsten. „Yvo, Schatz, du kannst ruhig anfangen. Sergio isst später, und wir alle hier am Tisch essen jetzt, ja?“
Adriana und ich sahen uns gegenseitig angespannt an und hofften sicher beide, Yvo möge der Aufforderung seiner Mutter nachkommen, ohne einen Aufstand zu machen.
Aber er reagierte erst einmal überhaupt nicht, weder mit Protest noch damit, dass er Folge leistete.
Jelena sah uns bekümmert an und nickte fast unmerklich. Es war ein stilles Zeichen, dass wir anfangen sollten.
„Yvo, Schatz, schau, wir essen, fang du auch an, sonst wird dein Essen kalt.“
Nun hörte Yvo auf zu summen. „Sonst wird dein Essen kalt“, wiederholte er tonlos.
Ich konnte nicht anders, als zu ihm zu schielen und bang seine weitere Reaktion zu beobachten.
„Sonst wird dein Essen kalt“, sagte er noch einmal, und dann immer und immer wieder.
Jelena seufzte. „Ja, Schatz, deswegen iss jetzt. Sergio isst später, wenn er wieder da ist, in Ordnung?“
„Sergio isst später, und Yvo isst jetzt, sonst wird sein Essen kalt“, sagte er kopfschüttelnd, fing aber immer noch nicht an zu essen.
Jelena sagte nichts mehr.
Wir aßen, während Yvo seinen letzten Satz ständig wiederholte: „Sergio isst später, und Yvo isst jetzt, sonst wird sein Essen kalt“
Adriana rollte genervt mit den Augen und wollte gerade etwas erwidern, da kam Sergio völlig außer Atem in die Küche gestürmt und flog regelrecht auf seinen Platz.
„Hey, lecker gefüllte Paprika. Mhmmm, Yvo, komm hau rein, worauf wartest du, mein Bester, hm?“ Er hielt sein Besteck demonstrativ in die Höhe und sah seinen Bruder auffordernd an.
„Mein Essen ist kalt“, murrte Yvo, hielt dabei den Blick auf seinen Teller gesenkt. „Mein Essen ist kalt … ist kalt … Das Essen ist kalt!“
Sergio legte sein Besteck wieder weg, erhob sich, nahm Yvos Teller hoch und tauschte vorsichtig die darin befindliche Paprika gegen eine andere, warme aus dem großen Kochtopf, der ebenfalls auf dem Tisch stand.
„So, schau … jetzt ist dein Essen wieder warm, ganz warm“, sagte er mit sanfter, liebevoller Stimme und stellte Yvos Teller behutsam vor ihm ab. Yvo nickte mehrmals, griff nach seiner Gabel und fing endlich an zu essen. Mit großer Erleichterung blickten wir in die Runde und merkten jetzt erst, dass wir die ganze Zeit nicht richtig geatmet hatten. Sergio warf mir ein knappes Lächeln zu und wandte sich an seine Mutter.
„Luka hat einen neuen Fight für mich“, sagte er mit todernster Miene.
Jelena schien irritiert. Ihr Blick huschte verunsichert zwischen Sergio und mir hin und her.
„Sie weiß Bescheid“, klärte Sergio sie auf.
Jelena nickte erstaunt. „Oh, verstehe …“ Sie biss sich auf die Unterlippe und fuhr dann nachdenklich fort: „Aber … schon wieder, Sergio? Wann soll dieser Fight denn stattfinden?
„Demnächst … ähm …“ Er hielt inne, als würde er überlegen, wie er alles Weitere formulieren sollte.
Seine Mutter legte den Kopf schief. „Was ist los? Da stimmt doch was nicht!?“
Adriana hörte auf zu kauen und sah ihn streng an. „Sergio?“
Er holte tief Luft und ließ seinen Brustkorb anschwellen.
„Das Preisgeld ist diesmal phänomenal“, sagte er mit starrer Miene.
„Wie viel?“ In Jelenas Stimme war die gehörige Portion Skepsis nicht zu überhören.
„Zehn … Tausend … Bar auf die Kralle …“ Er senkte den Blick.
„Oh, Gott, Sergio … wo, um Himmelswillen, ist da der Haken, sag es bitte!?“ Jelena hatte ihr Besteck klirrend in den Teller fallen lassen und die Arme vor der Brust verschränkt.
Yvo fing wieder an, leise vor sich hin zu summen.
Sergio legte seine Hand auf Yvos schmächtige Schulter. „Alles in Ordnung … Wir reden nur … Mama geht’s gut, keine Sorge … Iss einfach weiter … ist alles in Ordnung.“
Das Summen hörte auf.
Sergio sah uns allen abwechselnd in die Augen. „Der Haken? Ich weiß nicht … Vielleicht, dass ich erst beim Kampf erfahren soll, gegen wen ich kämpfe. Bisher wusste ich es immer schon vorher.“
„Und warum ist es diesmal anders?“, wollte Jelena aufgebracht wissen und nicht nur sie …
„Luka und ich denken, dass es jemand aus dem Ausland sein wird … jemand, den die Szene hier nicht kennt, und bei dem möglicherweise nicht sicher ist, ob er antritt. Falls er’s nicht tut, präsentieren sie eben spontan einen Ersatz. Aber so gehen die Wetten in die Höhe und das Preisgeld steigt. Sie nennen es ‚Blind Fight’ …“
„Und dein Risiko …“ Jelena kniff die Augen argwöhnisch zusammen und schüttelte den Kopf. „Ne, Sergio, ich hab da ein ganz ungutes Gefühl diesmal. Da sagst du besser nicht zu! Oder hast du etwa schon?“
Wir starrten ihn alle gespannt an. Er starrte stumm zurück. Dann hob er eine Hand in die Höhe als Geste der Verstärkung. „Zehn Riesen sind …“
„Eine Menge Geld“, fiel ihm Adriana ins Wort, „… aber Mama hat recht, Sergio. Gegen einen völlig Unbekannten zu kämpfen, ist oberriskant und dumm dazu.“
Seine Augen blinzelten aufgeregt, er lehnte sich vor, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. „Ich weiß, aber ich hab noch nie verloren, und ich bin in topform.“
Jelena stand kopfschüttelnd auf. „Ich bin dagegen. Ich will das Geld nicht. Eigentlich will ich, dass du mit dem Ganzen … mit diesen Kämpfen aufhörst, Sergio. Ich kann mir unter dieser Szene nichts Gutes vorstellen. Jedes Mal sterbe ich tausend Tode und bete das Ave Sanja rauf und runter wegen dir!“ Sie wartete Sergios Antwort nicht ab, nahm wütend ihren Teller und ging zum Mülleimer, in den sie ihr Restessen kippte. Dann schnappte sie sich ihre Zigarettenschachtel und stampfte aus der Küche.
„Und ich bin dagegen, dass du weiterhin rauchst wie ein Schlot! Ich will, dass du damit aufhörst!“, rief ihr Sergio laut hinterher. Er war sichtlich verstimmt.
Adriana sah mich bedrückt an, als wollte sie sagen, so kann es bei uns auch zugehen …
Im nächsten Moment fing Yvo an, mit seinem Besteck auf den Tisch zu klopfen und reichlich Krach zu machen.
Sergios angespannte Miene verwandelte sich wie auf Knopfdruck in ein wundervolles, strahlendes Lächeln, und fast flüsternd sprach er mit Engelszunge zu seinem Bruder neben sich: „Yvo … Yvo … hör auf. Ich sag dir was. Wir bauen die ‚Uneinnehmbare Festung’, und zwar heute, heute noch … was sagst du dazu? Die ‚Uneinnehmbare Festung! Aber vorher essen wir auf. Was sagst du dazu?“
„Die Uneinnehmbare Festung … Das ist gut. Das ist sehr gut. Das ist gut … gut … Wir essen auf. Die Uneinnehmbare Festung … Versprochen?“ Yvo freute sich wohl, nur konnte man diese Freude seinem Gesichtausdruck in keinster Weise entnehmen.
„Versprochen, Kumpel“, antwortete Sergio, diesmal mit einem sichtlich erleichterten Lächeln, das tief aus seinem Innersten zu kommen schien.
„Siehst du, Yvo, du kriegst doch immer, was du willst“, sagte Adriana mit einem leicht verdrossenen Unterton. Sergio sah sie missbilligend an, unterließ es aber, ihre Bemerkung zu kommentieren.
Yvo aß still seinen Teller leer, trank sein Glas aus und rannte anschließend in Windeseile aus der Küche.
Für einige Minuten schwiegen wir zu dritt, bis ich es nicht mehr aushielt und das große Schweigen durchbrach: „Und du willst also diesen Fight durchziehen … ähm … wegen der Kohle?“
Sergio nickte.
„Und wenn du ernsthaft verletzt wirst?“, fragte Adriana, die Stirn in Sorgenfalten gelegt.
„Wieso sollte ich?“ Sergio versuchte selbstsicher zu schmunzeln, was ihm nur ungenügend gelang.
„Vielleicht kriegst du einen psychotischen Grizzly als Gegner?“, sagte ich mit ernster Miene.
Doch plötzlich mussten wir alle drei loslachen.
Als Sergio sich beruhigt hatte, sah er mich schief grinsend an. „Mit psychotischen Grizzlys hab ich schon meine Erfahrung. Die können mir gar nichts!“
„Sergio“, sagte Adriana nachdrücklich, „… deine Entscheidung steht doch offensichtlich fest. Kein Mensch kann dich umstimmen, richtig? Wir brauchen also gar nicht mehr weiter diskutieren.“
„Exakt“, gab er zu, nahm sich ein Stück Brot und biss trotzig drauf.
Wir schwiegen wieder.
„Dann viel Glück …“, sagte ich mit vollem Ernst. Die ganze Angelegenheit hörte sich so an, als könnte er es gut gebrauchen.
„Danke …“ Er fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Lippen. Sein Blick blieb an meinem Gesicht haften. Ich lächelte verlegen. Wenn er mich zu lange ansah, fürchtete ich, er könnte etwas merken, falls er es nicht schon getan hatte.
„Ich muss langsam los …“, sagte ich schließlich und erhob mich von meinem Platz.
„Ist doch noch nicht so spät“, wendete Adriana ein. „Ich dachte, wir setzen uns noch mal in mein Zimmer …?“
Sergio fiel ihr ins Wort. „Lass sie, Janna, vielleicht hat Lexi noch Dinge zu erledigen. Du hast sie schon genug in Beschlag genommen …“ Er musterte mich. Ich suchte in seinem Blick den Wunsch, ich möge doch noch bleiben, aber ich fand nichts dergleichen
„Genau. Ich muss … einiges für die Schule erledigen … und … meiner Mutter im Haushalt helfen“, behauptete ich, ohne mir meine Enttäuschung anmerken zu lassen.
Wir räumten gemeinsam die Küche auf. Sergio verschwand danach in Yvos Zimmer, um mit ihm zu spielen, und Adriana brachte mich noch bis zur Bushaltestelle.