Ein Statement für alle ...
„Das … ist der … Junge …“, sie malte bei dem Wort „Junge“ Gänsefüßchen in die Luft, „… mit dem du gelernt hast?“
Meine Mutter saß kerzengerade am Küchentisch mit aufgerissenen Augen, und hörte nicht auf, ihre Sätze so übertrieben überrascht zu betonen, als hätte man ihr jahrelang eine haarsträubende Wahrheit verheimlicht.
„Der sieht aus wie … wie … also, ziemlich männlich jedenfalls“, kreischte sie augenrollend. „… und wie … wie ein … ein … ach, Lexi!“
Ich stand die ganze Zeit an die Wand gelehnt und fragte mich, was ich zu meiner Verteidigung hervorbringen könnte. Doch dann wiederum hatte ich nicht das Gefühl, irgendein Unrecht begangen zu haben.
„Lexi! Was habt ihr da im Wagen gemacht?“
Jetzt beugte sie sich kritisch vor und machte ein vor Sorge zerknittertes Gesicht.
„Das hast du doch gesehen, Mama“, antwortete ich ruhig. Ich klang viel selbstbewusster, als ich von mir erwartet hätte. Das knallrote Gesicht meiner Mutter jedoch beunruhigte mich. In ihren blauen Augen lag Verzweiflung und Irritation und auch Angst. Ihr Puls war sicher auf hundertachtzig. Sie tat mir Leid.
„Hast du was mit diesem Sergio, Lexi?“, keuchte sie.
Gute Frage.
Was hatte ich mit ihm eigentlich? Ich wusste es doch selber nicht. Tatsache war lediglich, dass er mir nicht mehr aus dem Sinn ging und mein Herz in seiner Nähe verrückt spielte. Was genau er jedoch für mich empfand, und was der Kuss im Wagen zu bedeuten hatte, stand leider noch in den Sternen.
„Mama, ich … wir haben eigentlich nichts miteinander. Wir haben uns nur geküsst … ich weiß selber nicht … ich bin …“
Sie starrte mich mitleidsvoll an und schlug die Hand auf den Mund. „Bist du etwa verliebt, Lexi, so richtig verliebt?“
Ich nickte.
„Mhm, ich fürchte ja …“
„Warum hast du mir nichts davon erzählt? Ich dachte … also, ich dachte, wir erzählen uns alles … wie Freundinnen …“ Ihre Stimme zitterte.
„Ich habe niemandem etwas davon erzählt, Mama … Ich wollte, dass es vorbei geht ...“
Sie holte tief Luft. „Das wäre sicher das allerbeste, Süße, glaub mir. Ich denke nicht, dass dieser … Junge … der richtige Umgang für dich ist.“ Sie rieb sich dramatisch über die Augen und blinzelte wie in Zeitraffer.
„Er heißt Sergio, du musst ihn nicht ‚Junge’ nennen. Und er hat mir bei Mathe geholfen, schon vergessen? Ich habe eine Eins Plus geschrieben, dank seiner Hilfe. Du hast seine Schwester kennengelernt und gesagt, dass sie sehr nett sei und du sie magst.“
Sie sah mich verwirrt an, dann seufzte sie tief. „Ja, ich weiß. Adriana ist wirklich ein sehr sympathisches Mädchen … und so grazil. Deswegen habe ich mir ihren Bruder irgendwie …“, sie suchte mit der Hand wedelnd nach passenden Worten, „… ganz … ganz… anders vorgestellt. Du hast gesagt, dass er sehr gut in der Schule ist und dergleichen …“
„Ja, aber genau so ist es auch.“
„Mhm“
Ich setzte mich zu ihr und faltete die Hände ineinander. Inzwischen war es draußen stockdunkel geworden.
„Ich schätze, ich klinge ganz furchtbar … voller Vorurteile … wie … na ja, so spießig eben … Aber Lexi, du musst mir auch ein klein wenig recht geben, wenn ich behaupte, dass er nicht gerade wie ein Chorknabe aussieht.“ Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf.
Ich musste grinsen. Chorknabe!
„Ich hoffe, ihr lernt euch mal näher kennen, aber im Moment … also, ich weiß auch nicht … Ich weiß nicht, ob er was von mir will oder nicht.“ Diese Tatsache ließ sich nicht leugnen.
„Lexi, sei mir nicht böse, wenn ich das sage, aber ich hoffe, du schlägst ihn dir aus dem Kopf. Wolltest du dich nicht auf deine Schule konzentrieren?“
„Das mach ich auch … Ich konzentrier mich auf meine Schule, Ehrenwort. Und nein, Mama, ich schlage ihn mir nicht aus dem Kopf … Ich kann gar nicht …“, sagte ich entschlossen.
Sie stöhnte schwerfällig. „Ich bin müde, Lexi. Ich werde mich ins Bett legen, etwas lesen und dann schlafen. Ich hatte heute einen jungen Mann in der Notaufnahme, den wir trotz größter Bemühungen nicht mehr reanimieren konnten. Er war übersät mit Messerstichen. Seine Mutter hatte einen schlimmen Nervenzusammenbruch und sein Vater musste vom Sicherheitsdienst in Verwahrung genommen werden, weil er in seiner blinden Trauer und Wut randaliert hat. Die Kripo kam und hat die dämlichsten Fragen gestellt, die man sich vorstellen kann. Derek hat mich netterweise irgendwann nach Hause geschickt und für mich weiter gemacht. Ich habe wirklich genug für heute gehabt. Gute Nacht, und … ich hab dich lieb.“
„Gute Nacht, Mama. Ich hab dich auch lieb, das weißt du!“
Ich stand auf und schlang meine Arme um sie, legte meinen Kopf auf ihrer Schulter ab und atmete den süßlichen Duft ihres Parfüms ein, der sich gerade mit ihrem warmen Schweißgeruch vermischte. Sie hatte einen anstrengenden Job, eine Teenager Tochter und ein gebrochenes Herz. Und ich hatte ein Wahnsinnsflattern im Bauch und große Angst, dass Sergio mich links liegen lassen könnte.
Nach dem Waschen und Zähneputzen legte ich mich ins Bett und ließ die aufregenden Stunden mit ihm Revue passieren. Und natürlich schmeckte ich in meiner noch allzu lebhaften Erinnerung seine weichen Lippen immer und immer wieder … Ich erinnerte mich an jeden Satz, den er gesagt hatte. Vor allem an den letzten: „ … wir sehen uns in der Schule.“
Ich konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen, aber gleichzeitig hatte ich auch furchtbaren Schiss.
Gerade als ich am Einschlummern war, gab mein Handy, das auf der Kommode lag, ein kurzes Fiepen von sich. Das Signal, dass eine SMS eingegangen war. Erschrocken und wieder glockenwach richtete ich mich auf und sah schnell nach.
Die SMS kam von Adriana. So spät noch?
Die Aufregung schnürte mir beinah die Eingeweide zusammen, während ich ihre Nachricht las:
Habt ihr euch wirklich geküsst??? Bitte schnell antworten!!!
Oh je, inzwischen kannte ich Adriana gut genug, um zu wissen, dass zwischen den Zeilen Verblüffung, Ärger und die Sorge um unsere Freundschaft geschrieben standen.
Was sollte ich nur antworten? Zunächst ein Mal die Wahrheit:
Ja. Einfach passiert.
Nur wenig später kam ihre nächste SMS:
Und was jetzt?
Ich schrieb zurück:
Keine Ahnung.
Adriana:
Lass uns morgen reden.
Ich:
Okay. Schlaf gut.
Sie:
Du auch.
Er sagt, er mag dich!
Ich:
Ich mag ihn auch sehr.
Sie:
Shit, ich habs geahnt!
Wir sehen morgen weiter.
Ich:
Okay
Ich wartete noch ein Weilchen und starrte dabei das Handy in meiner Hand an, als würde ich es mit meinem Blick beschwören können, aber es kamen keine weiteren SMS mehr.
Als ich mich wieder hinlegte, schien so was wie Einschlafen unmöglich. Ich musste ständig daran denken, dass Sergio gesagt haben sollte, er möge mich. Wie hatte es wohl geklungen, als er die Worte ausgesprochen hatte? Und was genau meinte er damit? Warum musste Adriana mir davon erzählen? Ich zerbrach mir den Kopf. Leise kicherte ich im Dunkeln. Draußen am Nachthimmel funkelten die Sterne vielversprechend auf die Stadt herunter. Und auf einmal fühlte ich mich noch verliebter als je zuvor.
Irgendwann schlief ich ein und träumte, ich säße allein in der vollen Mensa und alle Anwesenden zeigten mit dem Finger auf mich und lachten mich aus. Nirgendwo konnte ich Adriana oder Sergio entdecken, blickte hilflos und ängstlich um mich. Dann marschierte auf einmal Mark auf mich los und ließ sich an meinem Tisch nieder. Er lachte ungestüm, als hätte er keine Kontrolle über sich, und ließ sich durch meine Aufforderungen nicht vertreiben. Irgendwann begann sein Gesicht sich dämonisch zu verzerren, und ich erschrak heftig. Ich wollte laut um Hilfe rufen, musste aber feststellen, dass auch alle anderen um mich herum diese dämonischen Fratzen hatten. Vor Angst gelähmt versuchte ich, so laut wie nur möglich zu schreien, aber es kam kein einziger hörbarer Laut aus meinem Mund heraus. Als ich das bemerkte, wuchs der Albdruck so sehr, dass ich davon aufschreckte und wieder in der Realität war. Schweißgebadet saß ich in meinem Bett und schüttelte schwer atmend den Kopf über den kompletten Unfug, den ich da geträumt hatte. Zum Glück gehörte ich nicht zu den Menschen, die ihren Träumen besondere Bedeutungen beimaßen, aber mir war klar, dass es sich bei dem Inhalt wohl um meine tiefliegenden Ängste handeln musste.
Adriana machte ein Gesicht!
Großer Manitu, was erwartete mich da?
Sie stand draußen neben dem Schuleingang und wartete auf mich. Minuten vorher hatte ich eine SMS erhalten, dass sie genau dies tun würde. Während ich auf sie zulief, beobachtete ich sie verstohlen und versuchte, ihre Stimmung zu erfassen. Ihr Mund sah verkniffen aus. Sie trug flache Sandalen, weiße Caprijeans und ein trägerloses, golden glänzendes Oberteil. Ihre Haare waren zu einem strengen Dutt hochgesteckt. Wir hatten noch etwa eine Viertelstunde Zeit, bis wir im Unterricht erscheinen mussten. Ich hatte das Gefühl, jetzt schon völlig verschwitzt zu sein.
Heute war es bereits am frühen Morgen so warm, dass man sich automatisch viel langsamer bewegte. Die anderen Schüler und Schülerinnen schlurften mit matten Gesichtern an mir vorbei, als ich vor Adriana stehen blieb.
„Hi“
„Hi, … du siehst hübsch aus!“ Ich lächelte sie unsicher an.
„Setzen wir uns da vorne hin?“ Sie zeigte auf eine schattige Straßenbank in der Nähe.
Schweigend trotteten wir nebeneinander her. Wer uns so sah, wunderte sich sicher, dass wir in die entgegengesetzte Richtung liefen, statt in das Schulgebäude zu gehen.
Als wir saßen, stülpte sie ihre Unterlippe vor und blickte stur geradeaus.
„Bist du sauer?“, fragte ich schließlich.
Kopfschütteln.
„Nein, Lexi, ich bin nicht sauer, wirklich nicht. Ich bin nur verwirrt und hab Angst.“
„Wegen Sergio?“
„Natürlich wegen Sergio. Aber irgendwas ist diesmal auch anders, ich weiß ja nicht …“, grübelte sie.
„Was meinst du damit?“, fragte ich. „Red doch nicht so kryptisch, Janna. Meine eigene Verwirrung reicht mir schon …“
„Er ist … weißt du, er erwähnte dich … so immer Mal wieder … ganz unverfänglich eigentlich … Jetzt fällt es mir im Nachhinein auf … seit er mir das mit eurem gestrigen Ausflug und dem Ende erzählt hat … ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen … Allein schon, dass er überhaupt was erzählt hat …“
Sie machte es unabsichtlich viel zu spannend. „Was ist dir wie Schuppen aus den Haaren gefallen?“ Ich wollte mit den Augen rollen, ließ es aber vor echter Aufregung sein.
Sie lächelte unsicher, wurde dann wieder ernst. „Er mag dich, sagt er. So was habe ich noch nie … noch nie … von ihm über ein Mädchen gehört. Normalerweise sagt er gar nichts, oder er erwähnt … ähm … die tollen Brüste oder Beine oder den Ar… ähm … den Hintern und so weiter, und das auch nur, wenn man nachfragt, mehr nicht, verstehst du?“
Ich nickte gespannt.
„Deswegen denke ich, dass er dich vielleicht wirklich sehr mag. Gibt es da irgendetwas, dass du weißt und ich nicht?“ Sie sah mich neugierig an.
Mein Herz fing an, aufgeregt zu klopfen. „Hm? Nein, nichts. Wir haben uns nur geküsst, oh Mann, verrückt, ich weiß. Das war erst gestern Abend und mehr war da nicht. Aber nach allem, was ich jetzt weiß, scheint er wohl keinen Körperteil an mir erwähnenswert zu finden.“
„Lexi, du bist nicht so doof, um nicht zu wissen, was ich damit gemeint habe, oder? Adriana sah mich schief an und seufzte theatralisch.
Ich nickte widerstrebend. „Janna, ich … Wir müssen in den Unterricht!“
Wie liefen zurück zum Schulgebäude. In drei Minuten würde es klingeln, und wir hatten noch jede Menge Treppen und Flure vor uns.
„Ist Sergio heute … in der Schule?“, fragte ich keuchend, während ich neben Adriana die Treppen hoch hastete.
„Ich denke schon. Jedenfalls ist er … mit der Absicht … in die Schule zu gehen … aus dem Haus gestürzt, und … er war echt gut … drauf, hat sein Lieblingsshirt angezogen“, keuchte sie zurück.
Wir standen vor der verschlossenen Tür unseres Klassenraums.
„Bereit für Frau Rügmann?“
„Aber immer“, stöhnte ich verzog das Gesicht. Wir waren gerade noch pünktlich. Die Klingel ging erst los, nachdem wir schon auf unseren Plätzen saßen. Zwei Mitschülerinnen kamen zu spät und wurden von Frau Rügmann ‚gerügt’ - der Ausdruck war der ‚Running Gag’ der Klasse. Ihr unterdrücktes Kichern schien kurz vor der Explosion zu sein, aber sie schafften es, ernst zu bleiben, ein bisschen reuevoll zu gucken und unsere sensible Geschichtslehrerin vor dem Nervenkollaps zu bewahren.
Die Unterrichtsstunden zogen sich in unerträglich endlose Längen, und in den beiden großen Pausen stand ich mit Adriana und ein paar der anderen Mädchen aus meiner Klasse auf dem Hof unter der Schatten spendenden Eiche herum, gab mich ausgelassen und versuchte insgeheim, Sergio zu erspähen. Er war nur leider nirgends, was ungemein frustrierend und ernüchternd zugleich war. Joshua Meyer hingegen stand mit seinen Kumpels wenige Meter von unserer Gruppe entfernt, was aus Adriana eine furchtbar aufgedrehte und abgelenkte Gackertussi machte, aber zum Glück war sie nicht dauernd so. Die folgenden Unterrichtstunden waren nur noch Folter. Mich auf den Lernstoff zu konzentrieren war einfach nicht drin, was untypisch für mich war, aber ich konnte es nicht ändern. Meine Gedanken kreisten nur noch um Sergio und unseren Kuss, um meine Angst vor Zurückweisung und gleichzeitig um die Hoffnung, dass er ähnlich empfand.
Mit dem ungeduldig herbeiersehnten Klingeln zur Mittagspause schließlich wollte ich nichts dringender, als in die Mensa zu eilen und mich an unseren Stammplatz zu setzen. Als Adriana meinte, sie müsse vorher noch auf die Toilette, konnte ich wirklich nicht warten und ging schon mal vor.
Ich war so nervös, dass ich innerlich zitterte. Sergio musste sich einfach blicken lassen und mir auf irgendeine Weise mitteilen, was zwischen uns lief … oder auch nicht lief? Ich brauchte Klarheit! Ungewissheit war mir schon immer ein Gräuel, und ich besaß von Natur aus kein Talent für endlos sehnsüchtiges Warten auf die Erfüllung eines Traums, von dem nur ich etwas wusste. Das Kopfzerbrechen und die Unsicherheit mussten aufhören, soviel stand für mich fest.
Ich wollte wissen, woran ich war!
Als ich die Mensa betrat, versuchte ich, mir blitzschnell und unauffällig einen Überblick über die bereits Anwesenden zu verschaffen. Typischerweise saß die Ruderriege bereits lärmend an ihrem langen Tisch in der Mitte, und Mark gestikulierte, als würde er eine haarsträubende Geschichte erzählen. Ein paar der aufgetakelten Tussis, die bei jeder Gelegenheit Sergio nachstellten, saßen an einem der hinteren Tische, machten überhebliche Mienen und lachten hin und wieder schrill. Wie in der Werbung ließen sie ihre langen Haare durch die Luft fliegen, frischten ihren Lipgloss auf oder tuschelten, während sie alle gemeinsam mit zusammengesteckten Köpfen in eine Richtung sahen.
Er war nicht da.
Ich nahm mir ein Tablett und stellte mich in die Warteschlage am Tresen. Natürlich verspürte ich nicht die geringste Lust auf Essen, mein Magen war unter den gegebenen Umständen wie zugeschnürt. Der Essensgeruch lag schwer in der Luft, und die Hitze drückte auf den Kreislauf. Komischerweise schien aber außer mir niemand sonderlich darunter zu leiden.
Ich wählte Hühnergeschnetzeltes auf Reis, nahm mir sogar einen Salat und einen O-Saft dazu, bezahlte mit meiner Mensakarte und machte mich mit bedachten Schritten auf den Weg zu „unserem“ Tisch.
Da der große Andrang noch nicht begonnen hatte, kam ich problemlos durch die Reihen, was mich leider kurz unachtsam werden ließ …
Nur wenige Meter vor dem Ziel passierte es: Ich drehte meinen Kopf zur Seite, um einen flüchtigen Blick auf den seitlichen hinteren Abschnitt des Saals zu werfen, den man vom Tresen und dem Eingangsbereich aus nicht einsehen konnte, und übersah dabei irgendetwas Glitschiges - ein Stück Gemüse oder Obst vielleicht -, das mitten auf meinem Weg lag. Mit vollem Schwung trat ich darauf, und im selben Moment rutschte mein rechtes Bein nach vorne weg. Mein Herz hüpfte zehn Meter in die Höhe. Um nicht zu fallen, zog ich im selben Moment den Oberkörper zurück und versuchte mit dem linken Bein mein Gleichgewicht zu stabilisieren, nur leider war der Preis dafür das Tablett, das mir durch die ruckartige Rückwärtsbewegung aus den Händen flog und - zum Glück ohne größeren Schaden anzurichten - einen halben Meter vor mir auf dem Boden aufschlug.
Wie ein Stromschlag durchzuckte der Schreck meinen Körper und mein erster Gedanke lautete: Es ist auf einmal so leise geworden …?
Mit einer leicht verkrümmten Körperhaltung stand ich nun - völlig unfreiwillig - auf einer Art Bühne, die Schweinwerfer auf mich gerichtet, und war tief erschüttert über mein dummes Missgeschick. Nachdem sie den ersten Moment der Bestürzung überwunden hatten, begannen einige aus dem Publikum ein schallendes Gelächter und klatschten dazu laut, ganz so, als wollten sie eine Zugabe. Schrilles Gekreische aus der hinteren Ecke zog automatisch meinen Blick auf sich, und ich sah, wie sich die Tuschel-Tussis vor lauter Lachen die Tränen aus den Augen wischen mussten.
Inzwischen rauschte es merkwürdig in meinen Ohren, und alle Töne schienen mit einem Mal dumpf und eine Oktave tiefer bei mir anzukommen.
Ich drehte den Kopf zur Seite, als ich bemerkte, dass jemand Großes auf mich zuschritt. Es war Ruder-Mark.
Er sagte mit einer viel zu tiefen Stimme: „Lexi, warum schmeißt du dein Futter durch die Gegend?“, lachte grollend wie ein Sommergewitter und fügte hinzu, „… komm, ich helf dir aufsammeln …“ Doch wegen meiner eigenartig verzerrten Wahrnehmung hatte ich den Eindruck, er wolle sich besonders lustig machen und mich noch mehr bloß stellen. Mit aller Grimmigkeit, die ich mimisch zustande brachte, wollte ich ihm gerade eine ungeheuer abweisende Antwort entgegenschmettern, da ergriff mich von hinten ein tätowierter Arm, und drehte mich einmal um die halbe Achse.
Sergio stand vor mir.
Verzweifelt, erleichtert und trotzdem den Tränen nahe sah ich zu ihm auf. Dass mich diese Gefühle heimsuchten, lag allerdings nicht an der peinlichen Panne vor gefühlt tausenden von Augenzeugen. Es war Sergios Timing und wie er mich ansah ...
„Ich übernehm das …“, knurrte er Mark an, und der wiederum machte stirnrunzelnd und überheblich grinsend auf dem Absatz kehrt.
Sergio hob das Tablett und den Teller auf, der erstaunlicherweise heil geblieben war, ebenso wie das leere Saftglas und meinte, ich solle uns schon Mal einen Platz suchen, er sei gleich wieder da. Vorsichtig umging ich den Schlamassel auf dem Boden und setzte mich an einen freien Tisch. Sergio brachte alles weg, während ich ihm noch etwas benommen hinterher sah. Bald darauf kehrte er zurück, und hinter ihm eilte auch schon eine der Küchenhilfen mit einem Wischmob herbei.
Er setzte sich mir gegenüber und sah mich eindringlich an.
Jetzt erst wagte ich einen geduckten Rundumblick und stellte fest, dass niemand mehr lachte oder offen hersah … bis auf die Tussis, die wieder tuschelten und dabei keine besonders glücklichen Gesichter machten. Sie schienen Sergio sehr genau zu beobachten. Irgendwie half mir das, etwas ruhiger zu werden.
Dann sah ich endlich in seine Augen, die dunkel wie Teer waren und versuchte ein zaghaftes Lächeln. „Vielen Dank für die Hilfe.“
Er verzog keine Miene. „Nicht der Rede wert. Ich kam wohl zur rechten Zeit, hm?“
Ich nickte. „Ich bin irgendwie ausgerutscht und … Wo bleibt Janna nur?“
Beklommen wandte ich mich ab. Hätte sie nicht schon da sein können? Schließlich musste ich Sergio wohl oder übel wieder ansehen, denn er wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum.
„Huhu, Lexi! Sie wird schon kommen, und gut, dass sie noch nicht da ist … Ich muss nämlich mit dir reden … wegen gestern Abend.“
Mein Herz rutschte mir in die Hose. Ich schluckte …
Reden … natürlich! … wollte ich auch, dennoch wäre ich am liebsten weggelaufen.
„Ich konnte die halbe Nacht nicht schlafen und hab nachgedacht … und du?“
Ich starrte ihn sprachlos an, bis ich merkte, dass er auf meine Antwort wartete. „Ähm, ja, ich … mir ging’s ähnlich …“
„Lexi, ich hab Janna alles erzählt … über uns und den Kuss, ich musste es irgendwie gleich loswerden, aber ich wette, das weißt du längst?“
Ich nickte wieder. Woher wehte der Wind bloß? Ich spürte aufkeimende Panik und befahl mir, ruhig zu bleiben …
„Okay, ich muss mich beeilen, denn die Anwesenheit Dritter würde es mir ziemlich schwer machen … zu sagen, was ich dir gern sagen will …“, fuhr er fort.
Mein Herz schlug nun so schnell, dass ich ein rhythmisches Pochen an meiner Halsschlagader spürte. Nervosität rauschte wie ein Aufputschmittel durch meine Adern, und Schweiß ließ mein T-Shirt am Rücken festkleben.
„Ich war bisher mit keinem Mädchen fest zusammen, Lexi. Das ist so eine komische Sache bei mir, ich weiß nicht … Ich bin wohl der unverbindliche Typ. Mein Interesse an einem Mädchen reicht höchstens für zwei, drei Dates, und das war’s dann auch …“ Er machte eine Pause und kniff die Lippen zusammen.
Jetzt war ich mir sicher, seine Botschaft erfasst zu haben. Sie musste lauten: Kein Interesse, Kleine, also mach dir ja keine Hoffnungen!
„Mhm, ich verstehe schon …“, sagte ich, auf meinem Stuhl unruhig herumrückend.
Reiß dich zusammen!
Ich wollte ihm den Wind aus den Segeln nehmen und ihm Lässigkeit vorgaukeln. „Du … du musst dich wegen dem Kuss zu nichts verpflichtet fühlen, Sergio, wirklich … er ist einfach so aus der Situation heraus passiert und hat keine Bedeutung … war doch völlig harmlos …!“ Er sollte ruhig denken, alles sei easy und locker zwischen uns. Ich brauchte keine Erklärung, warum es zwischen uns keine Romanze geben würde, bloß weil wir uns geküsst hatten, und ich wollte es garantiert nicht hören!
„Äh … eigentlich hatte ich vor zu sagen, dass unser Kuss mir eben doch etwas bedeutet hat, und ich … also, ich hab jede Menge Interesse an dir, Lexi, und ich kann nichts dagegen tun. Ich stecke echt in der Klemme …“
Ich starrte ihn unverwandt an.
Hatte ich mich verhört? Wie war das? Es dauerte eine Weile, bis ich die Bedeutung seiner Worte verstand. Meine Verwirrung war damit perfekt.
„Lexi?“, sagte er ungeduldig. „Kannst du dir vorstellen … ähm … mit mir … ich wollte dich eigentlich fragen, ob du Lust hast … auf ein richtiges Date … eins, das nicht so schnell endet …?“
Ja! Natürlich kann ich mir das vorstellen, oh Gott!
„Ein Date, das nicht so schnell endet? Ich glaube, das fände ich ziemlich … nett!“
„Also, das klingt für mich nach einem ‚Ja’!“
Richtig! „Dann ist es wohl ein ‚Ja’!
Er holte tief Luft. „Da ist noch etwas … Dieses Date, das nicht so schnell enden soll … ich finde, es sollte möglichst jetzt gleich losgehen … was meinst du, hm?“
Meine Bauchdecke fing an zu zittern. Ich presste meine Hände darauf und versuchte, weiter möglichst selbstsicher zu wirken.
„Sergio, ich …“
Er blickte zum Tisch der Ruderriege und zu den Mädchen, die ihn verständnislos anstarrten und sich sicher fragten, warum er bei mir statt wie sonst üblich bei ihnen saß.
Wenn die wüssten …!
Dann drehte er sich wieder zu mir und blickte mir tief in die Augen. „Ich würd gern ein Statement abgeben, Lexi, wenn du nichts dagegen hast?“, sagte er ernst.
Ohne nachzudenken schüttelte ich zustimmend den Kopf. Was meinte er damit? Und warum war mein Gehirn auf einmal zu einer Walnuss geschrumpft?
Bevor ich begriff, wie mir geschah, beugte er sich vor und küsste mich auf den Mund.
Ich muss ein ziemlich verdattertes Gesicht gemacht haben, denn Sergio hielt verunsichert inne … sein Gesicht immer noch ganz dicht vor meinem.
„Nein, mach weiter …“, raunte ich gelöst. Eine schwere Last schien von mir abzufallen und die ganze Mensa war voller Zeugen, wie Sergio und ich die Dinge, sowohl für uns, als auch für alle anderen, klar stellten.
„Lexi, sag bitte nicht, dieser Kuss sei auch harmlos gewesen, sonst brichst du mir das Herz!“, flüsterte er mir zu.
„Bestimmt nicht“, flüsterte ich überglücklich lächelnd zurück. Von tausend Seiten hagelte es Blicke, Blicke, Blicke, die vor allem vergnügte Ungläubigkeit, aber auch bitterböse Enttäuschung und quietschgelben Neid … andeuteten.
Und ohne dass wir ihr Kommen bemerkt hätten, stand auch schon Adriana an unserem Tisch und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Sie schüttelte missbilligend den Kopf, aber um ihre dunklen Augen herum lag der Hauch eines ergebenen Lächelns.
„Shit, wo die Liebe hinfällt, sagt man doch, oder?“
Sergio hob schmunzelnd eine Braue.
„Was ist denn jetzt …?“, schimpfte sie und klopfte auf den Tisch. , „… wollen wir uns was zu essen holen, oder reicht euch Luft und Liebe? Also, mir nicht, ich sterbe vor Hunger!“
Sergio erhob sich von seinem Platz und umarmte sie wortlos. Adriana seufzte gefällig, und ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd.
An diesem Tag gingen Sergio und ich Hand in Hand aus der Mensa und waren wieder Gesprächsthema der ganzen Schule. Die spannende Frage in den Köpfen unserer Mitschüler lautete: Wie lange wird er mit ihr zusammen bleiben? Das Höchstgebot läge - so erfuhr ich von Adriana - sage und schreibe bei einer ganzen Woche! Sergio lachte nur darüber und küsste und neckte mich bei jeder Gelegenheit, die sich bot.
Nach Schulschluss mussten wir uns leider vorerst trennen, denn er hatte mit Luka einen Umzug für einen Freund zu erledigen. Wir kamen kaum voneinander los, ignorierten Pfiffe und Sprüche der Vorbeirauschenden und Adrianas ungeduldige Seufzer.
Die nächsten beiden Tage hingen wir in den Pausen zusammen, saßen mit Adriana in der Mensa an einem Tisch und redeten über Gott und die Welt, doch nach der Schule mussten wir uns wieder verabschieden, da Sergio diesmal für den bevorstehenden Kampf am Samstag einige Trainingsstunden absolvieren musste. Luka und ein weiterer, etwa dreißig Jahre alter, finster dreinblickender Typ, den ich noch nie gesehen hatte, holten ihn dafür in einem klapprigen, alten Mercedes ab. Auch wenn es mir schwer fiel, hatte ich natürlich Verständnis, dass das Training vorging. Der Gedanke an diesen Kampf erfüllte mich allerdings zunehmend mit Sorge, denn Jelena und Adriana hatten sehr erschrocken reagiert, als Sergio ihnen davon erzählt hatte.